Aus dem Dasein der Upire des Mittelstreifens
Das Boot glitt sanft ueber das schlaefrige Wasser und liess zwei Furchen hinter sich, die zu den Ufern auseinanderliefen. Als haette jemand Unbekanntes aus einem traurigen Nirgendwo den Schatten eines goldenen Speers mit einem Kahn an der Spitze auf den Fluss geworfen. Das leichte Plaetschern des Ruders und das Knarren der Dollen ergaenzten die vorabendliche Ruhe der Natur. Mit Fluegelschlagen flog ein Schwarm Enten tief vorbei, eine Kraehe schrie dreimal laut, ein grosser Fisch sprang neben dem Boot auf und klatschte tollpatschig in den Fluss, wobei er Wadim mit Myriaden silberner Troepfchen bespritzte.
Der junge Birkenwald, der bis zum Wasser gelaufen war, endete, und vor Wadims Augen oeffnete sich ein verlassener Dorfkirchhof auf einem sanften Abhang. Ein Dutzend schiefer, dem Fluss zugewandter Kreuze, etwa zehn Eisenpyramiden unter Eisensternen und zwei vom Regen abgeschliffene Statuen. Die Sonne befreite sich von einer herangezogenen Wolke, spritzte Strahlen auf den Hang, und Sterne und Kreuze flammten auf, als waeren sie von innen mit Feuer entzuendet worden.
Es liegt eine unerklaerliche Anziehungskraft in alten russischen Friedhoefen, in mit Efeu umrankten Zaeunen, in von Wildgras ueberwucherten Pfaden, in von der Zeit geschwaerzten Grabsteinen. Dort ist die geschaeftige Gegenwart des Menschen kaum zu spueren, dort bauen Voegel ihre Nester, wo sie wollen, und Fuechse graben ihre Hoehlen.
Der Bug des Bootes drehte sich von selbst zu einer kleinen Bucht mit zwei Weiden, die sich traurig ueber das Wasser neigten. Von ihren gruenen Zoepfen floss die Feuchtigkeit Tropfen fuer Tropfen herab, als beweinten sie in ewigem Gram die Verstorbenen. Nach einer Minute stiess das Boot gegen das lehmige Ufer. Wadim sprang leicht an Land, ohne sich die Fuesse nass zu machen, band das Boot an einen Baum und ging zum Friedhof. Das Gras federte weich unter seinen Fuessen.
„Wahrlich, der Tod ist der grosse Gleichmacher“, dachte Wadim, waehrend er von Grab zu Grab wanderte, die halb verwischten Inschriften las und die kaum erkennbaren Fotografien betrachtete. „Kluge und Dumme, im Rausch ungestueme Burschen und bescheidene Maedchen, im hohen Alter Entschlafene und jene, die in der Bluete ihrer Jahre starben – sie alle liegen unter diesem Gras im ewigen Schlaf.“
– Bootsmann Nikolai Jegorow, – las Wadim laut die Worte, die in einen Betongrabstein gepresst waren, dessen Umrisse an ein Schiff erinnerten, – schlaf sanft, Soehnchen. Dreissig Jahre schlaeft der Bootsmann schon.
Mit einem Summen flog eine pelzige Hummel vorbei. Sie setzte sich tollpatschig auf eine Kamille, die sich unter ihrer Last bog, und begann geschaeftig Nektar zu sammeln, indem sie ihren Ruessel in den gelben Bluetenstand stiess.
– Pelageja Petrowna. Vierzig Jahre.
Die Sonne versteckte sich erneut hinter einer Wolke und tauchte den Hang und den Friedhof in Halbdunkel.
– Jefim Andrejewitsch Gordejew. Oho! – rief Wadim unwillkuerlich aus. – Fast ein Jahrhundert hat der Alte den Himmel vollgeraeuchert.
Vom Fluss her zog eine klamme Kuehle auf.
– Korotkow Serjoscha. Der Junge, – seufzte Wadim, – war erst zehn Jahre alt.
Die Voegel verstummten, nur ein Kuckuck rief einige Male, als zoage er einen Schlussstrich unter den Tag.
– Kablukowa Olga, vorzeitig verschieden.
Die Statue auf einem niedrigen Sockel stellte einen Engel dar, der auf seinem rechten Arm gestuetzt sass. Der linke Fluegel war abgeschlagen, und das offenbar schon vor langer Zeit. Der Granit an der Bruchstelle war nachgedunkelt. Auf dem Sockel unter einem Blechdach befand sich ein verblasstes Foto von Olga Kablukowa. Die Zuege des Maedchens waren noch erkennbar.
– Gestorben im Alter von achtzehn Jahren, – sagte Wadim laut und erhob sich von den Knien.
Unterdessen war die Sonne hinter dem Wald am anderen Flussufer verschwunden. Ihre letzten Strahlen faerbten vereinzelte Wolken am Westhang rosa, waehrend am oestlichen Rand des Himmels die ersten Sterne erschienen. Die Daemmerung senkte sich auf die Erde herab.
– Es ist Zeit zurueckzukehren, – beschloss Wadim.
Er wandte sich von dem steinernen Engel ab, und ein Schauder durchlief ihn. Auf einem Grabhuegel, drei Meter von Wadim entfernt, sass ein alter Mann.
Der Alte war gedrungen wie eine Eiche, bartaetig, zottelig, gekleidet in ein graues, zerknittertes Jackett und Hosen derselben Farbe, die in Kirschleder-Stiefel gestopft waren. Er rauchte eine Selbstgedrehte.
– Hast dich wohl erschreckt, mein Lieber, – sagte der Alte mit tiefem Bass und blies eine dicke Rauchwolke in seinen grauen Bart. – Ich schaue aus dem Waeldchen, – der Alte nickte in Richtung des nahen Birkenwaeldchens, – da geht ein Fremder auf den Graebern herum. Lass mal sehen, dachte ich, wer das ist.
– Guten Tag, Opa, – begruesste Wadim ihn hoeflich und verbeugte sich leicht, wie es in diesen Gegenden ueblich ist.
„Und warum habe ich mich vor dem Alten erschreckt, – dachte Wadim, – es ist absolut nichts Ungewoehnliches an ihm. Ein gewoehnlicher Feldarbeiter.“
Der Alte verzog das Gesicht von dem starken Tabak.
– Ich komme gerade vom Maehen, – er zeigte mit der Hand auf die Sense, deren Schaft in die Erde gesteckt war, – nicht weit von hier ist eine Ueberschwemmungswiese. Oh, und wie gutes Gras dort waechst.
Der Alte fing an, von den Maeharbeiten zu erzaehlen, von dem Viehzeug, das «nur frisst und Milch hat wie ein Spatz», von seiner Alten, der «es ganz schlecht geht, sie wird wohl bald abtreten».
– Zu welchem Dorf gehoert das Friedhof? – unterbrach ihn Wadim.
– Na, zu Semjonowka, – antwortete der Alte schnell und fing wieder an, ueber die Ernteaussichten und das Viehzeug zu quasseln.
Wadim warf einen fluechtigen Blick ueber die Schulter auf den Fluss. Ueber dem Wasser stieg ein leichter Nebel auf; der Fluss gab die waehrend des Tages gespeicherte Waerme ab. Der Himmel war nachgedunkelt, nur im Westen blieb ein heller Streifen.
– Na gut, Opa, – Wadim sah den Alten an, – es ist Zeit fuer mich. Machen Sie es gut.
Der Alte bekam einen Hustenanfall. Und in diesem Moment wurde Wadim klar, worin genau die Seltsamkeit des Alten bestand. Er nahm absolut keinen Rauchgeruch wahr. Wadim selbst rauchte nicht und ertrug keinen Rauch. Aber hier... Wadim machte eine abwinkende Handbewegung, drehte sich zum Fluss um und erstarrte zur Saeule.
Vor ihm stand ein kleiner Matrose. Wadim haette bei allen Heiligen schwoeren koennen, dass er vor einem Augenblick noch nicht da gewesen war. Der Matrose war tot. Davon zeugten beredt die erdige Gesichtsfarbe und ein grosses Loch an der linken Schlaefe, das die schief sitzende Tellermuetze mit der Aufschrift „Stremitelnyj“ auf den Baendern nicht verbergen konnte. Aus dem Augenwinkel sah Wadim, wie sich ein Grabhuegel bewegte, wie eine duenne Hand daraus hervorkroch und wie auf einem anderen Grab ein Kreuz zu schwanken begann.
Der Matrose grinste und entbloesste gelbe Fangzaehne. Er riss den Rachen weit auf, aus dem es nach Schlamm und Sumpfmoerast stank, drehte den Kopf leicht zur Seite, in der Absicht, im naechsten Moment seine Zaehne in Wadims Kehle zu schlagen.
– Du hast es wohl eilig, du raeudiger Hund, – kr;chzte der Alte von hinten boshaft.
Diese Stimme riss Wadim aus seiner Erstarrung. Seinem inneren Instinkt gehorchend, duckte er sich blitzartig.
Wschiiiek! – sang die Sense hell auf und schlug dem Matrosen den Kopf ab. Er schlug dumpf auf der Erde auf, rollte zum Betongrabstein und schrie dabei:
– Andreitsch, warum denn ausgerechnet mich!
Beim Ducken spuerte Wadim einen scharfen Stich in der Brust. „Das Kreuz!“. Das silberne Kreuz, das ihn im tschetschenischen Fleischwolf bewahrt hatte. Wadim riss den Hemdkragen auf, packte das warme Kreuz, riss daran, wobei die goldene Kette riss, und stand auf, indem er sich auf den Fussballen umdrehte. Der Alte war schrecklich. Seine Augen brannten wie Kohlen. In ihnen schwappte Hass auf alles Lebendige und Hunger, unersaettlicher Hunger. Aus dem leicht geoeffneten Mund ragten lange Fangzaehne hervor. Von ihnen floss in einem duennen Rinnsal eine graue Leichenfluessigkeit herab. Unpassenderweise blitzte in Wadims Bewusstsein das Bild eines Saebelzahntigers aus einer Enzyklopaedie fuer Kinder auf.
Der saebelzahnartige Wurdalak warf die Sense beiseite und bewegte sich mit katzenhafter Anmut im Kreis, ohne den mit kaltem Feuer brennenden Blick von Wadim abzuwenden.
– Also ein Kreuzchen, mein guter Mensch, – miaute der Alte mit oeliger Stimme, die so gar nicht zu seinem raeuberischen Aussehen passte, – na, na. So bist du also in Wirklichkeit. Wenn es darum geht, friedliche Graeber zu schaenden und uns zu stoeren, dann bist du sofort dabei, aber wenn du Antwort stehen sollst, dann verteidigst du dich mit einem Kreuzchen.
„Er will mich vollquatschen! Er lenkt mich ab!“, – irgendetwas, vielleicht die verangstigte Seele, schrie in Wadims Innerem. Alle seine Sinne, alle Wahrnehmungen waren bis zum Aeussersten geschaerft. Er spuerte die Kaelte der Mondstrahlen auf der Haut, hoerte den weichen Tritt eines Wolfes im Waeldchen, unterschied auf einem fernen Kreuz einen erwachten Uhu, der sich auf die naechtliche Jagd vorbereitete. Zum Gestank der Verwesung mischte sich der Geruch von verbranntem Tabak. Wahrscheinlich jener Tabak, den der Alte geraucht hatte.
Wadim spuerte eine leichte Bewegung hinter seinem Ruecken. Er sprang zur Seite und drehte sich gleichzeitig der neuen Gefahr zu. Ein weiss-schwarzer Klumpen rollte schnell auf ihn zu. Es war der kleine Junge, der aus dem Grab gekrochen war, um Wadim in die Kniekehlen zu fallen. Es blitzten ein weisses Hemd, schwarze Hoeschen und ein rotes Halstuch auf. So hatte man ihn in den Sarg gelegt. Ohne dem Upirchen Zeit zum Aufrichten zu lassen, trat Wadim ihm mit aller Kraft mit dem Fuss gegen die Brust. Etwas knackte unter der Kappe des beschlagenen Stiefels. Kreischend flog das Upirchen mit der Geschwindigkeit eines Fussballs davon und prallte gegen ein Kreuz. Und in diesem Moment stuerzte sich der Alte Andreitsch auf Wadim.
Wadim war darauf vorbereitet. Er wich einen Schritt zurueck, wartete einen Moment ab – nicht mehr und nicht weniger – und stiess, sich leicht vorbeugend, das Kreuz in das Auge des Wurdalaks. Zischend drang das Kreuz bis zum Querbalken ein. Der Alte heulte auf, wie eine Hyaene in Todesangst heult, wie suendige Seelen, die in Pech kochen, heulen. Er taumelte zurueck, fiel hin. Unter unmenschlichem Geheul, sich mit beiden Haenden an das Auge fassend, waelzte er sich auf dem Friedhofsgras, das im unsicheren Licht des Vollmonds aschgrau war.
Alles war vorbei. Der Haupt-Upir war fuer einige Zeit ausser Gefecht gesetzt, das Upirchen ruehrte sich kaum noch, und der enthauptete Koerper des Bootsmanns tastete mit den Haenden am Boden herum.
– Nicht dort, du Idiot, – befahl die Stimme launisch, – komm her, habe ich gesagt, geh zum Grab, Idiot.
Aber der Koerper, der seinen Herrn nicht hoerte, tastete weiterhin krampfhaft das Gras ab.
„Weglaufen! Zum Fluss! Ins Boot! Bevor andere auftauchen!“
Wadim hatte kaum zwei Schritte gemacht, als ihm ein Maedchen den Weg versperrte. Sie trug ein tailliertes Kleid aus weissem Crepe de Chine, wie sie vor vierzig Jahren in der Provinz in Mode waren. In ihren Hals hatte sich tief ein Waescheseil eingegraben, was verriet, auf welche Weise das Maedchen aus dem Leben geschieden war. Am anderen Ende des Seils baumelte ein rostiger Eisenhaken.
– Willst du mich? – fragte das Maedchen kokett und leckte sich mit einer blauen Zunge ueber die blauen Lippen.
– Nein, – antwortete Wadim mechanisch.
– Du willst nicht! – kreischte das Maedchen auf, – aber du wirst muessen, – und wie eine Katze sprang sie auf Wadim zu.
Er stoppte ihre Bewegung, indem er sie an den Handgelenken packte. Mit Entsetzen wurde Wadim klar, dass er das Kreuz verloren hatte. Wadim hielt sich fuer einen koerperlich starken Menschen. Die Kraft war ihm vererbt und durch auszehrendes Training gestaerkt worden. Mehr als einmal hatte sie ihn in den schwierigsten Situationen gerettet, aber hier war es etwas anderes. Die Vampirin drueckte Wadims Widerstand langsam nieder. Sie haette seine Verteidigung in einer Sekunde brechen koennen, aber sie dehnte das Vergnuegen aus und spielte mit ihm wie eine Katze mit einer gefangenen Maus.
– Liebe mich, mein Schatz, – fluesterte das Maedchen schmachtend, – wir werden es zusammen gut haben in einem warmen, eigenen Grab, – sie warf den Kopf zurueck und lachte ruckartig auf, als ob ein Fuchs bellen wuerde.
Ihr Gesicht kam langsam naeher. Von grau wurde es blau, auf den Wangen traten schwarze Flecken hervor. Da riss sie den Rachen weit auf.
„Herr Jesus, was fuer scharfe Zaehne sie hat.“
„Jetzt!“, – befahl die innere Stimme.
Wadim wich ruckartig nach hinten aus und gab den Widerstand vollstaendig auf. Fuer einen Moment, nur einen winzigen Moment, verlor das Maedchen das Gleichgewicht, und das war genug. Mit dem rechten Bein schlug er der Vampirin die Beine weg und stiess sie mit aller Kraft von sich. Sie fiel in das offene Grab.
– Verlass mich nicht, mein Schatz, – st;hnte das Maedchen klaeglich und versuchte, an den broeckelnden Waenden aus der Grube zu klettern, – ich habe so sehr auf dich gewartet, ich habe so lange gewartet.
– Pfui, Abschaum, – spuckte Wadim voller Ekel aus.
Und er rannte zum Fluss, in der Hoffnung, dass diese Kreaturen das Wasser fuerchten. Doch bevor er den rettenden Fluss erreichen konnte, musste Wadim noch ein Hindernis ueberwinden. Von den aeussersten Graebern her rannte ihm eine dicke Frau entgegen, die im Alter zwischen vierzig und fuenfzig verstorben war. Ihr duennes Haar flatterte im Wind.
Im Laufen schnappte sich Wadim einen geraden Birkenstock, brach einen trockenen Zweig davon ab und schleuderte ihn wie einen Speer nach der heranstuermenden Dicken. Der Stoss war so gewaltig, dass er den verrotteten Koerper der Upirin glatt durchbohrte.
– Oh! – schrie sie auf und fiel zu Boden.
Sofort begann ihr Koerper zu rauchen. Wadim sprang ueber die stinkenden Ueberreste hinweg. Der Wind pfiff in seinen Ohren, seine Beine beruehrten kaum den Boden. Es schien, als muesste er sich nur ein wenig staerker abstossen, um wie ein Vogel emporzufliegen und den Friedhof der Upire weit unter sich zu lassen.
Da war das Ufer. Wadim sprang ins Boot, packte das Ruder und stiess sich damit vom Ufer ab. Das Boot schoss zwei Meter weit, ruckte jedoch ploetzlich und kehrte wieder zurueck.
„Gott, das Seil!“
Wadim blickte zum Ufer. Unwillkuerlich erstarrte er. Vom Friedhof her rannten die Toten ueber den vom Totenlicht ueberfluteten Hang zum Fluss. Voran rannte der Alte. Er stuetze sich auf den Schaft der Sense wie auf einen Stab und machte gigantische Schritte. Dicht dahinter folgte das blaeuliche Maedchen. Im Laufen schwang sie den Eisenhaken ueber ihrem Kopf. Der tote Pionier blieb hinter dem vorderen Paar zurueck. Er hinkte deutlich. Als letzter bewegte sich langsam der Matrose. In der einen Hand trug er seine Tellermuetze, mit der anderen hielt er auf Brusthoehe seinen eigenen Kopf.
– Wartet auf mich, ihr verfluchten Teufel, – schrie der Kopf, – wartet, sage ich euch.
Der Matrose stolperte ueber die verkohlte Dicke, der Kopf entglitt seiner Hand. Waehrend er den Hang hinunterrollte, stoehnte er klaeglich:
– Andreitsch, Olja, naeht mir den Kopf an.
„Das Beil! – erwachte Wadim aus der Betrachtung des schrecklichen Bildes, – Das Beil!“.
Wadim nahm das kleine Beil vom Boden des Bootes...
– Du luegst, du entkommst nicht, – schrie der Alte.
...durchtrennte das Seil, das ihn mit der Weide verband...
– Du wirst mir gehoeren, – kreischte das Maedchen, – ich schwoere es bei der Hoelle.
...stiess sich mit dem Ruder vom Ufer ab.
– Serjoscha, wenigstens du hilf mir! – schrie der Kopf des Matrosen in Verzweiflung.
Der Fluss hielt die Upire nicht auf. Der Alte sprang mit Anlauf ins Wasser, nach ihm tauchte das Maedchen wie eine Schwalbe hinein.
Das Boot nahm Fahrt auf. Wadim ruderte. Noch nie in seinem Leben hatte er mit solchem Fleiss gearbeitet. Seine Arme bewegten sich wie Kolben in einem Motor. Sein Ruecken beugte und streckte sich. Die Beine arbeiteten. Der ganze Koerper funktionierte wie ein reibungsloser Mechanismus.
Der Pionier war unterdessen zum Wasser gelaufen und blieb stehen.
– Andreitsch, – jaulte er leise, – ich kann nicht schwimmen.
Andreitsch antwortete nicht. Auf der silbernen Mondbahn naeherte er sich langsam dem Boot. Ihm war die Sense im Weg. Aus unklaren Gruenden liess er sie nicht los. Das Maedchen schloss zum Alten auf und ueberholte ihn dann bei weitem. Als sie nahe genug war, warf sie den Haken, wie Piraten Haken werfen, wenn sie ein Schiff entern. Der Haken verfing sich an der Bordwand. Schnell mit den Haenden ziehend, zerrte sie ihren toten Koerper heran und klammerte sich am Bord fest.
Wadim liess langsam, wie in einem Albtraum, die Ruder los und hob das Beil vom Boden auf. Die Vampirin hielt sich mit ausgestreckten Armen am Bord fest. Eine Sekunde – und sie waere im Inneren. Wadim durchtrennte das Seil. Der Haken fiel mit einem Klirren auf den Boden des Bootes.
– Was hast du getan! – schrie das Maedchen entsetzlich, – was hast du getan!
Sie war merklich schwerer und f;lliger geworden, weshalb das Boot gef;hrlich zur Seite kippte, doch sie versuchte immer noch, hineinzuklettern. Wadim riss das Ruder aus der Dolle. Ohne Z;gern stiess er das Blatt in die Fratze der Upirin. Sie riss den r;uberischen Rachen auf. Mit einem Krachen verbissen sich ihre Fangz;hne fest im nassen Holz. Wadim stiess das Ruder mit Gewalt von sich und liess es los. Die Upirin verschwand mit dem verbissenen Ruder unter dem dunklen Wasser. Wadim hob den Haken angewidert mit zwei Fingern auf und warf ihn in den Fluss. Mit einem schwachen Glucksen versank er auf den Grund.
Die Verz;gerung, die durch den Kampf mit dem M;dchen entstanden war, erm;glichte es dem Alten, das Boot einzuholen. Er zog sich hoch, wie es das M;dchen vor ihm getan hatte, und schwang sich mit einem Ruck ;ber den Bordrand.
– Na, mein Liebster, – grinste der Alte und funkelte mit seinem einzigen Auge, – jetzt reden wir mal, niemand wird uns st;ren.
Er sch;ttelte leicht die Sense, und sie antwortete mit einem hellen Klingen.
– Wer bist du? – fragte Wadim.
Langsam, ohne den Blick vom Upir abzuwenden, hockte er sich hin, griff nach dem zweiten Ruder und zog es langsam aus der Dolle.
– Gevatter Tod, – schnaubte der Alte, sei es ;ber die dumme Frage oder ;ber Wadims unbeholfene Bewegungen.
Der Alte war merkw;rdigerweise trocken, als w;re er nicht im Wasser gewesen. Sein Atem, oder was auch immer die Upire haben, war ruhig und gleichm;ssig. Wadim hingegen war ;ber und ;ber mit klebrigem Schweiss bedeckt. Alle seine Muskeln zitterten vor Anspannung.
– Du hast mein Heer halbiert, mein Faelkchen, – sagte der Alte zaertlich und schuettelte erneut die Sense, – na, macht nichts, macht nichts, du wirst bei mir General werden.
Bei diesen Worten schwang der Alte sein schreckliches Instrument. Wadim duckte sich und hielt das Ruder vor sich. Wschiiiek! – sang die Sense erneut und schnitt das Holz schraeg unterhalb des Blattes ab. Wadim richtete sich auf, warf sich mit dem ganzen Koerper nach vorn und rammte den Pfahl in den Bauch des Upirs. Zischend drang das Holz in den toten Koerper ein.
Im Gesicht des Alten spiegelte sich aufrichtiges Erstaunen wider. Er liess die Sense fallen, griff mit beiden Haenden nach dem Pfahl und versuchte, sich davon zu loesen, doch Wadim hielt ihn fest umschlungen.
– Aaaa! – schrie der Alte entsetzlich.
Und dickes, schwarzes Blut floss aus ihm heraus und verbrannte Wadim die Haende.
– Aaaa! – schrie Andreitsch noch schrecklicher.
Und er begann, in bitterem Rauch zu dampfen.
– Aaaa! – schrie der Alte zum dritten Mal.
Und er entflammte in kaltem Feuer.
Mit letzter Kraft hob Wadim den Pfahl mit dem brennenden Alten hoch und warf ihn so weit er konnte ins Wasser. Eine Zeit lang trieb der Alte an der Oberflaeche, zischend und dampfend wie ein Stueck Natrium in chemischen Schulexperimenten. Dann sank er, aber noch lange war das Feuer in der Tiefe zu sehen.
Wadim warf die Sense ueber Bord, setzte sich auf den Boden des Bootes und verlor das Bewusstsein.
Wadim erwachte vor Schmerz in den Haenden. Eine weisse, von Fliegen uebersaete Decke, weisse Waende. Er hielt seine Haende vor das Gesicht. Sie waren fest einbandagiert. Wadim sah sich um. Allem Anschein nach befand er sich in einem Krankenhaus.
Nebenan auf einer schmalen Pritsche schnarchte ein baertiger alter Mann mit weit geoeffnetem Mund. Auf dem Nachttisch lagen eine Kommandantenuhr und ein Beutel aus schwarzem Samt. Offenbar ein Tabakbeutel. Von ihm ging ein starker Tabakgeruch aus.
Auf dem Nachbarbett sass ein Junge von etwa zehn bis zwoelf Jahren, der sich an die h;lzerne Rueckenlehne st;tzte. Er las konzentriert in einem Buch. Neben ihm stand eine korpulente Frau im weissen Kittel. Sie betrachtete aufmerksam das Thermometer.
Und auf dem hintersten Bett, an der gegenueberliegenden Wand, sass ein junger Mann mit einf;ltigem Gesicht und einbandagiertem Hals. Er starrte aus dem Fenster.
Wadim versuchte qualvoll sich zu erinnern, wie er hierhergekommen war, doch er konnte es nicht, als haette ein schwerer Vorhang das Gedaechtnis verschlossen.
– Die Temperatur ist normal, – sagte die Frau, – bald wirst du entlassen.
– Hm, – sagte der Junge, ohne vom Buch aufzublicken.
– Hoer auf zu lesen, Serjoscha, du verdirbst dir die Augen. Es wird schon Abend.
– Pelageja Petrowna, – der Junge sah die Frau flehend an, – nur noch ein bisschen, nur so ein winziges Stueckchen, – er zeigte einen kleinen Spalt zwischen Daumen und Zeigefinger.
– Gut, aber nur eine halbe Stunde, – erweichte sich Pelageja Petrowna.
– Was liest du da, du kleiner Hering? – fragte der junge Mann.
– Ich bin kein kleiner Hering, – Serjoscha war beleidigt, – „Der Upir“ von Konstantin Tolstoi, – erklaerte er bereitwillig.
Etwas stach Wadim schmerzhaft mitten ins Herz.
– Ich weiss, ich weiss, – der junge Mann freute sich ueber die Gelegenheit, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, – Natascha Rostowa, Leutnant Rshewski...
– Sie sind unwissend, – seufzte der Junge, – das hat Lew Tolstoi geschrieben, und dies hier ist Konstantin.
– Wenn ich dir erst mal ein paar Schnipser verpasse, werde ich ganz schnell wissend, – drohte der junge Mann, allerdings ohne Bosheit, – waerst du mir auf dem Schiff begegnet, haettest du das Deck vom ersten bis zum letzten Glas geschrubbt, und vom letzten bis zum ersten haettest du die Latrine mit der Zahnbuerste gewienert. Verstanden, du kleiner Hering?
– Na, na, – sagte Pelageja Petrowna streng, – lass deine Allueren, Jegorow. Hier bist du nicht auf einem Schiff.
– Ach, was fuer eine Langeweile, – Jegorow streckte sich mit dem ganzen Koerper, – ich beneide Andreitsch. Der kann tagelang schlafen.
Der Alte stoehnte, als haette er gespuert, dass man ueber ihn sprach, drehte sich auf die Seite und wurde still.
– Wenn du erst mal so alt bist wie er, – fluesterte Pelageja Petrowna, – dann wirst du auch Tag und Nacht schlafen.
– Ich werde nicht so alt wie er, – Jegorow beruehrte vorsichtig seinen einbandagierten Hals, – vielleicht wird der kleine Hering so alt, aber ich nicht.
– Beschrei es nicht! – erwiderte Pelageja Petrowna ver;rgert.
– Schwester! – rief Wadim.
– Du bist wach, mein Liebster, – laechelte die Schwester.
Sie trat schnell an Wadim heran und legte ihren Handruecken auf seine Stirn.
– Du brennst ja, mein Faelkchen, – sie schuettelte missbilligend den Kopf. – Na, macht nichts, bald ist Visite, der Chef wird dir Tabletten und Spritzen verschreiben.
– Schwester, – wiederholte Wadim mit trockenen Lippen, – wie bin ich hierhergekommen?
– Man hat dich am Flussufer bewusstlos gefunden, mein Liebster. Mehr weiss ich nicht.
– Und was ist mit meinen Haenden?
– Mit Pech verbrueht, wie es aussieht.
Eine junge Frau in einem taillierten weissen Kittel schaute ins Zimmer. Ihr Hals war mit einem bunten Halstuch bedeckt.
– Petrowna, – sagte sie, ohne das Krankenzimmer zu betreten, – der Chef ruft Sie.
– Ich komme, Olja. Der Findling ist wach, – fuegte sie hinzu, waehrend sie von Wadims Bett wegging.
Olja trat in die Station. Sie sah Wadim interessiert an.
– Wie fuehlen Sie sich, Patient?
Wadim zuckte die Achseln.
– Die Haende schmerzen.
– Sie haetten die Smolz nicht mit blossen Haenden anfassen sollen, – lachte Olja ueber etwas Unverstaendliches. – Macht nichts, wir spritzen Ihnen ein Schmerzmittel – dann schlafen Sie ein.
– Neuankoemmling, hey Neuankoemmling, – mischte sich Jegorow lebhaft ins Gespraech ein, – wo hast du die Smolz gefunden?
– Nicht dein Bier, Jegorow, – wandte sich die Aerztin ihm zu, – bleib liegen und heile deine Furunkel, sonst faellt dir der Kopf ab.
Olja blickte Wadim noch einmal an, laechelte ihm aufmunternd zu und ging hinaus. Die Krankenschwester folgte ihr.
– Pelageja Petrowna, – rief Wadim.
Die Schwester blickte zurueck und blieb an der Schwelle stehen.
– Was hast du, mein Faelkchen?
– Sagen Sie mir, Pelageja Petrowna, welches Dorf liegt hinter dem Roten Stein?
– Na, da ist keins. Nur Wasser und Wasser, – Pelageja Petrowna war ueber die Frage erstaunt. – Na, und vom Roten Stein schaut auch nur noch die Spitze heraus. Frueher gab es dort Semjonowka, aber das ist nun schon seit gut dreissig Jahren vom Stausee ueberflutet.
Pelageja Petrowna ging hinaus und schloss die Tuer fest hinter sich.
Der Tag neigte sich dem Ende zu.
Es wurde Abend.
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