Es war einmal ein Zar
Eines Tages rief der Zar den Premier-Bojaren zu sich in den Weissen Terem, er rief ihn zu kaiserlichem Wort und Werk. Dieser warf sich am Fusse des Throns nieder und haette mit seiner kupfernen Stirn beinahe die graunite Staatsplatte gespalten. Der Premier-Bojar kreischte:
– Lass mich nicht hinrichten, Vater Zar, lass Gnade walten. Alles werde ich geben, alles werde ich erzaehlen, schlag mir nur nicht den Kopf von den Schultern.
Der Zar wunderte sich.
-- Warum br;llst du so, Michajlo Potapytsch, wie ein Beluga-Wal, warum kriechst du wie ein Wurm und verbreitest hier Schmutz und Unsauberkeit. Hast du etwa schon wieder den Livlaendern einen Wagen voll Gas am Staatshaushalt vorbei verkauft? Nicht deswegen habe ich dich gerufen.
Der Premier-Bojar erhob sich von den Knien, schuettelte den Staub von seinem Brokatkaftan und sprach ein fragendes Wort:
-- Aber warum hast du mich gerufen, Zar und Gebieter?
Schwer seufzte der Zar ob der Last der Staatsgeschaefte.
-- Ich habe keinen rechtmaessigen Erben. Wem, Potapytsch, soll ich das Reich hinterlassen?
Der Premier-Bojar blickte finster drein wie ein Schlangenfalke:
-- Hinterlass es doch mir, Vater Zar. Was fehlt mir schon, woran mangelt es mir? Im Handel kenne ich mich aus, und Balalaika spielen kann ich auch.
Der Zar runzelte die Stirn ob der schaendlichen Worte:
-- Die Peitsche weint nach dir, Michajlo Potapytsch, mit bitteren Traenen vergiesst sie sich. Sprich zur Sache und erzaehle keine Maerchen. Im Maerchenerzaehlen bin ich selbst ein Meister.
Der Premier-Bojar gruebelte ein Weilchen, hustete dreimal in die Faust:
-- Es gibt drei Moeglichkeiten, Gebieter.
-- So.
-- Erstens: Rufe das Maedchen Marfa, die kunstfertige Hexe.
Der Zar bog den kleinen Finger um.
-- Eins.
-- Zweitens: Schicke die Muetterchen Zarin zum Schmied zum Umschmieden.
Der Zar beugte den Ringfinger.
-- Eineinhalb. Ich muss dir bemerken, diese Idee behagt mir nicht.
-- Warum denn! Der Schmied hat neulich das Zauberschwert Kladenez geschmiedet, und gestern hat er die gierigen Livlaender beschaemt – er hat einen Floh beschlagen. H;pf und Sprung macht der Floh, klapp und klapp mit den Hufeisen – zum Totlachen. Sollte er bei all seinen Talenten die Zarin nicht wieder hinkriegen?
Der Zar bog den Ringfinger ganz zur Handflaeche.
-- Abgemacht. Es soll nach deinem Willen geschehen. Zwei.
-- Drittens: Rufe Wanjka den Narren vor deine lichten Augen, den tapferen Schuetzen. Und schicke ihn weit fort dorthin, ich weiss selbst nicht wohin.
Der Zar bog den Zeigefinger um.
-- Drei.
Der Zar blickte auf die drei gebeugten Finger.
-- Ist das alles?
-- Scheint alles zu sein, Vater Zar.
-- Geh, Premier-Bojar, und rufe das Maedchen Marfa.
Ob es lange dauerte oder kurz, jedenfalls erschien vor dem Zaren Marfa die Kunstfertige – ein armseliges Gewand. Sie war von geringem Wuchs, im Antlitz gar haesslich, das Haar ein wenig grau.
Und der Zar sprach drohend zu ihr:
-- Einen Sohn will ich!
Marfa erschrak.
-- Aber ich bin doch unfruchtbar.
Noch finsterer als zuvor blickte der Zar. Noch mehr als zuvor erschrak Marfa.
-- Du Naerrin.
-- Ganz recht, eine Naerrin bin ich, Vater Zar.
Sie selbst aber zitterte am ganzen Leibe, sie bebte wie ein herbstliches Blatt.
-- Einen rechtmaessigen Erben will ich, von Muetterchen Zarin begehre ich ihn. Damit kein Floh, werter Potapytsch, es wage, auf dem Thron mit beschlagenen Stiefeln herumzuspringen.
Marfa wurde nachdenklich.
-- Nach dem Gesetz, Zar und Gebieter, wird es schwer sein. Jene Gesetze, die physischen, die sind ja auch in Tmu-Tarakan physisch.
-- Und wenn nicht nach dem Gesetz?
Marfa die Kunstfertige spie einen brennenden Rotz auf den sauberen Boden, verrieb den Rotz mit ihrem schmutzigen Bastschuh und schlug die Haende zusammen.
-- Das laesst sich machen. Ich werde Muetterchen Zarin einen grossen Bauch anhexen. Und wenn die Zeit der Niederkunft kommt, werde ich sie einschlaefern, den Wanst mit einer Stricknadel durchstechen, und das ganze Gas wird entweichen. Und dazu noch verschiedene andere Weibereien. Davon musst du, Vater Zar, nichts wissen. Ein Neugeborenes werde ich irgendwo stehlen und es Muetterchen Zarin in die Wiege schmuggeln. Alles werde ich sauber erledigen. Kein Haar wird gekruemmt werden.
Nun wurde der Zar nachdenklich. Er waegte das Versprechen der Hexe hin und her ab.
-- Geh, Hexe. Aber entferne dich nicht weit vom Terem. Wenn ich dich brauche, werde ich rufen.
Marfa verbeugte sich tief, warf dem Vaeterchen einen boesen Blick zu und wich rueckwaerts aus dem Gemach des Zaren.
Der Zar aber rief k;hn:
-- He, ihr tapferen Schuetzen, bringt mir den Schmied her!
Ploetzlich stand der Schmied vor dem Zaren. Gross wie eine Eiche, breit in den Schultern, mit dichten Brauen und niedriger Stirn. Ein Recke, wie er im Buche steht. Eine Augenweide. Dem Reich ein Stolz, den finsteren Fremden eine Truebsal. Mild blickte der Zar ihn an.
-- Wie ist dein Name, wie nennt man dich, braver Juengling?
-- Schmied, Euer Hochwohlgeboren.
-- Hm, hm. Schmied, guter Mann, – das ist dein Handwerk, ich aber frage dich nach deinem Namen. Wie nennt man dich, Recke?
-- Schmied, Eure Hoheit.
-- Hm, hm. Bist du zufaellig ein Idiot? Hat deine Mutter dich als Kind mit dem Koepfchen auf den Amboss fallen lassen?
-- Keineswegs, Eure Herrlichkeit. Nicht aufgefallen, nicht beteiligt, nicht vorbestraft.
Der Zar stiess einen schweren Seufzer unter der Last der Regierungsgeschaefte aus.
-- Geh in Frieden, namenloser Schmied, schmiede eine Kakerlake oder irgendein anderes Viehzeug. Geh, bevor ich zornig werde.
Der Schmied blinzelt mit den Augen und weiss nicht, wie er sich verhalten soll: sich verneigen und gehen oder gehen und sich verneigen. Der Zar aber zuernt schon.
-- He, irgendwer von der Leibwache, schafft mir den Schmied aus meinen zaerischen Augen.
Zwei Recken packten den Schmied unter den starken Armen und schleiften ihn am Boden aus dem Terem hinaus.
Dreimal klatschte der Zar in seine weissen Haendchen, und vor ihm stand, wie das Ross vor dem Grase, der Premier-Bojar.
-- Bring mir von mir aus Iwan den Narren, den tapferen Schuetzen. Doch ich muss dich warnen: Sollte es auch mit ihm ein Misserfolg werden, wirst du im Stall mit Peitschen hiebe bekommen.
Der Premier-Bojar zitterte mit seinen schnellen Beinen, seinen gierigen Haenden und seinem fetten Leib. Doch er fing sich und sprach:
-- Wir suchen schon, Vater Zar.
Der Zar war sprachlos.
-- Was heisst das -- wir suchen?
-- Offenbar hat er von unserer Verschwoerung Wind bekommen und ist dorthin gegangen, ich weiss nicht wohin.
-- Das heisst also, ich habe ihm noch nicht befohlen, an einen Ort zu gehen, ich weiss nicht wohin, und er ist schon dorthin aufgebrochen.
Der Premier-Bojar zuckte die Achseln.
-- So ungefaehr, Zar und Gebieter.
-- Ach, ach, ach! Was fuer ein Volk. Mach die Peitsche bereit.
Der Premier-Bojar flehte:
-- Lass mich nicht umkommen, Vater Zar! Verschone mich!
-- Halt die Klappe, Michajlo Potapytsch. Bin ich der Zar oder nicht? Auf in den Stall. Zuerst werde ich dich auspeitschen, dann die beiden Maedchen.
Der Zar erhob sich vom Thron. Er sah furchterregend aus, wie eine Gewitterwolke. In der einen Hand hielt er die Peitsche mit den sieben Riemen, in der anderen das Reichszepter. Er trat einen Schritt, noch einen, und da, zur Freude des Premier-Bojaren, rannte ein Bote herein. Er war von Kopf bis Fuss mit Staub, Schmutz und Pferdemist bedeckt. Der Bote fiel dem Zaren zu Fuessen.
-- Lass mich nicht hinrichten, Vater Zar, lass mich sprechen.
Der Zar wollte den Boten schon mit der siebenriemigen Peitsche schlagen, aber er ueberlegte es sich anders.
-- Was ist dein Begehr, braver Juengling?
-- Ein grosses Unglueck ist geschehen, Vater Zar. Der Unglaeubige ist gegen uns in den Krieg gezogen.
Der Zar blickte den Premier-Bojaren an.
-- Glueck gehabt, Michajlo Potapytsch, dieses Mal. Spaeter werde ich dich auspeitschen, aber jetzt befiehl der Leibwache, die Schwerter zu schaerfen und die Pferde zu satteln. Morgen frueh ziehen wir aus, um den Unglaeubigen zu bekaempfen.
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