Der Cluster Laniakea. 2
Eine Zeit lang (sei es erfrischende Flusszeit oder stinkende Sumpfzeit) hatte ich keine Moeglichkeit zu schreiben, teuerste Antonina Matweewa. Ich habe eine Reihe von Verkoerperungen durchlebt. Ich werde Sie nicht mit den Einzelheiten einer schattenhaften Existenz ermueden, die keinen Bezug zu unserem Gegenstand haben. Ich erwaehne nur zwei Episoden.
Ich wurde ein Drache. Genauer gesagt – ein Drachenweibchen, das auf Eiern sitzt. Waehrend ich, bildlich gesprochen, meine ungewoehnliche Lage erkennend, auf die steilen Felsen blickte (auf dem Vorsprung eines dieser Felsen war mein Nest aus Zweigen und weichem Moos errichtet), die Schneegipfel bewunderte und mit boeser Vorahnung die unter mir liegenden drei Eier von der Groesse einer grossen Wassermelone betrachtete, erhob sich ein Wind, und etwas Grosses verdeckte die Abendsonne. Das war mein Drache, der angeflogen kam, so ein ganz passabler fliegender Dinosaurier-Rex. Ich warf einen fluechtigen Blick auf den landenden Partner und erschrak ueber meine eigene Haesslichkeit. In der naechsten Sekunde fiel mir die offensichtliche Diskrepanz zwischen dem massiven Koerper und den viel zu kurzen Fluegelchen auf, und ich dachte (als Er/Sie): Vielleicht ist er innen hohl. Spaeter ueberzeugte ich mich davon, dass dem nicht so war. Wahrscheinlich war es ein Bug. Einer jener Fehler, die selbst die vollkommenste Illusion besitzt.
Mein Drache schleppte in seinen kurzen Pranken einen halbtoten Hirsch herbei. Er warf das unglueckliche Tier achtlos an den Rand des Abgrunds und naeherte sich mir mit watschelndem Gang. Gott sei Dank, oder wer auch immer gerade bei uns dafuer zustaendig ist, die Paarungszeit lag weit zurueck, und Gewalt in vollem Umfang drohte mir nicht. Er begann, seinen gruenen, gekaemmten Kopf an meinem Fluegel zu reiben, und seine rueden Liebkosungen waren mir unangenehm. Ich wich zurueck (der ich mich in den Geschlechtern verhedderte wie in den Schoessen eines Gehrocks). Damals war ein solches Verhalten wohl die Norm in unserer gefluegelten Zelle, denn er schleifte den Hirsch zum Nest. Pfui, wie ekelhaft. In unserer Version des Seins verzehrt seit hundert Jahren niemand mehr Muskeln und Knochen getoeteter juengerer Artgenossen. Mein Drache wusste das wohl nicht. Mit Krallen, scharf wie Dolche aus Damaszener Stahl, trennte er dem Hirsch im Handumdrehen den Kopf ab, und das heisse Blut spritzte in einem dampfenden Strahl auf den grauen Stein, auf das Nest, auf mich – und ein Schrei der Begierde und Leidenschaft, der irgendwo in meinem Herzen geboren wurde, brach sich frei Bahn. Tja. So laeuft das im Drachenleben.
Eine andere Verkoerperung war fuer mich, der ich bereits an die erlesene Fantasie meiner Peiniger gewoehnt war, eine voellige Ueberraschung. Ich wurde ein Korallenpolyp in einem seichten, warmen Meer. Man muss sagen, erst spaeter, nach dem Ende dieser undeutlichen Verkoerperung, identifizierte ich sie als eine Verkoerperung in ein Korallenriff. Es ist noch gut – dachte ich – dass meine geheimnisvollen Herren, meine hartherzigen Goetter, meinen Verstand nicht in einen Granitfelsen versetzt haben, der mit Moos und verkruppelten Baeumchen bedeckt ist, oder in einen Eisberg, der langsam in den Weiten des Weltmeers schmilzt. Wir koennen alles, warum es leugnen, innerhalb der Grenzen des uns unterworfenen Clusters. Wir kuemmern uns ueberhaupt nicht um das Leiden und den Schmerz unserer Geschoepfe, denn sie sind nichts anderes als Stuecke von Zufallscode, und ihr Tod ist nichts anderes als die Rueckkehr des Codes in das urspruengliche Informationsmosaik, aus dem neue Seelen geformt werden, die vom Schicksal fuer Schmerz und Leiden bestimmt sind.
Es ist schwer sich zu erinnern, und noch schwerer zu beschreiben, was mit mir im Korallenkoerper geschah. Ich war all meiner gewohnten Sinnesorgane beraubt. Lebewesen nahm ich als elektrische Signale wahr, aber wie und womit, kann ich nicht sagen. Den Salzgehalt des Meeres und die Wassertemperatur nahm ich in den Kategorien schlecht-gut wahr. Und das Wichtigste: Es fehlte jegliches Zeitgefuehl. Erst hier begriff ich, wie sehr der Mensch in die subjektive Zeit eingetaucht ist. Selbst wenn man den Menschen aller Sinne beraubt, bleiben die rhythmische Atmung und der Herzschlag; durch sie spuert er die Zeit. Ich kann mit Sicherheit behaupten, dass ein Korallenpolyp nichts dergleichen besitzt.
Doch genug davon. Kehren wir zu unseren Hirschen zurueck, beziehungsweise – zu den Hammeln. Ich kehrte in die Illusion (oder Nicht-Illusion) meines Koerpers zurueck, und der Koerper befand sich im alten, heissen Inferno.
In der Abwesenheit des Absoluten ist alles relativ – sagte einst Einstein. Nach dem, was mir widerfahren ist, geniesse ich sogar das Droehnen der Maschinen und den schweren Glanz des geschmolzenen Zinks. Hier bin ich zu Hause, im Sinne von – in meiner Gestalt. Allein dieser Umstand weckt eine schwache Hoffnung auf Erloesung. Und diese Werkhalle ist keine Illusion (oder besser gesagt, nach der Klassifikation von Tarassow-Knopf – eine Illusion der Ebene Null). Ich bin mir dessen ziemlich sicher, da ich meine Geheimwaffe namens Plusblock anwenden kann, eine Pilot- und hoffentlich Geheim-Entwicklung jener Leute, die sich aus absterbender Tradition fuer Militaers halten. Der Nebeneffekt und das einzige in der Halle funktionierende Feature ist das Erstellen und Speichern von Texten.
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