Die Nacht

Die stille ukrainische Nacht hat die Steppe eingehuellt, ist in die Bergmannsstadt in der Steppe eingezogen und hat sich auf die glatte Flaeche des Teiches gelegt. Auf dem dunklen Samt des Himmels fliesst majestaetisch, von einem Ende zum anderen und in tausend Funken glitzernd, ein breiter Sternenfluss dahin. Es waren die Tschumaken, die auf ihrem Pfad von der unter der Herrschaft der Unglaeubigen stehenden Krim bis zur ruhmreichen Stadt Kiew das Salz am Himmel verschuetteten. Seit jenen uralten Zeiten leuchten die Salzkristalle in der Hoehe und erfreuen das Herz eines jeden Ukrainers, sei es ein schwarzbrauiges Maedchen, das sich nach einem Burschen sehnt, oder ein grauhaariger Greis, sei es ein reicher Prasser oder ein armer Schlucker.

Neben dem Tschumaken-Pfad hat sich am Himmel der vollgesichtige Mond niedergelassen, so hell, dass sich der Satan selbst verbruehen wuerde, sollte er auf den Gedanken kommen, den Mond in einen Sack zu stecken.
«Seht mich an, ihr guten Leute», – laechelt der Mond seinem Spiegelbild im dunklen Spiegel des Teiches zu, – «bin ich nicht schmuck, schmeichelt meine Schoenheit nicht euren Augen. Selbst wenn ihr die ganze Welt umwandert, werdet ihr nirgendwo eine andere solche Schoenheit treffen.»
Zwischen Himmel und Wasser herrscht Ruhe. Der leiseste Wind ist in den Weiden am Ufer eingeschlafen, hat sich in den langen gruenen Zoepfen verfangen, die bis zum Wasser herabhaengen.

Am Ufer, im seichten Wasser, haben sich die Kroeten zum naechtlichen Konzert versammelt. Ihr lockendes Quaken verbreitet sich frei in der naechtlichen Stille. In das Lied der Froesche weben sich das Zirpen der Zikaden und das zarte Gest;ndnis einer Nachtigall an ihr Weibchen von ewiger und treuer Liebe ein.
Das Schilf bewegt sich und raschelt leise mit seinen spitzen Blaettern. Vielleicht ist es ein Nachtvogel, der zwischen den hohen Stengeln schwimmt, oder vielleicht ist es eine Nixe, die ihren Fischschwanz bewegt. Es riecht nach Schlamm und von der Sonne erwaermter Erde.

Auf der Halbinsel brennt ein Feuer. Am Lagerfeuer sitzen Jungen. Sie sind etwa zwoelf Jahre alt. Gelegentlich ruehrt einer von ihnen mit einem Stock im Feuer, und ein Funkenregen steigt in den Himmel empor, der in seiner Schoenheit und Helligkeit mit dem Tschumaken-Pfad wetteifert. Doch der Flug der Funken ist nur von kurzer Dauer.

Die Jungen erschrecken einander mit schaurigen Geschichten ueber zum Leben erwachte Tote, ueber Gespenster, ueber einen Sarg auf sieben Raedern, ueber ein frisch ausgegrabenes Grab. Die Nacht lauscht ihnen wachsam und spielt von Zeit zu Zeit mit einigem Knarren und unklaren Seufzern mit. Die Jungen druecken sich enger ans Feuer, und es scheint ihnen, als blickten aus der Dunkelheit boese, tote Augen in ihren Ruecken. Davon laeuft eine Gaensehaut das Rueckgrat entlang zum Hinterkopf, und es kribbelt zwischen den Schulterblaettern. Und das ausgebleichte, ueber den Sommer gewachsene Haar regt sich auf den Koepfen. Es ist unheimlich.

Der Juengste, der zehnjaehrige Witka, begann nach der Geschichte ueber das ausgegrabene Grab, aus dem ein toter Junge verschwunden war, zu wimmern und starrte mit Augen voller aufrichtigem Entsetzen in die Nacht. Die Jungen lachten erleichtert, nannten Witka einen Hasenfuss und ein Muttersoehnchen, doch niemand wagte es, eine neue Geschichte zu beginnen. Das Lachen und das laute Reden liessen die Angst schmelzen, und ploetzlich erinnerten sich alle daran, dass es schon spaet war, dass es laengst Zeit war, nach Hause zu gehen, und dass die Eltern schimpfen wuerden, weil sie bis Mitternacht wer weiss wo herumgestreunt waren.

Nachdem sie das erloeschende Feuer mit Urinstrahlen geloescht hatten, machten sich die Jungen auf den Weg in die Bergmannsstadt, die in der naechtlichen Steppe verloren lag. Und sie gingen ueber den Sternenpfad, den die alten Tschumaken von der unter der Herrschaft der Unglaeubigen stehenden Krim bis zur ruhmreichen Stadt Kiew gebahnt hatten.

Viele Jahre sind vergangen, doch wie zuvor ist die ukrainische Nacht still in meiner Seele.


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