Ein Neger mit Gazelle

Die Dinosaurier sind nicht ausgestorben,
sondern haben sich in weisse Kraniche verwandelt.


"Den ganzen Oktober regnete es. Mal schuechtern und leise wie Maedchenkummer, mal banditenhaft ungestuem: mit pfeifendem Wind in den Leitungen, Schirme reissend aus den Haenden seltener Passanten, mit krachenden Zweigen. Die Petersburger Erde war nass bis zum Magma selbst und wollte keine Feuchtigkeit mehr aufsaugen. Die frostigen Strassen standen verlassen da. Aufgeplusterte Haeuser blickten finster auf die matten Lichter der Laternen, die in zahllosen Pfuetzen erzitterten.
Und genau zu dieser Zeit, wenn ein guter Herr keinen Hund vor die Tuer jagt, dr;ngte es mich, mein Versteck zu verlassen, denn alle Vorraete waren aufgebraucht, und Glafira, meine Koechin, war zu den Bruederchen gegangen, um die Weltrevolution zu vollenden."

Petrowitsch leerte mit ein paar kraeftigen Schlucken die Haelfte des Becherinhalts. Waerend er sich den Schaum von den Lippen wischte, schuettelte es ihn vor Ekel.
– Wie koennt ihr nur solches Zeug trinken! Bier, meine Herren, muss bitter sein, nicht sauer.
– Na, du Alter legst ja los, – beleidigt wegen des Bieres meldete sich Waska Dryn, – man hat es dir hingestellt, und du ruempfst noch die Nase. Trink schweigend und unterhalte uns mit Geschichten.
– Spiel, du Hund, und singe, bis man dich erwuergt, – sang Igor Komissarow mit der Bassstimme eines Opernsaengers. – Komm, Waska, holen wir noch ein Bierchen, – wandte er sich an Dryn und stellte den leeren Becher auf den Tisch.
– Und dir, Petrowitsch, – Dryn drohte mit dem Finger, – bringen wir keinen Furz mehr mit, fuer deine schaendlichen Reden.
– Soll ich euch helfen? – Malzew zuckte auf, um ihnen zu folgen.
– Bleib hier, Malek, – erlaubte Komissarow gnaedig, – pass auf die Tasche und auf Petrowitsch auf.
– Und weiter, – Malzew stuetze sich auf den Tisch und bereitete sich darauf vor, Petrowitsch zuzuhoeren, – was geschah weiter?
– Wo bin ich stehengeblieben?
– Dabei, wie Glafira zu den Bruederchen ging.

Hinter der Glaswand heulte der Wind, grosse Schneeflocken wirbelten im Schein der Laterne wie die rastlosen Seelen von Suendern umher, doch in der "Grube" war es warm und gemuetlich. Die Bierstube summte in einem gleichmaessigen Ton, wie ein Bienenstock nach einem arbeitsreichen Tag. Am Nachbartisch diskutierten vier Jungs hitzig ueber die Aussichten, "Spartak in den Hintern zu treten", dem in der naechsten Saison – "das versteht doch jeder Gaul" – die Schiedsrichter helfen wuerden. Der blaeuliche Zigarettenrauch verbarg barmherzig die jaemmerliche Decke und schuf die Illusion, sich in einer Wolke des sowjetischen Paradieses zu befinden. Die Deckenleuchten strahlten durch den Tabakdunst verschwommen wie eine unerreichbare kommunistische Idee.

– Die Stadt war menschenleer, still und beunruhigend. Gelegentlich knallte es. Hier und da waren vereinzelte Gewehrschuesse zu hoeren. Das waren die Bratiski (Bruederchen), die das Geraubte raubten. Das Matrosenpack war kokainsuechtig geworden. Im Durcheinander des letzten Jahres hatte niemand bemerkt, wie das geschah. Es gab Geruechte, dass deutsche Agenten, getarnt als lettische Schuetzen, dazu beigetragen hatten. Manche deuteten auf die Sozialrevolutionaere, aber ich denke, dass sie vor langer Langeweile von selbst zu den Drogen fanden. Noch befriedigte die Stadt mit relativ geringen Opfern die schaedliche Gier der bis an die Zaehne bewaffneten Bratiski-Brigaden. Doch mir graut bei dem Gedanken, was passieren wird, wenn die Lieferungen auch nur geringfuegig stocken.
Ich versuchte, mich von offenen Plaetzen fernzuhalten und schlich durch dunkle Gassen und Hoefe. Nur aus Notwendigkeit ueberquerte ich den Rand des Schlossplatzes. Wie er sich seit dem Sommer veraendert hatte! Ueberall brannten Lagerfeuer. Um sie herum waermten sich froehliche Gruppen von Revolutionssoldaten und Matrosen. Zwischen den Feuern irrten betrunkene Walkueren der Revolution umher. Einige trugen knisterndes schwarzes Leder, andere Pelze von fremden Schultern. Mir war, als haette ich unter ihnen meine Glafira erkannt. Alles zusammen erinnerte an ein Dorffest mit Besaeufnissen bis zur Besinnungslosigkeit, mit wilden Taenzen um das Feuer und einer unvermeidlichen blutigen Schlaegerei am Ende.
Das Winterpalais stand dunkel und schutzlos vor dem tosenden Menschenmeer vor seinen Toren. Nur in den Fenstern des zweiten Stocks brannte mattes elektrisches Licht. Dort tagte die Uebergangsregierung. Wahrscheinlich begriffen alle in der Hauptstadt, dass ihre Tage gezaehlt waren. Die mit solchem Enthusiasmus begonnenen demokratischen Umgestaltungen endeten in einer Katastrophe. Der aus der Flasche gelassene blutruestige Dschinn verschlang seinen Herrn. Die Frage war nur – wer wird die Nachfolge antreten: ein Diktator wie Napoleon, der die alten kaiserlichen Institutionen wiederherstellt, oder eine Bande von Robespierres.

– Wie heissen Sie? – fragte Malzew und wurde verlegen. – Ich wollte fragen, aus welcher Sicht Sie die Geschichte erzaehlen.
– Serebrjakow, Wadim Weniaminowitsch, – Petrowitsch nickte energisch mit dem Kopf, – Privatdozent, obwohl, – Petrowitsch laechelte bitter, – wen interessiert das heute noch.
Etwas Unfassbares veraenderte sich in seinem Gesicht. Ein Schleier legte sich ueber seine Augen. Er griff fieberhaft nach dem Becher und leerte ihn bis auf den Grund.
– Es ist notwendig, einen gewissen Prozentsatz an Alkohol im Blut zu halten, – erklaerte Petrowitsch sein Handeln, – sonst kommt er nach draussen.
Bei diesen Worten ueberlief es Malzew kalt, und er zog es vor, sie fuer betrunkenes Gefasel zu halten.

– Indessen, – fuhr Petrowitsch fort, – hatte der Regen fast aufgehoert. Vom Newa-Ufer her kroch Nebel auf die Stadt. Ich schlug mich zur Wassiljewski-Insel durch. Geruechten zufolge funktionierten dort noch einige Restaurants. Ich hoffte, in einem davon fuer ein paar Goldstuecke zu Abend zu essen, zu fruehstuecken und gleichzeitig zu Mittag zu essen. In der Naehe der Bruecke traf ich einen alten Bekannten, meinen Studienfreund Graf Wolobujew. Er erschreckte mich, als er direkt vor meiner Nase hinter einer Litfasssaeule hervortrat.
– Serge! – rief ich unwillkuerlich lauter aus, als mir lieb war. – Was machen Sie hier!

Unterdessen kehrten Komissarow und Dryn mit sechs Bechern Bier zurueck.
– Das Leben kommt in Ordnung, – sagte Igor und stellte die feuchten Becher auf den runden Aluminiumtisch.
– Aber rasant, – stimmte Dryn zu, – und da ist auch unser Fleisch.
Baba Dusja, ein Wesen ohne bestimmtes Geschlecht oder Alter, trug eine schwere Pfanne herbei.
– Platz da!
Dryn und Komissarow machten den Weg frei.
– Raeumt die Mitte leer, ihr Teufel.
Baba Dusja platzierte die Pfanne auf dem freien Territorium. Die Bierbecher am Rand sahen aus wie die Bluetenblaetter einer Kamille, und im Bluetenstand dampften gelbe Zwiebeln, beschmiert mit Tomatensosse; Fleischbrocken ragten empor und verstroemten jenem betoerenden Duft, der nur in der "Grube" moeglich war. Die Landschaft wurde etwas durch einen apart stehenden Teller mit einem Berg Weissbrot gestoert, aber auch diesen konnte man sich mit viel Fantasie als ein gelbes, vertrocknetes Blatt vorstellen, das von der Bluete abgefallen war.
– Baba Dusja, – flehte Dryn, – wir braeuchten Glaeser.
– Mitbringen und Trinken ist nicht gestattet, – antwortete die unerbittliche Baba Dusja streng.
An allen Tischen, soweit das Auge durch den Tabaknebel blicken konnte, trank man unstatthaften Wein und Wodka aus geschmuggelten Glaesern.
– Und dafuer, – fuegte Komissarow zaertlich hinzu, – geben wir einen ganzen Rubel.
Er drueckte einen zerknitterten Rubel in das duerren, schmutzigen Faeustchen, und dieser loeste sich vor den Augen des staunenden Malzew auf, als haette er nie existiert.
– Wie viele seid ihr, – erbarmte sich Baba Dusja, – vier, – sie blickte zweifelnd auf Petrowitsch, – oder drei.
– Wir sind drei, – nickte Dryn. – Zu viel gegeben, – brummte er, als Baba Dusja sich entfernte, – ein Fuenfziger haette gereicht.
– Sei kein Geizhals, Dryn, – lachte Komissarow und legte den Arm um Waskas Schulter, – wir lassen es krachen. Wann sonst, wenn nicht am Stipendiumstag. Morgen werden wir sparen.
Noch bevor Komissarow sein Lied zum Lob des Stipendiums zu Ende gesungen hatte, erschien Baba Dusja mit drei Facettenglaesern auf einem Tablett am Tisch.
– Guten Appetit, – kr;chzte sie heiser, wahrscheinlich um das fuer sie zu luxurioese Trinkgeld abzuarbeiten, – macht nur eins: Betrinkt euch nicht zu sehr. Der Frost wird zur Nacht hin staerker.
– Der Schwachsinn wird staerker, – bemerkte Dryn grob, – geh schon, geh, Baba Dusja, wir kommen ohne dich klar.
– Hol ihn raus! – befahl Komissarow in jenem unanfechtbaren Ton, den er waehrend seines Grundwehrdienstes gelernt hatte.
Dryn wuehlte in der Sporttasche, die zwischen Malzews Fuessen stand, und zog aus ihren Tiefen eine Flasche Stolitschnaja-Wodka hervor.
– Da ist sie, unsere einzige Freundin, – er streichelte liebevoll den sanften Uebergang vom Glashals zum Glaskoerper, – unser Trost, unsere Koenigin.
– Hoer auf zu quatschen, – unterbrach ihn Komissarow, – schlag ihr den Kopf ab.
– Du bist grob, Igor Jurjewitsch, – seufzte Dryn, – in dir steckt keine Romantik.
Bei diesen Worten riss Dryn geschickt die "Beskosyrka" (die Blechkappe) von der Flasche. Sobald der Geruch von Spiritus Petrowitschs Nasenloecher erreichte, vollzog sich eine erstaunliche Metamorphose mit ihm. Er wurde schwerfaellig, seine Gesichtszuege zerflossen, ein trueber Schleier legte sich ueber seine Augen. Er wurde irgendwie schlagartig betrunken.
– Meine treuen Herzchen, – kreischte er im Falsett und blickte Dryn und Komissarow mit h;ndischer Ergebenheit an, – Brueder in Christus! Rettet eine leidende Seele, lasst mich nicht in einer Toreinfahrt krepieren wie einen herrenlosen Hund! Schenkt mir hundert Gramm ein! – Petrowitsch versuchte, seinen leeren Becher zu den drei Glaesern zu stellen, – am besten einhundertfuenfzig, – schloss er traeumerisch.
– Einen Scheissdreck kriegst du, – Dryn schob den Becher entschlossen weg, – du wirst unser Bier nicht noch einmal schlechtmachen.
Petrowitsch war fassungslos, und ploetzlich blickte er Malzew durchdringend und vollkommen nuechtern an.
– Schenk ihm ein, – sagte er leise, – sonst kann ich meine Erzaehlung nicht beenden.
Malzew goss zwei Drittel seines Anteils in Petrowitschs Becher.
– Du bist ja so guetig, – Dryn schuettelte missbilligend den Kopf, – genau wie dieser Christus.
– Und ein Schluck Bier dazu! – kreischte Petrowitsch betrunken, – Wodka ohne Bier ist wie eine Hochzeit ohne Ziehharmonika.
Malzew goss Petrowitsch "auch ein Schluck Bier" ein.
Petrowitsch griff gierig nach dem Henkel, doch die schnelle Bewegung des Bechers zum offenen Mund wurde durch Komissarows Zeigefinger gestoppt, der sich auf den Rand des Bechers legte.
– Petrowitsch, – sagte er streng, – wenn du dich an der Pfanne vergreifst, kriegst du eins in die Fresse, ohne Umwege.
– Hundertpro, – bestaetigte Dryn das Urteil, – frag gar nicht erst nach. Verstanden, oder was?!
– Ich hab’s verstanden, ich hab’s verstanden, – stammelte Petrowitsch erschrocken, – ich will sowieso nichts mampfen.
Komissarow nahm den Finger weg, und Petrowitsch saugte sich an dem Bier-Wodka-Cocktail fest, der im Volk unter dem Namen "Ersh" bekannt war.
– Also, meine treuen Herzchen, – hob Komissarow sein Glas, – auf dass es uns gut gehe.
– Und dass er steht, – piepste Malek.
– Weg damit, – sagte Dryn.
Man stiess an. Trank aus. Seufzte kr;ftig. Roch zur Neutralisierung am Brot. Attackierte gemeinsam die Pfanne.
– Durch die wilden Steppen von Transbaikalien, wo man Gold in den Bergen graebt, – begann Petrowitsch ploetzlich mit starker und reiner Stimme zu singen. Der Saal wurde still und lauschte der schlichten Geschichte des entflohenen Straeflings, – ... nimmt er das Fischerboot.
Beim "Boot" brach Petrowitsch ein. Sein Kopf sank kraftlos auf die Brust.
– Ende Gelaende, – sagte Dryn und nahm einen Schluck Bier, – der macht keinen Mucks mehr.
Doch Petrowitsch hob den Kopf, als haette er die letzte Bemerkung gehoert.
– Wer ist jetzt der Herrscher? – fragte er.
Komissarow verschluckte sich am Bier.
– Du bist ja ein Idiot! Das sollte man wissen. Der Generalsekretaer Leonid Iljitsch Breschnew.
– Hoechstpersoenlich, – fuegte Dryn hinzu und tunkte sein Brot in den roten Sossenbrei.
– Und welches Jahr haben wir heute?
– Man sollte unter den Pennern, – Komissarow wandte sich an Dryn, – die komsomolisch-erzieherische Arbeit organisieren. Was meinen Sie, Wassilij Antonowitsch?
Wassilij Antonowitsch Dryn r;ckte sich mit dem Zeigefinger nachlaessig eine nicht vorhandene Brille auf der Nase zurecht.
– Schon lange notwendig, Igor Nikolajewitsch. Sie sind total verwahrlost, verstehen Sie.
– Das dritte Jahr des Fuenfjahrplans, – sagte Igor Nikolajewitsch, – schreib dir das hinter die Ohren, du Penner.
– Das entscheidende Jahr, – sprach Wassilij Antonowitsch im Ton eines Mentors fuer unverstaendige Pioniere.
Und die Freunde lachten.
– Wir haben jetzt das Jahr neunzehnhundertzweiundachtzig, – sagte Malzew, dachte eine Sekunde nach und fuegte sicherheitshalber hinzu: – unserer Zeitrechnung.
– Und was wurde aus dem Kaiser? – Petrowitsch sah Malzew an.
– Was fuer ein Kaiser denn noch? – wunderte sich Dryn.
– Nikolaus.
– Na, man hat ihn achtzehn erschossen, – antwortete Komissarow und zuendete sich eine Zigarette an.
– Ne, neunzehn, – korrigierte Dryn, – gib mir mal ein Streichholz.
Komissarow schuettelte die Schachtel und pruefte mechanisch, ob Streichhoelzer darin waren. Er reichte sie Dryn.
– Wenn du es nicht weisst, misch dich nicht ein. Man sagt dir doch: achtzehn.
– Warum nur, – stoehnte Petrowitsch und wiegte sich von einer Seite zur anderen, wie bei Zahnschmerzen, – er hat doch freiwillig abgedankt, er hat niemanden gestoert.
Malzew schaemte sich, als haette er selbst den Kaiser, die Kaiserin, die Grossfuerstinnen und den Grossfuersten im Keller des Ipatjew-Hauses erschossen.
– Wahrscheinlich hatten sie Angst vor einer Restauration, – sagte er und rechtfertigte damit das Vorgehen der Komissare.
– Schau an, wie er mitleidet, – Dryn stiess einen duennen Rauchstrahl zur Decke aus, – ist er wohl mit dir verwandt, oder was?
Petrowitsch antwortete nicht. Er versank erneut in seiner Geistesabwesenheit.

– Erzaehlt mir bloss nichts von Protassow und Litowtschenko, – mischte sich Dryn unerwartet in das traege Gespraech am Nachbartisch ein. – Allein Taran ist etwas wert, und selbst er ist, ehrlich gesagt, Schrott. Mit welchem Kader wollt ihr denn in den Krieg ziehen, Bruederchen?
Die Liebe zu "Spartak" hatte Dryn in der Armee entdeckt. Doch in der "Grube", diesem Bollwerk des lokalen Patriotismus, brauchte es grossen Mut, Sympathie fuer den Hauptrivalen der Stadtmannschaft zu zeigen. An Mut und Tapferkeit mangelte es Dryn nicht. Hatte er nicht zwei Jahre lang mit aufgepflanztem Bajonett den "Haupttoten der Macht" bewacht, "damit der Vampir nicht aufsteht"? Hatte Komissarow ihn nicht respektvoll "Dryn vom Kreml" genannt?
– Was ist los, Typ, – reagierte sofort ein hellhaariger Juengling mit dem Gesicht eines Komsomol-Plakathelden, – hast du lange nicht mehr eins auf die Hoerner bekommen? Wir regeln das sofort.
– Nein, lasst uns das in Ruhe klaeren.
Dryn dr;ngte sich furchtlos mit seinem Bierbecher in das Rudel der Fussballfeinde. Komissarow spannte sich an und hielt den Griff seines Bechers fester. Er drehte sich halb zu den Nachbarn um und waegte bereits ab: Wem verpasst er den Becher, wem die Faust. Gewalt war jedoch nicht noetig.
– Die Mannschaft wird Meister, und was dann? – Dryn nutzte die Verwirrung und beantwortete seine eigene Frage: – Dann kommen die europaeischen Pokale. Aber sind wir bereit? Die Stadt ist gesperrt, es gibt kein vernuenftiges Spielfeld. Und so kommen wir zum Ergebnis: ein totaler Arsch.
Am Tisch schrien alle gleichzeitig durcheinander und stimmten der tiefgruendigen Analyse der Lage zu – ein Arsch bleibt ein Arsch, selbst in Afrika. Komissarow entspannte sich, rueckte an den Nachbartisch und schaltete sich aktiv in die Fussballdebatte auf der Ebene des Arsches ein.
Waehrend all dieser spannungsgeladenen Ereignisse verpasste Malzew den Moment, in dem Petrowitsch wieder zu Bewusstsein kam. Er sah Malzew mit klarem Blick an.
– Er ist erst siebenunddreissig Jahre alt.
– Wer? – Malzew verstand nicht.
– Petrowitsch. Michail Petrowitsch. Er ist ein ungluecklicher Mensch und kein „Tschmo“. Ich weiss nicht, was dieses Wort bedeutet, aber ich spuere darin eine Herabsetzung der Ehre.
Malzew zuckte mit den Schultern.
– Ich weiss es auch nicht.
Komissarow kehrte zurueck, um die Tasche zu holen.
– Ordentliche Jungs, – sagte er zu Malzew, – alle vom Metallurgischen Institut. Also pass auf, wir steuern zwei Flaschen Wodka bei, sie antworten mit vier Flaschen Wein. Und Bier, versteht sich von selbst. Scheint in Ordnung zu sein. Komm rueber in die Runde, Malek. Hier hast du nichts zu suchen.
– Was ist ein „Tschmo“? – fragte Petrowitsch Komissarow.
Igor sah Petrowitsch an, und etwas gefiel ihm ganz und gar nicht.
– Weisst du was, Petrowitsch, – sagte er mit jener charakteristischen Traegheit, die eine Schlaegerei ankuendigt, – geh doch einfach zum Teufel.
Kalte Wut spiegelte sich in den Augen des Landstreichers Petrowitsch wider. „Jetzt geht’s los“, – h;mmerte Malzews Herz, – „Komissar wird ihm doch noch die Fresse polieren.“ Die Lage wurde durch Dryn gerettet.
– Komissar, wo bleibst du denn, – rief er, – mach mal schneller.
– Na gut, Petrowitsch, – sprach Komissarow einen Ton leiser, – eigentlich sollte man es dir ordentlich heimzahlen, aber ich will der Runde das Fest nicht verderben. Kommst du mit? – wandte er sich an Malzew.
– Etwas spaeter.
– Wie du meinst.
Und Komissarow zog mit der Tasche ab. Eine Minute spaeter hoerte man am Nachbartisch begeisterte Ausrufe ueber den erschienenen Wodka.

– Und warum sprechen Sie von sich in der dritten Person? – fragte Malzew, um die angespannte Atmosphaere zu lockern.
– Hoer zu.
Petrowitsch trank den Rest seiner Bruehe aus und setzte die Erzaehlung fort.
– Serge! – rief ich aus, – was machen Sie hier?
– Ich warte auf Sie, – antwortete er ruhig, – kommen Sie, kommen Sie, – er packte mich am Ellbogen und zerrte mich hinter die Litfasssaeule.
Man muss sagen, wir versteckten uns gerade noch rechtzeitig. Auf der Bruecke war das Rattern von Motoren zu hoeren. Ein offener Beiwagen bremste an der Einfahrt zur Fahrbahn ab, und ich konnte die darin sitzenden Personen gut erkennen. Es waren vier. Alle trugen schwarze Lederhalbmaentel von gymnasiastischem Schnitt. Die beiden Hinteren hatten sich kreuzweise mit Maschinengewehrgurten geschmueckt. Neben dem Chauffeur sass ein junger Mann mit dichtem, pechschwarzem Haar, das nach hinten gekaemmt war. Ein Ziegenbart und eine runde Brille. Seine ganze Erscheinung und Pose verrieten eine hahnenhafte Entschlossenheit zum Kampf.
– Leo Trotzki, – fluesterte Serge leise, – der erste Kandidat fuer die Rolle des Napoleons.
– „Wir alle schielen nach Napoleon, Millionen namenloser Kreaturen“, – murmelte ich.
– Versteh doch, – sagte Wolobujew lauter, – die westliche Demokratie ist nichts fuer uns, aber die alte Dynastie hat sich ueberlebt. Begreif doch, ein Despot ist ein Segen fuer Russland.
– Seit wann haben Sie sich, Herr Graf, als Monarchist eingeschrieben? Ich erinnere mich...
– Pssst!
Hinter dem Beiwagen fuhren zwei Lastwagen her. Sie waren vor ein paar Jahren in den Strassen der Hauptstadt aufgetaucht. Der vordere Wagen transportierte zwei Dutzend Soldaten in grauen Maenteln, im hinteren fuhren Matrosen.
– Moeglicherweise wird heute Nacht, – sagte der Graf nachdenklich, waehrend er dem sich entfernenden Konvoi nachsah, – der Regimewechsel stattfinden.
– Armes Russland!
– Wer weiss, wer weiss, – der Graf wandte mir sein Gesicht zu, – ich brauche Ihre Hilfe, Wadim. Kommen Sie. Es ist nicht weit von hier.
– Warten Sie, Serge! Wie haben Sie mich gefunden?
– Das war einfach. Sie wurden von der Portiersfrau verraten. Sie hat gesehen, wie Sie weggingen. Ich dachte mir, dass der einzige Ort, an den Sie zu dieser Zeit gehen koennten, die Wassiljewski-Insel ist, und entschied, Sie an der Bruecke abzufangen. Also, kommen wir?
Graf Sergej Wolobujew, ein kluger Kopf und seltener Nichtstuer, galt im Studienjahrgang zu Recht als der Beste. Man sagte ihm eine grosse Zukunft voraus und nannte ihn manchmal den zweiten Mendelejew. Doch im letzten Jahr, nachdem er sich mit den Sozialrevolutionaeren angefreundet hatte, brach er ploetzlich sein Studium ab. Ich erinnere mich an unsere letzte Begegnung auf dem Newski-Prospekt im Winter neunzehnhundertsieben und an das bedrueckende Gespraech am Ufer der zugefrorenen Newa ueber das Schicksal Russlands. Er ueberzeugte mich von der Notwendigkeit revolutionaerer Umgestaltungen, waehrend ich auf schrittweisen und vorsichtigen Reformen beharrte.
Bald darauf trennten sich unsere Wege endgueltig. Serge wurde nach Sibirien geschickt, nach einem gescheiterten Attentat auf den Generalgouverneur von Twer, waehrend ich kopf;ber in die Wissenschaft eintauchte, und zwar so gruendlich, dass ich erst erwachte, als der Kaiser seine Abdankung unterschrieb.
Im Fruehjahr dieses Jahres begannen Revolutionaere aller Art nach Petrograd zurueckzukehren. Auch Serge kehrte zurueck, jedoch nicht aus dem eisigen Sibirien, sondern aus der Schweiz, wo er im Auftrag seiner Partei Experimente zum „wandernden Geist“ durchfuehrte. So nannte er seine hoechst zweifelhafte Arbeit an der Schnittstelle von Elektrizitaet, Chemie und Mystik.
Serge fand mich. Lange und beharrlich versuchte er, mich zur Zusammenarbeit zu ueberreden. Nichts Geringeres hatte er vor, als den Geist vom materiellen Koerper zu trennen, das Subjekt vom Objekt zu separieren. Mir waren sowohl die Problematik und die Methoden als auch das Ziel zuwider – die Erforschung der Zukunft und deren Korrektur durch die Veraenderung der Gegenwart. Ich lehnte ab, da ich nicht an die Wissenschaftlichkeit von Wolobujews Experimenten glaubte. Doch wie sich erst vor kurzem herausstellte, war meine Skepsis uebertrieben.
Der Weg war in der Tat nicht weit. Wolobujew fuehrte mich zu einem luxurioesen Herrenhaus. Zu einem Palast fehlte ihm nur ein winziges Stueck. An dem Tor, das von Granitgreifen flankiert war, hielten zwei mit Gewehren bewaffnete Arbeiter Wache. Als wir uns n;herten, nahmen sie die Gewehre in Anschlag.
– Parole, – fragte ein aelterer Barttraeger streng.
Seltsam, mir schien, dass die Wachen den Grafen erkannt hatten.
– Zukunft, – antwortete Serge. – Er ist mit mir, – fuegte er hinzu und deutete auf mich.
– Gehen Sie durch.
Die Posten schulterten ihre Gewehre.
– Wie ist die Lage, Genossen? – fragte Serge.
– Das Matrosenpack spielt verrueckt, – antwortete der alte Arbeiter, – aber gegen das Maschinengewehr, – er deutete mit dem Bajonett auf eine Luke im Dach, aus der ein Lauf ragte, – sind sie Schwachkoepfe.
– Genosse Serge, – wandte sich der junge Arbeiter an Wolobujew, – wann kommt der Proviant? Ich hab einen Hunger, es ist nicht zum Aushalten.
– Um Mitternacht soll geliefert werden. Dann werdet ihr auch abgeloest.
– Putilow-Leute, – sagte Wolobujew ueber die Schulter, waehrend er die hohe Freitreppe hinaufstieg, – die Bolschewiki setzen auf die Flotte, wir aber auf das Proletariat.
Er stiess die schwere Eingangstuer auf, und sie oeffnete sich mit einem klaeglichen Quietschen.
– Treten Sie ein, Wadim, – Serge winkte mich einladend in den dunklen Schlund des Eingangs, – wer weiss, ob in den Himmel oder in die Hoelle.
Wolobujew hatte sein Labor in einem geraeumigen Kellerraum eingerichtet. An den Waenden standen schwere Mechanismen und Apparate. Einige erkannte ich, ueber den Zweck anderer raetselte ich. Zudem hingen an den Waenden Gegenstaende religioeser Verehrung, von orthodoxen Ikonen bis hin zu afrikanischen Masken und Trommeln sibirischer Schamanen. Die traurigen Jungfrauen auf den russischen Ikonen und die afrikanischen Holzd;monen blickten auf einen Zahnarztstuhl in der Mitte des Raumes – zweifellos das Zentrum dieser Sammlung verschiedenartigster Dinge. Er war mit Kupferdraehten und Lederriemen umwunden wie von Schlangen.
Ich wartete auf Erklaerungen. Unterwegs hatte ich versucht herauszufinden, welche Art von Hilfe benoetigt wurde, aber Serge hatte gescherzt. Und nun, beim Anblick der wilden Moeblierung des Zimmers, erwartete ich Erl;uterungen.
– Ich habe die Matrix gefunden, – sagte Serge und machte vor Freude einen kleinen Sprung.
– Eine Matrix – was soll das sein? – fragte ich kuehl.
– Eine Matrix ist ein Subjekt, das nur schwach an sein Objekt gebunden ist.
– Und einfacher?
– Eine Matrix ist ein Geist, dem sein Traeger zuwider ist, – Serge begann mit t;nzelndem Schritt auf und ab zu gehen, – es ist ein Verstand, der bereit ist, seine Behausung vor;bergehend einem anderen Verstand zu ueberlassen. Theoretisch koennen Selbstmoerder Matrizen sein, aber die Phase der inneren Entschlossenheit und damit die Phase der Implantation ist bei ihnen zu kurz; ebenso Geisteskranke, aber bei ihnen koennen unvorhersehbare Schwierigkeiten auftreten; Drogensuechtige und Trinker. Letztere sind am bevorzugtesten.
Ich muss gestehen, ich verstand die Freude des Grafen nicht.
– Nichts Besonderes. Die ganze Baltische Flotte besteht aus Matrizen. Nimm dir irgendeinen und pflanze dich ein.
Serge blieb neben mir stehen.
– Wenn Sie vom Kokain sprechen – unsere Partei hat damit nichts zu tun. Es waren Trotzkis Emissaere, die die Bratiski daran gewoehnt haben, indem sie aus ihnen zu allem bereite Marionetten machten. Wir werden die verbrecherischen Irrtuemer der Bolschewiki mit gluehendem Eisen korrigieren muessen. Aber das kommt spaeter, nach dem Sieg.
Ich wollte das Gespraech nicht im Sumpf parteiinterner Streitigkeiten versinken lassen.
– Lassen wir das. Also, wo haben Sie sie gefunden?
– Ich habe sie gefunden! – rief Wolobujew freudig aus. – Und nicht in der Vergangenheit, wie es schon zweimal vorkam, sondern in der Zukunft. Endlich werden wir unseren alten Streit fachkundig beenden koennen: Ob der jetzige Aufstand ein Segen fuer Russland ist oder ein Unheil. Leider sind zwei technische Probleme aufgetreten. Meine Assistenten wurden nach Moskau geschickt. Ich habe das ZK beschworen, habe mit Spiridonowa gesprochen, dass man die Zukunft nicht dem heutigen Tag opfern darf. Man antwortete mir, dass wir vernichtet werden, wenn wir heute nicht siegen. Diesem Argument konnte ich nicht widersprechen. Kurz gesagt, ich bin allein geblieben. Und zweitens: Die Matrix hat mich abgewiesen. Vielleicht war ich zu beharrlich und ungeduldig, und sie – oder besser gesagt er, wenn wir vom Objekt sprechen – hat Angst bekommen.
– Serge, – sagte ich, – Graf Wolobujew, ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich nicht an unwissenschaftlichen, ja sogar antiwissenschaftlichen Experimenten teilnehmen will.
Noch bevor ich den Satz beendete, packte mich ploetzlich der brennende Wunsch, auch nur mit einem Auge in die – wie die Aufstaendischen behaupten – lichte Zukunft zu blicken, oder in die dunkle und finstere, wie die Monarchisten sie prophezeien. Vielleicht wurde mein unverantwortlicher Wunsch durch die Ausweglosigkeit der Gegenwart ausgeloest.
Serge schien auf meine Ablehnung vorbereitet zu sein. Er sprach ueberzeugend vom Glueck des Volkes, von der historischen Mission unserer Heimat...
– Gut, – ich beruehrte seine Schulter, – Sie haben mich ueberzeugt. Ich bin einverstanden.
Wolobujew, der einen so schnellen Sieg im Kampf um die Zustimmung des Subjekts nicht erwartet hatte, schwieg eine Zeit lang, um sich offensichtlich auf einen anderen Ton einzustellen.
– Gut so, wunderbar, – sagte er und rieb sich die Haende, – fangen wir unverzueglich an.
– Was muss ich tun?
– Nichts Kompliziertes. Sich hinter dem Paravent nackt ausziehen, – er deutete auf die Trennwand unter der Ikone der Gottesmutter, – und sich in den Sessel setzen. Ich werde assistieren.
– Wissen Sie, Serge... – ich war verlegen.
– Nicht ganz frische Waesche, – erriet der Graf den Grund meiner Befangenheit. – Ein Bad kann ich Ihnen leider nicht anbieten. Es sind nicht die Zeiten dafuer, das verstehen Sie selbst. Andererseits habe ich im Zuchthaus und an der Front an Dingen gerochen, gegen die Ihr leichtes Ambre wie reinstes Parfuem wirkt. Ziehen Sie sich aus und setzen Sie sich in den Sessel. Waehrend der Vorbereitungen werde ich das Wesentliche erklaeren.
Mit Lederriemen befestigte Serge goldene und kupferne Plaettchen an meinen Beinen, Armen, meinem Kopf und meiner Brust. Nach und nach umwickelte er mich mit Draehten. Ich kam mir selbst wie eine frische Pharaonenmumie vor, die von Priestern auf eine ewige Wanderung auf der anderen Seite des Daseins vorbereitet wird.
– Durch die Plaettchen fliessen schwache elektrische Impulse, – erklaerte mein Priester. – Die Impulse werden Ihnen als Fuehrer im Aether dienen.
– Im Aether?
– Sie gelangen in einen zeit- und raumlosen Bereich, den ich Aether nenne. Jeder Mensch hat seinen eigenen Aether. Meiner ist grau. Und der von Dragomilow, meinem Assistenten, ist rot. Am haeufigsten begegnet man dem Milchweiss. Ich vermute, dass der Aether eigentlich farblos ist und das Bewusstsein ihn selbst faerbt. Die Aether aller Subjekte eint die Homogenitaet und das Fehlen jeglicher Orientierungspunkte. Horchen Sie auf die Impulse. Konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Stelle, von der die Impulse ausgehen, und indem Sie ihnen folgen, sollten Sie die Matrix finden. Zumindest hoffe ich das.
Unterdessen beendete Serge das Einwickeln. Er verschwand aus meinem Sichtfeld, und als er wieder vor meinen Augen erschien, hielt er eine grosse Spritze in der Hand, die mit einer trueben Fluessigkeit gefuellt war.
– Was ist das? – fragte ich mit einer gewissen Furcht.
– Ich will Sie nicht beluegen, Wadim – das ist eine starke Droge. Nur so ist es moeglich, den Geist vom Koerper zu trennen. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen: Die Bestandteile sind so gewaehlt, dass die Abhaengigkeit viel langsamer eintritt als bei Heroin oder Kokain.
Ich stellte mir vor, wie Serge beginnen wuerde, mich auszupacken, wobei er mich mit kalten Fingern beruehrte...
– Spritzen Sie schon, was soll’s.
Wolobujew befeuchtete meine linke Armbeuge mit Alkohol. Ob vor Aufregung oder wegen der Seltsamkeit, die mich in diesen Sessel gefuehrt hatte – mein Magen knurrte wie ein hungriges Tier; und ich erinnerte mich, dass ich seit dem Morgen nichts gegessen hatte, und erinnerte mich auch daran, dass um Mitternacht der Proviant geliefert werden sollte.
– Wie lange wird das Experiment dauern?
Serge hielt die Nadel zurueck, die bereit war, in die Vene einzudringen.
– Schwer zu sagen, – er zuckte mit den Schultern, – das haengt von vielen Umstaenden ab. Der wichtigste ist, wie lange es Ihnen gelingt, sich in der Matrix zu halten.
Der Stich war so schmerzhaft, dass ich gegen meinen Willen aufstoehnte.
– Noch etwas, Wadim, – sagte der Graf, waehrend er die leere Spritze weglegte, – rezitieren Sie ein Mantra.
– Welches Mantra? Ich kenne keines.
– Irgendeines. Ich wiederhole: Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie, bis ich in den Aether gelange, – er klopfte mir aufs Knie. – Gute Reise, Kumpel.
Serges Klopfen spuerte ich so schwach, als wuerde er mich durch ein Federbett beruehren.
– Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie...
Ich hoerte auf, meinen Koerper zu fuehlen.
– Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie...
Alle Geraeusche verschwanden, nur meinen eigenen Atem hoerte ich wie von fern.
– Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie...
Die Umrisse der Gegenstaende verschwammen, vor meinen Augen verloren sie an Schaerfe und Materie.
– Einnegermitgazellezagtimregennie.
Und ich tauchte in den blauen Aether ein.

Petrowitsch verstummte. Durch den grauen Tabakaether, durch die schmutzigen Scheiben der Bierstube blickte er mit angehaltenem Atem in den frostigen Dunst hinaus. Malzew spuerte ploetzlich, dass seine Blase fast platzte.
– Verzeihen Sie guetigst, Wadim, – sagte er hastig, – ich bin fuer ein paar Minuten weg.
– Ja, ja, natuerlich. Selbstverstaendlich, – antwortete Petrowitsch, der allmaehlich zu sich kam. – Ich werde auf Sie warten, um unser Gespraech zu beenden.
Der Frost wurde staerker. Durch den Pullover stach er in die Schultern, biss boesartig in den unbedeckten Kopf. Malzew begoss mit einem zischenden Strahl den gelben Stalaktiten, der hinter dem niedrigen Ziegelwall am Eingang zum Hofklo gewachsen war. Hineinzugehen wagte er nicht. Das Licht des Vollmonds und die Laterne der Bierstube beleuchteten schwach Haufen, Haufen, Haufen.
Die kalte, frische Luft war suess und angenehm nach der verrauchten "Grube". Den Kopf in den Nacken gelegt, beobachtete Malzew die Sterne. Wie harmlos und schwach sie sind. Man kann kaum glauben, dass sie ueber tausende Lichtjahre hinweg gigantische Kugeln aus wuetendem Feuer sind. So ist es auch mit der Geschichte – hunderte von Jahren mildern die Wut.
– Verdammt, ist das kalt, – er schuettelte sich und rannte im Sprung zurueck in die Bierstube.
Waehrend Malzews Abwesenheit hatte sich die Lage wesentlich veraendert. Die Tische waren zusammengeschoben worden. Dryn und Komissarow waren natuerlich in das Kollektiv der kuenftigen Metallurgen eingeflossen. Sie ruhten sich lautstark und mit Genuss aus. Alle waren ziemlich betrunken. Petrowitsch war nicht unter ihnen.
– Wo ist Petrowitsch? – fragte Malzew Komissarow.
– Ich hab ihn verjagt, – antwortete Dryn.
– Wie verjagt?!
– Einfach verjagt, – lachte Waska. – Ach Malek, du bist zu vertrauensselig. Du wirst es schwer haben im Leben.
– Wenn er dir morgen erzaehlt, – mischte sich der Plakatjunge namens Oleg ein, – dass er in der Gestalt von Alexander dem Grossen die Schlacht auf dem Eise gewonnen hat, glaubst du das auch noch.
– Die Schlacht auf dem Eise hat Alexander Newski gewonnen, – korrigierte Malzew finster.
– Wo ist da der Unterschied, – setzte sich ein schnauzb;rtiger Kraftprotz fuer den Anstifter der Metallurgen ein, – Newski oder Makedonski, Hauptsache, man laesst sich keinen Baeren aufbinden.
Komissarow goss ein fast volles Glas Wodka ein.
– Trink aus, Malek, und wirf diesen Arsch aus dem Kopf.
Malek trank und warf Petrowitsch-Serebrjakow aus dem Kopf.
In dieser Nacht erfror Petrowitsch. Am Morgen wurde er von der Hofkehrerin auf einer verschneiten Bank vor seinem Hauseingang gefunden. Petrowitsch wurde von der ganzen Gemeinschaft begraben – bescheiden und schnell. Seine Mutter, der einzige ihm nahestehende Mensch, verkraftete diesen Schlag nicht. Im Fruehjahr folgte sie ihm ins Grab.


Die Freunde schlossen ihr Studium ab. Die staatliche Zuweisung verstreute sie in verschiedene Winkel des riesigen Landes, doch sie verloren den Kontakt nicht. Und gegen Ende der achtziger Jahre, genau zum Beginn neuer globaler Erschuetterungen, versammelten sie sich wieder in ihrer Stadt.
Dann brach die Banditen-Revolution aus.
Im Herbst dreiundneunzig, im Kampf um die Kontrolle ueber das "grosse Metall", kam Dryn bei einer Schiesserei ums Leben. Er fiel durch die Kugel eines unbekannten "Bruders" einer Konkurrenzfirma. Der unternehmerische Komissarow zog kurz darauf in die Hauptstadt. Dort sattelte er eine der kommerziellen Banken und einen Abgeordnetensitz in der Staatsversammlung. Mit der Hand des Abgeordneten schnitt er sich seinen Teil vom Budget-Kuchen ab. Mit der Hand des Bankers loeste Komissarow sein Stueck in trueben Offshore-Zonen auf, wobei er nicht vergass, grosszuegig mit nuetzlichen Freunden zu teilen. So lebte er, genoss den verdienten Ruhm eines ehrlichen Politikers und pflegte den soliden Ruf eines verlaesslichen Geschaeftsmanns.
Maltsew hingegen passte nicht in die steilen Kurven des neuen, wie ueblich unwegsamen, historischen Pfades. Achtundneunzig schleuderte ihn die Zentrifugalkraft der vaterlaendischen Geschichte in das ruhige Europa hinaus – so wie die revolution;ren Wirbelst;rme schon oft das Beste und Ges;ndeste aus dem Land geworfen hatten.
Viele Berufe probierte Maltsew in der Fremde aus – vom Hilfsarbeiter bis zum Besitzer eines winzigen Bauunternehmens, das jedoch bald bankrottging. Und doch l;chelte das Schicksal Jurka Maltsew schuechtern zu. An der Grenze des "Alters der Zustimmung", jener unsichtbaren Linie, nach deren Ueberschreitung die Arbeitgeber wie abgesprochen jedem Bewerber eine Absage erteilten, gelang es ihm, eine Stelle als Zeichner in einem Projektbuero zu finden. Glueck gehabt, was soll man sagen.
Mit seiner Qualifikation ragte Maltsew unter den anderen Zeichnern hervor wie ein Fels unter Grabhuegeln. Er bemuehte sich jedoch nicht um Initiative fuer ein moegliches Karrierewachstum. Wenn man ihn fragte, fand er eine interessante konstruktive Loesung und gab die Urheberschaft klaglos ab; fragte man nicht, zeichnete er stumpf am Monitor das, was befohlen wurde.
Die Arbeit waermte seine Seele nicht, bot aber einen bescheidenen materiellen Wohlstand. Seine Seele baumelte bei historischen Nachforschungen. Er versuchte zu verstehen, sich selbst die Frage zu beantworten: Warum kommt in der Heimat, egal was man baut – ob Kapitalismus, Sozialismus oder etwas anderes – immer dasselbe heraus: ein Zar, umgeben von einem Ring gem;steter Bojaren, bettelarme, bis auf Weiteres gehorsame Sklaven, und dazwischen die blutige Opritschnina.
Die Samstage verbrachte Maltsew im Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek, der drittgroessten der Welt nach Washington und London. Abends nach der Arbeit bearbeitete er das Quellenmaterial und dachte nach.


Der Fruehling dieses Jahres war frueh, ungestuem. In ein paar Tagen war der Schnee geschmolzen. Vor der Zeit begruenten die Graeser, vor der Zeit bedeckten sich Linden und Birken mit klebrigen Knospen. Erwacht aus der Winterlangeweile, laermten Voegel und Oekologen aus vollem Hals: Erstere – von Liebe und Leben, Letztere – vom vorzeitigen Waermetod. Die Natur beeilte sich, zu erwachen.
Der Lesesaal, grosszuegig auf drei Etagen angelegt, war voll von Studenten. An anderen Tagen ist es hier schwer, einen Platz zum Arbeiten zu finden. Das Schlurfen von Schuhsohlen. Gespraeche im Halblaut, das Klackern von Tastaturen – alle Geraeusche verschmolzen zu einem gleichmaessigen Summen, das man, einmal daran gewoehnt, nicht mehr bemerkt, wie man das Schlagen des eigenen Herzens nicht bemerkt. Nur selten hob sich hier und da ein heiserer Husten als akustischer Hohepunkt. Fruehling ist die Zeit der Erkaeltungen.
„Es ist Zeit, fuer heute Schluss zu machen“, entschied Maltsew, als er von der Toilette zurueckkehrte, „der Kopf arbeitet ueberhaupt nicht mehr, als haette ich einen Kater.“
Ohne sich hinzusetzen, schloss er seinen Laptop, packte ihn in die Tasche, legte Notizblock und Stifte dazu. Die Tasche ueber die Schulter, in die linke Hand einen Stapel Buecher, obenauf den wuchtigen Band der Trotzki-Biographie und...
Was fuer ein Unsinn! Unter dem Trotzki lag eine blaue Broschuere. Vielleicht hatte sie der Vorbesitzer des Platzes vergessen, aber Maltsew haette schwoeren koennen, dass der Tisch makellos sauber gewesen war.
„Das Licht eines fernen Sterns“, las Maltsew den Titel, „eine fantastische Erzaehlung“. Unten standen die Verlagsdaten: Berlin, Verlag „Gelikon“, 1922. Und oben auf dem Titelblatt prangte ein sauberes Rechteck, ausgefuellt mit schwarzer Tinte. Maltsew fuhr mit dem Finger darueber. Die Tinte war ganz frisch. Wahrscheinlich hatte jemand aus unerklaerlichen Gruenden den Namen oder das Pseudonym des Autors uebermalt.
Der erste Impuls: das Buechlein dem Angestellten zu geben und ihn selbst damit klaeren zu lassen. Aber Maltsew packte die Neugier. Er liebte Science-Fiction und verfolgte sie bis zu dem Zeitpunkt, als sie zu verantwortungslosem Fantasieren ueber Elfen und Drachen einerseits verkam, und andererseits – ueber einfache russische "Popadantsy" (Zeitreisende), die Stalin beibringen, wie man Hitler besiegt. Widerlich und armselig. Die Klassiker des Genres, Jules Verne und Wells, fand er etwas primitiv. Die russische Emigranten-Science-Fiction kannte er ueberhaupt nicht. Er wusste nicht einmal, dass es sie gab.
„Mal sehen, was fuer ein Stern mir da in die Haende gefallen ist. Eine halbe Stunde reicht, dann schaffe ich es noch ins Fitnessstudio.“ Mit dem Gedanken an das Fitnessstudio setzte sich Maltsew an den Tisch. Vergilbte Seiten, grosse Schrift, das veraltete „Jat“.
„Den ganzen Oktober goss es in Stroemen. Der Regen war mal zaghaft wie Maedchenkummer, mal banditenhaft ungestuem, mit dem Pfeifen des Windes in den Laternen und dem Krachen von Zweigen. Die Petersburger Erde war bis zum Grundwasser durchweicht und wollte keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen. Die froestelnden Strassen mit ihren aufgeplusterten Haeusern lagen verlassen da. Und genau in dieser Zeit, in der ein guter Herr keinen Hund vor die Tuer jagt, packte mich das Beduerfnis, mein Loch zu verlassen. Denn alle Vorraete waren aufgebraucht, und Glafira, meine Koechin, war zu den ‚Bruederchen‘ gegangen, um die Weltrevolution zu machen...“
Die Erzaehlung zog Maltsew in das vorrevolutionaere Petrograd vor dem Sturm. Und je weiter er las, desto aufdringlicher wurde das Gefuehl, dass er all dies schon einmal irgendwo geh;rt hatte.
„– Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie, – las ich das Mantra, und allmaehlich verschwanden die Geraeusche und Farben dieser Welt. – Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie, – und ich tauchte in den blauen Aether ein...“
Petrowitsch!!! Wadim Serebrjakow!!!
Vor Maltsews innerem Auge erschien das Bild der Bierstube „Jama“. Sofort und im Detail erinnerte er sich an jenen ungewoehnlichen Abend. Den mal betrunkenen, mal aufmerksamen und nuechternen Blick des Alkoholikers Petrowitsch.
Ihm wurde schwarz vor den Augen, sein Herz flatterte wie ein erschrockener Vogel im Kaefig.
„Ihnen ist schlecht!“, hoerte er eine Stimme neben sich.
„Es geht schon, das geht gleich vorbei.“
Maltsew hob die Augen.
Vor ihm stand ein Maedchen. Es kam ihm so vor, als haette er sie heute schon einmal gesehen, aber er konnte sich irren. Sein Gedaechtnis fuer Gesichter war lausig.
„Woher wussten Sie, dass ich Russe bin?“, fragte Maltsew und sah das Maedchen misstrauisch an.
„Man sieht doch sofort, dass Sie Russe sind“, das Maedchen zuckte mit den Schultern, laechelte ihm hoeflich zu und ging auf den Ausgang des Lesesaals zu.
Auf der letzten Seite, unter dem Wort „Ende“, stand ein frischer Zusatz in schwarzer Tinte.


„Die ;ra Putin wird noch zwoelf Jahre dauern,
danach eine kurze Periode der Reformen,
Stagnation,
eine neue Revolution.
Alles wiederholt sich.
Leb wohl, Bruder.“


Ðåöåíçèè