Leben und Tod des Fluegels

Im Saal stand auf dem gelben Parkett ein alter Fluegel. Aus jener ersten Kohorte der dreisten Besieger der Cembalos. Jahrhunderte und Schicksale erklangen ueber seinem schwarzen Fluegel.
Ohne Fleck, ohne einen einzigen Kratzer auf den glaenzenden Seiten wurde er in der Fabrik Steingraeber und Soehne geboren. Der Fluegel hatte keine Zeit, sich selbst zu erkennen, als er in eine grobe Holzkiste eingeschlossen, von den Fuessen bis zu den Tasten mit raschelnden Spaenen ueberschuettet und Gott weiss wohin geschickt wurde.
Das Haus nahm ihn wohlwollend auf. Bis zu den aeussersten Grenzen erfuellten Melodien, geheimnisvolle, zauberhafte Klaenge das Haus. Das schuechterne Fluestern des Windes, das von der Wand abprallte, das schrille Knarren der Dielen, das leise Knistern des brennenden Holzes, das trommelnde Klopfen der Absaetze saugte der Fluegel in seine Saiten und weichen Haemmerchen auf. Am haeufigsten war ein undeutliches, harmonieloses Murmeln zu hoeren.
Das alte Haus, das in seinem Leben eine Invasion und zwei Braende ueberlebt hatte, oeffnete ihm das Gehoer fuer die Natur vieler Klaenge. Durch das Rascheln der Vorhaenge, das Schlagen der Tueren und das Seufzen des Kamins in einer stuermischen Nacht verriet es dem Fluegel, dass das Murmeln von Wesen ausging, die seinen inneren Inhalt ausmachten. Die menschliche Sprache – so nannte man den fliessenden Strom von Klaengen – unterteilt sich in Woerter, so wie eine Oktave in Noten unterteilt wird. Woerter oder Wortkombinationen tragen Bezeichnungen von Gegenstaenden oder Phaenomenen in sich. Woerter sind lebendig, nur ihr Leben ist kurz.
Der Fluegel begann, auf die Sprache zu achten und fand einen gewissen Reiz in den scharfen Dissonanzen ihres Aufbaus. Bald entdeckte er, dass jedes Wesen seine eigene Stimme hat, die eine Folge der Zeit ist, in der das Wesen auf die Welt kam, und jenes Unfassbaren, das die Wesen mit dem Wort «Geschlecht» bezeichneten.
Zwei Maedchen im gleichen Alter quaelten den Fluegel regelmaessig mit ungeschickten Versuchen, ihm etwas Aehnliches wie Musik zu entlocken. Die Maedchen wurden von ihrem Lehrer, Monsieur Legrange, immer wieder dazu angetrieben, eine musikalische Phrase zu wiederholen. Immer wieder spielten die Maedchen falsch oder kamen aus dem Takt.
Eines Tages beruehrte die Hand des Meisters die Tasten. Der Fluegel wusste nicht, dass so etwas moeglich war. Der Meister entzog ihm einen Klang von solcher Reinheit und Kraft, dass der Fluegel leibhaftig eine bluehende Wiese sah, die bis zum Rand in Sonne getaucht war, den schweren Flug einer ernsten Hummel und in der Ferne – den dunklen Kamm des Waldes. «Musik ist die Sprache der himmlischen Sphaeren», sagte Monsieur Legrange oft zu seinen Schuelerinnen. Erst jetzt erkannte der Fluegel die ganze Einfachheit und Wahrheit der lebendigen Woerter.
Die Maedchen wuchsen auf. Nachdem sie leidlich gelernt hatten, einige einfache Melodien hervorzuziehen, verschwanden sie aus dem Leben des Fluegels. Monsieur Legrange ging, und der Fluegel liess sich auf der Buehne eines Theaters nieder. Er spielte mit einem Orchester. Indem sie Werke Grosser Meister auffuehrten, entzogen sie gemeinsam dem Vergessen helle Bilder, in denen ein Riesenvolk herrschte, ein weises, guetiges, edles Volk. Die Musik versprach, dass die Zeit kommen wuerde, wenn der Riese in all seiner Pracht auf der historischen Buehne erscheinen wuerde.
Die Zeit kam. Der Riese erschien auf der Buehne. Er erschien mit dem Stampfen schwerer Stiefel, mit Maschinengewehrsalven, mit verachtlichem Pfeifen im Zuschauerraum. Die Harmonie der alten Welt wurde auf den Muell geworfen. Aus dem Orchestergraben verschwanden Geigen und Kontrabaesse, Trompeten und Pauken, und auf die Buehne kroch eine vulgaere Harmonika. Mit heiserer Stimme erzaehlte sie dem goehlenden Zuschauerraum einfache Geschichten ueber Aepfelchen, ueber wohlhabende Damen und dickbaeuchige Bourgeois, die vom proletarischen Bajonett durchbohrt wurden. Der Fluegel ertrug die aufdringliche Gegenwart der Harmonika und spielte ihr sogar zu, wohl wissend, dass die neue Zeit neue Melodien verlangte. Es musste die Musik der eisenzahnigen Matrosen, der Mauser-Pistolen und der staubigen Helme geboren werden.
Und die Musik wurde in den Werken des Grossen Meisters geboren. Der Fluegel erschauderte und stiess eine schreckliche Welt aus sich heraus, in der die kalte Idee herrscht und Angst und Feigheit, Gemeinheit und Verrat hervorbringt. In dieser Welt ist es so schwer zu leben, in dieser Welt ist es so leicht zu sterben.
Der Fluegel merkte nicht wann, aber die Sitten begannen sich zu mildern. Auf den Ausbruch von Hoffnung und Enthusiasmus folgte ein langer Niedergang von Enttaeuschung und Schwermut. Es herrschte Moll vor, das an die hysterische Sehnsucht des vorstuermischen Silbernen Zeitalters erinnerte. Die Enttaeuschung ueber die Idee endete unweigerlich in einem Jahrhundert seelenloser Unfruchtbarkeit.
Das Theater ging pleite. Das Publikum, beschaeftigt mit dem blossen Ueberleben im kalten Chaos der neuen Revolution, fuellte den Zuschauerraum nicht mehr. Im Theater liess sich eine schallende Stille nieder, unertraeglich fuer das Gehoer des Fluegels.
Von einer Auktion zog der Fluegel in ein neues grosses Haus um, schweigsam und gleichgueltig gegenueber allem auf der Welt. In dieser Behausung wurde der Fluegel auf das Niveau klangloser Moebel herabgestuft. Jahre vergingen, aber niemand oeffnete den Deckel, niemand stimmte die Saiten, niemand beruehrte die Tasten. Allmaehlich versank der Fluegel fast im Nichts und wurde durch ein aeusserst unangenehmes Ereignis daraus hervorgeholt.
Auf seinen lackierten Fluegel kletterten zwei menschliche Wesen. Der Fluegel knarrte, ein menschliches Wesen stoehnte und kreischte gellend, das andere – stossweise seufzend und grunting. Es schien, als wuerde diese Kakophonie kein Ende nehmen. Aber das Ende kam.
– Du knarrst, blja, – das maennliche Wesen klopfte herrisch mit einer kurzfingrigen Pfote auf den Deckel des Fluegels, – man muesste dich… anstreichen, oder so.
– Zu wem sprichst du? – fragte das weibliche Wesen.
– Nicht zu dir, blja, – ruelpste das maennliche Wesen, – zum Pianino spreche ich.
– Du bist ganz verrueckt geworden vor Kohle, Seryj. Sprichst mit Sachen.
– Maul halten, Suchara.
Nach dieser Schaendung beschloss der Fluegel zu sterben. Es ist jedoch nicht so einfach fuer einen Fluegel, mit dem Leben zu brechen, ohne Beine zu haben, um zum Fluss zu gehen und zu ertrinken, ohne Haende, um ein Seil an einen Haken zu haengen, ohne einen Hals, um ihn in eine Schlinge zu stecken. Nach reiflicher Ueberlegung beschloss der Fluegel, dass er technisch tot sein wuerde, wenn es ihm gelaenge, seine Saiten zu reissen.
Fuer den Selbstmord waehlte der Fluegel eine stuermische Nacht, als der Wind ihm ein Grablied heulte. Die erste, dickste Saite war schwer. Sie riss mit einem bassigen Knall. Die anderen gingen leichter. Mit dem Klang der letzten Saite erlosch das Bewusstsein des Fluegels.
Im Saal stand auf dem gelben Parkett ein toter Fluegel. Sein Tod blieb unverstanden und unbemerkt, denn keine Menschenhand beruehrte seine Tasten. Nur das Dienstmaedchen wischte gelegentlich mit einem weichen Tuch den Staub vom toten schwarzen Koerper ab.


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