Zwischen Elba und Helena

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Auf der Insel Elba war es tr;bselig, es war langweilig auf Elba. Zuerst begeisterte sich der Kaiser f;r die Einrichtung seines winzigen Imperiums, doch die Geringf;gigkeit der Probleme und das eigene Unverm;gen versetzten ihn allm;hlich in eine schwere Depression, aus der er... Doch der Reihe nach.


2


Der dritte Artikel des Abdankungsvertrages vom 11. April 1814 lautete: Elba wird Napoleon „auf Lebenszeit ;berlassen, und er besitzt die Insel als souver;ner Herrscher“.
Die aus Paris zur;ckgekehrten Caulaincourt und Macdonald brachten nicht nur den Vertrag mit, der Napoleon den franz;sischen Thron entzog, sondern auch vier Kommissare, entsprechend der Anzahl der Hauptteilnehmer der sechsten Koalition. Die Kommissare sollten den Kaiser zur Mittelmeerk;ste begleiten. F;r ;sterreich ;bte Feldmarschall Baron Koller die Kommissarsfunktion aus, f;r England Oberst Neil Campbell, Russland wurde durch General Graf Schuwalow vertreten, und Preu;en war durch den Kommissar Oberst Graf Truchsess-Waldburg repraesentiert. Mit dem ;sterreicher und dem Engl;nder gelang es Napoleon mit der Zeit, zufriedenstellende Beziehungen aufzubauen; mit dem Russen und dem Preu;en kamen die Beziehungen nicht in Gang und blieben bis zur Einschiffung gespannt.
Napoleons Weggefaehrten verliessen unterdessen Fontainebleau. Am Tag des 17. April reiste Berthier ab, am Abend verabschiedete sich Caulaincourt vom Kaiser. Waehrend das Geruecht die Abreise des Ersteren als Verrat verurteilte, rechtfertigte dasselbe Geruecht Caulaincourt, da er triftige Gruende hatte, Napoleon nicht ins Exil zu begleiten. Caulaincourt war verliebt, seit vielen Jahren und hoffnungslos, nicht im Sinne der Gegenseitigkeit, sondern in Bezug auf die Ehe. Die Dame seines Herzens war die Baronin Canisy, die geschiedene Lebensgefaehrtin seines Vorgaengers im Amt des Stallmeisters. Napoleon betrachtete diese Verbindung, wie jede aussereheliche Beziehung, sehr streng und erlaubte seinem „Freund“ nicht, seine Geliebte zu heiraten. Nun aber bot sich den verliebten Herzen die Moeglichkeit, sich auf ewig zu vereinen. Die Geschichte hat Caulaincourt gerechtfertigt, so wollen auch wir keinen Stein in einen fremden Garten werfen, aber auch Berthier nicht streng verurteilen. Am 18. reisten Macdonald und Ney ab. Am naechsten Tag verliess Roustam den Kaiser. Er hatte es satt, verstehen Sie, als Wachhund auf einer Matratze vor der Tuer seines Herrn zu schlafen. Es ist leicht, den stolzen Mamelucken zu verstehen.
Endlich setzte auch Napoleon die Abreise fuer den 20. April fest. Doch am fruehen Morgen des zwanzigsten erklaerte der Kaiser Koller, dass er keineswegs beabsichtige abzureisen, da er in der Nacht zahlreiche Briefe erhalten habe, die ihn zwingen zu bleiben und die Regierung des Landes wieder zu uebernehmen.
Der Kaiser kaprizierte sich, Koller appellierte sanft an seine Vernunft, und da trat Bertrand in das Zimmer, in dem dieses seltsame Gespraech stattfand, und meldete:
– Die Kutschen stehen bereit.
Und er wurde augenblicklich vom Blitz des kaiserlichen Zorns getroffen.
„Ich weiss selbst, wann ich abfahren muss!“, schrie der Kaiser, „ich will selbst ueber meine Zeit verf;gen! Ich selbst...“
Nachdem er seine ;bersch;ssige Energie an Bertrand entladen hatte, willigte Napoleon ein, den Prozess der Abreise fortzusetzen. Seit dem Morgen stand die Garde im Schlosshof „Hof des weissen Pferdes“ in Paradeuniform in Formation und wartete geduldig auf das Abschiedswort ihres kriegerischen Herrn. Um zehn Uhr trat Napoleon vor die Gardisten, die vom Warten bereits erm;det waren.
Die Szene „Abschied des Feldherrn von der Garde“ spielte der grosse Schauspieler Napoleon grossartig, denn er spielte sich selbst. Die feuererprobten Veteranen, die dem Tod so nahe standen, wie wir dem Computer oder dem Auto nahe stehen, weinten wie Kinder, und sie h;tten gewiss die geringste Falschheit gesp;rt. „Ich kann euch nicht alle umarmen“, deklinierte der Kaiser, nachdem er General Petit auf beide Wangen gek;sst hatte, „aber in Ihrer Person umarme ich den General. Ich kann euch nicht alle k;ssen, aber ich k;sse eure Fahne, die ihr mit Ehre durch die Schlachten getragen habt. Lebt wohl, meine Kinder! Meine Gedanken werden immer bei euch sein. Erinnert euch mit einem guten Wort an mich!“ Bei den letzten Worten kamen sogar den strengen Kommissaren die Tr;nen.
Napoleon verabschiedete sich von Maret, von Marschall Moncey – dem einzigen der Marsch;lle, der die Abreise des Kaisers abgewartet hatte –, von General Bellegarde, der mangels Flexibilit;t der Wirbels;ule nicht Marschall geworden war, und von anderen h;heren Offizieren, die noch in Fontainebleau geblieben waren.
Seit dem Tag der Ratifizierung des „Vertrages von Fontainebleau“ dr;ngten die Kommissare den Kaiser zur Abreise, doch er fand zahlreiche Gr;nde, diese aufzuschieben. Wom;glich hoffte er auf die Vorsehung, die seine Lage pl;tzlich ;ndern w;rde. Die Kommissare erhielten Verweise von ihren Vorgesetzten, und der Kaiser konnte immer noch nicht packen, was er mitzunehmen gedachte.
Schliesslich setzte sich der Kaiser um 11 Uhr in die Kutsche, und der Zug setzte sich in Bewegung, begleitet von Rufen wie „Es lebe Napoleon!“, „Es lebe der Kaiser!“. Die Spitze des kaiserlichen Zuges bildete eine Abteilung Gardekavallerie, unmittelbar danach folgte die viersitzige Kutsche mit General Drouot an Bord und drei weiteren Offizieren, hinter der fuehrenden fuhr die kaiserliche Kutsche, in der ausser Napoleon nur der Palastmarschall Bertrand sass, hinter der kaiserlichen Kutsche folgte noch eine Eskadron Gardisten. Dann fuhren die Kommissare in einer Kutsche und hinter ihnen ihre Adjutanten, ebenfalls in einer Kutsche. Dann folgten vier Wagen mit dem wertvollsten Gepaeck, darunter vier Millionen Franken in Gold, und den Abschluss des Zuges bildeten 17 Wagen mit allerlei Kram.
Das war laengst nicht das gesamte Gepaeck des Kaisers im Exil. Zwei Tage zuvor war ein Gardebataillon aufgebrochen, das die Alliierten Napoleon auf die Elba mitzunehmen gestatteten, und unter dessen Schutz hundert Wagen Gepaeck.
Fuer den Rest des Tages legte der Zug 90 Kilometer zurueck und erreichte die Stadt Briare erst in der Dunkelheit. Am naechsten Tag fuhren sie gemuetlich und legten nur 80 Kilometer zurueck. Fuer die Nacht hielten sie in der Stadt Nevers. Am Morgen des 22. April kehrten die Kavalleristen des Schutzes ihre Pferde in Richtung Paris. Dies ueberraschte die Kommissare, es ueberraschte und betruebte den Kaiser. Jemand von Napoleons treuen Weggefaehrten, der sich bei den neuen Herren Frankreichs einschmeicheln wollte, liess den Kaiser allein mit seinem Volk zurueck, ohne die gewohnte militaerische Abpolsterung. Zwei Tage spaeter ereignete sich deswegen beinahe ein Ungluecksfall.


Am Abend des 22. April erreichten die Reisenden die Stadt Roanne und fuhren, ohne dort anzuhalten, weiter; dahinter lag Lyon. Die Durchreise durch das bourbonische Lyon beunruhigte den Kaiser, und obwohl in den abendlichen Strassen vereinzelt Hochrufe zu h;ren waren, befahl er, in der Stadt nicht zu halten. Das Einzige, was der Kaiser wagte, war der Pferdewechsel an der Poststation bereits am Stadtausgang.
In Lyon trennte sich der englische Kommissar von der Gruppe; er ritt voraus, um die Schiffe f;r den Transport Napoleons und seiner Begleiter nach Elba vorzubereiten. Man fuhr die ganze Nacht durch und war bei Sonnenaufgang 30 Kilometer von der Stadt entfernt. Ein kurzer Halt im Dorf P;age-de-Roussillon und dann weiter – nach Mont;limar.
In Valence erwartete Marschall Augereau den Kaiser. Einst waren die Feldherren befreundet, doch dann, in der Schlacht bei Preussisch-Eylau, hatte Augereau die Unvorsichtigkeit besessen, ;ffentlich Zweifel an der Genialit;t des Kaisers zu aeusseren, und danach nahm der Kaiser den Marschall nicht mehr mit in den Krieg. Erst bei Leipzig war Augereau wieder im Einsatz. Napoleon stieg aus der Kutsche und sprach eine halbe Stunde allein mit Augereau. Feldmarschall Koller schien es, dass dieses Gespraech fuer beide sehr unangenehm war. Er bemerkte, dass Augereau dem Kaiser nur oberflaechliche Ehrfurcht erwies. Kollers Verdacht wurde von den anderen Kommissaren bestaetigt; auch ihnen schien es, dass Augereau sich unverschaemt verhielt.
Um sieben Uhr abends kamen die Reisenden in Mont;limar an. Da er die in der Luft der Provence liegende Gefahr spuerte, wollte der Kaiser nicht in Mont;limar uebernachten, und zwei Stunden spaeter setzte sich der Zug wieder in Bewegung.
Den folgenden Tag behielt Napoleon sein Leben lang in Erinnerung. Er wurde wahrscheinlich zum schlimmsten Tag, und an schlimmen Tagen mangelte es in seinem Leben in letzter Zeit nicht. Beim Durchfahren der Provinzstaedte musste Napoleon sich mit Beschimpfungen gegen seine Person abfinden, doch was am 24. April geschah, sprengte den Rahmen gewoehnlicher Schadensfreude und des Kleingeists der Spiesser; es glich vielmehr einem wohl organisierten Attentat.
Um die Mittagsstunde passierte der Wagenzug Avignon und erreichte eine Stunde spaeter das Dorf Orgon. Dutzende solcher Doerfer hatte der Kaiser waehrend der vier Tage seiner Reise durchquert, und ueberall erregte der kaiserliche Zug nur die fluechtige Neugier der mit ihrer Arbeit beschaeftigten Bauern. In Orgon erwartete Napoleon eine Menschenmenge, die, kaum dass die Wagen herangekommen waren, in Schreie ausbrach: «Nieder mit dem Banditen und Moerder!», «Nieder mit dem Tyrannen!». Umringt von den empoerten Franzosen, bewegten sich die Kutschen kaum vorwaerts. «Er ist doch ein abscheulicher Henker!», riefen die einen. «Wir werden diesem Feigling nichts tun! Wir wollen ihm nur zeigen, wie sehr wir ihn lieben!», draengten andere zum Wagen.
So erreichten die Kutschen und die Menge die Poststation in der Mitte des Dorfes. Die Sache war die, dass es jemandem, der befehlen konnte – und befehlen konnten nur die drei Kommissare – eingefallen war, die Pferde zu wechseln. Der Kaiser konnte diesen moerderischen Befehl nicht widerrufen, denn dazu haette er aus der Kutsche steigen oder zumindest die Tuer oeffnen muessen, was die Moerder provoziert haette.
An der Poststation hatten sich die Bauern im Voraus auf den Empfang des Kaisers vorbereitet. Dem neugierigen Blick bot sich eine blutverschmierte Strohpuppe dar, die Napoleon darstellte. Diese Puppe baumelte an einem echten Galgen, und auf ihrer Brust prangte ein Schild: «Hier ist dein Platz, Moerder!». Wie Wahnsinnige stuermten die Bauern die Kutsche mit dem schutzlosen Napoleon und Bertrand darin. «Oeffnet die Tueren», stachelten sich die friedlichen Doerfler gegenseitig an, «zerrt ihn heraus, schneidet ihm den Kopf ab, reisst ihn in Stuecke!». Waeren die Schloesser schwaecher gewesen, die Bauern beharrlicher und ihre Aufhetzer mutiger, waere es Napoleon nicht vergoennt gewesen, das naechste Dorf zu erreichen.
Mit grosser Muehe schlugen die frischen Pferde einen engen Korridor in die tobende Menge. Nachdem sie sich in sichere Entfernung von dem rasenden Dorf gebracht hatten, wollte Napoleon einige Vorsichtsmassnahmen treffen.
«Er war blass und furchtbar erschrocken», erinnerte sich der Adjutant Kollers, Graf Clam-Martinic. «Seine Stimme zitterte. Ihm fehlte die Fassung, nur ein Funken Energie und Kraft, nur der Anschein von Verachtung fuer die Gefahr. Er war so niedergeschlagen, dass er, egal wie sehr er es versuchte, seine Beunruhigung nicht nur vor seinen Dienern, sondern auch vor dem Adjutanten des Grafen Schuwalow, der ihn vorher noch nie gesehen hatte, verbergen konnte.»
Napoleon verkleidete sich. Ein einfacher, manchmal rettender Trick. Er zog den oesterreichischen Kittel des Adjutanten Kollers an, befestigte eine grosse weisse Kokarde am Hut und setzte sich in dieser Verkleidung als Kurier auf ein Postpferd. Gegenueber von Bertrand nahm Kulewajew, der Adjutant des Grafen Schuwalow, Platz, der als Napoleon verkleidet war und sich mit aller Kraft zurueckhalten musste, um nicht loszulachen.
Napoleon-der-Kurier rutschte unruhig auf dem Postklepper hin und her. Aus Erfahrung wusste er, dass solche Zufaelle eine gute Vorbereitung erforderten. Das Strohpuppen-Ungeheuer am Galgen, die Plakette an seiner Brust und der Pferdewechsel: alles deutete auf eine geplante Aktion hin. Aber wer hatte ihm den Empfang in Orgon bereitet? Die Englaender? Der Zar? Der Preussische Koenig? Die Royalisten? Die provisorische Regierung? Er hatte ja genug Feinde! «Es fehlte ihnen an Entschlossenheit», dachte Napoleon, «aber ich war nur ein Haarbreit vom Tode entfernt. Von einem Schwarm baeuerlicher Gaense, die hoechstens zum Schlachten taugen, zerrupft zu werden – was fuer ein schrecklicher Tod! Die Landleute sollten auf dem Feld arbeiten und nicht mit Knueppeln auf durchreisende Souveraene warten. Uebrigens... Die Szene des Volkszorns war wie aus der Festnahme der Kutsche Ludwigs XVI. abgeschrieben. Dieselbe gottverlassene Kleinstadt an der Grenze, dieselben Bauern mit Gabeln und Sensen, dieselben Schreie. Also doch die Bourbonen. Und wer von ihnen? Der Koenig? Er ist nicht in Paris. Bleibt der Juengere – der Graf von Artois. Sehr aehnlich.»
Schon damals verspuerte Napoleon den brennenden Wunsch, sich an den Bourbonen zu raechen, die ihn so demuetigten. Zehn Monate spaeter sollte er diesen Wunsch verwirklichen.
Die wenigen Stunden in der Haut eines Kuriers ermuedeten den Kaiser. Die Kommissare ueberredeten ihn, sein Metier zu wechseln und zumindest zum oesterreichischen General befoerdert zu werden. Der Kaiser verkleidete sich erneut. Er zog die Uniform des oesterreichischen Kommissars an, lieh sich den Hut vom preussischen und warf sich den Mantel Schuwalows ueber die Schultern. Es entstand etwas Oesterreichisch-Preussisch-Russisches. In diesem Aufzug reiste der Kaiser den gesamten folgenden Tag in der Kutsche der Kommissare, waehrend Kulewajew den ganzen Tag ueber mutig den Kaiser Napoleon darstellte. Doch die Einwohner der anderen Doerfer und Staedte zeigten keinerlei Interesse an den Wagen oder deren Inhalt.
Am Morgen des 26. April erreichten unsere Reisenden ohne jegliche Zwischenfaelle Saint-Maximin und trafen gegen Abend in Le Luc ein. In Le Luc hielt sich bereits seit einiger Zeit Napoleons juengere Schwester auf, die leichtsinnige Pauline. Napoleon freute sich, sie zu sehen, doch Pauline – dieses ungezogene Ding – weigerte sich, ihren Bruder zu erkennen, bis dieser sich wieder als Kaiser gekleidet hatte.
Zunaechst wurde die Stadt Saint-Tropez als Einschiffungsort bestimmt. Dorthin traf auch die englische Fregatte «The Undaunted» ein. Spaeter wurde die Einschiffung nach Frejus verlegt. Am Morgen des 27. April verliessen Napoleon und seine Begleiter Le Luc und trafen mittags in Frejus ein.
Hierher war einst General Bonaparte aus Aegypten zurueckgekehrt, jung, voller Kraft und Energie. Vierzehn Jahre waren seit jener Zeit vergangen, und eine ganze Epoche war verstrichen – eine Epoche, die nach diesem General benannt wurde. Das Rad der Geschichte hatte zwei Umdrehungen gemacht, und Napoleon stand erneut am Kai von Frejus. Nur fuehrte sein Weg nicht nach Paris, zu Siegen und Errungenschaften, sondern auf eine langweilige, oede italienische Insel. Der Kaiser stand am Kai und beobachtete, wie die franzoesische Fregatte «Dryade» und die Brigg «Inconstant» anlegten, die einen Teil seiner angesammelten Habe transportieren sollten.
Die Kommissare planten die Abreise fuer den 28. April, doch am Vortag hatte sich der Kaiser in der Hafenkneipe «Der rote Hut» an Krebsen ueberfressen und litt den gesamten folgenden Tag an Leibschmerzen. An diesem Tag verabschiedete sich Feldmarschall Koller von ihm. Napoleon uebergab Koller zwei Briefe: einen fuer Kaiser Franz, den zweiten fuer seine Gemahlin. Der russische und der preussische Kommissar verabschiedeten sich von Napoleon erst an Bord der englischen Fregatte am Morgen des 29. April, und am Mittag befahl Kapitaen Ussher, die Leinen loszumachen und die Segel zu setzen.
Die Reise verlief ruhig, abgesehen von einem kleinen Sturm am ersten Mai. Am dritten Mai, gegen acht Uhr abends, lief die Fregatte in die Bucht von Portoferraio ein. Die Hauptstadt der Insel schlief bereits.


3


Die Insel Elba. Von Italien trennt sie die zwoelf Kilometer breite Strasse von Piombino, bis zur Ostkueste Korsikas sind es 50 Kilometer. 222 Quadratkilometer Land auf der Insel (21 Kilometer in der Breite und 9-10 Kilometer in der Laenge), das Inselchen Pianosa mit einer Flaeche von 20 Quadratkilometern sowie zwei winzige Begleitinseln – Palmaiola und Montecristo. Die Bevoelkerung betrug 10 bis 12 Tausend Menschen. Das Staedtchen Portoferraio trug den stolzen Namen der Hauptstadt der Insel. Dem zweiten Ort, Portolongone, verweigerten viele den Rang einer Stadt. Die anderen Siedlungen – Rio Marina, Marciana Marina und Capoliveri – waren arme Doerfer, bewohnt von Bauern und Fischern. Das waren sie, die gesamten souveraenen Besitzungen des Kaisers Napoleon.
Seit eh und je gehoerte die Insel zur Toskana, und vor Anbeginn der Zeit – zu Etrurien. Doch durch den Frieden von Amiens wurden die Insel und die Toskana getrennt. Die Toskana blieb die Toskana, und Elba wurde ein Teil Frankreichs. Sieben Jahre spaeter wurde auch die gesamte Toskana Teil Frankreichs, und die Insel kehrte zu ihr zurueck, als Teil des Generalgouvernements Toskana. Im Jahre 1810 wurde die Insel erneut von der Toskana getrennt. Nach der neuen territorialen Gliederung wurde sie Arrondissement Elba des Departements Mediterranee genannt. Der Wiener Kongress gab dem Grossherzog der Toskana seine frueheren Besitzungen zurueck, darunter Elba, bei voruebergehender Verbleib der Insel im Besitz Napoleons.
«Das Klima der Insel ist koestlich», schrieb General Griois, der als junger Offizier in Portolongone gedient hatte, «der Weg, besser gesagt der Pfad – damals gab es auf der Insel keine Strassen, und alles wurde auf dem Ruecken von Eseln oder Pferden transportiert – der von Portoferraio nach Portolongone fuehrte, schien mir ein ewiger Garten zu sein, umschlungen von Weinreben, bepflanzt mit Oliven-, Orangen- und Granatapfelbaeumen.»
Die Einheimischen pressten Trauben und Oliven, molken Ziegen, die es hier in unzaehliger Menge gab, und stellten aus der Milch einen streng riechenden Kaese her. Einige, die der Langeweile der baeuerlichen Arbeit nicht zugetan waren, fingen Fische. Zweimal im Jahr trieb die Stroemung Thunfischschwaerme an der Insel vorbei, und dann begann fuer die Fischer eine arbeitsreiche Zeit. In der uebrigen Zeit reichte der Fang kaum fuer die eigene Ernaehrung. Ganz unnuetze Einheimische und zugelaufene Landstreicher – weiss Gott, es waere besser gewesen, wenn sie dort geblieben waeren, woher sie kamen – gewannen Eisen in Bergwerken, die eng und kalt wie Rattenlocher waren.
Was noch? Ach ja, fast haette ich es vergessen, es gab noch eine andere Beschaeftigung, alt und auf der Insel angesehen – die Salzgewinnung aus dem Meerwasser. Sechzigtausend Saecke Salz produzierten einige Dutzend Familien.


Am Morgen des vierten Mai betrat der Kaiser das Pflaster des Hafens von Portoferraio. Die Zeit war hier eingeschlafen, gemuetlich zusammengerollt in den engen, schmutzigen Gassen. So war die Stadt zweihundert Jahre vor Napoleon gewesen, und so sollte sie auch zweihundert Jahre nach ihm bleiben. Lohnte es sich, so viel Kraft aufzuwenden, aus Ajaccio zu fliehen, nur um hier zu landen – in einem karikierten Ajaccio?
Der Kaiser seufzte schwer, wandte sich dem hinter ihm stehenden Bertrand, dem Obersten Vincent und dem englischen Kommissar zu: «Nun denn, gehen wir und sehen wir uns um». Niemand empfing Napoleon. Er schritt durch die Stadt. Alles war still. Die Einheimischen betrachteten mit Neugier die wie auf einem Jahrmarkt herausgeputzten Ankoemmlinge, doch mehr geschah nicht.
«Nein, so geht das nicht», dachte Napoleon. Er kehrte auf das Schiff zurueck. Er legte die leuchtende Uniform eines Obersten der Gardejaeger an und heftete die Kokarde mit der neuen elbanischen Symbolik an seinen Hut. Der Kaiser hatte sie erst gestern erfunden, und in der Nacht hatte sein Kammerdiener, ein Tausendsassa, sie angefertigt. Ein weisses Feld wurde diagonal von einem fetten roten Streifen durchstrichen, auf dem drei goldene Bienen in einer Reihe sassen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass sich der Kaiser persoenlich nur aeusserst selten mit der Erfindung von Symbolen beschaeftigte. Zum zweiten Mal an diesem Morgen betrat Napoleon die Steine des Kais von Portoferraio. Dort war bereits eine Ehrenwache aufgestellt, und einige Trommler mit ihren einfachen Instrumenten waren zur Stelle. «Nun, Leute, heizt ihnen ordentlich ein», wandte sich der Kaiser an die Trommler. Die Ehrenwache feuerte eine Salve ab, und die Burschen heizten ordentlich ein.
Da erwachte das Staedtchen in der Panik, etwas Wichtiges verschlafen zu haben. Es hatte in der Tat die Ankunft seines Herrn verschlafen. Der Buergermeister, Pietro Traditi, hastete durch das ganze Haus und suchte nach dem irgendwo abhanden gekommenen Schluessel der Stadt. Er hatte irgendwo gehoert oder gelesen, dass Souveraene es liebten, Stadtschluessel zu erhalten. Und da er ueber Napoleons Ankunft informiert worden war, hatte er rechtzeitig dafuer gesorgt. Der oertliche Handwerker Mario hatte ihn aus irgendeinem alten Eisenstueck geschmiedet. Der Schluessel war schwer und grob geraten, doch eine dicke Schicht Goldfarbe verbarg die Maengel und verlieh ihm einen gewissen Schein von Eleganz. Alles in allem passte der goldene Schluessel des Buergermeisters hervorragend zu Napoleons weisser Kokarde.
Err;tend, aufgeregt und mit einem Teil seines Bewusstseins darueber staunend, dass er ueberhaupt sprach, hielt Pietro seine Begruessungsrede und uebergab Napoleon Marios eisernes Werk. Der Kaiser hoerte geduldig dem zusammenhanglosen Stammeln des Buergermeisters zu, nahm mit einem Laecheln den Schluessel entgegen und kniff Pietro wohlwollend ins Ohr. Noch vor zwei Jahren waere manch ein Grossherzog vor lauter Glueck ueber eine solche Liebkosung des Kaisers auf der Stelle gestorben. Die einfache Seele Pietros, die mit den Gepflogenheiten der grossen Welt nicht vertraut war, war bedrueckt und verargert ueber diesen Kniff. Erst spaeter erklaerte ihm Bertrand, dass dies ein besonderes Zeichen der Gunst des Kaisers gewesen sei; erst spaeter war Pietro stolz darauf, vom leibhaftigen Napoleon am Ohr gezaust worden zu sein.
Kurzum, am Abend trat Napoleon die Herrschaft ueber sein Imperium an. Fuer einige Tage, bis eine passende Unterkunft gefunden war, liess sich der Kaiser im Rathaus nieder. Die Moebel dafuer schaffte der Buergermeister aus den besten Haeusern der Hauptstadt herbei. Er selbst stiftete mehrere Stuehle.
Am naechsten Morgen besichtigte Napoleon nach einer alten, ueber Jahre eingewurzelten Gewohnheit in Begleitung Bertrands die Verteidigungsanlagen – die Forts Stella und Falcone. Der Kaiser fand sie unzureichend befestigt. Um ehrlich zu sein – er fand sie verfallen. Er ordnete an, unverzueglich mit ihrer Reparatur und Verstaerkung zu beginnen. Nach einem einfachen, aber saettigenden Mittagessen im Hause des Buergermeisters besichtigte Napoleon Haeuser im Hinblick auf die Einrichtung eines kaiserlichen Palastes. Von allem, was angeboten wurde – und es wurde nicht viel angeboten – waehlte Napoleon den Palazzo dei Mulini, das leerstehende Haus des abgereisten Gouverneurs.
Das Haus war entzueckend. Es lag auf einem hohen Huegel zwischen Stella und Falcone, nur ein Unglueck gab es – eine steile Treppe fuehrte hinauf, die Atemlosigkeit verursachte. Napoleon befahl, eine neue Strasse anzulegen, die den Huegel umschloss, dafuer aber eine geringe Steigung aufwies.
Ein grosses Problem waren die Moebel. Das, was der Buergermeister aus lauter Schreck zusammengetragen hatte, taugte ueberhaupt nichts. Doch nicht umsonst war der Kaiser unter einem Gluecksstern geboren. Der Himmel half ihm auch in dieser Angelegenheit. Ein Sturm trieb ein Schiff mit kostbaren Moebeln und Kunstwerken nach Portolongone, die das Auge in den Zimmern so erfreuten. Es war Napoleons Schwager, Fuerst Camillo Borghese, der die Moebel von Genua nach Rom geschickt hatte. Ohne auch nur eine Sekunde an der Richtigkeit seines Handelns zu zweifeln, ordnete Napoleon an, die Moebel auszuladen und seinen neuen Palast damit einzurichten, in den er am 21. Mai einzog. Die fehlenden Moebel liess der Kaiser aus seinem Palast in Piombino holen.
Sein Leben auf der Insel wollte Napoleon nach dem Vorbild und Ebenbild des Pariser Lebens organisieren: mit Hofstaat und Intrigen, mit Ministerien und Budget, mit Armee und Flotte. Mangels Ressourcen, sowohl an Menschen als auch an Finanzen, entstand eine Karikatur, aber es entstand etwas.
Ganz natuerlich wurde Graf Bertrand zum obersten Wuerdentraeger. Er blieb Palastmarschall, erhielt zusaetzlich das Innenministerium und grosse Probleme mit seiner Frau, einer gebuertigen Englaenderin, die sich leidenschaftlich wueschte, aus diesem Loch nach Paris oder zumindest nach London ueberzusiedeln. Fuer all seine Muehen erhielt Bertrand nur 20 Tausend Franken im Jahr. Der zweite Mann wurde General Graf Drouot, der Kriegsminister des Kaiserreiches Elba. Er war der Einzige, der laut verkuendete, er sei bereit, dem Kaiser uneigennuetzig zu dienen, doch diese Erklaerung hinderte ihn nicht daran, ein Jahreskommen von 12 Tausend zu beziehen. In ihm verbargen sich zwei Wesen. Im Privatleben war Drouot ein guetiger, sanfter Mensch und ein guter Kamerad, doch sobald die Uhr zum Dienst schlug, verwandelte er sich. Er wurde zu einem kompromisslosen Vollstrecker von Befehlen, einem strengen, ja sogar grausamen Vorgesetzten.
Der eigentliche Kommandeur der Armee war General Baron Cambronne. Zusaetzlich erfuellte er die Pflichten des Kommandanten von Portoferraio. Unter seinem Kommando standen drei Bataillone: das Gardebataillon, das Jaegerbataillon und das Bataillon der Nationalgarde. In der letztgenannten Garde diente, muss man sagen, kein einziger Elbaner. In diesem Zusammenhang ist unklar, welche Nation die Nationalgarde repraesentierte. Die Kavallerie bestand aus 80 Polen und 40 Gendarmen. Im Flottendienst befanden sich 150 Matrosen, und die Artillerie zaehlte einhundert Kanonen.
Seit Napoleons Ankunft auf der Insel wuchs seine Armee staendig. Im August erreichte sie ihren Hoehepunkt – 3000 Mann. Im August weigerte sich Napoleon, den Soldaten ihren Sold auszuzahlen. Infolgedessen aeusserten im September die Haelfte der Armee, hauptsaechlich korsische Freiwillige, den Wunsch, den Dienst zu quittieren, und als ihnen dies verwehrt wurde, flohen viele einfach. Aber es ist nicht so einfach, von der Insel zu fliehen. Einige wurden von den loyal gebliebenen Franzosen und Polen gefangen genommen und einfach an den naechsten malerischen Olivenbaeumen aufgehaengt. Dies verhinderte die Flucht der bereits Anwesenden und die Ankunft neuer Freiwilliger aus Korsika. In den letzten Tagen des Kaiserreiches Elba zaehlte seine Armee 1200 Mann.
Die kaiserliche Flotte bestand aus einer Korvette mit 30 Kanonen, einer Brigg mit 18 Kanonen und acht kleinen Booten. Kommandiert wurde die Flotte von Marineleutnant Taillade. Eines Tages liess der Marineminister wegen seiner Inkompetenz das Flaggschiff auf Grund laufen und brachte es dabei fast zum Sinken. Napoleon nahm Taillade das Ministerportefeuille weg und ubergab es Kapitaen Chautard.
Als die Konturen der neuen Imperiums durch die Ernennungen abgesteckt waren und die Reparatur des kaiserlichen Palastes sich dem Ende neigte, brach Napoleon, Bertrand mit sich nehmend, zum ersten Mal auf, um seine Besitzungen zu besichtigen. Am Morgen des 18. Mai setzten er, Bertrand und ein Dutzend Polen sich zu Pferd, umrundeten die Insel und kehrten am Abend in die Hauptstadt zurueck. Ja, kein grosses Reich.
Der Kaiser war unzufrieden mit dem voelligen Fehlen von Strassen auf dem ihm unterstellten Gebiet und ordnete an, eine solche von Portoferraio nach Portolongone anzulegen. Neben der Strasse, dem Palast und – was sich von selbst verstand – den Festungen, wollte Napoleon ein Theater bauen, da es in der Hauptstadt unertraeglich langweilig war. Wie die Freiwilligen aus Korsika, die bei ihrem Landsmann etwas dazuverdienen wollten, so kamen auch Maurer und Zimmerleute aus der Toskana herbeigestroemt, nachdem sie von Napoleons Plaenen gehoert hatten. Der Kaiser liess einen Architekten, Dekorateure und Bildhauer aus Florenz kommen. Die Arbeit begann zu sieden. Sie siedete den ganzen Juni und Juli ueber, doch im August war alles vorbei.
Im August wurde klar, dass der Koenig nicht die Absicht hatte, die im Vertrag versprochenen zwei Millionen Franken zu zahlen. Napoleon beriet sich mit seinem Stallmeister und gleichzeitigen Finanzminister Peyrusse, woraufhin ein Sparregime eingefuehrt wurde. Den Soldaten wurde die voruebergehende Einstellung der Zahlungen verkuendet, Maurer und Zimmerleute wurden entlassen, bei den Bildhauern entschuldigte man sich im Namen des Kaisers, gab ihnen ein wenig Wegegeld und schickte sie zurueck, waehrend der Kaiser in eine schwere Depression verfiel. Zum zweiten Mal demuetigten ihn die Bourbonen. Diesmal durch Armut.


4


Napoleon wollte niemanden sehen, mit niemandem sprechen, er weigerte sich, Besucher zu empfangen. In diese Zeit und diesen Zustand faellt der Vorfall mit dem ungluecklichen Sergeanten O'Gorum. Der Sergeant hatte Roustams Platz auf der Matratze vor der Tuer von Napoleons Arbeitszimmer eingenommen. Eines Tages – es geschah am 20. oder 21. August – war der Kaiser am Tisch sitzend eingeschlummert. Der sparsame Sergeant wollte die Kerze loeschen, ohne Napoleon zu wecken. Ganz leise, auf Zehenspitzen, schlich O'Gorum zum Tisch, da knarrte eine Diele. Napoleon schreckte auf, griff nach der daneben liegenden Pistole und schoss auf den – so der erste Gedanke nach dem Erwachen – von den Bourbonen gesandten Moerder. Auf der Stelle tot. Mitten ins Herz. Sein Nachfolger, Grigio Pietro, weckte den Kaiser wegen solcher Kleinigkeiten wie Kerzen nicht mehr.
Seine Mutter Laetitia war sehr besorgt um ihren Sohn. Wer sonst sollte sich sorgen, wenn nicht die Mutter. Welche Hoehen und Tiefen wir auch erleben moegen, fuer die Mutter bleiben wir fuer immer das unvernuenftige Kind. Sie lebte seit dem dritten August auf der Insel. Die Stimmung ihres Sohnes beunruhigte sie sehr. Sie fuerchtete, er koennte sich das Leben nehmen. Napoleons Mutter schrieb an Pauline nach Neapel und bat sie zu kommen, doch dieses flatterhafte Ding hatte wieder jemanden gefunden und versprach nur zu kommen, ohne zu erscheinen. Die beste Medizin fuer den Sohn – Laetitia wusste das sicher – waere die Ankunft von Frau und Sohn. Laetitia liebte ihre Schwiegertochter nicht; allerdings nicht mehr, als jede Schwiegermutter jede Schwiegertochter ablehnt, die ihr den Sohn weggenommen hat. Doch im August warf Laetitia ihren Stolz ab, vergass die Abneigung und schickte immer wieder schmeichelnde, flehende Briefe an Franz und Marie-Louise.


Marie-Louise scherte sich weder um Napoleon und seine psychischen Probleme, noch um Imperien oder Koenigreiche. Sie hatte sich verliebt, zum ersten Mal und ernsthaft, bis zum voelligen Verlust des Verstandes, bis zur Selbstvergessenheit. Ihr Geliebter wurde Graf Neipperg.
Der Ehemann und der Liebhaber kannten sich schon lange. Vor vierzehn Jahren waren Graf Neipperg und Saint-Julien zum Ersten Konsul nach Paris zu Verhandlungen gekommen. Prinzessin Marie-Louise lernte den Grafen zehn Jahre spaeter kennen, als sie zu ihrer franzoesischen Hochzeit reiste. Zuerst gefiel der Graf ihr nicht – sie fand ihn husarenhaft und einen Leichtfuss. Freilich, gerade erst dem strengen Internat zur Zucht von Prinzessinnen entflogen, wo die Lehrer sogar biblische Geschichten zierlich kastrierten und Schaefchen sowie Pferdchen ausschliesslich weiblichen Geschlechts waren, um die hochwohlgeborenen Fr;ulein nicht durch unnoetige Zweifel zu verwirren, erschien Marie-Louise jeder Mann unter vierzig als Husar und Frauenheld.
Waehrend der bekannten Ereignisse im Fruehjahr des Jahres 14 meldete sich Graf Neipperg mutig freiwillig, um die Kaiserin von Paris nach Blois und von Blois in das elterliche Haus zu begleiten. Als Marie im April im kaiserlichen Schloss Schoenbrunn eintraf, war sie bereits bis ueber beide Ohren verliebt und fand Erwiderung fuer ihre Gefuehle. In den folgenden drei Monaten quaelte Marie ihren kaiserlichen Vater mit Bitten, sie zur Kur fahren zu lassen, um ihre durch die erlebten Schrecken zerruetteten Nerven zu heilen. Eine verliebte Frau scheut keine Hindernisse, sie durchbricht selbst eine kaiserliche Mauer. Der Vater liess Marie ziehen. Ihr Herzenskavalier, Graf Neipperg, begleitete sie. Noch bevor sie das Kurbad erreichten, wurden aus den Verliebten Liebende. War Marie da noch nach Politik zumute?
Das Verhalten von Marie-Louise missfiel sehr... Wem wohl, glauben Sie? Richtig, Metternich. Er haette besser auf sich selbst schauen sollen. Irgendwann im September aeusserte Metternich, der in Marie eine bedeutende Schachfigur sah, die man ausspielen konnte, gegenueber Kaiser Franz die Bedenken, dass es sich fuer Marie-Louise nicht zieme, sich so zu verhalten.
«Lass sie in Frieden», unterbrach Franz die blumige Rede des Fuersten, «das Maedchen hat ihre Pflicht erfuellt. Was willst du noch von ihr?»
«Sieh an, Seine Majestaet besitzt also doch vaeterliche Gefuehle», dachte der Fuerst und zog sich verlegen zurueck.
Natuerlich erhielt Marie die Briefe ihrer Schwiegermutter, doch sie antwortete nicht Laetitia, sondern ihrer Freundin, der Herzogin von Montebello, der Witwe des Marschalls Lannes. Die glueckliche Marie schrieb im September: «Ich schwoere Ihnen bei allen Heiligen, dass ich weder jetzt noch spaeter nach Elba reisen werde. Sie, meine liebe Freundin, wissen besser als jeder andere, dass ich dazu nicht den geringsten Wunsch verspuere.»
Als die zweite, hunderttaegige Herrschaft Napoleons begann und Europa aufschreckte, da es einen Rueckfall in die napoleonische Aera fuerchtete, erschrak auch Marie. Doch sie fuerchtete nicht das Genie Napoleon, nicht den Feldherrn Napoleon, sondern den Ehemann Napoleon. Er koennte sie finden und ihr ihr Kostbarstes wegnehmen. Allen sagte sie, dass sie mit der Rueckkehr Napoleons entschieden nichts zu tun habe und dass sie von diesem Menschen ueberhaupt nichts mehr hoeren wolle.
Marie war ein guetiger Mensch, und als Napoleon die endgueltige Katastrophe ereilte, schrieb sie an ihren Vater: «Ich hoffe, dass Sie einen dauerhaften Frieden stiften werden und dass der Kaiser Napoleon ihn nie wieder stoeren wird. Ich hoffe, dass Sie grossmuetig und sanft mit ihm verfahren werden. Dies ist meine einzige Bitte an Sie, teurer Papa, und meine letzte fuer ihn.»


5

Am ersten September weckte eine Nachricht die verschlafene Stille von Portoferraio – die Kaiserin sei angekommen.
«Die Kaiserin ist da, die Kaiserin ist da!», hoerte Laetitia die gellenden Rufe der Jungen von der Strasse.
«Sie ist also doch gekommen», durchzuckte es Laetitias Herz. Sie eilte zum Hafen und schalt unterwegs die Kammerdiener aus, die sie unter den Armen stuetzten. Am Kai erblickte die kurzsichtige Laetitia drei Frauen, die offensichtlich gerade erst von Bord gegangen waren, und einen Jungen. «Wie er gewachsen ist», schoss es ihr durch den Kopf.
– Du! – sagte die Alte enttaeuscht, als sie fast ganz nah herangetreten war.
– Ich bin es, Madame, – antwortete Graefin Maria Walewska muede.
Laetitia tatschelte mechanisch den Kopf ihres Enkels.
– Gehen wir ins Haus, wenn du schon erschienen bist.
Der Rueckweg schien Laetitia ungewoehnlich lang und beschwerlich. Mehrmals hielt sie an, um zu verschnaufen. Sie wischte sich das verschwitzte Gesicht mit einem Spitzen-Taschentuch ab und ueberlegte, wie sie mit der Polin verfahren sollte.
– Warum bist du gekommen? – fragte Laetitia, waehrend sie sich in einen weichen, abgewetzten Sessel fallen liess.
– Madame, ich muss ihn unbedingt sehen, Sie koennen mir nicht...
– Warum bist du gekommen? – unterbrach Laetitia Walewska.
– Koenig Joachim will Alexandrike das Majorat wegnehmen, – sagte die Graefin mit gesenktem Kopf fast unhoerbar.
– Setz dich! – mit einer gebieterischen Geste deutete Laetitia auf den Sessel gegenueber, – und hoer mir zu.
Maria sass auf der Kante des Sessels, den Ruecken kerzengerade, und lauschte der kraechzenden Stimme der Alten, die sie einst – wie dumm sie damals war – als ihre Schwiegermutter verehrt hatte.
– Hast du alles verstanden? – schloss Laetitia.
– Ja, Madame. Ich werde alles ausfuehren, wie Sie es befehlen.
– Sorge dich nicht um Alexandrike. Ich schwoere bei der Jungfrau Maria, Joachim wird ihn nicht anruehren.


General Bertrand brachte Maria zu Napoleon. Der Kaiser lebte bereits seit einer Woche fernab von allen in einem Zelt am Hang eines malerischen Huegels. Am Abend des ersten September betrat Maria Napoleons Zelt, und am Abend des dritten September geleitete der Kaiser sie nach Portolongone, wo er die Graefin, nachdem sie ihren Sohn gesehen hatte, auf das Schiff setzte. In Portolongone blieb Napoleon bis zum 19. September.
Die «Medizin Walewska» heilte den Kaiser. In dem begeisterten Bericht des Cambridge-Studenten Scott sind noch Spuren von Napoleons juengster Melancholie zu spueren, doch im Grossen und Ganzen ist er gesund: «Er war zu Pferd und gruesste uns, indem er seinen Hut beruehrte. Ich fragte mich: Ist dieser Herr mit dem unfreundlichen Gesicht, dieses schwerfaellige Wesen tatsaechlich der grosse Napoleon, der Kaisern und Koenigen Schrecken einfloesste? Es schien mir voellig unmoeglich. Ich wiederhole – das war mein erster Eindruck. Obwohl er sich bald aenderte, behaupte ich noch heute, dass Napoleon mit seinen breiten Schultern nicht den Eindruck eines Kriegers erweckte. Er sah wie 45 aus. Ein grosser Bauch und dicke Schenkel passten schlecht zu den uebrigen Teilen seines Koerpers. Als wir ihn sahen, trug er einen Hut, der tief in die Stirn gedrueckt war. Dieser hohe Hut verstaerkte das unangenehme Aussehen Napoleons. Die graue Farbe des Hutes, an dem eine weiss-rote Kokarde befestigt war, bewies zur Genuege, dass er viele Feldzuege mitgemacht hatte.
Napoleon war in einen gruenen Kittel mit roten Aufschlaegen gekleidet. Unter dem engen Kittel war kaum die schwarze Krawatte zu erkennen, die um den Hals gewickelt war... – lassen wir die lange Beschreibung der Kleidung des Kaisers beiseite. – Der Kaiser sprach mit tiefer Stimme schnell, fast ohne Pausen.
Waehrend unseres gesamten Gespraechs drueckte sein Gesicht vollkommene Zufriedenheit aus. Seine Augen, lebhaft und ausdrucksstark, und seine Stimme floessten Vorsicht ein, doch sein angenehmes Laecheln weckte Vertrauen beim Gespraechspartner. Und doch waren sich meine Reisegefaehrten einig, dass er eher wie ein Bischof aussah als wie ein Held. Seine Erscheinung hatte definitiv nichts Heroisches an sich.»
Ende Oktober traf endlich das flatterhafte Ding Pauline ein. Sie brachte die neuesten Nachrichten und heissesten Geruechte vom Festland mit. Sie brachte die Unzufriedenheit Murats mit den Oesterreichern mit und die Hoffnungen der wahren italienischen Patrioten auf die Schaffung eines grossen Italien unter der Fuehrung ihres Koenigs Napoleon I. Die Patrioten gingen so weit, dass sie einen Verfassungsentwurf fuer ein vereintes Italien mit 63 Artikeln vorbereiteten. Von Napoleon wurde nur verlangt, den Wunsch zu aeussern, den italienischen Thron zu besteigen, und dann...
«Sie traeumen wohl», dachte Napoleon, «das grosse Italien kuemmert mich nicht, aber Frankreich...»
Napoleon begann, sich fuer die Welt der Politik zu interessieren und entdeckte in dieser Welt zwei interessante Dinge. In Frankreich hatten die Royalisten nicht nur ihn beleidigt, sondern auch viele andere. Die Ultra-Royalisten benahmen sich im Land wie ein Elefant im Porzellanladen, und dort reifte eine dumpfe Unzufriedenheit heran. Und in Wien konnten sie sich ueber die Teilung Sachsens und Polens nicht einigen, und dort, im Lager der gestrigen Verbuendeten, reifte die Unzufriedenheit miteinander, bereit, in einem offenen Konflikt auszubrechen.

Geheime und streng geheime Agenten schwirrten um Napoleon herum wie Bremsen bei heissem Wetter um einen traege eingeschlafenen Ochsen auf der Wiese. Von Korsika aus summte General Brulard oeffentlich: Er werde jede Gelegenheit nutzen, um Napoleon zu toeten. Aus Livorno summte Mariotti an Talleyrand von Sondervollmachten, davon, dass es nicht schlecht waere, Napoleon waehrend eines Ausflugs auf eine Nachbarinsel gefangen zu nehmen und ihn jenseits von Amerika, auf der Insel Sainte-Marguerite, wegzusperren. Der englische Kommissar summte nach London ueber jede Regung des eingeschlafenen Ochsen. Ein Schwarm von Royalisten-Agenten, verkleidet als korsische Freiwillige, Diener oder Reisende, summte nach Paris ueber alles, was sie sahen und hoerten. Daher war jede Vorsicht des Kaisers bei der Geheimhaltung seiner Plaene keineswegs ueberfluessig.
Seit Oktober stellte Napoleon seine Verbindungen wieder her. Die Post aus Frankreich lief ueber treue Leute in Toulon, aus Italien ueber Florenz und aus Wien ueber Genua. Seine eigenen Briefe verschickte Napoleon ueber Genua und weiter ueber die Schweiz. Er stand in geheimer Korrespondenz mit Eugene Beauharnais und Meneval (beide in Wien), mit Joseph (Prangins), Maret, Lemond und Lefebvre-Desnouettes (alle in Paris). Mit dem Koenig von Neapel korrespondierte er nicht direkt, doch ueber Pauline und den Kammerdiener seiner Mutter, Colonna d'Istria, konnten sie ihre Ansichten ueber die Zukunft austauschen.
So vergingen drei Monate im Nachdenken und Wiederherstellen zerrissener Bande. Ende Dezember offenbarte Napoleon Bertrand und Drouot seine Absicht, die franzoesische Krone zurueckzuerobern. Beide waren nicht ueberrascht. In den letzten Monaten deutete alles darauf hin. Beide rieten dem Kaiser, in Toulon zu landen und nach Marseille zu marschieren. In Marseille lag die siebte Militaerdivision unter dem Kommando von Marschall Massena, bei dem sich der Kaiser nicht sicher war, ob dieser auf seine Seite uebergehen oder seine kleine Armee beim ersten Gefecht vernichten wuerde. Zudem war die Szene des Volkszorns in der Provence noch frisch im Gedaechtnis. Der Kaiser hielt es fuer klueger, in Frejus zu landen und ueber die Alpen nach Paris zu marschieren.


Waehrend seiner Depression las Napoleon aufmerksam den Roman von Madame de Sta;l «De l'Allemagne». Zuvor hatte er nur die von den Zensoren markierten Stellen gelesen. Er fand den Roman grossartig und schrieb dies Germaine. Die Schriftstellerin war so geruehrt ueber das Lob des Kaisers, dass sie ihn vor einem bevorstehenden Attentat auf sein Leben warnte und sogar den Namen des Moerders nannte – Oberst Graf Chavenay de Blot. Napoleon nutzte die Warnung sofort aus. Gunstige Umstaende zu nutzen – darin war ihm niemand gewachsen.
Am 12. Januar sperrte der Kaiser die Hauptstadt fuer Fremde und befahl, sein Flaggschiff nach englischer Art umzustreichen sowie es mit Proviant und Munition zu beladen – fuer den Fall einer eiligen Flucht von der Insel. Beide Massnahmen stiessen beim englischen Kommissar auf Verstaendnis. Doch seiner Aufmerksamkeit entgingen sowohl die Anmietung von drei Schiffen als auch der Kauf der Brigg «Saint-Esprit» mit einer Tragfaehigkeit von 194 Tonnen durch Peyrusse. Der Stallmeister zahlte dem Kapitaen 25 Tausend Franken in bar, und niemand wusste, dass die in der Bucht von Portolongone liegende Brigg Napoleon gehoerte.
Am 6. Februar fuehrte Napoleon unter dem Vorwand eines geplanten Attentats Flottenuebungen durch – zum Zweck einer schnellen Einschiffung und Flucht. Im Anschluss an die Uebungen unternahm der Kaiser eine kurze Seereise, um die Seetuechtigkeit des reparierten Flaggschiffs zu pruefen – fuer den Fall der Flucht des Kaisers vor den Moerdern. Nach Napoleons Rueckkehr teilte Campbell mit, dass ihn dringende Angelegenheiten fuer drei bis vier Wochen nach Livorno riefen.
– Reisen Sie nur, – antwortete ihm Napoleon gleichgueltig, – ich habe mich ausreichend vorbereitet, um jeder Gefahr zu begegnen.
Am 16. Februar reiste Campbell ab, um mit den Prostituierten von Livorno seine dringenden Angelegenheiten zu regeln, und der Kaiser machte sich mit Begeisterung daran, die fuer Ende des Monats geplante Flucht vorzubereiten. Die politische Situation entwickelte sich guenstig. Die Ultra-Royalisten in Frankreich tobten, und die Bourbonen verloren mit jedem Tag an Popularitaet. Der Wiener Kongress war noch zu keinem Ergebnis gekommen. Und das Wichtigste: Von Eugene wusste er sicher, dass der Kongress am 21. Februar schliessen wuerde. Bis die Nachricht von seiner Flucht die Monarchen der Koalition erreichen wuerde, falls diese zu diesem Zeitpunkt noch existierte, waeren sie bereits abgereist, und es wuerde Zeit kosten, sich wieder zu versammeln und Massnahmen gegen ihn zu ergreifen. Zeit – das war es, worauf es ankam.
Zu dieser Zeit erschien auf der Insel Fleury de Chaboulon, 36 Jahre alt. Chaboulon versicherte einigen Historikern, seine Ankunft auf Elba habe Napoleon dazu bewegt, die Insel zu verlassen.
Waehrend der Kaiserzeit war Chaboulon langsam bis zum Amt eines Auditors und Unterpraefekten von Chateau-Salins aufgestiegen. Den Anbruch der neuen Aera der Bourbonen begruesste er mit Traenen in den Augen und erhielt – nichts. Die Ultra-Royalisten verdauten die Ernennungen von Napoleons Zoeglingen nur schwerlich. Diese Ernennungen waren von Alexander inspiriert, und der Koenig musste ihnen zustimmen, wenn er den Thron erhalten wollte. Die Royalisten konnten den Zugang zur Macht fuer allzu oediose Figuren wie Maret oder Savary versperren, oder fuer jemanden wie Marschall Davout, der zu spaet zur grossen Verteilung kam, es nicht rechtzeitig schaffte, den kuerzlich noch verehrten Kaiser zu beschmutzen und der neuen Macht Weihrauch zu streuen. In jenen Tagen, in Tagen des Wandels, sollte man im Epizentrum der Ereignisse sein, doch Davout verteidigte das Reich in Hamburg, und dank dieses Umstandes blieb er dem Kaiser treu. Gegen das kleine Beamtenvolk konnten die Ultras wegen dessen schierer Anzahl nichts ausrichten. Doch mit der mittleren Ebene, in deren Reihen Chaboulon das Unglueck hatte zu stehen, wurde kurzer und ungerechter Prozess gemacht. Bald fanden sie sich alle, oder der Grossteil von ihnen, ohne Existenzmittel auf der Strasse wieder.
Chaboulon begann nicht zu weinen oder die Haende zu ringen, um seinen Schicksalsgenossen von der Weltungerechtigkeit und Undankbarkeit zu erzaehlen. Er fuhr nach Paris, nachdem er vor der Abreise den Bourbonen ewigen Hass und dem gestuerzten Kaiser ewige Treue geschworen hatte.
Der aggressive Unterpraefekt fand eine Moeglichkeit, Davout zu treffen und ihm seine Dienste als Kurier nach Elba anzubieten. In seiner Naivitaet dachte Chaboulon: Der Kaiser sitzt auf seinem Elba in voelliger Unkenntnis dessen, was in Frankreich geschieht. Da er eine Provokation vermutete, begegnete der Marschall «dem kaum bekannten Chaboulon mit Misstrauen». Einfach gesagt: Er warf den Unterpraefekten die Treppe hinunter.
Der erste Misserfolg entmutigte unseren Helden nicht. Er lud sich bei Maret zu Gast, der nach dem aktuellen Stand der Macht – ein falscher Herzog von Bassano war. Er wurde empfangen, angehoert und ermutigt. Maret kannte Chaboulon aufgrund seiner Taetigkeit als Staatssekretaer viel besser als Davout und kannte seine traurige Geschichte. Ende Januar geschah in Paris etwas: irgendeine weitere Gemeinheit der Behoerden gegenueber Maret oder ein besonders abscheuliches Dekret des Koenigs veranlasste Maret, nicht auf den regulaeren Kurier zu warten, sondern einen zufaelligen Nachrichtenkanal zu nutzen.
Das Risiko war natuerlich da, aber es war nicht so gross. Die Geheimpolizei propagiert sich immer und ueberall als allgegenwaertig und allwissend. Sie schlaeft nicht, sie isst nicht – sie bewacht den Koenig. Waere dem so, gaebe es nicht von Zeit zu Zeit Verschwoerungen, Revolutionen und Umstuerze. Selbst in den Netzen der besten Geheimpolizeien gibt es Luecken und Loecher, und was soll man erst ueber die gerade erst geschaffene koenigliche Geheimpolizei sagen. Chaboulon schluepfte leicht durch ihre Netze und ueberbrachte am 12. oder 13. Februar auf Elba dem Kaiser Napoleon den Ruf Marets – komm und herrsche.
Die Vorbereitung der Schiffe war in vollem Gange, und ploetzlich waere das ganze Unternehmen beinahe gescheitert. Am Morgen des 24. Februar lief die englische Korvette «Partridge» in den Hafen von Portoferraio ein, kommandiert von einem Kapitaen mit dem bedeutungsvollen Namen Adye. Dieses Schiff hatte Campbell nach Livorno gebracht.
Als der Kaiser die Korvette in den Hafen einlaufen sah, rutschte ihm das Herz in die Hose. «Warum ist er, das Schwein, zurueckgekommen», dachte Napoleon grimmig, «er sagte doch drei Wochen!». Zu seinem Glueck war Campbell nicht an Bord. Nach vier Stunden im Hafen – in dieser Zeit stattete Adye Bertrand einen kurzen Besuch ab – legte die Korvette wieder ab. Sie nahm Kurs auf Livorno, um den Kommissar abzuholen. «Gott sei Dank, er hat nichts bemerkt», fiel es Napoleon vom Herzen.
Dem war nicht so. Adye bemerkte genug, um nach Livorno zu eilen, um Instruktionen der Kommissare einzuholen.
Campbell ruhte sich in Livorno bereits seit einer Woche im grossen Stil aus. Er bewegte sich von einer Schoenheit zur anderen wie ein Wanderpokal und trank ueberall viel und mit Genuss. Bis Adye den Kommissar fand, bis dieser so weit ernuechtert war, dass er zurechnungsfaehig wurde und schliesslich begriff, worum es ging, vergingen zwei Tage. Am Abend des 27. Februar gelangte der Kommissar mit grosser Muehe an Bord. Kaum war das Schiff auf See, wurde Campbell so uebel, dass er nicht mehr leben wollte. Er befahl, in den Hafen zurueckzukehren.
– Es gibt keinen Wind, Kapitaen, – sagte Campbell, gruen im Gesicht und halb tot vor Seekrankheit, – wir werden auf Wind warten.
– Zu Befehl, Sir. Kein Wind, – antwortete Adye.


Doch auf Elba, 150 Kilometer suedlicher, wehte der Wind.
Der Rest des 24. Februar und der gesamte 25. Februar vergehen in fieberhafter Taetigkeit. Am 26. um vier Uhr nachmittags waren alle 1200 Soldaten an Bord gegangen.
Napoleon verabschiedete sich herzlich von seiner Mutter, von seiner flatterhaften Schwester Pauline, und ging in einer halben Stunde ohne Eile vom Palast zum Kai. Um acht Uhr abends verkuendete ein Kanonenschuss, dass sich der Kaiser an Bord des Flaggschiffs befinde. Am Kai riefen die einen mit Erleichterung, die anderen mit Bedauern: «Es lebe Frankreich! Es lebe Napoleon!». Ein frischer Wind fuellte die Segel, und Napoleon brach zu seinem letzten Grossen Abenteuer auf.
Am Morgen des 28. Februar erreichte der Wind auch Livorno. Am Mittag dieses Tages traf Campbell in der Hauptstadt des Kaiserreiches Elba ein. Mein Gott, wie wuetend er war, dass sein Schuetzling entflohen war. Eine Stunde verbrachte der Kommissar am Kai, dann ging er wieder an Bord und nahm sofort die Verfolgung auf. Ein loeblicher Diensteifer. Es gibt bei den Englaendern diese Eigenschaft – den Diensteifer. Eine Medaille erhielt Campbell dafuer nicht, aber er wurde auch nicht bestraft. Und was die Vorwuerfe der Franzosen betrifft, man habe ihn nicht bewacht, man habe ihn entkommen lassen – nun, warum haben sie die Insel nicht selbst bewacht? Das Meer steht jedem offen.


Dem Zug der kleinen Flottille stand nichts und niemand im Wege. Sie hatten Glueck. Am naechsten Morgen um acht Uhr befanden sich die Schiffe auf der Hoehe der Insel Capraia, 80 Kilometer von Elba entfernt. Waehrend des ersten Tages begegneten die Fluechtlinge vielen franzoesischen und englischen Schiffen. Die Mannschaft der Brigg «Zephyr» wechselte einige Worte mit der Mannschaft der «Inconstant». Diese Brigg eilte nach Livorno, um sich Mariotti zur Verfuegung zu stellen, damit Napoleon nicht von Elba entwischen konnte.
– Beeilen Sie sich! – rief der Erste Offizier der «Inconstant», – Mariotti wartet schon sehnsuechtig auf Sie!
Am Mittag des 28. Februar zeigte sich an Steuerbord Land, vorerst noch italienisches. Einen Tag spaeter naeherten sich die Schiffe der Kuestenstadt Antibes. Einundzwanzig Grenadiere und zwei Offiziere wurden an Land geschickt, um die Festung zu erobern. Nicht zu erobern, natuerlich, aber Kapitaen Lamouret hatte dem Kaiser versichert, er wuerde seinen Verwandten, den Kommandanten der Festung, ueberreden, auf Napoleons Seite ueberzugehen. Der Verwandte wechselte die Seite nicht, und der gesamte Landungstrupp geriet in Gefangenschaft. Drouot sagte, man muesse die Festung stuermen, die Kameraden befreien...
– Die Zeit ist zu kostbar, – antwortete Napoleon. – Wir muessen vorruecken. Das beste Mittel, den schlechten Eindruck, den Antibes hinterlassen hat, auszuloeaschen, ist, so schnell wie moeglich zu marschieren und Paris schneller zu erreichen als die Nachrichten ueber uns.


6


Die Schiffe gingen am helllichten Tag zwischen Antibes und Cannes vor Anker. Um ein Uhr betrat Napoleon das Ufer. Vier Stunden spaeter war die Ausschiffung der Truppen abgeschlossen. Der Kaiser goennte seiner kleinen Armee eine Ruhepause, und um Mitternacht vom 1. auf den 2. Maerz brach das Heer zum Marsch durch Cannes nach Grasse auf. Gegen Morgen erreichte das Heer das Dorf Seranon, das auf einer Hoehe von 1400 Metern liegt. Ein paar Stunden Rast, ein einfaches Fruehstueck und wieder auf den Weg. Am ersten Marschtag legte die Armee 70 Kilometer zurueck. Napoleon selbst ging zu Fuss, auf einen Stock gestuetzt. Manchmal rutschte er aus und fiel hin, doch sein Mut sank niemals. Er war wieder im Geschaeft, er drang wieder vorwaerts!
Am 3. Maerz erfuhr Marschall Massena in Marseille von Napoleons Landung in der Bucht von Juan und seinem Marsch. Sofort schickte er eine Depesche nach Paris und entsandte General Miollis mit dem 83. Linienregiment nach Sisteron, um den fluechtigen Kaiser abzufangen. Als das 83. Regiment in Sisteron eintraf, war Napoleon bereits bei Gap (60 Kilometer weiter noerdlich). Das bedeutet, dass Napoleon schneller marschierte, als Massena berechnet hatte. Viel schneller.
Am Mittag des 5. Maerz erhielt Marschall Soult, der Kriegsminister des Koenigreichs, die Depesche Massenas. Ein paar Stunden spaeter begann eine Dringlichkeitssitzung des Ministerrates unter dem Vorsitz des Koenigs selbst. Der Koenig entschied, und der Rat bestaetigte den Willen des Koenigs durch seinen Beschluss, dass alle Truppen in Lyon und suedlich davon unter das Kommando des Grafen von Artois gestellt wuerden. Der Rat nannte den Kaiser Napoleon den laengst vergessenen Bonaparte. Nun denn, Bonaparte wurde zum Verraeter und Rebellen erklaert; der Rat verpflichtete jeden Franzosen, Bonaparte als Verraeter und Rebellen zu behandeln.
Inzwischen, am sechsten Maerz um zwei Uhr nachmittags, brachen der Kaiser – wir werden nicht auf die Ratschlaege des Rates hoeren und ihn weiterhin Kaiser nennen – und sein kleines Heer von Gap nach Grenoble auf. Zu dieser Stunde wusste man in Grenoble bereits seit zwei Tagen vom Marsch Napoleons, Zeit genug, um von Respekt fuer den gefallenen Titanen durchdrungen zu sein und seine Kuehnheit zu bewundern. Der Kommandant der Garnison von Grenoble, General Graf Marchand, und der Praefekt Baron Fourier, der einst als junger Beamter an der aegyptischen Expedition teilgenommen hatte, blieben dem Koenig entschlossen treu. Der General war zunaechst geneigt, dem «korsischen Raeuber» entgegenzutreten, doch die Stimmung der Soldaten floesste ihm Zweifel am Erfolg des Unternehmens ein. Daher beschloss er, die Truppen in Grenoble vor Napoleon einzuschliessen und den Marsch des Kaisers zu verlangsamen, indem er die Bruecke ueber den Fluss Bonne sprengen liess. Der General rechnete damit, ein oder zwei Tage zu gewinnen, bis dem Koenig treue Truppen eintraefen.
Die Ausfuehrung dieses Auftrags uebertrug Marchand einem Bataillon des 5. Infanterieregiments, dem er eine Pionierkompanie beigab. Der Bataillonskommandeur, Oberst Plessier, der zuvor in der kaiserlichen Garde gedient hatte, kam – ob absichtlich oder nicht – zu spaet an der Bruecke an. Noch bevor er Laffrey erreichte, erfuhr der Oberst von der Ueberquerung der Bruecke durch Napoleons Armee und zog sich zurueck, um den Pass von Laffrey zu besetzen.

Am siebten Maerz vor Morgengrauen fuehrte Napoleon seine Armee aus dem Dorf Corps heraus. Mittags ueberquerten sie die Bruecke ueber die Bonne. Gegen fuenf Uhr erreichten sie den Pass von Laffrey. Napoleon, der an der Spitze der Kolonne ritt, sah die in Schlachtordnung aufgestellten Soldaten des «Scheingegners» auf der Strasse und hielt seine Truppen an.
Waehrend des Rueckzugs von Plessier versuchten von Napoleon fuer einige Sous angeheuerte Bauern, den Soldaten Flugblaetter mit dem Appell des Kaisers an die Nation und die Armee unterzuschieben. Die Soldaten nahmen die Flugblaetter so entgegen, dass die Offiziere es nicht sahen, aber auf dem Marsch war es unmoeglich, sie zu lesen, weshalb sie keinerlei Wirkung zeigten. Die zum Kampf aufgestellten Soldaten versuchten napoleonische Offiziere durch interessante Angebote zu verlocken. Doch die Entfernung war zu gross, der Wind verwehte die Worte, und die Soldaten hoerten die Rufe nicht.
Napoleon begriff, dass ein persoenlicher Auftritt auf der Buehne unumgaenglich war. Er erhob sich von einer Trommel, befahl seinen Soldaten, die Gewehre als Zeichen friedlicher Absichten in die linke Hand zu nehmen, und ging ruhig auf den «Feind» zu. Allein!
Kapitaen Randon, der Neffe und Adjutant von General Marchand, schrie drohend und zoernig:
– Feuer! Feuer, verdammt noch mal!
Doch alle starrten wie gebannt auf den wahnsinnigen «Korporal», der ruhig auf das Bataillon zuging. Der Kaiser naeherte sich, Randon zog seine Pistole. Der daneben stehende Plessier packte ihn fest am Arm. In den kalten Augen des ehemaligen Gardisten las Randon ein Todesurteil, sollte er auch nur die kleinste falsche Bewegung machen. Die Pistole entfiel den kraftlosen Haenden des Kapitaens, er wendete sein Pferd und ritt durch die zurueckweichenden Reihen der Soldaten davon, ausser sich vor Wut und Scham. Auch einige andere Offiziere ritten davon.
– Soldaten des fuenften Regiments, – rief Napoleon mit wohlgesetzter Stimme, – ich bin euer Kaiser.
Er riss seinen Mantel auf, entbloesste die Paradeuniform eines Generals und bot seine Brust der Kugel dar.
– Erkennt ihr mich? Wenn einer von euch seinen General toeten will, hier bin ich!
Das war zu viel fuer die Soldaten von Grenoble.
– Es lebe der Kaiser! – antwortete das Bataillon im Chor.
Ihr Kommandeur, ein gerechter und strenger Oberst, sprang vom Pferd, zog seinen Degen und trug ihn wie ein kostbares Kleinod mit ausgestreckten Armen dem Kaiser entgegen. Zwanzig Meter vor der Front uebergab er den Degen; der Kaiser umarmte den laut schluchzenden Obersten. Auch die Soldaten in der Schlachtordnung weinten. Sie rissen die koeniglichen Kokarden ab und hefteten dreifarbige Baender an ihre Huete, die sie zusammen mit den Flugblaettern von den Bauern erhalten hatten. Unglaublich! Hier, am Pass von Laffrey, hatte Napoleon die Krone zurueckerobert. Die Schlacht um Frankreich, eine Schlacht ohne einen einzigen Schuss, endete mit einem ohrenbetaeubenden Sieg des Kaisers.
Unterdessen ritten Randon und die dem Koenig treu gebliebenen Offiziere nach Grenoble. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in den Kasernen die Nachricht: Das Bataillon war vollstaendig auf die Seite des Kaisers uebergegangen. Dieses Bataillon entschied das ganze Unternehmen, wie der erste Stein eine Lawine ausloest. Marchand und ein Dutzend Offiziere flohen nach Norden, waehrend das 7. Linienregiment unter der Fuehrung seines Kommandeurs, Oberst Labedoyere, dem Kaiser entgegeneilte, um sich den Reihen seiner unbesiegbaren Armee anzuschliessen. Damit der Marsch richtig gedeutet wurde, zog das Regiment mit Trommelwirbel ein, und der Fahnentraeger trug den kaiserlichen Adler voran. Napoleons Soldaten begruessten die Ankunft des Regiments freudig, und der Kaiser umarmte fest den Obersten, den die Bourbonen nach der zweiten Restauration fuer diese Tat zum Tode durch Erschiessen verurteilten.
Jetzt, da Napoleons Heer auf das Vierfache angewachsen war, erkannten die Bauernmassen ihren Kaiser. Zu Tausenden versammelten sie sich um Grenoble, um ihre Liebe zum Kaiser zu demonstrieren, und nur die Bauern des Dorfes Orgon zitterten vor Angst, als sie die ganze Niedertracht ihres Verhaltens im April des vergangenen Jahres begriffen.
Um zehn Uhr abends rueckten die Truppen in Grenoble ein. Napoleon goennte den Soldaten 40 Stunden Ruhe, denn in weniger als sechs Tagen waren sie 340 Kilometer marschiert. Fast 60 Kilometer pro Marschtag. Diese Leistung konnte niemand jemals uebertreffen. Hier machten sich die staendigen Trainingsmaersche auf Elba bezahlt.
Am 9. Maerz um zwei Uhr nachmittags brach die verstaerkte Armee aus Grenoble auf, und um neun Uhr abends am 10. Maerz rueckten die Vorhuten, teils auf Bauernwagen transportiert, in Lyon ein.


Am Morgen des zehnten Maerz trafen der Graf von Artois und Marschall Macdonald in Lyon ein. Bald erfuhren sie, dass ihr Vorhaben, den triumphalen Marsch Napoleons zu stoppen, undurchfuehrbar war, da die Truppen ihnen nicht gehorchten. Um die Mittagszeit reiste der Graf von Artois ab. Eine Zeitlang dachte der Marschall darueber nach, die Bourbonen zum Teufel zu schicken, aber er wagte es nicht. Um zwei Uhr nachmittags verliess Macdonald Lyon. Die Armee spaltete sich in diesen Tagen. Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere bis hin zu den Obersten begruessten die Rueckkehr des Kaisers freudig. Alle Marschaelle und die Mehrheit der Generale waren entschieden dagegen. Soult nannte ihn einen Abenteurer, Jourdan beschimpfte ihn offen, Ney drohte, Napoleon im Kaefig zu bringen, Massena schalt den Kaiser aus, aber was sind Marschaelle ohne Soldaten?
In Lyon blieb Napoleon bis Mitternacht des 12. Maerz und machte sich dann wieder auf den Weg. In Grenoble und Lyon wurden zusaetzlich in grosser Zahl Flugblaetter mit dem Appell an die Nation und die Armee gedruckt. Bis Lyon, wenn sich irgendwo die Gelegenheit bot, vor den Massen aufzutreten, trat der Kaiser auf und sparte nicht mit Versprechungen. In Lyon begriff Napoleon, dass seine Schlacht um Frankreich gewonnen war, und mit diesem Verstaendnis wurde er wieder zum Kaiser, mit allen daraus resultierenden Nachteilen und Vorzuegen. Von Lyon aus loeste er per Dekret das Parlament auf und beraumte fuer den Monat Mai eine Versammlung von Vertreter der Departements an, um eine neue Verfassung zu verabschieden, die buergerliche und demokratische Freiheiten garantierte.


Am zehnten Maerz traf Marschall Ney in seinem Hauptquartier in Besancon ein. Am naechsten Tag traf ein Bote des Kaisers im Stab Neys ein. Er ueberbrachte Ney ein kurzes Schreiben des Kaisers, das mit den Worten endete: «Ich umarme Sie, wie damals, am Tag der Schlacht bei Moskau.» Ausserdem befahl Napoleon dem Marschall, ihn mit den Truppen in Chalon-sur-Saone zu erwarten. Ney beschloss, sich dem Schicksal und dem Kaiser zu beugen. Am 15. Maerz fuehrte der Marschall in Erfuellung des kaiserlichen Befehls seine Truppen auf den Marsch, und am 18. in Auxerre umarmte der Kaiser den treuen Ney, wie damals bei Moskau.
Der Koenig indes floh in der Nacht vom 18. auf den 19. Maerz aus Paris. Im Eifer des Gefechts wollte er nach London fahren, doch sein Gefolge ueberredete ihn, irgendwo in Belgien Halt zu machen. Ludwig verbrachte Napoleons gesamtes zweites Kaiserreich in Gent. Mit dem Koenig flohen die Marschaelle Berthier und Macdonald. Bald gesellten sich der Graf von Artois und Marschall Marmont zu ihnen.
Und der Kaiser zog am Abend des 20. Maerz triumphal in Paris ein. Das Wunder war geschehen. Napoleon hatte Frankreich zurueckerobert.

7


Das Wunder war geschehen. Napoleon war erneut Kaiser geworden. Doch was war mit seinen Feinden? Napoleons Rueckkehr bewahrte Europa, moeglicherweise bewahrte sie Europa, vor einem neuen grossraeumigen Krieg. Sie machte die Bemuehungen des wichtigsten europaeischen Friedensstifters Talleyrand zunichte, Feindschaft zwischen Alexander und Franz zu schueren. Napoleon schien die Monarchen, die sich beinahe in der polnischen und saechsischen Frage verspielt haetten, ernuechtert zu haben.
Am 13. Maerz, zwei Tage nach dem Eintreffen der Nachricht von Napoleons Landung bei Cannes, trat zum ersten Mal die Europaeische Kommission in voller Besetzung zusammen. Die Delegationsleiter von Oesterreich, Russland, Preussen, England, Frankreich, Spanien, Portugal und Schweden nannten Napoleon in einem gemeinsamen Communique einen Zerstoerer der Ruhe Europas. Einige Tage spaeter besuchten Wellington, Metternich und Talleyrand in Pressburg den saechsischen Koenig Friedrich August. Die Preussen hoben seinen Arrest auf, sobald die Nachricht von Napoleons Streich Wien erreicht hatte. Die Delegation teilte dem Koenig mit, dass die Teilung Sachsens beschlossene Sache und unwiderruflich sei und dass der Koenig sich damit abfinden muesse. Doch der Koenig fand sich erst zwei Monate spaeter damit ab. Am 18. Mai verzichtete er im preussisch-saechsischen Vertrag zugunsten des preussischen Koenigs auf den noerdlichen Teil seines Landes und gab die Rechte auf das Herzogtum Warschau auf.
Parallel zur saechsischen Frage wurde, ohne voranzueilen oder zurueckzubleiben, die polnische Frage geloest. Kaiser Alexander signalisierte dem Kongress seine Bereitschaft, auf die Bildung eines polnischen Koenigreiches unter russischer Schirmherrschaft zu verzichten und Teile des polnischen Territoriums an Preussen und Oesterreich abzutreten. Naemlich: an Preussen das Grossherzogtum Posen bestehend aus Posen, Gnesen und Thorn; an Oesterreich den Bezirk Tarnopol in Ostgalizien. Schliesslich stimmte der Zar zu, Krakau als freie Stadt unter dem Schutz Russlands, Oesterreichs und Preussens anzuerkennen.
Als die Bereitschaft Russlands und Preussens zu Kompromissen deutlich hervortrat, unterzeichneten vier Laender, Russland, Oesterreich, Preussen und England, den Vertrag, der als «Heilige Allianz» bezeichnet wurde. Das unmittelbare Ziel der Allianz war die Beseitigung Napoleons, und das langfristige Ziel war der entschlossene Kampf gegen jegliche revolutionaere Erscheinungen auf dem Kontinent. Im Laufe des Aprils traten alle auf dem Kongress vertretenen Laender der Allianz bei.
Am siebten April verkuendete Oesterreich die Schaffung des Lombardo-Venezianischen Koenigreichs unter der Schirmherrschaft Wiens. Am dritten Mai wurde die neue Teilung Polens durch einen russisch-preussisch-oesterreichischen Vertrag besiegelt. Sogar England trat einen Teil Hannovers ab. Am 29. Mai fielen Hildesheim, Goslar und Ostfriesland von Hannover an Preussen.
Auch die Deutsche Kommission intensivierte ihre Arbeit erheblich. Am neunten Juni wurde nach vielen Sitzungen und vielen, vielen Streitigkeiten die Schlussakte des Deutschen Bundes unterzeichnet, die aus 121 Artikeln bestand. Dem Bund traten 39 Staaten bei: das Kaisertum Oesterreich; fuenf Koenigreiche – Preussen, Bayern, Hannover, Wuerttemberg und Sachsen; das Kurfuerstentum Hessen-Kassel; sieben Grossherzogtuemer – Baden, Hessen-Darmstadt, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Sachsen-Weimar, Luxemburg und Oldenburg; zehn Herzogtuemer; zehn Fuerstentuemer; die Landgrafschaft Hessen-Homburg und vier freie Staedte.
Im Juni wurde der daenisch-schwedische Konflikt beigelegt. Norwegen blieb bei Schweden, doch dieses trat Pommern und das Herzogtum Lauenburg an Daenemark ab.
Noch bevor in Wien die letzten Dokumente unterzeichnet waren, wurden gegen Napoleon Massnahmen ergriffen.

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Napoleons zweite, hunderttaegige Herrschaft dauerte eigentlich nur knappe 94 Tage. Sie begann unter Schwierigkeiten und endete schlecht.
«Die Trikolore weht bereits seit drei Stunden ueber den Tuilerien», schrieb Simonde de Sismondi aus Paris. «...Ich befinde mich im belebtesten Teil der Stadt und hoere nur einen Ruf: <Es lebe der Kaiser!>... Einige junge Leute rufen: <Es lebe der Koenig!>, und wenn man ihnen verwunderte Aufmerksamkeit schenkt, fuegen sie lachend hinzu: <...von Rom, und sein Papa!>».
Der neue-alte Monarch hatte mit der Eroberung von Paris seine physischen und geistigen Kraefte erschoepft. Der Kaiser fuehlte die koerperliche Schwaeche noch einige Tage lang, doch es gab keine Moeglichkeit, sich um die Gesundheit zu kuemmern, da die Zeit kostbar wie Gold war. Fuer seine 46 Jahre war der Gesundheitszustand des Kaisers in einem ziemlich zerruetteten Zustand; nicht nur das Alter und das ereignisreiche Leben hatten ihn untergraben. Ich erwaehnte es bereits – Napoleon war eine Naschkatze. Daher die Probleme mit dem Gewicht und der Gesundheit. Ein englischer Professor hinterliess uns ein Portraet des Kaisers aus dem April 1815: «Sein Gesicht ist sehr blass, die Wangenknochen breit, aber nicht hervorstehend, wie ich gehoert hatte. Die Lippen sind schmal und von einer Form, die Charme ausstrahlt. Er hatte die Angewohnheit, die Lippen einzuziehen, als ob er Tabak kaute. Doch ich habe schon oft gehoert, dass diese Bewegung von einem Bonbon in seinem Mund herruehrte, an dem er fast staendig lutschte, um Husten zu vermeiden.
Das Haar ist dunkelbraun und an den Schlaefen duenn. Auf dem Scheitel hat er eine Glatze, weswegen ihn die Soldaten nannten. Der Oberkoerper ist nicht sehr massiv, aber sein Bauch tritt so hervor, dass man die Unterwaesche sieht...».
Allen – dem Kaiser, den Wuerdentraegern und den Parisern – war voellig klar, dass es so, wie es frueher war, jetzt nicht mehr sein durfte. Mit der unbegrenzten Selbstherrschaft war es vorbei, und wenn der Kaiser regieren wollte, musste er Kraefte beschwoeren, die ihn auf dem Thron halten konnten. Diese Kraefte waren die Unterstuetzung der Massen. Nicht der Volksmassen, sondern der Beamtenmassen und der Menschen, die in der Lage waren, die Stimmung der Bevoelkerung zu beeinflussen. Die neue Marschrichtung diktierte eine relative Pressefreiheit fuer Letztere und eine neue Verfassung fuer Erstere, welche die Macht zwischen dem Kaiser und anderen aufteilen sollte.
Es war schwierig und kraenkend, auf die absolute Macht zu verzichten, doch Elba hatte den unbaendigen Geist des Kaisers ein wenig gemaessigt. «Die Neigung zu Verfassungen, Verhandlungen und Reden scheint zurueckgekehrt zu sein», sagte der Kaiser im Gespraech mit Benjamin Constant, seinem juengsten Feind, mit dem er sich nun versoehnen musste. «Doch taeuschen Sie sich nicht, denn dies ist der Wunsch einer Minderheit. Das Volk, wenn Sie gestatten – die Mehrheit, will nur mich! Sie haben die Massen nicht gesehen, die mir folgten, die von den Bergen herabstiegen, mich suchten, mich begruessten! Nach meiner Landung in Cannes habe ich nicht gekriegt, ich habe mich mit der Verwaltung beschaeftigt. Ich bin nicht nur, wie man mich nennt, ein Soldatenkaiser, sondern ich bin auch der Kaiser der Bauern und Plebejer Frankreichs... Und Sie sehen, trotz allem, was geschah, ist das Volk zu mir zurueckgekehrt. Wir sind einander sympathisch... Ich selbst bin aus dem Volk gewachsen, und meine Stimme ist dieselbe wie die ihre...».
So war Napoleon so weit gegangen, sich selbst als Volkskaiser zu bezeichnen, der wisse, was das Volk brauche und was nicht. Er wusste es tatsaechlich. Das ist nicht so schwer zu bestimmen. Die Bauern, der Grossteil der Bevoelkerung, brauchen keine Umverteilung des Eigentums zugunsten der alten Aristokratie – dies wurde durch Napoleons Anwesenheit auf dem Thron garantiert – und sie brauchen Frieden; damit war es schwieriger. «Ich liebte den Krieg», sagte der Kaiser zu Graf Pont;coulant, «heute will ich ihn nicht mehr. Wir muessen vergessen, dass wir die Herren der Welt waren. Ich will nur die Zuegel der Regierung fest in den Haenden halten, um Frankreich frei, gluecklich und unabhaengig zu machen.»
Der Kaiser versuchte, so gut er konnte, die ueber Frankreich schwebende Gefahr in Gestalt riesiger Armeen abzuwenden, die nicht nach Hause gegangen, nicht verkleinert und nicht entwaffnet worden waren, fuer den Fall einer Fortsetzung des Krieges, haetten sich die Monarchen in Wien nicht geeinigt. Jetzt vereinigten sich diese Armeen gegen ein einziges Frankreich, genauer gesagt, gegen Napoleons Frankreich.
Am ersten April schickte Napoleon seinem Schwiegervater einen Brief, in dem er ihn bat, Marie-Louise und den Sohn so schnell wie moeglich nach Paris zu senden. Drei Tage spaeter schickte er Briefe an den Kaiser von Russland, den Koenig von Preussen und den Koenig von England. In allen Briefen versicherte Napoleon den Monarchen, dass er die Vergangenheit vergessen habe und sein einziger Wunsch sei, in Frieden mit der ganzen Welt zu leben. Vielleicht haetten die Monarchen Napoleon geglaubt – wenn auch kaum – vielleicht haette er die Moeglichkeit zu politischem Manoever gehabt, doch der franzoesische Kaiser wurde von einem anderen seiner Verwandten im Stich gelassen – dem Koenig von Neapel, Joachim I. Er fiel ihm so schwer in den Ruecken, wie es kein anderer haette tun koennen.

9


Im Herbst des Jahres 13, nach der Rueckkehr von seinem letzten, in einer Katastrophe geendeten Feldzug, war Murat von der Idee eines Gross-Italien durchdrungen. Historisch gesehen war Italien reif fuer die Einigung, doch es war nicht Murats Sache, diese Aufgabe mit seinem Verstand zu loesen.
Waehrend Koenig Joachim in Sachsen kaempfte, wurde die neapolitanische Koenigin von den Patrioten eines einigen und unteilbaren Italiens bearbeitet, wie etwa von General Lecchi, mit dem der Kriegsminister des Koenigreichs Italien, General Pino, in engem Briefwechsel stand. Koenigin Caroline stand den Bestrebungen der Italiener, sich unter der gluecklichen Krone der Dynastie Murat zu vereinigen, mit Verstaendnis gegenueber. Kurz gesagt, als der Koenig in Neapel eintraf, stand die Koenigin fest auf der Seite der Patrioten. Den Koenig zu ueberreden, sich dem Einigungsprozess anzuschliessen, war keine grosse Muehe. Ein Abenteurer von Natur aus – ein Abenteuer mehr oder weniger...
Murat kehrte Mitte November nach Neapel zurueck, und bereits zwei Wochen spaeter rueckten zwei Divisionen des neapolitanischen Heeres zur Besetzung Roms aus, zwei weitere zur Besetzung Anconas. Dabei befand sich Neapel als Staat nicht im Krieg mit dem Staat Frankreich, unter dessen Schirmherrschaft Rom und Ancona standen. Murat beabsichtigte, sie einzunehmen, weil sich die Gelegenheit dazu bot. Die Vorhersage der Patrioten, dass die Einigung Italiens eine recht einfache Aufgabe sei, schien sich zu erfuellen. Man muesse nur anfangen, und sie wuerde einem von selbst in die Haende fallen.
Napoleon versuchte oft, den ploetzlich eigensinnig gewordenen Koenig und seine Schwester zur Vernunft zu bringen. Den guten Teil des Dezembers verbrachte Fouch; in Neapel und sprach jeden Tag mit dem Koenigspaar. Alles vergeblich.
Wie Neapel sich im bevorstehenden Krieg gegen Napoleon verhalten wuerde, interessierte natuerlich die Verbuendeten. Allen voran Oesterreich, da es grosse Absichten in Bezug auf Italien hatte. Um die Situation zu klaeren, sandte Kaiser Franz den Grafen Neipperg nach Neapel.
Am 17. Januar 1814 wandte sich die neue Hoffnung von «Gross-Italien», Koenig Joachim, mit einem Aufruf an alle Italiener – mit Wort und Tat zur heiligen Sache der Schaffung eines vereinten Italiens beizutragen. Und Joachims Truppen besetzten am 5. Februar Florenz. Zwei Tage zuvor, am 3. Februar, hatten Lord Bentinck und der allgegenwaertige Gallo einen englisch-neapolitanischen Waffenstillstand unterzeichnet, der den formalen Kriegszustand zwischen den Laendern beendete; gleichzeitig wurde ein Handelsvertrag unterzeichnet, der englischem Zucker und Tee freien Zugang zu den neapolitanischen und italienischen Haefen verschaffte.
Von Florenz aus fuehrte Joachim die Truppen nach Bologna. Am 18. Februar fiel Ancona, und drei Tage zuvor hatte Joachim Napoleon den Krieg erklaert. Es schien, als sei die Einigung des Landes eine Sache der naechsten Wochen. Es schien, als haetten die Patrioten recht behalten, die behaupteten, diese Angelegenheit sei nicht kompliziert.
Doch zu dieser Zeit begannen Joachim Zweifel zu plaegen, die ihm eigentlich fremd waren: Ob er das Richtige tue, indem er gegen seinen Waffenbruder, Freund und gewissermassen Schueler, den Vizekoenig Eugen, kaempfe. Infolge dieser Zweifel kam der drohende Vormarsch der neapolitanischen Divisionen irgendwo an der Linie des Flusses Reno zum Stillstand. Und dort stand Murat mit seinem Heer etwa zwei Monate lang.
Waehrenddessen kaempfte der Vizekoenig recht erfolgreich gegen Feldmarschall Bellegarde. Am achten Februar fuegte Eugen den Oesterreichern am Mincio eine spuerbare Niederlage zu, und am zweiten Maerz schlug er sie erneut bei Parma, man koennte sagen, vor den Augen von Koenig Joachim, der ploetzlich in Apathie verfallen war. Die Patrioten beschworen Murat, entschlossen zu handeln, in Norditalien einzudringen, Piacenza, Mailand, Genua und Turin einzunehmen. «Nehmen», schrien sie, «solange es einem gegeben wird!». Aber nein. Murat antwortete, er koenne nicht gegen seinen Bruder kaempfen, faselte irgendetwas von Treue und Ehre, waehrend die kostbaren Wochen wie Sand durch die Finger rannen.
Schliesslich erwachte Koenig Joachim am 10. April aus seinem edlen Schlummer und fuehrte die Armee nach Norden, und bereits am 16. April unterzeichneten er und Eugen einen Waffenstillstand. Am naechsten Tag unterzeichnete Eugen ein Abkommen mit Bellegarde. Murat freute sich: Er hatte sowohl die Ehre bewahrt als auch viel fuer die Einigung Italiens getan. Die Patrioten freuten sich nicht. Der Marchese di Gallo hielt die Sache dieses Fruehjahrs fuer verloren, verloren ausschliesslich wegen der Dummheit des Koenig. Joachim wurde natuerlich nichts derart Unangenehmes gesagt.


Die Verbuendeten kraenkten Murat. In ihr Team der Sieger nahmen sie ihn nicht auf, nach Wien zur Teilung Europas luden sie ihn nicht ein, und kein Stueck von Norditalien gaben sie ihm. Mehr noch, die Oesterreicher verlangten die Rueckgabe Roms an die «rechtmaessigen Besitzer». Dabei deuteten sie unmissverstaendlich an: Sollte er beharren, wuerde man ihm auch Neapel wegnehmen.
– Was fuer rechtmaessige Besitzer, – empoerte sich Murat in Neapel, – ich selbst bin der rechtmaessige Besitzer!
Seine gesamte Lebenserfahrung basierte auf dem Recht des Eroberers. Rom und Ancona hatte er erobert – erobert, folglich gehoerten sie ihm. Der Marchese di Gallo konnte Murat kaum davon ueberzeugen, sich der Macht der Umstaende zu beugen.
Aus dieser ganzen Geschichte zogen die Patrioten den Schluss – Murat eigne sich nicht fuer die Rolle des Einigers Italiens. Sie richteten ihre Blicke auf Elba, auf Napoleon, umso mehr, als er zur Haelfte Italiener war und bereits Koenig von Italien gewesen war. Doch hier erwartete sie eine Enttaeuschung, denn Napoleon traeumte nicht von Italien, sondern von Frankreich.
Sobald Napoleon Frankreich zurueckerobert hatte, entschied Murat, seine Stunde sei gekommen, Italien zu erobern. Zum zweiten Mal rief er alle Voelker Italiens auf, sich unter seiner Hand zu vereinen. Ende der ersten Aprildekade erklaerte Murat dem ihn vielfach betrogenen Oesterreich den Krieg; am 17. April liess er Koenigin Caroline in Neapel regieren und fuehrte seine Truppen nach Norden.
Selbst wenn die Monarchen Napoleon diesmal haetten glauben wollen, so konnten sie es nicht tun. Versetzen Sie sich in ihre Lage. Sie erhalten Napoleons Briefe voller Friedensbeteuerungen, und ein paar Tage spaeter beginnt Koenig Joachim einen Krieg. Beweise fuer eine geheime Verbindung zwischen Napoleon und Murat kamen sehr bald ans Licht, da eine geheime Verbindung tatsaechlich bestand. Zudem hatte Napoleon Murat zwar nicht ausdruecklich unterstuetzt, ihn aber auch nicht verurteilt. Was also sind Napoleons Friedensbeteuerungen wert? Die Antwort lautet – nichts.

Da wir das Schicksal Murats beruehrt haben, werde ich es bis zum – wie die Oesterreicher sagen – «bitteren Ende» fuehren. Der Befehlshaber der oesterreichischen Truppen in Italien, General der Kavallerie Graf Frimont von Palota, verfuegte ueber etwa 33.000 Soldaten gegen die 80.000 von Murat. Zu Frimonts Truppen eilten aus Venedig Verstaerkungen unter Feldmarschall Neipperg herbei, und aus der Toskana rueckten Abteilungen unter dem Kommando von Feldmarschall Bianchi vor. Ende April kam es zu mehreren unbedeutenden Gefechten, und am zweiten und dritten Mai schlug Bianchi bei Tolentino (unweit von Ancona) Murat vernichtend.
Fast ohne Truppen kehrte Joachim nach Neapel zurueck, doch auch dort fand er keine Ruhe. Die Anhaenger des frueheren Koenigs Ferdinand zettelten mit Unterstuetzung von Kommodore Campbell, der Napoleon von Elba hatte entkommen lassen, eine Meuterei in der Flotte an, die bald auf die Hauptstadt uebergriff.
Am 20. Mai, dem Tag, an dem der auf Ferdinands Seite uebergetretene General Colletta mit Neipperg einen Waffenstillstand unterzeichnete, verliess Murat, ein Koenig ohne Koenigreich, mit einigen Getreuen Neapel und landete am 25. Mai in Cannes.
Napoleon verbot Murat, in Paris zu erscheinen, um sein Image als Friedensstifter nicht zu trueben, und Murat blieb nichts anderes uebrig, als zum Kaiser zu beten. Offensichtlich betete er nicht aufrichtig genug. Napoleon verlor bald selbst die Krone.
In der Nacht vom 22. auf den 23. August waehlte Murat den Weg aus seinem bescheidenen Versteck irgendwo an der Kueste bei Cannes und segelte nach Korsika. Dort warb er innerhalb eines Monats einige hundert Abenteurer an und segelte mit ihnen los, um sein Koenigreich zurueckzuerobern. Am achten Oktober landete Murats Expeditionscorps in Kalabrien. Das erste Zusammentreffen mit regul;ren Truppen fuehrte dazu, dass die Korsen flohen und Murats Geld mitnahmen; er selbst wurde gefangen genommen und verhaftet. Am 13. Oktober verurteilte das Kriegsgericht des Koenigreichs Neapel seinen ehemaligen Koenig zum Tode durch Erschiessen.
– Soldaten! Tut, was euch befohlen wurde. Schiesst ins Herz, aber nicht ins Gesicht! – waren die letzten Worte des verzweifelt mutigen, dumm-stolzen Gascogners.


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Die Armee war vollstaendig auf die Seite des zurueckgekehrten Kaisers uebergegangen. Nur im Sueden, in Bordeaux und in der Vend;e, gelang es den Royalisten, wenigstens ein bisschen Widerstand zu organisieren. Der wurde jedoch leicht niedergeschlagen.
Eine handlungsfaehige Regierung zusammenzustellen, erwies sich als nicht so einfach wie die Niederschlagung der Royalisten, weil viele die angebotene Ehre ablehnten. Um den Republikanern zu gefallen, ernannte Napoleon den unnachgiebigen Carnot zum Innenminister. Caulaincourt wurde Aussenminister. Savary lehnte den Posten des Polizeiministers ab, erklaerte sich aber bereit, die Gendarmerie zu leiten. Und der allgegenwaertige Fouch; wurde Polizeiminister. Der vorsichtige Cambac;r;s uebernahm das neutrale Justizministerium. Davout nahm, wie selbstverstaendlich, das Kriegsministerium an. Maret wurde erneut Staatssekretaer. Bertrand und Drouot, die das bittere Brot des Exils mit Napoleon geteilt hatten, blieben auf ihren frueheren Posten. Ersterer als Palastmarschall, Letzterer als Kommandeur der Garde.
In der Hauptstadt befanden sich Napoleons drei Brueder – Joseph, der sich mit dem Kaiser versoehnte Lucien und Jerome. Der juengste Jerome war zu leichtsinnig fuer ernste Angelegenheiten, waehrend Joseph und Lucien Napoleon sehr halfen, besonders Lucien. Napoleon hatte noch einen weiteren Bruder – Louis, den ehemaligen Koenig von Holland. Ihn hielt Napoleon fuer den schwaechsten, und ausgerechnet er zeigte eine beneidenswerte Festigkeit. Er schickte Napoleon nicht nur die einst aufgezwungene Ehefrau Hortense zurueck, sondern blieb auch taub fuer alle Appelle seines aelteren Bruders, nach Paris zu kommen und ihm zu helfen, den Thron zu halten.
Das wichtigste Geschaeft im Maerz und April war es, den Franzosen eine Verfassung zu geben.
Am 14. April erhielt Benjamin Constant, ein traditioneller Gegner Napoleons und ein traditioneller Freund von Madame de Sta;l, eine Einladung in die Tuilerien und war darueber sehr erstaunt. Der Kaiser war ungewoehnlich liebenswuerdig zu Constant. Er bot ihm ein Jahreseinkommen von dreissigtausend Franken, einen Sitz im Staatsrat und den Auftrag, eine Verfassung zu schreiben. Constant befand sich zu dieser Zeit in finanziellen Schwierigkeiten, da im Februar die Karten schlecht gefallen waren und er 20.000 verloren hatte, natuerlich auf Kredit. Constant nahm das Angebot an.
Vier Tage spaeter erschien er in den Tuilerien mit dem Entwurf einer Verfassung. Als Grundlage nahm er die kaiserliche: hier etwas gestrafft, dort ein wenig korrigiert – und fertig. Constant uebergab seinen Entwurf Cambac;r;s und Maret. Diese beiden arbeiteten die folgenden vier Tage an der Verfassung, stimmten die Aenderungen mit Constant ab, zeigten sie dem Kaiser und erhielten seine Zustimmung.
In den letzten fuenfundzwanzig Jahren wurde in Frankreich ein Dutzend Mal eine Verfassung verabschiedet und aufgehoben, aufgehoben und verabschiedet. Die erste, die Verfassung der Nationalversammlung, wurde lange und muehsam erarbeitet, doch je weiter man voranschritt, desto leichter wurde dieser Prozess. Es schien, als koennte jeder gebildete Franzose bei entsprechendem Fleiss innerhalb einer Woche ein Grundgesetz erfinden. Die letzte Verfassung wurde in acht Tagen fertiggestellt. Sie bestand aus 67 Artikeln und wurde «Zusatzakte zu den Verfassungen des Kaiserreiches» genannt. Am 23. April erschien der Text der neuen Verfassung in der Presse.
Ihre wichtigsten Bestimmungen: Die Gesetzesinitiative stand zu gleichen Teilen dem Kaiser und einem Zweikammerparlament zu. Das Parlament selbst bestand aus dem Oberhaus der Pairs, das durch die Verfassung der Bourbonen eingefuehrt und von Constant beibehalten wurde, und dem Unterhaus der Abgeordneten, die durch direkte Wahl fuer eine Amtszeit von fuenf Jahren gewaehlt wurden. Die Rechte der Kammern waren ziemlich weitreichend. Sie konnten die von der Regierung vorgeschlagenen Gesetze aendern, den Staatshaushalt annehmen oder ablehnen. Das Wichtigste – die Minister waren dem Parlament gegenueber ebenso verantwortlich wie dem Kaiser.
Am 20. Mai, nach dem – wie immer erfolgreichen – Plebiszit ueber die Verfassung, schwor Napoleon, sie einzuhalten.
Am ersten Juni fand auf dem Marsfeld die Feier anlaesslich der Annahme der neuen – der wievielten eigentlich? – Verfassung statt. Bei diesem Fest zeigte sich Kaiser Napoleon zum letzten Mal der Oeffentlichkeit. Gegen ein Uhr mittags traf der Kaiser am Ort der Zeremonie in einer von acht Pferden gezogenen Kutsche ein – in eben jener, in der er und Josephine an jenem gluecklichen Dezember 1804 zur Kroenung nach Notre-Dame gefahren waren, als noch alles vor ihnen lag, als die Vorsehung auf der Seite des Kaisers stand. Napoleon trug ein phantastisches Kostuem, das seine ungesunde Fuelle verbergen und ihm ein heldenhaftes Aussehen verleihen sollte. Viele fanden seinen Aufzug unpassend. An den Seiten, in Gewaendern aus weissem Atlas, begleiteten den Kaiser seine Brueder Joseph und Lucien.
Vor der Militaerschule war auf Hoehe der Fenster des zweiten Stocks ein Podest errichtet worden, auf dem ein Thron stand. Auf diesen sollte sich der Kaiser setzen – darin lag der Sinn der Vorstellung. Die Zuschauer nahmen auf eigens errichteten, terrassenfoermigen Baenken Platz. Es waren ihrer 20.000 an der Zahl, dazu 200.000 Volk ohne Sitzplaetze. Bis zur Tribuene wurde der Kaiser neben seinen Bruedern vom Hofstaat, den Ministern, den Marschaellen und den Mitgliedern des Staatsrates begleitet. Nachdem er das Podest bestiegen hatte, hielt der Kaiser-Schauspieler, der genialste Akteur seiner Zeit, mit durchdringender Stimme eine sorgfaeltig durchdachte und gut einstudierte Rede.
Er sprach vom Anbruch einer neuen Aera, in der sein Genie die demokratischen Errungenschaften festigen wuerde, von der Groesse der franzoesischen Nation, von der Freiheit... Es war nicht wichtig, was er sagte – wichtig war das Wie. Er sprach eindringlich, ueberzeugend, mit grossem seelischem Aufschwung. Und das Kostuem, das auf dem Weg zum Thron noch geschmacklos und papageienhaft gewirkt hatte, wirkte nun am rechten Platz und verlieh dem Kaiser imperiale Wuerde. «Es lebe der Kaiser! Es lebe die Nation! Es lebe die Freiheit!», antwortete ihm das Publikum.
Napoleon setzte sich auf den Thron und schwor in dieser Haltung, die Verfassung einzuhalten.
Im dritten, dem finalen Akt stieg Napoleon zur Nation hinab. Nun, nicht ganz zur Nation, sondern zu den Delegationen der Departements. Sie warteten geduldig am Fusse des Podests und symbolisierten, dass das Regime sich nicht mehr wie frueher auf militaerische Gewalt, sondern auf die zivilen Behoerden stuetzte. Zu den einen sagte er: «Ihr seid meine alten Waffenbrueder», zu anderen: «Bei euch bin ich aufgewachsen», zu den dritten: «Wir waren zusammen bei Rivoli, Arcole, Marengo, Jena».


Am naechsten Tag bestaetigte der Kaiser die Liste der Pairskammer. Sie bestand aus 119 Personen, darunter drei Brueder Napoleons. Am dritten Juni fanden die erste Sitzung der Pairskammer und die erste Sitzung der Deputiertenkammer statt. Der Kampf entbrannte in der zweiten Sitzung am vierten Juni. Bei der Wahl des Praesidenten der Deputiertenkammer siegte Napoleons Gegner, der Abgeordnete Lanjuinais, mit 277 von 427 Stimmen. In den folgenden zwei Tagen waehlten die Abgeordneten die Vizepraesidenten, und bei diesen Wahlen erlitten die Bonapartisten Niederlagen. Gewaehlt wurden Flaugergues, Dupont, Lafayette und General Grenier. Mit diesen Wahlen meldete das Parlament ernsthafte Ansprueche auf die Macht an.
Napoleons Hoffnungen, alles zu aendern, ohne im Wesentlichen etwas zu aendern, brachen zusammen, und nur ein grosser Sieg konnte die autokratische Macht des Kaisers retten. Er wuerde den Unzufriedenen den Mund stopfen und den Kaiser ueber das Parlament erheben, das ihm seinem Wesen nach feindlich gesinnt war.


11


Von den ersten Tagen des zweiten Kaiserreiches an galt die erste Sorge des Kaisers der Armee – seine Sorge und die des Kriegsministers Marschall Davout. In den letzten drei Feldzuegen hatten viele franzoesische Soldaten ihre ewige Ruhe auf den Feldern Russlands, Sachsens und der Champagne gefunden. So zaehlte die Armee Frankreichs im Maerz 1815 nur 200.000 Mann. Das war viel zu wenig.
Napoleon und Davout rechneten aus: Mit den aus der Gefangenschaft Zurueckgekehrten und den Neuaushebungen koennten sie auf 800.000 Soldaten hoffen. Mit diesen Kraeften koennte man der Million der Verbuendeten durchaus widerstehen, wenn man die unterschiedlichen Ziele der Koalitionsmitglieder bedachte. Um eine solche Armee aufzustellen, brauchte man sechs bis acht Monate, doch diese Zeit gab es nicht. Die Verbuendeten hatten nicht die Absicht, Napoleon Zeit fuer die Vorbereitung zu lassen. Sie zogen ihre Truppen an den Grenzen Frankreichs zusammen. Die Strategie diktierte – irgendwo einen oertlichen Erfolg zu erzielen und auf der Welle dieses Erfolges einen Waffenstillstand zu schliessen, der dem Kaiser die fehlenden drei bis vier Monate verschaffen wuerde. Kurz gesagt, Napoleons innere und aeussere Lage erforderte einen schnellen Sieg.
Bis zu den ersten Junitagen gelang es Napoleon und dem Kriegsminister, die Armee fast zu verdoppeln. In den Festungen befanden sich 120.000 bis 140.000 Soldaten, und fuer Feldoperationen standen an den Grenzen 230.000 Mann bereit. Letztere waren in vier Armeen und drei Observationskorps aufgeteilt. Sie waren ungleich verteilt. Sechs Truppenverbaende umfassten 106.000 Soldaten. Der siebte Verband, die Nordarmee, zaehlte 124.000 Soldaten mit 370 Kanonen. Das Kommando ueber diese Armee uebernahm Napoleon. Mit ihrer Kraft hoffte er, seine inneren und aeusseren Probleme zu loesen.
Von allen Seiten eilten feindliche Heerscharen nach Frankreich. Von Sueden marschierte die oesterreichische Armee heran, nachdem sie mit der neapolitanischen Armee fertiggeworden war. Von Osten bewegte sich die russische Armee. An ihren Flanken marschierten die Korps der Verbuendeten: am linken die oesterreichischen, am rechten die preussischen. In Belgien, jenseits der Maas, sammelte sich die englische Armee Wellingtons, und noerdlich davon konzentrierte sich die preussische Armee Bluechers. Diese beiden waren die einzigen in Napoleons Reichweite. Mit ihnen beschloss er, abzurechnen.
Zu diesem Zweck konzentrierte sich die Nordarmee an der franzoesisch-belgischen Grenze. Sie war in fuenf Infanteriekorps, vier Kavalleriekorps und die Garde – zu Fuss und zu Pferd – unterteilt. Die Garde wurde von General Drouot kommandiert. Die Infanteriekorps befehligten die Generale Erlon, Reille, G;rard, Vandamme und Lobau. Die Kavallerie: die Generale Pajol, Exelmans, Kellermann und Milhaud. Das Oberkommando ueber die Kavallerie vertraute der Kaiser dem Grafen Grouchy an.
Am Tag vor der Abreise zu den Truppen, am 11. Juni, ernannte Napoleon Joseph zum Vorsitzenden des Staatsrates. Am elften abends leitete der Kaiser zum letzten Mal eine Sitzung des Staatsrates. «Er litt sehr unter einer Erkaeltung», bemerkte Lavalette, als der Kaiser um Mitternacht nach der Sitzung in die Kutsche stieg, «dennoch war er, als er Platz nahm, so zufrieden, dass es einen gluecklichen Ausgang zu versprechen schien».
Vier Stunden spaeter verliess Napoleon Paris. Er wurde von drei Marschaellen begleitet: Soult, der Generalstabschef des Kaisers geworden war, Grouchy, der am 15. April zum Marschall ernannt worden war, und Mortier. Letzterer kehrte jedoch von Avesnes aus nach Paris zurueck, da er sich krankgemeldet hatte. Dafuer traf in Avesnes Marschall Ney beim Kaiser ein. Seit einiger Zeit war er auf den Kaiser beleidigt, und der Kaiser war sehr beleidigt auf den Marschall. Kurz gesagt, die Feldherren waren zerstritten. Eine Zeit lang hatte Ney auf seinem Gut gelebt und kam auf Bitten von Davout zum Kaiser. «Cousin», schrieb der Kaiser vor der Abreise an den Kriegsminister, «rufen Sie Ney; wenn er an den ersten Schlachten teilnehmen will, muss er am 14. in Avesnes sein, wo sich mein Quartier befinden wird».
Napoleons Plan war einfach. Entlang der Linie Maubeuge – Charleroi – Namur – Luettich wollte er sich zwischen die Armeen von Wellington und Bluecher draengen. Zuerst Bluecher schlagen und dann Wellington. Genau in dieser Reihenfolge. Er glaubte, dass Wellington Bluecher kaum zu Hilfe kommen wuerde, waehrend Bluecher Wellington sicherlich helfen wuerde. Im Grossen und Ganzen hatte er recht.

Die Verbuendeten mussten keine Sofortmassnahmen zur Vergroesserung ihrer Armeen ergreifen. Diese waren nach wie vor auf Kriegsstaerke gehalten. Die oesterreichischen Truppen beschaeftigten sich fast sofort mit Murat, die Russen befanden sich weit entfernt auf dem Marsch, und als Erste bereiteten sich die Preussen auf den Krieg vor.
Am 17. Maerz ernannte Koenig Friedrich Wilhelm Feldmarschall Bluecher zum Oberbefehlshaber der preussischen Truppen in Belgien. Zum Stabschef waehlte Bluecher General Gneisenau. Ende Maerz war die belgische Armee der Preussen bereit fuer die Schlachten.
Man sollte die Gefahr nicht unterschaetzen, die die Verbuendeten in Napoleon sahen. Der preussische Koenig zum Beispiel fuehrte auf Vorschlag Hardenbergs und des Kriegsministers Boyen trotz des Widerstands vieler die allgemeine Wehrpflicht ein, was er weder im schwierigen Jahr Dreizehn noch im Krieg um Frankreich getan hatte.
England erhoehte seine Militaerpraesenz in Belgien. Zusaetzliche Truppen stellten die Niederlande und das Kurfuerstentum Hannover.
Am vierten April fand in Aachen das erste Treffen zwischen Wellington und Gneisenau statt. Ziel des Treffens war die Festlegung gemeinsamer Operationen. Es wurde beschlossen: Falls die Franzosen eine Offensive beginnen sollten, werde man ihnen suedlich von Bruessel eine Schlacht liefern. Nicht aus militaerischen Erwaegungen, sondern aus politischen. Da Gneisenau die Vorliebe der Englaender kannte, sich in Kriegen auf dem Kontinent an der Kueste zu halten, rang er Wellington das Versprechen ab: Im Falle einer Niederlage in der ersten Schlacht nicht nach Antwerpen und von dort mit Schiffen nach England abzuziehen – womit die preussische Armee allein gelassen wuerde –, sondern nach Maastricht, also in Richtung Preussen, zurueckzuweichen. Wellington versprach zunaechst, ein solches Manoever mit einem Korps durchzufuehren, stimmte dann aber zu, im Falle eines ersten Misserfolgs die gesamte Armee nach Osten zu fuehren.
Im Laufe des Aprils trafen drei Korps der Armee Bluechers aus Preussen ein und bezogen Stellung von Trier bis Charleroi. Zwei Korps der Armee Wellingtons und Reserven schirmten Belgien von Charleroi bis zur Kueste ab.
Anfang Mai kam es in der preussischen Armee zu grossen Unruhen, die, haetten die Franzosen zu dieser Zeit angegriffen, in einer Katastrophe haetten enden koennen. Am 2. Mai brach die saechsische Meuterei aus. Das zweite Armeekorps unter dem Kommando von General Borstell bestand aus Sachsen. Aufgrund des Anschlusses Nordsachsens an Preussen wurde etwa die Haelfte der Soldaten des Korps zu Preussen, die andere Haelfte blieb sachsen. Die neuen Preussen mussten – was natuerlich war – dem Koenig Friedrich Wilhelm den Treueid leisten. Dieser Umstand loeste grosse Empoerung in den Reihen derer aus, die noch keine Preussen, aber auch keine Sachsen mehr waren. Die Sache ging so weit, dass Feldmarschall Bluecher eilends aus seinem Haus floh, um nicht einen schmaeherlichen Tod durch die Hand eines erzuernten Sachsen zu sterben.
Eine Meuterei ist eben eine Meuterei, sie basiert auf einem starken Gefuehl und verpufft schnell. Die saechsische Meuterei verpuffte rasch. Als sie vorueber war, umzingelten preussische Truppen die Meuterer, ergriffen die Raedelsfuehrer und erschoossen sie. Die Fahne des Gardebataillons, des Motors des ganzen Unternehmens, wurde vor der Front verbrannt, das Personal des Bataillons auf andere Einheiten verteilt und der Korpskommandant, der die Soldaten zu einer solchen Schandtat hatte kommen lassen, seines Kommandos enthoben. Der Koenig vertraute das Kommando ueber das meuternde Korps General Pirch I. an.
Am Tag nach der Niederschlagung der Meuterei traf Bluecher in Tirlemont (zwischen Bruessel und Luettich) mit Wellington zusammen. Die Feldherren verstaendigten sich ueber einen Dolmetscher. Dies hinderte sie nicht daran, eine Vereinbarung zu treffen: Sollte einer in Gefahr geraten, wuerde der andere zu Hilfe eilen. Im Grunde hatte das Treffen Protokollcharakter. Bluecher bestaetigte lediglich das, was Gneisenau bereits am vierten April in Aachen vereinbart hatte.


Herzog Wellington, noch in Wien als Leiter der englischen Delegation, schlug den Monarchen vor, unverzueglich in Frankreich einzumarschieren, bevor Napoleon Zeit haette, neue Truppen aufzustellen. Doch weder Alexander noch Franz eilten. Es war unklar, worin Napoleons zweite Thronbesteigung muenden wuerde: in einen nationalen Aufschwung, aehnlich dem revolutionaeren vor 20 Jahren – dann haette man mit Napoleon Frieden schliessen muessen –, oder, falls es Napoleon nicht gelaenge, die Nation gegen den aeusseren Feind zu vereinen, wuerde das ganze Unternehmen die Form einer Militaeroperation annehmen.
Ende April, Anfang Mai wurde den fuehrenden Kabinetten Europas klar, dass Napoleon die innere Zaehigkeit Frankreichs nicht ueberwinden konnte und ein nationaler Aufschwung ausblieb. Zu dieser Zeit legte das oesterreichische Kabinett in Person des Fuersten Schwarzenberg einen Feldzugsplan vor. Demnach sollten die Verbuendeten am ersten Juni an der gesamten Linie mit einer Streitmacht von 850.000 Mann die Feindseligkeiten beginnen. Aus verschiedenen Gruenden, vor allem wegen des Verzugs der Russen, wurde das Ueberschreiten des Rheins und damit der Beginn des Feldzugs auf den 27. Juni verschoben.
Im Juni befanden sich in Belgien folgende Truppen:
Die preussische Armee. Das 30.000 Mann starke erste Armeekorps unter Generalleutnant Zieten besetzte den Operationsraum von der franzoesischen Grenze bis Charleroi. Hinter Zieten nach Osten, von Charleroi bis Namur, stand das zweite Armeekorps unter General Pirch mit 30.000 Soldaten. Von Namur suedlich bis zur Stadt Ciney, das oestliche Ufer der Maas deckend, lagen Teile des 23.000 Mann starken dritten Armeekorps unter Generalleutnant Thielemann. Und hinter den vorderen Korps sammelte sich in Luettich das 25.000 Mann starke vierte Armeekorps des beruehmten Generals Buelow. Zusammen mit den Reserven des Hauptquartiers verfuegte Bluecher ueber 113.000 Soldaten. Der Artilleriepark bestand aus 228 Geschuetzen.
Die englische Armee. Das erste Armeekorps unter dem Kommando des Erbprinzen Wilhelm von Oranien stand den Preussen am naechsten. Es besetzte Stellungen an der Strasse Mons – Bruessel. Rechts vom Korps von Oranien, an der Strasse Lille – Bruessel, befanden sich Teile des zweiten Armeekorps unter Generalleutnant Lord Hill. Die Schwadronen des Reservekorps unter Generalleutnant Graf Uxbridge fuellten die Raeume zwischen den Strassen aus. Die Infanterie des Reservekorps stand in und um Bruessel. Nur eine Brigade des Reservekorps schuetzte in Gent Seine Christliche Majestaet. Wellingtons Armee zaehlte 93.000 Mann. Sie bestand aus vier Nationen: 37.000 Deutsche (Hannoveraner, Nassauer und Braunschweiger), 32.000 Englaender, 24.000 Hollaender und Belgier. Der kampfkraeftigste Teil der Armee war der englische, gestaehlt in den Kaempfen auf der Iberischen Halbinsel. Die belgisch-hollaendischen Verbaende, die viele Male auf der Seite Napoleons gekaempft hatten, floessten dem Befehlshaber einige Besorgnis ein. Die Artillerie der Armee bestand aus 204 Geschuetzen.


12


Am Morgen des 14. Juni ueberschritten die franzoesischen Truppen massenhaft die belgische Grenze. Bei Ham und Thuin stiessen sie auf versprengte Teile von Zietens Korps. Trotz des schnellen Vormarsches des Gegners gelang es Zieten, bis zum Abend das gesamte Korps hinter Charleroi, bei Fleurus, zwanzig Kilometer vom Ort des ersten Zusammenstosses entfernt, zu sammeln. Beim Rueckzug verloren die Preussen 1.200 Mann, zum groessten Teil Gefangene.
Der Morgen des 15. Juni begann fuer Napoleon mit einer grossen Unannehmlichkeit. Der Kommandeur der ersten Division von Gerards Korps, General Bourmont, der Stabschef der Division, Oberst Clouet, drei Kapitaene und ein Leutnant liefen zum Feind ueber. In seinem Zelt hinterliess Bourmont eine an General Gerard gerichtete Nachricht, die das Versprechen enthielt, dem Feind keine Militaergeheimnisse zu verraten. Und natuerlich brach er das Versprechen. Bluecher wollte Bourmont nicht sehen – ganz im Gegensatz zu Alexander, der 1813 unter aehnlichen Umstaenden den Ueberlaeufer Jomini mit offenen Armen aufgenommen hatte.
– Er hat eine weisse Kokarde am Hut, – machte Bluechers Adjutant den Feldmarschall aufmerksam.
– Na und, – wunderte sich der Feldmarschall, – ein Verraeter bleibt ein Verraeter.
Am 15. Juni sammelte Napoleon, nachdem er eine schwache preussische Abteilung aus Charleroi vertrieben hatte, seine Truppen in der Stadt. Zur Linken formierte sich die Gruppierung von Marschall Ney aus zwei Infanterie- und einem Kavalleriekorps. Napoleon stellte mit Genugtuung fest, dass die englische und die preussische Armee vorerst getrennt waren, und Ney sollte durch den Marsch auf Bruessel verhindern, dass Wellington Bluecher zu Hilfe kam.
Unterdessen zog Bluecher seine Kraefte 10 bis 15 Kilometer nordoestlich von Charleroi zusammen, zwischen den Staedten Fleurus und Sombreffe. Der Feldmarschall beabsichtigte, die Schlacht in einer bereits im Mai gefundenen und vorbereiteten Stellung bei Sombreffe anzunehmen. Zu Beginn der Schlacht hatte Bluecher 83.000 Mann gesammelt. Es fehlte das Korps von Buelow, und Wellingtons Armee war noch nicht eingetroffen. Das Fehlen von Buelows Korps auf dem Schlachtfeld wird traditionell mit der Schwerfaelligkeit Gneisenaus erklaert, der den Befehl an Buelow zu spaet absandte, und Wellington... mit ihm gab es ein anderes Missgeschick.
Zweitens: Bluecher rief Oberst Mueffling, den preussischen Attachee beim Hauptquartier Wellingtons, in sein Hauptquartier. Dieselben Funktionen bei Bluechers Stab erfuellte der englische Oberst Harding. Der Feldmarschall schickte Mueffling mit einem Brief an den Kommandierenden zum englischen Stab, in dem er Wellington bat, so schnell wie moeglich mitzuteilen, wann und wo er die Korps seiner Armee zu vereinigen gedenke und welche Ziele er verfolgen werde. Des Weiteren schrieb Bluecher, dass er beabsichtige, die Schlacht bei Sombreffe anzunehmen, und es waere wuenschenswert, die englische Armee oder einen Teil der Armee an den Ort der geplanten Schlacht heranzuziehen, um den linken Fluegel des Gegners anzugreifen. Dieses Schreiben war in vorsichtigen Ausdruecken verfasst, damit, um Himmels willen, nicht der Stolz Wellingtons verletzt wuerde.
Waehrend Bluecher in Sombreffe den Brief an Mueffling uebergab, setzte sich Herzog Wellington in Bruessel zum Mittagessen. Napoleon bestimmte die seelische Haupteigenschaft des englischen Kommandierenden korrekt. Er war ein aeusserst hochmuetiger Gentleman. Die britische Arroganz ist die Arroganz der unangenehmsten Sorte. Sie basiert auf der festen Ueberzeugung von der Ueberlegenheit alles Britischen ueber den Rest. Und dann, erst kuerzlich in Wien, bestimmte Wellington auf Augenhoehe mit zwei Kaisern und einem Koenig die Schicksale Europas, und jetzt wagen es irgendwelche Gneisenau und Bluecher, ihm vorzuschreiben, wohin er gehen und was er tun soll. Mitten in der Mahlzeit, die viele seiner Generale mit Wellington teilten, trat der Prinz von Oranien mit Neuigkeiten in den Speisesaal... Doch der Herzog wollte das Mittagessen der Kriegs wegen nicht unterbrechen. Solche Tischmanieren-Tapferkeit rief den Applaus der englischen Generale hervor. Klatschen wir in Gedanken auch Beifall fuer die Kuehnheit des Herzogs, der seine Prioritaeten richtig gesetzt hat – erst das Essen, dann der Krieg. Die Mahlzeit dauerte unendlich lange, dann gab es gemuetlichen Cognac, und erst um sechs Uhr schenkte Wellington dem Oranier Beachtung.
– Was haben Sie, Eure Hoheit? Wozu diese Eile?
– Gestern Mittag, – meldete der Prinz, – hat der Feind mit grossen Massen Zieten bei Thuin angegriffen. Jetzt sammelt er sich bei Charleroi. Es scheint, als ob Napoleon morgen beabsichtigt, Bluecher anzugreifen.
– Ich versichere Ihnen, Sie irren sich. Meinen Informationen zufolge wird Napoleon die Schlacht uebermorgen geben, und heute haben wir den Ball bei der Herzogin von Richmond.
Ein Adjutant des Kommandierenden trat in das Zimmer und uebergab Wellington eine Notiz.
– Die Herzogin fragt an, – wandte sich Wellington nach dem Lesen der Notiz an den Prinzen, – ob man den Ball vielleicht absagen sollte. Positiv, jeder weiss besser als ich, was Napoleon zu unternehmen gedenkt.
Wellington trat an den Tisch, schrieb einige Worte nieder und reichte die Notiz dem Adjutanten.
– Schicken Sie dies der Herzogin, – sagte Wellington, und nachdem er gewartet hatte, bis der Adjutant gegangen war, fuegte er hinzu: – Der Ball findet statt, Eure Hoheit.
Doch der Oranier irrte sich nicht. Um sieben Uhr traf ein Melder von General Zieten ein, und eine Stunde spaeter brachte Mueffling den Brief von Bluecher. Erst danach unterzeichnete Wellington die Befehle an einige Einheiten, in Richtung Sombreffe auszuruecken.
Nachdem er die notwendigen Anweisungen gegeben hatte, begab sich der Herzog zum Ball.

13


Herzog Wellington begab sich zum Ball, und Marschall Ney machte bei Quatre-Bras halt.
Erst am Mittag des 15. Juni, als er in das eroberte Charleroi einritt, vertraute der Kaiser Ney das Kommando ueber den linken Fluegel an, bestehend aus den Infanteriekorps von Reille und d’Erlon, wobei die Kavallerie bereits auf der Strasse nach Bruessel vorausgeschickt worden war und Kellermanns schwere Kavallerie, weit zurueckbleibend, sich noch auf der anderen Seite des Flusses Sambre befand. Ney sollte sofort nach Gosselies (sechs Kilometer noerdlich von Charleroi) reiten, um das Kommando zu uebernehmen.
Eine Zeit lang schlug die Brigade Steinmetz aus Zietens Korps die Angriffe von Reilles Soldaten auf Gosselies recht erfolgreich zurueck. Gegen zwei Uhr zog Steinmetz die Brigade nach Osten ab. Drei Divisionen von Reilles Korps stationierte Ney bei der Stadt Gosselies, und die vierte Division sowie die Kavallerie von General Lefebvre schickte er die Bruesseler Strasse entlang ueber Mallet nach Quatre-Bras. Auf dem Marsch, nahe Frasnes, stiessen die franzoesischen Kavalleristen auf die Vorposten der englischen Armee. Ein Infanteriebataillon der Nassau-Truppen und eine berittene Batterie der Hollaender schlugen den zaghaften Angriff der Ulanen zurueck, und der franzoesische General bat um Infanterie-Verstaerkung. Gegen sechs Uhr traf die franzoesische Infanterie bei Frasnes ein, und die Truppen der englischen Armee zogen sich nach Quatre-Bras zurueck.
Waehrend die Nassauer das Dorf Quatre-Bras von Sueden her betraten, rueckte von Norden her, aus Genappe, das anderthalbtausend Mann starke Regiment Sachsen-Weimar in das Dorf ein. Zudem eilte aus Nivelles eine Brigade der Infanteriedivision Perponcher zum Strassenkreuz. Um sieben Uhr trafen die drei vorderen Bataillone Perponchers in Quatre-Bras ein. Alle diese Manoever fuehrten die Kommandeure der englischen Armee aus eigener Initiative durch. So konzentrierten sich durch eine Verkettung von Umstaenden, wie es im Kriege oft geschieht, bis sieben Uhr abends am Strassenkreuz im Doerfchen Quatre-Bras 4000 Soldaten der englischen Armee mit acht Kanonen.
Marschall Ney haette die englische Abteilung leicht zerschlagen koennen, doch er fuerchtete, sich mit einem Korps zu weit von den Hauptkraeften zu entfernen, und er fuerchtete einen Flankenangriff der zurueckgetretenen, aber nahe gelegenen preussischen Brigade Steinmetz. Vielleicht fuerchtete Ney noch etwas anderes, vielleicht reichten die genannten Befuerchtungen aus, aber Tatsache bleibt: Er fuehrte die Truppen nicht nach Quatre-Bras, sondern brachte sie in Frasnes zur Nachtruhe unter. Der Marschall selbst kehrte nach Gosselies zurueck, ass ausgiebig zu Abend und begann einen Rapport zu schreiben, wobei er schwer darueber nachgruebelte, ob er hinfahren sollte, um sich mit dem Kaiser zu versoehnen, oder Stolz zeigen sollte. Bis Mitternacht siegte der Stolz, und er sandte den Rapport mit einem Adjutanten ab; doch als die Glocken Mitternacht schlugen, siegte der gesunde Menschenverstand. Als Marschall der koeniglichen Truppen hatte Ney bei seiner Abreise nach Besancon Ludwig gegenueber unvorsichtig versprochen, Bonaparte zu fangen und ihn in einem eisernen Kaefig nach Paris zu bringen. Natuerlich versaeumten es die Schmeichler, von denen es beim Kaiser immer reichlich gab, nicht, Napoleon Neys prahlerisches Versprechen zu ueberbringen. Sobald der Kaiser Ney sah, erinnerte er sich sofort an diesen Kaefig, konnte nichts dagegen tun und begann Ney gegenueber grob zu werden. Deshalb waren die Feldherren zerstritten.


Unterdessen rueckte Napoleons Gruppierung den ganzen 15. Juni ueber erfolgreich nach Osten vor. Vandammes Infanterie und Grouchys Kavallerie trieben Teile von Zietens Korps vor sich her. Napoleon befand sich in der Avantgarde. Um halb vier, nachdem er Grouchy und Vandamme die Anweisung gegeben hatte, nach Moeglichkeit bis Sombreffe vorzuruecken und sich dort festzusetzen, kehrte der Kaiser nach Charleroi zurueck, da er ausserordentlich ermuedet war. Und nicht nur er. Die Soldaten waren stark erschoepft. In weniger als zwei Tagen hatte Vandammes Infanterie unter Kaempfen etwa 60 Kilometer zurueckgelegt. Als der Kaiser deshalb zum Ausruhen nach Charleroi abreiste, kam der Marsch von selbst zum Erliegen. Am Abend bezog die franzoesische Armee Biwaks auf folgenden Positionen: das erste und zweite Infanteriekorps zwischen Marchienne und Frasnes; Girards Division in Wangenies bei Fleurus; die Kavalleriekorps von Pajol und Exelmans zwischen Lambusart und Campinaire; Vandammes Korps direkt dahinter, um Soleilmont; die Gardeinfanterie zwischen Gilly und Charleroi; die Kavalleriekorps von Milhaud und Kellermann sowie das 6. Infanteriekorps bei Charleroi, aber noch auf der anderen Seite der Sambre; das 4. Korps um Chatelet, wobei eine Division des Korps am Nordufer der Sambre stand.
„Monseigneur, es ist jetzt neun Uhr abends“, schrieb Napoleons Sekretaer Baron Fain an Joseph, „der Kaiser, der seit drei Uhr morgens im Sattel sass, ist ausserordentlich ermuedet zurueckgekehrt. Er ist auf das Bett gefallen, um einige Stunden zu ruhen. Um Mitternacht wird er wieder zu Pferde steigen muessen.“
Kaum war der Kaiser erwacht, meldete der Adjutant die Ankunft von Marschall Ney. Der Marschall nahm zum zweiten Mal ein ausgiebiges Abendessen in Gesellschaft des Kaisers ein, und nachdem er mit ihm die Operationen seiner Gruppierung fuer den kommenden Tag besprochen hatte, fuhr er in sein Hauptquartier ab. Die einstige Leichtigkeit der Beziehungen war nicht mehr vorhanden, doch der Kaiser wurde beim Essen nicht offen grob, und Ney blieb mit dem Treffen zufrieden.


In Bruessel, bei der Herzogin von Richmond, fand unterdessen der Ball statt. Auf seinem Hoehepunkt, um eins Uhr morgens am 16. Juni, wurde Wellington mitgeteilt, dass die Franzosen bei Quatre-Bras gesichtet worden waren. Der Kommandierende versammelte die Generale in einem separaten Zimmer, vertraute ihnen diese unangenehme Nachricht an und befahl, zu ihren Einheiten aufzubrechen und bereit zu sein, sofort nach Sombreffe zu marschieren. Zwischen zwei und drei Uhr morgens verliess Wellington nach einer hoeflichen Verabschiedung das Haus der Herzogin. Ein paar Stunden schlief er zu Hause und begab sich bei Sonnenaufgang nach Quatre-Bras. Zu dieser Zeit war die englische Armee bereits in Bewegung. Regimenter und Divisionen brachen die Lager ab und marschierten nach Osten. Unter dem Geheul der Dudelsacke zogen die Schotten aus Bruessel aus. Ihnen folgten die Braunschweiger.
Um neun Uhr traf Wellington am Ort des Geschehens ein. Zu dieser Stunde befanden sich in Quatre-Bras zwei hollaendische Brigaden und die englische Division Perponcher mit einer Gesamtstaerke von 7700 Mann. Sehr bald begriff Wellington: Die hier befindlichen Truppen reichten nicht aus, um einen entschlossenen Angriff des Gegners aufzuhalten. Und wenn die Franzosen das Strassenkreuz einnaehmen, wuerde die Vereinigung seiner Armee mit Bluechers Truppen zu einer hoechst problematischen Angelegenheit. Noch schlimmer war, dass er die Preussen in den naechsten 6 bis 8 Stunden nicht unterstuetzen konnte. So raechten sich nun sein Mittagessen und der Ball. Dennoch teilte Wellington gegen 10 Uhr Bluecher sein Eintreffen mit und gab dem Feldmarschall an, wo sich die englischen Truppen befanden. Dabei spielte er auf Zeit und Vorsprung. Er gab die Positionen seiner Brigaden und Divisionen mit einem Vorsprung von 3 bis 4 Stunden an.
Da bis zum Mittag kein franzoesischer Angriff erfolgte, besuchte Wellington das preussische Hauptquartier. Er versprach dem Feldmarschall baldige Hilfe, natuerlich nur, falls er nicht selbst angegriffen wuerde. Diese versprochene Hilfe am Abend des 15., am Morgen des 16. und am Mittag des 16. Juni ist der Grund fuer die Verzoegerung des Abmarsches von Buelows Korps aus Luettich, und nicht ein Fehler Gneisenaus.
Die preussische Armee war am Mittag zur Schlacht bereit. Das Zentrum und den rechten Fluegel besetzten vier Brigaden des ersten Korps von Zieten, mit Stuetzpunkten in den Doerfern Brye, Saint-Amand und Ligny. Den linken Fluegel besetzte das dritte Korps von Thielemann. Hinter dem Ruecken von Zieten und Thielemann, bei Sombreffe, sammelte sich das zweite Korps von Pirch.
Nachdem er etwa eine Stunde im Bereich der preussischen Armee verweilt hatte, fuhr Wellington zurueck. Auf dem Weg hoerte er Kanonenschuesse. Es war Ney, der das Strassenkreuz angriff.

Am Morgen des 16. Juni war Ney bereit, das 13.000 Mann starke Korps Reille und die 4.000 Mann starke Kavallerie auf die Strasse Nivelles–Bruessel zu fuehren. Den Beteuerungen des Kaisers zufolge konnte Ney auf dem Marsch keine grossen feindlichen Kraefte erwarten; hoechstens einzelne Regimenter der englischen Armee, die den Preussen zu Hilfe eilten und die mit aller Entschlossenheit geschlagen werden mussten. Ney war bereit zum Abmarsch, doch die berittene Aufklaerung meldete zu dieser Zeit, dass bei Quatre-Bras anstelle des gestern zurueckgelassenen feindlichen Bataillons Kraefte von mindestens einer Division konzentriert waren. Ney vermutete, dass sich in die Berechnungen des Kaisers ein Fehler eingeschlichen hatte. Der Marschall zweifelte, und diese Zweifel aeuesserten sich in einer Verzoegerung des Aufbruchs, in der Entsendung einer Depesche ueber die aktuelle Lage ins Hauptquartier und in der Bitte um neue Instruktionen. Um halb zehn, als Napoleon sich anschickte, von Charleroi nach Fleurus aufzureisen, traf ein Kurier aus Frasnes mit der Nachricht ein, dass grosse feindliche Kraefte bei Quatre-Bras eingetroffen seien. Der Kaiser diktierte Ney eine Notiz, in der er ihm befahl, diese Truppen zu vernichten, und fuegte hinzu: „Bluecher war gestern noch in Namur, er haette kaum jemanden nach Quatre-Bras bringen koennen. Sie werden also von niemandem gestoert, ausser von denen, die aus Bruessel kommen.“ Der Kaiser war sehr unzufrieden mit Neys unverstaendlicher Furchtsamkeit.
Um 11 Uhr ueberbrachte Napoleons Adjutant General Flahaut Ney die Unzufriedenheit des Kaisers und dessen Notiz. Eine weitere Stunde verging fuer die Vorbereitungen, und um Mittag erfolgte der Aufbruch.
Von den 45.000 von Napoleon versprochenen Mann verfuegte Ney bei Quatre-Bras ueber 17.000: drei Divisionen von Reilles Korps und zwei Kavalleriedivisionen. Und dahinter, in Frasnes, das 25.000 Mann starke Korps d’Erlon. Und mit diesen Truppen sollte er nach Bruessel marschieren, waehrend eine hunderttausend Mann starke englische Armee seine Flanke bedrohte. Die Zweifel des Marschalls an der Umsetzbarkeit des kaiserlichen Plans sind verstaendlich.
Um zwei Uhr nachmittags unternahm die fuenfte Division Bachelu ein rechtes Umgehungsmanoever der feindlichen Stellungen, waehrend die folgende neunte Division von General Foy die Englaender frontal angriff. Bachelu's Soldaten draengten die Soldaten von Sachsen-Weimar aus dem Wald, und die Ereignisse auf diesem Abschnitt drohten Wellington mit dem Zusammenbruch seiner gesamten Position.
Nach einer Stunde Kampf erhielten beide Seiten Verstaerkungen. Zu den Franzosen stiess die im Arrieregarde folgende sechste Infanteriedivision von Jerome Bonaparte, waehrend bei den Briten Kavallerie eintraf: die 5.000 Mann starke englische Division von General Picton und die dreitausend Mann starke hannoverische Brigade von General Best. Mit den frischen Truppen erhoehte Ney den Druck auf das Zentrum und den linken Fluegel des Gegners.
Wellington stellte Picton ins Zentrum und schickte die Hannoveraner an den linken Fluegel. Gegen vier Uhr trafen bei den Briten Teile des siebentausend Mann starken Korps des Schwarzen Herzogs ein. So nannte man den Herzog von Braunschweig seit 1809, als er allein gegen das gesamte franzoesische Kaiserreich gekaempft hatte, um sein Herzogtum zurueckzuerobern. Einen Teil der Braunschweiger stellte Wellington ins Zentrum, den anderen schickte er an den rechten Fluegel. Waehrend die Umgruppierungen stattfanden und um Zeit zu gewinnen, befahl Wellington der hollaendischen Kavallerie, einen Angriff im Zentrum vorzutragen. Doch die Franzosen hatten diesmal einen grossen Vorteil an Kavallerie. Der Gegenangriff von Kellermanns Kuerassieren fegte die hollaendischen Dragoner weg, doch bei der Verfolgung wagten es die franzoesischen Reiter nicht, das dichte Feuer der britischen Infanteristen zu durchbrechen.
Gegen vier Uhr erreichten die Seiten einen Zustand des prek;ren Gleichgewichts. Ney konnte die englischen Stellungen nicht einnehmen. Wellington konnte die Franzosen nicht zurueckdraengen und Bluecher nicht zu Hilfe kommen. Lassen wir Ney und Wellington in dieser Lage und richten wir unseren Blick auf das andere Paar: Napoleon – Bluecher.


Die Hauptkraefte der franzoesischen Armee waren zwei Stunden frueher als das Korps Reille auf den Marsch gegangen. Die wenigen preussischen Bataillone zogen sich zurueck und fuehrten die franzoesische Armee auf die zur Verteidigung vorbereiteten Stellungen.
In der Avantgarde der Franzosen folgte das Korps Vandamme (16.000 Mann), dahinter Grouchys Kavallerie (6.000 Mann), dann die Garde (21.000 Mann), und die Kolonne der Hauptkraefte schloss das Korps Gerard (15.000 Mann) ab. Als Napoleon um elf Uhr in Fleurus eintraf, war er ueber die Anwesenheit Grouchys dort ueberrascht, der seinen Befehlen zufolge laengst das von den Preussen geraeumte Sombreffe haette besetzen sollen. Man konnte dem Kaiser die Situation nur mit Muehe erklaeren, da er sich anfaenglich weigerte, an die Zunahme der Preussen zu glauben. Die Erfahrung aus den Kriegen von 1813 und 1814 sagte ihm: Bluecher zieht sich vor ihm immer zurueck. Warum sollte er sich 1815 anders verhalten? Doch die Tatsache der Anwesenheit Bluechers stand als hartnaeckige Sache vor dem Kaiser, und er musste sie hinnehmen. Dann inspizierte er die Truppen und waehlte einen Beobachtungsposten aus. Die Muehle wurde im Handumdrehen in sein Hauptquartier verwandelt. Am Mittag erreichte die Avantgarde die preussischen Stellungen und wich nach links von der Strasse ab, die folgende Kavallerie hielt sich rechts, und die Garde besetzte die Mitte.
Um 14 Uhr war aus dem Norden, von der Seite, wo Ney in Richtung Bruessel vorruecken sollte, Kanonade zu hoeren. Als er das Artilleriefeuer hoerte – das Korps Gerard war bereits im Anmarsch –, befahl Napoleon Vandamme, sich zum Angriff bereitzumachen, und der Gardeartillerie befahl er, an die vordere Linie vorzufahren. Um halb drei ging es los. Es begann mit Artilleriebeschuss des preussischen Zentrums und dem Angriff von Vandammes Korps auf den preussischen rechten Fluegel.
Lefols Division warf mit dem ersten Angriff die Brigade von General Jagow aus Saint-Amand hinaus. Die Franzosen hatten keine Zeit sich festzusetzen, als die Brigade Steinmetz einen Gegenangriff startete und das Dorf zurueckeroberte. Waehrend dieses preussischen Gegenangriffs trat Gerards Korps in den Kampf um den Besitz eines anderen Punktes ein – des Staedtchens Ligny. Die Preussen hatten die Stadt gut zur Verteidigung vorbereitet. Die 12. Infanteriedivision von General Pecheux rueckte unter schwerem kreuzweisen Artilleriefeuer vor. In nur 10 Minuten verlor die Division auf einer Distanz von einem Kilometer unter vollem Beschuss 500 Mann an Toten und Verwundeten; die Soldaten erreichten die Kirche am Rande der Stadt und gerieten dort in ein so dichtes Gewehrfeuer, dass sie eiligst den Rueckzug antraten. Angesichts des Scheiterns von Pecheux’ Angriff befahl Napoleon, die Gardeartillerie naeher an die Front heranzufuehren und ihr die Artillerie von Gerards Korps beizugeben. Die Batterien setzten planmaessig die Haeuser von Ligny in Brand, um die dort verschanzte preussische Infanterie auszueraeuchern.
Am linken Fluegel erhielt Vandamme die 4.000 Mann starke Division von General Girard (nicht zu verwechseln mit dem Kommandeur des vierten Korps, Gerard) aus Reilles Korps zur Verfuegung, die bereits am Vorabend von Ney abgezogen worden war. Um halb vier griff Vandamme die Preussen erneut an. Am Rande von Saint-Amand entbrannte ein blutiger Kampf mit Bajonettangriffen und Gegenstossen. Innerhalb einer halben Stunde wurden auf jeder Seite 2.500 Soldaten get;tet, doch Vandamme nahm das Dorf ein. Die Zahl der Toten davor war zehnmal hoeher als die der Lebenden in den besten Zeiten des Dorfes.
Der Verlust von Saint-Amand drohte Bluecher mit dem Durchbruch des rechten Verteidigungsfluegels, einem Flankenangriff der durchgebrochenen Franzosen auf die Artilleriebatterien des Zentrums und dem Verlust der gesamten Schlacht. Bluecher erkannte die Gefahr eines Durchbruchs Vandammes nicht erst im Nachhinein, sondern traf im Voraus Massnahmen, um ein solches unangenehmes Szenario zu verhindern. Ueber die alte Roemerstrasse schickte er die 6.500 Mann starke Brigade von General Tippelskirch zur Umgehung von Vandammes Stellungen, um den Franzosen in die „Weichteile“ des linken Fluegels zu schlagen. Vandamme bemerkte rechtzeitig, welche Gemeinheit die Preussen planten, und verstaerkte die Truppen zur Linken im Dorf Wagnelee erheblich, wobei er natuerlich den Druck im Abschnitt Saint-Amand verringerte. Vandammes verstaerkter linker Fluegel schlug den preussischen Angriff zurueck, doch der Angriffsschwung des Korps erlahmte.
Die Artilleriebatterien im Zentrum unterdrueckten teilweise das Feuer der preussischen Kanonen, was es der franzoesischen Infanterie ermoeglichte, die Angriffe auf Ligny wieder aufzunehmen. In der brennenden Hoelle von Ligny trafen franzoesische und preussische Infanteristen in einem gnadenlosen Nahkampf aufeinander. Als die Franzosen den Gegner bereits fast vertrieben hatten, traf die heute bereits im Einsatz gewesene Brigade Jagow in Ligny ein, und ihre Soldaten vertrieben die Franzosen aus den Ruinen des Staedtchens.
Gegen f;nf Uhr morgens geriet die Lage auf dem Schlachtfeld in einen Zustand des prekaeren Gleichgewichts, so wie eine Stunde zuvor die Lage bei Quatre-Bras ins Gleichgewicht gekommen war. Die Situation haette durch den Einsatz frischer Kraefte geaendert werden koennen. Napoleon verfuegte ueber drei grosse frische Truppenverbaende: das Korps Lobau, die Garde (15.000 Mann) und das erste Infanteriekorps des neuen kaiserlichen Marschalls d’Erlon. Dieses Korps irrte irgendwo zwischen den beiden Schlachten umher, und beide Feldherren, Ney und Napoleon, hatten Absichten auf es. Napoleon hatte zwar noch zwei Kavalleriekorps von Marschall Grouchy am rechten Fluegel, aber der Kaiser sparte die Kavallerie fuer die Verfolgung und die voellige Vernichtung des bereits geschlagenen Bluecher auf.
Nun also, das Korps d’Erlon. Um halb vier schrieb Napoleon Ney eine Notiz, in der er den Marschall bat, in Quatre-Bras nur das absolute Minimum zurueckzulassen, gerade genug, um den Feind aufzuhalten, und die uebrigen Teile zu ihm zu senden. Ueber das Korps d’Erlon schrieb Napoleon nicht, aber genau dieses hatte der Kaiser im Sinn. Diese Notiz ueberbrachte Ney der Adjutant des Kaisers, General Charles Labedoyere, der sich seine Generals-Epauletten nicht auf den Schlachtfeldern, sondern in Grenoble verdient hatte, als er mit seinem Regiment auf die Seite Napoleons uebertrat. Nicht nur den Generalsrang, sondern auch die Pairswuerde Frankreichs.

Anstatt zu Ney zu reiten und ihm Napoleons Befehl zu ueberbringen, zeigte der General eine Initiative, die fatale Folgen haben sollte. Er fuhr einfach auf dem Weg bei d’Erlon vorbei, dessen Korps sich auf dem Anmarsch nach Quatre-Bras befand. Manchmal brachte eine solche Initiative Ruhm, Rang und Stellung ein. Jeder Franzose kannte die Geschichte von General Desaix und seinem wunderbaren Erscheinen auf dem Schlachtfeld bei Marengo. Manchmal allerdings fuehrte Initiative zu bitterer Enttaeuschung, wie zum Beispiel bei Jomini. Jetzt, – ueberzeugte Labedoyere d’Erlon, – sei es so einfach, die Heldentat Desaix’ zu wiederholen und sogar zu uebertreffen, die Schlacht, den Kaiser und Frankreich zu retten. Er sei sich sicher, – fuhr Labedoyere fort, – dass Ney das Korps nach Ligny schicken wuerde, nur wuerde dies zwei Stunden spaeter geschehen, also sei es besser, sofort nach Osten zu marschieren. D’Erlon liess sich von den Argumenten des kaiserlichen Adjutanten ueberzeugen – wer, wenn nicht er, der sich in der Naehe des Kaisers aufhielt, sollte die operative Lage besser kennen – und aenderte den Marsch des Korps von Quatre-Bras in Richtung Ligny.
Marschall d’Erlon machte sich auf, um den Kaiser zu retten, waehrend Labedoyere seinen Weg zu Marschall Ney fortsetzte. Um Viertel vor fuenf fand Labedoyere Ney, uebergab ihm die Notiz und sagte, nachdem er gewartet hatte, bis Ney sie gelesen hatte: „Keine Sorge, Marschall, d’Erlon ist bereits auf dem Marsch zum Kaiser.“ Ney war bereit, den frechen Emporkoemmling an Ort und Stelle zu zerfleischen. Wie kam es, dass er ihn nicht erschiesssen liess? Wahrscheinlich war keine Pistole in der Naehe. Alle Unannehmlichkeiten der letzten Monate, der Streit mit dem Kaiser, Napoleons heutige Unzufriedenheit – Ney liess seinen Zorn ueber Labedoyere aus, der sich in die Hose gemacht hatte. In einfachen Soldatenworten erklaerte der Marschall dem General in etwa Folgendes: Wenn d’Erlon mit seinem Korps nicht innerhalb von zwei Stunden vor ihm erscheinen wuerde, wuerde er auf seine Ehre schwoeren, dass er sowohl d’Erlon als auch den initiativen Labedoyere erschiessen wuerde, und kein Kaiser der Welt wuerde ihn daran hindern, dies zu tun. Vielleicht, hoechstwahrscheinlich sogar, haette Ney das Korps d’Erlon weggeschickt, aber aus eigener Entscheidung, und nicht auf Anweisung irgendeines Schwindlers. Labedoyere sprang auf sein Pferd und galoppierte zu d’Erlon zurueck, um den schrecklichen Fehler zu korrigieren.
Um 17 Uhr, als Labedoyere d’Erlon fand, befand sich das Korps drei Kilometer von Vandamme entfernt. Es wurde gleichzeitig von Vandamme, Napoleon und Bluecher gesichtet. Der Erste und der Zweite hielten es fuer feindliche Massen. Eine einfache Zeitrechnung erlaubte es dem Kaiser nicht anzunehmen, dass dies d’Erlon sei – er war ja schliesslich nicht auf Fluegeln hergeflogen. Und Vandamme? Gerade erst hatte er den gefaehrlichen Flankenangriff von Tippelskirch abgewehrt, und schon wieder tauchten zur Rechten Infanteriemassen auf. Was sollte er annehmen? Nur die Vorbereitung eines neuen Flankenangriffs durch den Feind. Vandamme teilte dem Kaiser seine Bedenken mit, und Napoleon stimmte ihm zu.
Das Erscheinen d’Erlons belebte die Situation ausserordentlich. Bluecher hielt die unklaren Umrisse der Infanterie am Horizont fuer Englaender und beschloss, zu einem entscheidenden Gegenangriff ueberzugehen, der mit Hilfe des endlich eintreffenden Wellington die Schlacht in eine voellige Niederlage der Franzosen verwandeln wuerde.
Alle drei taeuschten sich. Und d’Erlon, der von Neys Drohung erfuhr – und Ney war in der Armee dafuer beruehmt, dass er seine Drohungen unweigerlich wahr machte –, kehrte mit dem Korps auf der Stelle um und verschwand ebenso raetselhaft, wie er erschienen war, wobei er alle in voelliger Ratlosigkeit zurueckliess. D’Erlon nahm an diesem Tag weder an der Schlacht bei Ney noch an der bei Napoleon teil. War das gut oder schlecht? Fuer die Schlacht war es wohl schlecht. Fuer die Soldaten war es gewiss gut. Jaebe es mehr solcher Feldherren, wuerden auch weniger Soldaten sterben.


Kehren wir jedoch zu Ney und Wellington zurueck.
Nachdem Labedoyere weggeschickt worden war, um d’Erlon zurueckzuholen, entschloss sich Ney zum Sturm auf die britischen Stellungen. Unter massivem Artilleriefeuer st;rmten die Kuerassiere der Division Pirey vor. Die britischen Regimenter hielten stand, doch die Verteidigung der braunschweigischen Infanterie wurde durchbrochen, und in die Bresche str;mten die franzoesischen Infanteristen der Division Bachelu. Ein Gegenangriff der braunschweigischen Kavallerie stoppte den franzoesischen Angriff nicht. Der Schwarze Herzog, der versuchte, seine fliehenden Soldaten aufzuhalten, wurde von einer franzoesischen Kugel t;dlich verwundet und starb noch am selben Abend.
Der Zusammenbruch des linken Fluegels fuehrte zu ernsthaften Schwierigkeiten im Zentrum, da die Truppen im Zentrum sowohl den Frontalangriff als auch den Angriff in die Flanke abwehren mussten. Das benachbarte 42. Infanterieregiment der Briten wurde zur Haelfte vernichtet. Das daneben verteidigende 44. Infanterieregiment verlor beim Rueckzug nur durch ein Wunder nicht sein Banner, was zu jener Zeit der Aufl;sung der Einheit gleichkam, und auf die Offiziere einer solchen Einheit fiel fuer den Rest ihrer Dienstzeit ein dunkler Fleck, der den Karriereaufstieg behinderte.
In diesen kritischen Minuten erreichten die erste hannoverische Brigade (3.300 Mann) von General Kielmansegge, die f;nfte Brigade (2.500 Mann) von General Halkett aus der dritten britischen Infanteriedivision von General Alten, das nassauische Kontingent (2.800 Mann) unter dem Kommando von General Kruse und die hollaendische berittene Artillerie Quatre-Bras.
Halkett, Kruse und die Artillerie stellten den linken Fluegel wieder her, stoppten den Angriff von Bachelu und Pires Kavalleristen, waehrend die Hannoveraner das Zentrum wiederherstellten und den Vormarsch von Jerome Bonapartes Division zurueckschlugen. Wellingtons Truppen zogen sich zurueck und nahmen neue Stellungen am Rande des Dorfes ein.
Um halb sechs war Ney sicher, dass der linke Fluegel des Feindes bald brechen wuerde. Der Marschall warf die noch nicht eingesetzten Reiter Kellermanns in die Luecke der britischen Verteidigung. Die Kuerassiere griffen die Brigade Halkett waehrend der Aufstellung an. Die vorderen zwei Regimenter, das 33. und das 69. Regiment, wurden ueberrannt. Das 69. Regiment verlor sein Banner. Doch waehrend die Kuerassiere die Infanteristen des 33. und 69. Regiments niederhieben und erstachen, gelang es den Regimentern 30 und 73 von Halketts Brigade, sich rechtzeitig zu Karrees zu formieren, und gegen Karrees hat Kavallerie selten Erfolg. Das Gewehr- und Kanonenfeuer der drei Karrees stoppte die Kavalleristen. Auf Befehl ihrer Kommandeure wichen die Kuerassiere nach rechts aus, und hinter ihnen befanden sich die angreifenden Infanteristen der Division Bachelu, verstaerkt durch zwei Regimenter von Jerome.
Um halb sechs traf bei Wellington die 4.000 Mann starke Gardeinfanteriedivision von General Cooke ein. Wellington befahl den Gardisten, sich heimlich im Wald am rechten Fluegel zu sammeln. Als der Druck am linken Fluegel nachliess, befahl Wellington Cooke, den Feind anzugreifen. Der Wald bot jedoch keine Moeglichkeit fuer einen effektiven Angriff; dort laesst es sich gut verteidigen, aber schlecht angreifen. Der Kampf am rechten Fluegel verstrickte sich zwischen Kiefern und Fichten.
Nach sechs Uhr abends trafen bei Wellington vier Infanteriebrigaden mit einer Gesamtstaerke von 15.000 Mann ein. Durch ihre schiere Masse draengten die Briten die Franzosen aus ihren Stellungen und trieben sie nach Frasnes zurueck. Die Schlacht endete gegen neun Uhr abends.
Nachdem beide Feldherren jeweils fuenf-tausend Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen verloren hatten, erreichten sie nur einen halben Sieg. Ney schlug Wellington nicht, verhinderte aber dessen Durchbruch zu Bluecher. Wellington schlug Ney nicht, liess ihn aber das wichtige Strassenkreuz nicht einnehmen. Uebrigens sank die Bedeutung des Kreuzpunktes einige Stunden spaeter so stark im Preis, dass Wellington ihn kampflos aufgab. Mit einem Wort: ein klassisches Unentschieden bei der Toetung vieler Tausender Menschen.


Zehn Kilometer suedlich, in Ligny, war der Ausgang der Schlacht ein anderer. Wir haben das Gefecht in einer Lage verlassen, als d’Erlon alle getaeuscht hatte, indem er mit seinem Korps am Horizont erschien und wieder verschwand. Um sieben Uhr abends bot sich auf dem Schlachtfeld etwa folgendes Bild. Am rechten franzoesischen Fluegel war Marschall Grouchy ungefaehr eineinhalb bis zwei Kilometer vorgerueckt, hatte nacheinander die Doerfer Balatre, Boignee, Tongrinelle eingenommen und rueckte auf Mont-Potiaux vor. Das ihm gegenueberstehende Korps von Thielemann, geschwaecht durch die Abgabe von Einheiten in das Zentrum und an den rechten Fluegel, leistete erbitterten Widerstand und zog sich langsam zurueck. Im Zentrum der Schlacht hielten die Preussen das Staedtchen Ligny, das unzaehlige Male den Besitzer gewechselt hatte, fest in ihrer Hand. Am linken franzoesischen Fluegel nahm Vandamme, verstaerkt durch die junge Garde, erneut Saint-Amand ein.
In dieser Zeit sprengte ein Adjutant Wellingtons auf einem schaeumenden Pferd zu Bluecher. Er uebergab dem Feldmarschall eine Notiz. Wellington schrieb: Er k;nne nicht helfen, da er selbst eine verzweifelte Schlacht fuehre. „Wer war das denn im Norden, wenn nicht die Englaender? – wunderte sich Bluecher, – Wenn es Franzosen waren, warum sind sie weggegangen? Ein Raetsel! Ein Raetsel!“. Bluecher verstaerkte die Truppen, die Ligny hielten, und unternahm mit zwei Brigaden aus Pirchs Korps einen Angriff auf Saint-Amand. Die Preussen eroberten das vielgeplagte Dorf erneut zurueck.
Doch auch Napoleon dachte an den finalen Schlag. Und waehrend Bluecher mit seinem rechten Fluegel angriff, attackierte Napoleon das Zentrum. Zuerst warf er die 2.700 Kuerassiere von Milhaud vor, um eine Bresche zu schlagen, und hinter ihnen setzte sich die Alte Garde in Bewegung. Der Schlag war von entsetzlicher Kraft. Um 19:45 Uhr nahm die Garde Ligny ein und rueckte weiter vor, wobei sie die preussische Armee entzweischnitt. Um die Armee vor der Vernichtung zu retten, fuehrte Bluecher die Kavallerie aus Pirchs Korps selbst zum Gegenangriff. Beim Anblick der preussischen Reiter hielten die franzoesischen Veteranen inne, und aus ihrem Ruecken sprangen mit gezueckten Pallaschen die allgegenwaertigen Kuerassiere hervor. Einen halben Kilometer oestlich von Ligny verkeilten sich die berittenen Massen.
Das Pferd unter dem 72-jaehrigen Feldmarschall fiel, von einer Kugel getroffen, und barg mit seinem Leib den mutigen Greis vor den Hufen der gewaltigen Rosse, vor den Saebeln und Piken der Reiter. Die franzoesischen Kavalleristen sprengten davon und trieben die preussischen Ulanen vor sich her wie der Wind die Blaetter im November. Die franzoesische Garde war noch nicht herangekommen. Und genau in diese winzige Luecke zwischen dem Abzug der feindlichen Kavallerie und dem Eintreffen der feindlichen Infanterie entdeckte sein Adjutant, Major Nostitz, den unter der Last des Pferdes stoehnenden Kommandeur. Der Major war ein starker und mutiger Mann. Er befreite Bluechers Bein, setzte ihn in den Sattel, sprang selbst dahinter auf, und gemeinsam galoppierten sie unter dem Pfeifen franzoesischer Kugeln vom Schlachtfeld davon.


Der Kommandierende war vom letzten Angriff nicht zurueckgekehrt, und die gesamte Verantwortung fuer das Schicksal der Armee lastete auf den Schultern von Generalleutnant Gneisenau. Um 20:30 Uhr befahl der Stabschef, der durch das Schicksal zum Kommandierenden geworden war, den allgemeinen Rueckzug.
Das Verdienst Gneisenaus – so sagen die Militaerhistoriker – bestehe darin, dass er den Korps von Zieten und Pirch befahl, nicht nach Namur abzuziehen, von wo aus es offensichtlich ueber den Rhein gegangen waere, und auch nicht nach Luettich mit Blick auf das Korps Buelow, sondern in die dem Namur entgegengesetzte Richtung, nach Tilly, naeher an die Armee Wellingtons heran. Ihnen mag es besser bekannt sein, den Militaerhistorikern, mir scheint es jedoch voellig natuerlich, sich an die Verbuendeten zu halten, zumal der Weg nach Namur durch Grouchys Kavallerie versperrt war. Den preussischen Rueckzug deckten das am wenigsten mitgenommene Korps Thielemann und die Brigade Jagow.
Waehrend des Rueckzugs erfuhr Gneisenau zu seiner grossen Freude, dass der Feldmarschall auf wunderbare Weise gerettet worden war. Um Mitternacht passierte die preussische Avantgarde Tilly, und da kein Befehl zum Anhalten erfolgte, setzte sie den Marsch auf der Strasse nach Wavre fort. Um Mitternacht holte Bluecher den Stab ein. Er war mitgenommen, fuehlte sich physisch voellig zerschlagen, aber sein Geist war stark. Gneisenau meldete dem Kommandierenden seine letzten Befehle. Bluecher bestaetigte die Anordnungen des Stabschefs und befahl darueber hinaus den verbleibenden zwei Korps – Thielemann und Buelow –, ebenfalls nach Wavre zu folgen. Eine kurze Beratung der Kollegen und Freunde, Bluecher und Gneisenau, fuehrte zu dem Schluss, dass der Ausgang der Schlacht in Abwesenheit der Englaender und des Korps Buelow eher als positiv denn als negativ zu betrachten sei. Diese Schlussfolgerung wurde durch Gneisenaus Bericht ueber die Verluste gestuetzt – schaetzungsweise sechs- bis zehntausend Mann. Er irrte sich nicht stark. Die Preussen kostete dieser Tag 12.000 Tote, Verwundete und Gefangene. Im Durcheinander des Rueckzugs flohen einige Regimenter und Bataillone instinktiv nach Osten, nach Luettich. Manchmal beziehen Historiker diese Einheiten in die Gesamtverluste ein, was eine Einbusse der preussischen Armee von 20.000 gegenueber 11.000 Franzosen ergibt.
Noch vor dem Morgengrauen sandte Bluecher einen Offizier ins englische Hauptquartier, der Wellingtons Absichten klaeren sollte: Beabsichtigte der englische Kommandierende, sich noch einmal mit Napoleon zu messen, oder wuerde er so handeln, wie es bei den englischen Kommandierenden in den letzten Jahren ueblich geworden war – nach England abzuhauen?
Obwohl es Napoleon nicht gelang, die preussische Armee zu vernichten, errang er an diesem Tag einen sicheren Sieg. Das Einzige, was den Preussen gelang, war die Vermeidung einer voelligen Vernichtung.

14


Bereits auf der Insel Sankt Helena ueberdachte der besiegte Kaiser sorgfaeltig seine beiden letzten Schlachten und entdeckte die Gruende fuer seine Misserfolge. Er war nicht ganz gesund. Das ist wahr. Endlose Feldzuege, Nervenanspannung und die Vorliebe fuer Suessigkeiten hatten unheilbare Narben an seiner Gesundheit hinterlassen. Traditionell berief sich der Kaiser auf eine leichte Erkaeltung, aehnlich derjenigen, die er auf dem Feld von Borodino gehabt hatte. In Wirklichkeit war es ein chronisches Nierenleiden, verschlimmert durch Uebergewicht.
Neben dem Unwohlsein fanden sich zwei Hauptschuldige – einer fuer jede Schlacht. Marschall Ney hinderte den Kaiser durch seinen Befehl an d’Erlon daran, Bluecher vollstaendig zu vernichten, und Marschall Grouchy stahl ihm den Sieg bei Waterloo. Um diese letzte Behauptung des Kaisers zu bestaetigen oder zu widerlegen, muss man die Beziehungen zwischen Napoleon und Grouchy am 17. und 18. Juni aufmerksam verfolgen, wie sie in den Befehlen und Anordnungen des Stabschefs, Marschall Soult, zum Ausdruck kamen.
Marschall Ney wurde erst im Exil zum Schuldigen fuer den nicht ganz geglueckten Ausgang der Schlacht bei Ligny erklaert; am spaeten Abend des 16. Juni 1815 war Napoleon jedoch davon ueberzeugt, dass Bluecher vernichtend geschlagen sei, die Preussen in ungeordneten Haufen fliehen wuerden, wie sie 1806 geflohen waren, und dass man die preussische Armee insgesamt, wenn nicht endgueltig, so doch fuer die naechsten Wochen abschreiben koenne. Aus diesem Grund traf Napoleon keine Anordnungen hinsichtlich einer sofortigen Verfolgung der Preussen.
Gegen acht Uhr abends verliess Napoleon seinen Beobachtungsposten und begab sich zu General Vandamme, um die Zerschlagung des Gegners zu beobachten. Hier meldete man ihm in den rosigsten Farben den Durchbruch im Zentrum, die Desorganisation der preussischen Armee und den vollstaendigen Sieg. In dieser Zeit stuerzten sich auch Vandammes Truppen darauf, den weichenden Feind einzuholen, was indirekt die Meldungen vom totalen Sieg bestaetigte. Napoleon konnte nicht das gesamte Schlachtfeld ueberblicken und sich selbst von der Korrektheit der Berichte ueberzeugen, und der Kaiser hatte auch nicht den geringsten Anlass, an ihnen zu zweifeln. Kurz gesagt, er glaubte daran – der Sieg war vollstaendig!
Der Kaiser war sterbensmuede. Sein einziger Wunsch war es, sich flach hinzulegen, sich aufzuwaermen, damit sich die inneren Organe beruhigten und ihm die Moeglichkeit gaben, irgendwie weiterzuexistieren. Zwei bis drei Kilometer vom Schlachtfeld entfernt befand sich das Anwesen des Barons Zualart, wo umsichtige Adjutanten das Abendessen, ein Bett und vielleicht ein Bad vorbereitet hatten, welches als einziges half, Schmerzen schnell zu lindern. Auf dem Weg zum Schloss Zualart meldete man Napoleon das Eintreffen des Korps von Graf Lobau bei den Hauptkraeften.


L;ngst waren die Zeiten vorbei, in denen Napoleon zu jeder Tageszeit einschlief, zwei bis drei Stunden schlief und erfrischt, munter und bereit zu neuen Heldentaten erwachte. L;ngst vergangen waren jene hellen Zeiten, in denen der Kaiser mitten in der Nacht aufsprang, Adjutanten und Stabsoffiziere hetzte und mit den ersten Sonnenstrahlen, oder gar vor Tagesanbruch, die Schlachten begann. Diese Zeiten waren l;ngst vorbei. Nun konnte der Kaiser wegen starker Schmerzen in der Lenden-gegend nicht schlafen, und dieser st;ndige Drang zum Urinieren... Erst gegen Morgen liessen die Schmerzen nach, und er schlief ein.
Am Morgen nach der Schlacht traf Marschall Grouchy im Schloss Zualart ein, um weitere Befehle des Kaisers entgegenzunehmen, und war gezwungen, fast anderthalb Stunden zu warten, bis der Kaiser erwachte und seine Toilette machte. Erst um halb neun wurde der Marschall empfangen. Der Kaiser wunderte sich ;ber die geringe Anzahl der Gefangenen, da dies nicht dem Konzept des vollstaendigen Sieges entsprach, liess sich jedoch nichts anmerken. Er ordnete an, die Division Teste aus Lobaus Korps und die Kavalleriedivision Pajol zur Erledigung der Preussen auszusenden. Grouchy eilte davon, um die Anweisungen des Kaisers auszufuehren, und eine halbe Stunde spaeter fuhr auch Napoleon in einer Kutsche ab, um das Feld des gestrigen Mordens zu besichtigen.
Bei Ligny stieg er auf ein Pferd um und zeigte sich in dieser stolzen Haltung den Truppen, die bei seinem Erscheinen wie gewohnt „Es lebe der Kaiser!“ skandierten. An der St;rke der Ausrufe testete der Kaiser stets den moralischen Zustand der Truppen. Es war der einfachste und wirksamste Weg, die Bereitschaft der franzoesischen Soldaten festzustellen, f;r den Kaiser und Frankreich zu sterben. Mit dem moralischen Zustand der Soldaten war er im Grossen und Ganzen zufrieden. Sicherlich nicht so wie vor Austerlitz, als die Rufe „Es lebe der Kaiser!“ zu einem Grollen verschmolzen, als wuerden Baeume im Wald bei starkem Wind rauschen, aber insgesamt war die Armee durchaus kampffaehig.
Um elf Uhr traf der Kaiser an der Windm;hle – in Holland und Belgien gibt es eine solche Unmenge an Windm;hlen, dass jedes Ereignis an einer M;hle stattfindet – mit Marschall Grouchy und General Gerard zusammen. Zu dieser Stunde wusste Napoleon bereits ;ber den Ausgang der Schlacht bei Quatre-Bras Bescheid, und zu dieser Stunde war Ney noch an nichts schuld. Selbst das Hin- und Herlaufen von d’Erlons Korps war er geneigt als einen am;santen Zwischenfall zu betrachten; der Feind ist vernichtend geschlagen, was will man mehr? Der Kaiser, der Marschall und der General unterhielten sich ;ber die innerpolitische Lage Frankreichs, und alle fanden, dass die Lage heute viel stabiler sei als gestern. Gegen Mittag wurde das friedliche Gespr;ch ;ber friedliche Themen durch einen Adjutanten von Ney unterbrochen, der ;ber die Konzentration grosser feindlicher Kraefte in Quatre-Bras berichtete.
– Der Krieg laesst einem keine Ruhe, – seufzte der Kaiser und befahl dem herangetretenen Soult, die uebrigen Divisionen von Lobaus Korps unverzueglich zu Ney in Marsch zu setzen.
Um halb eins sprengte ein Melder von General Pajol herbei. Der General schrieb: Er habe sich an der Nachhut der Preussen festgebissen; diese zoegen sich in relativer Ordnung nach Norden auf der Strasse nach Wavre zurueck. Aus dieser Meldung zog Napoleon zwei Schluesse. Erstens: Bluecher ist besiegt, aber nicht endgueltig zerschlagen, andernfalls laegen auf dem Rueckzugsweg der Preussen massenhaft zertruemmerte Kanonen und zerbrochene Wagen herum, was Pajol gewiss erwaehnt haette. Und zweitens: Die ungeschlagenen Preussen naehern sich den ungeschlagenen Briten an. Beide Schluesse erforderten eine einzige Konsequenz – die Preussen muessen erledigt werden, und zwar so schnell wie moeglich.
Nach kurzem Nachdenken befahl der Kaiser Grouchy, die Pferde zu satteln. Den Generalen Vandamme und Gerard befahl Napoleon, sich unter das Kommando von Marschall Grouchy zu stellen und aufzubrechen, um die Preussen zu schlagen. Vermutlich sollten 33.000 moralisch durch den Sieg befluegelte franzoesische Soldaten leicht mit etwa 50.000 moralisch durch die gestrige Niederlage niedergedrueckten Preussen fertig werden. Der Garde befahl der Kaiser, nach Quatre-Bras zu folgen, und wenn der Kriegsgott gewogen sei, noch heute mit den Briten abzurechnen.
Eine Stunde spaeter machte das in der Avantgarde befindliche Korps Lobau einen kurzen Halt im Doerfchen Marbais, das auf halbem Weg zwischen Sombreffe und Quatre-Bras liegt. Von dort aus bestaetigte der Kaiser mit einem schriftlichen Befehl die muendlichen Anweisungen an Marschall Grouchy. Vor allem, – schrieb Napoleon in dem Befehl, – duerfe man die Preussen nicht aus den Augen verlieren.
Um zwei Uhr nachmittags, kaum dass die Avantgarde Marbais verlassen hatte, setzte Regen ein. Nicht einfach nur Regen, sondern ein wolkenbruchartiger Guss, der sofort alle Wege aufweichte.


16


Sp;t am Abend des 16. Juni, bereits nach der Schlacht, verlegte Wellington sein Hauptquartier von Quatre-Bras vier Kilometer weiter n;rdlich nach Genappe. Der englische Kommandierende rechnete damit, bis zum Morgen des siebzehnten den gr;ssten Teil seiner Armee bei Quatre-Bras zu sammeln und die Schlacht auf den alten Stellungen fortzusetzen, sofern es Bluecher gelungen w;re, seine Positionen zu halten, und sofern die Preussen mit der Kraft eines Korps Hilfe leisten wuerden.
Am Ende der Nacht traf im Hauptquartier Wellingtons der bis zum ;ussersten ersch;pfte Major Nostitz ein. Er brachte die bedr;ckende Nachricht – Bluecher war es nicht gelungen, die Stellungen zu halten. Doch in der Depesche fragte der preussische Feldmarschall, wo und wann Wellington die Entscheidungsschlacht anzunehmen gedenke, und teilte mit, dass die preussische Armee nach Wavre marschiere, um dort, am Fluss Dyle, die Verfolgung abzusch;tteln.
Wellington ordnete an, den Major zu verpflegen, und erlaubte ihm, ein paar Stunden zu schlafen, w;hrend der Kriegsrat fortgesetzt wurde.
Im Rat schilderte der Kommandierende die Lage der Verb;ndeten und stellte den Generalen im Geiste der englischen Demokratie die Frage: Sollten sie sich zur K;ste zur;ckziehen oder eine neue Schlacht wagen? Der Kommandierende und alle Generale sprachen sich f;r die Fortsetzung des Kampfes aus. Nachdem die Hauptfrage entschieden war, begannen die Generale zu pr;fen – wo und wann. In der Tat entscheidet das „Wann“ die angreifende Seite. Es bleibt das „Wo“. Die erste und einfachste L;sung w;re gewesen, nach Wavre zu folgen, sich dort mit Bluecher zu vereinigen und nach der Vereinigung die Schlacht irgendwo zwischen Wavre und Br;ssel oder hinter Br;ssel zu schlagen. Eine solche Variante lehnte Wellington ab, wobei er auf schlechte Wege und schwieriges Relief verwies. Jedem in der Beratung war klar, dass es nicht an den Wegen lag, sondern an der Macht. Wenn Wellington gewollt h;tte, h;tten sich Engl;nder und Preussen bereits im Mai vereinigt, wie er es mit Bluecher vereinbart hatte. Doch wer w;re in diesem Fall der Oberbefehlshaber gewesen? Nach Alter, Rang, Erfahrung und Verdiensten haette der Held der spanischen Kampagne dem Helden der franzoesischen Kampagne den Platz des Oberbefehlshabers ueberlassen muessen, und genau das wollte der Herzog keinesfalls. Deshalb betrachteten die Generale mit grossem Interesse die Karte und suchten nach einem Ort fuer die Schlacht, der nah genug an den Preussen, aber auch weit genug von ihnen entfernt war.
Instinktiv fuehlten die Generale, dass der Kommandierende einer Entfernung von 10 bis 20 Kilometern zu den Preussen zustimmen wuerde. La Hulpe. Bequemes Gelaende, Huegel, viele Seen, welche die Flanken schuetzen, daneben ein grosser Wald, an dem ein Angriff des Gegners zerschellen koennte, dahinter ein kleiner Fluss, hinter den man sich im Falle eines Misserfolgs ueber vorab errichtete Bruecken retten koennte. Zu nah. Acht Kilometer. Ein anderer Vorschlag – Braine-le-Ch;teau. Bequemes Gelaende. Es gibt Huegel fuer die Artillerie. Dahinter ein kleiner Fluss, aber zu weit – 25 Kilometer. Die Generale stritten schon seit einer Stunde und bewiesen die Vorzuege ihrer Variante und die Verderblichkeit der Variante des Rivalen. Wellington war dessen ziemlich ueberdruessig. Er tippte mit dem Finger auf die Karte. „Hier!“. Der Finger landete vor Waterloo. Unbequemes Gelaende, kein Fluss, der Wald ist klein, die Huegel niedrig. Alle Generale berechneten wie ein Mann die Entfernung nach Wavre – 15 Kilometer. Genau in die Mitte. Einfach und genial.
Im Morgengrauen wurde Nostitz geweckt, ein versiegelter Umschlag wurde ihm ueberreicht, er wurde auf ein frisches Pferd gesetzt und mit den Abschiedsworten, dem Feldmarschall beste Gesundheit zu wuenschen, zum preussischen Stab geschickt. Zur Sicherheit schickte Wellington noch zwei seiner Ordonnanzen zu Bluecher. Etwas frueher entsandte Wellington Pionieroffiziere entlang der Strasse Genappe – Waterloo, um einen geeigneten Ort fuer die bequeme Toetung tausender Menschen zu suchen.


17


Der Platzregen bremste den Marsch der franzoesischen Divisionen nach Quatre-Bras stark ab. Die Raeder der Kanonen und Munitionswagen versanken bis zur Nabe im Schlamm. Der Kaiser an der Spitze der Kavallerie, die Infanterie ueberholend, traf gegen drei Uhr bei Ney ein. Der Marschall meldete: Laut Angaben von Kundschaftern und Beobachtern haetten die Briten vor etwa einer Stunde mit dem Rueckzug begonnen.
– So greifen Sie an, zum Teufel noch mal! – brauste Napoleon auf und sagte Ney in seiner Hitzkoepfigkeit viel Unangenehmes und Ungerechtes.
Ney ging mit knirschenden Zaehnen daran, den Befehl auszufuehren, und wehe jenen saeumigen Offizieren, die auch nur ein wenig mit der Ausfuehrung der Anordnungen des Marschalls zoegerten.
Es war zu spaet. Eine Stunde zuvor haette ein energischer Angriff der Kavallerie und der leichten Infanterie zur Erbeutung der englischen Artillerie und des Gepaecks fuehren koennen.
Gegen sechs Uhr abends schloss Wellington das Manoever ab, und die englische Armee bezog neue Stellungen. Wegen des unaufhoerlichen Regens gab es absolut keine Moeglichkeit, Erdbefestigungen zu errichten.
Um sechs Uhr fuehrte Ney die ersten Infanteriebataillone in das Dorf Plancenoit.
Um halb sieben traf der moralisch und physisch erschoepfte Kaiser beim Gasthof Belle-Alliance ein. Dem ersten Besitzer des Gasthofs, einem buckligen, finsteren Greis, hatte das Schicksal eine junge, huebsche und leichtsinnige Baeuerin zur Frau gesandt. Die Sorgen um die Wahrung der Anstaendigkeit seiner Frau machten das Leben des Wirtes unertraeglich, weshalb er so finster war. Das Haus, in dem sich taeglich Tragoedien von Shakespearescher Intensitaet abspielten, nannten die oertlichen Witzbolde „Schoenes Buendnis“. Der Name blieb haften, und fuenfzig Jahre spaeter machte im „Schoenen Buendnis“ ein mueder franzoesischer Kaiser halt.
Wegen des Regens, wegen des langsamen Herankommens der Truppenteile und wegen der Erschoepfung der Soldaten, die beim Durchqueren des Schlamms dreimal mehr Kraft verbraucht hatten, war es unmoeglich, die Schlacht sofort zu beginnen. Napoleon befahl den Truppen, sich auf beiden Seiten der Strasse gegenueber den britischen Stellungen aufzustellen. Die Soldaten beider Armeen verbrachten eine sehr unruhige, kalte und nasse Nacht. Die Briten hatten wenigstens ein warmes Abendessen, waehrend die franzoesischen Feldkuechen irgendwo zwischen Quatre-Bras und Plancenoit hoffnungslos im Schlamm steckten, sodass die franzoesischen Soldaten die Last des Dienstes fuer den Kaiser mit leerem Magen ertragen mussten.
Dies galt nicht fuer die Generale. Und erst recht nicht fuer den Kaiser. Nachdem er sich in Belle-Alliance ausgeruht hatte, begab sich Napoleon zur Nachtruhe in den Gasthof Le Caillou, der drei Kilometer suedlich von Alliance liegt. Sein Zimmer war noch nicht bereit. Napoleon befahl, ein grosses Feuer zu entfachen, und vergrub sich selbst in einem Schober aus Vorjahresstroh, wobei er mit seinem Husten die Maeuse verscheuchte, die sich irgendwo in der Tiefe des Schober aufgewaermt hatten. Endlich meldete der Adjutant, dass das Zimmer fertig sei. In dem stark geheizten Raum zog der Diener dem Kaiser mit Muehe die wassergetraenkten Stiefel aus, nahm ihm den Mantel und den Dreispitz ab. Der Kaiser ass im Bett zu Abend. Sowohl waehrend des Essens als auch danach fand er keine Ruhe. Staendig kamen Leute: die einen mit Neuigkeiten, die anderen, um Befehle und Anweisungen entgegenzunehmen. Um zehn Uhr befahl Napoleon, niemanden mehr einzulassen, und versank in einen unruhigen Schlaf.
Um eins Uhr nachts wachte er auf, lag mit offenen Augen da und gruebelte, ob die Macht all die Qualen wert sei, die er in letzter Zeit ertragen musste, und nachdem er die Kleinmuetigkeit abgeschuettelt hatte, stand er aechzend auf. Er rief Bertrand und hiess ihn, trockene Kleidung zu bringen.
Mit Bertrand und einigen Adjutanten ritt der Kaiser die Stellungen seiner Armee ab. An den Feuern auf der Seite des Gegners stellte er fest, dass die Briten nicht beabsichtigten sich zurueckzuziehen, was bedeutete, dass morgen – nein, bereits heute – die Schlacht stattfinden wuerde. In Le Caillou, wohin der Kaiser um zwei Uhr nachts zurueckkehrte, erwartete ihn eine Depesche von Marschall Grouchy. Der Kommandeur der gegen die Preussen eingesetzten Stoosstruppe meldete mit Stand vom 17. Juni, 22 Uhr: Seine Schuetzlinge haetten sich in zwei Gruppen aufgeteilt; die eine ziehe sich nach Namur zurueck (Grouchy hielt einzelne Regimenter in einer Staerke von achttausend Mann fuer ein Korps; preussische Historiker bezeichneten die nach Namur abgezogenen Regimenter als Deserteure), und die zweite nach Wavre. Der Kaiser nahm Grouchys Informationen zur Kenntnis, gab jedoch keine weiteren Anweisungen zu den bereits bestehenden.


Um zwei Uhr nachts erhielt Wellington eine wichtige Depesche des preussischen Stabes. Bluecher teilte mit, dass er nicht mit zwei Korps, sondern mit der gesamten Armee auf dem Schlachtfeld erscheinen werde.


Um sieben Uhr morgens fruehstueckte der Kaiser. Nach der Tradition lud Napoleon vor einer Schlacht zum Fruehstueck – oder zum Abendessen, falls die Schlacht sehr frueh begann – jene Kommandeure ein, die als Schmiede des bevorstehenden Sieges galten. In ungezwungener Atmosphaere wurden die letzten Details des nahen Gefechts besprochen. Gewiss gab es auch eine Disposition, nicht so ausfuehrlich, wie es die oesterreichischen Generale liebten, aber dennoch detailliert genug; es gab auch Stabsbefehle, die gemaess dieser Disposition die Aufgabe jeder Einheit festlegten, doch das Fruehstueck oder Abendessen vor dem Kampf bildete ein wichtiges Element der napoleonischen Taktik. Die Generale und Marsch;lle erfuhren in vollem Umfang die Absicht des Kaisers, was ihnen oft half, auf dem Schlachtfeld die richtigen Entscheidungen zu treffen. Der Kaiser wich auch an diesem Morgen vor seiner letzten Generalschlacht nicht von dieser Tradition ab.
Nach dem Fruehstueck ritt der Kaiser zu dem von ihm im Voraus gewaehlten Huegel fuer den Beobachtungsposten, mit einer absoluten Hoehe von 141 Metern und einer Erhebung von etwa 50 Metern ueber das umliegende Gelaende. Bereits auf dem Huegel meldete man Napoleon, dass die Feldkuechen gerade erst eingetroffen seien und man die Leute speisen muesse, da die Soldaten der vordersten Linie sich weigerten, hungrig zu sterben. Napoleon zeigte Menschlichkeit und verschob den Beginn der Schlacht um eine Stunde.
Aus Mangel an Beschaeftigung ritt Napoleon zu den bei Belle-Alliance stehenden Gardisten, hoerte das begeisterte „Es lebe der Kaiser!“ und ritt zufrieden davon. Es blieb noch Zeit, und gegen zehn Uhr diktierte der Kaiser Soult einen Befehl fuer Marschall Grouchy. Waehrend der Marschall von zwei Kolonnen berichte, – schrieb Soult nieder, – existiere eine dritte Kolonne der Preussen, die auf Wavre marschiere. Der Kaiser mache Grouchy auf diesen Umstand aufmerksam. In jedem Fall solle der Marschall den Marsch auf Wavre fortsetzen und den Kaiser ueber seine Manoever sowie die des Gegners auf dem Laufenden halten. Somit gab Napoleon um zehn Uhr Grouchy nicht den Befehl, zu seiner Verfuegung heranzuruecken.
Kaum war Napoleons Adjutant zu Grouchy davongeritten, traf ein Adjutant von Grouchy bei Napoleon ein. Der Marschall hatte die Depesche um sechs Uhr morgens aus Gembloux abgesandt. Grouchys Nachricht fuegte nichts Neues ueber die Lage der preussischen Armee hinzu. Um 10:15 Uhr fragte der Kaiser gereizt:
– Warum fangen sie nicht an?
Die Soldaten assen, wobei sie sich mit warmem Brei und Brandy nach der naechtlichen Kaelte und Naesse aufwaermten. Soult wusste das, aber er spuerte instinktiv, dass dies fuer den Kaiser kein ausreichender Grund fuer die Verzoegerung der Schlacht war.
– Die Erde ist nach dem Regen nass, – antwortete Soult das Erste, was ihm in den Sinn kam, – man muesste die Erde erst trocknen lassen.
– Ja! – wunderte sich der Kaiser, – und wie lange wird sie Ihrer Meinung nach zum Trocknen brauchen?
– Ein bis zwei Stunden, – meldete Soult munter.
– Na gut! – brummte der Kaiser.
Der Kaiser war unzufrieden, und dieses „Na gut“ verhiess nichts Gutes. Zum Glueck fuer Soult wurde Napoleon von dem Pioniergeneral Baron Haxo abgelenkt. Napoleon hatte den Pionier ausgesandt, um festzustellen, ob die Briten Erdbefestigungen haetten. Der Baron meldete: Nein, sie haben keine. Das war ein gutes Zeichen. Es bedeutete, dass die Englaender diese Stellung nicht im Voraus vorbereitet hatten, dass es keine Falle war und dass man den Feind so schnell wie moeglich angreifen sollte.
– Soult! – rief der Kaiser herrisch.
Die Umstehenden blickten sich verlegen an.
– Wo ist Soult? – wandte sich Napoleon streng an sie.
Soult war verschwunden, um dem kaiserlichen Zorn zu entgehen. Am naechsten von den Verlegenen standen General Morand und General Quio.
– Schreiben Sie, – befahl ihnen Napoleon.
Den Befehl des Kaisers in einem solchen Moment nicht auszufuehren, drohte mit schweren koerperlichen Schaeden. Wie aus dem Nichts erschienen Bleistifte und Papier in den Haenden der Generale. Ergeben hockten sie sich nieder und legten die Blaetter auf das rechte Knie. Der Kaiser deutete mit dem Finger auf Morand.
– An General Bonaparte. Ich befehle, sofort den rechten Fluegel des Gegners anzugreifen und bis ein Uhr mittags das Schloss Hougoumont einzunehmen.
Und waehrend er den zweiten knienden General ansah, fuhr er fort:
– An Marschall Ney. Ich befehle, sofort das Zentrum des Gegners anzugreifen und bis ein Uhr mittags das Dorf Mont-Saint-Jean in Besitz zu nehmen.
Eine halbe Stunde spaeter eroeffnete Jerome Bonaparte mit dem linken Fluegel das Gefecht. Doch schauen wir uns zuerst die Aufstellung der Truppen an.


18


Die Verteidigungsstellung der Briten erstreckte sich ueber fuenf Kilometer entlang der Front. Sie befand sich auf beiden Seiten der Strasse nach Bruessel und stuezte sich auf drei Punkte. Am rechten Fluegel lag das Schloss Hougoumont mit einem verwilderten Park darum herum. Das Zentrum schuetzte das Gehoeft La Haye Sainte, das ueber Nacht befestigt worden war. Und der linke Fluegel war durch das Gehoeft Papelotte und das Schloss Fichermont gesichert. Nachdem er die Stuetzpunkte mit Artillerie und Schuetzen gesaettigt hatte, garnierte Wellington die Zwischenraeume mit Infanterie und Kavallerie.
Der rechte Fluegel der englischen Aufstellung unterstand der Verantwortung des Kommandeurs des zweiten Korps, Lord Hill. Das erste Korps von Prinz Wilhelm von Oranien hielt das Zentrum. Und die 5. englisch-hannoverische Infanteriedivision von Sir Thomas Picton war fuer die Zuverl;ssigkeit des linken Fluegels verantwortlich. Zudem zog Wellington, da er die Wahrscheinlichkeit einer tiefen Umgehung seiner Stellungen ueber den rechten Fluegel einraeumte, das 17.000 Mann starke Korps des Prinzen Friedrich der Niederlande weit nach rechts (nach Halle, 12 Kilometer vom Schlachtfeld entfernt) ab, und dies war die beste Entscheidung des englischen Kommandeurs. Napoleon unternahm ein solches Manoever nicht, das Korps nahm nicht an der Schlacht teil, und fuer die Schwaechung der Armee erntete Wellington Vorwuerfe der allwissenden Militaertheoretiker. Eine Umgehung des linken Fluegels hielt Wellington fuer unwahrscheinlich, da sich zur Linken die preussische Armee befand, unsichtbar hinter dem Horizont, aber eine drohende Macht.
Hougoumont wurde von der 1. Gardebrigade unter Lord Saltoun verteidigt; im Park waren das nassauische Infanterieregiment und zwei Kompanien hannoverischer Schuetzen stationiert. Es bleibt hinzuzufuegen: Unter dem Kommando Wellingtons standen und sassen 68.000 Bajonette und Saebel zu Pferde. Die Artillerie der englischen Armee zaehlte 184 Kanonen.


Napoleon hatte einen leichten Vorteil an lebendiger Kraft und einen grossen Vorteil an Artillerie. Ihm standen 73.000 Soldaten und Offiziere bei 254 Kanonen zur Verfuegung. Der linke Fluegel der Franzosen hatte gleich zwei Kommandeure: den Kommandeur des 2. Armeekorps, General Reille, und General Jerome Bonaparte, der entschlossen war, eine Heldentat zu vollbringen. Dafuer herrschte im Zentrum und am rechten Fluegel ein deutlicher Mangel – beide wurden von Marschall Ney befehligt. Ney war beleidigt auf den Kaiser. Eine alte Kraenkung wurde durch die gestrige Zurechtweisung vor den Untergebenen unangenehm aufgefrischt. Er und Marschall Soult bereuten es laengst, sich wieder mit Napoleon eingelassen zu haben. Sie beneideten Marmont und Mortier – diese ehemaligen Adjutanten Seiner Majestaet, die immer wussten, wie sie sich im Leben einzurichten hatten. Sie beneideten Macdonald, der im letzten Moment dem Koenig treu geblieben war. Sogar den aus dem Fenster gestuerzten Berthier beneideten sie ein wenig.
In die erste Linie stellte Ney das erste Korps von Marschall d’Erlon auf, der sich den Kaempfen am vorgestrigen Tag entzogen hatte. In der zweiten Linie stand das Korps von Graf Lobau, das ebenfalls nicht an den vorherigen Schlachten teilgenommen hatte, jedoch nicht aus eigenem Verschulden. In der Reserve des Kaisers befand sich die Garde, und es standen die Kavalleriekorps der Generale Milhaud und Kellermann bereit.


Um 11:15 Uhr erhielt Jerome Bonaparte, unter Umgehung seines direkten Vorgesetzten General Reille, den Befehl des Kaisers, Hougoumont in Besitz zu nehmen. Um 11:30 Uhr stiessen die Soldaten des juengeren Bonaparte bei ihrem Vormarsch auf die hinter den Baeumen versteckten englischen Schuetzen. Den Umstaenden und Jerome folgend, setzte Reille die 5. Division von General Bachelu und die 9. Division von General Foy in den Park in Bewegung. Gleichzeitig mit Jeromes Angriff am linken Fluegel begann Ney im Zentrum mit dem Artilleriebeschuss der englischen Stellungen.


Das Kanonenfeuer beruhigte das blutduerstige Herz des Kaisers und beunruhigte Marschall Grouchy, der sich auf dem Marsch nach Wavre befand, 15 Kilometer oestlich vom Standort des genialen Kaisers.
Grouchys Soldaten zogen schon die vierte Stunde lang ihre Stiefel und die Raeder der Kanonen aus dem undurchdringlichen Schlamm. Trotz aller Eile verlangsamte sich der Marsch auf die Haelfte des Ueblichen. Zwei Kilometer pro Stunde – keine grosse Geschwindigkeit, aber selbst diese wurde nur unter aeusserster Kraftanstrengung erreicht. Als er die Kanonade aus dem Westen hoerte, schlug Grouchys Freund, General Gerard, vor, die von den Preussen zerfurchte Strasse zu verlassen, nach drei Kilometern auf die relativ gute Strasse nach Nil-Saint-Vincent abzubiegen und dem Donner der Geschuetze zu folgen. Es war leicht fuer Gerard, dies vorzuschlagen, da er keine Verantwortung trug; der Marschall hingegen hatte eine zweimal bestaetigte Weisung des Kaisers: den Preussen zu folgen.
Am 17. Juni war Grouchys Gruppierung wegen des spaeten Beginns der Verfolgung und des starken Regens nur bis Gembloux gekommen und hatte lediglich zehn Kilometer zurueckgelegt. Um zehn Uhr abends am ersten Tag der Verfolgung, kaum dass Vandammes Nachhut in Gembloux angekrochen war, sandte Grouchy dem Kaiser einen Rapport. Am naechsten Tag um sechs Uhr morgens, zwei Stunden vor dem Abmarsch der Truppen, schrieb Grouchy einen weiteren Rapport. Darin schrieb er: Die Preussen seien anscheinend nicht nach Osten nach Perwez, sondern nach Norden nach Wavre marschiert, und von dort wuerde ihr Marsch vermutlich auf Bruessel fortgesetzt. Er schrieb auch, dass er den Feind verfolge. „Verfolgen“ war zu optimistisch ausgedrueckt – er kroch ihm m;hsam hinterher.
Und Grouchys Gegner? Die Preussen zogen sich die ganze Nacht vom 16. auf den 17. Juni zurueck und begriffen am Morgen, dass sie den Verfolger abgehaengt hatten. Zu der Zeit, als der Regen einsetzte – ich erinnere daran, dies geschah um zwei Uhr nachmittags am 17. Juni –, befand sich Buelows Korps bereits in Wavre, Zietens Korps drei Kilometer vom Ziel entfernt, und das Nachhutkorps von Thielemann war am weitesten zurueck. Er passierte gerade Walhain, etwa 12 Kilometer von Wavre entfernt. Und Pirchs Korps marschierte in der Mitte zwischen Zieten und Thielemann.
Spaet am Abend des 17. Juni erreichten die letzten Bataillone von Thielemanns Korps ueber die Bruecke in Wavre den Fluss Dyle. Eine Wasserbarriere zwischen der geschlagenen preussischen Armee und ihren Verfolgern zu lassen – darin lag der Sinn des Manoever von Gneisenau.
Die Umstaende und das Wetter beguenstigten die Preussen. Am Morgen des 18. Juni lagen, abgesehen vom Fluss, 18 Kilometer undurchdringlichen Schlamms zwischen Bluechers Truppen und Grouchys Divisionen. Ungefaehr genauso viel, wenn man den Wegen und nicht den Feldern folgte, wenn auch etwas weniger undurchdringlicher Schlamm, lag zwischen Bluecher und Wellington.
Am achtzehnten, um 10:30 Uhr, trafen im Hauptquartier Bluechers endlich, voellig verdreckt und durchgeschwitzt, die Kavalleriepatrouillen ein, die der Kommandierende bei Sonnenaufgang ausgesandt hatte. Die Offiziere meldeten: Die Franzosen haben Walhain noch nicht passiert. Bei solchen Wegen sind sie unendlich weit entfernt.
Um 11 Uhr, aechzend und stoehnend nach den Abenteuern von vorgestern, schwang sich der Feldmarschall auf sein Pferd. „Wo bin ich alter Narr nur hingeraten“, wunderte sich Bluecher, der jede Rippe seines Koerpers spuerte. „Was fuer eine Kinderei! So etwas steht einem Major, vielleicht einem Obersten, gut zu Gesicht. Aber mir?“.
Zu dieser Zeit befand sich Buelows Korps bereits auf dem Marsch, Zietens Korps bereitete sich auf den Abmarsch vor, und das Nachhutkorps von Pirch brach das Lager ab. Dem letzten Korps, dem Korps von General Thielemann, stellte Bluecher die Aufgabe, die Franzosen in Wavre am Ueberqueren des Flusses zu hindern.
Um 11:30 Uhr hoerte Bluecher, wie alle Teilnehmer der Ereignisse dieses Tages, die Kanonade im Westen. Der Feldmarschall rief Buelow herbei und befahl ihm, die Korpskavallerie vorauszuschicken. Diese Kanonade gab den Preussen Kraft fuer den anstrengenden Marsch, und der Marsch selbst brachte Bluecher den Beinamen „Marschall Vorwaerts“ ein.


Nachdem er den Beginn der Schlacht festgelegt hatte, liess Kaiser Napoleon einen Sessel bringen. Der Sessel – ein Stuhl mit hoher Rueckenlehne – war dem Besitzer des Gehoefts Rossomme entwendet worden und materialisierte sich drei Minuten spaeter unter dem kaiserlichen Allerwertesten. Unter dem Bass der Kanonen und dem Trommelwirbel der Gewehre verfiel der Kaiser fuer eine halbe Stunde in eine sonderbare Vergessenheit. Einige unehrliche Historiker berichten, der Kaiser habe angeblich in dieser Zeit im Hause einer gewissen Delestande gespeist und nach dem Essen eine ganze Stunde lang geschlafen. Welch eine niedertraechtige Luege! Wie kann man ueber den Kaiser behaupten, er sei waehrend der Schlacht eingeschlafen.
Aus dieser seltsamen Vergessenheit erwacht, wuenschte der Kaiser die Position zu wechseln, da das Haus ihm einen Teil des Schlachtfeldes verdeckte. Einige Dutzend Menschen aus Napoleons Umgebung bewegten sich mit Stuehlen, Tischen und Karten zweihundert Meter in nordoestlicher Richtung. Um es in normaler Sprache auszudruecken: Sie umgingen einfach das Haus. Der erste, den der Kaiser sah, nachdem er sich zweihundert Meter in nordoestlicher Richtung bewegt hatte, war Marschall Soult.
– Soult! – wunderte sich der Kaiser, – wo haben Sie gesteckt?
Soult schien verlegen, als waere er bei etwas Schandbarem ertappt worden. Doch der ehemalige Vizekoenig von Andalusien war nur deshalb zu solchen Hoehen aufgestiegen, weil er es verstand, selbst in kritischsten Situationen einen Ausweg zu finden.
– Chrm, chrm, Eure Majestaet, ich habe mit Marschall Ney den Boden geprueft.
– Und?
– Immer noch nass.
Der Kaiser scharrte zweifelnd mit der Stiefelspitze in der Erde.
– Meiner Meinung nach ist sie ziemlich abgetrocknet.
– Das ist hier auf dem Huegel so, – ereiferte sich Soult, – aber in der Senke, wo die Infanterie angreifen muss, ist es reiner Morast.
– Gut, gut, wie lange wird sie noch zum Trocknen brauchen?
– Ich vermute, Eure Majestaet, in zwei Stunden wird Ney den Feind angreifen.
Der Kaiser blickte auf die Uhr.
– Es ist jetzt 12:30 Uhr, also um 14:30 Uhr.
– Vielleicht sogar frueher, Eure Majestaet, – erfreute Soult den Kaiser.
Mit den Haenden hinter dem Ruecken ging der Kaiser in Unruhe auf dem Huegel auf und ab, wobei er immer wieder auf die Uhr schaute. In diesem staendigen Umhergehen und Auf-die-Uhr-Schauen verging eine halbe Stunde. Der Kaiser hielt es nicht mehr aus.
– Soult, – rief er streng.
– Ich bin hier, Eure Majestaet.
– Schreiben Sie einen Befehl an Marschall Grouchy.
Soult breitete das Schreibzeug auf einem Feldtisch aus.
– Ich bin bereit, Sire.
– Ihre Bewegung auf Corbaix und Wavre entspricht vollstaendig den Plaenen Seiner Majestaet... In diesem Moment sind wir in eine Schlacht in der Stellung beim Dorf Mont-Saint-Jean verwickelt...
Der Brief war geschrieben, versiegelt, der Umschlag mit dem kaiserlichen Siegel versehen und dem Ordonnanzoffizier uebergeben worden, der neben seinem gesattelten Pferd bereitstand. Doch was war das? Was war das fuer eine Bewegung dort?
– Soult, – rief der Kaiser, – was ist das dort fuer eine Unruhe?
– Ich werde es sofort herausfinden.
– Er ist aus Buelows Korps, – kombinierte Napoleon genial.
– Es sieht ganz danach aus, – bestaetigte Soult.
– Bringen Sie ihn in das Hinterland, fuettern Sie ihn und verbinden Sie ihn.
– Er ist nicht verwundet, Sire.
– Dann fuettern Sie ihn einfach.
Der Stabschef machte eine Handbewegung, und der Gefangene verschwand, als waere er am Fusse des Huegels versunken.
– Ach, Soult, – erinnerte sich der Kaiser, – ist der Melder zu Grouchy schon abgereist?
– Er wartet, Eure Majestaet.
– Das ist gut. Fuegen Sie dem Brief hinzu – der Marschall solle sich beeilen, sich uns zu naehern.
– Es wird ausgefuehrt, Eure Majestaet.
„Um alles muss ich mich selbst kuemmern“, dachte der Kaiser muede, „auf niemanden ist Verlass“. Napoleon blickte auf die Uhr. Sie zeigte 13:30 Uhr.
– Soult, – rief er fordernd.
„Mein Gott“, dachte der unglueckliche Soult, „wie hat Berthier das nur ausgehalten. Jahrelang! Das war wahrlich eine Engelsgeduld“.
– Ja, Eure Majestaet.
– Ist die Erde nun trocken?


19


Die Erde war in der Tat etwas feucht. Nicht uebermaessig, aber immerhin. Ney war w;tend auf den Kaiser, und deshalb trocknete der Boden in seinem Abschnitt nicht ab. Dafuer trocknete er im Abschnitt von Jerome Bonaparte.
General Bonaparte beschloss, das Kaiserreich und den Kaiser Bonaparte zu retten. Nach seinem Verstaendnis lag die Rettung des Reiches hinter den Mauern des Schlosses Hougoumont. Jeromes Soldaten besetzten den Park bis direkt an die Schlossmauern und draengten die Hannoveraner und Nassauer zurueck. Die Deutschen formierten sich neu und warfen die Franzosen fast bis an den Rand des Parks zurueck. Wellington schickte Verstaerkung in das Schloss – sechs Schuetzenkompanien der britischen Garde. Zu Jeromes Soldaten stiessen die Infanteristen von Bachelu und Foy. Gemeinsam trieben sie die Hannoveraner und Nassauer aus dem Park und versuchten, das Schloss zu stuermen. Vergebens! Die englischen Schuetzen waren tapfer und treffsicher, Pulver und Kugeln gab es im Ueberfluss. General Reille versuchte dreimal, Bonaparte zur Vernunft zu bringen. Er beschwor Jerome, ein oder zwei Regimenter am Schloss zu lassen und mit den restlichen Kraeften das Hindernis rechts, oder noch besser links, zu umgehen. Vergebens! General Bonaparte beharrte auf seinem Irrtum, sein Entschluss war unerschoepflich.
Den Wahnsinn Jeromes nannten die Historiker ein „Ablenkungsmanoever am linken Fluegel“. Mag sein. Manoever bleibt Manoever. Nur wen lenkte er ab, und wovon? Herzog Wellington konnte von einem solchen Geschenk nur traeumen – ein paar tausend seiner Soldaten banden den sechsten Teil der franzoesischen Armee. Hatte Jerome vielleicht Ney das Leben erleichtert? Nicht im Geringsten. Ney griff nicht an, er wartete auf trockenen Boden. Folglich lenkte Jerome den sechsten Teil der franzoesischen Armee von der Schlacht ab. In diesem Sinne wurde das Manoever tatsaechlich zu einer Ablenkung. Fast bis zum Ende der Schlacht suchte Jerome unermuedlich den Sieg unter den Mauern von Hougoumont. Lassen wir Jerome allein mit seinen Chim;ren und kehren wir zum aelteren Bonaparte zurueck.

– Ist die Erde nun trocken?
Der Kaiser wartete geduldig auf die Antwort des Stabschefs, doch er erhielt keine.
– Ich denke mir Folgendes, Soult: Dieser Husar ist nicht ohne Grund hier. Schicken Sie Domon und Subervie bis... – Napoleon trat an den Tisch mit den Karten, – bis Chapelle-Saint-Lambert – las er den langen Namen der Stadt vor, – sie sollen die Lage aufklaeren.
– Wird ausgefuehrt, mein Gebieter, – meldete Soult munter.
Napoleon blickte eine Zeit lang auf das Schlachtfeld, das mit spielerischen Woelkchen aus Pulverdampf bedeckt war.
Er seufzte schwer, wandte sich zu Soult und sprach:
– Schreiben Sie einen Befehl an Ney.
Der Kaiser ueberlegte eine Minute.
– Ich befehle, den Angriff zu beginnen und Mont-Saint-Jean in Besitz zu nehmen. Unterschrift – Kaiser Napoleon.
Diesen Befehl erhielt Ney gegen zwei Uhr nachmittags, und er wurde, wie die beiden vorangegangenen, ignoriert. Vielleicht haette Napoleon keine Befehle an den nur anderthalb Kilometer von ihm entfernten Ney schreiben sollen, sondern waere besser am Morgen zum Marschall gefahren, um sich zu entschuldigen. Vielleicht haetten vier einfache Worte: „Michel, ich hatte unrecht“, den Boden getrocknet, und die Geschichte waere anders verlaufen. Doch Napoleon konnte sich nicht ueberwinden, und die Geschichte floss in jenen Bahnen, in denen wir sie kennen.
Um halb drei war der Boden unter Ney trocken, und er gab das Kommando, die Schlacht zu beginnen. Das gesamte erste Korps ging zum Angriff ueber. Die erste Division von General Allix (gefuehrt von General Quiot) und die zweite Division von General Donzelot griffen die britische Verteidigung zwischen der zentralen und der westlichen Stuetze an. Die dritte Division von General Marcognet und die vierte Division von General Durotte taten dasselbe im Abschnitt zwischen der zentralen und der oestlichen Stuetze. Dabei stuermte der groesste Teil der letztgenannten Division die oestliche Stuetze, das Gehoeft Papelotte.
Militaerhistoriker wundern sich ueber die antike, dichte Formation der franzoesischen Divisionen, bei der nur die vordersten Reihen das Gewehrfeuer erwidern konnten. Zur Erklaerung: Der Abstand zwischen den Stuetzpunkten der englischen Verteidigung betrug etwa zwei Kilometer. Die Aufstellung im Gaensemarsch minderte zwar die Wirksamkeit des franzoesischen Angriffs, hielt aber die franzoesischen Kolonnen ausserhalb des effektiven Schuetzen- und Artilleriefeuers der britischen Bastionen. Nur Durotte – so wundern sich die Militaerhistoriker weiter – wendete aus eigener Initiative eine moderne, mobile Formation an. General Durotte griff das Gehoeft Papelotte an. Wie dem auch sei, um sich dem Gehoeft zu naehern, musste er das Schuetzen- und Artilleriefeuer ertragen. Wollen wir doch nicht klueger und erfahrener sein als die kampferprobten franzoesischen Generale. Die antike Formation der ersten drei und die mobile Formation der vierten Division entsprachen vollkommen den Umstaenden.
Die erste Division – in deren vordersten Reihen Marschall Ney schritt, der in seiner Kraenkung hier und jetzt sterben wollte, sowie der pflichtvergessene Marschall d’Erlon – stieg in die sanfte Senke zwischen den Huegeln hinab und erklomm dann unter dichtem Feuer den Huegel, auf dem die britischen Infanteristen positioniert waren. Die erste Brigade der ersten Division warf die feindlichen Schuetzen von La Haye Sainte zurueck, trieb sie in das Innere des Gehoefts und zog das Feuer des Stuetzpunktes teilweise auf sich. Die Brigade erleichterte die Lage der Nachbarn zur Linken. Die Bataillone der ersten und zweiten Division konnten sich nun entfalten.
Marcognets Division rechts vom zentralen Bastion griff hitzig die Brigade Bylandt an, und ihr Angriff war von Erfolg gekroent. Am rechten Fluegel naeherte sich die Division Durotte dicht dem Gehoeft Papelotte, das von der niederlaendischen Brigade Sachsen-Weimars verteidigt wurde.


Es tobte jener Kampf, ueber den kein Teilnehmer genau sagen kann, wann und was geschah. Ein Kampf, in dem die Zeit nach ihren eigenen, dem Menschen unklaren Gesetzen fliesst. „Ein Kampf gleicht einem Ball“, sagte der Herzog von Wellington, wobei er sich offensichtlich an sein Ball-Abenteuer erinnerte, „man erinnert sich an unzaehlige Einzelheiten, aber es ist unmoeglich, die Ereignisse richtig einzuordnen.“ Der Tod schwebte ueber dem belgischen Feld und maehte Kompanien und Bataillone nieder, wie ein fleissiger Bauer die reifen Roggenaehren maeht.
Mitgenommene franzoesische Kompanien zogen sich zurueck, um sich neu zu formieren, an ihre Stelle traten frische und schossen, schossen, schossen... Die durch den Tod dezimierten britischen, hollaendischen und deutschen Kompanien zogen sich zurueck, um sich neu zu formieren, an ihre Stelle traten frische und schossen, schossen, schossen...
Wozu! Herrgott, wozu!


Kaiser Napoleon blickte mit Genugtuung auf das blutige Werk seines Genies. Die furchtlosen franzoesischen Soldaten, unaufhaltsam wie ein Hurrikan, draengten die feigen Briten und ihre feigen Handlanger zurueck. Der Kaiser befahl, das Hauptquartier naeher an die Schlacht zu verlegen. Der neue Standort befand sich zweihundert Meter noerdlich von Belle-Alliance. Einige Autoren versichern uns, der Kaiser habe den Verlauf der Schlacht von einem Observatorium aus beobachtet. Das ist unwahr, unwahr aus drei Gruenden: 1. Der Kaiser war nicht in der Verfassung, eine steile Treppe auf 25 Meter Hoehe zu erklimmen. 2. Es befand sich – befand sich, da es ein halbes Jahr vor der Schlacht abgebrannt war – links vom linken franzoesischen Fluegel. Und schliesslich 3. Das, was im letzten Winter abgebrannt war, war kein Observatorium, sondern ein Aussichtsturm fuer Feldvermessungen.
Vor der Verlegung des Hauptquartiers traf ein Adjutant von Grouchy ein. Der Marschall meldete per Depesche, dass er um 11 Uhr den Marsch nach Wavre fortsetze, aber wegen der Entfernung und der Schwierigkeit der Wege dort nicht vor fuenf Uhr abends eintreffen werde.
Ungefaehr zu der Zeit, als Napoleon das Hauptquartier an die Front heranhuehrte, entfernte Herzog Wellington seines von der Front. Vor der Verlegung befahl Wellington dem Kommandeur der ersten britischen Division, General Picton, am linken Fluegel zum Gegenangriff ueberzugehen, um die fliehenden Soldaten von Bylandt zu retten, und General Uxbridge befahl er, mit zwei Kuerassierbrigaden die Lage rechts vom zentralen Stuetzpunkt wiederherzustellen, der zu diesem Zeitpunkt verloren gegangen war.
Gegen f;nf Uhr glaubte Ney, die Schlacht sei gewonnen. La Haye Sainte, der zentrale Punkt der britischen Verteidigung, war genommen, das Gehoeft Papelotte am rechten Fluegel ebenfalls, zwischen La Haye Sainte und Papelotte floh der Feind kopflos, hielt sich aber noch zwischen La Haye Sainte und Hougoumont. Genau dorthin warf Ney die Kavallerie.
Der Angriff der Kavalleristen aus Milhauds Korps war ungestuem und alles niederschmetternd. Er haette die mitgenommene britische Infanterie zum Teufel gejagt, wenn ihr nicht von links die ebenso ungestuemen und ebenso unaufhaltsamen Kuerassiere von Somerset und Ponsonby entgegengebrochen waeren. Der Zusammenstoss der Kavalleristen in der Luecke zwischen den in Staunen erstarrten Infanteriebataillonen rief bei allen Beobachtern der Schlacht den Eindruck eines mittelalterlichen Zweikampfes hervor. Piken brachen, Saebel klangen, Pferde roechelten mit blutigem Schaum. Fortuna schwankte und... gab den Briten den Vorzug. Die Ulanen wendeten ihre Pferde, die Kuerassiere setzten ihnen nach, und gemeinsam jagten sie die franzoesische Infanterie zum Teufel. Beim Rueckzug gerieten dreitausend franzoesische Soldaten in Gefangenschaft der britischen Infanterie, die der Kavallerie nachgestuermt war. Beim Vormarsch besetzten die Briten erneut La Haye Sainte.
„So laeuft es eben“, dachte Ney bitter, als er sein viertes Pferd bestieg (auch dieses sollte bald unter ihm fallen), „gerade siegst du noch, und zehn Minuten spaeter steckst du tief in der Scheisse“.
So laeuft es eben.


20


Die englischen Kuerassiere liessen sich zu sehr fortreissen, w;hrend sie den fliehenden Feind verfolgten. In ihrem Schwung stiessen sie auf die in Karrees formierten franzoesischen Bataillone. Viele der britischen Reiter wurden durch das Feuer der Karrees vernichtet, und die uebrigen wurden von der franzoesischen Kavallerie gefangen genommen, die sich von ihrer Schmach erholt hatte.
Am rechten franzoesischen Fluegel entwickelte sich die Lage nicht weniger schlecht. Marcognets Infanteristen st;rmten den fliehenden Hollaendern auf den Fersen den Huegelkamm hinauf, doch hier wurden sie vom Hurrikanfeuer der britischen Gardisten empfangen. Die Franzosen hatten einen so heissen Empfang keineswegs erwartet. Vor Schreck kehrten sie um und hielten in ihrer Flucht nicht an, bis sie ihre Ausgangsstellungen erreichten; dabei gaben sie im Eifer des Gefechts das Gehoeft Papelotte auf.
Um halb f;nf hing eine unheilvolle Ungewissheit ueber dem Feld.
„Warum, warum nur habe ich die Position gewechselt“, dachte Napoleon, waehrend er nervoes mit den Haenden hinter dem Ruecken auf und ab ging (grosse Feldherren sind zuweilen bis zur Laecherlichkeit abergl;ubisch), „was war an der vorigen schlecht?“.
– Was ist dort, Soult?
Seit f;nf Minuten war unter den Stabsoffizieren, Adjutanten und Ordonnanzen eine gewisse Unruhe zu spueren. Alle blickten nach Osten und tuschelten leise miteinander.
– Was ist dort, Soult? – wiederholte der Kaiser und blickte in die Richtung der allgemeinen Aufmerksamkeit.
Drei Kilometer oestlich, am Rande des Waldes, den man den Pariser Wald nannte, war ein dunkler Fleck zu sehen, der leicht seine Umrisse veraenderte.
– Was ist dort, Soult? – fragte der Kaiser zum dritten Mal, und seine Stimme zitterte.
Soult zuckte die Achseln.
– Vielleicht der Schatten einer Wolke, Eure Majestaet.
– Sind Sie immer so ein Idiot oder nur freitags? Welche Wolke? Sehen Sie sich den Himmel an!
Der Himmel war ganz mit Wolken bedeckt, zeitweise fiel von dort ein feiner, laestiger Regen.
– Das sind Soldaten, Soult. Nur wessen?
– Vielleicht ist es Grouchy, – sagte Soult zweifelnd, waehrend er durch das Fernrohr blickte, – es scheint mir, Sire, ich sehe an ihnen franzoesische Uniformen.
– Wenn Grouchy fliegen koennte, – murmelte Napoleon, – geben Sie mir das Fernrohr.


Um zwei Uhr nachmittags wurden bei Les Baraques, vier Kilometer von Wavre entfernt, die an der Spitze der franzoesischen Kolonne marschierenden Dragoner von Exelmans von einer Abteilung preussischer Husaren angegriffen. Der Zusammenstoss war leicht, ein Test fuer die Preussen, und sie zogen sich sofort nach Wavre zurueck. Vandammes Korps folgte den frechen Husaren, waehrend Grouchy selbst mit Gerards Korps und der Division Teste nach links auswich, um die Umgebung von Limalette und Limal auf eine Ueberquerung des Flusses Dyle zu untersuchen.
Mit einer kleinen berittenen Abteilung, die die Infanterie ueberholt hatte, ritt Grouchy an den Fluss. Er fand keinen Uebergang, entdeckte aber am gegenueberliegenden linken Ufer der Dyle feindliche Kavallerie- und Infanterieabteilungen. In das Herz des Marschalls schlich sich eine b;se Vorahnung, dass die Preussen seine Truppen einfach durch den Fluss eingesperrt hatten. Mit diesem Gefuehl und zwei Divisionen von Gerard traf der Marschall zwischen halb vier und vier Uhr bei General Vandamme ein, der sich zu dieser Zeit Wavre naeherte.
Im Feldlager von Vandamme erwartete den Marschall ein Adjutant Napoleons mit dem Brief des Kaisers, der um zehn Uhr abgesandt worden war. Der Kaiser befahl, nach Wavre zu marschieren. Folglich hatte er richtig gehandelt. Dies beruhigte Grouchy ein wenig, und er befahl Vandamme, den Gegner anzugreifen.
Am Rande des Staedtchens entbrannte ein Kampf. Vandammes Soldaten draengten die Infanteristen der 11. und 12. preussischen Brigaden langsam zur Bruecke zurueck. Der Kampf dauerte bereits eine Stunde, als ein Melder aus dem Hauptquartier eintraf. Grouchy las mit Erstaunen die widerspruechliche Botschaft Napoleons. Der gesamte Brief billigte sein Vorgehen, doch der Nachsatz forderte ihn auf, zum Kaiser zu kommen, was indirekt seine Taten missbilligte.
Wenn Grouchy haette fliegen koennen und ihm Fluegel gewachsen waeren, so maechtig, dass er nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Armee mit der ganzen Artillerie, den Pferden und dem Tross in die Luft haette heben koennen, waere er natuerlich ueber den von den Preussen bewachten Fluss, ueber die aufgeweichten Felder und Wege hinweggeflogen, waere rechtzeitig beim Kaiser eingetroffen und haette ihn gerettet. Doch Grouchy konnte nicht fliegen, ihm waren keine eines franzoesischen Marschalls wuerdigen Fluegel gewachsen, und dafuer – und nur dafuer – verdient er den strengsten Tadel der Geschichte.
Es gibt wohl keinen franzoesischen Historiker, der Grouchy nicht dafuer verurteilt haette, dass er nach Erhalt von Napoleons Befehl nicht sofort das Gefecht einstellte und nach Waterloo aufbrach. Ich rufe die Richter auf, einen Blick auf die Karte zu werfen und auf den blauen Streifen zu achten, der Wavre von Nordosten nach Suedwesten durchschneidet und sich dann, wunderlich gewunden, nach Sueden wendet, vorbei an den Doerfern Limal und Limalette. Dieser blaue Streifen ist der Fluss Dyle. Um den Befehl des Kaisers auszufuehren, musste er ueberwunden werden, da es keine Moeglichkeit gab, ihn zu umgehen. Genauer gesagt, die Umgehung des Flusses haette zwei Tage Marsch erfordert, plus-minus einige Stunden. Indem er den Feind in Wavre und Limal angriff, tat Grouchy nichts anderes, als den Befehl des Kaisers auszufuehren. Auf anderem Wege, als sich ueber den Fluss durchzuschlagen, konnte der Marschall den Befehl des Kaisers nicht erfuellen.

21



Napoleon blickte lange durch das Fernrohr.
– Das ist nicht Grouchy, lieber Soult, – sagte er und setzte das Rohr ab. – Das ist ganz und gar nicht Grouchy, das ist Buelow, und beten Sie zu Gott, dass er allein ist.
Der Kaiser hatte, wie immer, recht. Es war nicht Grouchy, es war Buelow.
Als Feldmarschall Bluecher vom Herannahen der Franzosen auf Wavre erfuhr – dies geschah etwa um viertel vor drei –, befahl er zwei hinteren Brigaden aus Pirchs Korps, nach Limal und Limalette zu folgen, da sich die Brigaden ohnehin unweit dieser Doerfer befanden. Deren Vorhuten hatte Marschall Grouchy am linken Ufer der Dyle erblickt. Die Korps von Buelow und Zieten sowie zwei Brigaden aus Pirchs Korps setzten den Marsch auf Waterloo fort. Um halb eins traten die ersten Bataillone aus dem Pariser Wald hervor und begannen sich an dessen Rand zu sammeln.


– Schnell! – kommandierte Napoleon, der wie aus dem Nichts neue Energie gewonnen hatte, – Lobaus Korps an den rechten Fluegel verlegen, die Artillerie an die vorderste Linie, die Garde zu Ney heranziehen...
Befehl folgte auf Befehl. Adjutanten und Ordonnanzen stoben in alle Richtungen davon, wie ein Schwarm erschreckter Sperlinge, und kehrten zum Kaiser zurueck, wobei sie die Koerner der Meldungen in ihren Schnaebeln trugen. Der Kaiser nahm die Schlacht in seine Haende.
– Wir werden es schaffen, Soult, wir werden es noch schaffen!
Um Viertel nach fuenf bezog Lobaus Korps Stellungen suedlich des Schlosses Fichermont. Die ersten Kompanien Buelows erreichten die Stellungen des Korps und griffen sie an. Um Viertel nach fuenf ging die Division Quiot, von Ney selbst gefuehrt, zum Angriff auf den zentralen Stuetzpunkt der britischen Verteidigung ueber, und um Viertel nach fuenf erdroehnten die auf Befehl Napoleons vorgezogenen Kanonen der Armeeartillerie. In ihrer Staerke uebertraf diese Kanonade bei Weitem den ersten, traegen Beschuss von drei Uhr.
Doch die m;rderische Wirkung dieses Beschusses dauerte nur f;nfzehn Minuten an, da Herzog Wellington befahl, die Infanterie aus der Feuerzone abzuziehen. Mit diesem Befehl rettete der Herzog mehreren hundert Soldaten das Leben. Ehre und Lob gebuehren ihm dafuer. Das „Kanonenfutter“ vor den Kanonen wegzunehmen, war f;r einen Feldherrn seines Ranges, gelinde gesagt, eine ungew;hnliche Tat. So ungew;hnlich, dass Ney den Abzug der britischen Infanterie trotz aller begleitenden Umst;nde f;r einen allgemeinen R;ckzug des Gegners hielt. Und wenn der Gegner sich zurueckzieht, bedeutet das Arbeit f;r die Kavallerie.
Innerhalb von zwanzig Minuten bereitete Ney den Kavallerieangriff vor. Zusammengezogen wurden das 3. Kavalleriekorps von Kellermann, das bereits im Einsatz gewesene 4. Kavalleriekorps von Milhaud, die 1. Kavalleriedivision von General Jacquinot aus d’Erlons Korps und sogar die Kavalleriedivision von General Pir; aus Reilles Korps. Kurz gesagt, Ney sammelte die gesamte Kavallerie, derer er habhaft werden konnte; er erreichte lediglich die Gardekavallerie nicht, die dem Kaiser direkt unterstellt war.
Um Viertel vor sechs kaempften zwei Brigaden Buelows verzweifelt gegen Lobaus Divisionen. Die Preussen draengten die Franzosen zurueck, und der Kaiser verstaerkte Lobau mit sechs Bataillonen der Jungen Garde, die sich bereits im Anmarsch auf die Stellungen des Korps befanden. Um Viertel vor sechs brachte die Division Quiot den zentralen Stuetzpunkt erneut in ihren Besitz, und die Division Durotte den linken. Um Viertel vor sechs stellte die Armeeartillerie das Feuer ein, und zehntausend franzoesische Reiter st;rmten vor, um die abziehenden Briten niederzumachen.


Auf der Insel Sankt Helena lehnte Napoleon die Urheberschaft des massierten Kavallerieangriffs ab und schob die gesamte Verantwortung dafuer auf die Eigenmaechtigkeit Neys. Der bonapartistischen Tradition folgend, habe Napoleon nicht gewusst, was Ney tat. Mag sein. Mag es Eigenmaechtigkeit gewesen sein, mag er es nicht gewusst haben. Doch nach Napoleons eigenem Konzept ist letztlich der Kommandierende fuer alles verantwortlich, was auf dem Schlachtfeld geschieht. „Gewusst oder nicht gewusst“ zaehlt nicht.
Die Briten flohen nicht vom Schlachtfeld, wie der Kaiser sich getaeuscht hatte, und waren bereit, die Kavallerie zu empfangen. Die englische Infanterie formierte sich zu Karrees, und vor diesen lebendigen Festungen standen die Kanonen. Die Kanoniere hatten den Befehl: Nachdem sie zwei- oder dreimal mit Kart;tschen in die Ross-und-Reiter-Masse gefeuert hatten, sollten sie Schutz hinter den Mauern aus scharfen Bajonetten suchen.
Vor langer Zeit in ;gypten hatte General Bonaparte mit seinen Karrees die Reiterei der Mamluken vernichtet. Seitdem galt es als Axiom, dass Kavallerie gegen im Quadrat formierte Infanterie wirkungslos sei. Und nun, nach siebzehn Jahren, spottete das Schicksal ueber Kaiser Napoleon, indem es ihn in dieselbe Lage brachte, in die er einst die furchtlosen Mamluken von Murad und Ibrahim versetzt hatte.
Die Infanterie schien der heranstuermenden Kavalleriemasse schutzlos ausgeliefert zu sein, doch sie hielt stand. Die Soldaten der vordersten Reihe liessen sich auf ein Knie nieder, die zweite Reihe schoss aus der Huefte, die dritte von der Schulter. Besondere Treffsicherheit war nicht erforderlich. Die Naehe und Dichte der Ziele fuehrten dazu, dass mindestens die Haelfte der Kugeln ihre Opfer fanden. Die Pferde scheuten vor den Bajonetten, und die Kavalleristen stachen und hieben mit ihren Piken und Saebeln ins Leere.
Als die franzoesische Kavallerie, an den Karrees zerschellt, bereits ausreichend desorganisiert und durch die enormen Verluste in ihren Reihen und die geringfuegigen in den Reihen des Gegners ausreichend demoralisiert war, wurde sie von der schweren Kavallerie des Grafen Uxbridge (Anglesey) angegriffen und ziemlich leicht in die Flucht geschlagen. Die zweite Flucht der Franzosen an diesem Tag. Dreimal fuehrte Ney die Kavallerie in die Attacke, und dreimal wehrten sich die Briten. Alles, was die Franzosen erreichen konnten, war, zwei Karrees zu zerstoeren und niederzumetzeln, doch die uebrig gebliebenen sechs hielten bis zum Tod stand.
Insgesamt verwandelte sich der von Napoleon erdachte, nie da gewesene Kavallerieangriff, als letzter Nagel zum Sarg Wellingtons, in ein nie da gewesenes Fiasko. Das Zentrum brach zusammen, dafuer hatte Lobau am rechten Fluegel einen fuer alle unerwarteten Erfolg. Sechs Bataillone der Jungen Garde stellten nicht nur die dem Korps verloren gegangenen Positionen wieder her, sondern trieben die Preussen auch weit zurueck.
Der Erfolg der Gardisten ermutigte den Kaiser. Konsequent setzte er Artillerie, Infanterie, Kavallerie, erneut Artillerie und noch einmal Kavallerie ein, doch er hatte noch eine alte, bew;hrte Waffe in Reserve – seine unbesiegbare Garde.
Gegen sieben Uhr abends sprengte der Kaiser zu den auf Befehl wartenden Gardebataillonen. Eine kurze Rede des Kaisers begeisterte die alten „Landstreicher des Krieges“. Napoleon selbst fuehrte elf Bataillone der Alten, Mittleren und Jungen Garde zu Ney. Erst dann, als er dem Marschall die Gardisten uebergab, umarmten sich die Feldherren und versoehnten sich. Wenn auch nur fuer kurze Zeit.


Mit dem Scheitern des Kavallerieangriffs im Zentrum und dem Erfolg am rechten Fluegel endete die Hauptphase der Schlacht. Das Finale nahte. Jeder verstand oder fuehlte es. Entweder, oder. 50 zu 50. Entweder der vollstaendige Sieg oder die vollstaendige Niederlage, da der Kaiser hartnaeckig keinerlei Massnahmen fuer einen Rueckzug traf. Wenn es der Garde und den Divisionen von Reille – die Ney vom nutzlosen Sturm auf Hougoumont abgezogen hatte – gelaenge, die feindliche Verteidigung zu durchbrechen und die Briten zur Flucht zu zwingen, wuerde das Eintreffen Bluechers keine Bedeutung haben; wenn es nicht gelaenge – wuerde alles andere keine Bedeutung mehr haben.
Kurz vor dem Finale positionierte Ney Kanonen im Gehoeft La Haye und unmittelbar dahinter; er feuerte mit direktem Richten auf die englische Infanterie. Kurz vor dem Finale trafen am linken englischen Fluegel die Brigaden aus Zietens Korps ein.
Kurz vor dem Finale, gegen 19:20 Uhr, lief ein franzoesischer Hauptmann zum Gegner ueber.
– Der verdammte Napoleon kommt selbst mit seiner Garde! Mal sehen, wie ihr standhaltet! – schrie der halb benommene Hauptmann dem Kommandeur des 52. Infanterieregiments, Oberst Frazer, zu.
Der Hauptmann wurde unverzueglich zu Wellington gebracht. Als der englische Kommandierende vom bevorstehenden Angriff der feindlichen Garde erfuhr, stopfte er die klaffenden Luecken seiner Verteidigung mit allem, was er konnte. Und er konnte die Loecher nur mit preussischen Bataillonen stopfen. Zieten war auf dem Weg, um Buelows Korps zu Hilfe zu kommen, was durchaus natuerlich war. Baron Mueffling sprengte zu General Zieten.
– Die Schlacht ist verloren, wenn das erste Korps dem Herzog nicht zu Hilfe kommt.
Der ebenfalls anwesende Bluecher gab die Erlaubnis, dem Herzog zu helfen. Wenige Minuten vor dem franzoesischen Angriff begannen preussische Bataillone, die Luecken in der Verteidigung des Zentrums zu fuellen.
Wellington wartete auf den finalen Angriff. Entweder, oder. 50 zu 50. Entweder der vollstaendige Sieg oder die vollstaendige Niederlage, da der Herzog hartnaeckig keinerlei Vorbereitungen fuer den Fall eines Rueckzugs traf.
Und schliesslich, kurz vor dem Finale, trat das Korps von Pirch aus dem Pariser Wald hervor.
Um 19:50 Uhr fuehrte Ney die Garde, die Divisionen von Bachelu und Gerard sowie die ;berreste der Divisionen von Quiot und Donzelot zum Angriff. Insgesamt etwa 15.000 Soldaten. Wellington befand sich in der vordersten Linie, und als die Garde bis auf Schussweite herangekommen war, kommandierte er:
– Auf die Garde, fertig machen!


Trommeln droehnten, Trompeten gellten in jaemmerlichem Schrei, die Erde bebte unter dem gemessenen Schritt. Die Garde griff an. In ihre linke Flanke, von der Seite des Parks von Hougoumont, schlug eine Batterie mit dreissig Geschuetzen ein. Unter Marschall Ney fiel das fuenfte Pferd. Er fuehrte die Garde zu Fuss weiter. In ihre rechte Flanke schlug eine andere Batterie ein und maehte mit grober Kartaetsche die vorderen Reihen der Grenadiere nieder. Ein Salvenschuss, und die rechte Flanke des Gardemonolithen wurde mit Bajonetten von der Brigade Ditmers angegriffen. Ein kurzer, boeser Gegenangriff der Gardisten, und die Briten wichen zurueck. Die linke Flanke warf die Braunschweiger nieder, und sie flohen. Die Front prallte auf das mittlere Quadrat der Brigade Halkett, das zuvor drei Kavallerieangriffen standgehalten hatte. Unter dem Schlag der Garde zerfiel das Karree wie ein Kartenhaus.
Trommeln droehnten, Trompeten gellten, die Garde rueckte unaufhaltsam vor. Ihre rechte Flanke wurde von den Briten mit Bajonetten zerrissen, in die linke schlug mit direktem Richten eine Batterie und die Brigade Bolton ein. Die Jaeger antworteten mit geschlossenen Salven. An der Front des Gegners war niemand zu sehen. Die Bataillone erreichten den Huegelkamm, und dort erwuchs, wie aus dem Boden gestampft, der Feind. Es erhoben sich die im Roggen verborgenen britischen Gardisten und die preussischen Bataillone.
– Auf die Garde, fertig machen! – schrie Wellington mit ueberschlagender Stimme.
– Auf die Garde, Feuer! – schrie er.
Die Salve riss dreihundert der vordersten Franzosen nieder.
– Garde, zum Angriff! – schrie Wellington.
Briten und Deutsche stuerzten sich, jeder in seiner Sprache gellend schreiend, auf die fassungslosen Franzosen. Die Jaeger gerieten in Verwirrung und wichen zurueck, doch bereits naeherte sich das 4. Jaegerregiment – die letzte Sturmkolonne. Die Briten kehrten hinter den Kamm zurueck und warteten auf den neuen Angriff. In diesem Moment feuerte das Regiment von Frazer (Colborne), das sich am Rande des Parks von Hougoumont vorbeigeschlichen hatte, in den Ruecken der linken Flanke. Von hinten ueberrumpelt, drehten sich die Franzosen der neuen Gefahr entgegen. Von drei Seiten unter Feuer genommen, hielten die Jaeger inne, wankten dann im Rueckzug, und als das 52. Regiment und die Hannoveraner von Bolton zum Bajonettangriff uebergingen, flohen sie ungeordnet und rissen das noch nicht am Kampf beteiligte 4. Jaegerregiment mit sich. Genau in diesem Moment der hoechsten Verwirrung der franzoesischen Garde befahl der Herzog den Kavalleristen von Vivian, an der Front anzugreifen.
Waehrend des Gardeangriffs hatten Buelow und der zu ihm gestossene Pirch Lobau bis nach Plancenoit zurueckgedraengt, und die Lage der Franzosen wurde auch durch vier Bataillone der Alten Garde nicht ausgeglichen.
„La Garde recule! Die Garde weicht zurueck!“, – diese Nachricht verbreitete sich wie ein Blitzschlag durch die Reihen der franzoesischen Armee, die den Siegesmarsch der unerschrockenen Garde beobachtet hatte. Die Flucht der Garde war noch nicht die alles zerstoerende und verderbliche Panik. Die Panik wurde durch die Infanteristen der Division Durotte ausgeloest, als sie begriffen, dass die herannahenden Infanteriemassen keineswegs die Regimenter von Grouchy waren, sondern Preussen.
Mindestens seit drei Uhr, sobald sich die ersten Schwierigkeiten abzeichneten, hatten die Kommandeure die Moral der Soldaten mit der baldigen Ankunft von Grouchy aufrechterhalten. Nicht weil sie alle potenzielle Luegner waren. Diese Vorgabe kam vom Kaiser. Die Luege des Kaisers zur Rettung wandelte sich in eine Luege zu seinem Verderben. Indem sie die Waffen wegwarfen und schrien: „Wir sind von den Kommandeuren verraten worden! Rette sich, wer kann!“, flohen die Soldaten von Durotte vom Schlachtfeld. Das war Panik, das war eine Katastrophe.
Herzog Wellington ragte wie ein alter Ritter zu Pferd auf dem Kamm des von den Franzosen nicht genommenen Huegels empor. Er nahm den Hut ab und schwenkte ihn in der Luft. Die britischen Kommandeure an der gesamten Front deuteten diese Geste als Signal zum allgemeinen Angriff. Die Trommeln schlugen, die Trompeten gellten in jaemmerlichem Schrei, die Dudelsaecke spielten und drehten einem die Seele von innen nach aussen – die britische Armee erhob sich an der ganzen Front zum Vormarsch.
Der englische Angriff im Zentrum und die von links heranstroemenden Bataillone von Zieten liessen den Franzosen nicht die geringste Chance, sich zu organisieren und zu verteidigen. Der grosse Feldherr Napoleon verlor die Schlacht und mit ihr den vierten Feldzug hintereinander. Diesmal war die Niederlage ebenso gruendlich wie die drei vorangegangenen, aber in Rekordzeit schnell. Diesmal benoetigte der grosse Feldherr Napoleon fuer die Vernichtung seiner eigenen Armee insgesamt nur einhundert Stunden.
Die Uhren schlugen Viertel nach acht. Napoleon war unweit von La Haye Sainte damit beschaeftigt, die Alte Garde zu formieren, um sie in die von Ney geschlagene Bresche zu werfen. In diesem Moment wurde die Flucht seiner Armee offensichtlich. Der Kaiser befahl drei Bataillonen, sich in Quadraten aufzustellen und mit der rechten Flanke die Br;sseler Strasse zu sperren.
Marschall Ney stuerzte sich in einem Anfall von Verzweiflung an der Spitze der noch formierten Brigade Brue in einen bereits sinnlosen Gegenangriff, in der Hoffnung, dem Kaiser Zeit zu geben, im Rueckland eine Verteidigung zu organisieren. Sinnlos deshalb, weil der Kaiser mit Soult, mit Bertrand und allen Adjutanten bereits vom Schlachtfeld geflohen war.
Um ein Uhr nachts war er bereits in Quatre-Bras, und um f;nf Uhr morgens am 19. Juni traf er in Charleroi ein. Man sagt, er sei in jener Nacht weinend gesehen worden. Worueber weinte der Kaiser? Ueber die Tausenden Gefallenen, ueber die Tausenden, die in diesen Minuten auf dem Feld qualvoll an ihren Wunden starben, ueber die Witwen und Waisen? Eine solche Annahme erscheint seltsam.
In der Zwischenzeit erreichte der britische Angriff jene drei Karrees, die Napoleon an der Bruesseler Strasse zur Deckung seiner Flucht zurueckgelassen hatte. Von allen Seiten umzingelt, zogen sich die Gardisten langsam zurueck und wehrten sich erbittert. Sie hielten die Formation und trieben Briten und Preussen mit Bajonetten zurueck. Zwei der aeusseren Karrees wurden vom Gegner aufgebrochen und zerstreut, doch das mittlere hielt stand. Das zusammengeschmolzene Karree wurde von unzaehligen Scharen von Englaendern, Hollaendern und Preussen umringt. Ein britischer Offizier ritt mit einer weissen Flagge vor. In der Stille war das Klirren des Pferdegeschirrs zu hoeren.
– Gardisten, ergebt euch! – rief der Offizier laut, – euer Kaiser ist geflohen.
– Scheisse! – antwortete General Cambronne treffend.
Viel spaeter hoerten die feinen Damen der Pariser Salons in dieser „Scheisse“ den Satz: „Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht!“. Ihnen, den Salondamen, ist wohl besser bekannt, wie sie aussieht und wie sie schmeckt, die Scheisse namens Krieg.
– Scheisse! – formulierte Cambronne praegnant, und die Gardisten antworteten mit einem Wiehern.
– Scheisse, – nannte der General den geflohenen Kaiser, und die Gardisten fielen unter britischen und deutschen Kugeln.


Der General selbst war schwer am Kopf verwundet worden. Er ueberlebte dieses Gemetzel. Fuer seine nicht salonfaehige, ungeschminkte Verachtung des eigenen und fremden Lebens, fuer diesen Ausruf, wurde er vom Koenig begnadigt und sogar zum Vicomte erhoben. Nur wenige Generale kamen so erfolgreich aus der zweiten Herrschaft Napoleons hervor.
Das Zentrum war vollstaendig zerschlagen. Der bei dem nie genommenen Hougoumont verbliebene Teil von Reilles Korps und Lobaus Korps beim aufgegebenen Plancenoit bewahrten noch ihre Kampfstaerke. Sie, gefuehrt von Ney, retirierten so schnell sie konnten, wobei sie Artillerie und Gepaeck verloren und die Verwundeten der Gnade der Sieger ueberliessen.
Um zehn Uhr abends war alles vorbei. Fast 50.000 Tote und Verwundete lagen auf dem Schlachtfeld oder befanden sich in den Lazaretten (24.000 Franzosen, 15.000 Soldaten von Wellingtons Armee und 7.000 Preussen, vornehmlich aus Buelows Korps). Die ueberlebenden Franzosen hatten sich von der Verfolgung abgesetzt. Die englische und die preussische Armee bezogen Quartier zur Ruhe.


Gegen zehn Uhr abends, etwas suedlich von Belle-Alliance, trafen der englische und der preussische Kommandierende zusammen. Ziemlich schnell einigten sich Wellington und Bluecher darauf, dass die preussische Armee die geschlagenen Franzosen verfolgen wuerde. Schwieriger erwies es sich, Einigkeit bei einer zweitrangigen Frage zu finden – wie die Schlacht zu nennen sei. Bluecher wollte sie „Belle-Alliance“ nennen. Mir scheint dieser Name sehr gelungen, sowohl im direkten Sinne als auch – kennt man die Geschichte des Gehoefts und die Geschichte des englisch-preussischen Streits um Hannover – im uebertragenen Sinne. Buelow bestand auf dem Namen „Plancenoit“, er hatte dort gekaempft. Der Prinz von Oranien schlug vor, sie „Schlacht bei Hougoumont“ zu nennen, er hatte dort gekaempft. Marschall Wellington bat alle, der Schlacht den Namen „Schlacht bei Waterloo“ zu belassen. Der Beitrag des Herzogs zum Sieg war entscheidend, und die Generale gaben nach.


22



Um neun Uhr morgens sandte Napoleon aus Philippeville, 25 Kilometer suedlich von Charleroi, seinem Bruder Joseph die niederdrueckende Nachricht von der Niederlage. Der Kaiser eilte nach Paris. Zum wiederholten Male verliess er eine untergehende Armee, zum wiederholten Male eilte er nach Paris, um seine Krone zu retten – nicht die Nation, nicht Frankreich, nicht die Armee, allein die Macht war ihm wahrhaft teuer. Ueber Laon (am 20. Juni) traf der Kaiser am Morgen des 21. Juni, moralisch und physisch voellig erschoepft, im Elysee-Palast ein.
Wie es in solchen Faellen ueblich war, wuenschte der Kaiser ein Bad zu nehmen. Er wusch gleichsam die schmutzige, verschwitzte Kleidung des Soldaten von sich ab und kleidete sich in das wohlriechende Gewand des Diplomaten und Staatsmannes.
Waehrend dieser Verwandlung durch warmes Wasser empfing der Kaiser Joseph und Lucien. In frueheren Jahren hatten beide, besonders der Zweitgenannte, aktiv gegen ihren Bruder intrigiert. Lucien hatte die letzten Jahre sogar in England gelebt, und es schien, als seien ihre Beziehungen fuer immer zerstoert. Umso erstaunlicher war ihre jetzige Freundschaft. Die Brueder berieten etwa eine Stunde lang. Gestern Abend hatte Joseph Napoleons Brief aus Philippeville erhalten. In der Nacht hatten Joseph und Lucien sich beraten und einen Ausweg gefunden, wie es ihnen schien. Die Loesung lautete etwa so: Diktatur Napoleons – Suspendierung des Parlaments – nationaler Aufbruch – totaler Krieg. Als Napoleon das Badezimmer verliess, wusste er bereits, wohin er die Minister, das Parlament und die Nation zu fuehren hatte.
Die Nachricht von der Ankunft des Kaisers ersch;tterte sowohl die Minister als auch das Parlament und die Nation, das heisst die einfachen Pariser. Im Elysee-Palast trafen die Minister ein, die am Vorabend von Joseph ueber „einige Schwierigkeiten in Belgien“ informiert worden waren. Das erbaermliche, zerzauste Aussehen der mit Napoleon eingetroffenen Offiziere verriet verr;terisch das Ausmass der belgischen Schwierigkeiten.
Um zehn Uhr eroeffnete der Kaiser die Ministersitzung. Napoleon jonglierte mit der gewohnten Leichtigkeit mit Frankreich, der nationalen Groesse und der Niedertracht der Feinde, vermischt mit Hunderttausenden, die man einberufen, in Soldatenuniformen stecken und auf den Schlachtfeldern opfern muesste, um sein Recht zu verteidigen, den Franzosen das Leben zu nehmen.
– In zwei Monaten habe ich 180.000 Mann in die Nationalgarde [eine Art Miliz] berufen. Sollte ich nicht in der Lage sein, weitere 100.000 zu finden? Um das Land zu retten, muss man mir eine ungeheure Macht anvertrauen, vor;bergehend – die Diktatur. Ich koennte die Macht ergreifen, aber es waere besser, wenn die Kammern sie mir selbst verleihen wuerden.
Seltsam war diese Sitzung. Der Kaiser erhielt Unterstuetzung dort, wo er sie nicht erwartet hatte, und Widerstand dort, wo er mit Unterstuetzung gerechnet hatte. Carnot, der alte Republikaner Carnot, der sich in den Jahren der Siege vom Thron der Schmeichler ferngehalten hatte, in den schwierigen Monaten der Misserfolge jedoch unerschuetterlich an der Seite stand; der Schoepfer der Revolutionsarmee, die die Nation geschuetzt hatte und unter Napoleon zu einem Ungeheuer geworden war, das die Nation verschlang – Carnot sprach sich fuer die Diktatur aus. Mit einigen Vorbehalten, aber entschlossen. Der Kriegsminister, der eiserne Marschall Davout, war ebenfalls fuer die Diktatur.
Nach allen Gesetzen der Buehne haetten die uebrigen Minister nach Carnot und Davout den Vorschlag des Kaisers mit Begeisterung annehmen muessen. Doch weit gefehlt! Caulaincourt, Cambaceres und Maret – drei der treuesten Weggefaehrten der ersten Herrschaft – sprachen sich vorsichtig fuer eine Zusammenarbeit mit dem Parlament aus. „Haben sie denn nicht gehoert?“, kochte der Kaiser innerlich, „ich sagte – Diktatur.“ Und aeusserlich ruhig wandte er sich an die Versammelten:
– Wer noch?
Dies war ein Fehler. In solchen Augenblicken darf man den Zaudernden nicht das Wort geben. Regnault de Saint-Jean d’Angely warnte, dass das Parlament die Abdankung Napoleons fordern koenne. Das magische Wort „Abdankung“ war ausgesprochen. Abdankung – eine andere Loesung des Problems.
Lucien verteidigte seinen Bruder leidenschaftlich:
– Wenn es noetig ist, kann der Kaiser ganz ohne das Parlament auskommen, indem er sich ohne dessen Vermittlung an die Nation wendet.
Die uebrigen Minister schwiegen. Kaum jemand glaubte noch an die Faehigkeit des Kaisers zu siegen. Am beredtesten schwieg Fouche.


23


Der Polizeiminister hatte ueber seine Kanaele bereits einige Stunden vor Joseph von der Katastrophe in Belgien erfahren und sofort begonnen zu handeln. Diktatur, Aufloesung des Parlaments, wie in den legendaeren Zeiten des 18. Brumaire – diese Handlungen des Kaisers waren vorhersehbar. Folglich war das Parlament der Stein des Anstosses auf Napoleons Weg zur unbegrenzten Macht. Entweder wuerde er diesen Stein aus dem Weg raeumen, oder das Parlament wuerde den Kaiser unter seiner Last begraben. Am Abend des 20. Juni, nach der von Joseph organisierten Ministersitzung, traf Fouche mit Lafayette zusammen.
– Napoleon hat seine Armee verloren und kommt nach Paris, um eine neue auszuheben, – erklaerte Fouche ohne Umschweife, – das Erste, was er tun wird, ist der Versuch, das Parlament loszuwerden.
– So etwas in der Art habe ich vermutet, – antwortete Lafayette, – wir muessen handeln.
In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni, als Joseph und Lucien in den Tuilerien berieten, wie sie dem Bruder die Kaiserkrone retten koennten, beriet Fouche in seinem Haus mit den Abgeordneten (Lafayette, dem Praesidenten der Abgeordnetenkammer Lanjuinais, Manuel, Jay und Lacoste), wie sie den gescheiterten Kaiser dieser Krone berauben koennten. Der Polizeiminister verlieh der Verschwoerung Respektabilitaet. Sehr bald bestimmten die Verschwoerer die Wurzel des Problems – die Zeit. Da sie ihren Kaiser kannten, vermuteten sie, dass Napoleon schnell und entschlossen handeln wuerde. Seiner Entschlossenheit musste eine noch groessere Entschlossenheit des Parlaments entgegengesetzt werden.
Es war nicht einfach, eine so komplexe Operation wie einen Umsturz in weniger als vierundzwanzig Stunden vorzubereiten und durchzufuehren. Die Verschwoerer versuchten es, und Napoleon half ihnen dabei.
Normalerweise begannen die Sitzungen um zwei Uhr nachmittags. Die Verschwoerer beschlossen, die Sitzungen der unteren Kammer so frueh wie moeglich zu beginnen. Man musste die Abgeordneten nicht erst dann sammeln, wenn sie ueblicherweise eintrafen – gegen halb zwei oder zwei –, sondern bereits gegen acht oder neun Uhr. Die ganze Nacht ueber ueberbrachten Agenten Fouches den Abgeordneten die von Lanjuinais unterzeichneten Einladungen.
Um neun Uhr, als der Kaiser im Elysee-Palast in der Badewanne plaetscherte, begannen im Palais Bourbon die ersten besorgten Abgeordneten einzutreffen. In den Korridoren und Coulissen des Palastes wurden die Debatten umso hitziger, je mehr Abgeordnete hinzukamen. Die einen behaupteten, der Kaiser wuerde sie gewiss auseinanderjagen und wie junge Hunde auf die Strasse werfen. Andere glaubten dies nicht und versuchten ihre Gegner von der Torheit einer solchen Entscheidung zu ueberzeugen.
– Wir werden sehen, wir werden sehen, – rief Lafayette aus, – Sie werden noch sehen, wie recht ich habe, und zwar sehr bald!
Keine Stunde verging, bis Lafayettes Vorhersage eintraf. In der zwoelften Stunde traf aus dem Elysee-Palast ein Bote von Fouche mit einem Zettel ein: „Davout und Lucien bedraengen den Kaiser und versuchen ihn zu ueberzeugen, beide Kammern aufzuloesen.“ Ein Ausbruch der Empoerung folgte, und am meisten empoerten sich diejenigen, die nicht an einen solchen Ausgang geglaubt hatten. Auf der Welle der Entruestung lud Lanjuinais die Abgeordneten in den Saal. Die Uhren zeigten 12:15 Uhr.
Die Verschwoerer handelten schnell und entschlossen, ganz im Geiste Napoleons. Lafayette bestieg die Tribuene. „Meine Herren, wenn nach so vielen Jahren hier erneut meine Stimme erschallt, die, wie ich glaube, alle alten Freunde der Freiheit wiedererkennen werden, so geschieht dies nur, weil ich es als meine Pflicht ansehe, Ihre Aufmerksamkeit auf die Gefahr zu lenken, die unser Land bedroht und die nur Sie retten koennen. Es gab unheilvolle Geruechte, und nun bestaetigen sie sich ungluecklicherweise. Es ist an der Zeit, sich um das alte trikolore Banner zu scharen, das Banner von 89, der Freiheit, der Gleichheit und der oeffentlichen Ordnung. Nur diese gerechte Sache muessen wir sowohl gegen Ansprueche von aussen als auch gegen die Bedrohung im Inneren verteidigen. Meine Herren, darf ein Veteran dieser heiligen Sache, der niemals in irgendwelche Fraktionen verwickelt war, einige vorlaeufige Beschluesse vorschlagen, deren Notwendigkeit Sie, wie ich hoffe, selbst einsehen werden.“
Eine grandiose Rede! Der alte revolution;re Klepper wieherte in dem schmutzigen Stall, in den Napoleon ihn gejagt hatte. Unheilvolle, raubtierhafte Schatten von Robespierre und Danton kreisten ueber Paris, auf der Suche nach dem ersten Opfer. Und hier sind die Resolutionen selbst.
„Die Kammer erklaert den Beginn einer ununterbrochenen Sitzung. Jeder Versuch, sie aufzuloesen, ist Hochverrat, und jeder, der dies versucht, ist ein Verraeter seines Landes und wird als solcher behandelt werden.“
Einstimmig!
„Der Kriegsminister, die Minister des Aeusseren, des Inneren und der Polizei werden aufgefordert, sich unverzueglich in der Abgeordnetenkammer einzufinden.“
Frankreich schickte sich an, in die zweite Runde zu gehen: Revolution – Robespierre – Bonaparte. Es waere auch so gekommen, waeren da nicht eine halbe Million feindlicher Soldaten an den Ostgrenzen gewesen, waeren da nicht die Truppen Bluechers, die in aller Eile auf Paris zumarschierten.


Zu dieser Zeit traf Regnault im Palais Bourbon ein, entsandt von Napoleon, um die untere Kammer auf die Ausrufung des Kaisers zum Diktator vorzubereiten, unter Androhung der Aufloesung der Kammer. Das, was er sah und hoerte, erschuetterte ihn, und im Zustand der Erschuetterung begaben er und eine Abgeordnetenkommission aus fuenf Personen sich zum Elysee-Palast. Fouche und Lafayette waren Napoleon um einige Stunden zuvorgekommen.
Die Ministersitzung dauerte noch an, als die Abgeordneten erschienen.
– Das ist das Ende, – fluesterte Napoleon, nachdem er die Abgeordneten angehoert hatte, – Sie werden Frankreich zugrunde richten.
Die Aufloesung des Parlaments bedeutete unter diesen Umstaenden den Buergerkrieg.
– Die Zeit fuer Taten ist verstrichen, – resuemierte Davout, der noch vor zwei Stunden zu einer gewaltsamen Loesung der Frage aufgerufen hatte.
Nur Lucien rief dazu auf, das Parlament mit Truppen auseinanderzujagen, aehnlich wie es am 18. Brumaire geschehen war.
Der 18. Brumaire. Eine andere Zeit, andere Umstaende. Der Kaiser sah klar das, was Lucien nicht sah oder nicht sehen wollte. Der 18. Brumaire war eine wohlueberlegte, vorbereitete Aktion. Nicht umsonst fand sie in einem Vorort von Paris statt, nicht umsonst hatte man dort im Voraus Truppen zusammengezogen. Jetzt wuerde nichts anderes als Strassenkaempfe und Barrikaden dabei herauskommen. Zudem erfordert jede Operation, sei es die Aufloesung des Parlaments oder ein ueberraschender Angriff auf ein Land, Zeit fuer ihre Vorbereitung. Doch das Parlament griff so unerwartet und so entschlossen an, dass es Napoleon keine Zeit liess. Kurz gesagt, die Zeit – das war die Wurzel des Problems.
Um Zeit zu gewinnen, entsandte der Kaiser Regnault in die Abgeordnetenkammer und Carnot in die Pairskammer. Beide sollten eine Mitteilung verlesen; der Kaiser sei bereit, mit dem Parlament zusammenzuarbeiten, Vorschlaege zur Loesung der gefaehrlichen Lage wuerden vorbereitet und den Kammern in K;rze vorgelegt.
Es geschah, dass Carnot im Palais du Luxembourg die Mitteilung des Kaisers verlas, noch bevor die Pairs ueber den Aufstand der Abgeordnetenkammer informiert worden waren. Im Saal herrschte eine bedrueckende Stille. Napoleon als Demokrat – die Pairs waren stumm vor Staunen. In der Stille betrat ein Kurier aus dem Palais Bourbon den Saal und uebergab dem Praesidenten eine Nachricht. Dieser stand auf, raeusperte sich und verlas mit leiser Stimme die Resolution von Lafayette. Der Saal belebte sich. Nun war alles in Ordnung, alles kehrte an seinen Platz zurueck. Es stellte sich heraus, dass in Paris eine Revolution herrschte. Die Pairs nahmen die Resolution an: die Abgeordnetenkammer zu unterstuetzen. Und sie verkuendeten eine zweistuendige Pause.



24



Napoleon sass mit seinen Ministern im Elysee-Palast wie in einer belagerten Festung. Der Verrat der Pairs – sie alle hatte er erhoeht und mit Gunst ueberhaeuft – war ein zus;tzlicher und sehr schwerer Schlag fuer seine Autoritaet. Er wankte und erlaubte den Ministern, vor dem Parlament Bericht zu erstatten. Seit den Zeiten des Direktoriums war so etwas nicht mehr geschehen. Er entsandte Caulaincourt, Davout, Carnot und Fouche zu den Abgeordneten und gab ihnen Lucien als ausserordentlichen Kommissar zur Seite.
Um sechs Uhr abends begann die ausserordentliche Sitzung der Abgeordnetenkammer. Lucien verlas Napoleons Ansprache an das Parlament, die das Versprechen enthielt, unverzueglich Verhandlungen mit der Koalition aufzunehmen, und die Versammlung bat, sich mit ihm zu versoehnen. Nacheinander sprachen Davout, Caulaincourt und Carnot. Sie sprachen ueberzeugend von den Divisionen und Korps, deren Aufstellung kurz vor dem Abschluss stand, von den Unstimmigkeiten im Lager der Verbuendeten, die Man;ver erlaubten, und von den grossen Ressourcen Frankreichs.
– Glauben Sie wirklich, dass Frankreich in der Lage ist, dem Ansturm des vereinten Europas standzuhalten? – wandte sich der Abgeordnete Jay an den Kriegsminister und sagte, waehrend er Caulaincourt ansah: – Und glauben Sie wirklich, dass die Anwesenheit Napoleons auf dem Thron nicht das Haupthindernis fuer den Friedensschluss ist?
Jay war kategorisch. Er schlug dem Parlament vor, eine Deputation zum Kaiser zu schicken mit der Bitte um seine freiwillige Abdankung und der Warnung – im Falle einer Weigerung wuerde die Abdankung erzwungen werden.
Um seinen Bruder zu retten, bestieg Lucien die Tribuene. Ach, was fuer eine Rede das war. Lucien uebertraf sich selbst im Vergleich zu vor sechzehn Jahren. Und schon damals war er kein schlechter Redner gewesen. Da war Leidenschaft, Intensitaet, unerwartete Wendungen und vernichtende Ausfaelle.
– Es ist eine Luege, – verkuendete Lucien lautstark, – dass die Verbuendeten gegen Napoleon kaempfen; sie sind in Frankreich eingefallen, um dessen Provinzen unter sich aufzuteilen. Es ist eine Luege, dass der Kaiser angegriffen wurde; man hat das franzoesische Volk angegriffen. Und in dieser Zeit, – schloss Lucien bitter, – schlagen Sie vor, Frankreich ohne seinen Fuehrer zu lassen.
Lafayette betrat die Tribuene. Er vernichtete ruhig, fast schon traege, Luciens Bemuehungen vollstaendig.
– Sie werfen uns vor, – sagte er, – dass wir unsere Ehrenpflicht gegenueber Napoleon nicht erfuellen. Haben Sie vergessen, was wir fuer ihn getan haben? Haben Sie vergessen, dass die Knochen unserer Kinder und Brueder ueberall von unserer Ergebenheit zeugen? In zehn Jahren haben drei Millionen Franzosen ihr Leben gelassen fuer einen Mann, der erneut gegen Europa kaempfen will. Wir haben genug fuer ihn getan. Unsere Pflicht ist es nun, das Land zu retten.
Lafayettes Rede loeste einen Sturm des Beifalls aus, aehnlich jenem, der in den letzten Jahren nur dem Kaiser zuteilgeworden war, doch man applaudierte dem Urgestein der Revolution aufrichtig.
Die alten Rivalen prallten aufeinander, und Lucien verlor auf allen Positionen. Die Abgeordneten erinnerten sich an jene ersten Parlamente, in denen eine geschliffene Phrase, eine Geste oder auch nur ein einziges Wort den Lauf der Geschichte wenden konnten. Die Kammer stellte Jays Vorschlaege nicht zur Abstimmung, beschloss jedoch, eine Kommission aus je fuenf Mitgliedern beider Kammern zu bilden. Diese Kommission sollte zusammen mit dem Ministerrat Massnahmen zur Verteidigung des Landes ausarbeiten. Damit wurde der Kaiser de facto von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen.
Lucien kehrte in den Elysee-Palast zurueck. Er war voller Zorn. Man muesse entweder das Parlament aufloesen oder abdanken – so lautete Luciens endgueltige Diagnose. Hortense, mit der Napoleon zu Mittag ass, baute auf die Milde von Kaiser Alexander. In ihr lockiges Koepfchen passte nicht der Gedanke, dass irgendjemand in der Lage waere, den genialen Napoleon mit all seinen genialen Leistungen auf den Sperrmuell der Geschichte zu werfen. Lucien blickte ver;chtlich auf sie.
– Ach, liebe Hortense, Sie wissen nicht, wie grausam die Welt ist!
Die Welt ist grausam, und die Grausamkeit der Welt hatte den Kaiser an diesem endlosen Tag ueber alle Massen ermuedet. Er ging schlafen, ohne ein Ja oder Nein ge;ussert zu haben.
Um elf Uhr setzten sich die Minister und die Parlamentskommission an den Verhandlungstisch. Eine Stunde vor Mitternacht verlor der Kaiser de facto die Krone. Die Regierung und die Kommissare tagten bis drei Uhr morgens. Die Minister versuchten mit aller Kraft, im Rahmen der Ausarbeitung von nationalen Sicherheitsmassnahmen zu bleiben; die Abgeordneten unter der Fuehrung von Lafayette bestanden darauf, einen Krieg zu verhindern, wenn noetig um den Preis der Abdankung oder Absetzung des Kaisers. Die Verhandlungen endeten mit einem Kompromiss: Den Kaiser zu bitten, den Kammern zu erlauben, eine Delegation fuer Friedensverhandlungen zu den Verbuendeten zu entsenden. Angesichts der Wiener Resolutionen war die Antwort der Verbuendeten leicht vorhersehbar.
Am Morgen erreichte Paris die Nachricht – Marschall Grouchy hat sich von der Verfolgung geloest und bewegt sich auf die Hauptstadt zu. Dies gab Napoleon Hoffnung. Diese wurde jedoch sogleich von Caulaincourt und Maret untergraben, die Napoleon aufrichtig anflehten abzudanken, bevor das Parlament ihn absetze.
Gegen neun Uhr versammelte sich die Abgeordnetenkammer im Palais Bourbon und wartete auf Napoleons Antwort auf die naechtliche Resolution.
Napoleon befand sich in der Defensive, und diese krachte an allen Ecken und Enden. Eine Bastion nach der anderen fiel, die Autoritaet der Macht zerbrach vor den Augen des erstaunten Beobachters. Den naechsten Sturm auf Napoleons Verteidigung unternahm nicht das Parlament, sondern die Regierung. Die Minister rangen dem Kaiser das Zugestaendnis ab, „jedes Opfer zu bringen, falls gerade er das unueberwindliche Hindernis auf dem Weg zum Frieden sei“.
Doch dem blutduerstigen Parlament war dies bereits zu wenig. Die Abgeordneten forderten lautstark die Abdankung des Kaisers. Lucien wohnte dieser stuermischen Sitzung bei und beobachtete mit Bitterkeit, wie die Menschen kollektiv ihren Gebieter von gestern verrieten, dessen Genie sie so lange und so aufrichtig bewundert hatten. Gebeugt und enttaeuscht kehrte er in den Elysee-Palast zurueck.
– Die Abdankung ist leider der einzige Ausweg, – sagte er zu seinem Bruder.
Bald darauf traf eine Deputation des Parlaments ein, die Luciens Worte bestaetigte:
– Die Abdankung, Eure Majestaet, ist der einzige Ausweg fuer das Land.
– Gehen Sie mir aus den Augen, – sagte Napoleon zu ihnen, – ich werde Ihnen meine Entscheidung schicken.
Zum letzten Mal in seinem Leben eroeffnete Napoleon eine Ministersitzung. Alle hatten sich bereits mit dem Unvermeidlichen abgefunden, nur der inkonsequente Lucien forderte, die Armee zu rufen. „Was fuer eine Armee!“, wollte der Kaiser schreien, „es gibt keine Armee!“. Jeder verstand, dass aus Lucien nur die Kraenkung ueber die gestrige Niederlage im Parlament sprach.
In einem Moment verwandelte sich der ratlose, beleibte Mann wieder in jenen Loewen, vor dem die ganze Welt gezittert hatte. Napoleon schritt energisch im Zimmer auf und ab und hackte in seiner ihm eigenen Art mit der Hand auf die eingebildeten Feinde in der Luft ein. Die Truppen nach Paris rufen! Diesen Abschaum auseinanderjagen! Die Nation erheben! Den Feind schlagen! Sieg oder Tod! Doch dieser Ausbruch dauerte nicht lange. Der Kaiser setzte sich in einen Sessel, und der Loewe kroch, den Schwanz eingezogen, in die geheimnisvollen Tiefen von Napoleons Seele zurueck. Vor den Ministern sass wieder ein dicker Mann, der nicht wusste, was er unternehmen sollte.
– Sire, – wandte sich Regnault vorsichtig an ihn, – ich bitte Sie, nicht l;nger gegen die uebermaechtigen Kraefte der Umstaende anzukaempfen. Die Zeit flieht, und der Feind rueckt immer naeher. Geben Sie den Kammern und dem Volk keinen Anlass, Sie zu beschuldigen, dass Sie dem Frieden im Wege stehen...
Mit anderen Worten – treiben Sie das Parlament nicht dazu, Sie als Staatsfeind zu verhaften.
– Ich habe nicht vor, die Abdankung zu verweigern, – jaulte der Loewe klaeglich aus seinem Versteck, – aber ich m;chte, dass man mir die Moeglichkeit gibt, in Ruhe darueber nachzudenken. Befehlen Sie ihnen zu warten.
Die folgende Viertelstunde verharrte Napoleon in einer Benommenheit, in die sich sein Bewusstsein immer ;fter vor den Erschuetterungen der Aussenwelt, vor ihrer Grausamkeit und Ungerechtigkeit fluechtete. Als er zu sich kam, befahl er Lucien, Feder und Papier zu nehmen.
„Franzosen!
Als ich den Krieg zur Wahrung der nationalen Unabhaengigkeit begann, zaehlte ich auf die Vereinigung aller Kraefte, aller Wuensche und auf den Fleiss aller Beamten. Ich wagte auf Erfolg zu hoffen, trotz aller Erklaerungen der Maechte gegen mich.
Die Umstaende haben sich geaendert.
Ich opfere mich ihrem Hass. Vielleicht richten sich ihre Drohungen und ihre Feindschaft nur gegen mich.
Mein politisches Leben ist beendet, und ich rufe meinen Sohn Napoleon II. zum Kaiser der Franzosen auf den Thron.
Die amtierenden Minister bilden einen Regentschaftsrat. Im Interesse meines Sohnes rufe ich die Kammern auf, unverzueglich das Gesetz ueber die Regentschaft anzunehmen.
Vereinigt euch fuer das Gemeinwohl und um eine unabhaengige Nation zu bleiben.
Elysee-Palast, 22. Juni 1815.
Napoleon.“
Um zwei Uhr nachmittags wurde der Text der Abdankung in der Abgeordnetenkammer und in der Pairskammer verlesen. In der oberen Kammer ging Carnot, nachdem er Napoleons Ansprache verlesen hatte, zur Schilderung der militaerischen Lage des Landes in der Fassung von Marschall Davout ueber.
– Unwahr! – ert;nte ein Ausruf aus den hinteren Reihen.


25


– Unwahr! – Alle drehten sich um.
An der Tuer stand Marschall Ney, unrasiert, in verstaubter Uniform, mit Augen wie brennende Kohlen.
– Luege, jedes Wort eine Luege! – Langsam, das linke Bein leicht nachziehend, schritt der Marschall zum Podium, das von Carnot hastig geraeumt worden war. – Der Gegner hat uns in allen Punkten besiegt. Seit der Zeit, als ich unter das Kommando des Kaisers trat, habe ich nur ununterbrochenes Chaos gesehen.
Der Marschall beschrieb, so gut er konnte, das Chaos von Waterloo. Nach seinen Worten kam es so herueber, dass es schlimmer nicht haette kommen koennen. Die Soldaten hatten mit Ehre gekaempft, doch die groebsten Fehler Napoleons hatten zur Katastrophe gefuehrt. Die Pairs hoerten zu, unf;hig zu glauben, was sie da vernahmen. Die Soldaten hatten mutig und tapfer gekaempft und mit Ehre ihre Pflicht erfuellt, doch die groebsten Fehler von Marschall Ney und das Ausbleiben von Marschall Grouchy auf dem Schlachtfeld hatten die Armee in die Katastrophe gefuehrt – mit dieser Version, der Version Napoleons, waren die Pairs bereits vertraut und hatten sich irgendwie mit ihr abgefunden.
Neys Deutung der belgischen Katastrophe war ebenso gerecht und ebenso falsch wie die Deutung Napoleons. Waterloo war ihr gemeinsames Werk, mit all ihren Fehlern und gegenseitigen Kraenkungen.
– In sechs oder sieben Tagen kann der Gegner in der Hauptstadt stehen, – schloss Ney. – Es gibt kein anderes Mittel, das Land zu retten, als Verhandlungen aufzunehmen.
Ney, der Fuerst von der Moskwa, Napoleons bester Marschall, setzte den Anspruechen der Dynastie Bonaparte, in Frankreich zu herrschen, einen Schlusspunkt. Schon zuvor war das Parlament nicht geneigt gewesen, Napoleons Anweisungen bezueglich der Regentschaft seines Sohnes zu folgen, doch nach dem Eingreifen von Ney...
„Dieses fette Schwein soll froh sein, dass Ney nicht zwei Stunden frueher erschienen ist“, sagten die Abgeordneten der Kammer, die bald alles erfuhren, was Ney berichtet hatte, „andernfalls haette man ihn als Staatsfeind verhaftet und...“ Die Fantasie hielt hier inne, doch in den geheimnisvollen Winkeln des Bewusstseins der Abgeordneten zeichneten sich unklare Bilder der Hinrichtung des Koenigs ab.
Die untere Kammer ignorierte Napoleons Empfehlungen, als waeren sie nicht vorhanden. In der oberen Kammer endeten Luciens Versuche, Interesse an der Person des Koenigs von Rom zu wecken, im Nichts. Frankreich hatte die Nase voll von den Bonapartes, von allen zusammen und von jedem Einzelnen. Und das Parlament war bestrebt, diese blutige Seite der Geschichte so schnell wie moeglich umzublaettern. Ob die neue ;ra Frankreichs gut oder schlecht sein wuerde – das spielte keine Rolle. Sie wuerde anders sein.
Schliesslich waehlte das Parlament eine provisorische Regierung. Die untere Kammer nominierte Fouche, Carnot und General Grenier (bemerkenswert: der Republikaner Lafayette wurde nicht aufgenommen). Und die Pairs benannten aus ihren Reihen Quinette und Caulaincourt.
Der Rest des Tages am 22. Juni war gepr;gt von halbherzigen Loyalit;tskundgebungen des Poebels fuer den Kaiser – denen kaum jemand Beachtung schenkte – und von steigenden Kursen an der Boerse, diesem Barometer der oeffentlichen Stimmung. Napoleon habe seine Rolle gespielt, sagte die Boerse; es sei Zeit fuer ihn, die Buehne zu verlassen, Zeit fuer neue Helden und neue Schurken, die Szene zu betreten.
Am naechsten Tag wurde Fouche auf der ersten Sitzung der provisorischen Regierung zu deren Vorsitzenden gewaehlt. Bereits auf dieser Sitzung beschloss die Regierung, Moeglichkeiten fuer eine Verstaendigung mit dem Koenig zu suchen.


26


Unterdessen dauerten die militaerischen Operationen an. Zwischen zwanzig- und dreissigtausend franzoesische Soldaten, alles, was vom Hauptheer uebrig geblieben war, sammelte Soult in Laon. Grouchy entkam Thielmann, und am 24. Juni trafen seine dreissigtausend Mann in Rethel ein, wo der Marschall von der zweiten Abdankung Napoleons erfuhr.
Die Preussen verfolgten die Franzosen hart und zahlten dem Feind die Schuld von 1806 mit Zinsen zurueck. Mit drei Korps strebte Bluecher nach Paris, waehrend das Korps von Thielmann Abteilungen zur Belagerung der Festungen abstellte. Bluecher und Gneisenau waren sehr entschlossen gestimmt.
– Abgedankt! – sprach der Feldmarschall zornig zu Mueffling aus, – wenn er gefasst wird, werde ich ihn erschiessen lassen. Im Graben! So wie er den ungluecklichen Herzog von Enghien erschossen hat.
Ich bezweifle keine Minute, dass Bluecher so gehandelt haette. Gewaltig war sein Hass auf den korsischen Gauner.
Die Preussen verhielten sich in etwa so, wie sich die Franzosen vor neun Jahren in Preussen verhalten hatten; durch Pluenderungen und Gewalt erregten sie den Hass der Zivilbevoelkerung. Und es ist ungewiss, wie dieses Unternehmen geendet haette, wenn Barclay und Schwarzenberg Bluecher nicht gebeten haetten, seinen Zorn zu maessigen, wenn Friedrich Wilhelm dem Feldmarschall nicht befohlen haette, sich sanfter zu verhalten, und wenn nicht das kluge Verhalten des Herzogs von Wellington gewesen waere.
Der Herzog wusste wie kein anderer, wie leicht eine militaerische Operation zum Sturz einer Dynastie in einen grossraeumigen Guerillakrieg umschlagen konnte. Ein Krieg, in dem es kein Recht und kein Unrecht gibt, in dem Menschen einander abschlachten, nur weil sie Messer haben, und in dem ein scheinbar friedlicher Bauer aus dem Gebuesch schiesst. Das Beispiel Spaniens stand ihm vor Augen. Wellington befahl, ueberall Manifeste anzuschlagen, die den Bauern und Buergern Ruhe und Sicherheit versprachen. In den Truppen wurde jede Form von Pluenderung streng bestraft. Fuer den Proviant zahlten die Englaender den franzoesischen Landwirten mit klingender Muenze. Dem englischen Heer folgte der Tross Seiner Koeniglichen Majestaet.
Am 25. Juni traf im Hauptquartier Bluechers ein Parlamentaer der provisorischen Regierung ein. Er brachte einen Brief von General Morand. Darin wurde offiziell die Abdankung Napoleons mitgeteilt und um einen Waffenstillstand gebeten. Bluecher war mit einer Kapitulation unter folgenden Bedingungen einverstanden: Verhaftung und Auslieferung Napoleons an ihn, ;bergabe von Paris und aller Festungen.
Die provisorische Regierung befand sich in einer verzweifelten Lage. Fouche wandte sich hilfesuchend an seinen alten Gefaehrten Talleyrand, Talleyrand uebte Druck auf Ludwig aus, dieser bat die verbuendeten Monarchen um Nachsicht fuer das irregeleitete Land, und als Ergebnis dieser verworrenen Kombination wurde in Saint-Cloud der Waffenstillstand unterzeichnet. Paris kapitulierte, und die Preussen stellten die Kampfhandlungen ein. Wenige Tage spaeter wurde Ludwig XVIII. wieder auf den Thron gesetzt, und Fouche wurde auf Wunsch Talleyrands zum Polizeiminister des Koenigreichs ernannt.
All diese juengsten Ereignisse vollzogen sich bereits ohne die geringste Beteiligung Napoleons.


27


Die zweite Schwierigkeit des provisorischen Regierung – das war die Anwesenheit Napoleons.
Napoleon war zornig auf Fouche, auf die Minister, auf das Parlament, darauf, dass er als Persoenlichkeit und als Phaenomen geleugnet wurde. Er provozierte die Regierung staendig, indem er sich das Vergnuegen nicht verweigerte, im Garten des Elysee-Palastes zu erscheinen, von dort die Menge zu begruessen und das niedere Verlangen des Poebels, zu zerschlagen und zu pl;ndern, anzuheizen.
„Vielleicht sollte man ihn wirklich sauber verpacken und an Bluecher ausliefern“, dachte Fouche, aber der Vorsitzende der provisorischen Regierung erinnerte sich noch aus Revolutionszeiten, wie rachsuachtig und wie schnell die Menge zur Lynchjustiz bereit war. Fouche bat Napoleon eindringlich, Paris zu verlassen.
Vor Wut ueber die eigene Ohnmacht begab sich Napoleon nach Malmaison, in das Haus seiner Ziehtochter Hortense. Drei Tage lang spazierte Napoleon in den Gaerten von Malmaison, und ihm schien staendig, dass der glueckliche Stern ihn nicht fuer immer verlassen hatte, dass er zurueckkehren wuerde. Vielleicht war Josephine sein gluecklicher Stern gewesen. Die Steine von Malmaison erinnerten sich noch an ihre leichten Schritte. Vielleicht hatte er sie zu Unrecht verlassen, als er politische Kombinationen ersann. Vielleicht wuerde sie ihm dort, im Himmel, verzeihen und ihm den Weg in diesem verworrenen Labyrinth erhellen. Und tatsaechlich, der Himmel gab ihm ein Zeichen. Bluecher lehnte den Waffenstillstand ab, und am 28. Juni erklaerte die provisorische Regierung den Belagerungszustand ueber die Hauptstadt.
Am fruehen Morgen des 29. Juni erschien Napoleon vor den erstaunten Bewohnern des Schlosses in voller Generalsuniform. Er erklaerte seinen Gefaehrten, dass er beabsichtige, sich an die Spitze der Armee zu stellen, den Preussen eine Schlacht zu liefern, diese zu gewinnen, dann das Kommando abzugeben und ins Exil zu gehen, da er ja nichts anderes brauche als die Unabhaengigkeit und das Gedeihen seines geliebten Frankreichs. Dem Teil, dass ihm „nichts fehle“ und er „nach dem Sieg das Kommando abgeben“ wuerde, glaubte niemand, nicht einmal Hortense. Mit diesem genialen Plan eilte General Becker nach Paris.
Die provisorische Regierung glaubte Napoleon ebenfalls nicht.
– Wissen Sie was, General, – sagte Fouche zu Napoleons Boten, – richten Sie ihm aus, dass er die Lage der Dinge in keiner Weise mehr aendern kann. Sein Erscheinen an der Spitze der Armee wird uns nur noch eine weitere Katastrophe und die Zerstoerung von Paris kosten.
Nicht die Aussicht auf die Zerstoerung der Hauptstadt und nicht die Aussicht auf den Tod Tausender Menschen ernuechterte den unermuedlichen Napoleon. Fouche warnte: Bluecher d;rste nach seinem Blut, und die provisorische Regierung koenne seine Sicherheit nicht garantieren. Mit anderen Worten: Verschwinde, solange du noch unversehrt bist. Doch wohin, wohin sollte er gehen?
In den letzten zwei Tagen dachten Napoleon und sein Gefolge ueber diese Frage nach. Vor den Agenten des Koenigs, die versuchen wuerden, ihn umzubringen, musste man sich entweder sehr weit weg oder sehr sicher verstecken. Sehr weit weg bedeutete Nordamerika. Ausser Europa konnte nur Amerika einen relativen Komfort des Daseins bieten. Sehr sicher bedeutete unter den Schutz einer der vier Siegerm;chte: Oesterreich, Preussen, Russland oder England. Man kann Napoleon die Nuechternheit des Denkens nicht absprechen, wenn es um seine Person ging. Man erinnere sich, wie der Herzog von Enghien endete, der unter dem Schutz des schwachbruestigen Baden gestanden hatte.
Preussen fiel aus bekannten Gruenden weg. Oesterreich weigerte sich Napoleon als Option in Betracht zu ziehen. Das ist seltsam, denn dort gab es viele Verwandte, und Kaiser Franz selbst war immerhin sein Verwandter. Doch Franz war sehr zornig auf Napoleon wegen dessen Unentschlossenheit vor der ersten Abdankung. Napoleon wusste das und war sich sicher, dass Franz ihm das Asyl verweigern wuerde. Es blieben Russland und England.
Caulaincourt riet aus Paris zur Reise nach Russland, Bertrand wollte nach England. In seiner Einfalt dachte Napoleon, dass ihm an beiden Orten Kost und Logis garantiert waeren, doch intuitiv fuehlte er, dass in Russland das Haus kalt und in England der Tisch karg sein wuerde. Napoleon beschloss, sehr weit weg zu gehen, er beschloss, nach Amerika zu reisen.
Die provisorische Regierung verweigerte ihm, dem Vaterland ein letztes Mal uneigennuetzig zu dienen; folglich musste er abreisen. Napoleon begab sich in die Garderobe und trat in einem Kostuem heraus, das seiner neuen Rolle angemessen war. Er erschien dem Publikum in einem schlichten, dunklen Anzug, in der Rolle des unverstandenen und unanerkannten Genies. Wie viele Gesichter, wie viele Charaktere konnte Napoleon spielen – was war da schon Talma mit all seinen Talenten.


28


Alles war bereit zur Abreise. Die Kutschen standen am Eingang, das bescheidene Gepaeck war verpackt. Ohne eine weitere Minute zu zoegern, setzte sich Napoleon in die vorderste Kutsche.
– Fahr ab, – befahl er,
und der Konvoi setzte sich in Bewegung; nur ein Rad quietschte klaeglich, und Napoleon seufzte tief auf, als er sich fuer immer von der Hauptstadt verabschiedete.
Am dritten Juli trafen Napoleon und sein Gefolge in Rochefort ein. Die provisorische Regierung hatte Napoleon zwei Kriegsfregatten zur Verfuegung gestellt – Hauptsache, er verschw;nde. Die Fregatten waren bereit, doch an der Hafenausfahrt versperrte der britische Kreuzer Bellerophon mit seinen Kanonenm;ndungen den Weg ins ersehnte Amerika. Fuenf Tage verbrachte Napoleon in Rochefort. Er mietete sogar ein Handelsschiff, konnte sich aber nicht entschliessen, in See zu stechen und am Kreuzer vorbeizusegeln.
Am achten Juli sandte Fouche Napoleon aus Paris ein letztes Lebewohl. Der provisorischen Regierung, schrieb Fouche, blieben nur noch wenige Stunden zu leben. Sobald Seine Christliche Majestaet den Thron besteige, wuerde eine wahre Jagd auf Napoleon beginnen. Und wenn ihm sein Leben lieb sei, muesse er das Land unverzueglich verlassen.
Napoleon musste w;hlen zwischen dem Versuch, den Engl;ndern zu entkommen, einer Begegnung mit den Agenten des K;nigs oder der freiwilligen Ergebenheit gegen;ber den Engl;ndern. Er w;hlte Letzteres. Am Morgen des 15. Juli brachten ihn seine Begleiter, nachdem sie zuvor alle Formalit;ten mit dem Kapit;n gekl;rt hatten, in einem Beiboot an Bord des Kreuzers.
„Angesichts jener, die mein Land teilen“, schrieb Napoleon an den Prinzregenten, „und der Feindseligkeit der grossen europ;ischen M;chte habe ich meine politische Karriere beendet. Ich komme, gleich Themistokles, um mich an den britischen Herd zu setzen. Ich stelle mich unter den Schutz des Gesetzes und richte diese Bitte an Eure Hoheit als den m;chtigsten, best;ndigsten und grossm;tigsten meiner Gegner.“
Die niedertr;chtigen Briten entfachten den Herd f;r den neuen Themistokles nicht in einem Palast in Yorkshire, nicht in einem Landhaus in Plymouth, nicht einmal in Kleinasien, wie es einst K;nig Artaxerxes tat, sondern auf der felsigen Insel Sankt Helena.
Napoleon protestierte und legte es so aus, als ob es nur ihn und nur England betr;fe. Alle Proteste wurden h;flich abgelehnt, und am achten August lief der Kreuzer Northumberland aus Plymouth aus und entf;hrte Napoleon f;r immer aus dem von ihm aufgew;hlten Europa.


Ðåöåíçèè