Tag der fuenfunddreissigste. 2
Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich dem Untergang zu. Noch ein wenig, und sie wuerde im blauen Meer versinken, wobei sie die irdischen Schatten verlaengern und aufloesen wuerde.
Grigorij rauchte auf dem Balkon. Sein Blick schweifte ueber das Meer, ueber den langen, fast leeren Strand, glitt zu den schlanken Kiefern des nah herangerueckten Waldes und kehrte zum Meer zurueck. Es war still in seiner Seele.
Im Zimmer klingelte das Telefon. Beim fuenften Klingeln, als er begriff, dass der Anrufer nicht lockerlassen wuerde, liess er die rauchende Zigarette im Aschenbecher und ging zum Telefon.
– Hallo.
– Guten Tag. Die Hotelverwaltung. Leningrad moechte mit Ihnen sprechen. Soll ich verbinden?
Es war die junge Frau vom Empfang, die Grigorij und Swetlana eingecheckt hatte. Sie sprach mit einem deutlichen Akzent.
– Sind Sie sicher, Fraeulein?
– Ja, natuerlich. Man hat Ihren Nachnamen und Vornamen genannt. Soll ich verbinden?
– Verbinden Sie.
Im Hoerer waren Klickgeraeusche zu hoeren, dann knirschte etwas, als ob die Verbindung der Abonnenten nur unter grossen Schwierigkeiten zustande kaeme, und dann:
– Hallo, Grigorij Ivanovitsch?
– Loecha! Bist du das?
– Gruess dich, Grinja! – in Schilows Stimme war Freude und Erleichterung zu hoeren, eine freudige Erleichterung war zu vernehmen.
– Gruess dich, gruess dich. Wie hast du mich gefunden? Wir wussten selbst nicht, wo wir uebernachten wuerden.
– Ich habe alle Hotels abtelefoniert, so habe ich dich gefunden.
– Ist etwas passiert? – Grischa setzte sich auf das Bett.
– Nichts ist passiert. Wir haben uns mit Karlovitsch beraten, ich bereite mich auf die Hochzeit vor.
– Na und?
Grigorij draengte Loecha nicht, da er wusste, dass dieser es nicht mochte, unangenehme Nachrichten zu ueberbringen.
– Grinja, – es scheint, Loecha hat sich entschlossen, – Goldmann bittet dich, fuer einen Tag zu kommen.
– Also ist doch etwas passiert.
– Das ist kein Gespraech fuer das Telefon. Kurz gesagt, die «Deckung» macht Druck. Karlovitsch sagt, dass du verstehen wirst.
– Ich habe verstanden. Wann?
– Morgen Mittag erwarten wir dich.
– Ich werde da sein.
– Soll ich dir vielleicht ein Auto schicken?
– Nicht noetig. Diese Klapperkiste bricht auf halbem Weg zusammen, was mache ich dann. Ich finde schon einen Wagen.
– Entschuldige, Grinja, dass es so gekommen ist. Bis morgen.
– Kleinigkeiten. Bis dann.
Das Gespraech mit Loecha erschuetterte die beschauliche Stimmung nicht. Grigorij sass auf dem Bett, lauschte dem Zwitschern der Voegel vor dem Fenster und atmete mit Genuss die frische Luft ein, die nach Kiefernharz und Salzwasser duftete.
Aus dem Badezimmer kam Sweta, leise ein Liedchen summend. Sie setzte sich auf einen niedrigen Schemel vor dem Spiegel, neigte den Kopf zur Seite und begann, mit der Buerste durch ihr Haar zu fahren. Grigorij bewunderte die feuchte Welle des hellen Haares, die schlanke Gestalt, die von einem leichten rosa Bademantel bedeckt war. Swetlana laechelte ihm aus dem Spiegel zu. Er laechelte dem Spiegelbild zurueck.
Grigorij stand auf, ging zu Swetlana, streichelte ihre Schultern und kuesste sie auf den Scheitel.
– Habe ich dir schon gesagt, Sweta, dass ich dich liebe?
– Hast du, Grischa, – Swetlanas Spiegelbild laechelte ihm wieder zu, – und ich dich auch.
– Aleksej hat angerufen. Er bittet mich, morgen zu kommen.
– Das ist ja gut, – freute sich Swetlana, – dass ich den Koffer nicht ausgepackt habe.
– Nichts da. Pack ihn ruhig aus. Ich fahre nur fuer einen Tag. Morgens fahre ich hin, abends komme ich zurueck. Und jetzt gehen wir am Ufer spazieren und suchen uns irgendwo etwas zu essen.
– Ein guter Plan. Ich bin bereit, nur das Haar muss noch ein wenig trocknen.
Das Meer leckte traege mit feinen Wellen den gelben Sand. Die Welle lief heran, raschelte, schaeumte und kroch wieder zurueck. Dabei bemuehte sich das Meer, die Spuren im Sand zu verwischen. Sie gingen an der aeussersten Kante der Brandung entlang. Oftmals lief eine uebermuetige Welle weiter als ihre Gef;hrtinnen, und dann rannte Swetlana kreischend vor ihr weg. Grigorij lachte und hielt sie zurueck, aber nicht mit Nachdruck, sondern gab ihr jedes Mal die Moeglichkeit, sich vor dem kalten Wasser zu retten. Seine Turnschuhe waren durchnaesst, aber er achtete nicht darauf. Ihm war es gut.
Schliesslich liessen sie die Wellen und den Strand in ihrem ewigen Kampf und ihrer Einheit zurueck. Sie gingen der in das Meer sinkenden Sonne entgegen. Er umarmte sie an den Schultern, sie schmiegte sich vertrauensvoll an ihn.
– Wir sollten uns ein Auto kaufen, – sagte Grigorij, waehrend er auf die Sonne blickte.
– Arnold Semjonowitsch hatte ein Auto, – sagte Sweta seufzend.
– Na und?
– Er hatte einen Unfall.
– Entschuldige, Sweta, das wusste ich nicht.
– Nichts passiert. Es ist besch;mend zuzugeben, aber wenn dieses traurige Ereignis nicht gewesen waere, haetten wir uns nie getroffen. Aber so, – sie blieb stehen, legte ihren Kopf auf seine Schulter, – sind wir zusammen und uns geht es gut.
– Uns geht es gut, – stimmte Grigorij zu.
– Wie hast du das hinbekommen, Grischa, – sie gingen weiter, – eins, zwei, und du bist schon ein grosser Chef.
– Das sagst du so, grosser.
– Aber Loecha sagt, dass du der Hauptverantwortliche bist.
– Der Loecha versteht viel, dein Loecha.
– Der Loecha ist nicht meiner, – lachte Swetlana, – er ist deiner. Es riecht nach Schaschlik, – sagte sie vertraeumt.
– Oh! – freute sich Grigorij, – das ist es, was wir brauchen. Lass uns rennen!
– Lass uns rennen. Aber pass auf, keinen Wodka trinken.
– Cognac, Swetik, nur Cognac.
Und sie rannten auf das offene Cafe zu, wo ein junger Mann unter einem Vordach Schaschlik zubereitete.
Свидетельство о публикации №226012302068