Das letzte Stelldichein

„Ach, Lisa, wie wenig Sie mich doch verstehen. Wie kalt Ihr Blick ist, wie Sie die Stirn runzeln, heimlich seufzen und versuchen, Ihre Langeweile zu verbergen…
Leugnen Sie es nicht, wirklich. Erinnern Sie sich, wie wir an einem Sonntag mit dem Boot auf dem Fluss fuhren? Zuerst war es trocken und warm, doch dann zogen ploetzlich Wolken auf und der Regen setzte ein. Ueberall Wasser, wir mitten auf dem Fluss. Und Sie sassen frierend am Heck, unter Ihrem Schirm versteckt. Ich wollte Sie waermen. An jenem Tag schien mir…
Sie wissen es nicht mehr. Wie schade. Vielleicht habe ich mir das Boot, den Regen und den Schirm nur erdacht. Wissen Sie, mon cher, ich manchmal fliege. Ja, ja, lachen Sie nicht.
Nein, nicht im Traum, sondern hellwach.
Nicht hier, nicht in der Stadt, sondern auf dem Landgut meines Vaters. Solche Weiten gibt es dort. Manchmal tritt man auf einen Huegel hinaus, unten wogt das Korn, Pferde weiden am Wasser…
Sie glauben mir nicht, und es geschieht mir recht. Was fuer eine herrliche Zeit wir gerade haben. Warm wie im Sommer. Im Volk nennt man es…
Ganz recht, den Altweibersommer.
Was? Morgen ins Cinema? Ersparen Sie mir das, Lisa. Ich wollte es Ihnen nicht sagen. Ich reise ab. Mein Regiment…
Wann? Heute Nacht werden wir in die Waggons verladen. Doch ach, das ist alles nichtig. Nun denn. Leben Sie wohl.
– Warten Sie, Alexander. Ich werde Ihnen schreiben. Darf ich?
– Danke, Lisa.
– Kommen Sie zurueck. Versprechen Sie es. Ich werde warten, der Krieg dauert sicher nicht lange.
– Ich komme zurueck.“
Oktober 1914


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