Versteck mich, Mama

Die Eltern, die von uns gegangen sind, leben nur noch in unseren Traeumen. Solange wir hier sind, schreiten sie durch die Erinnerung, als unsichtbarer Schatten, als leichter Nebel neben uns her. Wenn wir gehen, was wird von ihnen bleiben? Wenn unsere Kinder gehen, wird auch unsere irdische Existenz erloeschen — alles, was uns einst bewegte, freute oder betruebte, alles, was uns wichtig und bedeutsam erschien und nach Verwirklichung verlangte —, wie die Funken eines Sommerfeuers, die in den Nachthimmel emporgeschleudert werden. Und es gibt fuer uns keinen anderen Weg als den in den Nachthimmel.
Mama. Die Wunde im Herzen durch ihren Abschied heilt nicht mit den Jahren.

Am fruehen Morgen schnitt ein Infanterie-Halbzug in lockerer Kette das Dorf vom Wald ab. Die Sonne hatte sich erst ein winziges Stueck vom Rand der Erde entfernt. Die Sonne hatte gerade erst ihre taegliche Reise ueber den blauen Himmel begonnen und versprach dem breiten Fluss, dem dichten Wald und den gruenen Feldern waermende Hitze. Ueber dem Fluss stieg Nebel auf. Seine grauen, vom Wind verwehten Fetzen leckten ueber den Boden und liessen auf dem Gras am Wegrand, auf den Halmen des jungen, noch schwachen Weizens, reichlich Tau zurueck. Das Gezwitscher der Voegel, die im Morgennebel unsichtbar blieben, klang dumpf und beunruhigend.
Punktlich zur festgesetzten Stunde hielten auf der holprigen Strasse vor der Kommandantur ein offener PKW, ein mit grauer Plane bespannter Armee-Lastwagen und ein Motorrad mit Beiwagen. Die Kommandantur — ehemals der Dorfsowjet und davor das stolze Holzhaus des „Blutsaugers“ Nikiforow, der im ersten Jahr der Kolchosen-Aera enteignet worden war — war im Laufe des vergangenen Jahrzehnts verfallen. Wo mochte dieser Ausbeuter Nikiforow sein? Vielleicht lebt er vergnuegt in kalten Regionen, vielleicht ist er laengst zugrunde gegangen und der Wind heult schon lange ueber seinem Grab, doch das Haus steht noch. Nicht mehr so stabil wie einst, aber es steht, nun ueberschattet von der Flagge mit dem unheilvollen, gebrochenen Kreuz.
Im Hof der Kommandantur erwarteten die zur Aktion eingetroffenen Deutschen bereits der Dorfaelteste, ein zotteliger Kerl, der irgendwie ganz naturlich vom Amt des Kolchosvorsitzenden in den Status des Dorfaeltesten gewechselt war, und der dorfliche Polizist, ein Trunkenbold und Unruhestifter, dem es gelungen war, die sowjetische Mobilmachung in den Waeldern auszusitzen. Der Dorfaelteste und der Polizist beugten sich synchron in tiefer Verbeugung und fegten mit ihren fettigen Muetzen den Schmutz von ihren Stiefeln.
Oberleutnant Olaf Schmidt verzog veraechtlich das Gesicht. Ihn irritierte die sklavische Unterwuerfigkeit der Wilden. Allerdings irritierte ihn auch die Widerspenstigkeit der Banditen, die sich in den Waeldern versteckten. Alles in diesem wilden Land irritierte den Oberleutnant. Die grimmige Kaelte, die staubige Hitze und die saure Zwischensaison, wenn die Strassen unpassierbar wurden. Vor allem aber irritierte ihn der Gestank, der von den Wilden ausging und von jenen Orten, die die Aborigines Latrinen nannten. Dennoch musste der Befehl zur Aktion ausgefuehrt werden.

Das Vaterland verlangte nach Sklaven. Die Ostfront saugte wie ein maechtiger Propeller die jungen, gesunden Maenner aus dem Reich und zermahlte sie. Wer Glueck hatte, kehrte ohne Arme, ohne Beine heim, zerschossen von Kugeln, zerfetzt von Splittern. Wer kein Glueck hatte, ruhte in fremder Erde. Einen Ersatz fuer die Arbeiter zu finden, die in den Kampf gegen den Bolschewismus gezogen waren, war nicht schwer. Das Problem wurde durch die Verschiebung von Arbeitskraeften aus den befreundeten Randgebieten des Reiches zu den Produktionsstaetten fuer Kanonen und Panzer geloest. Im Extremfall liess sich die Aufgabe auf Kosten von Kriegsgefangenen und eigenen Staatsbuergern loesen, die sich vor der Nation versuendigt hatten und sich zur Umerziehung in Konzentrationslagern befanden. Bei der Installation der letzteren Option kam es allerdings zu einer staendigen Kollision der Interessen des Reichswirtschaftsministeriums mit dem Reichssicherheitshauptamt. Doch die Differenzen waren nicht prinzipieller Natur. Sie entsprangen dem Wunsch sowohl Speers als auch Himmlers, sich vor dem Fuehrer hervorzutun, und der Konflikt konnte jederzeit durch das Eingreifen des Fuehrers geloest werden.
Mit den Kanonen herrschte in der Reichskanzlei volle Klarheit. Schwieriger gestaltete sich die Sache mit der Butter. Das Problem der Arbeitskraefte im deutschen Dorf liess sich nicht direkt loesen, da es mit der Ideologie und der nordischen Moral zusammenstiess. Solange die Maenner kaempfen, muessen die Frauen den Herd und vor allem die Ehre bewahren. Doch wie soll man sie bewahren, wenn im Stall ein junger slawischer Sklave herumlungert oder das Feld pfluegt, der nur davon traeumt, sich sexuell an der Herrin zu vergehen? Wenn der glorreiche Krieger auf Urlaub heimkehrt und seine Frau schwanger ist oder ein Kind hat? Er wird den Sklaven erschiessen, aber die Familie — das Fundament des tausendjaehrigen Reiches — wird ins Wanken geraten oder gar wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Um ein solches Szenario zu verhindern, entstand in den kalten Bueros der Reichskanzlei die Idee, auf slawische Maedchen zu setzen, die durch die Kolchosenordnung auf idealen Glanz poliert worden waren — anspruchslose, gehorsame Sklavinnen.

Der Dorfaelteste und der Polizist richteten sich auf und setzten ihre Muetzen auf, wodurch sie ununterscheidbar von jenen Banditen wurden, die Olaf seit zwei Jahren in den endlosen Waeldern jagte.
– Fruehstueck? – sagte der Dorfaelteste schuechtern und blickte den Offizier schmeichlerisch an.
Er hegte die zaghafte Hoffnung, das Gemuet des Herrn mit einem Spanferkel, mehligen Kartoffeln, Brotquas und — falls gewuenscht — mit starkem Selbstgebrannten zu besaenftigen.
– Otto, – sprach der Oberleutnant.
Otto trat vor, ein rothaariger Estlanddeutscher, der im Bataillon die Pflichten eines Dolmetschers versah.
– Der Herr Offizier, – sagte Otto nicht ganz fehlerfrei, aber durchaus verstaendlich, – wuenscht die Operation unverzueglich zu beginnen.
– Zu Befehl, mein guter Herr, – warf der Dorfaelteste ein.
– Jawohl, – sagte der Polizist.
– Du, – Otto deutete mit dem Finger auf den Dorfaeltesten, ohne die Ausrufe der dorflichen Obrigkeit zu beachten, – wirst mit dem Herrn Oberleutnant gehen. Du, – der Dolmetscher richtete den Finger auf den Polizisten, – wirst mit mir gehen.
Dabei entstand eine gewisse Unschluessigkeit in Ottos Verhalten. Er oeffnete eine Mappe aus braunem Leder mit der Praegung eines Adlers mit ausgebreiteten Schwingen.
– Wo ist der Dritte? – fragte er den Dorfaeltesten streng. – In der Anweisung steht, dass du drei Gruppen mit Fuehrern versorgen musst.
– Der Dritte ist erkrankt, – der Dorfaelteste zog den Kopf zwischen die Schultern, als ob man ihn schlagen wollte, – er hat es mit dem Magen.
– Schwein, – sagte Otto.
– Ganz genau, ein Schwein, Ewigkeit, – stimmte der Dorfaelteste zu.
Mit kurzen, energischen Saetzen begann der Dolmetscher dem Offizier zu uebersetzen. Diese Rede, gesaettigt mit gurgelnden und zischenden Lauten, erschien dem Dorfaeltesten Sidorkin schon immer eher wie Hundegebell als wie eine menschliche Sprache.
– Schweine, – bestaetigte Schmidt das Urteil, nachdem er Otto zugehoert hatte. Er fuegte hinzu: – Russische Schweine. Mach so.
– Wir machen… – Otto besann sich und wechselte in die Sprache der Eingeborenen, – wir machen es so. Der Dorfaelteste geht mit dem Herrn Oberleutnant, der Polizist geht mit Korporal Mueller.
Korporal Mueller schreckte auf, als er seinen Namen hoerte, und liess den Lauf seiner Maschinenpistole ueber den Hof der Kommandantur schweifen.
„Er wird schlagen“, – war der erste klare Gedanke, der durch den verkaterten Schaedel des Polizisten Fedot schoss.
– Ich gehe selbst, – fuhr Otto fort, – du wirst mir, – er blickte den Dorfaeltesten streng an, – den Weg zu dem Einsatzort zeigen.
– Zu Befehl, Herr, – der Dorfaelteste, froh dar;ber, dass es ihn diesmal nicht getroffen hatte, verbeugte sich tief.
Otto nahm ein Blatt Papier aus der Mappe und hielt es Sidorkin unter die Nase.
– Maedchen ist da?
Sidorkin starrte stumpfsinnig auf die auslaendischen gedruckten Buchstaben, die mal in kurzen Woertern dahinstapften, mal in langen Reihen folgten, und verstand nicht, was man von ihm wollte.
– In der Liste stehen sechs Personen, – erklaerte Otto. – Sind sie alle vor Ort?
– Die Deffki! – rief der Dorfaelteste mit grosser Erleichterung aus. – Die Maedchen sind da.
– Wo sollen sie denn auch hin!
Der Polizist entbloesste seinen lueckigen Mund. Dabei blies er den Deutschen den Geruch von vergorenem Fusel entgegen, vermischt mit einem suesslichen, fauligen Gestank. Otto verzog das Gesicht, Schmidt stiess die von Fedot verpestete Luft scharf durch die Nase aus.
– Na los, – sagte Otto, – davai, davai.
Etwa eine Stunde spaeter, unter Hundegebell und dem Geheul der Weiber, wurden vier ver;ngstigte Maedchen in den Hof der Kommandantur gebracht. Als dichte kleine Gruppe, sich gegenseitig hinter den Ruecken versteckend, standen sie an der Treppe. Jede hielt ein kleines Buendel mit ihrer armseligen Maedchenhabe und einem Kanten Brot fuer den weiten Weg in den Haenden. Etwas abseits, ausserhalb der bewachten Zone, hatten sich die Verwandten der Maedchen versammelt. Weiber und Kinder weinten laut auf. D;stere Greise bewahrten Schweigen.
Die aufgestiegene Sonne beleuchtete grell den staubigen Hof, die grauen Blockwaende und die in der Windstille herabhaengende Fahne. Das Banner warf einen dichten Schatten auf den Boden.

Die erste Welle von Arbeiterinnen „nach West“ bestand ausschliesslich aus Freiwilligen. Die Maedchen, gestrigen Kolchosbaeurinnen, reisten in Eisenbahnzuegen nach Europa, in aengstlicher Erwartung eines besseren Schicksals, da sie sich ein Leben, das schlimmer war als die aufreibende Arbeit fuer Arbeitsstunden-Striche, die halbhungrige Existenz, die Rechtlosigkeit und die Willkuer der staendig betrunkenen Dorfobrigkeit, nicht vorstellen konnten. Ihr Schicksal verlief unterschiedlich. Einige kamen in der Fremde um. Viele kehrten in das vom Krieg zerrissene Land zurueck. Nur einigen wenigen gelang es, dem engmaschigen Netz zu entkommen, mit dem die duestere sowjetische Heimat ihre Sklaven in allen Winkeln des Kontinents einfing. Sie liessen sich in Europa nieder oder reisten weiter – nach Amerika und Kanada. Sie hatten Glueck.
Im Herbst, naeher am Winter, des ersten, schrecklichsten Kriegsjahres, begann sich in der Masse des Volkes die Ueberzeugung festzusetzen, dass die Deutschen keineswegs Befreier waren, dass der deutsche Meerrettich noch bitterer schmeckte als der sowjetische Rettich. Sowjetische Agenten, die im Hinterland des Feindes zurueckgelassen worden waren, veruebten Sabotageakte auf den Strassen, toeteten deutsche Soldaten und Offiziere. Die Deutschen wiederum brannten den Widerstand mit ihrer ihnen eigenen Gruendlichkeit nieder. Untergrundkaempfer in einem fremden Land zu fangen, war eine schwierige Aufgabe, aber die Wilden, die in jeder Hinsicht das Naehrsubstrat fuer Terroristen waren, exemplarisch zu bestrafen, war fuer die Uebermenschen, die es gewohnt waren, Untermenschen zu vernichten, so einfach wie Brotbacken.
Der Strom der Freiwilligen, die zum Wohle des Reiches arbeiten wollten, versiegte gegen Ende des ersten Jahres. Gleichzeitig begannen die sowjetischen Menschen, die vom Befreiungsauftrag der Deutschen in der Masse enttaeuscht waren, ernsthaft zu kaempfen. Die Rote Armee hatte im Winter vor Moskau „das Rueckgrat der faschistischen Militaermacht gebrochen“, wie es in den Geschichtslehrbuechern fuer sowjetische Schueler hiess. Natuerlich hatte sie nichts gebrochen, wie sonst erklaert sich die Sommeroffensive bis zur Wolga und zum Kaukasus, die das Sowjetreich beinahe vernichtet haette. Aber zweifellos fuegte die Rote Armee der Wehrmacht eine Reihe schmerzhafter Niederlagen zu. Die deutschen Verluste an Menschenleben waren selbst fuer diesen an Verluste reichen Russlandfeldzug unglaublich hoch. Die Schlacht bei Moskau verursachte im Reich eine Mobilisierung, die wiederum einen akuten Mangel an Arbeitskraeften schuf. Das Defizit auf dem Lande musste dringend durch slawische Sklavinnen ausgeglichen werden, damit die Bevoelkerung des Reiches die Lasten des Krieges nicht mit leerem Magen spuerte. Doch die Sklavinnen wollten nicht mehr freiwillig ins Reich fahren. Und dann entwickelte die Regierung ein verwaltungsinternes Programm zur Zwangsanwerbung slawischer Maedchen fuer das deutsche Dorf, wobei gleichzeitig das Einberufungsalter der Maedchen auf zwoelf Jahre gesenkt wurde.

Fjokla fegte den Hof. Waehrend sie beobachtete, wie Staubpartikel gleich Smaragden in einem schraegen Sonnenstrahl funkelten, der durch das noch junge, lichte Laub der Birke drang, dachte sie traege:
„Warum bellen die Hunde heute Morgen so? Ist jemand gestorben oder schleppen die Deutschen wieder Huehner aus den Hoefen?“
Ihr gemuetliches Betrachten wurde von einem Ausruf unterbrochen:
– Tante Fjokla!
Fjokla sah sich um. Am wackeligen Gartentor stand die Freundin ihrer Tochter.
– Wo ist Tanja?
– Dir auch einen guten Tag, Klawa.
– Oh! Guten Tag, Tante Fjokla. Wo ist Tanja?
– Im Stall, – Fjokla nickte in Richtung des niedrigen Gebaeudes, das mit einer Seite eng am Haus lehnte. – Warum bist du so ausser Atem?
Klawa antwortete nicht. Sie stuerzte Hals ueber Kopf in den Stall.
Tanja molk Burenka. Duenne Strahlen klangen lustig gegen die Waende des Eimers, und wenn sie in die Milch trafen, blubberten sie und warfen Schaum auf. Durch den Schaum schien es mehr Milch zu sein. Burenka war alt geworden. Sie gab nur noch wenig Milch. Der Vater drohte schon lange, sie unter das Messer zu bringen, aber die Mutter weigerte sich, denn wie sollte man ganz ohne Kuh auskommen. Und Tanja tat Burenka leid. Selbst wenn sie gar keine Milch mehr gaebe — schau sie dir an: gross, warm, gutmuetig. Tanja streichelte die Kuh zaertlich am Bauch.
– Tanja!
Tanja laechelte. „Das ist die verrueckte Klawa.“
– Ich bin hier, Klawa.
– Tanja, – Klawa rannte herbei und hockte sich neben Tanja hin. – Die Deutschen sind gekommen, – fluesterte sie.
– Na und, – Tanja schob sich eine dunkle Haarstraehne hinter das Ohr, – sie sind gekommen und sie werden wieder gehen.
– Sie nehmen die Maedchen mit nach Deutschland.
Tanja zuckte die Achseln.
– Sweta Senzowa haben sie mitgenommen.
– Sweta! – rief Tanja aufgeregt aus, – sie ist doch… sie…
– Unser Jahrgang, – half Klawa nach.
Tanja stand von der Bank auf und stellte den Eimer beiseite. Muuu – mochte Burenka, unzufrieden mit dem unterbrochenen Melken.
– Mama! – Tanja trat aus dem Stall und ging auf ihre Mutter zu, – die Deutschen sind im Dorf.
Klawa folgte ihr.
– Was fuer eine Neuigkeit.
Fjokla lehnte den Besen an den Zaun und rueckte ihr Kopftuch zurecht, das ihr in die Stirn gerutscht war.
– Mama, sie nehmen die Maedchen mit nach Deutschland.
– Warum seid ihr so aufgeregt? Ihr seid noch zu jung, um als Maedchen zu gelten.
– Nein, Mama, – Tanja stampfte auf, – nicht zu jung. Sweta Senzowa haben sie mitgenommen.
– Njurkas Tochter?
Die Maedchen nickten gleichzeitig. Fjokla erblasste.
– Lauft durch den Garten in den Wald, – befahl Fjokla nach kurzem, angespanntem Schweigen.
– Man kann nicht in den Wald! – rief Klawa, den Traenen nahe, – die Deutschen haben dort einen Hinterhalt gelegt.
Fjokla liess ihren Blick langsam ueber das Gehoeft schweifen. „Dachboden, Erdkeller, Stall, Plumpsklo“, – fieberhaft ging sie die moeglichen Verstecke durch.
– Also, Deffki, – Fjokla hatte eine Idee, – in den Stall, ins Heu.
Fjokla versteckte die Maedchen im Heuhaufen. Sie brachte den Eimer ins Haus und kehrte in den Stall zurueck. Kritisch musterte sie den Heustoss. An einer Stelle r;ckte sie ihn zurecht. Als sie hinausging, segnete sie das Heu und Burenka mit dem Kreuzzeichen.
Im Hof begann Fjokla, die Huehner zu rufen.
„Zipp-zipp-zipp“, – lockte sie z;rtlich und streute Hirse auf den Boden, – „zipp-zipp-zipp“.
Die Huehner kamen aus ihren Verstecken hervor. Viele ihrer Schwestern hatten die grauen, nach Pulver riechenden Menschen mitgenommen. Fast alle. Es waren nur noch drei uebrig geblieben, ver;ngstigt bis in die Markknochen. Zwischen den Hirse pickenden Gefaehrtinnen schritt stolz ein Hahn mit einem bunten, praechtigen Schwanz einher.
Aus dem Augenwinkel sah Fjokla, wie vier Deutsche, gefuehrt vom Dorfaeltesten, die staubige Strasse entlangkamen. Unbewusst wollte sie – hoffte sie –, sich mit den Huehnern freizukaufen, aber nein. Diesmal waren die Deutschen nicht wegen der Voegel gekommen, sondern wegen der Menschen.
Nun traten sie durch das Gartentor.
– Guten Tag, Fjokla, – gruesste der Dorfaelteste.
– Guten Tag, Nikifor Jemeljanowitsch, – antwortete Fjokla.
Der Offizier zuendete sich eine duenne Zigarette an. Die Huehner und der Hahn pickten weiter das Korn, da die grauen Menschen keine Absicht zeigten, sie zu packen.
– Und wo ist Nil? – fragte der Dorfaelteste.
– In der Stadt, – Fjokla schuettelte die Reste der Hirse von den Haenden ab, – du hast ihn doch selbst gestern hingeschickt.
– Ach ja, stimmt, stimmt. Und wo ist deine Tochter?
„Da ist es. Sie sind wegen ihr gekommen, diese Teufel.“
– Die treibt sich irgendwo rum. Gestern war sie noch bei den Nikitins.
Der Dorfaelteste drohte Fjokla mit dem Finger.
– Bei den Nikitins ist sie nicht. Sag schon – wo ist deine Tochter?
Fjokla stemmte die Haende in die Hueften.
– Ich sage es dir auf Russisch: Sie ist nicht da. Sie rennt irgendwo herum.
– Was? – fragte der Oberleutnant unzufrieden, da er in dem Verhalten der Wilden Unordnung sah.
Der Dorfaelteste wandte sich dem Offizier zu und breitete hilflos die Arme aus.
– Russische Schwein!
Der Offizier holte aus und schlug dem Dorfaeltesten heftig ins Gesicht. Dieser stuerzte zu Boden. Der Oberleutnant wandte sich zu den Soldaten um.
– Sucht sie, – befahl er, – du, – er deutete mit dem Finger auf den Gefreiten Schilke, – in den Stall. Ihr beide, – er blickte die anderen zwei Soldaten an, – ins Haus. Na los!
Heiser bellte der Kettenhund Schulka. Der Offizier oeffnete das Holster und holte seine Pistole heraus. Schulka verkroch sich in seine Huette. Die Huehner versteckten sich irgendwo. Die Sonne schob sich hinter eine Wolke, die wie aus dem Nichts am Himmel aufgetaucht war.
Die Maedchen hoerten die dumpfen Stimmen im Hof, und dann hoerten sie, wie jemand den Stall betrat.

Hans Schilke betrat das Kuhhaus. Hier roch es uebel nach den Ausscheidungen grosser Tiere. Den Boden bedeckten trockene Getreidehalme. Nachdem er seine Brille zurechtgerueckt hatte, musterte Schilke sorgfaeltig den Raum. Eine dicke Kuh, anscheinend friedlich, eine Bank einen Meter von der Kuh entfernt. In einer Ecke waren landwirtschaftliche Geraete angesammelt: zwei Schaufeln, eine Bauernmistgabel, noch ein Werkzeug, das wahrscheinlich fuer die Bodenbearbeitung bestimmt war. In der anderen Ecke – ein grosser Haufen trockenen Grases. Sonst nichts.
Theoretisch konnte sich in dem ihm zugewiesenen Raum ein Mensch nur im Gras verstecken. Hans beschloss, die bei ihm entstandene Hypothese experimentell zu bestaetigen oder zu widerlegen. Das Experiment bestand darin, die linke Seite, die Mitte und die rechte Flanke des Haufens mit dem Bajonett zu testen.
Sich an die balkengetreue, schimmelbedeckte Wand drueckend, passierte Schilke die Kuh. Tiere liebte Schilke nicht, insbesondere Kuehe. Im zarten Alter von fuenf Jahren, auf dem Bauernhof seiner Grossmutter, hatte ihn eine Kuh im Gesicht abgeschleckt. Dieses unbedeutende Ereignis hatte den kleinen Hans so sehr erschuettert, dass er zu stottern begann und ins Bett machte. Erst mit zwoelf Jahren war Hans das Stottern und die Enuresis halbwegs losgeworden.
Kuehe liebte Schilke nicht. Er liebte die theoretische Physik, und von den Arbeiten Bohrs und Plancks war er einfach begeistert. Schilke war noch vor kurzem ein vielversprechender Student der Berliner Universitaet gewesen. In diesem Status gehoerte er zur Gruppe des beruehmten Professors Rothenberg. Ein halbes Jahr lang, in seinem letzten Studienjahr, leitete er einen Teil des Themas zur Gewinnung von reinem Graphit, aber... Aber Professor Rothenberg erwies sich als ein getarnter Jude. Der Professor verschwand aus der Universitaet und ueberhaupt aus dem Leben, und die Gruppe, nachdem sie den „Entarteten“ kollektiv gebrandmarkt hatte, zerstreute sich in alle Richtungen. Schilke jedoch, um sein Vergehen gegenueber der nordischen Nation zu nivellieren, landete an der Ostfront.
Schilke machte sich bereit, setzte ein bestialisches Gesicht auf, wie es ihn Korporal Rilke gelehrt hatte (im Grunde ein muskuloeser Idiot, aber dem Werk des Reiches bedingungslos ergeben), und stiess in die linke Seite des Haufens.
Das breite Messer drang mit einem leisen Rascheln in das getrocknete Gras ein. Die Spitze der Klinge passierte Klawas Wangen nur einen Millimeter entfernt, wobei sie eine Haarstraehne zur Seite schob und teilweise abschnitt. Mit einem leisen Seufzer verlor Klawa das Bewusstsein und liess ihren Kopf auf Tanjas Schulter sinken.
„Schrei nur nicht, schrei bloss nicht“, – flehte Tanja innerlich, – „schweig, schweig.“
Schilke machte sich fuer den zweiten Stoss bereit, als er ploetzlich hinter seinem Ruecken ein dumpfes Klopfen hoerte. Er sah sich um.
Die Kuh stampfte erneut mit dem Vorderbein, stiess laut die Luft aus, senkte den Kopf mit den von der Zeit abgenutzten Hoernern und bewegte sich langsam auf Schilke zu, schweigend und schrecklich, wie in jenen Kindheitstraeumen, von denen der kleine Hans sich nur befreien konnte, indem er seine Blase entleerte. Schilke sammelte seinen ganzen nordischen Willen, um vor Entsetzen nicht aufzuschreien. Er richtete das Bajonett auf die Kuh. In seiner aeussersten Erregung vergass Schilke voellig, dass ein Karabiner nicht nur sticht, sondern auch schiesst. Die Kuh blieb stehen. Das Bajonett befand sich genau zwischen ihren Hoernern und beruehrte fast die gewoelbte Stirn.
Schilke begann sich wegzudrehen. Die Kuh folgte seiner Kreisbewegung. Nachdem er sich gedreht hatte, begann Schilke mit dem Ruecken zum Ausgang zurueckzuweichen. Die Kuh blieb neben dem Grashaufen stehen. Offensichtlich beabsichtigte sie nicht, ihn zu verfolgen.
Am Ausgang atmete Schilke tief durch, unterdrueckte so gut es ging das Zittern in Haenden und Beinen, rieb sich die Wangen, damit die Blaesse verschwand, und trat hinaus, den Karabiner geschultert.
Als er auf den Oberleutnant zuging, hatte Schilke sich fast beruhigt.
– Gibt es? – fragte ihn der Offizier.
Schilke nahm vor ihm Haltung an.
– Niemand, – meldete er das Ergebnis der Suche.
– Gut.
Bald darauf kamen die Soldaten aus dem Haus. Auch dort hatten sie niemanden gefunden. Die Deutschen zogen ab.
Der Dorfaelteste drohte Fjokla im Weggehen mit der Faust.
– Das wirst du noch bereuen, Kusminitschna, – versprach er.


Fjokla folgte den Deutschen mit den Augen, bis sie hinter der Strassenbiegung verschwanden, dann betrat sie den Stall.
– Wie geht es euch? – fragte Fjokla und kraulte Burenka hinter dem Ohr.
– Gut, Mama, – antwortete die Tochter, – nur Klawa ist ganz hinf;llig geworden.
– Mir geht es schon gut, – Klawas Stimmchen war schwach, – ich glaube, ich habe mich vor Angst nass gemacht.
Aus der Tiefe des Heuschobers ert;nte ein nerv;ses Lachen, wie es Menschen eigen ist, die gerade erst einen t;dlichen Schrecken ueberlebt haben.
– Seid still, – herrschte Fjokla sie an, – sie koennten zurueckkommen.
Nach einiger Zeit stieg eine rote Rakete in den Himmel, dann war Laerm zu hoeren. Er schwoll an. Fjokla ging zur Nachbarstrasse, um nachzusehen, und das gerade rechtzeitig. Vorne fuhr ein Motorrad, dahinter ein offener Wagen und dahinter – ein grosser Lastwagen mit Plane. Hinter dem Lastwagen rannten Jungen und Hunde her, mit etwas Abstand rannten die Weiber, und mit noch groesserem Abstand hinkten die Greise. All dies droehnte, jaulte und roehrte mit allen Stimmen. Das Motorrad beschleunigte, die Wagen fuhren schneller. Die Jungen, die nicht mehr mithalten konnten, blieben stehen. Die weinenden Weiber blieben stehen, die Greise blieben stehen. Allmaehlich beruhigte sich das Dorf wie ein zerstoerter Ameisenhaufen.
Fjokla kehrte zurueck. Sie ging in den Stall.
– Kommt raus, Maedchen. Sie sind weg.
Tanja und Klawa krochen aus dem Heu. Sie umarmten Fjokla von beiden Seiten. Und eine solche Verwandtschaft zog in ihre Seelen ein, eine solche Einigkeit, wie sie nur zwischen einer Mutter und ihrem Neugeborenen besteht. So standen sie an der warmen Flanke von Burenka, bis der Hahn auf der Jagd eine Henne in den Stall trieb und sie neben dem Pflug bestieg.
– Was fuer ein Schlingel, – lachte Fjokla, – fuer die einen ist Krieg, und er hat nur das Eine im Kopf. Kommt, Maedchen, gehen wir ins Haus. Trinken wir Milch.

P.S. Der Dorfaelteste machte seine Drohung wahr. Im Herbst, waehrend des Rueckzugs, rekrutierte er Fjokla fuer den deutschen Tross. Von dieser Reise brachte Fjokla ein Rheuma mit, das sie all die ihr von Gott geschenkten Jahre quaelte. Doch kein einziges Mal in vierzig Jahren hat sie es bereut.


Ðåöåíçèè