Die schreckliche Geschichte
Als die Buesche so hoch waren wie heutige Baeume, als jedes Graeslein, jedes Kraut und jedes Insekt meine Vorstellungskraft beschaeftigte, als die Sonne hell schien und die Tage grenzenlos schienen, als ... Kurz gesagt, als ich sieben Jahre alt wurde, geschah mir eine schreckliche Geschichte.
Kapitel eins.
Meine strenge Mutter entschied, dem damaligen Trend bei Kindern folgend, dass Mandeln ein ueberfluessiger Teil im Organismus des Kindes seien, dass sie den Prozess der Aufnahme von Schulweisheiten behindern wuerden, dass das Leben ohne sie froehlich und lustig sein wuerde. Und bald darauf fand ich mich im Krankenhaus der Stadt Dobropolje wieder.
Heute zerfleischen russische Adler in Tarnkleidung den Donbass mit ihren Klauen, mit langgezogenem Kreischen picken sie in die lebendige Leber meines Landes, heute kennt man die Geographie des Donezbeckens in den abgelegenen Doerfern Sibiriens, heute ... Und damals galt Dobropolje als der stillste Weiher des Imperiums. Man koennte sagen: ein медвежий угол (ein abgelegenes Nest), wenn der letzte Baer in unseren Gegenden nicht schon unter Hetman Sagajdatschny ausgerottet worden waere. Die blutige Orgie des heutigen Tages hat jedoch ueberhaupt nichts mit dem Gegenstand der Erzaehlung zu tun.
Kapitel zwei.
Ich landete in einem Krankenhauszimmer, das mit lobenswerter Bescheidenheit moebliert war. Zwei graue Fenster, eine weisse Tuer, vier Stahlbetten, bezogen mit blauen, kratzigen Decken, vier Nachttische, in denen man die von zu Hause mitgebrachten Leckereien aufbewahren konnte. Von der Mitte der Decke hing eine Gluehbirne an einer gedrehten Schnur herab. Abends spendete sie uns das noetige Licht. Uns – vier Jungen im Vorschulalter.
Zwei Tage verbrachten wir mit Spielen und der Erforschung des inneren Aufbaus der fremden und erstaunlichen Welt des Krankenhauses. Wir rannten durch den breiten Krankenhausflur, wenn die strengen Krankenschwestern durch ihre Teepausen abgelenkt waren, blickten in alle Winkel, rannten hinaus in den Hof, aber dort durften wir nicht spielen, um mit unserem gesunden Aussehen die Schwachen und Elenden nicht zu beschaemen. Manchmal waren unsere Entdeckungen unangenehm, manchmal amuesant.
Der Schmerz der anderen haftete nicht an uns. Wir besassen neue Arme, neue Beine. Nirgendwo tat etwas weh, und selbst die Mandeln hinderten uns nicht am Rennen und Springen.
Zwei Tage lang amuesierten wir uns, doch am dritten Tag geschah ES.
Kapitel drei.
Zuerst holten sie den weissblonden Saschko ab, und uns wurde strengstens befohlen: das Zimmer nicht zu verlassen, still und ruhig auf den Betten liegen zu bleiben.
Das Gespraech wollte nicht in Gang kommen. Es begann und erlosch sofort wieder. Wir sassen jeder auf seinem Bett, in einer fuer unser Alter ungewoehnlichen Erstarrung, und erwarteten mit Angst Saschkos Rueckkehr, denn wir wussten: Man hatte ihn nicht einfach nur zum Spritzen abgeholt, was an sich schon unangenehm war; man hatte ihn geholt, um mit ihm ES zu machen.
Was dieses ES war, wollte man sich gar nicht erst ausmalen, aber an Saschkos Aussehen wuerde man bestimmen koennen, wie schrecklich dieses ES war.
Eine qualvolle Ewigkeit verging, und im Flur waren schlurfende Schritte zu hoeren. Mein Herz begann ganz schnell zu schlagen. Die Tuer oeffnete sich, im Rahmen erschien die dicke Seite von Baba Dusja. Sie schwebte langsam zu uns ins Zimmer herein und drehte sich um. Hinter ihrer Seite hatte sich, wie sich herausstellte, Saschko versteckt. Es war schrecklich, ihn anzusehen. Blass, verschwitzt, mit geronnenem Blut in den Mundwinkeln. Baba Dusja setzte Saschko auf sein Bett, zauberte ein wenig an ihm herum, rueckte das Kissen zurecht und wischte das Blut ab. Sie richtete sich auf und sagte:
– Walera, komm mit.
Walera wollte nicht gehen. Er begann zu weinen. Das bewirkte nichts, also fing er an, sich gegen die bedraengende Baba Dusja zu wehren, aber auch das half nicht. Die Sanitaeterin packte den sich straeubenden Walera fest und schleppte ihn davon, um mit ihm ES zu machen.
Begleitet von Waleras schwindendem, hellem Geheul, versanken Aschot und ich in einem quaelenden Warten auf das Unvermeidliche.
„Nicht mich, nicht mich, – flehte ich jemanden an, keine Ahnung wen, jemanden, der alles kann, dem alles moeglich ist, – nur nicht mich. Lass Aschot den Naechsten sein.“
Muede vom Flehen, begann ich mir vorzustellen, wie gut es morgen oder sogar heute Abend sein wuerde, wenn dieses ES hinter mir laege. Ich versuchte, Saschko nicht anzusehen, aber mein Blick schweifte unwillkuerlich zu ihm. Er spuckte rosa Speichel in eine eiserne kleine Wanne.
Eine weitere Ewigkeit verging. Walera wurde gebracht. Er war so blass wie Saschko, sah aber munterer aus.
– Jetzt bist du dran, – sagte Baba Dusja und sah mich an.
Ich wollte – ehrlich gesagt wollte ich – stolz den Kopf erheben und mit festem Schritt hinausgehen, wie der Pionier-Junge aus dem Schulbuch meines aelteren Bruders, der zu seiner Hinrichtung ging. Stattdessen begann ich leise zu jaulen, genau wie Walera. Das bewirkte nichts, also fing ich an, mich gegen Baba Dusja zu wehren, aber auch das half nicht.
Kapitel vier.
– Wie heisst du, Junge? – fragte mich der Doktor, der in einen gruenen Kittel gehuellt war, welcher stellenweise mit braunen Flecken bedeckt war.
Ich nannte meinen Namen und versuchte dabei, den Mund nicht zu oeffnen.
– Mach den Mund auf. Ich schaue nur nach, was du da hast.
Ich glaubte ihm nicht, weil er eine Brille und eine Mullmaske vor dem Gesicht trug, weil seine Haende in Gummihandschuhen steckten und meine Haende am Stuhl festgebunden waren. Ich schwieg und presste die Zaehne fest zusammen. Keine Macht der Welt wuerde mich dazu bringen...
Hinter seinem Ruecken kam eine Frau hervor. Sie sah etwas weniger schrecklich aus als der Mann.
– Junge, – sagte sie zaertlich, waehrend sie sich zu mir hinunterbeugte, aber die rechte Hand hinter ihrem Ruecken hielt, – magst du Eis?
– Mach den Mund auf, – bat sie, – der Onkel Doktor schaut nur mal nach.
Ich oeffnete ihn. Mit einer schnellen Bewegung – gemein, verr;terisch – schob sie mir einen Gummiring in den Mund.
Ich spuerte einen Einstich im Gaumen, und nach wenigen Minuten begann die Operation.
Man nahm mir einen untrennbaren Teil von mir weg, und es war schmerzhaft, sehr schmerzhaft.
Kapitel fuenf.
Am Abend kam Mama. Sie sah schuldbewusst aus. Sie hatte Eis mitgebracht. Drei Packungen lagen im Koerbchen, umgeben von rauchendem Trockeneis.
Zum ersten Mal hatte ich mehr Eis, als ich essen konnte, und zum ersten Mal wollte ich es nicht. Stattdessen sehnte ich mich nach dem, was ich im Alltag eher zu vermeiden suchte. Ich wollte eine warme Frikadelle mit knuspriger Kruste, ein heisses Sueppchen oder zur Not eine Brotkruste.
Nachdem ich eine Portion gegessen hatte, gab ich die anderen zwei Saschko, zu dem niemand gekommen war. Ich gab sie ihm und beobachtete mit traurigem Neid, mit welchem Vergnuegen Saschko MEIN EIS verputzte.
Kapitel sechs.
Der schoene Sommer verging schneller, als mir lieb war. Wie kommt es in der Natur nur dazu, dass die Tage lang, aber der Sommer kurz ist? Ein Raetsel.
Eines Tages, Ende August, rannte ich, ganz verschwitzt vom Fussball, nach Hause, um kalten Quas zu trinken. Als ich am grossen Zimmer vorbeiging, das in unserer Familie nicht anders als „Saal“ genannt wurde, warf ich zufaellig einen Blick hinein und erstarrte.
An der Stuhllehne hing ein gebuegeltes Hemd von blendender Weisse. Unter dem Hemd schauten schwarze Hoeschen mit scharfen Buegelfalten hervor. Solche hatte ich noch nie getragen. Neben dem Stuhl standen neue schwarze Schuhe, die mir freundschaftlich Blasen am ersten Tag unserer Bekanntschaft versprachen. Und das ganze Stillleben wurde von einem blauen Ranzen gekroent, der frech auf dem Tisch thronte, als wollte er mir mitteilen, dass er von nun an der Herrscher ueber mein Leben sei.
Aus Grossmutters Zimmer kam Mama heraus.
– Warum bist du so erstarrt? – fragte sie, und nachdem sie meinem Blick gefolgt war, fuegte sie lachend hinzu: – Morgen geht es in die Schule, Schueler.
Diese einfachen Worte erschuetterten mich.
Natuerlich wusste ich, dass mir in diesem Jahr, noch vor der Kaelte, die Schule bevorstand, in der mein aelterer Bruder schon seit drei Jahren litt. Ich wusste es, aber aufgrund meiner natuerlichen Leichtfertigkeit beginne ich erst dann zu leiden, wenn das Unheil und die Unannehmlichkeit bereits an der Schwelle stehen oder diese gar schon ueberschritten haben.
Kapitel sieben.
In der Nacht hatte ich einen Traum, als ob ich – koerperlos und unsichtbar – ueber eine weisse Strasse floege. Ich musste meine ganze Aufmerksamkeit anspannen, um auf der vorgegebenen Hoehe zu bleiben. Sobald ich mich entspannte, tauchten auf der Strasse Huegel und Gruben auf. Sie kam naeher und versuchte mich zu verschlingen.
Mehrmals wachte ich schweissgebadet auf, schlief wieder ein. Und flog erneut ueber die weisse Strasse.
Am Morgen weckte mich Mama und beruehrte mit ihren Lippen meine verschwitzte Stirn.
– Du gluehst ja richtig, – sagte sie, – bist du etwa krank geworden?
Ich nickte zustimmend: Ja, ich war krank.
Sie ging hinaus, kehrte mit einem Thermometer zurueck und schob es mir unter die Achsel.
– Bleib liegen, – sagte sie besorgt.
Und sie ging in die Kueche, um mit den Toepfen zu klappern.
Nach der vorgeschriebenen Zeit kam Mama zurueck und nahm mir das Thermometer weg
– Siebenunddreissig fuenf, – sagte sie mit besorgter Stimme, – was ist nur los mit dir?
– Ich will nicht in die Schule gehen, – gestand ich mit klaeglicher Stimme.
– Ach, so ist das also, – laechelte Mama und zauste mir den Kopf, – steh auf, geh in die Kueche zum Fruehstueck.
Kein Bissen wollte durch meine mandellose Kehle hinuntergehen. Beim Fruehstueck versuchte Mama, mich von meinen kummervollen Gedanken abzulenken. Bis zu einem gewissen Grad gelang es ihr. Sie mass noch einmal die Temperatur und verk;ndete eine fuer mich aeusserst unangenehme Nachricht:
– Normal. Geh in den Saal, zieh dich fuer die Schule an.
Ich seufzte und schleppte mich in den Saal – um mich fuer die Schule anzuziehen.
Epilog.
Das ist sie also, die schreckliche Geschichte, die mir widerfuhr, als ich sieben Jahre alt wurde: Am ersten September ging ich in die Schule.
Meine Vorahnungen hatten mich nicht getaeuscht. Ich fand nichts Gutes in der Schule. Ja, natuerlich lernte ich lesen und schreiben, subtrahieren und multiplizieren; im Werken erwarb ich die Faehigkeiten, wackelige Hocker herzustellen; ich erfuhr schliesslich, dass es auf der Welt ein progressives sozialistisches Lager gibt und den kapitalistischen Westen, der hinter einer eisernen Mauer vor sich hin verrottet. Doch wurde ich durch dieses Wissen und diese Faehigkeiten gluecklicher?
Wenn es wahr ist, dass der Mensch sein ganzes kurzes Leben lang nach dem Glueck sucht, dann ist die Schule ganz sicher nicht der Ort, an dem man es finden kann.
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