Viruss

Der Anfang dieser Geschichte laesst sich wohl kaum bestimmen, ebenso wie ihr Ende kein noch so fortschrittlicher Prophet vorherzusagen wagen wuerde. Diese Geschichte traegt den Namen Leben. Mit anderen Worten – das Bestreben toter Materie, aus unbekannten Gruenden Freiheit von der Notwendigkeit physikalischer Gesetze zu erlangen.
Wir wissen nicht, ob das Leben eine allumfassende Eigenschaft des Seins oder ein lokales Missverstaendnis ist, ein unmoegliches Zusammentreffen von Umstaenden, deren Name Gott ist. Von dem Wunsch beseelt zu erfahren, wer wir sind und wozu, blickt der Mensch zu den Sternen, landet auf dem Mond, schickt Raumsonden zum Mars und klammert sich sogar mit einer Sonde an einen Kometen, der durch die eisige Leere rast. Wir wissen nicht, woher und warum in der toten Materie das Licht des Lebens aufleuchtete, aber wir wissen, dass sich das Leben auf dem Weg zunehmender Komplexitaet bewegt. Evolution nennen wir das.
Der Evolution zugrunde liegt der unversoehnliche und endlose Kampf zwischen der lebenden Zelle und dem Virus – einer Materie, die eher tot als lebendig ist. Die Aufgabe der Zelle ist es, zu leben. Die Funktion des Virus, seine einzige Funktion, und eine andere hat er nicht, besteht darin, Kopien seiner selbst auf Kosten der Ressourcen der Zelle zu erstellen.
Nicht fuer eine Sekunde, nicht fuer einen Augenblick ruht die Schlacht zwischen dem Lebendigen und dem nicht ganz Lebendigen. Manchmal triumphiert das Virus, und die Zelle stirbt. Doch meistens siegt das Lebendige, und dann erlangt die Zelle die Kraft, Invasionen dieser Art zu widerstehen.

Gestern spuerte Mark Ignatjewitsch, dass er gealtert war; irgendein pickliger Juengling hatte ihm im Bus seinen Platz ueberlassen. Mark, der aus einem schweren Schlaf erwachte, erinnerte sich an die gestrige Fahrt. Er lag mit geschlossenen Augen da. Er wollte nicht aufstehen, wollte keinen neuen Tag beginnen.
Der Juengling betrachtete Mark mit begeistertem Blick. Er wollte ihn ansprechen, wagte es aber nicht, und Mark gab dem Jungen nicht den geringsten Anlass fuer ein Gespraech. Mark tat so, als wuerde er schlummern. Die anderen voruebergehenden Bewohner des Busses mieden Mark. Und das war auch kein Wunder — er stank wie ein wildes Tier nach abgestandenem, vergorenem Schweiss. Obdachlose str;men in der Regensaison keinen so beissenden Gestank aus. Mark war diese Art von Aufmerksamkeit der Leute fuer seine Personaeusserst unangenehm; er machte sich Vorw;rfe, nicht gewartet zu haben, bis Giwi das Auto geflickt hatte. Doch nun liess es sich nicht aendern.
Der Juengling stieg bald aus. Niemand setzte sich neben Mark, und er nickte tatsaechlich versehentlich ein. Er wachte durch einen inneren Impuls kurz vor seiner Haltestelle auf.
„Achtundvierzig — das ist kein Alter“, – sagte Mark und schlug entschlossen die Decke zurueck.
Die Kaelte beruehrte seine nackten Beine und Arme.
„Verdammt, was fuer ein Frost!“ Mark sprang auf und trat ueber das eiskalte Parkett zum Fenster. Aus den Ritzen zog Kaelte und Feuchtigkeit wie aus einem offenen Grab. Draussen lag die erstarrte, leere Stadt. Die wenigen Laternen schienen die Dunkelheit nicht zu vertreiben, sondern zu verdichten. Mark beruehrte die Heizung. Kalt wie die Leiche eines Orks in der gefrorenen Steppe.
„Sie haben das Gas also doch abgestellt. Diese Mistkerle!“, – fluchte Mark w;tend.
Er zog sich eilig an. Es wurde waermer. Mark schaltete das Licht ein und trat vor den Spiegel, der in den Wandschrank eingebaut war. Aus dem Glas blickte ihn finster ein fast unbekannter Kerl an. Der Fuenf-Tage-Bart mit deutlichem Grau verlieh den Zuegen eine tierische Haerte. Mark fuhr mit der Hand ueber Wange und Kinn. Sein Doppelgaenger im Spiegel wiederholte die Geste exakt.
„Ich sollte mich rasieren“, – sagte er zu sich selbst, der Spiegel-Mark oeffnete und schloss lautlos den Mund, – „ich rasiere mich in der Sauna.“
Mark packte schnell, auf soldatische Art, saubere Waesche und Waschzeug in eine Reisetasche. Kaum war er in den Flur getreten, als das Geraet ueber der Eingangstuer wie ein Maschinengewehr zu trillern begann – eine Nachtigall verk;ndete, dass ein ungebetener Gast in ihr Nest wollte. Mark erstarrte fuer einen Moment. Auf Zehenspitzen, darauf bedacht, das Parkett nicht knarren zu lassen, kehrte er ins Zimmer zurueck, stellte die Tasche leise auf den Boden und nahm das Sturmgewehr, das an der Wand lehnte. Mark schob vorsichtig und ohne Klirren eine Patrone in das Patronenlager und stellte die Waffe auf Dauerfeuer. Lautlos trat er an die Tuer.
– Wer da! – fragte er laut und wechselte sofort die Position.
Eine absolut notwendige Vorsichtsmassnahme, wenn man bedenkt, dass letzte Woche „der Elch“ durch die Tuer hindurch erschossen worden war. Und was fuer ein Kerl das war! Wie viele Orks er erledigt hatte. Geh und finde heraus, wer ihn abgeknallt hat: Orks oder eigene Pluenderer.
– Ich bin’s, – ert;nte eine Stimme von hinter der Tuer, – Marja Stepanowna, die Nachbarin.
Mark hielt den Finger am Abzug, bereit, in jeder Sekunde sowohl Marja Stepanowna als auch die hinter ihr stehenden Halsabschneider niederzumaehen, und oeffnete einen Spaltbreit die Tuer.
Marja Stepanowna war allein. Sie sah ver;ngstigt aus. Uebrigens sahen in letzter Zeit alle alten Menschen so aus. Die Stadt hatte ihnen diesen Stempel aufgedr;ckt.
– Hallo, Mark, – begruesste ihn die Nachbarin.
– Guten Tag, Marja Stepanowna, – antwortete Mark, – einen Moment.
Er schloss die Tuer und nahm die Kette ab. Bevor er die Nachbarin in den Flur liess, sicherte er die Waffe und lehnte sie so an die Wand, dass sie hinter dem geoeffneten Tuerblatt verborgen blieb.
– Kommen Sie herein, Marja Stepanowna.
– Ich bin auf den Balkon gegangen. Und siehe da – Licht brennt, – sagte Marja Stepanowna, waehrend sie ueber die Schwelle trat, – ich dachte mir, ich schaue mal vorbei. Da ist ein Brief fuer dich, Mark, von Ljuba.
– Danke, – bedankte sich Mark und nahm den festen, leicht zerknitterten Umschlag aus grauem Papier entgegen, – wissen Sie zufaellig, warum die Heizung nicht funktioniert?
– Sie funktioniert. Sie wird nur um drei eingeschaltet und um zehn wieder ausgeschaltet.
– Ich dachte schon, Gott bewahre, die Orks haetten das Gas abgestellt. Gehen Sie ins Zimmer, Marja Stepanowna.
– Ich bleibe nur eine Minute, Mark. Noch haben sie es nicht abgestellt, aber wenn sie es tun, weiss ich nicht, wie wir leben sollen.
– Was gibt es Neues im Haus? – fragte Mark, um das schmerzhafte Thema „wie wir leben sollen“ zu beenden.
– Die Lapschins aus unserem Aufgang sind weggegangen.
– Wohin?
– Sie sagten, zu den Unseren, aber dort, – Marja Stepanowna zuckte die Achseln, – wer kann das schon wissen. Vielleicht zu den Unseren, vielleicht nicht zu den Unseren. Und die Golikows aus dem zweiten Aufgang, – setzte die Nachbarin ihren Bericht fort, – sind im Gegenteil zurueckgekehrt. Sie haben sich ein wenig umgesehen und sind dann irgendwohin verschwunden.
– Warum das?
– Als sie weg waren, wurde aus der Wohnung alles herausgetragen. Nackte Waende, sogar die Fenster sind eingeschlagen.
– Diese Mistkerle! – fluchte Mark, entweder auf die Pluenderer, die die Stadt wie ein Virus fiebern liessen, oder auf die Orks, derentwegen die Menschen ihre warmen Nester verlassen mussten, oder auf jemand anderen.
– Und wie geht es deinen Leuten? Ach ja, – sagte sie mit einem Blick auf den Umschlag in Marks Haenden, – du weisst es ja noch nicht.
Mark machte eine Bewegung, als wolle er die Tuer schliessen.
– Ich gehe dann mal, – sagte Marja Stepanowna hastig, – nur eines wollte ich noch fragen. Du bist dort naeher an der Obrigkeit. Weisst du zufaellig, wann sie anfangen, die Renten auszuzahlen?
– Ich weiss es nicht, Marja Stepanowna.
– Wovon sollen wir leben, – seufzte die alte Frau kummervoll, – diese zahlen nicht, jene zahlen nicht, man koennte sich geradezu hinlegen und sterben. Sie haben es doch versprochen, Mark, sie haben doch geschworen…
– Marja Stepanowna, – unterbrach Mark das Jammern der Nachbarin, – ich werde heute im Ministerium sein und mich wegen der Renten erkundigen. Wenn sie es versprochen haben, dann muessen sie auch zahlen, – versicherte Mark sie autoritaet.
– Ja, – freute sie sich, – dann schaue ich am Abend mal vorbei. Ich backe dir Piroggen. Du bist sicher hungrig nach der Front.
– Nicht noetig, Marja Stepanowna. Ich komme selbst vorbei, sobald ich Zeit habe.
– Danke, – sagte die alte Frau leise, drehte sich um und verliess die Wohnung.


„Hallo, Mark.
Gruesse dich aus dem fernen …“ Der Name des fernen Ortes war mit schwarzem Marker unleserlich gemacht. Mark schmunzelte ueber die Naivitaet des Zoensors, die Adresse stand ja auf dem Umschlag.
„Wir sind hier 23 Personen, alle aus der Stadt. Wir leben im Dorfklub wie eine grosse Familie. Wir leben friedlich zusammen, wie in unserer Jugend im Studentenwohnheim. Erinnerst du dich, Maerkchen, an unser Studentenwohnheim!“
Mark laechelte. Und ob, so etwas vergisst man doch nicht. Freunde, Partys, Pruefungen, Semester.
„Serezcha ist ein wenig krank geworden. Olenka fuehlt sich gut. Die Kaelte hat ihr, seltsamerweise, gut getan. Ich halte mich tapfer, ich darf auf keinen Fall krank werden.“
Olenka, Olenka, mein scarlettes Bluemchen, – Mark, sich in den Drehsessel setzend, streichelte den Brief mit zitternder Hand. – Meine zerbrechliche Chrysantheme. Wie geht es dir da.
„Die Beihilfen erhalten wir regelmaessig. Wir wirtschaften aus einem Topf – anders geht es nicht. Die Einheimischen m;gen uns nicht. Sie nennen uns Faschisten und Orks. Was fuer Faschisten sind wir! Wir sind von dort geflohen. Und sie selbst …“
Weiter bis zum Ende der Seite erstreckte sich der vom Zoensor ausradierte Text. Ueber das schwarze Feld, wie die Traenen einer Ehefrau, waren einzelne, nicht geloeschte Woerter und Ausdruecke verstreut, aus denen Mark, so sehr er sich auch bemuehte, keine verstaendliche Vorstellung vom Gegenstand des Klagens gewinnen konnte.
Auf der zweiten Seite gab es keine einzige Korrektur, als sei der Zoensor m;de geworden zu arbeiten.
„Wir werden den Winter nicht ueberleben. Es ist erst November, aber wir haben schon zwanzig Grad Frost. Die Einheimischen sagen mit offenem Wohlwollen, dass es im Dezember vierzig oder sogar noch weniger sein werden.
Warum hassen sie uns so!
Entweder wir versaufen im Laufe des Winters, werden so wie sie, oder wir krepieren.
Hol uns hier raus, Maerkchen, ich bitte dich!
Deine Ljuba, Serezcha und Olenka.“
Mark stand abrupt auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei das Parkett knarrte.
„Versteht sie denn nicht – es herrscht Krieg! Der Feind steht vor der Schwelle! Wie soll ich sie hier rausholen!“
D;stere Gedanken wirbelten in seinem Kopf. Er rannte gegen die ihn einschr;nkenden Umst;nde an, suchte nach einem Ausweg und fand keinen.


Unterdessen war es vollends hell geworden. In dem Sinne, dass die undurchdringliche Finsternis einer milchigen Truebe gewichen war. Die Sonne verbarg sich, wie die Grosse Heimat, hinter einer dicken, ueberaus dicken Wolkenschicht, und ihre Existenz liess sich nur erahnen.
Mark trat weg und blickte zurueck auf sein Haus. Die oberen Stockwerke des Neunstoeckers aus zeitgrauem Backstein waren teilweise in Nebel gehuellt. In Streifen kroch er auf die verglasten Loggien zu, als versuchte er, in die Wohnungen der Menschen einzudringen. Die unteren Etagen waren noch gut zu erkennen. Mark atmete tief die schwere und feuchte Luft ein, rueckte die Tasche auf seiner Schulter zurecht und wandte sich von seinem Haus ab, um in die Sauna zu gehen.
Dort, inmitten des warmen Nebels, unter nackten Maennern ohne Rangabzeichen, in einer ziemlich belebten Schwitzstube mit brennend trockenem Dampf, waermte er sich zum ersten Mal seit einer Woche auf. Seine Stimmung besserte sich durch das Bad merklich. Und nach dem Ministerium, wo er ohne buerokratische Huerden Verst;rkung fuer die Kompanie, zwei Geschuetze und Munition ausgehandelt hatte, wurde die Stimmung geradezu ausgezeichnet.
Auf dem Heimweg stiess Mark auf eine Warteschlange, die sich wie eine graue Schlange ueber den breiten Buergersteig des nassen Asphalts schob.
– Was gibt es? – erkundigte sich Mark bei einer alten Frau, die als Letzte anstand.
– Buchweizen gibt es, – antwortete die Greisin und praezisierte: – Zwei Kilo pro Kopf.
– Muss man lange anstehen?
Die Alte musterte die Schlange mit dem Blick einer erfahrenen Wartenden.
– Nein, nein. Nicht laenger als eine Stunde.
Mark blickte auf die Uhr. Es war noch Zeit. Es waere nicht schlecht, der Familie Buchweizen zu schicken; er musste sowieso zur Post, um Geld zu senden.
– Werden Sie anstehen? – fragte die alte Frau.
– Ja, ich bleibe.
Mark stand da und betrachtete teilnahmslos ein grosses Vorkriegs-Werbeplakat auf der gegenueberliegenden Strassenseite. Auf dem Plakat lief eine junge, schoene Frau, eher entkleidet als angezogen, barfuss ueber einen sonnigen Strand, und eine azurblaue Welle loeschte hinter ihr ihre Spuren aus. Der Text, der ueber den blauen Himmel und das blaue Meer verlief, versprach einen unvergesslichen Urlaub in der Tuerkei. Eine leichte Brise beruehrte das Plakat und wehte Mark salzige Spritzer und den Geruch von sonnenerwaermtem Sand ins Gesicht.
Serezcha hatte klare Vorstellungen davon, wie eine Sandburg aussehen sollte. Er befahl, wohin man schuetten, wohin man Wasser giessen und wie man den Sand festklopfen sollte. Mark ordnete sich mit Vergnuegen allen Befehlen seines Sohnes unter. Die fuenfjaehrige Olenka schleppte in einer kleinen Giesskanne Wasser aus dem Meer herbei. Sie war so reizend in ihren rosa aufblasbaren Schwimmfluegeln. Dann lief sie zu ihrer Mama, die auf einer Liege unter dem Sonnenschirm ein Buch las. Sie brachte den Burgbauern eine kleine Plastikpuppe.
– Darf die Puppe dort wohnen? – fragte sie schuechtern ihren aelteren Bruder.
– Hier werden Soldaten und Ritter wohnen, – erklaerte Serezcha selbstbewusst, waehrend er den Festungswall festklopfte.
– Ich will die Puppe, – Olenka war vor Kraenkung den Traenen nahe.
– Ha-ha-ha, – stachelte Serezcha die Kraenkung noch an.
Mark gab seinem Sohn einen leichten Klaps auf den Hinterkopf.
– Natuerlich, Olenka, hier wird die Puppe wohnen. Sie wird unser General sein.
– Kompaniechef, – praezisierte Serezcha.
– Ich will General, ich will General! – h;pfte Olenka auf einem Bein.
;ber den Strand liefen Verkaeufer. Sie boten Getraenke, Melonen und Wassermelonen an. Ljuba hielt einen von ihnen an und kaufte eine halbe Wassermelone, die in sechs grosse Stuecke geschnitten war.
– Kinder, Ma-ark, – rief sie, – wascht euch die Haende im Meer, kommt essen.
Ein Laerm in der bis dahin stillen Warteschlange riss Mark aus seinen Erinnerungen. In der Mitte der Schlange hielt ein hagerer Brillentraeger Reden ueber Politik. Man zischte ihn an und schielte dabei auf Mark, der in Tarnkleidung gekleidet war. Doch das schien den Mann nur noch mehr aufzustacheln.
– Wo sind unsere Gehaelter, – fragte er die Schlange, – wo sind sie? Haben wir dafuer gestimmt, – mit einer weiten Geste deutete der Brillentraeger auf die graue, entvoelkerte Stadt. – Es gibt nichts mehr zu fressen, und sie schiessen immer weiter. Wo ist die Obrigkeit…
„Ein Panikmacher“, – dachte Mark, – „oder schlimmer noch – ein getarnter Ork. Das muss sofort gestoppt werden.“
Mit fuenf Schritten erreichte Mark den Panikmacher, packte ihn fest an der Schulter und zerrte ihn aus der Schlange.
– Verstehst du denn nicht, dass Krieg herrscht…
– Na und, scheissegal, dass Krieg ist, – unterbrach ihn der Brillentraeger boshaft; er wirkte nicht ver;ngstigt – des einen Krieg ist des anderen Glueck.
– Ich werd’ dir was fuer solche Worte geben, – kochte Mark vor Wut.
– Na und, was willst du mir schon tun, – plusterte sich das Maennchen auf, – willst du mich auf dem Platz ans Kreuz schlagen, wie diesen Jungen…
Kurz, ohne auszuholen, schlug Mark dem Brillentraeger ins Gesicht. Dieser fiel mit einer gewissen Bereitschaft auf den schmutzigen Asphalt und bedeckte den Kopf mit den Haenden. Mark trat zweimal auf den Liegenden ein, holte aus, um ihm in die Nieren zu treten, doch ein Junge von etwa fuenfzehn Jahren warf sich schuetzend ueber den Mann.
– Schlagen Sie ihn nicht, – schrie der Junge mit ueberschlagender Stimme, – bitte, schlagen Sie ihn nicht.
Mark hielt inne.
– Bring ihn weg.
– Komm Papa, gehen wir.
Der Junge hielt den Vater an der Taille umschlungen und fuehrte ihn weg von dem zornigen Mark. Auf dem Buergersteig blieben die zerbrochene Brille und ein Blutfleck zurueck. Der Panikmacher hinkte merklich. Sie hatten sich einige Meter entfernt, als der Mann ploetzlich schrecklich aufheulte, langgezogen auf einer Note, wie ein Wolf im kalten, hungrigen Wald in der Vorahnung des nahen Todes. Der machtlose Zorn dieses Geheuls schnitt in den Ohren, zerriss das Herz in Stuecke. Alles andere, nur nicht dieses Heulen.
Ohne sich seiner Handlungen bewusst zu sein, oeffnete Mark den Reissverschluss und griff unter seinen Buschlat. Die Hand umschloss den geriffelten Griff. Der Junge schien Marks schreckliche Absicht gespuert zu haben und deckte seinen Vater ab. Mark besann sich.
– Sag danke deinem Sohn! – rief er ihnen nach.
Der Junge blickte zurueck. In seinem stechenden Blick las Mark ein Urteil: Entweder ihr uns oder wir euch. Mark spuckte vor Zorn in den Blutfleck.
Als er an seiner Warteschlange vorbeiging, erhob die alte Frau, seine Nachbarin, schuechtern ihre Stimme:
– Guter Mann, werden Sie noch anstehen?
Mark musterte die still gewordene, merklich gelichtete Schlange.
– Erstickt doch dran, – presste er durch die Zaehne hervor, – fuer Buchweizen seid ihr bereit, die Heimat zu verkaufen.
Mark haette sich selbst nicht antworten koennen, welche Heimat er den alten Maennern und Frauen der Buchweizenschlange vorwarf: jene grosse und duestere, die so zeremoniellos in die Stadt eingebrochen war, oder diese winzige, von allen verleumdete und von allen verratene. Eines wusste er absolut sicher: Ein Mensch muss eine Heimat haben, und fuer sie muss man kaempfen, so wie einst die Grossvaeter gekaempft haben.


Mark bemerkte nicht, wie er vor den Tueren des „Eldorado“ landete. Der Saal des Restaurants war fast leer. In einer fernen Ecke feierte laermend eine grosse Gruppe aus dem Bataillon von „Djak“, und in der Mitte des Saals betranken sich drei Kaukasier konzentriert mit Cognac. Im Grunde waren alle unter sich. Und wer wuerde in diesen Zeiten schon ins Restaurant gehen – nur Militaers, die vom Krieg leben.
Mark setzte sich an einen Tisch, und sofort kam ein Kellner auf ihn zu.
– Guten Tag, – begruesste er ihn und legte eine schicke kleine Menuekarte vor Mark nieder.
Der Kellner wollte gerade wegtreten, damit der Gast ohne Eile Getraenke und Speisen waehlen konnte. Diese unaufdringliche Zuvorkommenheit erschien Mark unter den Bedingungen von Kampfhandlungen als uebertrieben.
– Weisst du was, – Mark blickte auf das Namensschild am Revers des Kellnerjacketts, – Kolja, bring das Beste, was dein Etablissement zu bieten hat.
– Soljanka? – fragte Kellner Kolja unsicher.
– Bring die Soljanka, – nickte Mark.
– Tomatensalat?
– Richtig, – stimmte Mark zu.
– Eskalope in Pilzsauce?
– Geht in Ordnung. Und vergiss den Wodka nicht.
– Absolut oder Nemirow?
– Absolut.
– Wie viel wuenschen Sie?
– Interessante Frage. Bring eine Flasche, damit du nicht zweimal laufen musst.
Mark zog seinen Buschlat aus und haengte ihn ueber die Stuhllehne. Auf den anderen Stuhl stellte er die Tasche, holte ein noch leicht feuchtes Badetuch heraus. Damit ging er zur Toilette und wusch sich dort sorgfaeltig die Haende, denn Hygiene im Krieg ist die wichtigste Sache nach den Patronen. Als er zurueckkehrte, war der Tisch bereits gedeckt. Beim Anblick des dampfenden Essens spuerte Mark ein hungriges Vakuum im Magen, und dieses Vakuum verlangte mit einem dumpfen Knurren nach einem Opfer.
Nach einer Woche mit Front-Dosenfleisch erschien das Restaurantessen wie eine Speise aus dem Paradies. So haette er da sitzen und geniessen koennen, sitzen und geniessen. Mark hielt sich zurueck, um den angenehmen Prozess zeitlich auszudehnen, bew;ltigte die Aufgabe aber dennoch schnell. Als er sich an die Lehne zuruecklehnte und sich eine Zigarette anzuendete, blieben auf dem Teller ein Stueck Brot und in der Flasche nicht mehr als ein paar Schlucke uebrig.
Der Kellner kam herbei und raeumte die leeren Teller ab.
– Wuenschen Sie noch etwas?
Mark winkte laessig ab und stiess eine dichte Rauchwolke aus, als wollte er sagen: Stoer mich nicht beim Geniessen des Lebens. Aus seinem schlummernden Zustand wurde Mark durch eine unerwartete Halbe-Frage-Halbe-Bitte gerissen.
– Guter Mann, wuerden Sie mich auf ein Glaeschen einladen?
An seinem Tisch stand ein Maedchen, grell und geschmacklos gekleidet. Der rote Mund und eine leichte Dreistigkeit verrieten ihre Absichten.
– Wie alt bist du? – fragte Mark, waehrend er das Maedchen musterte.
– Achtzehn, – log sie, ohne mit der Wimper zu zucken.
– Du quasselst Stuss.
– Was macht das fuer einen Unterschied, – sie verzog den Mund, – ich bediene dich nicht schlechter als deine Frau.
– Halt den Mund, – sagte Mark ohne Groll.
Das Maedchen nahm die Tasche vom Stuhl und setzte sich.
– Was ist los, hat’s dich erwischt?
Sie war nicht nur jung, sondern auch schoen. Und waere da nicht dieser elektriblaue Mantel, nicht dieser raubtierhafte Mund, nicht der dichte Schatten auf den Wimpern — sie waere noch schoener gewesen.
– Wie viel kostest du? – entschied sich Mark zu fragen.
– Entweder zwanzig Dollar, oder etwas zu fressen in diesem Laden, – fuegte sie hinzu, die naechste Frage Marks vorwegnehmend: – Ich habe eine Wohnung, zwei Gehminuten von hier.
– Nimmst du Rubel?
– Stopf dir deine Rubel in den Arsch, – aus irgendeinem Grund wurde das Maedchen boese.
– Warum das? – erkundigte sich Mark und goss ihr Wodka ein.
– Darum, – erklaerte die Dirne, – heute sind es Rubel, und morgen sind es nur noch Papier.
– Logisch, – stimmte Mark zu, – gut, bestell, was du willst, und ich gehe derweil mal pinkeln.
In der Toilette schluepfte Mark in eine Kabine.
– Verdammt, welches Schwein hat das Klo zerbrochen!
Er stellte sich hinter die Trennwand an das Urinal. In diesem Moment oeffnete sich die Toilettentuer, und kurz darauf ertoente aus der Kabine ein empoerter Schrei:
– Verdammt, welche Sau hat den Ugnitas zertruemmert!
– Grauer, bist du das? – rief Mark.
Aus der Kabine kam ein breitschultriger, kahlgeschorener Kerl heraus.
– Hallo, Fuerst, – begruesste er ihn.
– Hallo, Grauer, – antwortete Mark, – stell dich daneben. Ich lade dich ein.
Grauer stellte sich in die Nachbarschaft.
– Weisst du nicht, welche Sau den Ugnitas zertruemmert hat?
– Unitas, – korrigierte ihn Mark.
– Was?
– Nichts, mach dir keinen Kopf.
Gleichzeitig plaetscherten zwei Strahlen.
– Wie laeuft’s bei euch? – fragte Grauer.
– Wir schlagen uns wie eine Fliege gegen das Glas. Die Orks haben sich festgebissen. Wir haben sie mit allem beschossen, nichts hilft. Nur eine Atombombe haben wir noch nicht ausprobiert.
– Na klasse. Das hat uns gerade noch gefehlt.
– Und wie laeuft es bei euch?
– Bisher halten wir die Stellung. Die Jungs quatschen was von einer baldigen Offensive. Womit wir angreifen sollen, weiss der Geier. In meiner Kompanie ist die Haelfte Frischlinge. Die werden im ersten Gefecht draufgehen.
Mark schloss seinen Hosenschlitz und trat zum Waschbecken.
– Die Brueder werden helfen.
– Brueder! – schrie Grauer und schlug mit der Faust gegen die Wand. Die Wand antwortete mit einem dumpfen Droehnen. – Die haben nur eines im Sinn: sich besaufen und dann auf Haeuser ballern, und diese Scheiss-Journalisten filmen das Bild, – Grauer beendete sein Geschaeft am Urinal und trat an Mark heran, – und dann schieben sie es uns in die Schuhe, wir den Orks, und die Orks wieder uns. Nach allem, was ablaeuft, sind wir am Ende die Dummen.
Mark begann, sich die Haende zu waschen.
– Scheisse sind das, und keine Brueder, – fuhr Grauer fort. – Weisst du, Fuerst, wenn ich gewusst haette, was fuer ein Dreck dabei rauskommt, waere ich zu den Orks gegangen.
– Du, Grauer, halt lieber die Zunge im Zaum. Es werden Sonderabteilungen gebildet.
– Weisst du das sicher? – fragte Grauer misstrauisch.
– Sicherer geht es nicht. Im Ministerium hat man es mir heute zugefluestert. Rauchen wir eine, – schlug Mark vor, um das Thema zu wechseln, und holte Zigaretten aus der Tasche.
– Oh, amerikanische. Feindfrass.
– Pindos-Stoff, wie unsere Brueder sagen.
Die Maenner lachten. Sie zuendeten sich die Zigaretten an.
– Erinnerst du dich noch, wie alles anfing, – Grauer stiess zwei Tabakrauchstroeme durch die Nase aus, – erinnerst du dich, Fuerst, wie uns die Orks das erste Mal eingedeckt haben?
– Ich erinnere mich, – Mark laechelte, – ich hatte Schiss bis zum Gehtnichtmehr.
– Und ich hab mir tatsaechlich in die Hose geschissen, – gestand Grauer, – mein Kumpel neben mir wurde in Stuecke gerissen. Ein Arm hier, ein Bein dort, und der Kopf weiss der Geier wo. Da hab ich mir in die Hose gemacht. Ganz real.
In die Toilette kam ein schwankender, stockbesoffener Kaukasier herein. Die Freunde traten beiseite, liessen ihn zu den Urinalen passieren und gingen selbst hinaus.
– Hoer mal, Fuerst, – Grauer legte seine schwere Hand auf Marks Schulter, – ich habe gesehen, dass sich Anscherla zu dir gesetzt hat.
– Wer ist das? Ich habe sie hier frueher nicht gesehen.
– Das liegt daran, dass du selten vorbeikommst, – grinste Grauer, – hier gibt es einen ganzen Haufen von denen. Es gibt nichts zu fressen. Wir toeten, – davon leben wir. Alles normal. Alles so, wie die Brueder es wollten.
– Und, wie ist sie so?
– Hab’s nicht probiert, ich will nicht luegen. Die Jungs sagen, das Maedchen ist sauber. Aber darum geht es mir nicht. Tu ihr nicht weh. An ihr haengen die Mutter und ein kleiner Bruder. Wenn ihr was zustoesst, sind sie geliefert.
– Ich tu ihr nichts, – versprach Mark.
In der Toilette erklang das Klirren von zerbrochener Keramik.
– Da ist er ja, derjenige, der unsere Sanitaeranlagen zerlegt, – schlussfolgerte Mark.
– Noch ein Bruder, – grinste Grauer. – Na gut, Fuerst, mach’s gut. Ich geh zu meinen Leuten.
Sie umarmten sich und klopften einander auf den Ruecken.
– Wenn wir am Leben bleiben, sehen wir uns wieder, – sagte Mark.
– Aber sicher, – stimmte Grauer zu.
Anscherla hatte den ganzen Tisch mit Tellern vollgestellt.
„Sicher fuer dreissig oder vierzig Dollar“, – ueberschlug Mark im Kopf.
– Und das willst du alles essen?
– Irgendwie habe ich keinen Appetit, – lachte Anscherla. – Ich nehme es mit. Darf ich?
– Klar, nimm es mit.

Egal wie sehr Anscherla sich bemuehte, bei Mark klappte nichts. Vielleicht war der getrunkene Wodka schuld, doch am wahrscheinlichsten stoerte das Gefuehl eines stillen Lebens hinter der duennen Trennwand, das konzentriert auf jedes Geraeusch lauschte.
„Offenbar bin ich wirklich alt geworden“, – dachte Mark, waehrend er sich anzog.
Anscherla kam mit auf den Treppenabsatz, um ihn zu verabschieden. Sie stand in der Tuer, fr;stelnd in nur einem Unterkleid.
„Armes Maedchen. Sie sollte in der Schule lernen, anstatt mit besoffenem Soldatenpack zu ficken.“
Die Hand oeffnete von selbst, wie damals in der Warteschlange, den Reissverschluss und griff unter den Buschlat. Mark holte ein dickes Buendel Rubel hervor, das fuer die Sendung an seine Familie bestimmt war.
– Nimm, – sagte er schnell, um es sich nicht anders zu ueberlegen.
Anscherla nahm es. Ihr Kinn begann zu zittern, und aus den halbgeschlossenen Augen, die Wimperntusche wegwaschend, fielen ganz schnell schwarze Traenen.
– Denk nicht schlecht von mir, ich bin nicht so eine.
– Ich weiss, Anscherla. Leb wohl.
Mark ging, und das Maedchen lehnte sich an den Tuerrahmen und schluchzte lautlos, waehrend sie in der gefrorenen Hand das dicke Buendel der verfluchten Rubel drueckte. In den Flur kam die Mutter, eine noch nicht alte Frau mit einem eingefallenen, grau gewordenen Gesicht. Sie legte dem Maedchen die Arme um die Schultern.
– Komm, Anja, gehen wir.
– Mama, – das Maedchen fiel der Mutter an die Brust, – ich kann so nicht mehr, ich kann nicht.
– Komm, meine Liebe. Es ist kalt.


Vor dem Hauseingang stand das gepanzerte Fahrzeug, das Mark im Voraus bestellt hatte. Er brachte die Tasche mit den Waschsachen nach Hause und holte sein Sturmgewehr. Als er den Hauseingang bereits verlassen hatte, erinnerte er sich an sein Versprechen gegenueber Marja Stepanowna. Er kehrte in den dritten Stock zurueck und klingelte an der Tuer.
– Marja Stepanowna, ich bin’s, Mark, – sagte er laut.
Die Nachbarin oeffnete sofort, als haette sie an der Tuer gewartet.
– Mark …
– Marja Stepanowna, – unterbrach sie Mark, – im Ministerium haben sie gesagt, dass die Renten vielleicht naechste Woche kommen, oder vielleicht in zwei Wochen.
– Ach, danke, Mark, – freute sich die Nachbarin, – und ich habe dir Piroggen gebacken.
Sie drueckte Mark gewaltsam einen schweren Plastikbeutel in die Haende.
– Marja Stepanowna, – sagte Mark vorwurfsvoll.
– Ich will gar nichts hoeren, – winkte die Nachbarin ab, – verteil sie an die Soldaten.


Punkt sechzehn Uhr, wie vereinbart, betrat Mark die Garage, die zum Kompanie-Hauptquartier umfunktioniert worden war. Hinter einem Tisch, den die Soldaten aus irgendeiner leerstehenden Wohnung herbeigebracht hatten, erhob sich sein Stellvertreter.
– Wie ist die Lage? – fragte Mark.
– Die Lage ist normal, Mark Ignatjewitsch.
– Giwi, – Mark sah seinen Stellvertreter streng an, – kennst du meinen Rufnamen?
– Verzeih, Fuerst, das wird nicht wieder vorkommen.
– Schon gut. Wie sieht es mit den Maennern aus?
– Verpflegung ausgegeben. Munition verteilt. Um sechzehn Uhr zehn, – Giwi blickte auf die Uhr, – Antreten auf dem Appellplatz zur Entgegennahme des Kampfauftrags.
– Na gut, gehen wir. Es schickt sich nicht fuer Kommandeure, zu spaet zu kommen.
Die Decke aus grauen Wolken war merklich duenner geworden. Dadurch wurde es heller und kaelter. Ueber dem Horizont erschien ein weisser Fleck — das hinter den Wolken verborgene Sonnenlicht ging unter.
Mark betrachtete die sich unbeholfen aufstellenden Soldaten, zum groessten Teil aeltere, muede Maenner. Er empfand einen schmerzlichen Jammer fuer diese gestrigen Bergleute und Metallurgen, Lehrer und Aerzte. Doch am meisten tat Mark sich selbst leid, denn er sah in diesem Krieg keinen siegreichen Ausgang.
– Kompanie, Augen rechts! – rief Giwi.
Fuenfzig unterschiedlich ausgeruestete Maenner drehten die Koepfe nach rechts.
– Kompanie, stillgestanden!
Mark trat in die Mitte der Formation. „Ich muss sie irgendwie aufmuntern.“
– Freunde, morgen werden wir abloest.
Ein leichtes, freudiges Fluestern ging durch die Reihen.
– Und jetzt, – Mark stellte die Beine auseinander, schlug mit den Haenden auf die Oberschenkel und nahm Haltung an, – hoert den Kampfauftrag.
Die Maenner in der Formation strafften sich.
– Wir ruecken verdeckt in die Ausgangspositionen vor…
– Die Orks werden uns hier alle abknallen! – rief jemand laut aus der Formation.
– Wer hat das gesagt! – reagierte Mark augenblicklich.
– Na, ich hab’s gesagt, – aus der zweiten Reihe trat der langgeschossene Petrenko hervor, – ich hab’s gesagt – Rufname Wolf.
– Warum ohne Schutzweste? – fragte Mark.
– Wenn wir losgehen, zieh ich sie an, – antwortete Wolf traege.
– Reih dich ein, – befahl Mark, – ich werde mich nach dem Gefecht mit dir befassen.
Mark wartete, bis Petrenko-Wolf seinen Platz eingenommen hatte, und fuhr fort:
– Zuerst beginnen die Nachbarn rechts. Mit ihnen werden die Fernsehleute arbeiten.
– Einen Film ueber die Grausamkeiten der Orks drehen, – ertoente eine Stimme vom linken Fluegel.
Die Formation wieherte im Chor. Mark musste unwillk;rlich laecheln.
– Keine Unterhaltungen in der Formation! – herrschte Giwi sie an.
Die Formation beruhigte sich allmaehlich, und Mark fuhr fort, den Kampfauftrag zu erteilen.
– Sie greifen die Montagehalle Nummer zwei an. Sobald die Orks ihre Kraefte dorthin abziehen, schlagen wir zu. Unsere Aufgabe ist es, das Verwaltungsgebaeude einzunehmen. Um siebzehn Uhr null null beginnen wir auf mein Kommando. Zehn Minuten zum Sammeln, dann ruecken wir aus. Gibt es Fragen?
– Ja, – sagte ein baertiger Soldat in der Mitte, – wann gibt es Sold?
– Nach dem Gefecht. Um acht Uhr kommt der Kassierer. Wenn wir die Aufgabe erf;llen, gibt es eine Praemie in Hoehe des doppelten Solds. Noch Fragen?
Es gab keine weiteren Fragen mehr.
– Wegtreten! – kommandierte Giwi.



Mark und Giwi fanden Deckung hinter den Resten eines Betonzauns, der Schutz vor kleinkalibrigen Kugeln garantierte. Vom Zaun bis zu den Ruinen des Verwaltungsgebaeudes erstreckten sich einhundertzwanzig Meter von Trichtern zerfurchtes, blutgetraenktes Niemandsland.
– Ich will rauchen, Fuerst, ich halte es kaum aus.
– Und saufen willst du wohl nicht, – schmunzelte Mark.
– Doch, das waere auch nicht schlecht.
– Wir werden noch trinken.
Giwi blickte hinter dem Zaun hervor.
– Verdammt noch mal, – rief er erstaunt aus, – deshalb ist der Wolf also ohne Schutzweste.
Mark streckte den Kopf hinaus.
Auf dem Asphaltweg, der zum Verwaltungsgebaeude fuehrte, rannte Petrenko mit erhobenen Haenden. Er hatte bereits ein Drittel des Niemandslandes hinter sich gebracht.
– Schiesst nicht! – schrie Petrenko den Orks zu, – Jungs, schiesst nicht!
– So ein Mistkerl! – fluchte Mark.
– Das Schwein entkommt uns!
Giwi schob den Lauf aus der Deckung hervor und gab eine kurze Salve ab. Petrenko beschleunigte und lief im Zickzack. Giwi schoss erneut und verfehlte ihn wieder.
– Das Schwein entkommt uns!
Giwi trat hinter dem Zaun hervor, liess sich auf das rechte Knie nieder, zielte und streckte Petrenko mit einer langen Salve nieder. Dieser stuerzte, ueberschlug sich zweimal und blieb auf dem Asphalt liegen, fast hatte er die Ruinen erreicht.
– Erledigt! – Giwi hob die linke Hand in einer Siegesgeste.
Und in diesem Moment begann von der anderen Seite ein schweres Maschinengewehr souveraen zu rattern. Eine Kugel riss Giwi das Handgelenk ab. Er starrte, ohne zu begreifen, was geschah, auf den weiss-weissen Knochen, der aus dem blutigen Aermel ragte. Eine andere Kugel liess Giwis Kopf explodieren. Auf den gefrierenden Boden fielen Blut und Klumpen von weissem Gehirn. Giwi sackte vor Marks Fuessen zusammen. Er liess sich vor seinem toten Freund auf die Knie sinken.
– Paschaaa, verdammt noch mal! – heulte Mark wie ein Wolf, waehrend er mit dem ganzen Koerper hin und her schwankte. – Warum zum Teufel bist du blooss hervorgetreten! Haette er doch laufen sollen, wohin er wollte!
Pascha Sergejew starrte mit seinem unversehrten, toten Auge in den Himmel, der gleichg;ltig gegenueber den irdischen Tragaedien blieb. Und dort am Himmel verk;ndete die Sonne, blutig-rot als Vorbote strengen Frostes, den Abschied; sie vertrieb die Wolken und kroch hinter den Horizont, verliess dieses Land.
Mark erhob sich.
– Kompaaanie! – schrie er langgezogen und heiser, – hoert auf mein Kommando.
Und die Maschinengewehre ratterten los, und die Sturmgewehre ratterten los.
– Gegen die Orks – vorwaerts!
Und die Grads donnerten von beiden Seiten los und saeten den Tod, den Tod, den Tod.


Ðåöåíçèè