Talleyrand und das Direktorium

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In der historischen Abfolge werden die europaeischen Ereignisse der ersten fuenfzehn Jahre des neunzehnten Jahrhunderts als das Zeitalter der Napoleonischen Kriege bezeichnet. Die Erschaffung von Napoleons Imperium, seine glanzvollen
Siege bei Ulm, Austerlitz, Jena und Friedland sind der sichtbare, ueber die Oberflaeche hinausragende Teil des Eisbergs. Unter dem dunklen Wasser ruhen die Voraussetzungen und Ursachen. Geschaffen hat sie Talleyrand, einer der kluegsten Koepfe seiner Zeit. Haette er sich den Wissenschaften oder der Kunst gewidmet, wuerde sein Genie uns in all seiner Groesse entgegenstrahlen; doch er zog die Politik vor, eine Materie, die ihrer Natur nach mit Verschwiegenheit und Geheimnissen verbunden ist. Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, skizzenhaft eine widerspruchsfreie Version Talleyrands zu entwerfen, indem ich die Kreise auf dem Wasser, die dieser Mann fuer uns hinterlassen hat, richtig deute. Wohlan.
Charles-Maurice de Talleyrand-Perigord erblickte am 2. Februar 1754 als Sohn vornehmer, aber zu jener Zeit bereits etwas verarmter Aristokraten das Licht der Welt. Mutter und Vater, die in die stuermische Buntheit des Hoflebens verwickelt waren, kuemmerten sich kaum um die beiden Kleinen – Charles und seinen aelteren Bruder. Eine Amme nahm sich ihrer an – eine grobe und nicht immer nuechterne Frau. Die Sitten, die in den Vororten von Paris herrschten, zeichneten sich durch biblische Einfachheit aus. Die Medizin schaute dort selten vorbei, dafuer besuchte die Kindersterblichkeit die Vororte umso haeufiger. Dort starb sein Bruederchen, was Talleyrand ausschliesslich der elterlichen Vernachlaessigung des Schicksals ihrer Kinder und der Unzulaenglichkeit ihres Unterhalts zuschrieb. Und der vierjaehrige Charles, der von einer hohen Kommode stuerzte, auf die ihn die Amme gehoben hatte, damit der Knirps nicht im Weg stand, brach sich das rechte Bein. Der herbeigerufene Doktor renkte den Bruch ein, doch das Bein wuchs falsch zusammen, und zeit seines Lebens blieb er lahm.
Vielleicht haette Charles das zarte Alter nicht ueberlebt, doch in sein Schicksal griff seine Urgrossmutter vaeterlicherseits ein, die Graefin Francoise de Rochechouart, eine Enkelin des eisernen Colbert, der ein Jahrhundert vor Charles' Geburt mit List und Eifer die Finanzen Ludwigs XIV. in einem zufriedenstellenden Zustand gehalten hatte. Vielleicht hatte Talleyrand von Colbert seinen listigen Verstand geerbt? Die Graefin Rochechouart nahm den Jungen mit in ihr Schloss Chalais bei Bordeaux. Zum ersten Mal erfuhr Charles, was Liebe und Aufmerksamkeit bedeuteten.
Vier wolkenlose Jahre verbrachte Charles in der laendlichen Stille des Gutes Chalais, umgeben von der Fuersorge seiner Urgrossmutter und der Bewunderung ihrer alten Gesellschafterinnen. Nur vier Jahre, und im fuenften Jahr riefen die Eltern den achtjaehrigen Charles nach Paris zurueck.

Der alte Kammerdiener der Eltern nahm den Jungen an der Postkutschenstation in Empfang und brachte ihn, ohne im Elternhaus Halt zu machen, mit einer Postkutsche direkt in das College d’Harcourt. Die Versetzung aus der warmen Atmosphaere von Chalais in die luftleeren Sphaeren von d’Harcourt, wo Seelenlosigkeit und Kaelte herrschten, wo jede Unart streng bestraft und Fleiss nur spaerlich belohnt wurde, glich fuer das Kind einem Blitzschlag. Zu allem Unglueck empfingen ihn seine Eltern nicht, auch wenn sie die aeusseren Anstaende wahrten. „Ich war acht Jahre alt, doch das Auge meines Vaters hatte noch nie auf mir geruht. Man sagte mir – und ich glaubte es –, dass zwingende Umstaende diese hastige Entscheidung erforderlich gemacht haetten: Ich ging meinen Weg.“ „Einmal in der Woche begleitete mich der Abb; Hardy zu meinen Eltern, wo ich zu Mittag ass. Nachdem wir vom Tisch aufgestanden waren, kehrten wir ins College zurueck und hoerten regelmaessig dieselben Worte: ‚Seid gehorsam, mein Sohn, damit der Herr Abb; mit Euch zufrieden ist.‘“
So vergingen weitere vier Jahre. Im Alter von zwoelf Jahren erkrankte Charles an den Pocken. Kinder, die an den Pocken erkrankten, mussten das College verlassen. Der Mentor benachrichtigte die Eltern, und man schickte Diener fuer Charles, die ihn jedoch nicht zu den Eltern brachten, sondern zu einer gemieteten Pflegerin, Madame Leron. Waehrend er in einem ueberheizten, dunklen Zimmer lag, das durch doppelte Vorhaenge vor dem Lichteinfall geschuetzt war, dachte Charles zum ersten Mal ueber seine Lage nach. „Ich war zwoelf Jahre alt; waehrend meiner Genesung dachte ich ueber meine Situation nach. Das geringe Interesse, das man meiner Krankheit entgegenbrachte, der Eintritt ins College ohne Abschied von den Eltern und einige andere traurige Erinnerungen kraenkten mein Herz. Ich fuehlte mich einsam, ohne Unterstuetzung, stets auf mich allein gestellt...“
An dieser Stelle bricht der alte Fuerst Talleyrand den Strom der hitzigen Gedanken des jungen Charles ab, ohne den Grund fuer sein Unglueck zu nennen. Nennen wir ihn fuer ihn. Charles-Daniel Talleyrand, Fuerst von Chalais, Graf von Perigord und Grignols, Marquis von Excideuil, Baron von Treville und Mareuil, ist nicht sein Vater. Dies war in der hohen Gesellschaft eine alltaegliche Angelegenheit. Unser Held selbst zeugte mehrere uneheliche Kinder. Sein bekanntester Bastard ist der Maler Delacroix. Vielleicht irre ich mich, und das seltene Gleichmut des aelteren Talleyrand gegenueber dem juengeren liegt auf einer anderen Ebene? In seinem Charakter, in seiner Unfaehigkeit zu vaeterlichen Gefuehlen? Nein. Charles hatte zwei juengere Brueder – Boson und Archambaud. Sie lebten im Elternhaus und genossen die Liebe des Vaters. Zudem diente Daniel Talleyrand in Versailles als Erzieher des Dauphins, und an den Thronfolger haette man keinen Misanthropen herangelassen.
Die Schlussfolgerung, dass Daniel nicht der leibliche Vater war, laesst sich leicht aus Talleyrands Memoiren ableiten. Der Name seines wahren Vaters hingegen laesst sich nicht so einfach feststellen. „Die Ehrfurcht vor Ludwig XV. war damals noch in voller Kraft; die ersten Maenner im Staate legten all ihren Stolz in den Gehorsam; sie stellten sich keine andere Macht, keinen anderen Glanz vor als jenen, der vom Koenig ausging.
Man verehrte die Koenigin, doch in ihren Tugenden lag etwas Trauriges, das verhinderte, sich fuer sie zu begeistern. Ihr fehlte jener aeussere Reiz, dank dessen die Schoenheit Ludwigs XV. den Stolz der Nation ausmachte. Daher ruehrte jene nachsichtige Gerechtigkeit, mit der man der Koenigin ihren Tribut zollte, sie bedauerte und zugleich dem Koenig seine Neigung zu Madame de Pompadour verzieh. Herr Penthi;vre, die Gattin des Marschalls Duras, die Damen Marsan, Luynes, Perigord, die Herzogin Fleury, Herr Sourches, Madame Villars, Herr Tavannes, Madame d'Estissac – sie alle seufzten gewiss, doch man fuerchtete damals noch, durch eine Verurteilung das Familiengeheimnis preiszugeben, das jedem bekannt war und das niemand zu leugnen wagte, dessen Einfluss man jedoch durch Schweigen und ein Gebaren, als ob es niemandem bekannt waere, zu schwaechen hoffte.“
Worueber schreibt der Fuerst Talleyrand hier zu Beginn seiner Aufzeichnungen? Stellen Sie sich vor: ueber die Liebesaff;ren von Koenig Ludwig XV., dem Vielgeliebten. Diese Affaeren waren ein wesentlicher Bestandteil des Lebens in Versailles. Warum sollten wir bescheiden sein – alles drehte sich um sie, und alle drehten sich mit. Die Parteien wetteiferten in der Kunst, dem Koenig eine Geliebte zuzuspielen, um ueber sie Einfluss auf Ernennungen zu nehmen. Ehrgeiz und Eitelkeit galten damals als Tugenden. Ein wichtiger Posten bot die Moeglichkeit, Tugenden zu entfalten. Wirtschaft, Krieg und Diplomatie waren zweitrangig. Vorrangig war das Amt, in dem man ueber Wirtschaft, Krieg und Diplomatie entscheiden konnte.
In den fuenfziger Jahren, zwischen dem Roman mit der Marquise de Pompadour und der Liebe zur Graefin Dubarry, war Ludwig XV., der Vielgeliebte, besonders aktiv. Fast zehn Jahre lang lebte der Hof ohne offizielle Favoritin, und in diesen Jahren weilten im Hirschpark (Parc aux Cerfs), wo der Vielgeliebte sich im Bilde des Kapitaen Leszczynski der Leidenschaft hingab, viele Anwaerterinnen auf diese hohe Position; der Koenig setzte seinen Untertanen viele ausladende Gehoerne auf. In die Jahre der hoechsten sexuellen Aktivitaet des Koenigs fallen die Geburten von Charles Talleyrand und seinem namenlosen aelteren Bruder.
Es ist nicht einmal wichtig, ob der Koenig der Vater Talleyrands war. Es koennte sein. Im heissen Fieberwahn muss der junge Charles die Ursache fuer seine Leiden gefunden, Daniel vom Podest gestuerzt, der nicht Vater sein wollte, und den Koenig auf das Podest des Vaters gesetzt haben. Die wenigen Tage der Pocken-Krankheit hinterliessen tiefe Spuren in seinem Leben.
Bald erhielt die Version des nicht-leiblichen Vaters eine gewichtige Bestaetigung. Nach Abschluss des Colleges bestanden die Eltern auf einer geistlichen Karriere fuer Charles. Folglich gingen die Erbrechte auf die juengeren Brueder ueber. In aristokratischen Familien wurde ueblicherweise der dritte Sohn Priester. Der Erstgeborene konnte eine weltliche Karriere machen und sich als Erbe im Grunde mit allem befassen, was er wollte. Den Zweiten bestimmte man fuer den Militaerdienst, dem Dritten blieb der Dienst am Glauben vorbehalten. Die Mutter erklaerte Charles – Daniel weigerte sich, mit ihm zu sprechen –, dass eine soldatische Laufbahn fuer ihn aufgrund seiner Lahmheit ausgeschlossen sei. Es bleibe nur die geistliche. Auf Charles' bittere Frage, wie es denn mit einer weltlichen Karriere stehe, zuckte die Mutter die Achseln und sagte unwillig, dass die Entscheidung endgueltig sei und keinerlei Einspruch dulde. Eine Postkutsche holte Charles aus Harcourt ab und brachte ihn nach Reims, dem wichtigsten Erzbistum Frankreichs, wo sein Onkel muetterlicherseits als Koadjutor diente. Wir werden nicht mehr zum Problem von Talleyrands Vater zurueckkehren, doch bevor wir das Thema der Eltern verlassen, sei ein Zitat aus den Memoiren angefuehrt:
„Vor meiner Abreise war ich nicht bei meinen Eltern, und ich werde hier ein fuer alle Mal feststellen – und ich hoffe, nie wieder daran erinnern zu muessen –, dass ich vielleicht der einzige Mensch von vornehmer Herkunft aus einer zahlreichen und geschaetzten Familie bin, der waehrend seines ganzen Lebens nicht einmal eine Woche lang das suesse Gefuehl verspuert hat, unter dem elterlichen Dache zu weilen.“
Das Jahr in Reims bewies die Unbeugsamkeit der elterlichen Entscheidung und brach den rebellischen Geist von Charles, der die geistliche Laufbahn nicht einschlagen wollte. Er liess sich in das Seminar Saint-Sulpice fuehren. Drei Jahre verbrachte er im Seminar, ohne sich jemandem anzuschliessen; seine Freizeit verbrachte er mit Buechern, die verschiedene Aufstaende, Umstuerze und Revolutionen beschrieben. Die Seminarzeit endete mit der Priesterweihe. Bei dieser Zeremonie war niemand aus seiner Familie anwesend. Nur der Onkel erschien, der ihn all die Jahre behuetet und unterstuetzt hatte. Er war es auch, der im folgenden Jahr 1775 dafuer sorgte, dass der Neffe an der Kroenung Ludwigs XVI. teilnahm, die nach alter Tradition in Reims stattfand. Mit brennendem Neid blickte Charles Talleyrand auf seinen gluecklichen Bruder. Und niemand bei der Kroenung ahnte, welch wichtige Person in der dunkelsten Ecke der riesigen Kathedrale stand und alles aufmerksam beobachtete; niemand ahnte die Blutsverwandtschaft zwischen dem bescheidenen Priester und dem Urheber der Feierlichkeiten.
„... alles war voll Ehrfurcht, alles war erfuellt von Liebe, alles war ein Fest! Niemals war ein so glanzvoller Fruehling einem so stuermischen Herbst, einem so unheilvollen Winter vorausgegangen“, schrieb der Fuerst Talleyrand ueber die Kroenung Ludwigs XVI.
Im Jahre 1776 setzte Talleyrand sein Studium an der Sorbonne fort. Zwei Jahre spaeter erhielt er nach Verteidigung seiner theologischen Dissertation die Lizentiatenwuerde. Im folgenden Jahr 1779 wurde Talleyrand Generalvikar von Reims, und ein Jahr darauf fand er sich in Paris im Amt des Generalagenten des Klerus bei der Regierung wieder. Von Zeit zu Zeit, wenn es aufgrund von Kriegen oder anderen Katastrophen um die Finanzen schlecht stand, versuchte die Krone, die Kirche zur Erfuellung feudaler Verpflichtungen auf allgemeiner Grundlage zu zwingen. Im Jahre 1674 hatte die Regierung eine Deklaration verabschiedet, nach der der Anspruch des Klerus auf vollstaendige Befreiung von allen feudalen Pflichten als abgewiesen und ungesetzlich anerkannt wurde. Seitdem war es allen Versammlungen des Klerus unter verschiedenen Vorwaenden gelungen, Dekrete ueber Aufschuebe zu erwirken, die, „ohne die Frage in der Sache zu loesen, die Vollstreckung des Gesetzes von 1674 aussetzten“.
Der Schutz der Vermoegensinteressen der Kirche vor den ;bergriffen der Krone wurde von dieser Zeit an Talleyrands Sorge. Der listige Verstand von Charles fand eine Loesung, die damals geeignet schien, den jahrhundertealten Streit beizulegen. Er unternahm es zu beweisen, dass die Kirche kein steuerpflichtiges Eigentum besitze. Der Generalagent Talleyrand verfasste eine Denkschrift, die bewies, dass zwar alle Privilegien, die der Klerus genoss, der Grossmut des Koenigs zu verdanken seien, diese jedoch auf der allgemeinen Gesetzgebung des Koenigreichs beruhten, die gleuchermassen die Rechte aller Staende und das Eigentum aller Buerger schuetze. Bis zum Jahre 1700, schrieb Talleyrand, besass die Kirche kein Eigentum ausser dem Zehnten und den Allodialguetern oder Guetern, die ihr als bedingungslose Schenkung seitens der Krone verliehen worden waren. Da jedoch feudale Pflichten weder auf den Zehnten noch auf die Allodialgueter oder die der Kirche geschenkten Gueter erhoben wurden, schloss er daraus, dass das Eigentum des Klerus von allen feudalen Verpflichtungen befreit sein muesse.
Die beruflichen Pflichten nahmen nur wenig Zeit in Anspruch, und aufgrund dieses Umstandes wurde Talleyrand zu einem Stammgast in den Salons. In der informellen Atmosphaere der Salons, bei einem angenehmen Gespraech am Kamin oder am Kartentisch, wurden oft politische Fragen entschieden oder hohe Ernennungen vorgenommen. Die Schattenpolitik der Salons erwies sich bisweilen als staerker als die offizielle Kabinettspolitik. In diesem Lebensabschnitt lernte Talleyrand viele einflussreiche Menschen des damaligen Frankreichs kennen und freundete sich mit jungen Leuten an, die wie er von einer grossen Karriere traeumten. Die Bekanntschaft mit Narbonne entwickelte sich zu einer Freundschaft. In dieser Zeit kam Talleyrand Mirabeau (dem Geruecht nach ein unehelicher Sohn Ludwigs XV.), Dupont und Fouche nahe.
Nachdem er die hauptstaedtischen Vergnuegungen und Intrigen hinter sich gelassen hatte, verbrachte Talleyrand den Sommer 1783 in der Abgeschiedenheit von Reims. Eines Tages traf er beim Spaziergang in der Umgebung auf drei verirrte Englaender. Er bot ihnen grossmuetig Zuflucht im Hause seines Onkels an. Einer der Englaender war William Pitt der Juengere. Sechs Wochen lang lebten die jungen Maenner unter einem Dach.
Talleyrand lernte den Herzog Louis-Philippe d’Orleans kennen und bemuehte sich, ihm nuetzlich zu sein; jener Herzog, der waehrend der Revolution das bedeutungsvolle Pseudonym ;galit; (Gleichheit) annahm. Der Herzog begeisterte sich damals fuer die in ganz Europa modische Freimaurerei. In Paris gruendete er eine Freimaurerloge, und Talleyrand wurde als Mitglied aufgenommen. Diese Loge, die „Gesellschaft der Dreissig“, verwandelte sich 1790 in einen britischen Club, und die Anhaenger der englischen konstitutionellen Monarchie wurden, indem sie allmaehlich nach links rueckten und die alten Mitglieder verdraengten, zu den Jakobinern – dem Motor der Revolution.
Die Zeiten aendern sich, und schlecht steht es um jenen, der sich nicht mit ihnen aendert. Die gesamten achtziger Jahre hindurch lebte das Land unter der Bedingung eines wachsenden Defizits. Zwei Umstaende trugen dazu bei: der Handelsvertrag mit England und die Vorliebe der Koenigin fuer Juwelen. Sicherlich konnte eine „Madame Defizit“ mit all ihrem Hang zu Diamanten den franzoesischen Finanzen keinen Todesstoss versetzen, doch als Symbol fuer das Verfaulen der Monarchie taugte die „Oesterreicherin“ vollauf dazu, den alten Zweig der Bourbonen im Besonderen und die Institution der absoluten Monarchie im Ganzen zu schwaerzen. Danach galt es nur noch, die Frage des Ersatzes der absoluten Monarchie durch eine konstitutionelle zu stellen. Dafuer benoetigte Philippe sowohl die Freimaurerloge als auch die Versammlung der Generalstaende und die verfassungsgebende Versammlung.
Die Zeiten aenderten sich, und Talleyrand schaffte es gerade noch, auf den Trittbretter der abfahrenden Postkutsche des Wandels aufzuspringen. Im Jahre 1788 unternahm er verzweifelte Anstrengungen, ein Bistum zu erlangen. Der erste Versuch scheiterte; der Koenig bestaetigte seine Ernennung nicht. Zu Beginn des folgenden Jahres wurde der Bischofssitz von Autun frei. Und erneut bestaetigte der Koenig Talleyrand nicht. Erst beim dritten Anlauf stimmte Ludwig, und zwar mit grossem Widerwillen, der Kandidatur des Fuersten Talleyrand zu. Sogleich reiste der neue Bischof nach Autun ab. Genau dreissig Tage dauerte sein Episkopat. Gerade so lange, dass die richtigen Leute die Gemeinde auf die Wahlen vorbereiten und diese durchfuehren konnten. Vor dem lichten Ostersonntag, als die gesamte Gemeinde sich auf das Fest vorbereitete, reiste ihr Bischof – bereits Abgeordneter der Generalstaende fuer den zweiten Stand des Kirchenbezirks Autun – ab und liess sich nie wieder vor seinen Pfarrkindern blicken.
In der Versammlung der Staende befassten sich Talleyrand und Mirabeau zunaechst mit finanziellen, dann mit kirchlichen Fragen. Dabei war im Gespann Talleyrand–Mirabeau der Erstere der Ideengeber, waehrend der Letztere durch Beredsamkeit glaenzte, indem er die Ideen in der Nationalversammlung vortrug. Im August verurteilte Mirabeau von der Tribuene aus die koenigliche Lotterie als unmoralisches Mittel zur Gesundung der Finanzen, und Talleyrand schlug eine nationale Anleihe in Hoehe von 18 Millionen Pfund vor. Doch die Konkurrenz in Finanzfragen war zu gross, um eine fuehrende Rolle zu uebernehmen. Talleyrand schlug Mirabeau vor, sich mit jenen Fragen zu befassen, in denen Talleyrand einen unbestreitbaren Vorteil besass – dem Eigentum der Kirche.
Den Entzug des Eigentums, dem die roemisch-katholische Kirche ueber Jahrhunderte erfolgreich widerstanden hatte, nannten die Freunde bescheiden eine Reformierung der Kirche. Nach einmonatiger Debatte nahm die Versammlung das Programm zur Nationalisierung der Kirche in Talleyrands Fassung an. Ihm selbst uebertrug die Versammlung die Kontrolle ueber die Nationalisierung. Die Nationalisierung der Kirchensch;tze brachte Talleyrand sein erstes grosses Kapital ein – eine halbe Million Francs. Wenig spaeter bestieg Talleyrand selbst die hohe Tribuene. Auf seinen Vorschlag hin nahm die Versammlung eine Resolution an, nach der der Katholizismus nicht mehr die Staatsreligion war.
Neben kirchlichen Fragen beteiligte sich Talleyrand an der Arbeit der Kommission zur Ausarbeitung der Verfassung. Sein Beitrag zur Charta der Menschenrechte war der Artikel VI, der die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ohne Standes- und Vermoegensunterschiede proklamierte.
Die Sitzungen der Nationalversammlung und die parlamentarische Beredsamkeit auf ihrer Tribuene, die Gesetze und Resolutionen, Pamphlete und Zeitungsartikel waren die fuer die Welt sichtbaren Kulissen der erstarkenden Revolution; dahinter jedoch fand ein unversoehnlicher Kampf der Gruppierungen um die Macht statt. Im politischen Gefuege zeichneten sich deutlich drei Kraefte ab: die koenigliche Partei, die Linken aus dem Dritten Stand und dazwischen die Monarchisten – die Konstitutionalisten, angefuehrt von Philippe ;galit;. Talleyrand schloss sich den Zentristen an. Vermutlich rechnete er im Falle eines Sieges von Philippe mit dem Portfolio des Justiz- oder Finanzministers. Die koenigliche Partei beschuldigte den Herzog und seine Anhaenger, den Koenig stuerzen und im Land eine konstitutionelle Monarchie mit dem Herzog von Orleans auf dem Thron errichten zu wollen.
Trotz seiner offensichtlichen, allgemein bekannten Zugehoerigkeit zur Gruppe des Herzogs konnten ihm formal weder die koenigliche Partei noch die Revolutionaere aus dem Dritten Stand etwas vorwerfen, da er keine schriftlichen Beweise seiner Verbindung zu Philippe hinterliess, was an sich schon fuer seine extreme Vorsicht spricht. Einen Fehlgriff leistete sich Talleyrand jedoch. Er war so unvorsichtig, dem Koenig zwei Briefe zu schreiben, in denen er dem Monarchen seine persoenliche Treue ausdrueckte und Ludwig anbot, ueber seine Person nach Belieben zu verfuegen. Die Existenz dieser Briefe im Tresor des Koenigs zwangen Talleyrand spaeter zur Flucht aus dem Land. Doch sie dienten ihm als Lehre – nirgendwo und niemals irgendwelche schriftlichen Zeugnisse.
Die Emigration erfolgte jedoch erst 1792, und am 30. September 1791 wurde die Nationalversammlung Teil der stuermischen franzoesischen Geschichte. Einige Monate zuvor hatte Robespierre die Initiative ergriffen, dass kein Abgeordneter der Nationalversammlung das Recht habe, in die gesetzgebende Versammlung gewaehlt zu werden. Nach zwei Jahren voller Sitzungen und Debatten hassten sich die Abgeordneten so sehr, dass der Vorschlag die erforderliche Stimmenanzahl erhielt, obwohl er fuer viele, wenn nicht das Ende der politischen Karriere, so doch eine merkliche Statusminderung bedeutete.
In dem Wissen, dass er kein Abgeordneter des neuen Parlaments sein wuerde, suchte Talleyrand sich schon im Voraus ein neues Betaetigungsfeld. Anfang 1791 legte Talleyrand sein Amt als Bischof von Autun nieder und wurde fast unmittelbar darauf zum Mitglied des Departements Seine gewaehlt. Im Februar und Maerz unternahm Talleyrand aus einer gewissen Traegheit heraus noch eine kirchenfeindliche Aktion. Er weihte drei Priester fast gewaltsam, gegen den Willen der zu Weihenden, zu Bischoefen. Tatsache war, dass er nach der Niederlegung seines Bischofsamtes nicht mehr das Recht dazu hatte. Der Papst drohte ihm mit der Exkommunikation, sollten sich solche Eigenmaechtigkeiten wiederholen. Mit diesem Akt war das kirchliche Buch gelesen und geschlossen. Die Religion hatte sich erschoepft. Durch Spekulationen mit kirchlichen Fragen war keine wahre Machtstellung mehr zu erlangen – das verstand Talleyrand sehr genau. Daher lehnte er den angebotenen Posten des Bischofs von Paris ab. In dieser Zeit unternahm Talleyrand titanische Anstrengungen, um das Portfolio des Finanzministers zu erhalten. Damals schrieb er die unglueckseligen Briefe an den Koenig. Der undankbare Koenig wusste die Ergebenheit des Grafen Perigord nicht zu schaetzen und widersetzte sich entschlossen seiner Ernennung.
Im Rahmen der Suche nach einem Platz an der Sonne schlug Talleyrand im Sommer der Nationalversammlung, die ihre letzten Wochen erlebte, vor, eine Akademie zu gruenden und ein Programm fuer die allgemeine Primarschulbildung anzunehmen. Der Vorschlag wurde mit grosser Freude aufgenommen. Das Parlament stimmte fast einstimmig dafuer. Doch sowohl Wissenschaft als auch Bildung waren ihm zu geringfuegig.
Welchem Geschaeft sollte er sein Genie widmen? Die Aussenpolitik schien Charles eine Beschaeftigung, die wuerdiger war als andere. Auf diesem Acker reifen ;hren, gefuellt mit goldenen Dukaten, Pfund und Dollar; man darf nur nicht zu faul sein, sie einzusammeln. Im Sommer 1791 erwarb Talleyrand seine ersten Erfahrungen in der grossen Politik. Fuer seine Vermittlung bei den Verhandlungen zwischen Spanien und Frankreich erhielt Talleyrand von der dankbaren spanischen Regierung einhunderttausend amerikanische Dollar (500.000 Pfund). Diese kamen sehr gelegen, da Charles im vergangenen Jahr, seit dem Erhalt des Geldes von der Kirche, seine Mittel stark aufgebraucht hatte. Er beglich seine Schulden, schenkte Madame de Flahaut Juwelen, die ihrer wuerdig waren, und verprasste eine gute Haelfte innerhalb eines Monats am Kartentisch. Es gab natuerlich auch Gewinne, doch die Verluste erreichten bisweilen 100.000 Francs (10–12 Tausend Pfund) pro Nacht. Ende 91 besserte er seine erschuetterte Finanzlage etwas auf, indem er in einer Nebenrolle an den Verhandlungen zwischen Russland und der Tuerkei teilnahm. Schliesslich hatte Talleyrand seinen Platz gefunden; er beschloss fest, Diplomat zu werden, aber nicht irgendein Diplomat, sondern Minister fuer auswaertige Angelegenheiten. Mit dem neuen Jahr 1792 knuepfte er Kontakte, suchte einflussreiche Bekanntschaften im Aussenministerium und freundete sich mit Botschaftern an. Den richtigen Leuten verlor Talleyrand bereitwillig und viel Geld beim Spiel. Die Salongespraeche und Maennerrunden beim Kartenspiel trugen Fruechte – im Januar wurde er mit einer diplomatischen Mission nach London entsandt.
Íåìåöêèé ïåðåâîä (Reglement 1815/2026)
Offiziell sollte Talleyrand versuchen, die englische Regierung zur Annahme des Dezimalsystems zu bewegen. Zu Beginn der 90er Jahre betrachteten sowohl die Linken als auch die Zentristen des Herzogs von Orleans England als Vorbild, als einen aelteren Bruder. Alle Konflikte und Missverstaendnisse zwischen den Laendern schienen der Vergangenheit anzugehoeren; zum vollkommenen Glueck fehlte nur noch ein einheitliches Masssystem. In Wahrheit war Talleyrand beauftragt worden, die Position Englands im Falle eines Krieges auf dem Kontinent gegen Oesterreich oder Preussen zu bestimmen. Seit der missglueckten Flucht des Koenigs hatten sich die Beziehungen Frankreichs zu den Monarchien Oesterreichs und Preussens verschlechtert. Die franzoesische Regierung fuerchtete, dass diese Laender Kriegshandlungen beginnen wuerden. Um dem Feind zuvorzukommen, neigten die gesetzgebende Versammlung und die Regierung dazu, zuerst die Aggression zu beginnen und sie als Revolutionskrieg zu bezeichnen. „Ein revolutionaeres Volk ist unbesiegbar!“, verkuendete der Girondist Brissot von der Tribuene der gesetzgebenden Versammlung. „Das ganze franzoesische Volk muss aufstehen und zu den Waffen greifen!“, pflichtete ihm der Jakobiner Robespierre bei.
Drei Monate lang befand sich Talleyrand in London und hatte dort bereits gewisse Erfolge erzielt; die englische Regierung unterzeichnete einen Neutralitaetspakt. Die Verhandlungen ueber das Dezimalsystem verliefen weniger erfolgreich, doch das Kabinett lehnte es nicht kategorisch ab.
Im April erklaerte das revolutionaere Frankreich der oesterreichischen Monarchie den Krieg, natuerlich einen Revolutionskrieg. Der neue Aussenminister rief Talleyrand nach Paris zurueck, um neue Instruktionen im Zusammenhang mit der neuen politischen Lage zu erhalten. Im Mai marschierte die Volksarmee auf Beschluss der gesetzgebenden Versammlung in die oesterreichischen Niederlande ein und trug die Revolution auf ihren Bajonetten nach Europa. Und sie wurde schmerzhaft geschlagen. Einen solchen Misserfolg konnte kein einziger Revolutionaer aus dem bunten Haufen der Girondisten, Montagnards und Jakobiner vorhersehen. Das Prinzip des revolutionaeren Rechts in Frage zu stellen, bedeutete politische Vergessenheit; folglich mussten andere Gruende fuer die Niederlage der unbesiegbaren Revolutionsarmee verantwortlich sein. Im linken Lager brach Gezanke aus. „Verrat!“, schrien die Jakobiner im Chor. Die Verraeter des vergoetterten Volkes suchte man traditionell in den Tuilerien, und stellen Sie sich vor, man fand sie recht schnell.
Die revolutionaere Hysterie weitete sich aus, noch schlimmer als im Jahre 1789. „Das Vaterland ist in Gefahr“, riefen die Fuehrer die nationalen Gefuehle der Franzosen an und vergassen dabei ihre Revolutionsparolen. Im Juni riefen die Fuehrer das Volk dazu auf, sich zu bewaffnen und ein Lager um Paris zu errichten, so sehr hatte sie der oesterreichische Widerstand erschreckt. Und im Juni besuchten die von Anwaelten aufgestachelten Sansculotten den koeniglichen Palast. Der Koenig setzte die revolutionaere rote Muetze auf und wurde dadurch gerettet, indem er ein zustimmendes Schulterklopfen von irgendeinem Baecker erhielt. Doch der naechste Sturm auf den Palast im August begrub die tausendjaehrige Monarchie. Das Koenigreich wurde zur Republik.
Talleyrand hingegen, der seine Instruktionen erhalten und den Pariser ungesunden Aufruhr miterlebt hatte, traf im Juli erneut in London ein. Er blieb dort nicht lange. Nach zwei Wochen wurde er nach Paris zurueckgerufen. Und er hatte das Unglueck, genau zur Einnahme der Tuilerien und zur Absetzung der koeniglichen Macht einzutreffen. Charles biss sich vor Aerger in die Finger. Wie konnte er nur so in die Falle tappen. Alle Aristokraten, die Unheil ahnten, flohen aus dem Land wie die Ratten vom sinkenden Schiff, und er war gerade erst angekommen. Der Koenig war verhaftet; die Jakobiner wuerden zweifellos das gesamte Schloss durchsuchen, um Beweise fuer den Verrat des Koenigs zu finden – warum sonst haette man ihn verhaften sollen. Wenn sie seine Briefe faenden, waere es aus. Keine Bekanntschaften wuerden ihn retten. Diese stillen, um das Wohl des Volkes besorgten Anwaelte aus dem Dritten Stand hatten sich irgendwie unbemerkt von allen und wahrscheinlich auch von sich selbst in blutduerstige Monster verwandelt. Fliehen, fliehen, bevor es zu spaet war!
Leichter gesagt als getan. Talleyrand bat den Aussenminister persoenlich, ihn nach London zu schicken, doch der Minister lehnte ab. „Welche Gewichte, f;rwahr, welche Masse, wenn man nicht weiss, ob man morgen noch am Leben ist!“. Charles beschloss, als Privatperson ins Ausland zu reisen, stie; jedoch beim Erhalt eines Auslandspasses auf enorme Schwierigkeiten. Waehrend des Wartens auf den Pass zeigte die Revolution sich in ihrer ganzen maechtigen, todbringenden Kraft. Viele Aristokraten verloren ihre Koepfe, und Talleyrand ahnte, dass dies erst der Anfang war. Die Wahlen zum neuen Parlament, das spaeter Konvent genannt wurde, fanden statt. Es rueckte stark nach links und wurde moerderisch homogen. Der rechte Fluegel und das Zentrum verschwanden, loesten sich in der Masse der wahnsinnigen Volksdiener auf.
Danton half Charles. Am 7. September erhielt Talleyrand seinen Pass und verliess noch am selben Tag Paris, wobei er Frankreich vorerst seinem Schicksal ueberliess.
Talleyrand hatte nicht ohne Grund um sein Leben gefuerchtet. Keine zwei Monate nach seiner Abreise wurden die unglueckseligen Briefe an den Koenig entdeckt. Da bereute Danton, dass er sich so beeilt hatte. Der Konvent setzte den Fuersten Talleyrand auf die Liste der Emigranten und erklaerte ihn fuer vogelfrei, was bedeutete, dass jeder Franzose ihn ueberall toeten konnte, ohne eine Strafe der franzoesischen Justiz befuerchten zu muessen.
Fast zwei Jahre lebte Charles in England. Er lebte sehr bescheiden, in staendiger, demuetigender Not. Die aristokratische Emigration akzeptierte ihn nicht, da man sich an seinen lockeren Umgang mit der Kirche erinnerte. Die neue Emigration, jene Thermidorianer, die vor der Bekanntschaft mit der Guillotine geflohen waren, wollten nichts mit dem Aristokraten Fuerst Talleyrand zu tun haben.
In der Freizeit, die ihm zwischen seinen langen einsamen Spaziergaengen und dem Nachdenken blieb, korrigierte er den Roman von Madame de Sta;l und eroberte damit endgueltig ihr Herz. Mit Politik befasste er sich kaum, ausser dass er einen Plan zur Einnahme von Toulon durch die englische Flotte und zur Errichtung einer konstitutionellen Monarchie der Bourbonen auf dem Territorium S;dfrankreichs entwarf. „Es ist moeglich, eine britische Landung in Toulon zu nutzen und anschliessend mittels Propaganda in der Provence eine konstitutionelle Monarchie zu errichten“, schrieb Talleyrand Ende 1792. Dieses Projekt reichte er in Form einer Denkschrift ueber seine Freunde beim Kabinett ein. Die Regierung reagierte in keiner Weise auf Talleyrands Note, in dem Sinne, dass man ihn deswegen nicht behelligte. Doch f;nf Monate spaeter nahm die britische Flotte tatsaechlich Toulon ein. Als jedoch die Operation in Toulon, massgeblich aufgrund der erfolgreichen Aktionen des Kapitaens Buonaparte, scheiterte (Dezember 1793), bat Pitt Talleyrand, England zu verlassen (Januar 1794).
„Ich hatte nicht die Absicht, lange in England zu bleiben. Obwohl ich nominell in Frankreich fuer vogelfrei erklaert worden war, wollte ich mich nicht der Kategorie der Emigranten zurechnen, der ich nicht angehoerte. Doch der englische Minister glaubte seinen Eifer fuer die gemeinsame Sache unter Beweis zu stellen, indem er zuerst ein gewisses Gefuehl der Feindschaft gegenueber der Emigration befriedigte; und so gab er mir unter Berufung auf das Auslaendergesetz [Das Auslaendergesetz (Alien-Bill) wurde 1793 von Lord Grenville durchgesetzt; es stellte die franzoesischen Emigranten unter Polizeiaufsicht und erlaubte ihre Ausweisung aus England. Im Januar 1794 wurde das Gesetz auf Talleyrand angewandt], das er im Parlament durchgesetzt hatte, die Anweisung, England innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Haette ich meinem ersten Impuls nachgegeben, waere ich sofort abgereist, doch das Gefuehl der Wuerde zwang mich, gegen die ungerechte Verfolgung zu protestieren. Daher wandte ich mich nacheinander an Dundas, an Pitt, an den Koenig selbst; als meine Gesuche abgelehnt wurden, sah ich mich gezwungen, mich zu fuegen, und bestieg ein Schiff, das als eines der ersten in die Vereinigten Staaten von Amerika auslaufen sollte.“
Die langwierige innere Krise in Amerika nahm die Form der Melancholie an. Von den psychischen Leiden heilte ihn eine Reise ins Landesinnere, die er gemeinsam mit seinem Assistenten Beaumetz und einem Hollaender namens Heydecoper unternahm.
„Waehrend der Reise hatte ich ein Gefuehl, das mir fuer immer im Gedaechtnis bleiben wird. Wenn man einen regen Geist hat und aengstlich Nachrichten aus der Heimat erwartet, ist es nicht so einfach, Zeit nutzlos zu verlieren. Die Gruende fuer die dabei erlebten Aufregungen liegen nicht nur im Aeusseren. Sich in einem dichten Wald zu verirren, in dem es keinen Weg gibt, dort mitten in der Nacht hoch zu Ross zu sein, einander zu rufen, um sich zu vergewissern, dass man nicht vom Begleiter getrennt wurde – all das sind Erlebnisse, die schwer zu beschreiben sind, weil sich zu jedem noch so kleinen Ereignis eine Art Heiterkeit gesellt, die durch die eigene Lage hervorgerufen wird. Als ich rief: ‚N.., sind Sie hier?‘ und er mir antwortete: ‚Oh, mein Gott, ja, ich bin hier, Eure Eminenz‘, konnte ich nicht anders, als ueber die Lage zu lachen, in der wir uns befanden. Dieses klaegliche ‚Oh, mein Gott, ja‘ und dieses ‚Eure Eminenz‘, das sich auf das Amt des Bischofs von Autun bezog, liessen mich lachen.
Eines Tages, tief in Connecticut, machten wir nach einem sehr langen Marsch in einem Haus Halt, in dem man bereit war, uns eine Unterkunft und sogar ein Abendessen zu geben. Dort gab es etwas mehr Esswaren, als ueblich in einem amerikanischen Haus. Die Familie, die uns aufnahm, bestand aus einem alten Mann, einer Frau von ungefaehr fuenfzig Jahren, zwei erwachsenen jungen Maennern und einem jungen Maedchen. Man servierte uns geraeucherten Fisch, Schinken, Kartoffeln, starkes Bier und Wodka. Sehr bald belebten Bier und Wodka das Gespraech. Die beiden jungen Maenner, etwas angeregt vom Alkohol, sprachen ueber ihre Abreise: Sie wollten fuer einige Wochen auf Biberjagd gehen und erzaehlten davon so lebhaft und interessant, dass wir, Beaumetz und Heydecoper, nach einigen Glaesern Wodka den inbrunstigen Wunsch verspuerten, uns ihnen anzuschliessen. Als Antwort auf jede Frage, die wir stellten, zwang man uns zu trinken. An diesem langen Abend blieb mir nur in Erinnerung, dass das Fell des Bibers nur im spaeten Herbst gut ist, dass er aus dem Hinterhalt getoetet wird, dass man ihm einen Koeder auf einer Pike hinh;lt, dass seine Behausung waehrend des Frostes angegriffen wird, dass er sich dann unter Wasser versteckt, aber da er dort nicht lange bleiben kann, zum Atmen zu den Oeffnungen kommt, die man ins Eis schlaegt, und dass man ihn dann am Bein packt.
Dieser kleine Krieg interessierte uns derart, dass Beaumetz, ein leidenschaftlicherer Jaeger oder froehlicherer Mensch als die anderen, diesen Herren vorschlug, uns in ihre kleine Unternehmung aufzunehmen. Sie stimmten zu. Und so fanden wir uns in die Gesellschaft der Jaeger von Connecticut eingereiht. Nachdem alles endgueltig vereinbart war, fand jeder irgendwie sein Bett.
Der Morgen brach an; die Wirkung des Wodkas wich dem Schlaf; uns schien, dass die Last, die wir mit uns nehmen mussten, zu schwer sei. Ich glaube, die Esswaren wogen tatsaechlich etwa vierzig Pfund; man sagte uns, dass es eine lange Zeit sei, zwei Monate in den Waeldern oder Suempfen zu verbringen, und wir begannen, das am Vortag gegebene Versprechen zurueckzuziehen. Ein paar Dollar, die wir in diesem Haus liessen, entbanden uns von unserem Wort, und wir setzten unseren Weg, oder besser gesagt, unsere Reise fort, ein wenig beschuemt darueber, was wir am Vortag angerichtet hatten.“
Talleyrand kehrte voller Kraft und dem Wunsch, etwas zu erreichen, nach Philadelphia zurueck, jedoch nicht in der Politik. Die Kommerzialisierung war fortan seine Berufung. Die Luft des jungen Amerikas war durchdrungen vom Unternehmertum.
Mit dem Startkapital gab es keine Probleme. Charles schrieb an Germaine, und bald erhielt er einen Wechsel einer Hamburger Bank. Die Spekulation mit Grundstuecken entsprach wie nichts anderes seiner derzeitigen Stimmung. Sie kombinierte die langen, ihm liebgewonnenen Reisen durch die Wildnis und kurze Abstecher in die Zentren der Zivilisation. In einem Jahr harter Arbeit verdoppelte er sein Kapital. Dies erlaubte ihm, Necker die vereinbarten Zinsen voll zu zahlen und ein Schiff zu kaufen. Talleyrand wollte sich dem ueberseeischen Handel widmen. Im Jahre 1794 wurde er Zeuge der Rueckkehr der ersten amerikanischen Expedition, die Bengalen besucht hatte; die Reeder erhielten gewaltige Gewinne, und im naechsten Jahr liefen vierzehn amerikanische Schiffe aus verschiedenen Haefen aus und steuerten Indien an, um mit der englischen Kompanie um reiche Gewinne zu konkurrieren.
„Das Schiff hatte bereits Frachtgut aufgenommen, das mehreren grossen Firmen aus Philadelphia und hollaendischen Kapitalisten gehoerte, und ich war bereit zur Abfahrt, als ich das Dekret des Konvents erhielt, das mir erlaubte, nach Frankreich zurueckzukehren. Ich musste es nutzen oder mich fuer immer von Frankreich verabschieden.“
Talleyrand waehlte Letzteres, und an seiner Stelle reiste der arme Beaumetz nach Bengalen, wo er erkrankte und starb. Die Expedition erwies sich als Misserfolg, doch das spielte keine Rolle mehr; Talleyrand kehrte in die Welt zurueck. Er kehrte zurueck, bis zum Rand gefuellt mit Ideen und Plaenen.
Im Juli 1796 ging Talleyrand im Hamburger Hafen an Land. Er beeilte sich nicht, nach Paris zu gelangen, wie es drei Jahre spaeter Bonaparte tat, als er aus ;gypten zurueckkehrte. O nein! Bevor man das Wild erlegt, sollte man es gut studieren. Einen Monat verbrachte er in Hamburg, zwei Wochen in Amsterdam und weitere zwei Wochen in Bruessel. Am 30. September traf Talleyrand in Paris ein.


2


Die Einsamkeit der Emigration laedt zum Nachdenken, zur sorgfaeltigen Analyse der Ursachen und zur Suche nach einer unkonventionellen Loesung ein. Die gesamten vier Jahre, die er ausserhalb Frankreichs verbrachte, dachte Talleyrand ueber ein einziges Problem nach – wie man die Macht ergreift.
Das Land war bereits seit sieben Jahren an der Revolution erkrankt. Von Zeit zu Zeit traten Verschlimmerungen der Krankheit auf, und dann fand ein Wechsel der Regierungsmannschaft statt. Die Staatskrisen waren nicht durch den natuerlichen Lauf der gesellschaftlichen Entwicklung verursacht. Im Gegenteil, sie waren das Ergebnis des Willens, der Dummheit oder der Unachtsamkeit einzelner Menschen; mit einem Wort, sie waren ein Werk von Menschenhand. Dies ist der Ausgangspunkt von Talleyrands ;berlegungen.
Wenn dem so ist, wenn eine Krise, zumindest in ihrer Anfangsphase, dem Willen des Menschen unterworfen ist, dann kann man sie erschaffen und bis zu einem gewissen Grad steuern. Talleyrand unterzog die Krise von 1792 einer Analyse und kam zu dem Schluss, dass die Clique um Robespierre und Danton infolge der Niederlage der franzoesischen Truppen in den oesterreichischen Niederlanden und der Drohung einer auslaendischen Intervention an die Macht gekommen war. Der Schluss an sich ist offensichtlich, er liegt an der Oberflaeche. Fernab des Offensichtlichen liegt jedoch die Folgerung aus diesem Schluss: Die Situation von 1792 war keineswegs einzigartig, man konnte sie wiederholen.
Das allgemeine Fazit lautete: Um die Macht zu ergreifen, bedarf es eines verlorenen Krieges. Dies ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Damit militaerische Niederlagen die gewuenschten Fruechte tragen, bedarf es einer freien demokratischen Presse, die kein Stein auf dem anderen laesst bei einer Regierung, die unfaehig ist, ihr Volk vor auslaendischen Horden zu schuetzen. Verlorene Schlachten und Propaganda sind fuer sich genommen harmlos genug, doch ihre Verbindung ergibt eine hochexplosive Mischung; sie schaffen eine revolutionaere Situation.
Es ist jedoch nicht so einfach, das monarchische Europa gegen Frankreich aufzubringen. Es bedarf gewichtiger, ueberzeugender Gruende. Oesterreich, Preussen und die deutschen Staaten entfesselten den Krieg gegen das revolutionaere Frankreich (Oesterreich befand sich im Jahr von Talleyrands Ankunft noch immer im Krieg) aufgrund der Verfolgungen der koeniglichen Familie. Gewiss gab es auch Gruende merkantiler Natur, doch der Feindseligkeit der Monarchen dieser Laender lag erst die Bedrohung des Lebens der koeniglichen Familie und dann die Hinrichtung des Koenigs, der Koenigin und der Tod ihres minderjaehrigen Sohnes zugrunde. Die Jakobiner hatten das heilige Prinzip des Absolutismus mit Fuessen getreten – die Unantastbarkeit des Lebens und der Macht des Monarchen. Und die herrschenden Fuersten Europas erhoben sich zum Kampf, aus Angst vor der Ausbreitung der revolutionaeren Pest, um im Grunde ihr eigenes Leben zu retten.
Im Jahre 1796 schien der Mord an einem Mitglied der koeniglichen Familie, genauer gesagt seine Hinrichtung durch den franzoesischen Staat, Talleyrand wenig aussichtsreich. Erstens gab es in Frankreich keinen nennenswerten Prinzen mehr. Zweitens war die durch die koeniglichen Hinrichtungen hervorgerufene antifranzoesische Koalition am Ende ihrer Kraefte und konnte durch einen neuen Tod nicht wiederbelebt werden. Daher lehnte Talleyrand die Hinrichtung als Kriegsgrund von Anfang an ab. Er wird die Hinrichtung erst im Jahre 1804 nutzen, um die dritte Koalition ins Leben zu rufen.
Charles richtete seinen Blick auf das ihm wohlbekannte England. Britannien hatte eine alte Tradition der Hinrichtung eigener Monarchen; daher konnte das Guillotinieren franzoesischer Herrscher das Establishment nicht wirklich erschuettern, so sehr das Londoner Kabinett nach aussen hin auch seine Empoerung kundtat. Die Erwaegungen, aus denen England Krieg gegen Frankreich fuehrte, waren ganz anderer Natur als etwa jene von Oesterreich oder Preussen. Es war ein Interessenkonflikt, und die Interessen lagen in den Kolonien. Tatsaechlich befand sich England im Kriegszustand mit Frankreich, und diesem Krieg war kein Ende abzusehen. Doch er verlief zu traege und konnte keine Krise an den Ufern der Seine ausloesen. Wie man England dazu bringen koennte, mit voller Kraft Krieg zu fuehren – das war die Hauptfrage?
Dies koennte auf zwei Wegen geschehen – durch einen Angriff auf das Mutterland oder auf seine Kolonien. Wobei die Kolonien vorzuziehen waren; und von allen Kolonien war Indien die verwundbarste und zugleich wertvollste, die nach dem Verlust der USA den Anspruch erhob, das Zentrum des britischen Kolonialreichs zu sein. Die Drohung einer franzoesischen Intervention wuerde England dazu zwingen, tief in die Tasche zu greifen und Oesterreich, Preussen, Russland, vielleicht Schweden und moeglicherweise einige deutsche und italienische Staaten zur Teilnahme an dem Unternehmen zu bewegen. Etwa so.
Die zweite Schlussfolgerung, die Talleyrand in Amerika gezogen hatte, lautete: Die Verwirklichung des Projekts ist nur moeglich, wenn man das Amt des Aussenministers innehat und hinter den Kulissen England dabei unterstuetzt, ein Militaerbuendnis zu schmieden. Kein anderes Amt in ganz Frankreich bot eine solche Moeglichkeit. Die Grundsatzentscheidung war getroffen. Es blieb nur noch eine Kleinigkeit – sie umzusetzen.
Nachdem er sich in Paris umgesehen und die Bekanntschaften mit jenen erneuert hatte, die nach den Schrecken der Robespierre-;ra am Leben geblieben waren, begann Talleyrand ueber seine treue Freundin Madame de Sta;l zu agieren, die in allen Kabinetten Einzug hielt. Zu dieser Zeit erkrankte der Aussenminister Charles Delacroix schwer und reiste zur Kur nach Holland. Dies war die Chance, die man sich unter keinen Umstaenden entgehen lassen durfte.
Endlich bot sich Germaine die Gelegenheit, eine ihrer Talente wuerdige Mission zu erfuellen. Es gab in Paris keine einflussreiche Person mehr, der die unbaendige Germaine nicht die Ohren damit vollgesungen haette, welch ein Segen es fuer Frankreich waere, wenn der edle und kluge Talleyrand den Ministerposten uebernaehme, und sei es nur fuer die Zeit von Delacroix’ Krankheit. Die salonpolitischen Bemuehungen von Madame de Sta;l endeten damit, dass Barras zustimmte, Talleyrand wegen seiner Ernennung zum Minister zu treffen.
Das Gespraech unter vier Augen endete zur vollen Zufriedenheit beider Seiten. Der Direktor war sehr interessiert an der frischen Sicht des Kandidaten fuer die Leitung der Aussenpolitik, insbesondere als Einnahmequelle. Als Charles von Barras kam und in die Kutsche stieg, in der ein Bekannter auf ihn wartete, rief er auf dem gesamten Rueckweg, wie vergessen in seinen Gedanken: „Ein immenses Vermoegen! Ein immenses Vermoegen!“. Zeitgenossen und ihnen folgend die Historiker beziehen diese Worte – und sie waren aufrichtig, da sie in extremer Erregung hervorbrachen – auf jene gewaltigen Bestechungsgelder, die Talleyrand im Laufe seiner gesamten Karriere erhielt. Ich jedoch glaube, dass sich in diesem Augenblick vor dem geistigen Auge des Fuersten Talleyrand kein vulgaerer Haufen Geld befand, sondern das Koenigreich Frankreich und er selbst in einem purpurnen Mantel.
Am 18. Juni 1797 wurde Talleyrand zum Aussenminister Frankreichs ernannt. Germaine triumphierte. Fuer den Fuersten war dies jedoch nur der erste Schritt auf seinem beschwerlichen Weg zum Thron. Nachdem er ausgiebig in den Papieren von Delacroix gestoebert hatte – wobei ihm Victoria Delacroix massgeblich half (Victoria Delacroix wurde Talleyrands Geliebte. Im April des folgenden Jahres wurde aus dieser Verbindung ein Junge geboren, der spaetere beruehmte Maler Eug;ne Delacroix. Obwohl der genesene Ehemann Victorias Eug;ne anerkannte, zweifelte in Paris niemand an der Vaterschaft Talleyrands. Waehrend der Julimonarchie erhielt Eug;ne reichlich Staatsauftraege. Dazu trug sein Vater – Charles Talleyrand – bei), die Ehefrau des kranken, ehemaligen Ministers –, entdeckte Charles eine Notiz von Magallon, die wie zugeschnitten auf Talleyrands Plaene schien. „Wie gerufen!“, rief der erstaunte Talleyrand aus.
Nur zwei Wochen nach Erhalt des Ministerportfolios verlas Minister Talleyrand im Nationalinstitut einen Bericht ueber die Moeglichkeit und Notwendigkeit der Eroberung der englischen Kolonien in Indien. Die erste Etappe des Unternehmens – die Einnahme ;gyptens.
„In Paris wurde ein Nationalinstitut fuer Wissenschaften und Kuenste organisiert; allein die Einrichtung dieses Instituts reicht aus, um den Geist zu beurteilen, der in Frankreich herrschte. Es wurde in vier Klassen unterteilt; die Klasse der physikalischen Wissenschaften stand an erster Stelle, die Klasse der politischen und moralischen Wissenschaften nahm nur einen zweitrangigen Platz ein. Man ernannte mich in meiner Abwesenheit zum Mitglied dieser Klasse. Um meine Pflicht als Akademiker zu erfuellen, verlas ich in zwei oeffentlichen Sitzungen, die durch einen kurzen Zeitraum getrennt waren, zwei Berichte, die Aufmerksamkeit erregten.
Das Thema des ersten war Nordamerika, und das Beduerfnis Frankreichs nach Kolonien war das Thema des zweiten.“
Zwanzig Tage spaeter legte der Minister diesen Bericht, ausgearbeitet als analytische Denkschrift mit konkreten Berechnungen, Zahlen und einem Massnahmenplan, auf den Sitzungstisch des Direktoriums. Darin benannte Talleyrand die potenziellen Verbuendeten Frankreichs in Indien, was im Plan von Magallon nicht vorhanden war und auch nicht sein konnte. Als Freunde Frankreichs bestimmte er jene indischen Fuersten, die mit der englischen Expansion unzufrieden waren, allen voran den Buerger Sultan Tippu.


Lassen wir Talleyrands Biografie fuer einen Moment beiseite und werfen wir einen kurzen Blick auf den Subkontinent.
In der englischen Regulierungsakte von 1774 wurde ausdruecklich festgestellt, dass die Eroberung neuer Gebiete in Indien den nationalen Interessen Englands entspreche. Dasselbe Gesetz legte die Befugnisse der Ostindien-Kompanie fest. In den eroberten Gebieten entschied die Kompanie ueber zivile und steuerliche Fragen. Nominell galt sie als kommerzielles Unternehmen und wurde von einem Aufsichtsrat verwaltet; in Wahrheit jedoch war die gesamte Machtfuelle in den Haenden eines Kontrollrats (Board of Control) konzentriert, in dem zwei Posten von Ministern des regierenden Kabinetts besetzt waren, deren Mitgliedschaft auf Empfehlung der Regierung unmittelbar durch die Krone bestimmt wurde. Der allmaechtige Kontrollrat unter der Leitung von Dundas, der die Befugnisse eines Staatssekretaers fuer Indien besass, ueberwachte sogar die Korrespondenz der Direktion der Kompanie mit ihren Filialen. Der Aufsichtsrat besass lediglich empfehlende Funktionen.
Die praktische Leitung der Kompanie oblag dem Generalgouverneur von Indien. Doch waehrend der fruehere Generalgouverneur Hastings den Direktoren der Kompanie und ihrem Aufsichtsrat gegenueber verantwortlich war und dabei Schwierigkeiten bei der Durchfuehrung der staatlichen Politik verspuerte – da er die kommerziellen Interessen der Kompanie beruecksichtigen musste –, so war mit der Eskalation des Konflikts zwischen Frankreich und England, dem die Indienfrage zugrunde lag, der neue Generalgouverneur Cornwallis von der Kompanie unabhaengig und nur der Regierung verantwortlich. Die Schaffung eines Kolonialreichs erforderte von England neue Verwaltungsformen, denn es ist leicht zu erobern, aber schwer zu halten. Versuche zu deren Einfuehrung wurden bereits unter Pitt dem Aelteren unternommen.
Das von Hastings begonnene Werk fuehrten Pitt der Juengere und Dundas fort. Sie ernannten faehige Maenner wie Wellesley auf leitende Verwaltungsposten, die in der Lage waren, die Schaffung des indischen Kolonialsystems zu vollenden. Kern dieses Systems wurde Bengalen, das bereits in den 80er Jahren von Clive erobert worden war. Bengalen diente als Vorbild fuer eine neu organisierte Kolonialprovinz. Obwohl auch hier keine Selbstverwaltung praktiziert wurde, existierte eine autokratische Buerokratie, die fuer eine effiziente Verwaltung im Sinne der Beduerfnisse der Ostindien-Kompanie sorgte. Das neue Verwaltungssystem weitete sich allmaehlich auf ganz Hindustan aus.
Der wohl wichtigste Punkt dieses Systems wurde die Politik der Vertraege und Subsidien, die bereits Clive und Hastings anzuwenden begonnen hatten. Der Sinn dieser Politik war folgender: Den lokalen Fuersten wurde der Erhalt ihrer Territorien garantiert, und es erfolgten erhebliche jaehrliche Geldzahlungen. Die Fuersten uebten die innere Verwaltung ihrer Laendereien aus. Den Englaendern oblagen die Fiskalpolitik und die Ausbeutung der Naturschaetze des Landes. Zudem organisierten, schulten und bewaffneten die Englaender indische Militaereinheiten, die von englischen Offizieren befehligt wurden.
Einen zentralen Platz bei der Eroberung Indiens wiesen die Englaender Hyderabad zu, das von Sueden her Mysore unter der Herrschaft des unruhigen Sultans Tippu bedrohte und von Norden und Westen her die kriegerischen Marathenstaaten in Schach hielt. Die Beziehungen zwischen den inneren Fuerstentuemern befanden sich in einem Zustand eines prek;ren Gleichgewichts. Die geringste Erschuetterung konnte eine Lawine bewaffneter Konflikte ausloesen und schliesslich zu einem allgemeinen Buergerkrieg fuehren.


Talleyrand zeigte in seiner analytischen Denkschrift ueberzeugend auf, dass ein kleines franzoesisches Heer, das ueber ;gypten und Syrien nach Indien vordrang, jener Faktor sein wuerde, der den Subkontinent in Zwistigkeiten stuerzen und folglich der englischen Herrschaft in Indien ein Ende setzen wuerde.


3


Das Direktorium zeigte auf der Sitzung am 23. Juli 1797 kein grosses Interesse an der Idee eines Angriffs auf die indischen Besitzungen, da genau in jenen Tagen in Lille die englisch-franzoesischen Friedensverhandlungen begannen.
Die Verhandlungen scheiterten mit Getoese, nicht zuletzt dank der Bemuehungen Talleyrands. Bei den Verhandlungen in Lille demonstrierte der neue Minister einen neuen Ansatz in der Diplomatie. Es gelang ihm sowohl, die seinen Plaenen abtraeglichen Verhandlungen zu beenden, als auch dafuer von den Englaendern viele tausend Pfund zu erhalten. Auf Dr;ngen Talleyrands verkaufte Lagarde, der Leiter der franzoesischen Delegation, fuer 25.000 Pfund die Korrespondenz des franzoesischen Aussenministeriums mit den Spaniern und Hollaendern an Lord Malmesbury, den Leiter der englischen Delegation. Angesichts der Aussicht auf neue Ausgaben schrieb Malmesbury an Pitt: „Ich bitte Sie, einen Fonds bereitzustellen, aus dem ich Mittel schoepfen kann, da ich nicht reich genug bin, um diese Summen aus eigener Tasche vorzuschiessen und vielleicht zwei oder drei Jahre auf die Rueckzahlung zu warten.“
Kaum waren die Verhandlungen in Lille gescheitert, spitzte sich die permanente Revolution zu, was als Krise des 18. Fructidor (4. September 1797) in die Geschichte einging. Drei fuehrende Direktoren – Barras, Reubell und La R;velli;re-L;peaux – schlugen Alarm wegen eines bereits angeschwollenen „monarchistischen“ Aufstands. Am Morgen des 18. Fructidor umstellten Truppen der Pariser Garnison unter dem Kommando von General Augereau, den General Bonaparte von der Italienarmee abgeordnet hatte, die Tuilerien und den Palais du Luxembourg. Der Direktor Barth;lemy wurde im Bett verhaftet, Direktor Carnot gelang die Flucht; 53 Abgeordnete der „rechten“ Flanke beider Raete wurden verhaftet, darunter General Pichegru, der Praesident des Rates der Fuenfhundert. Die Verhafteten wurden ohne Gerichtsverfahren nach Cayenne verschleppt – dem traditionellen Verbannungsort fuer politische Gegner des aktuellen Regimes. Das gleiche Schicksal ereilte die Redakteure von 42 Zeitungen.
Aus der Krise des 18. Fructidor zog Talleyrand den Schluss: Die fuer seine Plaene gefaehrlichste Figur ist General Bonaparte, und daher ist es notwendig, ihn fuer die Zeit des Umsturzes aus Frankreich, besser noch – aus Europa, zu entfernen.

Wahrlich, der Regierung wurde es nicht langweilig. Kaum war der Versuch eines rechten Umsturzes liquidiert, zeichnete sich eine Gefahr von links ab. Gemaess der Verfassung des Jahres III musste bis spaetestens Germinal (April) eine Rotation eines Drittels der Abgeordneten des nationalen Parlaments stattfinden. Im Jahre 1797 wurden statt der verfassungsmaessigen 250 Mandate insgesamt 437 Mandate gewaehlt (298 fuer den Rat der Fuenfhundert und 139 fuer den Rat der Alten). Die Verhaftungen des 18. Fructidor und der Entzug der Mandate von Abgeordneten, die der Beteiligung an der Verschwoerung verdaechtigt wurden, machten 87 zus;tzliche Abgeordnetensitze frei.
Die Regierung versuchte alle Mittel der Einflussnahme auf die Waehler. Zunaechst entfachte die der Exekutive unterstehende Presse eine Hetzjagd auf Kandidaten mit monarchistischer Gesinnung. Vorwuerfe des versteckten Royalismus gegen einzelne Kandidaten und kompromittierendes Material ueber sie wurden fast taeglich gedruckt und fanden, man muss es sagen, lebhaften Widerhall in der Leserschaft. Gleichzeitig ordnete das Direktorium, um die Gefahr von links zu beseitigen, das Verfahren zur Schliessung verschiedener Revolutionsklubs neu und legte wenig spaeter das Verfahren zur Schliessung von Zeitungen sowohl rechter als auch linker Ausrichtung fest.
Auf diese Weise ueberlebte das Direktorium durch das Abschneiden des rechten und linken Fluegels des Parlaments, indem es mit allen Mitteln versuchte, den „Sumpf“ in beiden Kammern zu vergr;;ern. Die Regierung, die taeglich mit dem Problem des ;berlebens beschaeftigt war, kam schlichtweg nicht dazu, sich um koloniale Eroberungen zu kuemmern.
Doch Talleyrand liess die Haende nicht sinken. Sieben Monate lang kaempfte er fuer die Verwirklichung seines Kolonialprojekts. Sieben Monate lang ueberzeugte der beharrliche Minister alle Direktoren zusammen und jeden Einzelnen, ueberredete General Bonaparte, die Leitung des Projekts zu uebernehmen, und… im Februar erfolgte der Durchbruch.
Mitte Februar 1798 fanden die Wahlen zum Rat der Fuenfhundert statt. Allen Listigkeiten der Regierung zum Trotz vertrat der Grossteil der gewaehlten Abgeordneten linke Ansichten. Der zweijaehrige Terror der Clique um Robespierre schien Frankreich nichts gelehrt zu haben. Das Land neigte erneut nach links. Der Terror hatte die einfachen Waehler jedoch nicht beruehrt. Robespierres Guillotine verschlang die Aristokratie und die Gesinnungsbrueder – Girondisten und Montagnards. Das Direktorium selbst sicherte den Erfolg der linken Radikalen. Frankreich hatte seit langem keine Regierung mehr gehabt, die so beharrlich auf Bereicherung bedacht war, was vor dem Hintergrund der revolutionaeren Armut des Konvents besonders abscheulich wirkte. Bestechung, Unterschlagung und Finanzbetrug erreichten ein ungeahntes Ausmass. Die Linken traten mit dem Slogan des Kampfes gegen die korrupte, in Finanzmachenschaften versunkene Regierung an, und dieser Slogan brachte ihnen unbestreitbaren Erfolg.
Die fuehrende Spitze war ueber die Wahlergebnisse ausserordentlich besorgt. Eine jakobinische Mehrheit haette das Direktorium als politische Institution durchaus begraben koennen. Um zu ueberleben, musste dringend etwas unternommen werden. Und was waere besser als eine Revision der Wahlen? Die von der Regierung gekoederten Abgeordneten des Rates der Alten forderten eine detaillierte Pr;fung der Wahlen, um die „Schrecken der jakobinischen Diktatur“ zu vermeiden. Die Exekutive reagierte bereitwillig auf den Appell der Abgeordneten. Der Rat der Alten nahm eine Resolution an, neue Abgeordnetenmandate bis zum Abschluss der Pr;fung nicht anzuerkennen. Den Rat der Fuenfhundert zu ueberzeugen, war weitaus schwieriger. Im Maerz und April schickte das Direktorium wiederholt Schreiben an die untere Kammer des Parlaments, die Ausfaelle gegen die „Anarchisten“ und offene Einschuechterungen durch eine Wiederholung der Robespierre-;ra enthielten. Gleichzeitig fand eine Arbeit hinter den Kulissen bei jedem einzelnen Abgeordneten statt. Die muehsame Arbeit der Regierung zahlte sich voll aus. Trotz stuermischer und langwieriger Debatten erklaerte der Rat der Fuenfhundert die Wahlen in sieben Wahlkreisen fuer ungueltig.
Die Manoever der Exekutive in den Parlamentskammern waren nur bis zu einem gewissen Grad wirksam. Den Buerger beruehrten sie kaum. Erforderlich war eine Aktion, die bis zu den naechsten Wahlen das Prestige der Regierung steigern wuerde. Ein kleiner siegreicher Krieg – es gibt kein besseres Mittel, um die Herzen der einfachen Franzosen zu gewinnen. Siege rufen einen natuerlichen Stolz auf den Staat hervor, und im Lichte der Siege verzeiht der Buerger der Regierung ihre kleinen Eskapaden. Das Problem bestand darin, dass Frankreich im Februar 1798 mit fast der ganzen Welt im Frieden lebte. Nur England bestritt Frankreichs Fuehrungsposition. Am 5. Maerz 1798 liefen alle Voraussetzungen und Gruende, alle Motive und Bestrebungen an einem Punkt zusammen. Aegypten.
Mit dem Erhalt der Zustimmung des Direktoriums zum Aegyptenfeldzug und der Zusage Bonapartes, diesen Feldzug zu leiten, hatte Talleyrand sein „Minimalprogramm“ erfuellt. Der General trug zwar sein Scherflein bei, indem er auf gleichzeitigen Schlaegen gegen Indien und Britannien bestand, doch der Plan gewann dadurch nur an Substanz. Mag es auch einen Angriff auf die Inseln geben. Fuer Talleyrand war es wichtig, dass ein Kolonialfeldzug begann, der England beunruhigen und zu adaequaten Gegenmassnahmen veranlassen musste.
Im folgenden Monat unternahm Talleyrand den naechsten Schritt. Im April plauderte Talleyrand im Gespraech mit dem preussischen Gesandten „zuf;llig“ ein Regierungsgeheimnis aus; er erzaehlte dem Gesandten, wohin und wann Bonapartes Armee aufbrechen wuerde. Natuerlich unterrichtete der Gesandte seinen Koenig in einem Brief ueber den Inhalt dieses Gespraechs. Ob die Nachricht die Englaender ueber die Preussen erreichte oder ob ein anderer Informationskanal funktionierte – die Ankunft von Nelsons Geschwader vor Toulon genau zum Zeitpunkt des Aufbruchs von Bonapartes Armee beweist, dass die Nachricht ihr Ziel erreichte.
Apropos anderer Kanal: die Geliebte des Ministers, Madame Grand, die von der Pariser Polizei fuer eine englische Spionin gehalten wurde. Vor der ersten Restauration, als Kaiser Napoleon bereits abgedankt hatte, Graf Provence jedoch noch nicht Koenig Ludwig XVIII. geworden war und Talleyrand das Amt des Vorsitzenden der provisorischen Regierung innehatte, verschwanden alle Dokumente bezueglich Madame Grand, der spaeteren Madame Talleyrand, spurlos aus den Staatsarchiven. Die bei der Verhaftung beschlagnahmte Geburtsurkunde, der Haftbefehl und die Verhoerprotokolle verschwanden.


4


No;l-Catherine Werl;e wurde 1761 in einer von franzoesischen Besitzungen umgebenen daenischen Enklave in Indien geboren. Ihr Vater war ein franzoesischer Adliger, der seinen Lebensunterhalt durch den Dienst in der koeniglichen Armee verdiente. Mit 15 Jahren heiratete Catherine Werl;e den englischen Beamten George Grand. Kurz nach der Hochzeit zog die junge Familie nach Kalkutta. Ein Jahr spaeter hatte Mrs. Grand einen Liebhaber – den reichen Playboy Sir Philip Francis. Der Ehebruch wurde entdeckt und fuehrte zum Zerfall der Familie Grand. Im Jahre 1778 kehrte Sir Philip nach London zurueck. Zusammen mit ihm kam Catherine nach England. Doch dort blieb sie nicht lange. Im Jahre 1783 findet man ihre Spur in Paris. Im Palais-Royal beglich sie eine Rechnung ueber 4.816 Pfund fuer Juwelen eines koeniglichen Juweliers. In diesem Jahr ist sie nicht sehr reich, verf;gt aber ueber gewisse Mittel, die ihr ein gesellschaftliches Leben ermoeglichen. Wenig spaeter mietete Catherine ein grosses Haus in der Rue d'Artois. Ihr Goenner war zu dieser Zeit, unter anderem, der Bankier Valdec de Lessart, der 1791 franzoesischer Aussenminister wurde. Lessart traf sich damals mehrmals mit Talleyrand wegen dessen bevorstehender Reise nach London. Es gibt keine Beweise dafuer, dass Talleyrand bei der Vorbereitung der Englandreise Catherine Grand kennenlernte, doch es ist durchaus wahrscheinlich.
Die jakobinische Diktatur zwang Mrs. Grand zu einer ueberstuerzten Flucht aus Paris; so ueberstuerzt, dass sie das goldene und silberne Geschirr, die Pelze, Gemaelde und die Bibliothek – kurzum alles, was sie in den Jahren ihrer Muehen auf dem Felde der Eliteprostitution erworben hatte – der Pluenderung durch den Poebel ueberlassen musste. Es gelang ihr lediglich, einige hundert Louisdor zu retten, die in ihre Unterroecke eingehaeht waren. London gefiel ihr nicht. Nach Paris erschienen ihr die englischen Maenner zu geizig und die Damen zu gallig und eifersuechtig.
Nach dem Sturz des besessenen Robespierre zog es jene Aristokraten, die vom Konvent aus diesem oder jenem Grund nicht auf die Emigrantenlisten gesetzt worden waren, zurueck nach Frankreich. Auch Catherine schickte sich an, nach Paris zu gehen. Der Umstand, dass ihr Name auf der Liste der fuer Frankreich unerwuenschten Personen stand, schreckte Catherines abenteuerlustige Seele nicht. Um diese Angelegenheit zu regeln, musste sie lediglich die Bekanntschaft mit irgendeinem ausreichend einflussreichen Republikaner machen. Keine allzu schwierige Aufgabe angesichts ihrer Schoenheit und der Fuelle ihrer sonstigen Vorzuege. Tatsaechlich verlief alles so, wie sie es geplant hatte. Obwohl sie in Frankreich von der Polizei verhaftet wurde, konnte Catherine – im Gegensatz zu ihrem Begleiter Herrn Spinola (mit dem sie nach Paris gekommen war), der postwendend ausgewiesen wurde – unter dem Schutz eines einflussreichen und galanten Jakobiners bleiben. Doch die Polizei behielt die verdaechtige Englaenderin im Auge. So verdaechtig, dass sie ein zweites Mal verhaftet wurde – diesmal unter dem Verdacht der Spionage fuer England. Doch noch vor der Verhaftung fand das Treffen zwischen Catherine und Talleyrand statt; ein Treffen, das dazu fuehrte, dass Mrs. Grand einige Jahre spaeter zu Madame Talleyrand wurde.
Talleyrands Sekretaer, der Englaender Colmache, berichtete uns in seinem Buch „Geheimnisse aus dem Leben des Fuersten Talleyrand“ von dieser Begegnung:
„Eines Abends im Oktober oder November 1797 kehrte Talleyrand, Minister der Direktorialregierung, nach einer aeusserst ungluecklichen Partie Whist nach Hause zurueck und wollte sofort zu Bett gehen. Doch man teilte ihm mit, dass ihn bereits seit geraumer Zeit eine Dame in einer sehr ernsten Angelegenheit erwarte; sie habe einen Brief von Montrond bei sich. Talleyrand war schlechter Laune, doch er wollte Montrond nicht kraenken. Er betrat den Salon, wo die Dame auf ihn wartete. Alles, was er sah, war ein langer Kapuzenmantel, in den die Besucherin gehuellt war. Er bemerkte die Spitzen vergoldeter Sandalen und den Schaum eines vergoldeten Schleiers, der unter dem Mantel hervorsah. Die Besucherin war waehrend des Wartens auf einer Couch am brennenden Kamin eingeschlafen. Das Geraeusch der Schritte weckte sie. Sie schreckte beim Erwachen auf und erhob sich. Die Kapuze oeffnete sich, der Umhang glitt von ihren Schultern: Eine Blume erbluehte. Frisch und vom Schlaf geroetet wie eine wilde Rose, von hinten beleuchtet durch das Feuer des erloeschenden Kamins. Talleyrand war gefesselt. Was auch immer die Fremde in diesem Augenblick erbitten mochte, er war im Voraus bereit, Ja und Amen zu sagen.
Warum war sie gekommen und was wollte sie ihm mitteilen? Sie war sehr erregt, und die Erregung stand ihr gut. Montrond habe ihr gesagt, dass Bonaparte England erobern werde, dass die Banken ruiniert wuerden und sie ihr gesamtes Vermoegen verlieren werde, aber dass es einen Ritter namens Talleyrand gebe und dass er, wenn sie sich ihm zu Fuessen werfe, alles regeln koenne. Talleyrand wurde klar, dass die Schoenheit ein Geschenk war, das ihm Montrond gesandt hatte. Er laechelte und beruhigte sie. Sie solle in der dunklen Nacht nicht durch die gefaehrlichen Strassen zurueckgehen. Talleyrand bot ihr an zu bleiben, die Fremde lehnte nicht ab. Sie blieb im Hause Talleyrands. Dort war sie, bis die Zeit und der Tod sie auswiesen, wie es die Zeit und der Tod mit allen in dieser Welt tun.“
Es existiert eine andere, weniger romantische Version, nach der Catherine nicht von Montrond zu Talleyrand kam, sondern von der Marquise de Talon, und sie suchte beim Minister nicht Trost, sondern Schutz vor den Bel;stigungen der zudringlichen Polizei.
Im Januar 1798 meldete die Polizei dem Direktorium die Festnahme einer gewissen Madame Grand. Bei der Verhaftung wurden bei ihr Briefe an den bekannten Vizegrafen Lamberty beschlagnahmt, einen Royalisten, der sich in England aufhielt. Es sei sehr wahrscheinlich, so lautete die Schlussfolgerung im Polizeibericht, dass die Verhaftete ein Agent des feindlichen Englands sei. Es gab keine furchtbarere Anschuldigung als die der Spionage zugunsten des Hauptfeindes Frankreichs. In diesen Briefen erwaehnt die Verdaechtige eine wichtige Person der Direktorialregierung unter dem operativen Decknamen „Kurzbein“ (infolge einer Kindheitsverletzung war Talleyrands rechtes Bein etwas kuerzer als das linke), auf die sie grosse Hoffnungen setzte. „Dieser“, schrieb sie, „wird wohl einen hohen Posten einnehmen (gemeint ist, dass Talleyrand zum Direktor gewaehlt werden sollte) als Gegengewicht zum Zauberer (Direktor Merlin) und seiner Clique.“ Die Direktoren identifizierten „Kurzbein“ als Talleyrand, der ohnehin bereits unter Verdacht stand. Talleyrands Feinde in der Regierung haetten den Minister der Spionage beschuldigen koennen.
Doch weit gefehlt. Der galante „Kurzbein“ schrieb dem maechtigen Barras:
„Buerger Direktor, Madame Grand wurde als Verschwoererin verhaftet. Es ist schwer, sich eine Person vorzustellen, die dazu weniger in der Lage waere – eine Person, die auf der ganzen Welt weiter von irgendeiner Affaere entfernt waere als sie. Sie ist nur eine schoene Indianerin, die unselbststaendigste aller Frauen, die mir je begegnet sind. Ich bitte Sie, sich ihrer Angelegenheit anzunehmen. Ich bin sicher, dass man ihr nichts vorwerfen kann und dass dieser Fall bald abgeschlossen sein wird. Es tut mir sehr leid, dass deswegen so viel Aufsehens gemacht wurde. Ich liebe sie und bezeuge Ihnen von Mann zu Mann, dass sie sich in ihrem Leben nie in irgendwelche Affaeren eingemischt hat und nicht einmal in der Lage dazu waere. Sie ist wirklich eine Indianerin, und Sie wissen, wie fern sich solche Frauen von Intrigen halten. Gruss und Einheit. (23. Maerz 1798).“
Mrs. Grand wurde freigelassen, und Talleyrand wurde zum Missvergnuegen einiger Direktoren nicht verhaftet und hingerichtet, wie es unter Robespierre haette geschehen koennen. Auch dieses Mal kam er ungeschoren davon. Dabei half ihm Barras, der einen ordentlichen Anteil an den Bestechungsgeldern erhielt.
Es sollte hinzugefuegt werden, dass im Jahre 1802 zwischen Talleyrand und Madame Grand die Zivilehe geschlossen wurde. Die Gesellschaft verstand das ueberhaupt nicht. Liebe ist Liebe... das kommt vor, aber warum heiraten? Zumal nach den Versicherungen vieler Frauen (und sie wussten, wovon sie sprachen) Talleyrand ueberhaupt nicht zu Gefuehlen faehig war.


Doch kehren wir zu Talleyrand und seinem Plan zurueck. Bonaparte entging dank seines Glueckssterns und eines Sturms der fatalen Begegnung mit der englischen Flotte. Die franzoesische Armee ueberquerte sicher das Mittelmeer und landete in ;gypten. Das Hauptziel war erreicht – Bonaparte war nicht in Frankreich, und die Englaender, die den Ernst der Gefahr erkannten, griffen ein. ;berall, wo es moeglich war, Verbuendete zu gewinnen, zeigte die englische Diplomatie Aktivitaet. Talleyrand hinderte sie nicht daran. Talleyrands Nichteinmischung und die diplomatischen Bestrebungen der Englaender erforderten eine gewisse Koordination; es bedurfte eines Bindeglieds. Dieses Bindeglied wurde im woertlichen Sinne Catherine Grand, die beim Minister lebte und nun unter dem Schutz des Pariser Polizeipraefekten stand. Talleyrand selbst wurde durch den mit Haut und Haaren gekauften Barras gedeckt.
Nach vorsichtigen Schaetzungen erhielt Talleyrand waehrend seiner zweijaehrigen Amtszeit als Minister Bestechungsgelder von auslaendischen Diplomaten, vor allem von englischen, in Hoehe von 13,5 Millionen Francs, waehrend sich auf seinen Konten in Hamburger und englischen Banken „nur“ 3 Millionen befanden. Ein Teil des Geldes floss in die Verwirklichung seines Plans, doch der Grossteil verschwand in den Taschen der Direktoren, von denen Barras am meisten erhielt. Durch die Bemuehungen von Talleyrand und dem Direktorium kam das Land foermlich unter den Hammer. Der Beitrag des Trios Talleyrand – Barras – Fouche zur Schaffung der zweiten antifranzoesischen Koalition war nicht geringer als der Gesamtbeitrag des gesamten diplomatischen Korps Englands.
Bevor er in den geheimnisvollen Orient aufbrach, um dort neben dem Ruhm eine ungesunde gelbliche Gesichtsfarbe zu erwerben, nahm Bonaparte dem Minister das Versprechen ab, als bevollmaechtigter Botschafter nach Konstantinopel zu reisen. Dies war die unabdingbare Bedingung, unter der der General zustimmte, an dem Unternehmen teilzunehmen. Talleyrand sollte Anfang Mai abreisen, noch vor Bonaparte. Doch Anfang Mai erkrankte der Minister schwer. Kurz vor der Abreise besuchte Bonaparte den Minister und fand ihn im Bett, von Kissen umgeben, vor. Natuerlich war in diesem Zustand an eine sofortige Abreise nicht zu denken. Mit schwacher, zitternder Stimme schwor Talleyrand, nach der Tuerkei zu reisen, sobald es ihm auch nur ein wenig besser ginge. Einige Tage spaeter, genauer gesagt – als aus Toulon die Nachricht vom Auslaufen der Flotte eintraf –, ging es dem Minister besser, und zwar so sehr, dass er die Ausuebung seiner Pflichten wieder aufnehmen konnte. Um die Krise mit der Regierung der USA persoenlich beizulegen, verliess Talleyrand Paris weder Ende Mai noch Anfang Juni. Es schien kinderleicht – wenn du nicht selbst reisen kannst, schicke jemand anderen. Talleyrand beschraenkte sich jedoch darauf, einen Umschlag mit der raetselhaften Aufschrift „An Herrn X“ vorzubereiten.
Im Inneren des Umschlags befand sich eine Instruktion fuer den noch unbekannten Botschafter in Konstantinopel. In voller ;bereinstimmung mit den Richtlinien der Regierung und den Vereinbarungen mit Bonaparte wurde dem Botschafter vorgeschrieben, den Sultan davon zu ueberzeugen, dass die Besetzung seiner Provinz keine feindselige, gegen ihn gerichtete Aktion sei, sondern im Gegenteil – ein Akt der Freundschaft und ein Beispiel fuer gute zwischenstaatliche Beziehungen. Er solle der tuerkischen Regierung erklaeren, dass die Franzosen lediglich der Wunsch nach ;gypten getrieben habe, den Sultan von seinen Erzfeinden – den Mamelucken und den Englaendern – zu befreien.
In Wirklichkeit war diese Instruktion nicht fuer den Botschafter bestimmt, sondern ausschliesslich zur Beruhigung der Buerger Direktoren geschrieben worden. Diese erinnerten sich bisweilen an die Existenz von Bonapartes Armee und verlangten vom Minister entschlossenes Handeln. Talleyrand antwortete, die Frage sei nicht vergessen, alles befinde sich unter Kontrolle, sogar die Instruktion fuer den Botschafter sei bereits fertig. Er selbst habe jedoch keinerlei Moeglichkeit zu reisen, da England eine Intrige mit einer monarchischen Koalition anzettele. Und er k;nne als Buerger und Patriot in dieser schwierigen Zeit das Ministerium nicht ohne Leitung lassen.
Der Version der Befreiung der Pforte von ihren Feinden hing auch Bonaparte in seinen Botschaften an den Sultan und die tuerkischen Wuerdentraeger in Syrien an. Zu Beginn des ;gyptenfeldzugs glaubte der General aufrichtig, dass Talleyrand bald in Konstantinopel eintreffen wuerde; warum sonst haette der Minister so viel Zeit und Kraft darauf verwandt, ihn zur Leitung der ;gypten-Expedition zu ueberreden. Von Malta aus sandte der General eine seiner schnellsten Fregatten nach Toulon, zur Verfuegung Talleyrands. Nach Bonapartes Berechnungen sollte sich Talleyrand zum Zeitpunkt der Ankunft des Schiffes bereits in Toulon befinden. Das Schiff wurde unterwegs von den Englaendern abgefangen, doch waere es sicher angekommen, haette der Kapitaen wohl kaum auf Talleyrand gewartet, da das Letzte, was der Minister wuenschte, eine Reise nach Konstantinopel war.
Die Pikanterie der Situation bestand darin, dass es in Konstantinopel, dem Schluesselpunkt der gesamten franzoesischen Aussenpolitik, ueberhaupt keinen Botschafter gab, weder einen schlechten noch einen guten. Anfang 1798 war der franzoesische Botschafter buchstaeblich auf seinem Posten gestorben, und voruebergehend, bis zu Talleyrands Ankunft, uebernahm der Dolmetscher der Botschaft, Ruffin, die Amtsgeschaefte, den Talleyrand per Ministerialerlass zum Geschaeftstraeger ernannt hatte. Der Kern liegt natuerlich nicht in der Bezeichnung, sondern darin, dass Ruffin keinerlei Einfluss weder auf den Diwan noch auf den Grosswesir oder den Sultan hatte. Es konnte keine Rede davon sein, dass er auf Augenhoehe mit dem englischen Botschafter Spencer Smith konkurrieren konnte, der ueber Vollmachten und solide Geldmittel verfuegte, die dazu bestimmt waren, die Tuerkei auf die Seite der Koalition zu ziehen, oder mit dem russischen Botschafter Tamara. Wusste Talleyrand, dass Ruffin aufgrund seiner Lage schlichtweg nicht in der Lage war, etwas zugunsten Frankreichs zu erreichen? Natuerlich wusste er es, und zwar besser als jeder andere.
Ruffin tat das, was er in seiner wenig erfreulichen Lage zu tun vermochte – er fuerchtete sich. Talleyrand troestete den Geschaeftstraeger in einer Botschaft vom 10. Mai, also noch bevor Bonaparte von Toulon aus aufgebrochen war, auf eigentuemliche Weise:
„Ich verstehe, wie misslich und delikat Ihre Lage bei der Pforte ist“, schrieb der Minister an Ruffin und floesste ihm Mut ein. „Fuerchten Sie nicht die Sieben Tuerme. Die Osmanische Pforte befindet sich derzeit im Prozess des Zerfalls, und die Praxis des Pf;hlens ist nicht mehr so haeufig und nicht mehr so schrecklich wie in der Vergangenheit. Auf jeden Fall koennen Sie sicher sein, dass die Republik Rache nehmen wird, falls es Ihnen bestimmt sein sollte zu sterben.“
Die Antwort des Geschaeftstraegers auf diese optimistische Botschaft des Ministers ist nicht bekannt.
Bereits im spaeten Sommer oder Fruehherbst begann Bonaparte etwas Unheilvolles zu ahnen; allmaehlich wurde ihm klar, dass irgendwo eine Stoerung aufgetreten war und etwas nicht so verlief wie geplant. Er sandte Briefe nach Frankreich an die Regierung und nach Konstantinopel an Talleyrand. Das Absenden von Post in die Heimat, nach Konstantinopel oder Syrien kostete Bonaparte jedes Mal ein Schiff mit der gesamten Besatzung und Bewaffnung. Ein gewaltiger Preis, wenn man bedenkt, dass die franzoesische Flotte nach Abukir sehr klein geworden war. Es war schwer, sich zum Versenden von Korrespondenz zu entschliessen; dennoch sandte Bonaparte waehrend seines einjaehrigen Aufenthalts in ;gypten anderthalb bis zwei Dutzend Botschaften ab. Kein einziges Schiff kehrte zurueck. Sie alle wurden von den Englaendern geentert.


„Ich weiss nicht, ob Talleyrand sich in Konstantinopel befindet. Sie muessen einen Botschafter dorthin senden. Es ist sehr wichtig. Talleyrand muss sein Wort halten und nach Konstantinopel reisen“, las Talleyrand in seinem Ministerium die an die Regierung gerichtete Depesche Bonapartes vom 19. August 1798.
Wie Talleyrand beuerchtet hatte, erwies sich die Ernennung eines Botschafters fuer die Tuerkei als eine aeusserst schwierige und muehsame Angelegenheit. Mal erkrankte ein Kandidat todkrank, mal starb ein zweiter, mal ergaben sich Schwierigkeiten mit der Entsendung der Botschaft ueber das Meer im Zusammenhang mit der Vernichtung der franzoesischen Flotte, mal fand sich ein anderer, nicht weniger gewichtiger Grund. Talleyrand schandete Zeit und gab England die Moeglichkeit, eine breite antifranzoesische Koalition zu schaffen. Schliesslich fand der Minister in den letzten Augusttagen einen geeigneten Kandidaten. Es war Descorches, der bereits von 1793 bis 1795 die Aufgaben des Botschafters in Konstantinopel wahrgenommen hatte und sich nach allgemeiner Ansicht bestens in den Feinheiten der Beziehungen im Orient auskannte.
Am 2. September, mit einer Verspaetung von mehr als drei Monaten – was unter diesen Umstaenden dem Scheitern der Mission gleichkam –, erhielt Descorches den ministeriellen Befehl, sich zur Abreise bereitzumachen. Nun denn, der Befehl war erteilt; die Direktoren blieben in der Gewissheit, dass der Botschafter heute oder morgen, wenn auch mit einiger Verspaetung, endlich aufbrechen wuerde. Doch weit gefehlt. Der Botschafter benoetigte Instruktionen (die erste z;hlte nicht; die politische Lage hatte sich stark veraendert, und dementsprechend mussten die Anweisungen korrigiert werden), es waren kostbare Geschenke fuer den Sultan und die tuerkischen Wuerdentraeger erforderlich. Nichts davon war bereits fertig. Schliesslich brauchte der Botschafter Mitarbeiter. Wie immer unerwartet stellte sich heraus, dass der Stab der Botschaft nicht bereit war und noch einige Zeit fuer seine Zusammenstellung benoetigt wurde.
Weitere vierzig Tage dauerte das Gezerre um die Abfassung der Instruktionen und die Zusammenstellung des Stabes. Doch alles hat die Eigenschaft, einmal zu Ende zu gehen. Am 12. Oktober schickte sich der Botschafter bereits zur Abreise an, doch da – welch ein Pech, zum groessten Bedauern des Ministers und zur Erleichterung von Descorches, der wie kein anderer die Vorz;ge eines Aufenthalts in der Tuerkei kannte – traf die Nachricht von der Verhaftung Ruffins und seiner Inhaftierung in eben jenem Gef;ngnis der Sieben Tuerme ein, vor dem Talleyrand den Geschaeftstraeger noch im Fruehjahr freundschaftlich gewarnt hatte. Wer wuerde danach nicht an Prophezeiungen glauben? Die Entsendung des Botschafters wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, und mit dem Eintritt der Tuerkei in den Krieg gegen Frankreich erledigte sich die Botschafterfrage gaenzlich. Schliesslich war der Minister nicht wahnsinnig, eine Botschaft in den sicheren Untergang zu schicken. Es reichte mit dem Maertyrer Ruffin.


Die Ernennung eines Botschafters fuer Konstantinopel bildete keine Ausnahme von der Regel, sondern war gaengige Praxis des franzoesischen Aussenministeriums im Jahre 1798. Verzoegerungen bei diplomatischen Ernennungen oder die Ernennung von offensichtlich inkompetenten Personen wurden zur alltaeglichen Angelegenheit. In einigen Faellen handelte Talleyrand noch schlauer. Er betraute Menschen mit der Vertretung des Landes, die in Frankreich kundig und angesehen waren, aber als Mitglieder des Konvents die kollektive Verantwortung fuer die Hinrichtung des Koenigs trugen. Gab es fuer diese Menschen ueberhaupt eine Chance, an den Hoefen der Monarchen Erfolg zu haben? Wenn es eine gab, dann war sie rein hypothetisch.
Der Sommer und Herbst 1798 wurden zu den Monaten, in denen die Englaender ein Militaerbuendnis gegen Frankreich schmiedeten. Talleyrand hingegen tat alles in seiner Macht Stehende, damit die franzoesische Diplomatie diesen Prozess nicht stoeren konnte. So aggressiv und erfolgreich die englischen Diplomaten in Konstantinopel, Petersburg, Wien, Berlin und Neapel agierten, so passiv und erfolglos agierten dort ihre franzoesischen Kollegen. Als Ergebnis der Bemuehungen des englischen diplomatischen Korps kollektiv und des franzoesischen Aussenministers persoenlich erblickte ihr gemeinsames Geschoepf das Licht der Welt – die zweite antifranzoesische Koalition.
War der Minister ein englischer Spion, wie er in den franzoesischen Zeitungen der Jahre 1798–99 mehrfach genannt wurde? In gewissem Sinne, ja. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Auf einer bestimmten Etappe fielen die Ziele des englischen Kabinetts und Talleyrands zufaellig zusammen. Doch Talleyrand trieb, waehrend er London half und von ihm unterhalten wurde, sein eigenes Spiel. Er handelte nach seinem Plan, in dem die antifranzoesische Koalition und der Krieg Frankreichs gegen ganz Europa notwendige Glieder in der Kette der Ereignisse waren, die Charles auf den Thron fuehren sollten.



5


Im Herbst 1798, als die antifranzoesische Koalition offensichtliche Konturen annahm, bekam Talleyrand Schwierigkeiten mit der Presse. Es gelang ihm nicht, hinter dem Ruecken der in Korruption versunkenen Direktoren auszuharren und die Reinheit seines Gewandes zu bewahren. Sie wurden von einem gewissen Antonelle mit Schmutz bespritzt, einem Marquis vor der Revolution, einem Mitglied des Revolutionsgerichts waehrend derselben und im Jahre 1798 Buergermeister von Orly. Die Angriffe der linken Presse waren fuer Talleyrand eine hoechst unangenehme ;berraschung, umso unangenehmer, als er im Vorgefuehl des Unheils versucht hatte, seine Spuren zu verwischen.
Mitte des Sommers 1798, zu einer Zeit, als niemand in Frankreich ausser Talleyrand etwas Schlechtes von dem Kolonialunternehmen erwartete, erschien in der „Gazette nationale et Moniteur universel“ ein Artikel Talleyrands unter einem Pseudonym. Der Autor schrieb, dass im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung die Idee der ;gypten-Expedition keineswegs dem Aussenminister, sondern Magallon geh;re. Der Initiator des Feldzugs sei, so behauptete der Autor, ebenfalls nicht Talleyrand, wie viele faelschlicherweise glaubten, sondern Bonaparte selbst, der sich aus irgendeinem Grund fuer Alexander den Grossen hielt und beschlossen hatte, dessen legendaeren Marsch nach Indien zu wiederholen. Er habe diesen Feldzug auch angefuehrt, um diese, man muss es offen sagen, wahnwitzige Idee zu verwirklichen.
Im Oktober feierte Paris die erfolgreiche Landung von Bonapartes Armee und die Einnahme von Alexandria, doch im November traf die Nachricht von der Katastrophe von Abukir ein. Einen Monat spaeter eine weitere traurige Nachricht – die Tuerkei war an der Seite Englands in den Krieg eingetreten. Danach prasselten die schlechten Nachrichten wie aus einem Fuellhorn herab.
In vielen Artikeln beschuldigte Antonelle Talleyrand seiner adeligen Herkunft und der Tatsache, dass der Minister Bischof gewesen war; und das Sakrament der Weihe bleibe bekanntlich fuer immer bestehen. Er schrieb, Talleyrand stehe auf der Gehaltsliste der Englaender und trinke oesterreichischen Tokajer aus kaiserlichen Kellern, den ihm sein bester Freund Pitt gesandt habe. Allmaehlich brachte die Presse die oeffentliche Meinung auf den Nenner, dass Talleyrand als Initiator der Expedition alles tue, damit diese scheitere. Im Winter 1799 erschienen Zeitungen mit Schlagzeilen wie: „Der Teufel hat das Direktorium besucht“, „Die Expedition wurde zum Tode verurteilt“. Jede Nacht erschienen an den Hauswaenden Plakate gegen den „Teufel“. Man beschuldigte Talleyrand sogar, eine Restauration durchfuehren zu wollen, und das war der Wahrheit ziemlich nahe.
Die Presse grub die Verbindung Talleyrands zu Madame Grand aus. „Man denkt, dass sie in diesem Augenblick die Ansichten des Emigranten-Bischofs als Geliebte und Sultanin teilt“, schrieben die Zeitungen. Und sogar: „Wir wagen Folgendes zu behaupten; wir haben den Schluessel zu den h;uslichen Ursachen unseres Ungluecks gefunden.“
Die Kampagne erreichte den Siedepunkt, als das Direktorium Talleyrand das Portfolio des Marineministers uebertrug.
„Wir wiederholen: Dieser Mensch, der uns alle ins Verderben stuerzen wird, ist ein grosser Scharlatan, der alles weiss, ohne etwas gelernt zu haben.“ Und weiter: „Dieser Mensch verhaelt sich wie ein Anglophiler und Moerder des Vaterlandes im vollen Sinne des Wortes. Die Zerstoerung Frankreichs begann mit der Flotte und der Verfassung... Man muss schwachsinnig sein, um nicht zu sehen, dass dieser niedertraechtige und verkommene Intrigant den Ministerposten mit dem einzigen Ziel besetzt hat, die Republik zu vernichten.“ „Unser Minister ist ein anglo-emigrierter Verraeter und Moerder seines Landes.“
Abgesehen von den Emotionen stellen wir uns die Frage: Warum musste Talleyrand die zus;tzliche Last des Marineministeriums auf seine Schultern laden? Hatte er nicht schon genug Sorgen mit dem Aussenministerium?



6



Seit einiger Zeit, naemlich seit dem Sommer 1798, hatten die Englaender den Franzosen das Meer versperrt, indem sie die Taktik der Hafenblockade anwandten. Einzelne kleine Fahrzeuge der franzoesischen Kriegsflotte trieben auf offener See Piraterie und jagten englische Transportschiffe. Dieser Umstand zwang die Ost- und Westindien-Kompanien, ihre Frachten in Karawanen unter dem Schutz von Kriegsschiffen zu versenden. Doch im Grunde lag die republikanische Flotte ziellos in den von englischen Linienschiffen blockierten Haefen. Eine Blockade ist ein kostspieliges Unterfangen fuer den Haushalt und muehsam fuer die Seeleute, doch die Regierung, aufgeschreckt durch die Praesenz der Franzosen in ;gypten, sah keinen anderen Ausweg.
Man kann nicht sagen, dass die franzoesische Regierung, nachdem sie die Expedition nach ;gypten entsandt hatte, deren Existenz voellig vergessen hatte. Die naechste Phase des Kolonialunternehmens sah Verstaerkungen fuer die Orientarmee vor. In Toulon wartete der zweite Teil von Bonapartes Armee auf seine Einschiffung. Im Jahre 1798 gelang die Entsendung nicht, da ein Teil der franzoesischen Flotte bei Abukir vernichtet worden war – jener Teil, der fuer die Eskorte der Transportschiffe mit den Bataillonen der Orientarmee an Bord bestimmt war. Dennoch stand die Verstaerkung der ;gypten-Armee auf der Tagesordnung des Direktoriums.
Marineminister Bruix erhielt vom Direktorium den Auftrag, eine Expedition nach Afrika vorzubereiten. Unter seiner unmittelbaren und sehr regen Beteiligung lief in Brest in der zweiten Haelfte des Herbstes 1798 und den gesamten Winter 1799 ueber die Vorbereitung der Flotte. Bis Anfang Maerz 1799 gelang es dem Minister, in diesem Hafen 24 Linienschiffe, 8 Fregatten und 17 Korvetten zusammenzuziehen. Eine solche Flotte zu sammeln, ist eine aeusserst schwierige Aufgabe, wenn man die Blockade aller bedeutenden Haefen bedenkt. Als Anerkennung seiner Verdienste bei der Vorbereitung der Expedition verlieh die Regierung Bruix am 13. Maerz den Rang eines Vizeadmirals, und drei Wochen spaeter erhielt er die Admiralinsignien.
Das Direktorium mass der See-Expedition enorme Bedeutung bei. Die Leitung der Expedition uebertrug die Regierung unmittelbar dem Minister, und fuer die Zeit von Bruix’ Abwesenheit erklaerte sich der tapfere Talleyrand bereit, die Pflichten des Marineministers zu uebernehmen, indem er in jede Hand ein Ministerportfolio nahm.


Brest – dieser wohl wichtigste Kriegshafen Frankreichs erforderte die scharfe Aufmerksamkeit der englischen Admiralitaet. Von dort waren mehr als einmal Militaerexpeditionen nach Irland und England aufgebrochen. Die Blockade von Brest war die vorrangige Aufgabe der Nordflotte. Im Fruehjahr 1799 zaehlte die Blockadeflotte nicht weniger als 51 Kriegsschiffe, von denen zwei Drittel staendig im Einsatz waren. Ein betraechtlicher Teil der Blockadeflotte (16 Linienschiffe) unter dem Kommando von Vizeadmiral Hood (Lord Bridport) war gegenueber von Brest konzentriert.
Am 20. April war die franzoesische Flotte in Brest bereit, in See zu stechen. Nach dem von der Regierung genehmigten Plan sollte die Flotte zuerst nach Italien segeln. Von dort aus sollte sie, nachdem sie 4.000 Soldaten an Bord genommen hatte (alles, was von den 30.000 des Vorjahres uebrig war; die Bataillone der Orientarmee hatten die Donau- und Italienarmee verstaerkt), Transportschiffe mit Proviant und Munition fuer Malta, Korfu und Alexandria eskortieren.
Am 21. April unternahm Bruix den Versuch, auszulaufen. Wegen unguenstigen Windes und der demonstrativen Absicht der Englaender, den Gegner anzugreifen, befahl Bruix die Rueckkehr unter den Schutz der Artillerie von Brest. Den naechsten Versuch bereitete der Admiral sorgfaeltiger vor, und er erwies sich als erfolgreich. Am fruehen Morgen des 26. April, als es noch dunkel war, liefen die franzoesischen Schiffe mit geloeschten Lichtern aus dem Hafen aus und segelten, wie Bruix glaubte, unbemerkt auf die offene See. Doch die Segel des letzten Linienschiffs der hinter dem Horizont verschwindenden franzoesischen Kolonne wurden von einer englischen Fregatte bemerkt. Der Kapitaen der Fregatte signalisierte dies sofort dem Geschwaderkommandeur. Bridport eilte nach Brest und segelte, nachdem er dort den Feind nicht gefunden hatte, mit allen Segeln auf die Kueste Irlands zu.
Es geschah das Schlimmste, was sich der Vizeadmiral vorstellen konnte. Er, ein Offizier mit tadelloser Biografie, hatte die feindliche Flotte mit den Truppen an Bord entkommen lassen, die moeglicherweise Kurs auf das rebellische Irland genommen hatte. Bridport hatte Grund zu der Annahme, dass Irlands Kueste das Ziel der Franzosen sei. Einige Tage zuvor hatten die Englaender eine franzoesische Korvette geentert, die Briefe fuer irische Separatisten geladen hatte. Aus diesen Briefen ging hervor, dass die Aufstaendischen in Kuerze eine franzoesische Landung zu erwarten haetten. Wie sich spaeter herausstellte, war dies ein Koeder. Bruix hatte die Korvette absichtlich den Englaendern zugespielt. So alt der Trick auch war, er funktionierte.
Bridport erreichte Irlands Kueste so schnell er konnte. Gleichzeitig mit dem Marsch auf Irland entsandte er schnelle Fregatten zu Konteradmiral Keith, der Cadiz blockierte, und zum Befehlshaber der Mittelmeerflotte, Admiral Jervis, mit der Nachricht: Die franzoesische Flotte hat Brest verlassen; wo sie kreuzt, ist unbekannt, doch fuer alle Faelle solle man sich auf „Gaeste“ vorbereiten.
Fast den gesamten Mai ueber kreuzte Bridports Geschwader entlang der Kueste und schuetzte Irland vor einer nicht existierenden Gefahr. Den ganzen Monat ueber wagte der englische Vizeadmiral nicht, sich von der Insel zu entfernen, obwohl ihm waehrend dieser Zeit viele Kapitaene von Handelsmischiffen, die aus dem Sueden kamen, von einer nach Sueden segelnden franzoesischen Kriegsflotte berichteten. Erst am 1. Juni entschloss sich Bridport, die Kuesten Englands zu verlassen, und auch nur deshalb, weil Ersatz eingetroffen war. Er wurde durch ein russisches Geschwader abgeloest. Am 1. Juni steuerten 12 der 16 Linienschiffe Bridports nach Sueden, um die Mittelmeerflotte zu verstaerken.
Unterdessen naeherte sich am 4. Mai die Flotte von Bruix Cadiz. Mit 14 Linienschiffen und 4 Fregatten blockierte Konteradmiral Keith den Hafen. Er bewachte das spanische Geschwader von Admiral Mazarredo. Ein paar Tage vor der Ankunft der Franzosen war bei Keith die Fregatte von Bridport eingetroffen. Somit war er vor dem moeglichen Erscheinen des Gegners in seinem Operationsgebiet gewarnt.

Keiths Lage war schwierig. Bei koordiniertem Handeln der Franzosen und Spanier haette er entweder die Schlacht gegen eine grosse ;bermacht annehmen oder sich zurueckziehen muessen, um den feindlichen Geschwadern die Vereinigung zu ermoeglichen. Keith waehlte die zweite Option. Er zog sein Geschwader nach Gibraltar zurueck.
Bruix lief den Hafen nicht an. Im Vorbeifahren beschraenkte er sich darauf, eine Korvette an den spanischen Admiral mit dem Vorschlag zu gemeinsamen Aktionen zu senden. Wegen des schlechten Wetters und unguenstiger Winde konnte die Korvette in Cadiz nur mit einer mehrstuendigen, gegen Bruix’ Erwartung eingetretenen Verspaetung anlegen. Bis der Kapitaen der Korvette Mazarredo die Nachricht von Bruix uebermittelt hatte und jener erst einmal ueberlegt hatte, wie er vorgehen sollte, waren die Franzosen bereits weit weg, und Mazarredo unternahm es nicht, sie mit dem gesamten Geschwader einzuholen.
Vor dem Eintreffen der Flotte von Bruix waren die englischen Seestreitkraefte im Mittelmeer wie folgt verteilt: Das Geschwader von Konteradmiral Keith mit 14 Linienschiffen blockierte, wie bereits erwaehnt, Cadiz; auf Menorca standen vier Linienschiffe des Geschwaders von Sir John Duckworth; Neapel wurde von dem Geschwader des Kommodore Sir John Troubridge blockiert, das ebenfalls aus vier Linienschiffen bestand. In Palermo troestete Nelson das Koenigspaar. Bei ihm befand sich sein Flaggschiff, das herrliche Linienschiff „Vanguard“ (im Text korrigiert). Die verbleibenden drei Linienschiffe seines Geschwaders unter dem Kommando von Kommodore Sir Alexander Ball waren mit der Belagerung von Malta beschaeftigt. Schliesslich kreuzte vor den Kuesten ;gyptens und Syriens das Geschwader von Kommodore Sidney Smith. Wie bei den anderen drei Geschwadern bestanden seine Hauptstreitkraefte aus vier Linienschiffen. Das Oberkommando ueber die Flotte hatte die Admiralitaet Admiral Jervis (Lord St. Vincent) anvertraut.
Die Gesamtzahl der grossen englischen Kriegsschiffe uebertraf die Staerke der franzoesischen Flotte erheblich. 30 englische gegen 24 franzoesische Linienschiffe. Doch die englischen Linienschiffe und Fregatten mussten das gesamte Meer von Gibraltar bis Syrien abdecken, waehrend die Franzosen sich konzentrieren konnten, wo immer es ihnen belief, und natuerlich an dem Ort der Konzentration eine zahlenmaessige ;berlegenheit erlangen konnten. Andererseits, haette die Admiralitaet beschlossen, den Gegner mit den Kraeften der Mittelmeerflotte zu vernichten, haette man Malta und Neapel entsetzen, den Resten der Flotte von Bonapartes Armee Handlungsfreiheit gewaehren und den Spaniern erlauben muessen, nach eigenem Ermessen zu handeln – kurzum alles zu verlieren, was durch lange und beharrliche Arbeit erobert worden war. Darin bestand das englische Problem.


Allein die Tatsache, dass sich eine starke franzoesische Flotte im Mittelmeer befand, stellte eine ernste Bedrohung fuer England dar. Sie drohte, die Machtverteilung in der Region grundlegend zu aendern und koennte folglich zu einer Verschiebung der geopolitischen Lage fuehren. England haette die Seeherrschaft verlieren koennen, und mit dem Verschwinden der Vorherrschaft im Mittelmeerraum haetten sich einige Verbuendete abwenden koennen. In erster Linie die Tuerkei, deren Freundschaft ausschliesslich auf der Ausnahmestellung der Flotte beruhte. Versinkt die englische Seeherrschaft, geht auch das englisch-tuerkische Buendnis unter. Angesichts der Wahrscheinlichkeit gleichzeitiger Schlaege durch Bonapartes Armee aus ;gypten (Anfang Mai war dies bereits geschehen; Bonapartes Offensive in Syrien erreichte bei der Belagerung der Festung Akkon ihren Hoehepunkt) und der Kraefte der franzoesischen Flotte haette der Sultan wohl kaum den Englaendern so eifrig geholfen. Bei der drohenden Gefahr, das Land zu verlieren, haetten keine Subsidien die tuerkische Fuehrung davon ueberzeugen koennen, den Franzosen weiter Widerstand zu leisten. Der Heilige Krieg der Tuerken gegen die Franzosen koennte sich leicht in einen ebenso Heiligen Krieg gegen die Englaender verwandeln. Von der Tuerkei ist es nur ein Katzensprung nach Indien. Das bedeutet, dass Bonapartes Plan wieder realisierbar wird, zumindest in Bezug auf Indien. Kurz gesagt: Von Bruix’ Verhalten haengt Englands Sicherheit ab; von der Aktivitaet oder Passivitaet der franzoesischen und spanischen Flotten hing die globale Situation in Europa ab.
;ber dem Haupt Britanniens brauten sich Gewitterwolken zusammen, die jeden Moment in einer Katastrophe zu entladen drohten. Doch bevor die Blitze einschlugen, bevor der Sturm losbrach, nahm Talleyrand diese Wolken und trieb sie auseinander.
Niederlagen der franzoesischen Armeen an den Aussenfronten waren nur unter den Bedingungen eines Krieges gegen die Republik durch eine antifranzoesische monarchische Koalition moeglich, deren Pfand die englische Vorherrschaft im Mittelmeer war. Weiter nach dem Schema: die Regierung brandmarkende Presse – revolutionaere Situation – Putsch. Mit einem Wort: Die Flotte von Bruix auf dem Marsch nach ;gypten oder Malta drohte, Talleyrands Schema zu zerbrechen. Und die einzige Moeglichkeit, das Schema der Revolution aufrechtzuerhalten, bestand darin, die Flotte von Bruix zahm und ungefaehrlich zu machen. Dies tat Talleyrand in seiner Funktion als Marineminister.
Am 6. Mai erhielt Bruix, der sich mit der Flotte bereits im Mittelmeer befand und gemaess dem genehmigten Plan Kurs auf Italien hielt, den Befehl des neuen Marineministers, Toulon anzulaufen und dort auf weitere Anweisungen zu warten. Am Morgen des 6. Mai ueberbrachte eine Kurierkorvette dem Admiral diesen Befehl, und einige Stunden spaeter begegnete ihm auf See eine zweite Korvette mit demselben Befehl. Beide (moeglicherweise noch mehr) waren mit einem Zeitunterschied von zwoelf Stunden von Toulon aus entsandt worden.
Die franzoesische Flotte erreichte am 7. Mai Toulon, ohne ein einziges Schiff verloren zu haben. Sechs Tage spaeter traf in Toulon, als Zeichen der Zustimmung Mazarredos zu gemeinsamen Kriegshandlungen, ein spanisches Geschwader bestehend aus 36 kleineren Schiffen ein. Das war weniger, als Bruix erhofft hatte. Die Spanier hatten kein einziges Linienschiff entsandt.
Gegenueber der Regierung und der Oeffentlichkeit (uns gegenueber verlor er in seinen Memoiren kein Wort ueber seine Leitung des Marineministeriums) erklaerte Talleyrand seinen Befehl damit, dass sich seit dem Auslaufen der Flotte aus Brest die Lage so grundlegend geaendert habe, dass man die Operation abbrechen muesse. Er erklaerte, es sei unmoeglich, Verstaerkungen und Munition aus Italien aufzunehmen, da Neapel und Rom sich bereits in feindlichen Haenden bef;nden. Doch war dem so?
Am 8. April hatte das Direktorium angesichts der Bedrohung in Norditalien durch oesterreichisch-russische Truppen dem Befehlshaber der franzoesischen Truppen in S;ditalien befohlen, Neapel zu verlassen und nach Norden zu ziehen. Dieser Befehl war lange vor Bruix’ Auslaufen aus Brest (26. April) erteilt worden. Seitdem hatte sich bis Anfang Mai an der italienischen Front keine wesentliche Aenderung ergeben, und erst recht war nichts geschehen, was den Abbruch der Seeoperation erzwingen wuerde.
Am 10. Mai verliessen MacDonalds Truppen Neapel, doch die Stadt blieb noch lange in den Haenden der franzoesischen Garnison und der lokalen Republikaner. Die Stadt fiel erst Mitte Juni. Talleyrand jedoch erliess den Befehl an die Flotte, Toulon anzulaufen, nicht spaeter als am 1. oder 2. Mai, also nur eine Woche nach dem Auslaufen der Flotte aus Brest. In dieser Woche hatte sich die Lage nicht nur nicht grundlegend geaendert, sie hatte sich ueberhaupt nicht veraendert. Zudem konnte Talleyrand aufgrund der unterbrochenen Verbindung zwischen Sueditalien und Paris die Umstaende des Verbleibs der franzoesischen Truppen in dieser Region gar nicht kennen.
Bis Ende Mai lag die franzoesische Flotte tatenlos in Toulon. Erst am 26. Mai brach die Flotte auf Befehl Talleyrands nach Savona auf und sollte anschliessend nach Genua segeln, mit dem Auftrag, den dort befindlichen Truppen Verstaerkungen und Munition zu liefern. Genua war im Mai 1799 nicht blockiert, und es bestand keine Notwendigkeit, die Stadt ueber das Meer zu versorgen. Verstaerkungen und Munition haetten auch auf dem Landweg geliefert werden koennen. Doch Talleyrand konnte die Flotte angesichts ihrer Existenz nicht voellig ungenutzt lassen, also dachte er sich eine militaerisch sinnlose Operation aus. Doch nicht einmal Genua erreichte die Flotte.
Am 4. Juni erreichte die Flotte Savona. Genua war zum Greifen nah, nur etwa vierzig Seemeilen entfernt, ein paar Stunden Fahrt. Doch in Savona erwartete Bruix bereits der Befehl des Marineministers: nicht nach Genua zu segeln, sondern umzukehren und nach Spanien, nach Cartagena, zu folgen – angeblich zur Vereinigung mit der spanischen Flotte. Bruix befolgte auch diesen Befehl gehorsam. Nach der Ankunft im spanischen Hafen stellte sich heraus (sicherlich nicht ohne Talleyrands Zutun, nun in seiner Funktion als Aussenminister), dass die spanische Regierung aufgrund ihrer eigenen nationalen Interessen nicht die Absicht hatte, an einer gemeinsamen See-Expedition teilzunehmen. Mehr noch, Admiral Mazarredo erhielt von seiner Regierung den Befehl, nach Cadiz zurueckzukehren. Bruix, der Talleyrands Anweisung hatte, im westlichen Teil des Mittelmeers zu bleiben, unternahm es, Mazarredo zu eskortieren – in der Hoffnung, dass er die Spanier zu einer gemeinsamen Schlacht zwingen koennte, falls sie unterwegs auf die englische Flotte traefen.
Die vereinigte Flotte (41 Linienschiffe und eine Vielzahl kleinerer Fahrzeuge) war zu jener Zeit der groesste Marineverband. Die englische Seeherrschaft im Mittelmeer war in diesen Monaten nicht mehr als ein Mythos, der nur durch Talleyrands Bemuehungen aufrechterhalten wurde.
Ende Juni brach die franz;;sisch-spanische Flotte nach Cadiz auf. Unterwegs begegnete die Flotte natuerlich nicht den Englaendern. Am 11. Juli trafen die Schiffe in Cadiz ein. Dort erwartete den franzoesischen Kommandeur eine neue Anweisung Talleyrands – nach Brest zurueckzukehren. Der Kreis schloss sich. Dies war die letzte Tat Talleyrands im Amt des Marineministers. Am 13. Juli reichte er seinen Ruecktritt von allen Posten ein. Die spanische Regierung verpflichtete Mazarredo, die franzoesische Flotte nach Brest zu eskortieren. Am 8. August traf die franzoesisch-spanische Flotte in Brest ein. 104 Tage dauerte die Fahrt der Flotte entlang der franzoesischen und spanischen Kuesten; eine Fahrt, die dank Talleyrands Mitwirkung ebenso sinnlos wie ergebnislos war. Die Flotte kehrte zurueck, ohne ein einziges Mal im Einsatz gewesen zu sein, aber auch (und das rechnete Talleyrand sich als Verdienst an), ohne ein einziges Schiff verloren zu haben. Der ganze Dampf entwich durch die Pfeife.


Und was ist mit den Englaendern? Wie reagierten sie auf die Drohung der Vernichtung ihrer Seeherrschaft im Mittelmeer? Die Handlungen der englischen Flotte in der Region sind nicht weniger kurios als die der franzoesischen Flotte.
Am 12. Mai verliess das Geschwader von Konteradmiral Keith Gibraltar, wohin es sich nach dem Abbruch der Blockade von Cadiz vorsorglich zurueckgezogen hatte, um einer Begegnung mit der Flotte von Bruix zu entgehen. Am 20. Mai vereinigte sich Keith mit dem Geschwader von Duckworth, das zuvor bei Menorca gelegen hatte. Zusammen mit den zwei aus England eingetroffenen Linienschiffen befanden sich unter Keiths Kommando 20 Linienschiffe gegenueber den 24 franzoesischen, die in Toulon lagen. Wie man sieht, waren Keiths Kraefte nur unwesentlich geringer als die ihm gegenueberstehenden franzoesischen Seestreitkraefte. Trotz der aeussersten Gefahr fuer England, die durch die Praesenz der franzoesischen Flotte hervorgerufen wurde, versuchten weder St. Vincent noch Keith, diese Gefahr zu beseitigen. Es gab mehr als genug Moeglichkeiten, die Franzosen in einen Kampf zu verwickeln, doch die englischen Admirale unternahmen nicht ein einziges Mal den Versuch, die Franzosen weder auf dem Marsch noch im Hafen anzugreifen.
Waehrend Nelson vor einem Jahr noch mit Begeisterung die Schlacht gesucht hatte, so mieden St. Vincent und Keith nun mit aller Kraft ein Gefecht. Die Englaender hinderten die franzoesische Flotte nicht an ihren Bewegungen, sondern beschraenkten sich lediglich darauf, sie zu beobachten. Warum? Warum versuchten die Englaender nicht, die franzoesische Flotte zu vernichten? Schliesslich war die Gefahr nicht geringer, sondern wohl groesser als im vergangenen Jahr. Aus militaerischer Notwendigkeit haetten die Englaender die feindliche Flotte entweder in Toulon oder auf dem Weg von Toulon nach Savona oder im aeussersten Fall auf dem Weg von Savona nach Cartagena vernichten muessen, und sei es nur mit dem Ziel, eine Vereinigung des Gegners zu verhindern. Die Englaender machten jedoch nicht nur keinen Versuch, die Franzosen vor der Vereinigung anzugreifen und liessen die Flotten sich vereinigen, sondern verstaerkten ihrerseits ihre Flotte nicht durch die Aufhebung der Blockaden von Neapel, Malta und Alexandria.
Die Handlungen der englischen Flottenfuehrer – oder besser gesagt, die Handlungen der englischen Regierung und der Admiralitaet, wenn man bedenkt, dass die Taten von Militaerfuehrern nur bis zu einem gewissen Grad eigenstaendig und unabhaengig sind – sind weder aus militaerischer noch aus politischer Sicht logisch. Doch sie sind durchaus logisch, wenn man das Verhalten der „feindlichen“ Flotten als koordinierte Aktionen der englischen Admiralitaet und Talleyrands betrachtet. In der Tat: Warum sollten die Englaender eine Flotte riskieren, die zweifellos in der Zukunft noch gebraucht wird, wenn man im Voraus weiss, dass die Franzosen nichts unternehmen werden. St. Vincent hatte Instruktionen der Admiralitaet, sich nicht in einen Kampf einzulassen, solange der Feind in den Kuestengewaessern Frankreichs und Spaniens blieb und solange die franzoesische oder franzoesisch-spanische Flotte keine Bewegung nach Sueden oder Suedosten erkennen liess. Die Aufgabe von Keiths Geschwader war die Beobachtung des Verhaltens der franzoesischen Flotte. Er durfte erst dann zu aktiven Kampfhandlungen uebergehen, wenn die Aktionen des Feindes den Rahmen eines bestimmten Schemas verliessen. Das Verhalten der feindlichen Flotten blieb im Rahmen des Schemas. Das Ergebnis war das, was geschah: Bruix gelangte zusammen mit Mazarredo sicher nach Brest, und die Englaender beherrschten wie zuvor das Mittelmeer.
Interessant ist anzumerken, dass das Kommando ueber das die Franzosen „h;tende“ Geschwader nicht Nelson anvertraut wurde, dem Sieger der Schlacht bei Abukir, sondern Keith, der fuer seinen Pedantismus bei der Ausfuehrung von Befehlen seiner Vorgesetzten bekannt war. Nelson hingegen galt in der Admiralitaet als talentierter, mutiger und einfallsreicher Flottenfuehrer, der in der Lage war, eine Schlacht zu gewinnen; doch seine diplomatischen Faehigkeiten und seine Faehigkeit zu strategischem Denken wurden als unterdurchschnittlich bewertet. Sein Verhalten in Neapel und seine Beziehung zu Lady Hamilton zeigten, dass er unter bestimmten Umstaenden die Anweisungen der Fuehrung missachten konnte. Er war gut fuer Schlachten, aber schlecht fuer die Aufgaben des Beobachtungsgeschwaders, das die franzoesische Flotte ueberwachte. Mit anderen Worten: Nach Ansicht der Admiralitaet durfte es keine Schlacht geben.
Nach dem Ende der Mittelmeeroperation folgten in der Admiralitaet personelle Veraenderungen, die zeigten, welche Rolle der eine oder andere Flottenfuehrer gespielt hatte. Bridport wurde, weil er der franzoesischen Flotte das Auslaufen aus Brest erm;glicht hatte, als Kommandeur der Nordflotte entlassen. Seinen Platz nahm Admiral St. Vincent ein. Fuer ihn war dies eine deutliche Befoerderung, da der Schutz der heimischen Kuesten vor einer wahrscheinlichen Landung der Franzosen die Hauptaufgabe der Admiralitaet darstellte. Eineinhalb Jahre spaeter wurde St. Vincent Erster Lord der Admiralitaet – ein Amt, das eher politischer als militaerischer Natur war. Auch der alte Keith erhielt ein „leckeres Bonbon“. Ihm wurde der Rang eines Vizeadmirals verliehen (Keith legte die Epauletten eines Vizeadmirals viel frueher an als Nelson), und er nahm den Platz von St. Vincent ein.
Der Hauptakteur des englischen Erfolgs, Talleyrand, blieb ohne offizielle Auszeichnungen des Kabinetts. Doch drei Millionen Pfund auf seinen Konten bei Londoner und Hamburger Banken mochten als ausreichende Entschaedigung fuer die Nichtanerkennung seiner Verdienste um England dienen.


7


Abgesehen von dem Zeitungsgefecht mit Antonelle, dem Sprachrohr der Jakobiner, sah sich Talleyrand gezwungen, sich mit einem schleppenden Prozess gegen Gerry zu befassen. Ende Oktober 1797 schickte der Polizeiminister zwei Maenner an Talleyrands Behoerde mit einem Begleitschreiben: „Bekannt fuer ihren starken Charakter, und es ist moeglich, sie als Geheimagenten in Italien einzusetzen.“ Einer von ihnen war „General“ Rossignol, der andere der fuenfundzwanzigjaehrige Gerry, der im laufenden Jahr im Rang eines Obersten wegen Feigheit aus der Armee entlassen worden war. Talleyrand empfing die Besucher herzlich und bot ihnen nach dem Fruehstueck Posten in der Botschaft in Rom an. Rom war damals noch frei von franzoesischer Praesenz. Es wurde erst im Februar 1798 von General Berthier erobert.
Rom war also ein unabhaengiger Staat, und Talleyrand war bereit, dort die erstbesten Halunken zu Diplomaten zu ernennen, die eher Abenteurern als Diplomaten glichen, als ob sich in ganz Frankreich keine wuerdigeren Kandidaten gefunden haetten. Rossignol lehnte ab, Gerry stimmte zu. Er wurde sofort zur Kasse geschickt, wo er einen Vorschuss in Hoehe von 2.400 Pfund und die Anweisung erhielt, so schnell wie moeglich nach Rom aufzubrechen. Gerry nahm das Geld, erschien aber nie wieder im Ministerium. Vielleicht hat er getrunken oder sich vergnuegt. Man weiss es nicht. Fuenf Monate spaeter wurde die Angelegenheit in der Presse oeffentlich. Das Direktorium verlangte vom Minister Erlaeuterungen zu den Umstaenden dieses Falls. Doch wie dumm – Talleyrand konnte sich nicht an den Namen seines verhinderte Botschafters erinnern. Das Unglueck fuer den Minister bestand zudem darin, dass er entgegen seiner ueblichen Vorsicht in solchen Angelegenheiten und der sorgfaeltigen Einhaltung formaler Aspekte vergessen hatte, von Gerry eine schriftliche Zustimmung zur Wahrnehmung der diplomatischen Pflichten einzuholen; das heisst, er nahm von Gerry keine Bewerbung entgegen, hatte das Geld aber bereits ausgezahlt.
Das Direktorium beauftragte die Polizei, den verschollenen Diplomaten zu finden und zu verhaften. Am 5. April 1798 wurde Gerry aufgespuerat, verhaftet und stand bald darauf vor Gericht. Doch das Gericht konnte Gerry nichts vorwerfen. Dieser erklaerte, Talleyrand habe ihm weder einen Pass noch Instruktionen ausgehaendigt, und das Geld sei er bereit, auf der Stelle zurueckzugeben. Am 8. April wurde Gerry in die Freiheit entlassen. Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende, sondern sie begann erst richtig. Gerry, der von einem der unzaehlbaren Feinde Talleyrands bezahlt wurde, verklagte den Minister mit der Anschuldigung, dass er, ein ehrlicher Mensch und ordentlicher Buerger, wegen Talleyrand verhaftet und volle drei Tage im Kerker festgehalten worden sei.


8


Im Juni 1799 fand die Generalprobe fuer den 18. Brumaire statt.
Am 20. Mai 1799 erhielt das neu gewaehlte Drittel der Parlamentarier seine Abgeordnetenmandate. Die erste Sitzung war zugleich der erste Angriff auf die Exekutive. Das neue Parlament warf die Frage der Pressefreiheit auf. Die linken Abgeordneten plaedierten leidenschaftlich dafuer, der Presse dieselbe Freiheit zurueckzugeben, die sie vor der Krise des 18. Fructidor besessen hatte. Die Regierung gab dem Druck des Parlaments nach, und dieser erste Sieg wurde zum Praeludium fuer die eigentlichen Kaempfe. Am 5. Juni wurde die Frage nach der Effektivitaet des Regierungshandelns auf die Tagesordnung gesetzt – jener Regierung, der das Parlament nach der Zerschlagung der rechten Opposition am 18. Fructidor die Leitung des Landes anvertraut hatte. Das Parlament nahm eine Resolution an, die das Direktorium verpflichtete, innerhalb einer Dekade einen Massnahmenplan zur Gesundung der Finanzen, zur Bewaeltigung der Folgen militaerischer Niederlagen und zur Verhinderung kuenftiger Misserfolge auszuarbeiten und der gesetzgebenden Versammlung vorzulegen. Am selben Tag wurden eine Militaer- und eine Finanzkommission gebildet, die unverzueglich ihre Arbeit aufnahmen.
Die Dekade verging. Es war wieder der zweite Tag derselben – der Duodi. Am 15. Juni stand der Rechenschaftsbericht der Regierung auf der Tagesordnung des Rates der Fuenfhundert. In Erwartung der Gesandten aus den Tuilerien hoerte der Rat die Berichte der am 5. Juni gebildeten Kommissionen an und diskutierte deren Arbeit. Gegen Abend schlich sich ein Zweifel in die Seelen der Abgeordneten, der allmaehlich zur Gewissheit wurde: Das Direktorium gedachte nicht, ihnen Rede und Antwort zu stehen. In der Tat war von der Regierung niemand erschienen. Der Rat der Fuenfhundert im Ganzen und jeder Abgeordnete einzeln fuehlten sich beleidigt und gedemuetigt. Die Exekutive ignorierte schlichtweg ihre Beschluesse. Spaet am Abend gingen die von gerechtem Zorn erfuellten Abgeordneten nach Hause, doch am Morgen brach der Sturm los. Der Saal uebersprang die Phase des langsamen Erwachens und raste vor Wut. Aufgestachelt durch die demonstrative Missachtung, beschlossen die Abgeordneten des Rates der Fuenfhundert fast einstimmig, den Sitzungssaal nicht eher zu verlassen, bis die Regierung ihren Bericht vorgelegt habe. Die Bevollmaechtigten des Rates der Fuenfhundert informierten die Regierung und den Rat der Alten ueber ihren Beschluss. Das Oberhaus des Parlaments unterstuetzte die Kollegen und nahm eine gleichlautende Resolution an. So trat die Krise zwischen Regierung und Parlament, zwischen Exekutive und Legislative, offen zutage.
Nur wenige Stunden nach Beginn des Sitzstreiks sandte die Regierung eine formelle Antwort: Die Direktoren und Minister seien mit der Ausarbeitung des Berichts beschaeftigt, und innerhalb der naechsten zwei Tage wuerden die Abgeordneten erschoepfende Erklaerungen erhalten. Mehrmals in ihrer kurzen Geschichte hatte die Direktorialregierung das Parlament mit Gewalt gezwungen, ihr genehme Beschluesse zu fassen; mehrmals hatte die Exekutive grossen Gruppen von Abgeordneten ihre Mandate entzogen und sogar Verhaftungen von Parlamentariern vorgenommen. So war es am 18. Fructidor bei der Gefahr eines rechten Umsturzes gewesen, so war es vor einem Jahr bei der Gefahr einer linken Verschwoerung gewesen. Nun war das Parlament an der Reihe. Die Misserfolge an den Aussenfronten boten der linken Mehrheit eine hervorragende Moeglichkeit, den Direktoren das Leben schwer zu machen und bei guenstiger Gelegenheit sie alle gegen gefuegigere, der Legislative untergeordnete Personen auszutauschen.
Beide Raete schenkten der Regierung keinen Glauben und ignorierten ihre Bitte um einen zweitaegigen Aufschub. Die nach den letzten Wahlen an Zahl deutlich gewachsenen Jakobiner gaben den Ton der Sitzungen an. Und sie erkannten im Handeln der Regierung eine Missachtung der gesetzgebenden Versammlung – eine Nachlaessigkeit, derer sich das Direktorium in der Tat mehr als einmal schuldig gemacht hatte. Die Abgeordneten gingen nicht auseinander. Die unbefristete Sitzung der Raete dauerte an. Bereits spaet am Abend gab einer der linken Abgeordneten eine sensationelle Erklaerung ab. Unter Berufung auf Artikel 136 der Verfassung des Jahres III, wonach niemand zum Direktor oder Minister gewaehlt werden konnte, der weniger als ein Jahr vor dem Zeitpunkt der Wahl Abgeordneter eines der Raete gewesen war, erklaerte der Redner, dass die letztjaehrige Wahl des Direktors Treilhard ungesetzlich und daher ungueltig gewesen sei. Diese Erklaerung wurde zum Wendepunkt des Konflikts. Wenn es der linken Mehrheit gelaenge, einen Direktor zu stuerzen und ihn durch ihren Schuetzling zu ersetzen, wuerden sie ihre Position in der Regierung erheblich staerken. Ein Regierungswechsel koennte seinerseits de facto zu einem linken Umsturz, zur Rueckkehr der Jakobiner an die Macht fuehren. Der Beschluss, die Wahl Treilhards fuer ungesetzlich zu erklaeren, erhielt bereits bei der ersten Abstimmung im Rat der Fuenfhundert die erforderliche Stimmenanzahl. Der Rat der Alten bestaetigte den Beschluss des Rates der Fuenfhundert (gemaess der Verfassung des Jahres III der Republik konnte der Rat der Fuenfhundert eine Frage diskutieren, aber keine endgueltige Entscheidung treffen; der Rat der Alten hingegen konnte die Frage nicht diskutieren, aber die Beschluesse des Rates der Fuenfhundert bestaetigen oder ablehnen; nach der Bestaetigung durch den Rat der Alten erlangte der Parlamentsbeschluss Gesetzeskraft). Damit wurde die Sitzung geschlossen, und die Abgeordneten gingen auseinander oder fuhren mit ihren Kutschen nach Hause, um einige Stunden zu schlafen. Einige besonders ausdauernde Parlamentarier riefen ihre Kollegen dazu auf, ihrem am Morgen gegebenen Wort nicht untreu zu werden und den Sitzungssaal nicht zu verlassen. Doch der Mehrheit schien es, dass der Ruecktritt Treilhards ein vollauf wuerdiger Ersatz fuer eine naechtliche Mahnwache in den Sesseln war, deren Zweck ohnehin unklar schien.


Treilhard war gezwungen, seinen Posten zu raeumen und den Sitzungssaal der Direktoren zu verlassen. Am 17. Juni traf im Parlament der Rechenschaftsbericht der Regierung ein. Er betraf lediglich die innenpolitische Lage des Landes und enthielt weder eine Analyse der aussenpolitischen Situation Frankreichs noch eine Antwort auf die Frage, wie die Regierung gedenke, aus dieser – gelinde gesagt – unangenehmen Situation herauszukommen, in die Frankreich durch die Schuld des Direktoriums geraten war. Die unter der Leitung des „unersetzlichen“ Talleyrand stehende franzoesische Diplomatie hatte es England erlaubt und es gar darin unterstuetzt, eine antifranzoesische Koalition zu schmieden. Die Folgen waren Niederlagen in Italien, der Schweiz und Sueddeutschland. Die Folgen waren die unaufhoerlichen Ausfaelle der Royalisten in der Bretagne und der Vend;e. Die Folge war die in ;gypten festgesetzte Armee Bonapartes. Haette das Direktorium einen solchen Bericht vorgelegt, haette das Parlament die Frage nach der Handlungsunfaehigkeit der Regierung und ihrem Ruecktritt in Gesamtheit aufwerfen koennen.
Allerdings konnte der radikale Regierungswechsel die au;enpolitische Lage der Republik versch;rfen. Die Verwirrung der ;bergangszeit k;nnten die Feinde Frankreichs – England und ;sterreich – ausnutzen. In diesem Fall w;re der Streit zwischen Parlament und Regierung irrelevant geworden. Die jakobinische Fraktion, sich bewusst, dass man die Pferde an der ;berquerung sehr vorsichtig wechseln muss, w;hlte den Weg einer schrittweisen Abl;sung der Direktoren. Am 17. Juni h;rte der Rat der 500 den Bericht der Direktorium und stellte dessen Unzufriedenheit fest; ohne Debatte ;ber den Bericht schritt man zur Tagesordnung, zur Wahl eines neuen Direktors.

Wie einen Monat zuvor, als das Parlament Si;yes w;hlte, erhielt auch General Lefebvre die meisten Stimmen im Rat der 500, doch wie zuletzt wurde er im Rat der ;ltesten abgelehnt. Dort erhielt er nur 16 Stimmen von 198. Neuer Direktor wurde Goy;, ein Republikaner, der im Konvent das Amt des Justizministers inne hatte. Goy; erhielt im Rat der 500 die zweitmeisten Stimmen nach Lefebvre, aber im Rat der ;ltesten erhielt er die Mehrheit.

Am folgenden Tag kehrte das Parlament zur Diskussion des Berichts der Regierung zur;ck. Die Situation an der Spitze erinnerte in diesen Tagen an die politische Lage vor dem 18. Fructidor. Aber wenn am 18. Fructidor des V. Jahres der Republik das Direktorium das Parlament beschuldigte, trat nun das Legislativamt als Ankl;ger auf. Der Abgeordnete Bertrand ergriff das Wort. Er verurteilte das Direktorium f;r den fortgesetzten und vor allem misslungenen Krieg und schloss seine Rede mit einem Aufruf an die Direktoren, zur;ckzutreten. Damit war der Anfang gemacht. Die Linken formulierten durch Bertrand ihre Forderungen. Der n;chste Redner konzentrierte sich auf die Kritik an zwei Direktoren – Merlen und Larevelier-Lepeaux. Bertrand schlug vor, eine parlamentarische Kommission zu bilden. Die Kommission, mit dem Ziel, Anforderungen an das Direktorium zu erarbeiten, wurde umgehend gew;hlt. Unter den 11 Mitgliedern wurde Lucien Bonaparte gew;hlt.

An diesem Tag nahm der Rat der 500 den Aufruf an das Direktorium an. Darin wurde auf den freiz;gigen Umgang der Regierung mit dem Gesetz vom 19. Fructidor des V. Jahres hingewiesen (5. September 1797) und auf wiederholte Gewaltakte der Exekutive gegen;ber den Gesetzgebern. Der Rat der ;ltesten nahm diese Aufforderung problemlos in Form eines Gesetzes an.

„Jeder Leiter, jeder Mensch, der das Leben oder die Freiheit des Legislativamts oder einzelner seiner Mitglieder gef;hrdet oder einem Befehl gibt, der dazu f;hrt, wird f;r rechtswidrig erkl;rt“, hie; es darin. Mit diesem Gesetz versuchte das Parlament, sich vor Willk;r der Exekutive zu sch;tzen. W;hrend der gesamten zehn Jahre der Revolution war das Parlament nicht nur ein Ort des Kampfes politischer Parteien, sondern auch ein Ort, an dem Gewalt stattfand. Die Abgeordnetenaktivit;t wurde zu einer der gef;hrlichsten T;tigkeiten im revolution;ren Frankreich, nicht weniger gef;hrlich als der Beruf eines Soldaten im Kampf.

Das Gesetz ;ber die Unverletzlichkeit der Abgeordneten verfolgte auch enge politische Ziele des aktuellen Moments. Es war gegen Merlen und Larevelier-Lepeaux gerichtet, die aktiv an den Ereignissen des 18. Fructidor und der Entmachtung der Abgeordneten im Jahr 1798 beteiligt waren. Nat;rlich hatte das verabschiedete Gesetz, wie jedes andere, keine R;ckwirkung, so dass Merlen und Larevelier-Lepeaux auf Grundlage dieses Gesetzes nicht beschuldigt werden konnten, aber als moralischer Druck, um ihren freiwilligen R;cktritt von den Direktoren zu erreichen, war es durchaus n;tzlich.

Der Rat der 500 w;hlte und entsandte seine Vertreter f;r pers;nliche Verhandlungen mit beiden Direktoren. Die Gesandten des Parlaments traten nicht mit leeren H;nden in die Tuilerien. Sie hatten viele Dokumente, die die Bestechung und Korruption von Merlen und Larevelier-Lepeaux belegen. Doch das war nicht das Wichtigste. Soll der erste Stein geworfen werden – wer ist nicht schuldig im Direktorium? Die Parlamentarier sicherten sich die Unterst;tzung der drei anderen Direktoren: des aktiven Si;yes, da er hinter den Kulissen der Krise stand; des passiven Barras, um in seinem Sessel zu bleiben; und des stillschweigend gehorsamen Goy;, der gestern gew;hlt wurde. So stimmten beide Direktoren zu, die Empfehlungen des Parlaments zu befolgen.

Am Abend wurde in den R;ten die Zustimmung von Merlen und Larevelier-Lepeaux, zur;ckzutreten, bekannt gegeben. Unverz;glich begann das Verfahren zur Wahl neuer Direktoren. Am n;chsten Tag, dem 19. Juni, fanden die Wahlen zum Direktor anstelle von Merlen statt. Zum dritten Mal in Folge erhielt die Kandidatur von General Lefebvre die meisten Stimmen im Rat der 500, doch im Rat der ;ltesten wurde Roger-Duco zum Direktor ernannt. Die Wahl zum Direktor ;berraschte Duco mehr als jeden anderen. Er war eine bemerkenswerte Figur, aber keineswegs die Hauptfigur. Er war Mitglied des revolution;ren Konvents und hatte ohne innere Zweifel f;r die Todesstrafe des K;nigs gestimmt. Dann war er eine Zeit lang Pr;sident des jakobinischen Klubs, ;bernahm die Erbschaft von Robespierre und Danton, ohne sich jedoch mit ihnen zu identifizieren. Nach dem 13. Vend;miaire wurde Duco in den Rat der ;ltesten gew;hlt. Zum Zeitpunkt der Wahlen war Duco Vorsitzender des Strafgerichts im Departement Paris. Zun;chst war Duco Goy; nahe, wechselte jedoch sp;ter unter den Einfluss von Si;yes.

Die Sitzung des Parlaments am n;chsten Tag war den Wahlen zur Abl;sung von Larevelier-Lepeaux gewidmet. Der Rat der ;ltesten ernannte wieder gegen die Meinung des Rates der 500 General Moulen zum neuen Direktor, wo diesmal erneut die Mehrheit der Stimmen General Lefebvre erhielt. Moulen war Kommandant der englischen Armee und befand sich w;hrend der Wahlen in Paris, wo er im Ministerium f;r Regierung und Milit;r Fragen diskutierte, die seine Armee betrafen. Er war ein mittelm;;iger General und, im Gegensatz zu Lefebvre, ohne herausragende F;higkeiten.


9



Das Juni-Konflikt zwischen den Gewalten wird in der historischen Tradition als Krise des 30. Prarial bezeichnet. In dieser Tradition wird das 30. Prarial nicht als Staatsstreich verstanden, da die Ver;nderungen an der Spitze der politischen Macht innerhalb des Rahmens der Verfassung des III. Jahres der Republik lagen. Die jakobinische Mehrheit im Parlament verwendete keine ungew;hnlichen Mittel, um ihre Ziele zu erreichen, und ver;nderte die Prinzipien der staatlichen Ordnung Frankreichs nicht. Dennoch stellte das 30. Prarial nichts anderes dar als den Versuch der Jakobiner, sich die immer kurze Decke der Macht zuzueignen.

Das Land lebte bereits seit zehn Jahren in einem permanenten revolution;ren Zustand, dessen Versch;rfung zu Umst;rzen f;hrte. Zweimal, 1792 und 1795, gab es grundlegende Ver;nderungen, praktisch Revolutionen. Bereits unter dem Direktorat gab es zwei rechte und zwei linke Verschw;rungen. In vier Jahren an der Macht vier Krisen.

Die Ungewissheit in den oberen Etagen der Macht erzeugte bei den Beamten und Bewohnern der Mittel- und Unterschichten ein Gef;hl der Vorl;ufigkeit ihres Dienstes; unter diesen Umst;nden sollte man stehlen, solange es m;glich ist. Dies verst;rkte die Korruption im Staatsapparat und die Bestechung auf allen Ebenen.

„Das Direktorium will nichts h;ren. Die Direktoren lesen nur Zeitungen, sind w;tend und diskutieren ;ber Zeitungsartikel“, schrieb der damalige Finanzminister Robert Linge in seinen Memoiren. „Um elf Uhr beginnt die Sitzung, die bis 17:30 oder 18 Uhr dauert. Die Minister kommen zur vereinbarten Zeit und werden immer einzeln empfangen, obwohl sie gemeinsam empfangen werden sollten. Mit jedem von ihnen sprechen die Direktoren ;ber Zeitungen, Klagen und Anschuldigungen gegen Privatpersonen. Den Direktoren bleibt kaum Zeit, zwischen diesen Diskussionen den Bericht des Ministers und seine Vorschl;ge ;ber seine Arbeit zu h;ren. Nach der Sitzung begann das Abendessen. Am Tisch versammelten sich immer viele Menschen. Sie tranken und a;en bis sp;t in die Nacht. Am Morgen lasen die Direktoren wieder Zeitungen, damit sie w;hrend ihrer todlangweiligen Sitzungen etwas zu reden hatten.“

Die Pariser, die an h;ufigen Machtwechsel gew;hnt waren, waren kaum besorgt ;ber die nahezu vollst;ndige Erneuerung der Zusammensetzung des Direktoriums. Mit heimlicher Freude beobachtete das Volk, wie die Machthaber, die dem Land nur Hunger und Ruin brachten, sich gegenseitig zerfleischten.

Den Ver;nderungen im Direktorium folgten die Wechsel einiger Minister. Talleyrand ;bergab sein Amt an Reynaud – einen Republikaner und Diplomaten, der sich zu dieser Zeit mit einer Mission in der Toskana befand. Bis zu Reynauds Ankunft setzte Talleyrand seine Aufgaben als Au;enminister fort. Zum Kriegsminister wurde anstelle von Millet Bernadotte ernannt. Schlie;lich wurde der Polizeiminister Duval durch Dumalard ersetzt, und etwas sp;ter ersetzte den Letzteren Fouch;, der auf Protektion Talleyrands zum Polizeiminister ernannt wurde.

Nachdem die R;te das Direktorium von korrupten Beamten befreit hatten und die Exekutive, den Schwanz eingezogen, zu den Idealen der Revolution zur;ckkehrte, begann das Parlament mit den aktuellen Fragen. Bis zu den Sommerferien blieben nur noch wenige Tage, und am 28. Juni beschloss das Parlament aufgrund des Zeitverlustes f;r Personalfragen, die Arbeit auf unbestimmte Zeit zu verl;ngern. Ende Juni und im Juli wurden eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die darauf abzielten, die Verteidigungsf;higkeit des Landes zu erh;hen und die Finanzen zu st;rken.

In der Sitzung am 28. Juni nahm das Parlament einen Beschluss an: um die extrem ruin;sen Finanzen zu stabilisieren, einen Kredit von 100 Millionen Francs aus den wohlhabenden Klassen aufzunehmen. Zwei Mal zuvor hatte man in Frankreich derartige Ma;nahmen versucht. Im Jahr 1793 verabschiedete der Konvent ein Gesetz ;ber einen Kredit von einer Milliarde Francs aus den wohlhabenden Klassen, und ein zweites Mal 1795 erlie; die Regierung ein ;hnliches Gesetz ;ber einen Kredit von 600 Millionen Francs. Beide Male scheiterten die guten Absichten erfolgreich. Und auch jetzt wurde das Gesetz ;ber den Kredit heftig von vielen Seiten angegriffen (nat;rlich kam die Unzufriedenheit von den Wohlhabenden, zu denen alle Abgeordneten geh;rten). Das Gesetz wurde zur ;berarbeitung zur;ckgezogen und nach Pr;fung durch eine eigens eingerichtete Kommission wurde es am 6. August endg;ltig angenommen. Nach diesem Gesetz musste jeder, der mehr als 300 Francs pro Jahr an Hauptsteuer zahlte, zus;tzlich einen Kredit an die Staatskasse leisten. Mit ansteigenden Zahlungen der Hauptsteuer erh;hte sich die H;he des Kredits.

Das zweite Gesetz, das allgemeines Unbehagen ausl;ste, war das sogenannte „Gesetz der Geiseln“. Nach diesem Gesetz sollte jeder, der seine Loyalit;t zur Monarchie zeigte oder an vom Staat nicht anerkannten religi;sen Diensten teilnahm, verhaftet werden. Das Gesetz erlaubte die Verhaftung nicht nur von Verwandten der Emigranten, sondern auch aller Personen, die von der Regierung als verd;chtig erachtet wurden. Dar;ber hinaus sollten die B;rger des Departments, in dem ein Beamter oder Soldat get;tet wurde, 6000 Francs an die Staatskasse, 5000 Francs an die Witwe des Get;teten und 3000 Francs f;r jedes Kind zahlen. Das Gesetz der Geiseln schuf erhebliche Voraussetzungen f;r eine neue Welle des linken Terrors und stellte seine juristische Basis dar. Es wurde somit zu dem gepanzerten Zug, der vor;bergehend auf einem Abstellgleis steht. Mit dem Aufstieg Napoleons musste dieser gepanzerte Zug, zur gro;en Entt;uschung mancher entschlossener Revolution;re, vorzeitig verschrottet werden.

Nach dem Gesetz der Geiseln z;hlte die jakobinische Mehrheit im Parlament nicht nur ihre traditionellen Feinde, die Monarchisten, zu den Staatsfeinden, sondern auch das gesamte geistliche (Klerus) – da die Religion von den Linken als konkurrierende Ideologie betrachtet wurde. W;hrend aller revolution;ren Jahre hielten die sich im Umbruch befindlichen Enkel der gro;en Humanisten die von Wissenschaft und Aufkl;rung entz;ndete Fackel hoch, um die entferntesten Winkel der Seelen ihrer Mitb;rger zu erleuchten und von dort Dunkelheit der Unwissenheit und des G;tzendienstes zu vertreiben. In den gesamten revolution;ren Jahren wurde der Kirche kontinuierlich alle Privilegien entzogen, oft auf Kosten ihrer aktuellen finanziellen Probleme.

Die Befreiung von der Steuerzahlung – das Hauptprivileg, von dem die katholische Kirche seit den Zeiten der Kapetingern Gebrauch machte – wurde der Kirche durch die Revolution lange und m;hsam entzogen. Sp;ter wurde es einfacher. In den achtziger Jahren verteidigte Talleyrand, Graf von P;rigord, der 1780 zum vollm;chtigen Kommissar der franz;sischen katholischen Kirche in Finanzfragen ernannt worden war, das Steuerprivileg gegen die Angriffe der Krone, die durch die Kirche die akutesten finanziellen Krisen l;sen wollte. Und einige Jahre sp;ter f;hrte Talleyrand, als Abgeordneter des konstitutionellen Assemblies aus dem zweiten Stand des Erzbistums Auteuil, das er einen Monat vor der Wahl vom K;nig best;tigt wurde, den ersten ernsthaften Angriff auf die Kirche. Auch unter gr;;ter Beteiligung Talleyrands verabschiedete die Nationalversammlung eine Reihe von Gesetzen gegen das Klerus. Eines der Gesetze schrieb vor, dass die Priester einen Treueeid an den Staat ablegen mussten. Talleyrand und Si;yes, die ebenfalls als Abgeordnete des geistlichen Standes gew;hlt wurden, geh;rten zu den ersten, die diesen Eid ablegten.

Der Konvent setzte die Politik der Nationalversammlung fort, die darauf abzielte, den Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft zu beseitigen. Um schlie;lich die Religion aus dem Alltag zu entfernen, etablierte der Konvent eine neue Kirchenordnung. Die Woche wurde durch die Dekade ersetzt. Der Sonntag wurde abgeschafft. An seiner Stelle wurde der letzte Tag der Dekade als Feiertag erkl;rt. Dar;ber hinaus wurden zahlreiche zivile Feiertage – nationale und philosophische – eingef;hrt, um die religi;sen Feiertage zu ersetzen. Der Tag der Erst;rmung der Bastille (14. Juli) wurde zum Gr;ndungstag der Republik. Im revolution;ren Kalender wurden Feiertage wie die Hinrichtung des K;nigs, der Feiertag der Jugend, der Feiertag der Eltern, der Erntetag und dergleichen vermerkt. Die Bev;lkerung leistete passiven Widerstand gegen die Neuerungen. Nicht zuletzt wurde der Widerstand auch dadurch bedingt, dass trotz der Vielzahl republikanischer Feiertage im neuen Kalender die Anzahl der Feiertage im Jahr um etwa ein Viertel reduziert wurde. Der Grund f;r die Kopfschmerzen der Pariser Erfinder war, dass sie weiterhin sonntags Ruhe hatten. In einigen Departments fanden sie eine geniale L;sung, indem sie sowohl nach dem alten als auch nach dem neuen Kalender Ruhetage einlegten – die beste M;glichkeit, den Streit zwischen „Frau Woche und B;rgerin Dekade“ zu schlichten.

Mit den Gesetzen vom 19. Fructidor (5. September 1797) setzte das Direktorium die Politik seiner Vorg;nger in Bezug auf die Kirche fort. Wie 1789 wurden alle Geistlichen verpflichtet, einen Eid der „ewigen Feindschaft gegen Monarchismus und Anarchismus, Treue und Loyalit;t zur Republik und der Verfassung des III. Jahres...“ abzulegen. Unter dem Druck von Drohungen und Umst;nden legten viele Priester den Eid ab. Selbst der Papst, der die Bedingungen des franz;sischen Katholizismus verstand, verurteilte seine Kinder nicht. Die vereidigten Priester wurden in Ruhe gelassen, und nur diejenigen, die, den Glauben festhaltend, sich weigerten, den „teuflischen“ Eid abzulegen, wurden bis zur Ausweisung aus dem Land verfolgt. Von VI Jahr der Republik bis zum 18. Brumaire des VIII. Jahres wurden 1657 Priester gewaltsam aus dem Land vertrieben, und mit der Eingliederung Belgiens stieg die Zahl der Repressierten auf 8235. Diese Zunahme der Ausgewiesenen bei relativ geringem Territorialwachstum und bescheidenem Bev;lkerungswachstum h;ngt damit zusammen, dass die alten Departments bereits seit acht Jahren unter dem konstanten Druck des Staates auf die Kirche standen. Viele standhafte Priester, oder „Dicksch;del“, wie die Republikaner sie selbst nannten, hatten bis zum VI. Jahr in mehreren Emigrationswellen bereits das Land verlassen, w;hrend die belgische Kirche sofort am selben Tag in strenge Lebensbedingungen der franz;sischen Kirche geriet.

Dar;ber hinaus wurden auch andere Mittel verwendet, um die Gl;ubigen von der Kirche zu entw;hnen. So verloren beispielsweise 15 Pariser Kirchen nach dem Beschluss der Zentralverwaltung f;r Kirchliche Angelegenheiten, die am 13. Oktober 1798 vom Direktorium gegr;ndet wurde, ihre Namen. Notre-Dame wurde „Palast der Weisheit“, die Kirche Saint-Roch wurde in „Palast der Genies“ umbenannt, und so weiter.


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Aber wir haben uns abgelenkt. Kehren wir zur;ck zum aktuellen politischen Moment des Sommers 1799.

Mit verschiedenen Tricks gelang es dem Minister, fast ein Jahr lang die Sitzung des Gerichts hinauszuz;gern, aber am 12. Juli 1799 fand das Gericht schlie;lich statt. J;r;me wurde als Opfer anerkannt, und Talleyrand wurde f;r schuldig erkl;rt. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 100.000 Francs. Der Ankl;ger forderte eine Haftstrafe, aber das Gericht beschr;nkte sich auf die Geldstrafe. An sich ist die Geschichte mit J;r;me ein unbedeutendes Episod. Gew;hnliche politische Streitereien, bei denen alle Mittel recht sind, aber zwei Besonderheiten dieses Vorfalls m;chte ich hervorheben. Erstens zeigt der Fall mit J;r;me erneut, dass der diplomatische Korps unter Talleyrand nach dem Prinzip aufgebaut wurde: je schlechter der Diplomat, desto besser. Und zweitens, das Datum der Gerichtsverhandlung – der 12. Juli. Dies bedeutet, dass Talleyrand sp;testens am 11. Juli von dem weiteren Plan, die Macht zu ;bernehmen, Abstand genommen hat. Offenbar war der Putsch f;r einen Zeitpunkt zwischen dem 18. Juni und dem 11. Juli angesetzt. Wahrscheinlich in den letzten Tagen des Juni oder ganz zu Beginn des Juli.

Die Krise des 30. Prarial (18. Juni), die zum Wechsel von drei Direktoren f;hrte (wenn man bedenkt, dass Si;yes einen Monat zuvor gew;hlt wurde, blieb aus dem alten Direktorium nur Barras), hatte nat;rlich die Durchf;hrung des Putsches erheblich erschwert. Und zweitens schufen die linken Zeitungsplakate eine Antipathie f;r Talleyrand, die, h;tte er die Macht ergriffen, zu einem B;rgerkrieg mit Blut, Verrat von Verb;ndeten und der Guillotine im Finale f;hren k;nnte. In solchen St;cken wollte Talleyrand keine Hauptrolle spielen.

Die Vorbereitung der Revolution war in der entscheidenden Phase gestoppt, die Ausf;hrer und Helfer wurden vorl;ufig nach Hause geschickt. Die Revolution, von der Talleyrand so lange getr;umt hatte, fand nicht statt. Aber das, was die Revolution nicht zustande kam, ;ndert nichts. Sie wurde vorbereitet.

Am n;chsten Tag nach der Gerichtsverhandlung im Fall J;r;me reichte Talleyrand bei der Direktorium ein R;cktrittsgesuch von allen ;mtern ein. Eine Woche sp;ter, am 20. Juli, nahm die Regierung den R;cktritt an. Zum Au;enminister wurde der Leiter eines der Abteilungen des Ministeriums Reynaud ernannt, der sich zu dieser Zeit mit einer diplomatischen Mission in Italien befand. Bis zur Ankunft Reynauds setzte Talleyrand seine vorherigen Aufgaben fort. Reynaud war ehrlich, der Republik treu und unbestechlich. Er besa; die Eigenschaften, die Talleyrand fehlten, war aber daf;r vieler Tugenden beraubt, ;ber die der ehemalige Minister im ;berfluss verf;gte. Die letzte Handlung Talleyrands als Au;enminister war die Ernennung von Fouch; zum Polizeiminister auf seinen Vorschlag. Am 30. Juli, an dem Tag, an dem Talleyrand sein Amt niederlegte, trat Fouch; die Pflichten des Polizeiministers an.

Paul Barras, beleidigt von Bonaparte und Talleyrand, verunglimpft in seinen Memoiren Charles Talleyrand und unterstellt ihm den Wunsch, einen Plan zur Restauration der Monarchie zu verkaufen. Angeblich fand im August ein geheimes Treffen zwischen Graf Artois und Prinz Talleyrand statt. Angeblich konnten sie sich nicht auf den Preis einigen. Talleyrand begann die Verhandlungen mit der Frage: Im Falle der Restauration der Bourbonen, k;nnte er, der Bischof von Autun, auf ein Herzogtum in Frankreich, ein Pair in England und vollst;ndige Vergebung von der Kirche rechnen. Der zuk;nftige K;nig antwortete, dass Talleyrand auf ein Grafenamt in P;rigord rechnen k;nne, unter der Bedingung, dass er von der Kirche verziehen werde. Das war fast nichts. Damit endeten die Verhandlungen, bevor sie anfangen konnten. Der n;chste potenzielle K;ufer war das Haus Orl;ans. Aber der Herzog von Orl;ans wollte von der Politik nichts h;ren. Bereits im September versuchte Talleyrand, seinen Plan den Hohenzollern zu verkaufen. ;ber seinen Freund, den preu;ischen Botschafter, sandte Talleyrand eine dringende Depesche nach Berlin mit dem Angebot von Verhandlungen. Gegenstand der Verhandlungen waren die Anspr;che der Hohenzollern auf den franz;sischen Thron. In Berlin waren sie von diesem unerwarteten und extravaganten Angebot so verwirrt, dass sie nicht wussten, was sie antworten sollten. So blieb Talleyrands Angebot unbeantwortet. Aber der K;ufer fand sich dennoch. Es war, trotz allem, Bonaparte, der ;berlebt hatte.

Talleyrand hatte bereits gen;gend S;nden, also sollten wir den Erinnerungen Barras nicht zu viel Bedeutung beimessen.

Und zum Schluss des Kapitels ein Zitat aus Talleyrands Memoiren. Er hielt es f;r m;glich, sich ;ber seinen R;cktritt zu ;u;ern, aber Talleyrand ;u;erte sich mit dem ihm eigenen Anmut, indem er Epochen und Umst;nde in einen ungepflegten Haufen vermischte.

„Mit dem Direktorium geschah das, was immer mit Despoten geschieht. Solange niemand gegen die Armeen, ;ber die es verf;gte, ank;mpfen konnte, wurde es gehasst, aber gef;rchtet. Als seine Armeen besiegt wurden, begann man es zu verachten. Man griff es in Zeitungen, Pamphleten an, schlie;lich ;berall. Auch seine Minister blieben nat;rlich nicht verschont, was mir die lange ersehnte Gelegenheit gab, mein Amt zu verlassen. Ich erkannte, dass ich, w;hrend ich es inne hatte, sehr wenig gegen das ;bel tun konnte und dass ich nur sp;ter einen echten Nutzen bringen k;nnte.

Der Gedanke an einen R;cktritt, den ich schon lange hegte, lie; mich eine Ma;nahme ergreifen. Ich vertraute meine Absichten General Bonaparte vor seiner Abreise nach ;gypten an. Er billigte die Beweggr;nde meines R;cktritts und willigte bereitwillig ein, f;r mich bei der Direktorium eine Botschaft in Konstantinopel zu erbitten, falls sich die M;glichkeit erg;be, Verhandlungen mit der T;rkei zu f;hren, oder die Erlaubnis zu erlangen, zu ihm nach Kairo zu reisen, wo man mit dem Beginn von Verhandlungen mit den Vertretern des Osmanischen Reiches rechnen konnte. Nachdem ich nach meinem R;cktritt diese Erlaubnis erhalten hatte, zog ich mich in ein Dorf nahe Paris zur;ck und wartete auf die Entwicklungen.

Die prominenten Demagogen, die sich seit einiger Zeit wieder gehoben hatten, machten sich Sorgen und drohten mit einem neuen Reich des Terrors. Aber der Sturz des Direktoriums musste nicht aus den Clubs ausgehen, die sie wieder er;ffneten und von Fouch; wieder geschlossen wurden, wann immer er es f;r n;tig hielt; es musste vom Direktorium selbst ausgehen.“


Ðåöåíçèè