Tag der fuenfunddreissigste. Montag. 1
Die Sonne verharrte im Zenit. Sie waermte den kalten Fluss, der traege in das kalte Meer floss. Die Sonne beleuchtete die Baeume, die mit einem klebrigen gruenen Flaum bedeckt waren; sie schien auf das junge, kraeftige Kollektiv der Grashalme, die wie Borsten den Rasen bedeckten. Ohne an der Natur zu sparen, waermte die Sonne die Bruecken und das Pflaster, die Palaeste aus der Zarenzeit und die schlichten Wohnkaesten der Sowjetzeit. Alles reichte aus, alle wurden von der Maisonne liebkost.
Durch die Schlitze der Jalousien eindringend, schuf die Sonne ein Gitter aus Licht und Schatten. Manchmal wehte eine Brise in das geoeffnete Fenster, bewegte die vertikalen Streifen der Jalousien, und das Gitter begann dann zu zittern. Nur ganz selten erreichte die Brise den Tisch, und Walja spuerte ihre leichte Beruehrung auf ihrem Gesicht. Ob vom Fruehling, der endlich mit Waerme seine Rechte angemeldet hatte, oder davon, dass in der Welt alles wunderbar eingerichtet war – Walja befand sich in einer glueckseligen Stimmung. Ihre Gedanken, schwerelos wie Flaumfedern, schwebten irgendwo weit weg von dem Befehl, den sie von Zeit zu Zeit zu tippen versuchte. Im Buero war es an diesem Montag ungewoehnlich ruhig. Das Kollektiv von Rostok war am ersten Tag nach den Feiertagen noch nicht in den Arbeitsrhythmus gekommen. Die Mitarbeiter sassen meistens in ihren Bueros und tranken Tee zur Staerkung.
Nur die neue Leitung arbeitete, die in den vergangenen drei Wochen seit jener denkwuerdigen Versammlung nicht mehr ganz so neu war. Goldmann beriet sich in seinem Direktorenzimmer mit Schilow. Die Arbeit der neuen Leitung bestand darin, im Zimmer auf und ab zu gehen, Tee zu schluerfen und, vor allem, zu reden.
Goldmann ging mit hinter dem Ruecken verschraenkten Haenden an seinem grossen Tisch entlang. Wenn er die fensterlose Wand erreichte, drehte er sich um und folgte dem Weg zum Fenster. Beim Wenden an der Wand blitzte in seinem Sichtfeld das Portraet des Praesidenten auf, mit einem deutlichen Muttermal auf der Glatze, das in seinen Umrissen entfernt an Italien erinnerte. Goldmann belehrte Schilow, der in der Ecke der T-foermigen Tischkonstruktion sass.
– Du musst verstehen, Aleksej, man darf die oekonomischen Gesetze nicht verletzen. Du wuerdest doch auch keinen Edelstahl an ein schwarzes Rohr anschweissen.
– Das sind doch Rohre, – rechtfertigte sich Schilow. – Aber was haben wir denn so Besonderes getan?
– Ich werde es erklaeren. Ihr habt einen Vertrag ueber den Kauf von Holz und einen Vertrag ueber den Verkauf von Holz mit einer Marge von tausend Prozent abgeschlossen.
– Ist das denn schlecht?
– Schlecht. Ihr kauft zum halben Selbstkostenpreis und verkauft zum Dreifachen des marktueblichen Preises. Mit anderen Worten: Ihr ruiniert den Verkaeufer und den Kaeufer. Wenn sie ruiniert sind, mit wem wollt ihr dann Vertraege abschliessen?
– Es gibt doch wahrlich genug Betriebe in unserem Land, – zuckte Loecha mit den Schultern.
– Wenige, – Goldmann hackte mit der Hand entschlossen in die Luft. – Man braucht feste Kontakte auf der Basis gegenseitigen Nutzens, keine Piratenueberfaelle. Kurz gesagt, Aleksej, am Achten, als ihr euch ausruhtet, habe ich beide Vertraege korrigiert und per Fax verschickt. Hier liegen sie auf dem Tisch. Und ich bitte dich, Aleksej, – Goldmann presste die Hand auf sein Herz, – macht so etwas nicht noch einmal.
– Man wollte doch nur, verstehst du, Karlovitsch, – sagte Loecha verlegen, waehrend er die korrigierten Vertraege betrachtete, – den Leuten eine Praemie auszahlen. Bei denen sind nach den Feiertagen die Kuehlschraenke leer, und in den Taschen herrscht gaenende Leere.
– Und auch hier bin ich, – Goldmann hielt abrupt inne, – kategorisch dagegen, – er zeichnete mit angespannter Hand eine schraege Linie in die Luft, um die Kategorik zu unterstreichen.
– Was soll das denn! – emp;rte sich Loecha aufrichtig, – du bist ja doch ein Bourgeois, Karlovitsch.
– Vom Bourgeoisen h;re ich das, – lachte Goldmann. – Also, Herr kaufmaennischer Direktor, ich werde dir ein paar Buecher ueber Wirtschaft mitbringen. Du studierst sie. Oder, noch besser, du besuchst Vorlesungen an der Universitaet.
– Nee, Viktor Karlovitsch, ich sitze doch nicht noch mit Studenten zusammen. Gib mir lieber die Buecher. Nun, erklaer mir, warum die Praemie schlecht ist.
– Oh, Gott, – seufzte Goldmann, – die Praemie als Instrument der Motivation und Belohnung fuer Erfolge ist keine schlechte Sache, aber die Auszahlungen fuer nichts sind schlecht. Stell dir vor, du hast das Kollektiv mit einer unverdienten Praemie belohnt. Sie werden dich auf H;nden tragen, aber im naechsten Monat werden sie die Praemie erwarten, und im naechsten, und im naechsten. Und wenn du irgendwann nicht zahlst, wird das Kollektiv schlechter arbeiten. Besser wird es nicht, aber schlechter wird es. In der Politik nennt man das Populismus. In der Wirtschaft – einen sicheren Weg zum Verlust der Arbeitsfaehigkeit des Kollektivs.
– Haettest du das doch gleich erklaert.
– Schwamm drueber, – Goldmann setzte sich in seinen Sessel. – Was haben wir mit dem Geschaeft «Alles fuer zu Hause»?
– Damit ist alles in Ordnung, – freute sich Schilow, – Verkaeufer sind eingestellt, Ware ist geliefert, wir haben mit dem Handel begonnen. Bis zum Ende des Monats werden wir bei Null sein oder leicht im Plus.
– Damit ist anscheinend wirklich alles in Ordnung, – sagte Goldmann. – Bis zum Ende des Monats, Aleksej Michajlovitsch, bereite mir einen Bericht ueber die Waren- und Finanzbewegungen vor.
– Karlovitsch, wie soll ich den vorbereiten! Ich habe diesen Bericht noch nie gesehen.
– Loecha, so gut du kannst, so bereite ihn vor. Lerne. Ich lerne auch. Wenn man sich etwas vornimmt, dann muss man es auch durchziehen.
– Oh! – Loecha hob den Zeigefinger, – ich werde in der Buchhaltung nachfragen.
– An deiner Stelle, – schmunzelte Goldmann, – wuerde ich einen faehigen Wirtschaftswissenschaftler als Stellvertreter nehmen, aber nicht aus den Reihen der veralteten sowjetischen Buchhalter, sondern einen faehigen Studenten von gestern.
– Das ist eine Idee, – nickte Schilow, – das ist eine gute Idee.
– Damit ist alles klar, Aleksej. Was ist mit dem Vertrag fuer Metall?
– Ich warte auf Grischa, – seufzte Schilow.
– So!
Goldmann stand auf und ging zum Fenster. Durch die geoeffneten Jalousien und die trueben Scheiben blickte er auf den Hof, der in Sonnenstrahlen versank. Er sah die Kinder, die im Sandkasten wuehlten, und drei junge Muetter, die auf der Bank am Sandkasten sassen und sich lebhaft ueber etwas unterhielten. Nach der langen Pause begriff Schilow, dass eine weitere Vorlesung ueber ein oekonomisches Thema bevorstand. Da brauchte man gar nicht erst zur Universitaet zu gehen.
– Also, – Goldmann kehrte in den ledernen Sessel des Direktors zurueck, – das muss man beenden oder minimieren.
– Was beenden? – wunderte sich Schilow.
– Man muss aufhoeren, die Droge «Iwanow Grigorij» zu nehmen.
– Was fuer eine Droge soll das sein? – kniff Schilow die Augen zusammen.
«Da haben wir es. Grischa hatte recht. Man muss Goldmann im Auge behalten.»
– Du suchst vergeblich nach Aufruhr in meinen Worten, Aleksej Michajlovitsch. Da ist keiner. Ich bin einfach davon ueberzeugt, dass wir selbst das tun muessen, was wir zu tun imstande sind. Und Grischa sollte man, – Goldmann stockte, auf der Suche nach dem passenden Wort, – nur in Ausnahmefaellen bitten.
– Zum Beispiel in welchen? – fragte Schilow immer noch misstrauisch trotz der Erklaerungen.
– Zum Beispiel beim Erhalt eines Bankkredits.
– Wozu zum Teufel brauchen wir den? Wenn man sich mit denen einlaesst, bleibt man ohne Hose zurueck.
– Du bist finster, Loecha. Die Kreditvergabe ist die Hauptbedingung fuer die Existenz der Wirtschaft im Ganzen und eines Unternehmens im Besonderen. Eine andere Sache ist, dass das sowjetische System nicht fuer die Kreditvergabe an Unternehmen wie das unsere angepasst ist. Dafuer brauchen wir Grischa, um die bureaukratische Mauer zu durchbrechen.
– Na, ich weiss nicht, – schuettelte Loecha zweifelnd den Kopf.
– Nehmen wir uns als Beispiel, – fuhr Goldmann fort zu ueberzeugen, – der Holzvertrag hat unsere Reserven fast erschoepft. Mit welcher Kohle, frage ich mich, wollt ihr den Vertrag fuer Metall abschliessen?
– Vielleicht hast du recht, – stimmte Schilow zu.
– Natuerlich habe ich recht.
– Hoer mal, Viktor Karlovitsch, – Schilow stuetze sich auf den Tisch und rueckte naeher an Goldmann heran, – was glaubst du, – sagte er leise, – was ist mit Grischa?
– Ich rate dir, Aleksej Michajlovitsch, – Goldmann beugte sich zu Schilow, – zerbrich dir nicht den Kopf darueber. Nimm es einfach so hin, wie es ist.
Sie verstummten. Die lange Stille wurde durch ein Telefonklingeln unterbrochen. Goldmann hob den Hoerer ab.
– Hallo!
Das Telefon antwortete mit langen Toenen. Das Telefon klingelte weiter. Ein anderer Apparat klingelte. Ein roter. Den hatte Goldmann nie benutzt. Er legte den Hoerer des grauen Apparats auf die Gabel und nahm den Hoerer des roten ab.
– Hallo!
– Gruess dich, Vitek.
«Bogomolow! Mist! Mist! Mist!».
– Warum schweigst du, Vitek, oder freust du dich nicht?
– Ich freue mich, ich freue mich, – der Vorname und Vatersname des Banditen waren ihm entfallen, – ich freue mich, Wassilij Wassiljewitsch, – erinnerte sich Goldmann.
– Du luegst, du Bastard. Du freust dich nicht. Aber du bist ein konkreter Typ, Vitek. Hast Kusja rausgeworfen, bist selbst zum Pachan geworden, aber zu uns kommst du nicht. Respektlosigkeit.
– Ich war irgendwie im Stress, Wassilij Wassiljewitsch. Ich komme vorbei, bestimmt komme ich vorbei.
– Komm vorbei, und bring die Schulden mit und die Verzugszinsen.
– Welche Zinsen?
– Als ob du das nicht wuesstest, – auf einer Note, leblos wie ein Automat, verkuendete Bogomolow, – wann h;ttest du sie bringen sollen? – Goldmann schwieg, – am zehnten, – half Bogomolow nach, – und welches Datum haben wir heute?
– Den drei... dreizehnten.
– Richtig. Zwanzig Prozent pro Tag, macht insgesamt – den doppelten Koffer. Wenn du in drei Tagen nicht kommst, fackeln wir deine L;den ab, noch drei Tage – dann schieb die Schuld auf dich selbst, Vitek.
Und der Hoerer piepste mit kurzen Toenen. Goldmann legte ihn vorsichtig, wie eine Giftschlange, auf die Gabel.
– Wo ist Grischa?! Er wird dringend gebraucht!
– Und wie war das noch: Wir muessen auf die Droge verzichten, – versuchte Schilow zu scherzen, brach aber ab, als er Goldmanns Blaesse sah.
– Das ist etwas anderes. Das sind Banditen. Das ist etwas Ausseroekonomisches. Verdammt, wir sitzen in der Falle! Wo ist Iwanow?
– Ich habe es dir doch gesagt. Er ist zum Ausruhen nach Jurmala gefahren. Er kommt am Freitag zu meiner Hochzeit zurueck.
– Iwanow muss morgen hier sein.
– Na und, kann man nicht eine Woche warten? Lass den Menschen sich ausruhen.
– In einer Woche, Loecha, ist es fuer uns aus. Am Mittwoch fackeln die Banditen unsere Laeden ab.
– Diese Lager-Bastarde! Was die sich ausgedacht haben! Na warte, Grischa wird ihnen die Hoerner stutzen.
– Kurz gesagt, Loecha, tu, was du willst: ruf an, schick Telegramme, fahr selbst hin, aber morgen muss Grischa hier sein. Spaetestens zum Mittagessen.
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