Der Alte Petrow
Flugzeuge nisten auf Flugplaetzen. Fluegellose Menschen sammeln sich in Flughaefen. Irgendwie muessen sie zusammenkommen.
Wegen der Ursache «Wetter, verdammt nochmal» wurde der Flug nach Tschita mit der Option «weiss der Geier wann» verschoben. Der gesamte Osten war von Unwetter bedeckt. Auf Kamtschatka tobte ein Schneesturm. Wladiwostok stand im Nebel. Der Baikal wurde von Regen gepeitscht. Die Kaltfront drang in Keilen bis Krasnojarsk vor und wurde dort vom maechtigen Atem der russischen Ebenen gestoppt. Der Zyklon begann nach Sueden abzudriften, Richtung China und Indonesien, um bald am Dach der Welt zu zerschellen und endgueltig von der heissen tropischen Sonne zerstreut zu werden.
Das Flugverbot-Wetter verwandelte Domodedowo in ein Zigeunerlager. Es fehlten nur noch Lagerfeuer und heidnische Taenze zu Gitarrenklaengen. Alle anderen Elemente eines Lagers waren vorhanden: Enge, Schmutz, Gestank, laermende Kinder.
Mit dem federnden Schritt eines erfahrenen Soldaten marschierte Unteroffizier Petrow durch die dichte Menge zu den Fahrkartenschaltern des Flughafens. Als er naeher kam, bemerkte Petrow fluechtig, dass es an den Kassen keine Warteschlangen gab — jenes sichere Zeichen fuer das Vorhandensein von Waren. An jedem Fenster standen nur zwei bis drei Personen, aber das war doch keine Schlange. Einmal, in seinem Dasein vor der Zeit als Unteroffizier, hatte Petrow eine Schlange fuer Jeans gesehen. Sie begann im Epizentrum der Jeans-Explosion im dritten Stock des GUM und zog sich wie eine Schlange bis an die, wie es schien, auessersten Raender der weiten Heimat Petrows hin.
Ein Marineoffizier legte von Kasse Nummer drei ab. Petrow salutierte, als der Offizier an ihm vorbeiging. Der Kapitaen dritten Ranges bemerkte weder Petrow noch den erwiesenen Gruss. Auf seinem tapferen, von einem praechtigen Schnurrbart verzierten Gesicht waren Ratlosigkeit und Bestuerzung zu lesen, als ob eine kampfbereite Fregatte mit gesetzten Segeln in See gestochen waere und ihn, den Kapitaen dritten Ranges, auf der verdammten Erde zurueckgelassen haette. Das Fahrwasser vor Kasse Nummer drei war frei von Konkurrenten, und Petrow beeilte sich, den guenstigen Umstand zu nutzen.
Hinter dem Glas sass ein huebsches Maedchen. Ein dichter roter Pony bei kurzem Haarschnitt und eine weisse Uniformbluse verliehen ihr Aehnlichkeit mit einer Pionierleiterin, deren Berufung es ist, in jungen Seelen zu jedem Anlass Enthusiasmus zu entfachen. Durch irgendein boeses Missverstaendnis war das Maedchen hinter das staubige Glas bei dieser langweiligen Arbeit geraten. Der Blick des Maedchens war auf etwas gerichtet, das ausserhalb von Petrows Sichtweite lag. Er bewunderte die goldfarbenen Locken, die langen Wimpern der halbgeschlossenen Lider, die zierlichen Schultern. Das Maedchen streckte die Hand nach dem Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit aus. Papier raschelte.
«Sie liest», dachte Petrow geruehrt, «sie ist auch noch klug». Unteroffizier Petrow verliebte sich Hals ueber Kopf. Herzenssehnsucht bereitete ihm eine blaue pulsierende Ader an ihrem Schwanenhals; den Wunsch, das Maedchen vor den Widrigkeiten des Lebens zu schuetzen, riefen die von seltener Eleganz gepraegten Haende und eine feine Narbe am kleinen Finger hervor. Petrow hatte das Gefuehl, er koennte ewig stehen und die goldhaarige Goettin betrachten, die direkt seinen romantischen Traeumen entsprungen zu sein schien.
Zwei Majore der Panzertruppen n;herten sich Kasse Nummer drei. Petrow sah ihre Spiegelbilder auf dem Glas. Die Offiziere, die sich lebhaft unterhielten, dislozierten zwei Meter hinter dem Ruecken des verliebten Unteroffiziers.
– Chm, chm, – raeusperte sich Petrow hoeflich, als wollte er sich dafuer entschuldigen, dass er das Maedchen von ihrer wichtigen Beschaeftigung ablenkte.
Ohne den Blick von der Lektuere abzuwenden, zog das Maedchen ein Mikrofon zu sich heran, das an einem Stiel aus zahlreichen Metallringen befestigt war.
– Sprechen Sie, – sagte sie.
– Fr;ulein, ich habe eine Reservierung nach Tschita. Flug 3352. Abflug um 18:30 Uhr, – meldete Petrow mit militaerischer Praezision, waehrend er sein Militaerbuch und den Reservierungsbeleg durch den kleinen Rundbogen schob, der mit gruenem Isolierband beklebt war. Er fuegte flehend hinzu: – Bitte sehr.
– Der Flug nach Tschita ist wegen schlechten Wetters verschoben.
Das Maedchen schlug die Wimpern auf; mit ihrem Blick entflammte sie das offene Herz des Unteroffiziers Petrow. Er versank in ihren Augen, die so tuerkisblau wie das Meer am Mittag waren, und dort, in der Tiefe, wurde ihm die Offenbarung zuteil, was es bedeutet, sich auf den ersten Blick zu verlieben.
– Haben Sie mich verstanden, – die Stimme des Maedchens klang dumpf, als kaeme sie von unter Wasser herauf, – der Flug nach Tschita ist wegen schlechten Wetters verschoben.
– Was soll ich blo; tun, – murmelte Petrow fassungslos, als die Bedeutung des Gesagten bei ihm ankam, – uebermorgen muss ich um jeden Preis, und wenn es mich den Kopf kostet, in meiner Einheit sein.
In den Augen des Maedchens blitzte Mitleid auf.
– Sie muessen warten, – sie zuckte mit den Schultern, – und auf die Durchsagen achten.
– Wahrscheinlich stecken sie mich in den Karzer, weil ich zu spaet aus dem Kurzurlaub zurueckkomme, – gestand Petrow kummervoll.
Das Maedchen seufzte und nahm Petrows Militaerpass und die Flugtickets vom „Brueckenkopf“ an der Glasoeffnung entgegen. Sie verglich das Foto mit Petrows Gesicht, und da sie beide fuer hinreichend aehnlich befand, pruefte sie die Schreibweise des Namens im Dokument und auf dem Ticket.
– Fr;ulein, wie heissen Sie? – wagte Petrow einen schuechternen Vorstoss.
Sie antwortete nicht, laechelte nur und zuckte leicht mit der Schulter. Sie machte einen Schnoerkel auf das Ticket und setzte oben rechts einen violetten Stempel darauf.
– Wenn Tschita wieder freigegeben wird, – sagte sie, waehrend sie Petrow die Dokumente zurueckgab, – gehen Sie ohne Schlange zum Schalter. Das ist alles, was ich tun kann.
– Danke, – murmelte Petrow.
Das Maedchen holte aus einem fuer die Kunden unsichtbaren Bereich ein Buch hervor und deckte es mit Abrechnungslisten zu. Sie schickte sich offensichtlich an zu gehen. Petrow konnte nicht glauben, dass sie einfach aufstehen und weggehen wuerde und dabei alles mit sich naehme…
– Fr;ulein, was machen Sie heute Abend? – platzte es aus Petrow heraus, und er lief rot an, vom Schirm seiner Parade-Muetze bis zum strammen Knoten seiner gruenen Krawatte.
Obwohl Petrow erfolgreich den abgehaerteten Krieger spielte, der in anderthalb Jahren Armeedienst durch Feuer, Wasser und kupferne Posaunen gegangen war und in jeder eroberten Stadt auf seinem Weg eine trostlose Braut zurueckgelassen hatte, war er in Wirklichkeit im Umgang mit dem schoenen Geschlecht von entzueckender Unschuld. Seine ganze duerftige Erfahrung bestand aus ein paar Kuessen und gesetzten Spaziergaengen mit einer Mitschuelerin auf der Hauptstrasse seiner Heimatstadt.
Das Maedchen blickte zu Petrow auf, in ihren Augen entz;ndeten sich kecke Funken.
– Wie schnell Sie doch sind, Andrej Petrow. Kaum haben Sie ein Maedchen gesehen, laden Sie sie schon zum Date ein.
Petrows Ohren gluehten wie Feuer.
– Sie sind wohl ein Lovelace.
Petrow wusste nicht genau, wer ein Lovelace war, aber sicherheitshalber distanzierte er sich entschieden:
– Nein, nein.
– Ein Lovelace, ein Lovelace, – lachte das Maedchen, – und Sie haben sicher eine Braut in Donezk und noch eine Frau in Rostow am Don.
– Ich habe keine Braut in Donezk, – sagte Petrow, der sich etwas von seiner Verlegenheit erholt hatte, – und erst recht habe ich keine Frau in Rostow am Don.
Ein Major n;hert sich der Kasse. Petrow sah sein Spiegelbild auf dem Glas.
– Das sagt ihr alle, – laechelte das Maedchen, – und dann stellt sich heraus…
– Unteroffizier! – herrschte der Offizier Petrow streng an, – und Sie, Fr;ulein, – etwas sanfter, – klaeren Sie Ihre Angelegenheiten ausserhalb der Dienstzeit.
Die Kassiererin wandte ihren Blick dem Offizier zu.
– Wenn Sie sich die M;he machen wuerden, auf das Schild zu schauen, dann wuerden Sie lesen, dass ich bereits seit zehn Minuten ausserhalb meiner Arbeitszeit bin.
Die Panzermejor-Duo fluchte wie aus einer Kanone geschossen und r;ckte zu Kasse Nummer f;nf ab. Das Maedchen stand auf, legte das Buch, das durch die Abrechnungslisten getarnt war, in ihre Armbeuge und ging zum Ausgang ihrer Zelle. Als sie die Tuer oeffnete, drehte sie sich um.
– Mein Name ist Lena, – sie laechelte Petrow an, wovon ihm erneut heiss wurde, – ueber das Date werde ich nachdenken.
Sie sagte es und ging hinaus. Petrow stand noch lange da und starrte auf die geschlossene weisse Tuer. Er glaubte und glaubte zugleich nicht an das, was gerade geschehen war. Und geschehen war, dass er sich gerade bis ueber seine geschorene Kopfplatte in das Maedchen Lena verliebt hatte. In den Kaefig der Kasse trat eine Frau mittleren Alters. Sie legte einen Stapel Formulare auf den Tisch, blickte gleichgueltig auf Petrow und zog die blauen Vorhaenge zu.
Unteroffizier Petrow seufzte schwer und trottete davon, um eine Bleibe zu suchen. Dieses Vorhaben erwies sich als nicht so einfach, da alle Winkel des Flughafens mit flugunfaehigen Buergern ueberfuellt waren. Das Offizierskorps aller Waffengattungen war breit vertreten, vom Kapitaen bis zum Oberst einschliesslich. Aus irgendeinem Grund dominierten die Majore. Die Offiziersehre und die Patrouillentrios, die in ununterbrochener Bewegung den Raum des Flughafens durchpfluegten, erlaubten es den Offizieren nicht, sich so niederzulassen, wie es die Barttraeger mit Gitarren — ob nun Geologen oder Kernphysiker — mitten im Saal auf ihren Reisessaecken getan hatten. Wenige Glueckspilze sassen, doch die Mehrheit irrte ziellos durch die Halle oder stand an den Saeulen, die Schulter leicht gegen die Stuetze gelehnt. Oberstleutnante und Oberste zogen es vor, die Zeit im Restaurant totzuschlagen. Die Soldatenmasse fehlte voellig. Fuer sie, die Soldatenmasse, eignete sich eher der Bummelzug und eine einwoechige Trinkerei bis Tschita im Platzkart-Wagen. Petrow fuehlte sich unter der Vielzahl der Offiziere so unbehaglich, wie sich wohl ein Schaf fuehlt, das durch ein boeses Schicksal in ein Wolfsrudel geraten ist.
Petrow irrte durch die Halle, stand an einer Saeule, holte aus dem gelben Koffer aus Kunstleder hausgemachte Piroggen hervor, die ihm seine Mutter im letzten Moment fast gewaltsam in den Koffer geschoben hatte. Mehrmals suchte er die Kassen auf, doch Kasse Nummer drei blieb hinter blauen Vorhaengen verborgen. Erst gegen Morgen doeste Petrow auf der Treppe ein, wo die zivilen Mitbuerger ungeordnet, wie Notenzeichen, sassen, den Kopf auf die Knie gebettet.
Lena ging ueber eine Blumenwiese. Am rechten Fluegel floss ein grosser Fluss, links befand sich ein Birkenwald, an der Front erstreckte sich bis zum Horizont ein bluehendes Meer. Lena trug einen kornblumenblauen Sarafan, der ihr wunderbar stand, und ihr Haupt zierte ein Kranz, geflochten aus G;nsebluemchen. Lena erzaehlte begeistert von Flugzeugen. In kurzen Fluegen ueber Petrow demonstrierte sie die Vorzuege der Tu-104 gegenueber der Il-18. Dann zeigte sie den ungelenken Flug der An-42, die vorwiegend auf lokalen Linien eingesetzt wird. Sie landete jedoch recht anmutig vor Petrow, kuesste ihn auf die Lippen und begann ihn an der Schulter zu schuetteln, wobei sie wiederholte:
– Wach auf, Andrej. Es ist Zeit aufzustehen, Unteroffizier Petrow.
Petrow wollte nicht aufwachen. Er wollte, dass Lena ihm das Fliegen beibrachte, und wenn auch nur ungelenk wie eine An-42. Da wurde Lena, die sich in den Kompaniechef verwandelt hatte, beharrlicher.
– Unteroffizier, verdammt noch mal, wach endlich auf!
Petrow oeffnete die Augen. Vor ihm stand ein fremder Oberfeldwebel und grinste ihn frech an.
– Was willst du? – fragte Petrow in jenem aggressiven Tonfall, der in der Sowjetarmee herrschte.
– Patrouille, – berichtete der Oberfeldwebel.
Petrow sah einen Offizier, begleitet von zwei Soldaten, auf die Treppe zukommen. Alle drei trugen rote Binden am rechten Aermel. Gehorsam seinem Soldateninstinkt, wollte Petrow aufspringen, an einen sicheren Ort fl;chten und dort seine Spuren verwischen, doch der Oberfeldwebel bremste seinen Schwung.
– Ganz ruhig. Du stehst langsam auf, bringst deine Uniform in Ordnung, und mit entspanntem Gang verpissen wir uns von hier.
Genau so machten sie es. Im Gehen blickte Petrow sich um. Die Patrouille hatte das Interesse an den Unteroffizieren verloren und bewegte sich auf einen Offizier zu, der auf einem Koffer sitzend schlief, den Ruecken gegen die Wand gelehnt. Die Aufgabe der Patrouille bestand offenbar darin, alle Militaerpersonen zu wecken, damit sie nicht doesten, sondern wachsam blieben.
Sie traten aus dem Flughafengebaeude in den trueben Morgen hinaus. Es war die neutrale Zeit zwischen der gestorbenen Nacht und dem ungeborenen Tag. Der einheitlich graue Himmel goss daemmeriges Licht auf die Erde. Petrow froestelte in der Morgenkuehle.
– Danke, – sagte er, – du hast mich gerettet.
– Schwamm drueber, – der Oberfeldwebel reichte Petrow die Hand, – Nikiforow Sergej.
– Petrow Andrej, – sagte Petrow und schuettelte Nikiforow fest die Hand.
– Rauchen wir eine? – sagte Nikiforow mit einer leicht fragenden Intonation.
Petrow holte eine zerknitterte Schachtel bulgarischer Tu-134 hervor, die am Rand aufgerissen war. Er schuettelte sie. Dadurch schoben sich zwei Zigaretten aus der Reihe. Er hielt Nikiforow die Packung hin.
– Steck weg, – sagte Nikiforow, – ich habe bessere.
Er zog aus der Rocktasche die elitaeren «Sojus Apollo» hervor, riss mit einer geschickten Bewegung die Schutzfolie ab und oeffnete sie.
– Bedien dich.
Sie zuendeten sich die Zigaretten mit einem von Petrow entfachten Streichholz an.
– Wohin fliegst du? – erkundigte sich Nikiforow.
– Nach Tschita.
– Verdammt noch mal, ich auch nach Tschita. Und von wo kommst du?
– Aus Donezk.
– Und ich aus Rostow.
Als sie ins Gespraech kamen, fanden sie viele Gemeinsamkeiten in ihrer Lage. Beide kehrten aus einem Kurzurlaub zurueck, beide hatten das Flugzeug als Verkehrsmittel gewaehlt, um zusaetzliche fuenf Tage zu Hause verbringen zu koennen. Beide waren im Herbst eingezogen worden und hatten bis Ende April anderthalb Jahre gedient. Nach dem Entlassungsbefehl fuer den Fruehjahrseingang, der die Fruehjahrs-Alten in den Status der Deds erhob, wurden Petrow und Nikiforow zu Alten, zur Stuetze der Sowjetarmee, die die heiligen Grenzen vor den Uebergriffen der chinesischen Militaers und den Anspruechen anderer Aggressoren schuetzten. Sie traten in die junge Phase ihres Alten-Daseins ein, voller Energie und Enthusiasmus, die naturgemaess irgendwo gegen Ende September versiegen mussten, zur Zeit des Befehls des Verteidigungsministers ueber ihre Entlassung in die Reserve.
Inzwischen brach der Tag an. Die aufgehende Sonne weckte die Natur und die Bevoelkerung des Hauptstadtflughafens Domodedowo. Voegel sangen in allen Toenen, eine leichte Brise bewegte traege das junge Laub der Pappeln. Aus Moskau trafen immer haeufiger Busse und Taxen ein.
– Wie sieht es bei dir mit Futtern aus? – fragte Nikiforow, als der Mund vom Rauchen bitter geworden war.
– Positiv, – antwortete Petrow lebhaft, – nur habe ich meinen gesamten Proviant von zu Hause schon verdrueckt.
– Gehen wir ins Caf;.
Die Freunde liessen sich in einem Caf; mit hohen runden Stehtischen nieder. Sie nahmen Sauerkrautsalate, dazu Schnitzel mit goldbrauner Kruste und einem Berg Bratkartoffeln sowie zwei Flaschen des dunklen Getraenks "Baikal".
– Zu solch einem Imbiss muesste man eigentlich auf die Bekanntschaft anstossen, – sagte Petrow, waehrend er den bescheidenen Ueberfluss musterte.
– Das laesst sich einrichten, – antwortete Nikiforow mit einem geheimnisvollen Laecheln.
– Von wegen einrichten. Wir sind hier wie im feindlichen Hinterland. Ueberall Offiziere und Patrouillen.
– Es geht. Der soldatische Scharfsinn hilft in der aussichtslosesten Lage, – Nikiforow oeffnete eine Flasche und goss den "Baikal" in die Glaeser. – Trink.
Petrow trank das sprudelnde suesse Getraenk, das ihm ausserordentlich angenehm vorkam.
– Schmeckt gut, – gab er zu, – aber es hat zu wenig Prozente.
– Die Prozente kriegst du noch, – versprach Nikiforow zuversichtlich. Er nahm die leere Flasche vom Tisch, hob seine Sporttasche mit der Olympiasybolik vom Boden auf, – ich bin in fuenf Minuten zurueck, iss noch nicht, – und mit diesen Worten ging er in Richtung der Toiletten.
Petrow seufzte. Der Hunger war gross. Das Schnitzel lockte, die Kartoffeln zogen ihn an, das Sauerkraut rief danach, probiert zu werden. Nikiforow kehrte nach sieben Minuten zurueck. Er klemmte seine Tasche zwischen die Beine und stellte eine Flasche voll dunkler Fluessigkeit auf den Tisch, die mit blossem Auge nicht vom "Baikal" zu unterscheiden war.
– Mensch, Seryj, du bist ja ein Magier, – wunderte sich Petrow, – werden im Scheisshaus etwa leere Flaschen gegen volle getauscht?
– So ungefaehr, – antwortete Nikiforow unbestimmt.
Er goss das aus der Toilette mitgebrachte Getraenk in die Glaeser. Petrow schnupperte daran.
– Gefaerbter Samogon. Erraten?
– Samogon, Andrjuha, – sagte Nikiforow veraechtlich, – das wirst du in deinem Donezk saufen. Das hier ist – Tscha-Tscha. Reiner Traubenwein, nur stark.
Nikiforow hob sein Glas. Eine Patrouille ging an ihnen vorbei und blickte gleichgueltig auf die friedlich fruehstueckenden Sergeanten.
– Los geht’s, wie Gagarin sagte, auf unser Treffen, – sagte Nikiforow und fuegte streng hinzu: – Nicht anstossen und nicht das Gesicht verziehen.
– Ich bin doch nicht seit gestern dabei. Auf geht’s.
Die Rostower Tscha-Tscha brannte im Hals nicht weniger als der Donezker Samogon. Petrow goss hastig aus der "richtigen" Flasche nach. Der "Baikal" spuelte das Feuer aus der Kehle, und es floss die Speiseroehre hinunter, waermend und erheiternd. Die Freunde stuerzten sich auf das Essen. Die zweite Portion ging runter wie nichts, und es entspann sich ein gemuetliches Gespraech ueber das Armeeleben. Der Lautsprecher erwachte zum Leben. Sie hielten inne und h;rten zu.
– Wladiwostok ist freigegeben, – sagte Nikiforow, – das muessen wir feiern.
Sie feierten es. Ebenso feierten sie die Freigabe von Petropawlowsk-Kamtschatskij und Chabarowsk. Am Tisch entspann sich jenes kluge, bedeutungsvolle und vielschichtige Gespraech, dessen Inhalt man sich unmittelbar nach seinem Ende unmoeglich merken kann. Sie sprachen ueber die Geheimnisse des Universums, erinnerten sich an lustige Vorfaelle mit den "Salagas", stritten ueber die Vorzuege der Fussballmannschaften Schachtjor und Spartak und diskutierten aus irgendeinem Grund die Feinheiten von Tiefbohrungen. Sie redeten lauter als ueblich, lachten froehlicher als andere und gestikulierten beim Thema Fussball energischer als gewoehnlich.
Am Nachbartisch beendeten zwei Hauptleute der Raketentruppen ihre Mahlzeit. Der beleibte Hauptmann Ljapunow trank seinen Tee aus und sagte zu dem drahtigen Hauptmann Petrenko:
– Es sieht so aus, als sei die Halle leerer geworden. Gehen wir, Wadim, vielleicht gelingt es uns, einen freien Platz zu finden.
– Geh du nur, – antwortete Petrenko, – such nach Plaetzen, ich aber moechte mich mit den Soldaten unterhalten.
Er hatte schon seit geraumer Zeit mit Missgunst auf die nebenan ausgelassen feiernden Sergeanten geblickt.
Hauptmann Petrenko gehoerte zu jener verschwindenden Kategorie von Offizieren, die ihren Dienst mit voller Hingabe leisteten und trotz allem an den endgueltigen Sieg der gerechten Ordnung glaubten. Die Gleichrangigen mochten Petrenko nicht besonders und hielten ihn im Stillen fuer ein blindes Werkzeug der sich selbst verzehrenden Idee; die Vorgesetzten fuerchteten den allzu korrekten Offizier, der den natuerlichen Unterschied zwischen Wort und Tat nicht anerkennen wollte. Gegenueber Untergebenen verhielt sich Petrenko fuersorglich, wie gegenueber sozialistischem Eigentum, das zu bewahren und zu mehren die weisen Fuehrer vorgeschrieben hatten. Doch er konnte auch bis zur Gefuehllosigkeit streng sein, wenn sein und des Staates Eigentum sich Freiheiten wie Trunkensucht oder eigenmaechtiges Entfernen von der Truppe erlaubte. Kurz gesagt, niemand liebte Hauptmann Petrenko.
– Wir amuesieren uns wohl, Genossen Sergeanten, – sprach Petrenko, als er an den fragwuerdigen Tisch trat.
– Wueschen wohl zu ruhen, Herr Hauptmann! – antworteten Petrow und Nikiforow im Chor.
– Auch euch Gesundheit, – entgegnete der Hauptmann nicht vorschriftsmaessig und fuegte mit drohendem Blick auf die verstummten Sergeanten fragend hinzu: – Nun, also?
– Wir nehmen Nahrung zu uns, Herr Hauptmann, – fand Nikiforow eine Antwort.
– Und Getraenke, – ergaenzte Petrow, – gemaess der Dienstvorschrift.
Der Hauptmann warf Petrow einen boesen Blick zu.
– Du, Sergeant, erz;hl keinen Scheiss, wenn du von Dienstvorschriften keinen blassen Schimmer hast.
Der Hauptmann schnupperte am Glas. Es roch nach dunklem "Baikal". Petrenko war ratlos. Mit seinem Offiziersinstinkt spuerte er, dass hier etwas Unzulaessiges vorging, aber was genau – und vor allem wie – konnte er nicht begreifen.
– Und wo ihr das nur findet, – sagte der Hauptmann nachdenklich, – man koennte euch auf dem Mond aussetzen, und selbst dort wuerdet ihr Wodka finden.
– Soldatische Cleverness, – sagte Petrow, – sie ist in einer Gefechtssituation eine grosse Hilfe.
Petrenko schlug leicht gegen die Kante der steinernen Tischplatte.
– Also gut, Soldaten, beendet eure Mahlzeit.
– Noch einen Schluck "Narsan", – sagte Petrow, – und dann verschwinden wir wie Gespenster.
– "Baikal", – korrigierte ihn Nikiforow.
– Ist doch egal.
– Ich habe euch gewarnt, Genossen Sergeanten. Danach seid ihr selbst schuld.
– Wir gehen schon, Herr Hauptmann, – sagte Nikiforow und hob seine Tasche auf, – wir sind praktisch schon nicht mehr hier.
Die Halle war merklich leerer geworden. Die Freunde fanden recht bald zwei Plaetze.
– Andrjuha, – Nikiforow machte es sich im Sessel bequem, – wenn du nichts dagegen hast, schlafe ich ein paar Stunden.
– Schlaf nur. Ich halte Wache.
– Achte auf die Durchsagen.
Nikiforows Stimme klang schl;frig.
– Zu Befehl, Herr Ober-Sergeant.
Nikiforow schlief sofort ein, als haette man eine Gluehbirne ausgeschaltet, waehrend Petrow an das Maedchen Lena von Schalter Nummer drei zu traeumen begann. Petrow stellte sich vor, wie er und Lena durch Moskau schlenderten, wie sie in die Tretjakow-Galerie gingen, um die Gemaelde der "Wanderkuenstler" zu bewundern. In der Gemaeldegalerie gab es keinen Ort, um sich zurueckzuziehen. Petrow stellte sich einen halbdunklen Kinosaal vor. Er und Lena sassen in der letzten Reihe. Sie umarmten sich und kuessten sich. Bei diesen Gedanken wurde Petrow heiss. Er rutschte im Sessel hin und her und begann einen anderen Traum zu traeumen. Sie flogen in einem Flugzeug irgendwohin, egal wohin, meinetwegen nach Tschita. Lena schlummerte und legte vertrauensvoll den Kopf auf seine Schulter. Er streichelte zart ihre goldenen Haare, kuesste sie auf den Scheitel...
"Tschita". Mit dem aeussersten Rand seines Bewusstseins, das fuer den Posten verantwortlich war, fing Petrow die Durchsage des Fluglotsen auf.
– Entschuldigen Sie, – wandte sich Petrow an seine aeltere Nachbarin, – ich war abgelenkt und habe die letzte Durchsage verpasst.
– Tschita wurde freigegeben, – seufzte die Frau, – sie geben es zum dritten Mal durch. Ich muss nach Irkutsk, aber das ist geschlossen.
– Seryj! – Petrow ruettelte Nikiforow kraeftig. – Alarm! Tschita ist offen!
– Was? Wo? – schreckte Nikiforow aus dem Schlaf hoch. – Tschita?
– Tschita, Tschita, – bestaetigte Petrow, waehrend er aufstand und seinen Koffer packte, – rennen wir zu den Schaltern.
Und sie rannten schneller als der Wind zu den Schaltern.
Am Schalter Nummer drei stand eine dichte halbkreisefoermige Menge von Offizieren. Die Freunde sahen sich an. Es gab absolut keine Moeglichkeit, zu den Schaltern durchzukommen. Und dann, in einem Moment der Verzweiflung und schweren Nachdenkens ueber die Unvermeidlichkeit der Bestrafung fuer das Zusp;tkommen aus dem Urlaub, ertoente Lenas Stimme von oben:
– Genossen Offiziere, lassen Sie Sergeant Petrow bitte zum Schalter vor!
Offiziere aller Waffengattungen drehten die Koepfe und suchten in ihren Reihen nach dem raetselhaften Sergeanten Petrow, der wichtiger war als sie, die Majore und Obersten.
– Lassen Sie ihn doch durch! Er steht hinter Ihnen!
Dem Befehl Lenas gehorchend, teilte sich die gruene Offiziersmasse vor Petrow, so wie sich die Wasser des Roten Meeres vor Moses auftaten. Sergeant Petrow stuerzte in den schmalen Durchgang und zog den Ober-Sergeanten Nikiforow mit sich.
– Lena, – fluesterte Petrow freudig und presste die Stirn gegen das Glas.
– Gib mir das Ticket, Andrej.
– Lena, ich bin nicht allein. Ein Freund ist bei mir.
Lena warf einen fluechtigen Blick auf Nikiforow.
– Geben Sie mir die Dokumente. Zwei Plaetze sind noch frei.
Sie schoben die Tickets durch das Fenster. Lena fertigte die Dokumente in aller Eile ab. Nikiforow blickte verduzt mal auf Petrow, mal auf die Kassiererin. Er wollte etwas sagen, aber Petrow zupfte ihn am Aermel und mahnte ihn zum Schweigen. Die fertiggestellten Dokumente gab Lena den Sergeanten zurueck.
– Lena, ich dich...
– Ich weiss, Andrej, – laechelte Lena traurig. – Aus unserem Date ist wohl nichts geworden. Geh jetzt, sonst kommst du zu spaet.
– Ich werde dich finden. In einem halben Jahr endet mein Dienst.
– Lauf, Andrej, das Boarding wurde schon aufgerufen. Sinizyna ist mein Nachname. Sinizyna. Merk dir das.
– Sinizyna. Im November an derselben Stelle. Ich werde dich finden. Ganz bestimmt.
– Ich werde warten... Wahrscheinlich, – fuegte sie leise hinzu, als Andrej schon weit weg war.
– Ich bin platt, Alte, – brachte Nikiforow hervor und drueckte die Hand an sein Herz, als sie aus dem zaehen Offizierssumpf entkommen waren, der sich sofort hinter ihren Ruecken wieder schloss, – wann hast du es geschafft, dir so einen feurigen Feger zu angeln?
– Halt die Klappe, – antwortete Petrow ohne Groll.
– Ist das bei dir was Ernstes?
– Ja.
– Respekt, – sagte Sergej bedeutungsvoll, – nein, wirklich, ich beneide dich sogar ein bisschen.
Andrej sah, dass Sergej aufrichtig sprach, ohne Spott, und war ihm dankbar dafuer. Sie erreichten den Eingang zum Wartesaal. Zwei Meter vor dem Kontrollpunkt erstarrte Nikiforow, als waere er zu einer Salzsaeule geworden.
– Verdammt! – schlug er sich auf die Hueften, – ich habe meine Tasche dort vergessen, wo wir geschlafen haben.
– Mist! – fluchte Petrow, – lauf, ich warte hier auf dich.
Nikiforow raste davon, um seine Tasche zu suchen, und Petrow trat, das Ticket in der Hand, direkt an die Absperrung heran, hinter der zwei Frauen in blauen Uniformen standen. Eine Minute verging, eine zweite. Qualvolle fuerf Minuten vergingen. Eine der Frauen blickte neugierig in Petrows Ticket.
– Junger Mann, – sagte sie, – wenn Sie nach Tschita fliegen wollen, muessen Sie sich beeilen. Das Boarding fuer den Bus endet gleich.
– Ich warte auf einen Freund, – gestand Andrej, – er ist losgelaufen, um seine Tasche zu holen. Er muss jeden Moment da sein.
Die Frau seufzte.
– Nina! – rief sie der anderen Frau zu, die an der offenen Tuer stand, – halte den Bus fuer fuerf Minuten auf.
– Drei Minuten! – rief diese zurueck.
– Hast du das gehoert? – fragte die Frau Petrow.
Andrej nickte und laechelte dankbar.
Die Sekunden rasten dahin. Alle warteten wie auf Kohlen auf Nikiforows Ankunft. Am Ende der vierten Minute hielt die Frau es nicht mehr aus.
– Das war’s, junger Mann, entscheiden Sie sich sofort: Fliegen Sie oder nicht?
– Ich fliege. Hier ist mein Ticket.
Zu dieser Zeit wurde der Ober-Sergeant Nikiforow unter der Bewachung zweier Kursanten und eines Oberleutnants, dem Chef der Patrouille, zur Kommandantur des Flughafens gefuehrt. In einiger Entfernung ging Hauptmann Petrenko. Das Bewusstsein der gegenueber der Heimat erfuellten Pflicht erfuellte ihn ganzlich. „Soldatische Cleverness, verstehst du“, dachte er schadenfroh, „auf jeden schlauen Soldatenarsch findet sich ein... Die Verletzung der milit;rischen Disziplin muss bestraft werden. Punkt.“
Waere er im ueberfuellten Bus hin und her schwankte, hing Petrow bitteren Gedanken ueber Freundschaft und Liebe, ueber Gewinne und Verluste nach. Wie seltsam das alles geschehen war. In nur vierundzwanzig Stunden hatte er Freundschaft gefunden und die Liebe getroffen.
Sergeant Petrow seufzte schwer und huelle einen neben ihm stehenden alteren General, dessen von der Nomadenexistenz muede Ehefrau und seine sich jung gebende Tochter in eine dichte Alkoholfahne ein. Der General blickte Petrow vorwurfsvoll an und schuettelte den Kopf. Petrow bemerkte nichts.
Welche Bitterkeit erfuellt das Herz bei Trennungen. Wie weh es tut, das dumme Ding.
Im Flugzeug schlief Petrow noch vor dem Start ein. In Omsk landete das Flugzeug zum Auftanken. Petrow wurde von seinem Nachbarn geweckt. Die Passagiere warteten das Auftanken diszipliniert im Flughafen ab. Dann flogen sie weiter. Endgueltig wachte Petrow auf, als sie Tschita anflogen.
An den Flughafenkassen erfuhr Petrow, dass Tickets fuer das Staedtchen Sretensk, wo sein Dienst stattfand, vorhanden waren, dass das Flugwetter gut war und dass das Flugzeug voraussichtlich ohne Verspaetung in vier Stunden abfliegen wuerde. Ein paar Minuten stand Petrow da und ueberlegte.
„Genug der Flugzeuge“, sagte sich Sergeant Petrow, „ich fahre mit dem Zug“, – und mit einer abwinkenden Handbewegung machte er sich auf den Weg zum Bahnhof.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226011000960