Der Kuenstler hat uns gemalt
Igor Komissarow, besser bekannt unter seinem Spitznamen Cowboy Sam, wich reflexartig vom Fenster zurueck.
– Da hat es sich ja ausgetobt, verdammt noch mal, – charakterisierte er auf einmal sowohl das Toben der Natur als auch den ploetzlichen Angriff des knorrigen Asts.
– Also hast du fest vor zu heiraten?
– Was soll man machen, – antwortete der Cowboy; der Ast hatte sich in der Ecke des Balkons beruhigt, zuckte nur ab und zu mit seinem ganzen Wesen, – bald bin ich dreissig, und ich baumle hier herum wie ein Stueck Dreck im Eisloch, – er nahm einen ordentlichen Schluck aus dem hohen Glas, – es ist Zeit, sozusagen, sich festzulegen, – Igor wandte sich um.
Mitten in dem geraeumigen, leeren Raum, der gleichermassen erfolgreich als Kuenstleratelier und als Zigeunerlager haette dienen koennen, standen ein Glastisch und zwei Sessel – ein grosser und ein kleiner. Im ausladenden Sessel aus rotem Leder thronte Kusma Podmarnik. Innerhalb der Werkstatt trug der Sessel den Namen Nowalterskow oder manchmal auch Starokusminkow. Mit dem samtenen Monster des franzoesischen Philosophen verband den Starokusminkow-Sessel die Zeit, die die Besitzer in seinen Armen verbracht hatten, und die Tiefe des Eintauchens des Geistes in das, was Plotin den Nous nannte.
In sozialen Netzwerken war Kusma unter dem Nicknamen Kusma-Sehr aeusserst bekannt. Im Internet brach er die Herzen von Studentinnen durch seine Galanterie im Umgang, trat furchtlos in Gefechte mit aelteren Leuten ein und verfuehrte metaphysisch Damen im ewigen Balzac-Alter. Im wirklichen Leben war Kusma jedoch weder einem galanten Caballero aehnlich, noch einem furchtlosen Ritter, der gegen knarrende Windmuehlen kaempfte, noch einem heimtueckischen Verfuehrer. Er war quadratisch gebaut, kahlkoepfig und struppig unrasiert.
Igor kehrte zum Tisch zurueck. Er nahm noch einen Schluck von dem sauren Wein und liess sich in den kleinen Sessel plumpsen.
– Und wann? – erkundigte sich Kusma.
– In einem Monat, – antwortete der Cowboy duester.
Ihm war es unertraeglich, das Thema des Gespraechs zu wechseln.
– Ich habe von Max gehoert, dass du dein Gemaelde fertiggestellt hast.
– Fertiggestellt. Willst du es sehen?
– Natuerlich will ich.
Die Freunde liessen ihre Glaeser stehen und bewegten sich zur fernen Wand, wo auf einem Unterrahmen eine grosse Leinwand stand, die mit einem weissen Tuch verhaengt war.
– Die bildende Kunst, – sagte Kusma, waehrend er sich neben das Gemaelde stellte, – besteht von den Hoehlenzeichnungen bis zu den undeutlichen Farbflecken eines betrunkenen Affen aus zwei Teilen: Farben und Worten. Im allgemeinsten Sinne – das Bild und die Begleitung.
Kusma legte die linke Hand auf den Rand des Gemaeldes, setzte einen Fuss vor, waehrend er mit der rechten Hand fliessende Bewegungen machte.
„Diese majest;tische Pose steht ihm gut“, – bemerkte Igor fluechtig, – „sie verleiht seinen Worten Stofflichkeit.“
– Das Bild bleibt, einmal geboren, unveraendert, – fuhr Kusma fort, – die Begleitung waechst quantitativ und qualitativ. Bei den Leinwaenden von Caravaggio, Tizian und anderen Marken machen neunundneunzig Prozent des Preises die Begleitung aus. Doch wie hoch der Preis der Begleitung auch sein mag, sie bleibt ein Praedikat, und ein Praedikat ist ohne Subjekt unmoeglich.
– Und was ist mit der besonderen Art von Strahlung, die von den Leinwaenden alter Meister ausgeht, – wandte Igor energisch ein, – was ist mit dem mentalen Feld, der fluiden Verbindung zum Schoepfer?
– Ach was, gar nichts, – schmunzelte Kusma, – all dieser Bl;dsinn ist Teil der Begleitung.
Mit diesen Worten riss er den Vorhang beiseite.
– Was sagst du? – Kusma hielt nicht einmal drei Minuten von Igors ehrfuerchtigem Betrachten aus.
– Ich wuerde gerne zuerst die Version der Begleitung hoeren, – sagte Igor und trat einen Schritt vom Gemaelde zurueck.
– Du verstehst was davon, – bemerkte Kusma respektvoll, – na, dann hoer zu. Das Maedchen im roten Kleid, – Kusma deutete auf das kniende Maedchen in der Mitte des Bildes, – ist in einen fremden Traum geraten. Sie fluestert ein Gebet. Uuuuh, – heulte Kusma theatralisch auf, faltete die Haende wie ein Boot vor der Brust und begann leidenschaftlich zu flueistern: – Tiere des Waldes, Voegel des Himmels und ihr, alte Riesen, zu euch rufe ich; klarer Himmel, dunkles Wasser und Wolken, euch flehe ich um Rettung an. Mir ist bang, so bang im fremden Traum. Ich fuerchte mich, mich umzublicken, da ich dort hinter meinem Ruecken das feurige Auge des Basilisken spuere. Versteinern werde ich fuer alle Ewigkeit, wie durch den Blick der Gorgonen, werde zur Salzsaeule erstarren...
Ploetzlich unterbrach ein Klingeln den leidenschaftlichen Monolog. Kusma holte aus der Brusttasche seines Hemdes den vibrierenden Apparat hervor. Er drueckte den roten Knopf der Zustimmung.
– Pronto, – meldete er sich munter, waehrend er von Igor wegging, – Sehr-Kusma am Apparat.
Seltene Ausrufe des Freundes drangen zu Igor durch: „Natuerlich... ich bin nicht allein... wie viele zu nehmen sind...“, aber Igor, unter dem Eindruck der Begleitung, konnte sich nicht von dem Gemaelde losreissen. Ein starker Windstoss hob den Ast vom Balkon und mit einer klauenartigen Tatze kratzte er mit neuer Hartnaeckigkeit am Fenster. Unwillkuerlich blickte der Cowboy zum Fenster. Als Igor jedoch den Blick auf das Gemaelde zurueckwarf, rollte eine kalte Welle von seinem Scheitel das Rueckgrat hinab und versank durch die Fusssohlen im Boden.
– Heilige Erzengel und ihr, alte Goetter, – rief er leise aus.
Igor haette auf seine Liebe und baldige Hochzeit schwoeren koennen, dass vor einer Minute der Schmetterling auf der Schulter des Maedchens noch nicht da gewesen war.
– Was glotzt du so, – der herbeigekommene Kusma verhing das Gemaelde. – Gehen wir Wodka saufen. Wir sind zu einer Party eingeladen.
– Gehen wir, – willigte Igor leicht ein, – nur eine Frage: wo ist dort, – Igor deutete unsicher auf das Bild, – der Basilisk.
– Hm, hast du den Feuerball oben gesehen?
– Gesehen.
– Das ist der Basilisk. Mach dir keinen Kopf, Igor, gehen wir.
An der offenen Tuer warf Igor, einem unklaren und unangenehmen Gefuehl gehorchend, einen Blick zurueck auf das Gemaelde. Der Vorhang schwankte, als versuchte das Maedchen im roten Kleid, sich aus dem fremden Albtraum in die Welt des Lichts und des Guten zu befreien.
– Irgendein Bloedsinn, – murmelte Cowboy Sam und trat ueber die Schwelle.
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