Die Seife wusch Mila lieb
„Kolibris. Woher sollen in unseren noerdlichen Breitengraden Kolibris kommen? Kugeln gleichen eher erzuernten Bienen, den Anthophila aus der Unterordnung der Taillenwespen. Meine Kameraden im Regiment kennen solche Begriffe nicht einmal. Es gibt niemanden, mit dem man reden kann. Man kann nur herumscheissen oder die Lage melden. Du laesst dich haengen, Danilow. Du bist selbst schuld an deinem Unglueck. Du haettest vor Milotschka nicht so angeben sollen. Du haettest nicht den Helden spielen und im Wehrkreiskommando mit der Faust auf den Tisch hauen sollen, um die sofortige Entsendung an die Front zu fordern. Jetzt hast du es davon, verdammt. Dabei haettest du mit dem Institut irgendwohin nach Mittelasien evakuiert werden koennen. Andererseits, wer konnte wissen, dass alles so schrecklich werden wuerde? Die Fuehrer versprachen doch: mit wenig Blut und auf fremdem Territorium. Ich hatte Angst, zu spaet zu kommen. Nun sitz hier im Graben, und Milotschka bekommt dieser unverschaemte Gordejew. Und dabei war alles so lieb.“
Danilow erinnerte sich an den letzten Friedenstag. Diesen Tag hatte Danilow mit Milotschka Jegorowa verbracht, einer Laborantin aus der Abteilung fuer Pflanzenbau. Schon seit einem Monat hatte Danilow Milotschka seine Liebe gestanden und die Zusicherung einer Gegenliebe erhalten. Mila – ein braves Maedchen und eine echte Komsomolzin – wartete den ganzen Tag auf Danilows Antrag. Ein Spaziergang auf dem Newski-Prospekt. Bootfahren. Caf;. Eiscreme. Danilow konnte sich einfach nicht entscheiden und enttaeuschte Milotschka. Er verschob die Erklaerung auf morgen, doch am Morgen brach der Krieg aus.
Um sich von den herzzerreissenden Erinnerungen abzulenken, steckte Danilow seine Muetze auf einen eleganten Gehstock, Gott weiss, wie dieser in den Schuetzengraben geraten war, und hob ihn ueber die Brustwehr.
– Wschik, – sagte die Kugel und schlug in den Erdwall ein.
– Phew, – pfiff die zweite und durchbohrte die Muetze.
– Sie haben sich eingeschossen, die Bastarde, – murmelte Danilow und betrachtete das Loch kurz oberhalb des Sterns.
Aus dem Loch kroch eine riesige Laus auf den Stern, so ruhig wie die Paradestute von Marschall Budjonny, dem ersten Reiter des Landes der Sowjets.
„Sich mal waschen koennen, – dachte Danilow und zerquetschte die Laus mit einem schmutzigen Fingernagel auf dem Stern, – die dritte Woche ohne Bad. Wir sind alle verlaust.“
Sich unter dem Schutz der Brustwehr bueckend, erreichte der Gefreite Sachno Danilow. Er lehnte sich an die Erdwand und liess sich mit einem Rascheln auf den Boden des Grabens gleiten, der vom ersten Frost gepackt war.
– Wie ist die Lage, Professor?
Sachno war ein wenig betrunken und nervoes-heiter.
– Sie haben sich eingeschossen, das Pack, – antwortete Danilow. – Wo hast du dir denn einen hinter die Binde gegossen?
– Man muss wissen, wo.
Sachno wirbelte mit den Fingern in der Luft und deutete an, dass die geheimnisvollen Orte, an denen man zusaetzliche Wodka-Rationen bekam, nicht jedem zugaenglich waren.
– Sag es mir, dann weiss ich es auch.
– Hast du gehoert, Professor, – wechselte Sachno das Thema, – Schukow ist bei uns eingetroffen. Dieser Vampir wird unser Blut saufen.
– Vielleicht ist das nur Gerede.
Sachno holte einen Tabakbeutel und ein Stueck der Zeitung „Roter Stern“ hervor und drehte geschickt eine dicke Selbstgedrehte. Den Mantelzipfel schuetzend gegen die Windstoesse haltend, zuendete er sie an.
– Vielleicht ist es nur Gerede, – sagte Sachno und stiess eine dichte Rauchwolke aus, – aber warum zum Teufel hat unser Oberst es so eilig, uns gegen die Maschinengewehre zu werfen. Wir sind sowieso nur noch ein winziger Rest.
– Also wird es einen Angriff geben?
– Es wird einen geben, Professor, zweifle nicht daran. Hinten hat das NKWD einen Kordon aufgestellt.
Danilow kratzte sich an der stoppeligen Wange.
– Eine Sperrabteilung – das ist ein ernstes Argument.
– Und ob, – sagte Sachno grimmig, – wir werden es diesen Faschistenschweinen geben, wenn wir es bis zu ihnen schaffen.
– Lass mich mal ziehen, du Raecher.
– Zieh mal, Professor.
Danilow nahm gierig einen, zwei, drei Zuege vom starken, bitteren Rauch.
– He, he, Danilow, lass den Leuten auch noch was. Du weisst ja selbst, – sagte Sachno fast entschuldigend, als er die Selbstgedrehte zuruecknahm, – eine Zigarette nicht zu Ende rauchen ist wie eine Frau nicht zu Ende voegeln.
– Kompaaanieee! – erscholl die helle Stimme des Kompaniefuehrers Leutnant Sergejew hinter der Biegung des gewundenen Grabens, des einzigen Offiziers, der noch im Dienst war, – Waffen pr;fen!
Die Verschl;sse klickten. Danilow trieb eine Patrone in das Patronenlager seines Mossin-Nagant-Gewehres, Modell 1891. Sachno nahm einen schnellfeuernden deutschen Karabiner von der Schulter.
– Was habe ich dir gesagt?
Danilow schwieg.
Nachdem sie die Helme auf die Brustwehr gelegt hatten, blickten sie vorsichtig ein wenig aus dem Graben. Die Deutschen schossen nicht. Das graue russische Feld, der niedrige russische Himmel warteten traurig auf den toedlichen Kampf. Sogar der Wind, der seit dem Morgen die Kaelte herangetrieben hatte, war verstummt und hatte sich im nahen grauen Wald verkrochen.
– Die Deutschen sind still geworden, – sagte Sachno.
– Sie warten auf uns, – sagte Danilow.
– Wie viele Patronen hast du? – fragte Sachno.
– Drei, – antwortete Danilow.
– Nimm noch drei, – sagte Sachno und gab Danilow die Patronen.
– Danke, Wiktor.
– Wir werden auf der jenseitigen Welt abrechnen.
– Kompaaanieee! – schrie Leutnant Sergejew gellend, – bereitmachen zum Angriff!
– Du bist gar nicht so uebel, Danilow, obwohl du ein Professor bist. Andere verstecken sich in den Staeben, aber du bist bei uns.
– Kompaaanieee! – rief der Leutnant herausfordernd und zugleich ver;ngstigt, – Angriff!
Er sprang als Erster aus dem Graben. Die duenne Kette erhob sich. Die Deutschen schossen nicht, lockten die Russen weiter weg vom rettenden Graben.
„Wir sind wenige, – dachte Danilow, waehrend er im Laufen die Kette mit einem Blick streifte, – von der Kompanie kommt wohl kaum ein Zug zusammen.“
Leutnant Sergejew rannte dreissig Meter weit. Er drehte sich halb zu den Soldaten um, hob wie auf einem Plakat die Pistole, als wollte er vor dem Divisionskommandeur und dem Frontbefehlshaber gl;nzen, die aus dem Unterstand hinter dem Kordon mit Fernglaesern den Untergang der russischen Menschen beobachteten.
– Wo ist die Artillerie? – fragte Schukow, ohne den Blick vom Fernglas abzuwenden.
– Herr Armeegeneral, – der Oberst erblasste, – es gibt keine Granaten. Ich habe es gemeldet.
– Ich frage dich, du Faschistenschwein: Wo ist deine Artillerie?
– Herr Armeegeneral…
Schukow nickte kaum merklich. Von hinten sprangen zwei junge, froehliche NKWD-Leute herbei und verdrehten dem „Saboteur“-Oberst die Arme.
– Erschiessen Sie den Verraeter, – warf Schukow hin und hob das Fernglas wieder vor die Augen.
– Fuer die Heimat! – schrie der Leutnant. – Fuer Sta… – eine deutsche Kugel brach den Schrei von Leutnant Sergejew ab.
Die Deutschen hatten den Beginn der Vernichtung der lebendigen Kraft ein wenig verpasst und versuchten nun, die Verzoegerung mit dichtem Feuer wettzumachen.
Danilow schoss im Laufen, lud nach, schoss, lud nach.
Ein Maschinengewehr ratterte los und maehte den rechten Fluegel des Angriffs nieder.
Ueber dem feindlichen Graben erhob sich ein Deutscher mit einer Granate in der Hand. Danilow schoss, ohne zu zielen. Der Deutsche stuerzte mit ausgebreiteten Armen in den Graben. Eine Explosion erfolgte. Sie schleuderte einen Kegel aus blutgetraenkter Erde aus dem deutschen Graben hervor.
Eine andere Granate huepfte auf, schlug auf den gefrorenen Boden und explodierte. Ein heisser, scharfer Splitter drang Danilow in den Bauch. Er griff nach der klaeffenden Wunde, liess das Gewehr fallen, stuerzte auf die kalte Erde und erstarrte mit angezogenen Knien.
Neben ihm legte sich der einfache Soldat Sachno nieder. Splitter hatten ihm den halben Kopf weggerissen.
Die ersten rosa Schneeflocken wirbelten herab und legten sich leise auf das verwelkte Gras, auf Sachnos totes Gesicht, auf sein weisses, noch warmes Gehirn.
Danilow erwachte durch einen stechenden Schmerz. Vor seinem Blick trieb der Himmel vorbei, ueberzogen von einem grauen Schleier. Der Himmel schwankte von einer Seite zur anderen, von einer Seite zur anderen, von einer Seite... An einer Stelle taute der Schleier auf. In die Oeffnung blickte die gelbe Sonne, die wie eine franzoesische Seife aussah. Kurz vor dem Krieg hatte Danilow franzoesische Seife bei einer Kollegin gesehen, die kuenstlerischen Kreisen nahestand. Sie roch nach einem anderen Leben, ohne Sch;dlinge und ohne die tierisch grausamen Parteiversammlungen, ohne Subbotniks und ohne die in die Haut eingefressene Angst. Die Seife roch nach Sorglosigkeit und Sonne. So mussten wohl die geheimnisvollen Spielereien riechen, die von den Fuehrern so gehasst wurden.
An jenem Abend hatte Danilow eine beruehmte Dichterin kennengelernt. Sie las ihre Gedichte vor. Dunkle Zeilen beunruhigten die Seele. Anna Andrejewna liess die Worte fallen, wie dicke Blutstropfen in die Stille tropften.
Die vorangehende Sanitaeterin stolperte und ruckte heftig an der Trage. Danilow stoehnte auf.
Die vorangehende Sanitaeterin stolperte und ruckte heftig an der Trage. Danilow stoehnte auf.
– Sei vorsichtiger! – herrschte die aeltere Sanitaeterin sie an.
– Es war keine Absicht, Lidia Sergejewna, – rechtfertigte sich die junge Sanitaeterin, – ich bin umgeknickt.
– Halt an, Walja, – befahl Lidia Sergejewna, – setz die Trage ab. Ihm geht es nicht gut.
„Danilow“, – sagte die Sonne, die sich in einem Augenblick von der Seife in das liebe Gesichtchen von Milotschka Jegorowa verwandelte, – „wirst du dich endlich entscheiden, mir einen Antrag zu machen?“
„Ja, ja“, – wollte Danilow sagen, – „ich werde einen Antrag machen. Nur noch ein wenig Kraft sammeln.“
Er sammelte seine Kraefte und hauchte mit einem letzten, langgezogenen Atemzug seine Seele der Sonne entgegen.
– Er hat es ueberstanden, der ;rmste, – sagte Lidia Sergejewna und nahm ihr Ohr von Danilows Lippen weg.
– Was hat er gesagt? – fragte Walja.
– Er hat phantasiert, – zuckte Lidia Sergejewna die Achseln, – mal verlangte er nach Seife, mal rief er nach irgendeiner Mila. – Sie bekreuzigte Danilow mit einer ausladenden Bewegung. – Pack ihn an den Beinen, Walja.
– Lidia Sergejewna, – fluesterte Walja erschrocken, – lassen wir ihn etwa hier liegen?
– Ach, Maedchen, – seufzte Lidia Sergejewna schwer, – wir muessen die Lebenden ins Lazarett bringen, schau nur, wie viele von ihnen dort auf dem Feld auf uns warten. Um die Toten soll sich der Herrgott kuemmern. – Mit einer leichten Bewegung schloss sie Danilows leere Augen. – Vielleicht finden sich gute Menschen, die ihn begraben. Vergib uns, Soldatchen.
Es war November einundvierzig. In der operativen Richtung Wolokolamsk fanden Kaempfe von oertlicher Bedeutung statt.
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