Tag der sechsunddreissigste. 2
– Schlag ihn sofort, lass dich nicht von ihm ueberwaeltigen, – belehrte Goldmann, als sie sich dem Herrenhaus von Bogomolow naeherten, – er ist gefaehrlich, er ist sehr gefaehrlich.
– Wir regeln das, Karlovitsch. Scheiss dir nicht in die Hose.
Hinter dem Gitter auf dem Weg, der zum Haus fuehrte, standen zwei Kerle – niederschlaegig mit Stiernacken. Mit einem kalten, irgendwie verzzoegerten Blick musterten sie die herannahenden Grigorij und Goldmann.
– Wer seid ihr? – fragte einer der Waechter gleichgueltig.
– Goldmann von Rostok, – sagte Viktor mit einschmeichelnder Stimme, – wir wollen zu Bogomolow.
Grigorij hatte Lust, sich vor dem Kampf aufzuwaermen. Er betrat das Tor unter den erstaunten Blicken der Waechter.
– Stillgestanden! – befahl er leise.
Die Waechter strafften sich wie die Saiten einer Saite, so weit es bei ihrem gewaltigen Koerperbau moeglich war.
– Rechts um!
Die Waechter drehten sich praezise.
– Zwanzig Runden um das Haus, im Laufschritt marsch!
Die Waechter liefen los.
– Bewegt die Hufe flotter! – trieb Grigorij sie im Nachhinein an.
Die Waechter liefen schneller.
– Gehen wir, Karlovitsch.
– Ein guter Anfang, – lobte der nun munterer gewordene Goldmann Grigorij.
In der geraeumigen Halle bei der pompaesen Treppe wurden die Wanderer durch ein kurzes Pfeifen gestoppt. Sie blickten sich um, einem alten Reflex folgend, auf jedes scharfe Geraeusch zu reagieren. Vom breiten Fensterbrett sprang ein junger Mann in Adidas-Sporthosen herunter. Leicht gekruemmt, mit wackelndem Gang, steuerte der junge Mann auf Grigorij und Viktor zu.
– Wer ist das? – waehrend er den tanzenden Liebhaber der Sportkleidung aufmerksam beobachtete, fragte Grigorij Goldmann – den Experten fuer SORA (Sicherheitsorganisation).
– Das ist Styr (Pfahl/Dorn).
– Spitzname?
– Nachname. Sei vorsichtig mit ihm.
Viktor wollte hinzufuegen, dass Styr die schlechte Angewohnheit hat, nach den Genitalien der SORA-Kunden zu greifen, aber er schaffte es nicht, es weich genug zu formulieren, als auch schon…
Styr, der Grigorij nahe gekommen war, stiess ploetzlich, den ganzen Koerper vornueberbeugend, die linke Hand in Richtung Grigorijs Schritt vor, und prallte in dieser Bewegung gegen Grigorijs rechte Faust. Aus der Kollision resultierte ein kurzer Flug Styra. Er fiel auf den Ruecken, rutschte ein paar Meter ueber den glatten Marmorboden und erstarrte, offensichtlich hatte er das Bewusstsein verloren.
– Danke fuer die Warnung, – sagte Grigorij ruhig.
– N-n-nichts zu danken, – stotterte Goldmann.
Styr erwachte ploetzlich mit dem ganzen Koerper wieder zum Leben. Er sprang auf, wie von einer Feder hochgeworfen, und das Messer in seiner Hand blitzte im Sonnenstrahl, der durch das ungewaschene Glas drang.
– Oho! Wie schnell wir doch sind! – rief Grigorij freudig aus. – Geh beiseite, – warf er Goldmann zu.
Viktor gehorchte bereitwillig. Er trat zwei Schritte hinter Grigorijs Ruecken zurueck. Er blickte sich um. In den offenen Tueren der Raeumlichkeiten Bogomolows stand die Sekretaerin. Ihre Augen waren voller Entsetzen. Sie presste die Hand vor den Mund, als wuerde sie einen Schrei unterdruecken, der herausbrechen wollte.
Styr, das Messer kunstvoll von einer Hand in die andere werfend, naeherte sich Grigorij. Seine Forschheit war wie weggeblasen. Seine Bewegungen wurden katzenhaft grazi;s und praezise. Er hatte es nicht eilig anzugreifen, offensichtlich hatte er in Grigorij einen starken Feind erkannt.
Grigorij ueberlegte, ob er die in der Armee erlernten Nahkampftechniken anwenden oder ihn mit seinem neuesten Talent erledigen sollte. Eine Sekunde vor dem Angriff beschloss Grigorij, kein Risiko einzugehen.
– Erstarr! – befahl Grigorij leise, aber streng, wobei er das Kommando maximal mit dem Imperativ saettigte.
Styr verharrte mit dem Messer kampfbereit in der unteren Position. Der Umstand, dass seine zuverlaessigen Muskeln, die ihn in schnellen Messerstechereien nie im Stich gelassen hatten, nicht mehr gehorchten, erschreckte ihn nicht, sondern machte ihn rasend.
– Verfluchte Mistkerle! – stoehnte Styr heiser, und in diesem Kr;chzen war unmenschlicher Hass zu hoeren.
– Halt den Mund, – befahl Grigorij.
Styr rollte wild mit den Augen, da er nicht nur die Faehigkeit verloren hatte zu schneiden und zu reissen, sondern auch seine Stimme.
– Gehen wir, – Grigorij drehte sich auf soldatische Art auf den Absaetzen zu Goldmann um, – fuehre mich zu deinem Bogomolow.
– Und der da? – Viktor deutete mit einem Kopfnicken auf Styr, der wie eine Fliege in zaehem Honig erstarrt war.
– Er wird so stehen bleiben, bis ich ihm etwas anderes befehle.
– Vielleicht sollten wir ihn, um Aerger zu vermeiden, irgendwohin wegschicken?
– Glaube an mich, Viktor, – laechelte Grigorij, – so wie ich an mich selbst glaube.
Goldmann nickte hastig und stimmte freudig zu, an Grigorij zu glauben.
Ein schoenes und sehr junges Maedchen starrte den eintretenden Grigorij mit grossen Augen an. Ihr Blick strahlte vor Bewunderung. Wegen dieser strahlenden Augen, wegen des kurzen Kampfes mit Styr oder wegen all dem zusammen wurde Grigorij voellig unpassend erregt. Er trat an den Tisch und beugte sich leicht vor.
– Wie heisst du, mein Kind?
Grigorij legte seine Hand auf die schmale Hand des Maedchens.
– Zoja, – antwortete das Maedchen leise.
– Und ich bin Grischa, freut mich, dich kennenzulernen.
Grigorij drueckte Zojas Hand leicht.
Draussen vor dem Fenster, das wegen des sommerlich warmen Tages einen Spalt breit offen stand, glitten die Koepfe und Schultern der laufenden Waechter vorbei.
«Ich sollte sie stoppen», – dachte Grigorij.
Er liess die verlegene Zoja zurueck und trat hinter ihren Ruecken. Er stellte sich ans Fenster, schob den Vorhang beiseite und oeffnete den Fluegel weiter. Goldmann trat zu ihm.
– Was hast du vor, Grigorij Ivanovitsch?
– Die Waechter. 20 Runden – da war ich wohl zu streng. Fuenf Minuten, nicht mehr. Ist dein Chef da? – fragte Grigorij lauter.
Zoja drehte sich halb um.
– Er ist da.
– Du sagst ihm Bescheid, wenn ich es dir sage.
Grigorij laechelte. Zoja nickte.
– Wie ist er so drauf?
Zoja zuckte unbestimmt mit den Schultern. Grigorij interpretierte diese Geste auf seine Weise.
– Hab keine Angst, wir werden ihm nichts Boeses antun.
Das Maedchen zuckte mit dem Kopf zusammen, wie von einem Schlag getroffen. Eine Grimasse des Abscheus verzerrte ihre Zuege.
– Wenn es nach mir ginge, wenn er in diesem Augenblick zur Hoelle fahren wuerde, wuerde ich an Gott glauben.
– Warum so streng?
– Es gibt Gruende, – antwortete Zoja.
– Das ist gut.
– Da kommen sie gelaufen! – sagte Goldmann.
Hinter der Ecke tauchten die Waechter auf. Sie liefen schwerfaellig.
Die neugierige Zoja erhob sich und trat ans Fenster. Grigorij legte mechanisch seinen Arm um ihre Taille. Eine suesse Mattigkeit, die zwischen ihren Beinen entstand, rollte wie eine Welle zu Zojas Herzen. Sie verspuerte den Wunsch, sich diesem starken Menschen anzuvertrauen, der den Abschaum Styr geschlagen hatte und versprach, etwas gegen den Abschaum Bogomolow zu unternehmen. Sie wollte all ihren Kummer auf die Schultern von Grigorij Ivanovitsch legen, wie Goldmann ihn genannt hatte. Sie drueckte ihre Huefte an ihn. Grigorij streichelte ihre Taille. Als wollte er sagen: Die Geste ist gewuerdigt.
Die Waechter naeherten sich. Als ihnen nur noch wenige Meter fehlten, nahm Grigorij die Hand von Zoja und lehnte sich aus dem Fenster.
– Stehen bleiben, – befahl er leise.
Die Waechter blieben stehen. Sie atmeten schwer.
– Welche Runde? – fragte Grigorij.
– Die siebte, – sagte der eine.
– Die achte, – widersprach der andere.
– Egal. Schluss mit dem Laufen. Kehrt zum Tor zurueck. Lasst niemanden rein und niemanden raus ohne mein Kommando. Alles klar?
– Alles klar, – sagte der eine.
– Klar, – sagte der zweite.
– Ausfuehren, – befahl Grigorij.
– Zu Befehl, – sagte der erste.
– Jawohl, – sagte der zweite.
Die Waechter entfernten sich. Grigorij schloss das Fenster und zog den Vorhang in die urspruengliche Position zurueck.
Zoja war von diesem kleinen Vorfall mit den Waechtern sehr beeindruckt. Sie begann an Grigorij Ivanovitsch zu glauben, und in diesem Moment glaubte sie, dass ihre Sklaverei bei Bogomolow ein Ende fand.
– Jetzt ist es Zeit, Zoja, – sagte Grigorij Ivanovitsch, – sag Bogomolow, dass Goldmann von Rostok gekommen ist. Sag ueber mich nichts.
– Zu Befehl, Grigorij Ivanovitsch.
– Grischa, – korrigierte Iwanow und beruehrte ihren Ellbogen, – fuer dich Grischa.
– Gut, Grischa.
Sie setzte sich an den Tisch und drueckte den Knopf der Gegensprechanlage.
– Wassilij Wassiljewitsch, – sagte sie, waehrend sie sich ueber das Geraet beugte, – Goldmann von Rostok ist fuer Sie da.
Die Freisprechanlage schwieg lange. Zoja wollte den Anruf gerade wiederholen.
– Er soll reinkommen, – drang es aus dem Lautsprecher.
Goldmann straffte sich und wurde blass wie ein Student vor einer schweren Pruefung.
– Hab keine Angst, – schlug ihm Grigorij auf den Ruecken, waehrend er zur Tuer ging, – sprich hoeflich mit ihm, aber mit Wuerde. Im richtigen Moment werde ich ihn brechen.
– Ich wuerde mir wuenschen, dass dieser Moment sofort eintritt, – murmelte Viktor, waehrend er den Tuergriff ergriff. – Ehrlich gesagt, Grischa, ich habe Angst vor ihm.
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