Tag der sechsunddreissigste. 3
Das halbdunkle Spinnennetz von Bogomolow unterschied sich kraesslich von dem hellen, mit frischer Luft gefuellten Zimmer Zojas. Die Luft hier war abgestanden. Es stank nach verrauchtem Tabak, der sich fuer immer in die Waende gefressen hatte, nach verschuettetem Alkohol und noch etwas Saeuerlichem. Grigorij erinnerte sich an die Kompanie-Kammer. Dort roch es genauso nach den haeufigen Saufereien der Demobilsoldaten.
Bogomolow, ein kahlrasierter, kraeftiger Mann von etwa 30-35 Jahren, sass in einem Sessel an einem niedrigen Tisch mit geschwungenen Loewenbeinen. Solche Tische nennt man Journaltische. Keine einzige Zeitschrift, kein einziger Fetzen Papier, der die Bezeichnung irgendwie rechtfertigen wuerde, lag auf dem Tisch. Da stand ein Kristall-Aschenbecher, in dem eine dicke braune Zigarre glimmte. Eine grosse Kristallvase mit einer fuer diese Breiten exotischen Ananas, zwei wachsartig gelben Bananen und noch einigen tropischen Fruechten, die wie behaarte Huehnereier aussahen, sollte den Besucher von der Macht des Hausherrn ueberzeugen. Neben der Vase befand sich ein Teller aus altem Porzellan mit einem angefangenen Butterbrot. Das Brot war natuerlich dick mit rotem Kaviar bedeckt. Neben dem Kristall-Garnitur stand, voellig unpassend, ein halbliter Aluminiumbecher mit verbeulter Seite, als haette die Kompanie-Kammer eine Ehe mit dem Palast geschlossen.
Neben Bogomolow lag ein geladenes Magazin fuer eine «TT» und mehrere weiche Filztuecher. Mit einem davon rieb er liebevoll den Pistole ab. Nachdem er das Abwischen der unsichtbaren Staubkoerner und Flecken beendet hatte, spannte Bogomolow die Feder, richtete den Lauf auf Goldmann und betaetigte den Abzug. Viktor wurde noch blasser, aber er hielt sich.
Bogomolow, der sich nicht beeilte, als waere das Zielen auf lebende Menschen fuer ihn eine gewoehnliche Beschaeftigung, etwa wie fuer einen normalen Menschen das Gruessen, stellte die Pistole auf Sicherung, schob das Magazin mit einem Klicken in den Griff und versteckte sie unter dem Lederblazer.
– Wer ist bei dir? – fragte er Goldmann streng.
– Das ist, das ist ein Experten-Berater, – antwortete Viktor mit heiserer Stimme.
– Experte, sagst du, Berater, sagst du, – irgendetwas an Viktors Antwort gefiel Bogomolow nicht, – oeffne die Tuer, – sagte er zu Goldmann.
Viktor gehorchte.
– Zoja! – schrie Bogomolow.
Einen Augenblick spaeter erschien die verangstigte Sekretaerin auf der Schwelle.
– Schick mir Styr rein. Schnell!
– Zu Befehl, Wassilij Wassiljewitsch.
«Er hat den Instinkt eines Wolfes. Goldmann hat recht, man muss ihn sofort schlagen».
Grigorij machte einen Schritt auf Bogomolow zu.
Bogomolows rechte Hand reagierte auf die Bewegung, aber mit einer kleinen Verzoegerung. Diese Verzoegerung entschied die Sache.
– Haende hinter den Kopf! – peitschte Grigorij mit dem Imperativ.
Die rechte Hand erstarrte auf halbem Weg zur Pistole, die linke Hand begann sich langsam zum Hinterkopf zu heben.
– Haende hinter den Kopf! – wiederholte Grigorij hart.
Und da beging er einen Fehler. Grigorij blickte in die toten Augen Bogomolows. In ihnen wirbelte die Leere. Sie saugte ihn auf, raubte ihm die Stimme und den Willen.
«Welcher Erzengel hat ihm diesen Blick gegeben», – schlich sich ein traeger Gedanke ein.
Grigorij spuerte, noch eine Sekunde und es waere zu spaet. Der Imperativ schmolz dahin. Bogomolows linke Hand streckte sich, die rechte griff langsam unter den Blazer.
Aber Goldmann, ein gewoehnlicher Mensch, den die in einer Todesschlacht kaempfenden Titanen vergessen hatten, bedeckte Grigorij mit der Hand die Augen. Und die Besessenheit fiel ab.
– Haende hinter den Kopf, Abschaum! – schlug Grigorij mit aller Kraft zu, – Blick auf den Tisch! – und Grigorij schob Viktors Hand beiseite.
Er blickte ueber Bogomolows Kopf hinweg, aus Angst, erneut unter den Schlag seines Blickes zu geraten. Dieser befolgte die letzten Befehle genau. Bogomolow sass still da, die Haende im Nacken verschraenkt und den Kopf ueber den Tisch geneigt. Er hatte die Schlacht verloren, die nicht laenger als eine Minute gedauert hatte. Grigorij schuettelte Goldmann die Hand. Viktors Gesicht glaenzte vor Schweiss.
Grigorij trat an Bogomolow heran. Er holte die Pistole unter dessen Blazer hervor. Er entsicherte sie, spannte den Hahn und setzte den Lauf an Bogomolows Kopf an. Dieser sass ruhig da und widersetzte sich seinem Schicksal nicht.
– Grischa! – schrie Goldmann.
Grigorij zog die Hand zurueck und drueckte ab. Dzing – die Kugel schlug den silbernen Leuchter der Ikonostase herunter.
– Oh! – rief Zoja aus, die auf der Schwelle erschienen war.
Grigorij blickte sich um. Er nahm das Magazin heraus, entleerte das Patronenlager, versteckte die Pistole und das Magazin in verschiedenen Taschen.
– Es ist gut, dass du gekommen bist, – sagte er zu Zoja.
– Styr kommt, – sagte Zoja.
Grigorij schenkte ihren Worten keine Beachtung und fuhr fort.
– Lasst uns uns setzen.
Sie setzten sich. Grigorij in den Sessel gegenueber dem geschlagenen Feind. Viktor und Zoja auf dem kleinen Sofa. Grigorij massierte sich mit kreisenden Bewegungen die Wangen und die Stirn.
– Jetzt, – sagte er, waehrend er Zoja ansah, – werde ich deiner Spinne den Stachel ausreissen.
– Er ist nicht meine, – empoerte sich Zoja.
– Egal. Den Stachel werde ich trotzdem ausreissen.
Grigorij konzentrierte sich.
– Hoer mir zu, Bogomolow, – sprach Grigorij sehr deutlich und aeusserst hart, – hoer zu und nimm dir jedes meiner Worte zu Herzen.
Ein Schauer lief Zoja ueber den Ruecken; so gewaltig, so machtvoll war diese Stimme.
– Von nun an und fuer immer wirst du deinen toten Blick hinter dunklem Glas verbergen, – waehrend er dies sagte, holte Grigorij eine billige Sonnenbrille aus seiner Jacke, die er gestern in Jurmala gekauft hatte. – Setz die Brille auf, – fuegte er mit fast normaler Stimme hinzu, und dann etwas haerter: – Den Kopf nicht heben.
Bogomolow gehorchte, und Grigorij setzte die Sitzung fort.
– Haende auf den Tisch, – Bogomolow legte die Haende auf den Tisch. – Solltest du meinen Willen brechen und ohne Glas auf die Welt blicken, wirst du in derselben Sekunde erblinden.
Bogomolow erschrak vor der schrecklichen Prophezeiung.
– Pruefen wir es. Witja, sei bereit. Schau mich an, – befahl Grigorij.
Bogomolow hob die Augen. Der Blick hinter den Glaesern hatte seine grauenvolle Kraft verloren.
– Es geht, – sagte Grigorij zufrieden, – noch eine Pruefung.
Er stand auf, trat an Zoja heran und beugte sich zu ihrem Ohr. In ihrem Dekollete waren ihre festen Brueste zu sehen, und sie roch so zart, so atemberaubend, dass ihm der Kopf schwindelte.
«Heute wird sie mein sein», – beschloss Grigorij und fluesterte ihr leise zu:
– Bitte ihn, die Brille abzusetzen.
Zoja nickte.
– Wassilij Wassiljewitsch, nehmen Sie die Brille ab. Sie steht Ihnen nicht.
– Ich kann nicht, – sagte Bogomolow dumpf.
Grigorij kehrte in den Sessel zurueck. Mit einer Geste zeigte er Zoja, dass sie das Schauspiel fortsetzen sollte.
– Warum, Wassilij Wassiljewitsch? Sie sitzt schrecklich bei Ihnen.
– Ich werde erblinden.
Grigorij zeigte Zoja mit der flachen Hand, dass es genug sei.
– Beginnen wir mit dem zweiten Teil des Programms, – sagte Grigorij.
In diesem Moment lenkte ein scharrender Laut von der Tuer her die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es war Styr, der sich stoeseweise vorwaertsschob und dabei eine unsichtbare Wand ueberwand. Von seinem Gesicht, das durch den inneren Kampf mit dem Imperativ entstellt war, rollten Schweissperlen gross wie Hagelkoerner herab.
– Immerhin, er ist stark, – sagte Grigorij nachdenklich und stand auf.
«Styr und Bogomolow – das kann kein Zufall sein, – ueberlegte Grigorij, waehrend er auf Styr zuging, – wahrscheinlich ist bei den Straeflingen die Faehigkeit, fremdem Willen zu widerstehen, staerker entwickelt als bei gewoehnlichen Menschen, – Grigorij nahm das Messer aus Styrs willenlosen Haenden, da die ganze Kraft des Banditen auf das Vorwaertskommen gerichtet war, – man muss strenger mit ihnen sein».
Styr blieb stehen. Er atmete schwer. Seine Kraefte waren offenbar erschoepft.
«Was soll ich nur mit dir machen, Styr Gennadij? Vielleicht sollte ich dir den Hintern versohlen und dich mit Schande nach Wladiwostok vertreiben, wobei ich dir unter Todesstrafe verbiete, in Piter zu erscheinen».
Eine Zeit lang blickte Grigorij tief in das Szenarium der Vertreibung hinein und verwarf es, denn fuer einen Propheten war das zu einfach.
«Nun gut, wenn du nicht im Guten hoeren willst, dann eben im Boesen».
Der Erzengel Gabriel gab keine Anweisungen, wie dem Propheten die machtvolle Stimme zurueckzugeben sei, und daher sandte Grigorij einen gedanklichen Befehl in den Raum: Ich will, sozusagen, mit der Stimme eines Propheten sprechen. Dies brachte jedoch kein Ergebnis. Grigorij schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Kehle. Und ploetzlich entstand ein Brennen im Inneren, als ob jemand eine gluehende Kohle in seine geoeffnete Brust gesteckt haette. Und Flammen erfassten die Lungen und Bronchien und gingen auf die Kehle ueber. Und gerade als Grigorij zu ersticken drohte, verging das Brennen. Und die Kehle verwandelte sich in die Zarenglocke, gegossen aus klingendem Stahl.
Die Atmosphaere im Zimmer verdichtete sich. Die unfreiwilligen Zuschauer im Sessel und auf dem Sofa blickten in Erregung auf die Szene und spuerten das Nahen des Hoehepunkts. Zoja kam es so vor, als ob um Grigorij herum weisse Lichtpunkte umherrasten. Sie entstanden aus dem Nichts, bewegten sich chaotisch zueinander und verschwanden im Nichts. Und…
– Wie konntest du es wagen, du nichtiger Wurm, mir nicht zu gehorchen! – sagte Grigorij mit halber Stimme.
Gleich einer Bombe, die eine Stahlhuelle zerrissen hat, entstand der Effekt der Stimme des Propheten.
«Wagen, nicht zu gehorchen!», – der Kronleuchter klirrte und die Kristallanhaenger platzten.
«Nichtiger Wurm!», – die Waende bebten und bedeckten sich mit schlangenfoermigen Rissen.
«Mir!», – die Decke vibrierte und der Verputz broeckelte ab.
Diese Stimme ist dazu bestimmt, Legionen zu baendigen und Voelker zum wahren Glauben zu bekehren, die Meeresfluten zu teilen und Granitfelsen zu Staub zu zermahlen. Gott weiss, die Stimme war uebermaessig stark fuer Bogomolows staubige Hoehle. Ihr Grollen hoerten zufaellige Passanten in der Umgebung. Sie blieben stehen und blickten in den klaren Himmel, auf der Suche nach Gewitterwolken. Die Stimme erregte und erschreckte die Waechter am Tor. Sie waeren von ihrem Posten geflohen, waere da nicht der strenge Befehl des Propheten gewesen. Zoja beugte den Kopf und hielt sich mit den Haenden die Ohren zu. Der geschlagene Bogomolow kauerte sich zusammen. Viktor weinte.
Aber am schlimmsten traf es Styr. Sein kurzes Haar stellte sich auf wie junges Gras. Die Augen traten fast aus den Hoehlen. Aus seinem linken Ohr, das Grigorij zugewandt war, schoss stossweise Blut.
«Noch ein Wort, und ich werde ihn toeten».
Grigorij maessigte die Stimme fast bis zum Fluestern.
– Hoer mir zu, Styr Gennadij, – Grigorij legte seine Finger auf Styres Ohr, und das Blut hoerte auf, zu fliessen, – du wirst Aleksandr Sergejewitsch Kusnezow, den ehemaligen Direktor von Rostok, finden, und du wirst ihm in allem ein Helfer sein. Gehorche ihm widerspruchslos, aber falls er dich vertreiben sollte, weiche nicht zurueck. Und nun, geh mit Gott.
Styr drehte sich um und schlenderte langsam, taumelnd, aus dem Zimmer.
Grigorij jedoch, nachdem er Styr dorthin – wer weiss wohin – geschickt hatte, trat ans Fenster, schob die schweren Vorhaenge beiseite und oeffnete nach einem kurzen Kampf mit den Winterrahmen die Fluegel, wobei er frischen warmen Wind in Bogomolows Zimmer liess. Styr ging bereits auf dem Kiesweg zum Tor. Die Waechter standen Schulter an Schulter da, in der Absicht, den Ausgang vor Styres Anspruechen zu schuetzen.
– Lasst Styr durch, – sagte Grigorij so leise wie moeglich.
Von einer ausladenden Pappel flog, erschreckt durch den L;rm, ein Schwarm Sperlinge auf. Die Waechter traten beiseite. Styr ging zwischen ihnen hindurch. Er oeffnete die Pforte und trat auf die Strasse hinaus, um Kusnezow zu suchen.
Die Rueckkehr in den menschlichen Zustand war nicht weniger qualvoll als das Erlangen der prophetischen Stimme. Grigorij ruhte sich aus, waehrend er auf dem Sofa neben Zoja sass. Er fuehlte sich, als haette er eine Arbeitsschicht hart und ohne Pause durchgearbeitet. Allmaehlich liess das Brennen in der Brust nach, die Muedigkeit legte sich, und er spuerte wieder die Kraft, sinnvolle Handlungen zu begehen. Er oeffnete die Augen.
– Fuer heute genug, – sagte er, waehrend er aufstand. – Die Details besprechen wir naechsten Montag oder Dienstag. Goldmann wird sich mit dir in Verbindung setzen, – wandte sich Grigorij an den niedergeschlagenen Bogomolow, – und dir genau sagen – wann.
Bogomolow nickte. Goldmann stand auf.
– Gehst du mit mir? – fragte Grigorij Zoja.
– Ja, – antwortete das Maedchen, den Kopf geneigt.
– Gehen wir.
Waehrend er an den Waechtern vorbeiging, warf Grigorij ihnen laessig zu:
– Vergesst, dass wir hier waren.
Und sie vergassen es. Sie blickten gleichgueltig auf die zwei Maenner, die auf die schwarze Wolga zugingen, und auf Bogomolows Sekretaerin Zoja zwischen ihnen, und keine einzige kleine Erinnerung regte sich in ihren einfachen Herzen.
Grigorij oeffnete galant die hintere Wagentuer. Zoja schluepfte in den Salon.
– Hallo, – begruesste sie den Fahrer.
– Guten Tag, – antwortete dieser.
– Karlovitsch, fahr mich nach Hause, – sagte Grigorij, ohne sich mit dem Einsteigen zu beeilen, – und um fuenf Uhr soll Mischa zu meinem Haus kommen.
– Zu Befehl, Grigorij Ivanovitsch, – stimmte Goldmann demuetig, irgendwie auf knechtische Art zu.
Dieser Ton gefiel Grigorij nicht.
– Witja! – er verzog das Gesicht, – bitte nicht so etwas. Haben wir uns geeinigt?
– Gut, Grischa, – antwortete Goldmann mit einiger Anstrengung und fragte viel leichter: – Zu Swetlana?
– Nein, nach Hause. In meine Wohnung.
– Ich kenne die Adresse aber nicht.
Grigorij nannte die Adresse.
– Fahren wir?
– Fahren wir. Hoer mal, Grischa, – Goldmann beruehrte Grigorijs Schulter, – darf ich jemandem davon erzaehlen, was heute passiert ist?
– So viel du willst! Ich habe nichts vor dem Volk zu verbergen.
Und Grigorij setzte sich lachend in den Wagen.
Punkt 17:00 Uhr hielt der Kranfuehrer Mischa, gefuehrt von Schilow, den blauen Schiguli des Vaters am Strassenrand neben der Apotheke an. Fuenf Minuten spaeter kam aus dem Hauseingang des Nachbarhauses ein in jeder Hinsicht ungewoehnlicher Kunde heraus. Bei ihm war ein Maedchen – sehr jung und sehr schoen. Sie unterhielten sich ueber etwas.
– Nein, Zoja, – sagte Grigorij, – wenn du nicht einverstanden bist, bestehe ich nicht darauf.
Zoja blieb stehen, legte ihre Hand auf Grigorijs Brust.
– Werden wir uns wiedersehen?
– Natuerlich, Zoja, – antwortete Grigorij fest, – das verspreche ich dir.
– Ich bin einverstanden, Grischa.
Sie traten an den Wagen heran.
– Soll ich dich mitnehmen?
– Bis zur Metro, wenn es geht.
Grigorij streckte die Hand aus, um die Tuer zu oeffnen, aber sie schwang von selbst auf, und aus dem Wagen stieg Schilow.
– Na, Loecha! – wunderte sich Grigorij, – was machst du denn hier?
– Wie haette Mischa sonst den Weg finden sollen. Guten Tag, – nickte Aleksej Zoja zu.
– Guten Tag, – antwortete Zoja leise.
– Gut, fahren wir los, – sagte Grigorij, – an der Metro, Loecha, lasse ich dich raus.
Bei der Metro stiegen Zoja und Aleksej aus. Der Wagen fuhr weiter.
Zoja wollte sich schon von ihrem unfreiwilligen Begleiter verabschieden, einem untersetzten Mann von etwa 25-27 Jahren, und in die Metro hinuntergehen, aber dieser kam ihr zuvor.
– Sie heissen doch Zoja, nicht wahr?
– Ja.
– Und ich bin Aleksej Michajlovitsch, oder einfach Aleksej.
– Freut mich sehr, – Zoja neigte den Kopf.
In Wirklichkeit war Zoja ganz und gar nicht erfreut. Sie wollte in Einsamkeit ueber das Abenteuer des heutigen Tages nachdenken und darueber, warum sie eigentlich im Tempo einer Stoessarbeiterin der kommunistischen Arbeit Grigorijs Geliebte geworden war.
– Koennten wir ein paar Minuten sprechen?
Zoja nickte erneut.
Sie traten vom Eingang weg zu einer der nicht funktionierenden Telefonzellen.
– Was hat Ihnen Grigorij Ivanovitsch gesagt? – fragte Aleksej.
– Was geht Sie das an? – antwortete Zoja mit einer Gegenfrage.
– Zoja, – sagte Aleksej eindringlich, – ich bin Grischas bester Freund und sein Geschaeftspartner. Wenn Ihre Unterhaltung nur Privates betraf, geht mich das nichts an, aber wenn es irgendwie mit der Arbeit zu tun hat, bitte ich Sie zu antworten.
Zwei Maedchen traten heran und blieben dicht neben ihnen stehen.
– Maedels, was wollt ihr? – fragte Aleksej.
– Wie, was? – wunderte sich eine von ihnen, – wir stehen Schlange fuer das Telefon.
– Dieses Telefon funktioniert nicht.
Die Maedchen sahen einander an, lachten und rannten zur Schlange fuer das funktionierende Telefon.
– Lassen Sie uns ein wenig gehen, – Aleksej beruehrte leicht Zojas Ellbogen. – Nun, wie sieht es aus?
– Grischa, Grigorij Ivanovitsch, moechte, dass ich Bogomolow kontrolliere.
– Haben Sie zugestimmt?
– Ja, – antwortete Zoja unsicher.
– Haben Sie Details besprochen?
– Nein. Er sagte, dass wir uns naechste Woche treffen – also er, ich und Viktor Karlovitsch – und alles besprechen.
– Zoja, – sie blieben stehen, – wie waere es, wenn wir uns morgen in unserem Buero treffen und die Situation vorlaeufig besprechen? Das wuerde uns Zeit sparen.
– Ich habe nichts dagegen, – zuckte Zoja mit den Schultern, – wann und wo ist Ihr Buero.
– Lassen Sie uns morgen um zehn Uhr treffen, ich hole Sie an der Metro ab. Einverstanden?
– Ja, einverstanden. Noch etwas?
– Alles Weitere morgen.
Und Aleksej laechelte Zoja offen an.
Grigorij doeste den ganzen Weg ueber. Er wachte nur auf, um die GAI-Inspektoren abzuwehren. Er wachte erst tief in der Nacht bei der Einfahrt nach Jurmala auf.
– Bist du muede? – fragte er Mischa.
– Geht schon, – antwortete der Fahrer, – in der Armee war es manchmal noch schlimmer.
– Das stimmt, – pflichtete Grigorij bei, – was in der Armee nicht alles passiert ist.
Er holte die Brieftasche aus der Innentasche der Jacke hervor, doch Mischa, der Grigorijs Absicht bemerkte, sagte:
– Nicht noetig, Grigorij Ivanovitsch, Aleksej Michajlovitsch hat mich schon bezahlt.
– Hm. Nun, wenn er bezahlt hat, dann ist es eben so. Was wuerde ich nur ohne Aleksej Michajlovitsch machen.
Sie waren bereits in die Stadt eingefahren und bewegten sich durch die halbdunklen Strassen.
– Wohin geht die Fahrt? – fragte Mischa.
– Hotel Slawutitsch. Weisst du, wo das ist?
– Natuerlich. In ein paar Minuten sind wir da.
Als sie zum Hotel vorfuhren, bemerkte Grigorij ein beleuchtetes Fenster im dritten Stock. Das bedeutete: Swetlana schlief nicht, sie wartete auf ihn. Ihm wurde ploetzlich unertraeglich schaemig zumute wegen seines Verhaltens, weil er eine helle, reine Seele belog. Um die Scham zu uebertaeuben, beschloss Grigorij, ein gutes Werk zu tun.
– Sag mal, Mischa, willst du als mein Fahrer anfangen?
Mischa bremste vor dem Eingang. Er zog die Handbremse an.
– Ich haette nichts dagegen, Grigorij Ivanovitsch, – antwortete Mischa etwas verlegen, – aber da ist die Sache mit der Wohnung.
– Was ist mit der Wohnung. Zuerst im Wohnheim, und in ein paar Jahren lassen wir uns etwas einfallen.
– Und was fuer ein Auto soll ich fahren?
– Das wirst du schon selbst bestimmen. Du wirst es selbst kaufen, und du wirst es selbst fahren. Also?
– Abgemacht, Grigorij Ivanovitsch.
ENDE DES ERSTEN TEILS
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226012302301