Der Abend

Der Tag versank langsam in einem orangefarbenen Sonnenuntergang. Die warme Luft verdichtete sich im abendlichen Blau. Ueber den hohen Pappeln schossen flinke Schwalben dahin und jagten Muecken. Wie winzige, vom Schicksal verlassene blaue Blitze schnitten sie mit ihren spitzen Fluegeln den Himmel. Im Flug verstaendigten sich die Voegel mit kurzem, scharfem Pfiffen. Was riefen sie einander in der geheimen Sprache der Himmelsschwalben zu? Vielleicht warnten sie ihre Artgenossinnen, die Flugbahn nicht zu versperren, oder sie beklagten, dass die Muecken heute nicht mehr dieselben seien, dass die Kueken schreierisch und gefrassig seien und die Katzen diesen Sommer bis zum Aeussersten frech.
Eine Etage tiefer, im dichten Laub der Akazien und Pappeln, lebt ein kleines gefluegeltes Volk, das mit allen moeglichen Stimmen laermt.

Die Schatten der Baeume und Haeuser, die am helllichten Tag so dicht waren, erblassen und loesen sich in der aschfahlen Daemmerung auf.
In der grauen Stunde zwischen dem hellen Tag und der dunklen Nacht, wenn die Voegel, ermuedet von den Muehen des Tages, sich darauf vorbereiten, im Nistkasten, im Nest oder auf einem Ast auszuruhen, kommt der Katzenstamm aus seinen Verstecken hervor. Katzen und Kater gibt es bei uns im Ueberfluss. Zum Groessteil leben sie in den Wohnungen der Menschen, aber es finden sich auch herrenlose, die wer weiss wo uebernachten und sich von Almosen und Raub ernaehren. Die Nacht ist fuer die Kater und Katzen eine Zeit der Liebe und der Kaempfe, der Abend ist fuer die Jagd.
Hier schleicht eine junge Raeuberin, die Katze Marusja, mit weichen Schritten an einer Ziegelmauer entlang. Sie ist nicht hungrig. Die Jagd ist fuer sie ein Vergnuegen. Ploetzlich beschleunigt Marusja. Ihr Lauf ist rasant und leicht. In einem grazi;sen, weiten Sprung packt sie einen jungen Sperling, der noch nicht fluegge geworden ist. Die Eltern des Spatzes schreien und kreisen ueber der Raeuberin. Marusja schenkt ihnen keine Beachtung.

Am Abend erwacht unsere schlaefrige Stadt zum Leben. Festlich gekleidete Erwachsene kommen heraus zu einem gem;chlichen Spaziergang vom Denkmal des jungen Lenin bis zum Kino. Juenglinge und Maedchen eilen ins Kino und zum Tanz. Jungen und Maedchen rotten sich zu grossen Gruppen fuer gemeinsame Spiele zusammen. Bis spaet in die Nacht, bis die Eltern sie nach Hause treiben, werden sie rennen, einander suchen und finden, laermen wie ein Schwarm aufgescheuchter Sperlinge und dabei unversehens die Haende und Schultern der anderen beruehren. Es werden nur ein paar Jahre vergehen, und die in diesen Spielen erworbenen Faehigkeiten werden fuer das schuechterne Werben der Jungen и das natuerliche Kokettieren der Maedchen nuetzlich sein. Doch jetzt, an diesem warmen Sommerabend, sind sie sich der maechtigen Gravitation der Liebe noch nicht bewusst.

Kindheit. Sommer. Abend.


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