Die Eiche

Wie Schlangen oder gigantische Regenwuermer krochen die knotigen Wurzeln im Gras zum Fuss der riesigen Eiche. Die Eiche herrschte noch immer ueber die Lichtung, sie unterdrueckte mit ihrer Groesse und ihrem Schatten noch immer jede pflanzliche Initiative, die groesser war als ein verkuemmerter Wacholderstrauch, doch die Stammringe ihres Schicksals waren gezaehlt.
Denn Wald-kreaturen untergruben mit stumpfen Ruesseln die n;hrenden Wurzeln, frassen Loecher in den Koerper, schwaechten oder unterbrachen gar den Fluss der Lebenssaefte, frassen die weichen aeusseren Schichten ab, und einige der kleinsten Wesen drangen bis zum Kern vor, zur verbindenden Essenz zwischen dem Niedrigen und dem Erhabenen.
Er kannte sie seit jener Zeit, als er aus der Stamm-eichel gekeimt war und seine ersten zwei Blaettchen das weisse Licht spuerten. Er war damals nicht mutiger als jene Grashalme und zitterte gemeinsam mit ihnen im Wind. Das Eichenkind hatte Glueck. Es wurde nicht vom Huf eines Elches in den Boden getreten, wurde nicht von einem vorbeirennenden Hasen gefressen, und selbst eine kleine Raupe, die in ihrer Unersaettlichkeit seine Lebensansprueche haette beenden koennen, kroch an dem kleinen Baum vorbei.
Mitte des ersten Zyklus, der der Eiche den ersten und staerksten Stammring bescherte, begannen unter dem jungen Nachwuchs Buendnisse und Koalitionen zu wachsen. Und das Eichenkind trat in ein Buendnis mit der Birke, dem Ahorn und einer schmucken Tanne ein. Er war der Juengste in der Gruppe und fuerchtete, dass die ihm am naechsten stehende Tanne dies ausnutzen wuerde, doch die Natur der Tanne erwies sich zum Glueck nicht als aggressiv, sondern als kegelfoermig. Zudem beschuetzte ihn die Birke – die ;lteste und Staerkste in ihrem Bund.
Drei Zyklen, drei Jahreszeiten, drei wichtigste Stammringe lang kaempfte der Viererbund erfolgreich gegen die frechen Spr;sslinge, und im vierten Zyklus wuchs unter ihrem Herrschaftsbereich nichts ausser Graesern und Blumen. Im vierten Zyklus erdrosselte das erstarkte Eichenkind, im Einverstaendnis mit der Birke, die Tanne.
Die drei folgenden Zyklen waren gepraegt vom Kampf mit dem Ahorn, der sich einfach nicht geschlagen geben wollte. Nur durch einen gemeinsamen Angriff der Birke von der Aufgangsseite und des Eichenkindes von der Untergangsseite konnten die Verbuendeten den Ahorn mit m;rderischem Schatten eindecken. Der Ahorn verkuemmerte und verfluchte die Verraeter.
Die naechsten sieben gluecklichen Stammringe, sieben glueckliche Jahreszeiten, vergingen wie ein kurzer Atemzug des Windes. Das Eichenkind und das Birkenkind wuchsen nebeneinander auf, ohne einander zu behindern, ohne den Herrschaftsbereich des anderen anzutasten. Und dem Eichenkind schien es, als sei es in das Birkenkind verliebt. Sie fluesterten unter der Vermittlung des schamlosen Windes miteinander, schickten einander durch Kaeferchen und Spinnelein Zeichen der Zaertlichkeit und Aufmerksamkeit.
Im fuenfzehnten Zyklus wurde aus dem Eichenkind eine Eiche, und aus dem Birkenkind wurde eine Birke. Im fuenfzehnten Zyklus bemerkte die Eiche ein seltsames Vorzeichen: Die Birke streckte zwei Zweige in seine Richtung aus. Auf den gerechten Vorwurf „Was tut sie da nur!“, antwortete die Birke scherzhaft, sie wolle ihren Geliebten lediglich beruehren.
Die Eiche erwiderte darauf nichts, und bald rissen boese Winde die letzten verfallenen Kleider weg, und der gesamte Wald, von klein bis gross, versank im Winterschlummer.
Die Eiche erwachte vor allen anderen und begann sofort so zu wachsen, wie sie zuvor noch nie gewachsen war. Die Birke erwachte, liess ihre flauschigen Kaetzchen spriessen und rief: „Ach, geliebte Eiche, warum hast du das getan?“
„Ich selbst werde dich beruehren, Birke“, – und sie begannen um ihr Leben zu kaempfen. Im fuenften Zyklus der Schlacht wurde klar, dass die Eiche staerker war. Die Birke flehte, die Birke bat um Gnade, doch die Eiche war unerbittlich.
Im Fruehling des einundzwanzigsten Zyklus trieb die Birke noch einige wenige Blaettchen in seine Richtung aus, ein letztes Lebewohl, und starb leise. Im selben Zyklus, im Herbst, faellte ein Biber ihren toten Koerper und schleppte ihn fort, um ihn in seinen Unterwasser-Verstecken verrotten zu lassen.
In jenem traurigen Zyklus waere die Eiche selbst beinahe verkuemmert, in jenem traurigen Zyklus legte sie den duennsten Stammring auf ihr Schicksal. Und schliesslich haette sie in jenem traurigen Jahr fast den Angriff einer jungen, gefuehllosen, kraeftigen Eiche von der Lichtseite her uebersehen.
Die Eiche erwachte aus ihrem Kummer, als eines Tages zur Mittagszeit ein moerderischer Schatten auf ihre Suedseite fiel. Nach zwei Saisons des Kampfes spuerte die Eiche die Unausweichlichkeit eines traurigen Endes. Der Rivale war schlichtweg staerker. Eher aus Verzweiflung als aus Hoffnung begann die Eiche, Wurzeln in Richtung des Rivalen zu treiben; eher aus Ausweglosigkeit als nach einem Plan riss sie die n;hrenden Kapillaren des Feindes auf, umflocht mit ihren Wurzeln die seinen und erdrosselte sie. Der Rivale raschelte ver;chtlich mit seinem Laub und r;ckte mit seinem Schatten immer weiter auf die Eiche vor, doch pl;tzlich, zur Unzeit, verwelkten und fielen die Blaetter an zwei Zweigen des Rivalen ab. In dem dichten Schatten entstand eine Luecke, die der Eiche Licht und Kraft gab. Und diese Luecke gab der Eiche die Erkenntnis, dass der Rivale bezwungen werden konnte, wenn auch durch eine Methode, die unter edlen Eichen und Buchen nicht ueblich war.
Den ganzen Winter ueber grub sich die Eiche im Halbschlaf durch die kalte Erde zur Hauptwurzel des Rivalen vor. Und sie erreichte sie. Die Eiche erwachte noch vor den widerwaertigen Birken. Mit zwei aktiven Auslaeufern drang die Eiche in die Hauptwurzel des Rivalen ein und begann, ihm direkt seine Lebenskraft auszusaugen. Als der Rivale aus dem Winterschlummer erwachte, waren die Ringe seines Schicksals gezaehlt.
Der Rivale rief das lebensspendende Licht an und forderte Gerechtigkeit, er wandte sich an die grimmige Kaelte und bat um Gnade, doch die Gottheiten des Seins und Nichtseins schwiegen. Der Rivale vertrocknete, und als ihm klar wurde, dass das Ende nah war, bat er den Schatten leise, ihn in seinen Geisterwald aufzunehmen.
Die Doktrin des Wachstums, die in jedem Samen enthalten ist, leugnet die Existenz einer eigenen Wesenheit des Schattens; doch alle, vom ringlosen Grashalm bis zur maechtigen Kiefer, die mit ihrem Gipfel den Himmel durchsticht, alle spuerten, dass jeder frueher oder spaeter im Reich des Schattens, im Geisterwald, landen wuerde.
Die Anrufung des Schattens war die letzte Botschaft des Rivalen an die Welt und den Wald, und dies war eine Gotteslaesterung, fuer die er schrecklich bezahlte.
Indem sie das Wurzelwerk des Rivalen in sich aufnahm, wurde die Eiche staerker – die staerkste im wahrnehmbaren Raum. Doch nicht nur das. Aus dem Akt des direkten Kannibalismus entstand und reifte ein Gefuehl, so hart wie jahrhundertealte Rinde: dass alles unter diesem Himmel paarweise waechst – das lebensspendende Licht und die grimmige Kaelte, Sein und Nichtsein, das Erhabene und das Niedrige, und nur der Schatten ist einer fuer alle. Dass das Niedrige ebenso wichtig ist wie das Erhabene und dass in ihrer Einheit, Gleichheit und Harmonie das grosse Geheimnis des Wachstums verborgen liegt.

Einsamkeit ist das Los der Herrscher. Die Eiche brauchte keine Freunde – sie hatte keine Freunde. Die Eiche brauchte keine Verbuendeten – sie hatte keine Verbuendeten. Sie hatte nicht einmal Rivalen – nur Opfer: die widerspenstigen und nahen – sie fielen als Erste; die fernen und ver;ngstigten – auch sie erreichte die Eiche.
Es schien, als koennte sie sich so weit erheben, dass sie mit ihrem Schatten die ganze Welt bedecken wuerde; es schien, als koennten ihre Wurzeln in die geheimsten Vorratskammern der Mutter Erde vordringen; es schien, als gaebe es keine Grenze fuer ihre Macht, es schien... Doch eines Tages brach ein Sturm von bisher ungekannter Kraft herein, und die Eiche bezahlte teuer fuer ihren Hochmut.
Zuerst erlosch das Licht am hellen Tag.
Ein dicker Schatten, Vorbote des Unheils,
bedeckte den Wald. Und es ward still,
als waeren alle vor der Zeit
im Geisterwald. Und es erscholl
der Donner in der furchtbaren Stille,
den Himmel in kleine Scherben spaltend.
Und aus den Luecken des Himmels, in Raserei und Zorn,
stuerzten die Winde auf den Wald,
das Laub entreissend,
die Aeste brechend
und die Wurzeln aus der Mutter Erde reissend.
Zwei Tage und zwei Naechte tobte der Sturm. Viele, viele Bewohner des Waldes begaben sich, getrieben von boesen Winden, auf eine dauerhafte Ansiedlung in die Gebiete des ewigen Schattens. Die Eiche selbst haette den Sturm nicht ueberlebt, haette sie den unersaettlichen Winden nicht rechtzeitig ihren groessten Ast geopfert. Und doch waren in ihrem niedrigen Bereich die Wurzeln des noerdlichen Sektors gelockert und teilweise gerissen. Bereits im Abzug schickte der Sturm der Eiche einen letzten Kuss. Ein Blitz schlug ein und spaltete den bereits vom Wind gebrochenen Gipfel entzwei. Die Eiche waere verbrannt, waere sie nicht von oben bis unten mit Feuchtigkeit gesaettigt gewesen, vom durch ein Wunder ueberlebten, von einer Raupe angefressenen gezackten Blaettchen bis zur letzten n;hrenden Kapillare des niedrigen Bereichs.
In jenem Zyklus erwies sich der Winter als ausserordentlich grausam. Viele, viele durch den Sturm verletzte Baeume begaben sich mit den klirrenden Froesten in den Geisterwald. Die Eiche ueberlebte diesen Winter, und im Fruehling spuerte sie, wie neues Leben zu wuseln begann, wie Tausende von Sproesslingen an der Stelle der gefallenen Baeume Wurzeln schlugen, wie Buendnisse geschlossen wurden, Koalitionen verschmolzen und wie sie einander mit ihren jaemmerlichen Schatten erdrosselten.
Nach diesen traurigen Ereignissen verletzte die Eiche die heilige Doktrin des Wachstums und zog die Stabilitaet allem anderen vor. Die weissgesichtigen Birken und ihre Freundinnen, die zitternden Espen ausserhalb ihres Herrschaftsbereichs, flueberten sp;ttisch untereinander, dass die Stabilitaet der Rieseneiche nach Faeulnis rieche. Noch dreimal fielen in der langen Lebenszeit der Eiche Hurrikane ueber den Wald her, dreimal folgte auf die Hurrikane grimmige Kaelte, und dreimal verjuengte sich der Wald von Grund auf.
Die Eiche verfiel in ihrer Stabilitaet, und mit jedem Jahr fiel es ihr schwerer und widerwilliger, aus dem Winterschlummer zu erwachen, um dem Schicksal einen weiteren Stammring hinzuzufuegen; und sie spuerte, dass sie bald auf ewig im Geisterwald siedeln wuerde. Die Eiche bereute nichts, sondern traeumte nur davon, dass sie im Reich des Ewigen Schattens ein Eichenkind werden wuerde und die geliebte Birke an ihrer Seite waere.


Wie Schlangen oder gigantische Regenwuermer krochen die knotigen Wurzeln im Gras zum Fuss der riesigen Eiche.


Рецензии
Дорогой Анатолий, спасибо за Ваш Талант и эрудицию

Лиза Молтон   12.01.2026 01:48     Заявить о нарушении