Tag der Zehnte. 4

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Schon seit dem Morgen kaempfte in Loechas Herz die Absicht, nirgendwohin zu fahren, mit dem Wunsch, ins Kontor zu gehen. Der Kampf endete damit, dass er um Punkt 12:00 Uhr das Buero betrat, wie man das Kontor neuerdings zu nennen pflegte.
Das Buero wurde von einem Sturm erschuettert. Worin die Ursache des Sturms lag, konnte Loecha nicht sagen, aber die Folgen waren offensichtlich. Niemand arbeitete. Die Mitarbeiter liefen entweder von Zimmer zu Zimmer oder standen in Gruppen auf den Gaengen und tuschelten. Loecha verstand absolut nicht, was er hier zu suchen hatte. Er beschloss, bei Goldmann vorbeizuschauen, um nicht so heimatlos umherzuirren. Doch Goldmanns Arbeitszimmer war verschlossen. Auf die Frage an das Personal, wo Viktor Karlovitsch zu finden sei, schreckten sie vor ihm zurueck wie vor einem Aussaetzigen. Nur der Bauleiter Petrenko warf ihm im Vorbeigehen zu: beim Direktor. Zum Direktor zu gehen, war ihm unheimlich.
«Ich schaue kurz rein», dachte Loecha, «und gehe sofort wieder.»
Im Vorzimmer sprach die Sekretaerin Walja mit zwei Frauen. Eine von ihnen war Nadja aus der Buchhaltung. Die zweite kannte Loecha nicht.
– Oh, ich weiss nicht, Maedels, was werden wird, – sagte Walja zu den Frauen, und ihre Wangen gluehten vor Roete, – aber ich sage euch, da ist so eine Kraft in ihm. Was auch immer er verlangt, ich werde alles tun.
– Ja, was ist denn schon Besonderes an ihm! – wunderte sich Nadja, – ein Arbeiter ist er, weiter nichts.
– Und wenn er das verlangt? – schuettelte die fremde Frau missbilligend den Kopf.
– Dann gebe ich es ihm, – antwortete Walja leise und erroetete noch mehr.
– Chm, chm, – hustete Loecha, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Walja blickte auf Loecha und rief freudig aus:
– Aleksej Michajlovitsch!
Loecha drehte sich um und suchte hinter seinem Ruecken nach einem gewissen Aleksej Michajlovitsch, ueber den sich die Sekretaerin so freute.
– Aleksej Michajlovitsch! – wiederholte Walja.
Und erst da begiff Loecha, dass Walja sich an ihn wandte. Dieser Umstand ueberraschte Loecha ausserordentlich. Bis zum heutigen Tag hatte Walja ihn nicht anders als «Genosse, was wollen Sie» oder ganz einfach mit «He, du» angeredet.
– Aleksej Michajlovitsch, Grigorij Ivanovitsch erwartet Sie im Kabinett.
Loecha kam es so vor, als sei er mitten in ein fremdes Theaterstueck geraten und man hielte ihn fuer jemand anderen.
– Was fuer ein Grigorij Ivanovitsch, – murmelte er verwirrt.
– Kommen Sie schon!
Walja stiess Loecha in das Arbeitszimmer des Direktors, ohne ihm Zeit zum Besinnen zu lassen, und schloss die Tuer hinter ihm.
Das Bild, das sich ihm bot, sah voellig surrealistisch aus. Vor Neujahr war Loecha zufaellig in eine Ausstellung moderner Kunst geraten: wahnsinnige Sujets wahnsinniger Schoepfer. Das Arbeitszimmer erinnerte Loecha lebhaft an jene Ausstellung. In dem ledernen Sessel des Direktors sass Goldmann. Der Direktor, Kusnezow Aleksandr Sergejewitsch, kauerte sich an der Seite nieder und erklaerte Karlovitsch etwas, wobei er Dokumente vorzeigte. Am Fenster auf dem Sofa flaezte Grischa. Er blaetterte traege in einer bunten auslaendischen Zeitschrift. Vor ihm auf einem niedrigen Tischchen standen eine Flasche Cognac und eine Tasse, aus der ein Dampfstrahl aufstieg.
– Na, da ist Loecha ja gekommen, – sagte Grischa laut und blickte von der Zeitschrift auf.
– Guten Tag, Aleksandr Sergejewitsch, – Loecha machte ein tiefes Kopfnicken, fast eine Verbeugung in Richtung des Direktors.
– Guten Tag, Aleksej, – antwortete Goldmann anstelle des Direktors auf den Gruss.
Kusnezow blickte Karlovitsch fragend an.
– Machen Sie sich keine Sorgen, Aleksandr Sergejewitsch, das ist unser Mann. Machen wir weiter.
Und sie fuhren fort, Dokumente umzustapeln und leise miteinander zu sprechen.
– Loecha, was stehst du an der Schwelle, – rief ihn Grigorij, – komm her!
Loecha kam naeher und liess sich schuechtern auf der Kante des Sofas nieder.
– Tee, Kaffee? – erkundigte sich Grigorij herrisch nach dem Wunsch seines Freundes, – oder willst du vielleicht ein Glaeschen kippen?
– Grinja, was geht hier vor? Kannst du das erklaeren?
– Natuerlich kann ich das, – Grigorij senkte die Stimme, – eine Revolution findet hier statt.
Loecha schwieg und wartete darauf, dass Grischa Einzelheiten ueber den Volksaufstand erzaehlen wuerde.
– Kusnezow kuendigt. Goldmann wird Direktor. Siehst du, jetzt uebergibt Kusnezow die Geschaefte.
– Darf man hier rauchen? – fragte Loecha.
– Rauche ruhig, – erlaubte Grigorij.
Loecha zuendete sich eine Zigarette an.
– Eine tolle Sache – der Direktor wechselt, – murmelte Loecha. – Revolutionaer ist hier nur, dass du als «das Volk» im Kabinett sitzt.
– Loecha, – Grigorij senkte die Stimme fast bis zum Fluestern, – wir nehmen uns Rostok.
– Was fuer ein Irrsinn, – Loecha versuchte zu grinsen, – wie meinst du das «wir nehmen uns» und wer ist dieses «wir»?
– Wir nehmen uns, das bedeutet, – Grigorij rueckte naeher an Aleksej heran, – wir nehmen es Kusnezow weg und machen es zu unserem Eigentum. Und wir – das sind ich, Karlovitsch und du.
Loecha verschluckte sich am Rauch und bekam einen Hustenanfall. Er hustete lange, bis ihm die Traenen in den Augen standen. Grigorij wartete.
– Was sagst du dazu?
– Schenk mir ein, Grinja.
Grigorij ging zum Glasschrank. Er brachte zwei Glaeser mit. Er goss den Cognac zwei Finger breit ein. Die Freunde hoben die Glaeser und tranken schweigend.
Der Alkohol wirkte fast sofort. Er milderte die scharfen Umrisse, und das Geschehen erschien Loecha weniger fantastisch.
– Nun, also, – wiederholte Grigorij die Frage, – wie siehst du das?
– Wie ich das sehe. Solche Sachen enden beschissen. Ich weiss nicht, wie ihr das geschafft habt, aber was wird morgen sein? Vielleicht knallen sie morgen dich oder mich ab. So sehe ich das.
– Hast du Angst?
Loecha trat die Zigarette sorgfaeltig am Boden des Aschenbechers aus.
– Es ist irgendwie unheimlich, Grinja, um ehrlich zu sein.
– Brauchst du eine Wohnung?
In Grischas Frage steckte ein starkes Argument. Tatsaechlich erwarben die Mitglieder von Genossenschaften, kaum dass sie auf die Beine gekommen waren, Wohnungen, und Rostok stand fest auf den Beinen.
Als Grigorij Loechas Zoegern spuerte, rief er Goldmann.
– Viktor Karlovitsch, kann ich dich fuer eine Minute sprechen. Und du, – befahl er Kusnezow, – sitz still.
Goldmann kam herueber und begruesste Loecha mit Handschlag. Er sah muede aus, aber seine Augen hinter den runden Brillenglaesern glaenzten vor fieberhafter Energie.
– Karlovitsch, sag du es ihm, – Grigorij nickte in Loechas Richtung, – er hat Angst.
Goldmann setzte sich in den Sessel gegenueber dem Sofa.
– Trinkst du einen mit? – fragte ihn Grigorij.
– Nein, danke. Ich habe noch Arbeit ohne Ende.
– Schaffst du es bis drei? Vergiss nicht, um drei ist die Versammlung.
– Im Grossen und Ganzen schaffe ich es. Ist morgen Donnerstag?
– Donnerstag.
– Gebe Gott, dass wir es bis zum Wochenende schaffen, Rostok umzumelden. Vergesst morgen eure Paesse nicht.
– Mach dir keine Sorgen, Karlovitsch. Wir melden es an einem Tag um. Das garantiere ich dir, – sagte Grigorij zuversichtlich.
Dieser kurze Dialog ueberzeugte Loecha wie nichts anderes von der Seriositaet des Unternehmens und davon, dass die Revolte grosse Chancen auf Erfolg hatte.
– Aleksej Michajlovitsch, – Goldmann wandte den Blick zu Loecha, – zweifle nicht. Grigorij Ivanovitsch besitzt die Gabe der Ueberzeugung.
– Davon habe ich frueher nichts bemerkt, – bemerkte Loecha.
– Frueher war frueher, und jetzt ist jetzt, – schmunzelte Grigorij selbstgefaellig.
– Schau dir Kusnezow an.
Loecha blickte auf Kusnezow. Dieser sass teilnahmslos da, allem gegenueber gleichgueltig.
– Grigorij Ivanovitsch hat ihn doch davon ueberzeugt, uns Rostok zu geben. Alles ehrlich und freiwillig.
Aleksej wollte schon zustimmen, aber ploetzlich schlich sich ein kalter Gedanke wie eine Schlange in seinen Kopf.
– Habt ihr ihn etwa mit Drogen vollgepumpt? – fragte er leise.
– Du bist ein Narr, Loecha, – schuettelte Grigorij den Kopf. – Ich frage dich zum letzten Mal: Bist du mit uns oder nicht?
Aleksej spuerte, dass dies tatsaechlich das letzte Mal war, und wenn er ablehnen oder zoegern wuerde, verpasste er die Chance, die er sein ganzes Leben lang bereuen wuerde.
– Zum Teufel mit euch, ich bin einverstanden. Was kommt als Naechstes?
Grigorij schlug Loecha fest auf die Schulter.
– Na also, so ist es recht!
Goldmann laechelte schwach.
– Zuerst zu den Prozenten, – sagte er, nahm seine Brille ab, – Grigorij moechte sie zu drei gleichen Teilen zu je 33% aufteilen. Ich bestehe darauf: Die Haelfte fuer Grigorij, fuer mich und dich je ein Viertel. Wie siehst du das?
– Ich bin zu einer Hochzeit gekommen, als schon alle betrunken waren, – zuckte Loecha mit den Schultern, – wenn ihr mir einen Strafschluck einschenkt, bin ich schon dankbar.
– Was soll das heissen? – starrte ihn Goldmann an.
– Wenn Grischa bei uns der Chef ist, – erklaerte Loecha seinen verworrenen Gedanken, – ist es gerecht, dass er die Haelfte bekommt.
– Also gut, wir sind uns einig, – Goldmann, der seine Brille mit einem nicht ganz sauberen Tuch abwischte, setzte sie sich wieder auf die Nase, – wir bleiben bei meiner Variante.
– Und zur Arbeit, – Grigorij hob die Tasse, schluckte geraeuschvoll den kalten Tee herunter, stellte die Tasse wieder hin, – du wirst der kaufmaennische Direktor sein.
– Was fuer ein Ding! – rief Aleksej aus. – Grinja, was fuer ein Kaufmann soll ich sein? Ich hatte in der Schule schlechte Noten in Mathematik. Lass mich lieber die Produktion uebernehmen.
– Ich brauche dich hier, nicht an den Objekten, – sagte Grigorij bestimmt. – Kurz gesagt, Loecha, was ist daran so schwer? Billig gekauft, teuer verkauft. Ich helfe, wenn was ist.
– Und wer wird sich um die Produktion kuemmern?
– Ich wollte Borschewitsch ernennen, aber Karlovitsch weigerte sich strikt: nur Petrenko, sagt er.
– Na gut, – Loecha fand sich schnell in die Rolle eines der Eigentuemer von Rostok ein, – Petrenko ist ein faehiger und ehrlicher Kerl.
– Eben, – Goldmann streckte sich, es knackte in seinem Ruecken. – Ich bin der Direktor, und Grigorij Ivanovitsch wird im Unternehmen als Marketingberater gefuehrt.
– Wie das? – Loecha war verwirrt durch das ihm unbekannte Wort.
– Er wird fuer den Schutz vor externen Zugriffen sorgen und gelegentlich, – Goldmann hob vielsagend den Finger, – gelegentlich wird er uns bei unseren Geschaeften helfen.
Loecha verdaute die Information eine Weile.
– Sozusagen ein Aufpasser, – interpretierte er Karlovitschs Worte auf seine Art.
– Besser, man nennt es eine «Deckung» (Schutzgeld-Organisation).
– Deckung, also Deckung, – lachte Grigorij, – nennt mich, wie ihr wollt, solange ihr mich nicht in den Ofen steckt.
– Alles klar, – sagte Loecha, obwohl nicht viel klar war, – und wie hoch ist das Gehalt dieses kaufmaennischen Direktors?
– Dein Gehalt wird das gleiche sein wie das von Kusnezow.
– Wie viel ist das?
– Aleksandr Sergejewitsch, – sagte Grigorij laut und wandte sich Kusnezow zu, – wie hoch ist dein Gehalt?
– Fuenfhundert Rubel.
– Nicht gerade ueppig, – zeigte sich Loecha enttaeuscht, – bei mir kommen in einem guten Monat sogar bis zu sechshundert zusammen.
– Gibt es ausser dem Gehalt noch andere Quellen? – fragte Goldmann.
– Die gibt es, – antwortete Kusnezow, – aus der schwarzen Kasse nehme ich je nach Umstaenden zwischen zehn- und dreissigtausend.
– Im Jahr? – erkundigte sich Loecha.
– Im Monat, – antwortete Kusnezow mit mechanischer Stimme.
– Verdammte Scheisse! – empoerte sich Loecha aufrichtig, – wie sie den arbeitenden Menschen ausrauben.
– Das sind die Muttermale der Arbeiterklasse, die in dir herumgeistern, – lachte Grigorij, – jetzt ist diese Kohle unsere. – Und leise fragte er Goldmann: – Hast du die Sache mit der schwarzen Kasse geklaert?
– Ich bin gerade dabei.
– Na, dann mach mal.
Goldmann stand auf und setzte sich sofort wieder.
– Grigorij Ivanovitsch, wir muessen entscheiden, was mit Kusnezow geschehen soll.
– Was gibt es da zu entscheiden?
– Wir muessen ihn irgendwie von hier wegbekommen.
– Das entscheiden wir morgen, es ist noch Zeit.
– Nein, Grigorij, gib ihm heute die entsprechende Anweisung. Morgen wird es hektisch sein, wir koennten es vergessen.
– Na gut, ich gehe und gebe ihm die Anweisung.
Ëîêàëèçàöèÿ íà íåìåöêèé ÿçûê (ñîãëàñíî ðåãëàìåíòó)
Grigorij setzte sich in den Sesssel des Direktors, der seit Goldmanns Verlassen bereits abgekuehlt war. Vor ihm sass Kusnezow, der vor kurzem noch so drohend und unerreichbar gewesen war, jetzt aber jaemmerlich und verloren wirkte. Und Grigorij empfand solches Mitleid mit diesem Menschen.
– Aleksandr Sergejewitsch, – fragte er leise, – glaubst du an Gott?
– Frueher war es mir von Amts wegen nicht gestattet zu glauben, aber jetzt weiss ich es nicht.
– Hoer mir zu, Aleksandr Sergejewitsch, und erfuelle alles genau so, wie ich es dir sagen werde. Werde glaeubig, aufrichtig glaeubig an den Herrn. Wenn alles vorbei ist, wenn du das letzte Dokument unterschrieben hast, verlass diesen Suendenpfuhl, fahr hinaus in die Weiten Russlands, baue dort die zerstoerten Kirchen wieder auf, errichte neue, bete und sei damit gluecklich.
«Ich werde wegfahren», dachte Kusnezow, «ich werde nach Russland fahren».
Und es wurde ihm bei diesem Gedanken so warm und freudig ums Herz, dass er leise zu lachen begann. Zum ersten Mal seit vielen Jahren wurde es friedlich in seiner Seele.
– Und, – fragte Goldmann Grigorij, als dieser in das improvisierte Hauptquartier zurueckkehrte, – hast du die Sache geregelt?
Grigorij nickte.
– Geregelt. Geh und arbeite weiter mit ihm.
Goldmann stand seufzend auf. Er entfernte sich, und Grigorij setzte sich naeher zu Loecha.
– Pass auf, mein Freund Aleksej Michajlovitsch, – sagte Grigorij leise, – behalte Goldmann im Auge. Er ist zwar ein gewitzter Kerl, aber man muss ein Auge auf ihn haben. Das ist deine Hauptaufgabe.
Loecha nickte.
– Ich habe verstanden, Grinja. Ich werde aufpassen, und wenn ich etwas Verdaechtiges wittere, werde ich es dir sofort sagen.
– Gut so, – sagte Grigorij lauter, – ruf Walja, sie ist im Vorzimmer.
– Die Sekretaerin von Kusnezow, oder wen?
– Ja.


In das kleine Vorzimmer draengte sich ziemlich viel Volk. Alle blickten mit Neugier und Missbilligung, mit missbilligender Neugier auf den Sanitaer Schilow, der aus dem Direktorenzimmer herausgekommen war. Unter den Blicken der Bueroangestellten – alle noch vor einer Stunde seine Vorgesetzten, aber bis jetzt nicht wissend, dass er nun eine grosse und wichtige Nummer war – wollte Loecha eigentlich in das Zimmer zurueckschluepfen, aber er konnte Grigorij nicht ungehorsam sein.
– Walentina... – Loecha stockte.
– Pawlowna, – soufflierte jemand.
– Walentina Pawlowna, Grigorij Ivanovitsch ruft Sie.
Als Loecha die Tuer hinter der eingetretenen Sekretaerin schloss, hoerte er empoerlte Stimmen.
«Wer ist dieser Iwanow?»
«Hier stimmt etwas nicht!»
«Vielleicht die Polizei rufen?»


– Ich hoere Ihnen zu, Grigorij Ivanovitsch, – sagte Walja.
Aleksej war erstaunt ueber die Begeisterung, mit der die Sekretaerin Grischa ansah.
«Und wann hat er es geschafft, sie aufzureissen? Was fuer ein Schuerzenjaeger er doch ist!»
– Setz dich, Walja, – Grigorij klopfte auf das Sofa neben sich.
Walja setzte sich. Der Ruecken gerade, die Wangen gluehten, die Augen glaenzten.
«Ich waere nicht ueberrascht, wenn er sie gleich hier…»
– Aleksej Michajlovitsch, – Grigorij blickte zu Loecha auf, – was stehst du hier wie ein Schatten. Geh zu Goldmann, uebernehmt zusammen die Geschaefte von Kusnezow.
Loecha ging weg, und Grigorij nahm Waljas Hand und streichelte sie leicht.
– Wie stehen unsere Dinge, Walja?
– Ich habe alles so gemacht, wie Sie befohlen haben, Grigorij Ivanovitsch, – gurrte Walja. – Ich habe alle im Buero gewarnt und jeden angerufen, den ich konnte. Um drei Uhr wird sich das Kollektiv im Festsaal zur Generalversammlung versammeln.
– Wie ist die Stimmung im Kollektiv?
– Schwierig, Grigorij Ivanovitsch, – seufzte Walja, – viele glauben es nicht.
– Darueber wirst du mir in Goldmanns Arbeitszimmer berichten. Einverstanden? – und Grigorij laechelte Walja zaertlich an.
– Gut, Grigorij Ivanovitsch, – Walja senkte schamhaft ihre Wimpern.
– Jetzt gebe ich dir den Schluessel.
Grigorij ging zu Goldmann und beugte sich zu seinem Ohr.
– Gib mir den Schluessel zu deinem Arbeitszimmer.
Goldmann wuehlte in seinen Sakkotaschen und reichte Grigorij einen Schluessel mit einer Aluminiummarke.
Aleksej hoerte dem Gemurmel von Kusnezow nur mit halbem Ohr zu. Seine Aufmerksamkeit war auf die Szene von Waljas Verfuehrung fixiert. Und als Grigorij, nachdem er den Schluessel von Goldmann erhalten hatte, zum Sofa zurueckkehren wollte, hielt er es nicht aus, sprang auf und versperrte Grischa den Weg.
– Grinja, hast du dir das gut ueberlegt, – fluesterte er, – was ist mit Swetlana?
– Das geht dich nichts an, – sagte Grigorij barsch und schob Loecha beiseite, – ich werde schon irgendwie selbst damit fertig.
Walja wartete geduldig auf Grigorijs Rueckkehr.
– Hier ist der Schluessel, – Grigorij setzte sich und gab der Sekretaerin den Schluessel. – Warte dort auf mich. Ich komme in etwa zehn Minuten.
– Ich lasse Nadja aus der Buchhaltung fuer mich da, ja?
– Lass Nadja da. Geh, Walja.
Walja ging, und Grigorij wurde von einer nervoesen Erregung erfasst.
«So ist es. Eins, zwei und drin ist man im Damenspiel.» Er konnte nicht genau sagen, worauf sich der Sieg bezog: auf die heutige Operation im Ganzen oder auf das bevorstehende Abenteuer mit Walja. Um die Spannung abzubauen, goss Grigorij Cognac in ein Glas und leerte es langsam, ohne den Geschmack zu spueren.
«Es ist verdammt angenehm, ein Prophet zu sein.»


Ðåöåíçèè