Winter In kalten Farben ein Aquarell

Frost. Die Luft ist licht. Der reine Schnee glitzert – in der Nacht hat es ihn herangeweht.
Scharfe Windstoesse, gleich den letzten Kaempfern eines naechtlichen Schneesturms, wirbeln die flauschigen Flocken empor. Und es scheint: bleiche Geister des Winters wandern ueber das verschneite Feld bis hin zum erstarrten Fluss.
Der Fluss aber – der Braut des Fruehlings gleich – schlaeft in einem sargaehnlichen Eisgrab. Mit einem weichen Leichentuch hat ihn das Schneegestoeber heute Nacht zugedeckt. Nichts wird die tiefe Ruhe des Flusses vor der Zeit stoeren. Am anderen Ufer steht auf einer Anhoehe der dunkle Wald, als haette die Erde ihr graues Haupt mit einem schwarzen Trauertuch verhuellt.
Sanftmuetig ist der Winterwald. Nackt steht die kleine Birke da, sich ihrer Bloesse schaemend; laengst sind die Blaetter der Eiche abgefallen, und nur die windige Fichte hat sich fuer den Frost herausgeputzt, als warte sie sehnsuechtig auf den Braeutigam mit der Axt. Aus dem oeden Wald wird der Braeutigam die Schoene in ein warmes Haus tragen und sie fuer den Ball mit geisterhaftem Flitterwerk schmuecken.
Die Sonne stieg hoeher, der Wind legte sich ganz, der Wald begann sich mit Vogelstimmen zu fuellen. Da klopfte der Specht und schlug mit dem Schnabel den Rhythmus des Waldlebens; eine Kraehe kraechzte erkaeltet, eine Elster begann zu klagen – die stadtbekannte Waldklatschbase. Auf ihrem langen Schwanz brachte sie den Waldbewohnern eine beunruhigende Nachricht: Ein Mensch kommt.
Ueber dem Wald, ueber dem Feld, ueber dem schlafenden Fluss kreist ein Adler am kalten Himmel.
Frost. Die Luft ist licht.


Рецензии