Herbst Augenweide

Das einst feste, gediegene Gewand ist verschlissen und gealtert. Stellenweise hat der Rost an ihm genagt, es hat sich mit Flecken welker Vergilbung bedeckt, und nur Inseln der einstigen Pracht sind geblieben: Da gruenen Fichten und Kiefern saftig inmitten des allgemeinen Verfalls. Der Wald, durchsichtig werdend, verblasste.
Es war die milde, lichte Zeit des Abschieds von der Waerme, jene Zeit, die man den Altweibersommer nennt. Traurig und still ist die Natur in diesen Tagen. Der Tag ist glaenern, und der Wind, aus Furcht, den zerbrechlichen Zauber zu zerstoeren, bewegt kaum das fallende Laub. Im kuehlen blauen Himmel haengt eine gelbe Sonne, ermuedet davon, die Erde den Sommer ueber zu waermen.
Schraeg ueber das Himmelszelt zieht behaebig ein Kranichkeil. Dem Wald, dem Feld und dem Fluss klagen die Kraniche, dass ihre Adresse nun der tropische Sueden sei. Unter dem wehmuetigen Klagen der ziehenden Voegel faellt das Laub, langsam wirbelnd. Blaetter legen sich auf die Erde, auf die Erde, wie ein bunter Perserteppich. Blaetter legen sich auf das Wasser, auf das Wasser, und der kalte, helle Fluss traegt die winzigen Schiffchen in ferne Laender, wo ewiger Fruehling herrscht, wo Blaetter niemals sterben.
Doch jenseits des Flusses, auf dem Feld inmitten welker Graeser, bluehen die letzten Herbstblumen. Schmetterlinge flattern, unwissend um die kommende Kaelte. Und Bienen summen und sammeln Nektar, doch karg ist die Ernte an der Schwelle zum Regen. Ein paar Tage werden vergehen, ein feuchter Wind wird aufkommen, das Firmament mit einem grauen Schleier ueberziehen, und der Herbst wird bittere, kalte Traenen weinen.
Kurz ist der Altweibersommer.


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