Schmetterling Elsa und Hummel Foma
Elsa flog von Blume zu Blume. Sie trank Nektar und bewunderte die reifen Staubfaeden, die sich im Liebesekstase der Narbe entgegenstreckten. Ploetzlich war in der Luft ein bassiges Summen zu hoeren. Elsa schaffte es nicht zu verstehen, woher das Geraeusch kam, als sich Hummel Foma ungeschickt auf einer benachbarten Blume niederliess. Foma war, wie alle Hummeln, solide, muerrisch und dem Wetter zum Trotz warm angezogen.
"Guten Tag, verehrter Foma", sagte sie hoeflich.
"Wshsh... wshsh", brummte Foma und sammelte gierig Pollen.
Wahrscheinlich hat er es nicht gehoert», – entschied Elsa.
Sie leckte ihren Ruessel ab und sagte laut:
– Heute ist schoenes Wetter, nicht wahr!
Foma hielt inne und drehte Elsa seinen dickkoepfigen Kopf zu
– Ich hoer dich. Bin ja nich taub. Wetter ist halt Wetter.
– Die Sonne scheint, – liess Elsa nicht locker, – ringsumher so ein Behagen.
– Behagen, – brummte Foma streng, – wisst ihr, was euch Schmetterlinge von uns Hummeln unterscheidet?
Das Gespraech nahm eine voellig unerwartete Wendung. Elsa war aufrichtig interessiert.
– Wodurch denn?
– Dadurch, dass ihr den ganzen Tag untaetig herumflattert, waehrend wir von frueh morgens bis spaet abends arbeiten. Wir schuften. Wofuer lebst du? – fragte Foma sie streng und bewegte seine Fuehler.
– Fuer die Freude, – antwortete Elsa ohne nachzudenken, – um die zaertlichen Sonnenstrahlen auf den Fluegeln zu spueren und den suessen Nektar im Bauche zu fuehlen, um im Aufwind zu kreisen und im Abwind zu gleiten, um…
– Da, genau, das hab ich gewusst, – unterbrach sie Foma. – Ein leeres, nutzloses Insekt bist du.
Elsa gefiel diese Bezeichnung nicht, aber sie schwieg aus Angst, Foma zu beleidigen. Denn alle Hummeln sind ja bekanntlich dazu neigt, Kraenkungen zu hueten und zu pflegen
– Und wir, – fuhr Foma unterdessen fort, – wir leben fuer die Kinder.
– Na ja, Kinder, – Elsa bewegte leicht ihre Fluegel, – wir Schmetterlinge sterben vor Liebe, aber darueber will ich nicht sprechen.
Foma hoerte ihr nicht zu.
– Gib es zu, – brummte die Hummel verurteilend, – du fliegst zum Festival?
– Natuerlich fliege ich. Und Sie?
– Kommt nicht in Frage, – empoerte sich Foma, – als ob ich mich mit irgendwelchen Pindos abgeben wuerde.
– Pindos – wer ist das? – fragte Elsa.
– Pindos – das sind die Gluehw;rmchen.
– Aaaa…
– Bbbb. Du bist hergeflogen, hast den ganzen Nektar weggefressen, aber du weisst nicht einmal, dass diese Kamille uns gehoert.
– Uns – wem gehoert sie?
– Uns – den Hummeln.
– Wie das? – Elsa war fassungslos.
– Na so, – Foma schien Elsas Ratlosigkeit zu geniessen. – Geschichte muss man kennen, verdammt noch mal. Hier wurde meine Urgrossmutter geboren. Seitdem ist die Kamille unser. Krass.
– Entschuldige, – Elsa war betruebt, – ich wusste es ja nicht.
– Na gut, bleib sitzen, – erlaubte Foma besaenftigt, – aber das naechste Mal fragst du um Erlaubnis. Spaeter allerdings, – die Hummel seufzte schwer, – wurden wir von hier von den Pindos vertrieben.
– Von den Gluehwuermchen? – wunderte sich Elsa, da sie das aeusserst friedfertige Wesen der Gluehwuermchen kannte.
– Was fuer Gluehwuermchen, – Foma lachte wuerdevoll, – Pindos, das sind die Ameisen.
– Ich verstehe gar nichts mehr, – Elsa schuettelte den Kopf, – Pindos sind sowohl Gluehwuermchen als auch Ameisen.
– Na klar, – bestaetigte Foma, – was wundert dich das so. Pindos sind ueberall.
– Ach so ist das! – daemmerte es Elsa, – wahrscheinlich sind Pindos alle, die keine Hummeln sind.
– Nicht alle. Die uns verwandten Bienen sind keine Pindos, solange sie sich richtig benehmen.
– Und die Wespen, – warf Elsa ein.
Im naechsten Moment bereute sie es sehr, dass sie sich nicht zurueckgehalten hatte.
– Wespen sind die boesartigsten Pindos. Sie pluendern unsere Nester, sie verschlingen unsere Kinder. Und dann haben sie noch die Mode eingef;hrt, uns ihre Eier unterzuschieben. Du ziehst und ziehst so ein Huemmelchen auf. Und dann, herrje, ist das doch eine Wespe. Gerade wenn du sie zerbeissen willst, macht sie schwupps und ist weg.
Foma begann wuetend auf dem zarten Bluetenstand herumzutrampeln und sagte dabei immer wieder: «Wespe-Pindos, Wespe-Pindos». Und bald verschmolz sein Zungenbrecher zu einem undeutlichen, gleichmaessigen Gebrumm: «wespepindoswespepindoswespe».
An ihnen vorbei flogen wirbelnd die Nachtfalter.
– Elsa, Elsa, – zwitscherten sie, – flieg mit uns. Dort unter der Teerose geben die Grashuepfer ein Konzert.
– Ich komme, ich komme, Freunde, – rief ihnen Elsa zu.
Sie schlug mit den Fluegelchen und flog davon.
Nachdem sie ein kurzes Stueck geflogen war, fiel Elsa ploetzlich ein, dass sie sich nicht von Foma verabschiedet hatte. Sie vollf;hrte eine grazi;se Pirouette und setzte sich auf die Kamille, die, wie sich herausgestellt hatte, historisch dem Geschlecht der Hummeln angehoert.
Foma atmete schwer, erschoepft vom Zertrampeln der Bluete.
– Adieu, Foma, – traellerte Elsa, – ob wir uns jemals wiedersehen werden. Adieu, und seien Sie gluecklich.
Elsa erhob sich in die Luft und flog zur Teerose, wo die Grashuepfer sich anschickten, ein Konzert zu geben.
– Wir werden uns noch begegnen, du Pindos-Weib, – brummte Foma.
In seinem Brummen schwang eine Drohung mit. Beladen mit dem dem Bluetenstand abgepressten Bluetenstaub flog Foma schwerfaellig auf und steuerte sein Nest an.
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