Pierre drei Wuensche. Ein Gruselmaerchen

Eines Tages traf Pierre bei der Jagd auf eine Antilope Gott. Gott erschien in der Gestalt eines verirrten weissen Reisenden, wie sie einsame Loewen gerne verspeisen, und wurde von Pierre zuerst nicht erkannt.
Pierre hatte Mitleid mit dem toerichten Reisenden. Er entfachte ein kleines Feuer, brach die Haelfte eines Fladenbrotes ab und gab dem Touristen aus einer verbeulten Feldflasche zu trinken. Gott verputzte das Fladenbrot, spuelte es mit zwei ordentlichen Schlucken Wasser hinunter und zuendete sich eine stinkende Zigarette an.
– Du bist ein mutiger und findiger Juengling, – sagte er und blies einen duennen Strahl in den violetten Himmel.
– Der beste Jaeger im Dorf, – praezisierte Pierre.
– Ich habe beschlossen, mich dir zu offenbaren. Ich bin Gott.
– Nicht Voodoo? – fragte Pierre vorsichtig.
– Nein, – lachte Gott, – ich bin ein guetiger Gott, ich liebe Menschen und Tiere. Fuer deine Guete werde ich dir drei Wuensche erfuellen.
Pierre, eine einfache Seele, glaubte dem abenteuerlichen Angebot sofort.
– Irgendwelche?
– Irgendwelche, – sagte Gott und schnippte den brennenden Stummel in die Savanne.
In der ersten Aufregung wollte Pierre den Posten des Haeuptlings, alle Frauen des Dorfes und ein Fahrrad bestellen, doch nachdem er ein wenig nachgegruebelt hatte, begriff er, dass man mit einer so seltenen Gelegenheit vernuenftig umgehen sollte.
– Ich will in Europa leben, so wie Patrick.
Patrick, ein ehemaliger Jaeger aus dem Nachbardorf, lebte in Europa. Vor drei Jahren war er auf der Jagd verschwunden, und alle dachten bereits, ein wuetender Elefant haette ihn zertrampelt oder eine Giftschlange haette ihn gebissen und seine Knochen seien laengst von stinkenden Hyaenen in der Savanne verschleppt worden. Doch beim letzten Mond erschien er aus Europa im Dorf. Was Patrick dort trieb, verstand Pierre nicht so recht. Er erzaehlte von grossen Maschinen, groesser als Elefanten, von Behaeltern neben den Huetten und von einer Huette, in der man Frauen gegen Geld benutzen konnte.
– Eins, – Gott bog den kleinen Finger um.
– Ich will viel Geld.
– Zwei, – Gott bog den Ringfinger um.
Der dritte Wunsch wollte ihm nicht einfallen. Pierre stand auf, ging umher, warf einen Stein nach einer Hyaene, die sich zu nah an das Feuer herangewagt hatte. Der Wunsch wollte sich einfach nicht ausdenken lassen.
– Troedele nicht rum, Pierre, – trieb ihn Gott an, – ich muss hoch in den Himmel.
Und da erinnerte sich Pierre an den kleinen Kasten, den Patrick «Fernseher» nannte. Darin liefen winzige Maennchen umher, redeten und drueckten die ganze Zeit Knoepfe.
– Ich will ein Knoepfdruecker sein.
– Drei, – rief Gott aus.

Pierre konnte nicht einmal mit der Wimper zucken, da gingen alle drei Wuensche in Erfuellung. Er fand sich in Paris in einer Vier-Zimmer-Wohnung wieder, in der die Haelfte der Leute seines Dorfes bequem Platz gefunden haette, als Angestellter einer grossen Firma mit einem ordentlichen Gehalt. Zudem fand Pierre als Bonus in seinem Kopf eine Menge Wissen und Faehigkeiten vor. Er konnte sich die Zaehne mit einer elektrischen Zahnbuerste putzen und wusste, dass er nun ein IT-Spezialist war; er verstand es, die Toilette zu benutzen und flink auf die Tasten zu h;mmern; er konnte das Auto steuern, das in der Tiefgarage auf ihn wartete, und konnte zusammenhaengend die Vorteile von Java gegenueber C++ erklaeren.
Pierre wunderte sich ueber die Allmacht Gottes und begann ein herrliches Leben. Er wurde korpulent, fand in einem Vorort eine ganz junge Freundin namens Jeanne, die Dinge beherrschte, die Pierre nicht einmal in seinem heissesten erotischen Traum haetten erscheinen koennen.
Und alles wurde wunderbar, doch seit einiger Zeit bemerkte Pierre die schiefen Blicke seiner Kollegen. Sie verstummten, wenn er naeher kam, und lachten hinter seinem Ruecken. Einmal belauschte er zufaellig ein Gespraech in der Kueche. Viele Male nannten Rene und Michael ihn dumm, bloed, einen hohlkoepfigen Idioten. Pierre entfernte sich lautlos einige Schritte und kehrte dann mit dem schurfenden Schritt eines Europaeers zurueck, der selbst eine taube Schildkroete aufwecken koennte. Rene und Michael verstummten. Pierre gruesste hoeflich, nahm eine Flasche Wasser und ging hinaus. Er hoerte hinter seinem Ruecken das ekelhafte Gekicher von Schakalen.
An diesem Tag verliess Pierre den Dienst frueher als gewoehnlich, und zu Hause erwartete ihn eine hoechst unangenehme Ueberraschung. Seine kleine Jeanne vergnuegte sich in seinem Bett mit einem gewissen dicken Herrn. Auf seine hitzigen Vorwuerfe hin erklaerte Jeanne frech, dass er ihr zu wenig Geld gebe, sie aber viel wolle, weshalb sie sich etwas dazuverdienen muesse.
Und das abyssinische Blut kochte auf. Und Pierre ergriff ein Kuechenbeil. Und die untreue Jeanne kreischte erschrocken auf. Und flinker als eine Schlange schluepfte sie aus der Wohnung. Pierre aber sank mitten im Zimmer auf die Knie.

– Herr, – flehte er und hob die Augen zur Decke, – hoere mich, Herr!
Das Gebet war heiss, es war ein aufrichtiges Gebet, und Gott hoerte es. Ein Stueck der Decke, genau dort, wo Pierres Blick ruhte, schmolz dahin. Aus der Oeffnung streckte Gott seinen Kopf heraus.
– Nun, was willst du noch?
– Alles ist falsch, o Herr! Alles ist falsch!
Batz! Gott befand sich ploetzlich ganz in dem Sessel gegenueber dem knieenden Pierre. Er nahm ein Stueck Putz aus seinem Ohr und legte es behutsam auf den Tisch.
– Erzaehl mir, was nicht stimmt.
– Ich habe vergessen, um Verstand zu bitten!
– Das kann ich nicht, – Gott breitete die Arme aus, – bei all meinem Verlangen, ich kann es nicht. Verstand wird bei der Geburt gegeben und durch langjaehriges Lernen entwickelt. Ich habe dir ohnehin schon mehr, als du erbeten hast, einen Haufen Wissen und Faehigkeiten installiert. Stell dir vor, wie du in Paris mit deinen Jaeger-Faehigkeiten gelebt und gearbeitet haettest.
– Dann bring mich zurueck, o Herr, – flehte Pierre, – zurueck auf den Pfad. Ich will Europa nicht, ich brauche nicht viel Geld, und es widerstrebt mir, ein Knoepfdruecker zu sein.
– Auch das kann ich nicht, – antwortete Gott verlegen, – dein Platz wird laengst von einem Europaeer eingenommen, und der will bisher nicht zurueck.
– Was soll ich nur tun, Gott! – Traenen stroemten ueber seine Wangen, liefen durch die Rinnen der Ritualnarben.
Gott laechelte traurig und streichelte Pierre zaertlich ueber das lockige Koepfchen.
– Bete, mein Sohn.
Und er loeste sich im umgebenden Raum auf, als waere er nie da gewesen.

Und die Moral von der Geschicht: Zu spaet, Sch;tzchen.


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