Eroberung Aegyptens

Kapitel 1
Eroberung Aegyptens


1



Es war das sechste Jahr der Republik. Seit dem Tag, an dem der Pariser Poebel das Hauptgefaengnis des Koenigs stuermte, ist viel Blut im reissenden Fluss der Revolution geflossen. Viele Koepfe hat die Guillotine geerntet – die beste Freundin der Revolution. Viele Menschen legten ihre Gebeine in die Erde, waehrend sie Ideale verteidigten oder die Chimaeren von Freiheit, Gleichheit und Bruederlichkeit stuerzten.
Es war der Vendemiaire des sechsten Jahres der Republik. Die Revolution war, wie ueblich, in Gefahr. Die Bedrohung ging nicht von den Monarchien aus, die so alt wie die Erbsuende der Menschheit waren, sondern vom parlamentarischen England. In den ersten zwei Jahren der Gleichheit und Bruederlichkeit betrachteten die Jakobiner, geblendet vom Glanz der britischen Verfassung, dieses Land noch als Bruderstaat. Die Erkenntnis, dass das konstitutionelle England zum Hauptfeind der Revolution geworden war und dass die britische Regierung in der franzoesischen Umwaelzung nicht ihre duestere Groesse, sondern nur einen bequemen Vorwand sah, dem Konkurrenten die Kolonien wegzunehmen, vollzog sich innerhalb der revolutionaeren Elite nur schwerfaellig – so als ob ein leiblicher Bruder verraten haette.
In den ersten Jahren der Revolution, bis 1792, hielt sich England aus dem kontinentalen Konflikt zwischen Demokratie und Absolutismus heraus. Anfang jenes Jahres reduzierte das Kabinett von Pitt dem Juengeren die Landstreitkraefte um 17.000 Mann und entliess zweitausend Matrosen. Doch im Herbst 1792 ereigneten sich Dinge, die England zwangen, aktiv in den Kampf einzugreifen, und zwar nicht auf der Seite Frankreichs. Mit dem Sieg der Revolutionsarmee bei Jemappes hatte Frankreich faktisch Belgien erobert. Gleichzeitig verurteilte der Konvent die von England oft angewandte Praxis der Seeblockade, erklaerte die freie Schifffahrt zum Naturrecht eines jeden Staates und kuendigte einseitig alle bestehenden Barriere-Abkommen. Als Antwort auf die feindseligen Handlungen des Konvents unternahm England den Versuch, eine antifranzoesische Koalition unter Beteiligung von Oesterreich, Preussen und Russland zu bilden. Die Koalition kam aufgrund von Unstimmigkeiten in der polnischen Frage nicht in dem Format zustande, auf das England gehofft hatte.
Als Antwort auf die feindseligen Handlungen des Londoner Kabinetts annektierte der Konvent am 13. Januar 1793 per Dekret Belgien. Am ersten Februar desselben Jahres erklaerte Frankreich England den Krieg.
Die Antwort Englands liess nicht lange auf sich warten. Mit Waffen und Finanzen unterstuetzte London die Aufstaende der Royalisten in Toulon, der Vendee und der Bretagne. Wenn man dazu die Besetzung der franzoesischen Kolonien durch England, die Blockade der Meere durch die britische Flotte und die Errichtung des britischen Monopols auf den Handel mit Kolonialwaren zaehlt, wird verstaendlich, warum das Direktorium die Loesung des Problems England in der Vernichtung Englands sah.
Das Jahr 1797 wurde zu einem Jahr der Schwaechung Englands und der Staerkung Frankreichs. Zunaechst zur Schwaeche Englands: Im April brach in der Flotte, dem Stolz und der Stuetze Britanniens, eine Meuterei aus. Aufgrund der Stagnation im Aussenhandel und einer Missernte stieg die Arbeitslosigkeit, waehrend gleichzeitig die Preise fuer alle Konsumgueter, vor allem fuer Lebensmittel, in die Hoehe schnellten. Ein erheblicher Teil der Bevoelkerung der britischen Inseln lebte am Rande des Hungertodes. Einige englische Zeitungen, die unter jakobinischem Einfluss standen, behaupteten beharrlich, dass die Ursachen fuer das Elend des Volkes in der Finanzierung des europaeischen Krieges und in den kostspieligen Militaeroperationen der englischen Armeen in den Kolonien zu suchen seien. Die jakobinische Propaganda in Verbindung mit der schwierigen Lage der Bevoelkerung fuehrte zum Aufstand der Matrosen. Mit List und Gewalt wurde die Meuterei niedergeschlagen, doch die Gefahr einer Wiederholung blieb bestehen. Die innere Instabilitaet und die Schwaechung der Verteidigungsfaehigkeit des Landes zwangen das Kabinett von Pitt dazu, Paris um Friedensverhandlungen zu bitten.
Das Direktorium stimmte zu. Im Juli begannen in Lille die anglo-franzoesischen Gespraeche. Die englische Seite bot die Unterzeichnung eines Friedensvertrages unter der Bedingung an, Belgien als Teil Frankreichs anzuerkennen. Die franzoesische Delegation hielt das englische Zugestaendnis fuer unzureichend und forderte die Rueckgabe aller Kolonien sowie eine grosse Geldentschaedigung.
Und nun zur Staerke Frankreichs. In Europa gab es kein Land mehr, das bereit war, gegen das republikanische Frankreich zu kaempfen. Russland, das am oestlichen Rand Europas lehnte, verhielt sich friedlich. Kaiser Paul I. war zu jener Zeit mit der inneren Ordnung des Landes beschaeftigt und verspuerte kein Beduerfnis nach Krieg. Spanien wandelte sich aufgrund der Besetzung von Haiti durch die Englaender vom Feind Frankreichs zum Freund. Mit Preussen hatte Frankreich 1795 in Basel Frieden geschlossen, und ein Jahr spaeter unterzeichneten beide Laender einen geheimen Neutralitaetsvertrag. Nach den glanzvollen Siegen der Armee von General Bonaparte in der Lombardei und im Piemont fuehrten Oesterreich und Frankreich Friedensverhandlungen und standen im Fructidor kurz vor der Unterzeichnung eines Abkommens.
Moeglicherweise waeren die Friedensgespraeche in Lille so geendet, wie sie enden mussten, und die Geschichte Europas waere in andere Bahnen gelenkt worden. Doch das Schicksal wollte es, dass im Fructidor (September) in Paris und London fast zeitgleich Staatsverschwoerungen entdeckt und zerschlagen wurden.
In Paris schlugen drei Direktoren – Barras, Reubell und La Revelliere-Lepeaux – Alarm wegen eines bereits angeschwollenen rechten Aufstandes. Am Morgen des 18. Fructidor des Jahres V (4. September 1797) wurden zwei Direktoren – Barthelemy und Carnot – sowie 53 rechtsgerichtete Abgeordnete beider Raete verhaftet und kurz darauf ohne Gerichtsverfahren nach Guyana verbannt, dem traditionellen Verbannungsort fuer politische Gegner des aktuellen franzoesischen Regimes.
In London stellte die konservative englische Presse die unbegruendet hohen Forderungen Frankreichs als einen Angriff auf die nationalen Interessen dar, was auf den Inseln eine wahre Protestwelle ausloeste. Dieselbe Propaganda, die massgeblich fuer die Meuterei im April verantwortlich war, festigte im Herbst die Nation um das Kabinett von Pitt. Die Propagandakampagne wurde umso wirksamer, da zu dieser Zeit, wie gerufen, ein Versuch eines linken Staatsstreichs stattfand. Die Verschwoerung, von der die englischen Zeitungen direkt behaupteten, sie sei unter Mitwirkung Pariser Emissaere organisiert worden, wurde rechtzeitig aufgedeckt und zerschlagen. Unter dem Slogan „fuer die Aufrechterhaltung von Rechtmaessigkeit, Freiheit und Religion“ verabschiedete das Parlament eine Reihe von Gesetzen, die die Verteidigungsfaehigkeit des Landes erheblich staerkten.
Als Reaktion auf das Scheitern der Verhandlungen in Lille und im Zusammenhang mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Oesterreich entstand in den hohen Pariser Bueros die Idee einer gewaltsamen Loesung des Konflikts mit England. Diese Idee sickte in die Salons durch, gelangte in die Presse und kehrte, in die hohen Bueros zurueckkehrend, als Forderung des politischen Augenblicks zurueck. Die Idee der Eroberung Englands erreichte als Forderung des politischen Augenblicks General Bonaparte durch die Briefe Josefines.


2


Josefine Beauharnais, die Frau des Oberbefehlshabers der Italienarmee, General Bonaparte, schrieb ihrem Mann taeglich nach Italien ueber alles, was sie in den Salons und Bueros sah und hoerte – ueber Geruechte, Klatsch und die Stimmungen in Paris. Im Oktober schrieb Josefine ihrem Mann, dass die Regierung einen Krieg gegen England plane und dass man sich bezueglich des Befehlshabers der Invasionstruppen noch nicht entschieden habe. Die Briefe seiner Frau sowie andere Informationsquellen, die Josefines Worte bestaetigten, veranlassten General Bonaparte, seine oestlichen Plaene vorerst aufzuschieben und seinen Blick auf Britannien zu richten.
Apropos oestliche Plaene, die Bonaparte aufschieben musste:
Im Januar 1793 ernannte der Konvent Descorches zum Sondergesandten in Konstantinopel. Die Mission von Descorches bestand darin, die Beziehungen zwischen den Laendern bis hin zum Abschluss eines politischen und militaerischen Buendnisses gegen die alten Feinde – Russland und Oesterreich – sowie gegen den neuen Feind der Republik, England, zu verbessern. Gleichzeitig beschloss die Regierung, in Kairo ein Generalkonsulat zu eroeffnen und den Kaufmann Magallon, der zuvor lange im Orient gelebt hatte, zum Konsul zu ernennen. Die Taetigkeit von Descorches erwies sich als so erfolglos, dass er im Sommer 1795 durch den bevollmaechtigten Botschafter Verninac ersetzt wurde. Doch auch Verninac gelang ebenso wenig wie seinem Vorgaenger.
Nach seiner Ankunft in Konstantinopel machte sich der neue Botschafter daran, die Fehler von Descorches zu korrigieren. Er entsandte den Handelskommissar Dubois de Thainville, der mehrere Jahre in der Tuerkei verbracht hatte und die oertlichen Bedingungen sowie die Sitten der orientalischen Beamten gut kannte, nach Alexandria, um zu klaeren, warum Magallon bereits seit zwei Jahren untaetig war. In Kairo versammelten Dubois und Magallon eine Delegation in Aegypten lebender franzoesischer Kaufleute, die unter der Willkuer der Mamelucken-Beys und tuerkischen Beamten litten, aber trotz dieser Willkuer aufgrund der hohen Rentabilitaet ihrer Geschaefte (Handel mit Kolonialwaren aus Indien) nicht bereit waren, diese aufzugeben. Die Franzosen trafen sich mit den wichtigsten Beys (Ibrahim und Murad), um die Begleichung ihrer Schulden und die Erfuellung frueher geschlossener Vertraege zu besprechen. Wortreich versicherten die Beys ihre sofortige Bereitschaft, alle Wuensche des Kommissars zu erfuellen, doch in der Tat aenderte sich nichts.
Nach vier Monaten geduldigen Wartens begab sich Dubois nach Syrien, wo er ebenso erfolglos versuchte, die Angelegenheit der Rueckzahlung von Schulden an franzoesische Kaufleute zu regeln. Alles, was ihm widerfahren war und warum die Missionen nach Aegypten und Syrien gescheitert waren, beschrieb Dubois in einem Bericht an Verninac. Er analysierte nicht nur die Lage des Handels in Aegypten, sondern bewertete auch die politische Situation in den tuerkischen Provinzen. Dubois wies darauf hin, dass ueberall Chaos in der Verwaltung, Raub und Bestechlichkeit herrschten. Verninac wiederum verfasste eine Denkschrift an den Aussenminister, in die er den Bericht des Kommissars als integralen Bestandteil aufnahm. In dieser Note kam der Botschafter zu dem Schluss, dass es nicht moeglich sei, die Tuerkei mit diplomatischen Methoden fuer ein Buendnis zu gewinnen. Damit erklaerte Verninac offen die Unausfuehrbarkeit des Auftrags, mit dem er nach Konstantinopel entsandt worden war.


Unterdessen veranlassten die sinnlose Inspektion von Dubois in Aegypten, die ungerechten Rueffel der Vorgesetzten und die asiatische Hinterlist der Beys den Konsul Magallon, die Gruende fuer den schlechten Zustand des franzoesischen Handels in Aegypten ausserhalb seines Verantwortungsbereichs zu suchen. Als Ergebnis langer, angespannter Ueberlegungen verfasste der Konsul eine analytische Note, die nach allgemeiner Meinung der Historiker als der erste Meilenstein auf dem Weg Bonapartes nach Aegypten gilt:
„...ich wiederhole: Sobald wir Herren des Roten Meeres sind, werden wir den Englaendern unsere Gesetze diktieren und sie aus Indien verdraengen. Ich nehme an, dass dies den Absichten der Regierung entsprechen muss. Bei guenstigen Monsunen kann man mit einer geringen Anzahl von Schiffen unsere Truppen ueber Suez nach Indien bringen. Dabei werden sich unsere Soldaten hoechstens 60 Tage auf See befinden. Nicht selten kommt es vor, dass man auf dem Weg nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung sechs Monate Reisezeit benoetigt. Die Verluste beim Uebergang ueber Suez werden kaum einen Mann auf hundert erreichen, waehrend man auf dem anderen Weg von Glueck sagen kann, wenn wir von 100 Mann nur 10 verlieren.“
Die Schlussfolgerung von Magallon war einfach und verstaendlich: Um den Handel in Aegypten zu verbessern, sollte man das Land erobern und bei dieser Gelegenheit auch gleich Indien einnehmen. Solange dies nicht geschehe, sei es naiv, auf eine Verbesserung des Handels zu hoffen.
Eine Kopie der Denkschrift sandte Magallon nach Paris an den Aussenminister Delacroix. Drei Monate spaeter, nachdem er keine Antwort erhalten hatte, schickte er ein weiteres Schreiben an das Ministerium, in dem er einige Details praezisierte. Magallon fuerchtete vergeblich, dass seine Notiz im Abgrund des Ministeriums versunken sei. Delacroix verlas Magallons Bericht bei einem Vortrag vor der Regierung. Barras interessierte sich dafuer und wies den Minister an, Informationen ueber Aegypten zu sammeln. In der Zwischenzeit traf der Bericht von Dubois im Ministerium ein, und wenig spaeter ein Brief von Kapitaen Rela mit aehnlichen Ueberlegungen wie bei Magallon ueber die Moeglichkeit einer Eroberung Indiens.
Um seine eigenen Handelsangelegenheiten in der Heimat zu ordnen, erbat Magallon beim Aussenministerium einen langen Urlaub. Der Urlaub wurde ihm genehmigt, und er erhielt vom Leiter der zweiten Abteilung des Ministeriums die Anweisung: Sobald er seine privaten Angelegenheiten geregelt habe, solle er in Paris erscheinen, um der Regierung Bericht zu erstatten.
Magallon traf genau zu der Zeit in Paris ein, als Talleyrand das Amt des Aussenministers uebernahm (16. Juli 1797). Dieser Umstand wurde entscheidend fuer die Verwirklichung von Magallons Ideen, die von diesem Zeitpunkt an zu Talleyrands eigenen Ideen wurden.

Zum ersten Mal erfuhr Bonaparte von den tuerkischen Problemen Frankreichs, von der Unmoeglichkeit, sie auf friedlichem Wege zu loesen, und davon, dass die Regierung wahrscheinlich gezwungen sein wuerde, eine militaerische Loesung zu suchen, von Verninac. Dieser besuchte im April 1796 auf seinem Weg von Konstantinopel nach Paris das Hauptquartier der Italienarmee. Die franzoesischen Truppen und ihr Befehlshaber hatten eine kleine Pause nach der gerade beendeten Serie glanzvoller Siege ueber die Armee von Piemont und vor dem Kampf gegen die oesterreichische Armee. Daher konnte Bonaparte Verninac genuegend Zeit fuer ein ausfuehrliches Gespraech widmen. Ihr Dialog betraf die venezianischen Angelegenheiten, die Lage in der Tuerkei und ihren Provinzen sowie theoretische und praktische Fragen einer moeglichen aegyptischen Kampagne. Damals beschaeftigte die oesterreichische Armee Bonaparte mehr als die Tuerkei und Aegypten, doch er merkte sich das Gespraech mit dem Botschafter vor. Ein Jahr spaeter, im Juli 1797, befahl er die Besetzung der Inseln Korfu, Kefalonia und Zante. Der Besitz dieser Inseln schuf – wie Bonaparte glaubte – die Voraussetzung fuer die franzoesische Expansion nach Osten. Am ersten August sandte Bonaparte eine Depesche ueber die erfolgreiche Seeoperation an das Direktorium, und am 16. August schrieb er:
„Korfu, Zante und Kefalonia sind fuer uns von groesserem Interesse als ganz Italien. Ich glaube, wenn wir waehlen muessten, waere es besser, Italien dem Kaiser zurueckzugeben, aber diese vier Inseln in unseren Haenden zu behalten, die fuer unseren Handel eine Quelle fuer Entwicklung und Reichtum sind. Das Tuerkische Reich zerfaellt immer mehr, sodass der Besitz dieser Inseln uns in eine Lage versetzt, in der wir es entweder unterstuetzen, soweit es moeglich ist, oder uns den uns zustehenden Teil von der Tuerkei nehmen.
Die Zeit ist nicht mehr fern, in der wir erkennen werden, dass wir uns Aegyptens bemaechtigen muessen, um England wirklich zu vernichten. Das Grosse Tuerkische Reich schmilzt mit jedem Tag dahin. Dieser Umstand zwingt uns zu der Notwendigkeit, alle Mittel einzusetzen, um unsere Handelspositionen in den Laendern der Levante zu wahren...“
Die Regierung unterstuetzte Bonapartes oestliche Bestrebungen, so wie sie jegliche territorialen Eroberungen unterstuetzte. Einen besonders feurigen Anhaenger der Orient-Plaene fand der General in der Person des Buergers Talleyrand, dem neuen Aussenminister der Republik. Aufgrund ihrer Taetigkeit fuehrten sie einen regen Briefwechsel, der nicht nur diplomatische Fragen betraf. Bonaparte entdeckte im Minister einen Menschen, der in der Lage war, die Groessartigkeit seiner Plaene zu verstehen und zu schaetzen. Waehrend Bonaparte mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Kriegsminister Scherer, ausschliesslich militaerische Fragen eroerterte, teilte er mit Talleyrand seine Gedanken und Plaene bezueglich der franzoesischen und europaeischen Perspektiven. Am 23. August schrieb Bonaparte an Talleyrand:
„Das Direktorium billigt die Besetzung von Korfu, Zante und Kefalonia vollstaendig... Nichts ist wichtiger, als in guten Beziehungen zu Albanien, Griechenland, Mazedonien und den anderen Provinzen des europaeischen Teils der Tuerkei zu stehen, wie ueberhaupt zu allen Laendern des Mittelmeerraums, insbesondere zu Aegypten, das wir zu seiner Zeit sehr brauchen werden...“
Im naechsten Brief vom 13. September 1797 vertiefte Bonaparte den Gedanken an die Wichtigkeit der Eroberung der Ionischen Inseln fuer die weitere Ausbreitung der franzoesischen Macht in der Mittelmeerregion und beruehrte die Notwendigkeit der Eroberung von Malta:
„Warum nehmen wir Malta nicht ein? Admiral Brueys koennte dort (auf dem Rueckweg nach Frankreich) vor Anker gehen und die Insel besetzen. Die einzigen Verteidiger der Stadt La Valette sind 400 Ritter und ein Regiment von nicht mehr als 500 Mann. Die Einheimischen werden froh ueber uns sein. Sie sterben vor Hunger und haben diese Ritter satt. Aus bestimmten Gruenden habe ich deren Besitztuemer in Italien bereits beschlagnahmt. Mit der Insel San Pietro, die uns der Koenig von Sardinien abgetreten hat, mit Malta, Korfu und den anderen Inseln werden wir die Herren des Mittelmeers sein.
Sollte es dazu kommen, dass wir gezwungen sind, Frieden mit England zu schliessen, bei dem wir ihnen das Kap der Guten Hoffnung ueberlassen, waeren wir schlichtweg verpflichtet, Aegypten zu erobern. Dieses Land hat nie einer der europaeischen Maechte gehoert. Nur Venedig besitzt dort eine gewisse Vorrangstellung... Man koennte von hier aus mit einer Armee von 25.000 Mann aufbrechen, begleitet von acht bis zehn Linienschiffen oder venezianischen Fregatten, und dieses Land unterwerfen. Aegypten war nie wirklich unter der Macht des Sultans. Ich waere Ihnen dankbar, Buerger Minister, wenn Sie in Paris Nachforschungen anstellen wuerden, welche Reaktion unsere Invasion in Aegypten bei der Pforte ausloesen koennte?...“
In seinem Antwortbrief vom 23. September schrieb Talleyrand an Bonaparte:
„...Das Direktorium billigt Ihre Absichten bezueglich Malta vollstaendig. Seit der Orden den Oesterreicher Hompesch zum Grossmeister gewaehlt hat, vermutet das Direktorium, dass Oesterreich beabsichtigt, die Insel zu besetzen. Dadurch wuerde es zur Seemacht werden... Es liegt in unserem Interesse, jedem Versuch Oesterreichs vorzubeugen, seine Macht auf See auszudehnen, und das Direktorium wuenscht, dass Sie die notwendigen Massnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass Malta unter oesterreichische Herrschaft faellt. Was Aegypten betrifft: Ihre Ideen zu diesem Land sind grossartig und zeitgemaess. Ueber diesen Gegenstand werde ich Ihnen noch separat schreiben. Heute beschraenke ich mich darauf, Ihnen mitzuteilen, dass eine Eroberung (Aegyptens) nur im Interesse der Pforte waere und dass dies die russischen und englischen Raenkespiele durchkreuzen wuerde, die immer wieder um dieses unglueckliche Land angezettelt werden. Ein solcher Dienst wuerde die Tuerkei leicht dazu bewegen, uns Vorrangstellungen und die notwendigen Handelsvorteile zu gewaehren. Als Kolonie koennte Aegypten bald die Erzeugnisse der Antillen ersetzen und uns die Bedingungen fuer den Handel mit Indien schaffen.“
Die von Bonaparte unternommenen Schritte zur Schaffung eines franzoesischen Stuetzpunktes im Ionischen Meer und die maltesischen Bestrebungen des Generals erzeugten in Talleyrands Bewusstsein die Illusion, dass die Ost-Kampagne eine beschlossene Sache sei – ebenso wie die Teilnahme Bonapartes daran. Er glaubte, man muesse den General nur ein wenig lenken, ihm ein wenig hinter den Kulissen helfen, und er wuerde den Krieg in Aegypten selbst in die Realitaet umsetzen. Doch der Minister hatte sich ein wenig verkalkuliert. Mehrere Oktoberbriefe von Josefine veranlassten den General, seine Position radikal zu aendern. Bonaparte orientierte sich an Barras. Wenn Barras England unterwerfen wollte, dann musste auch Bonaparte dies wollen.
Eher aus einer gewissen Traegheit heraus befahl Bonaparte Mitte November, kurz vor seiner Abreise nach Paris, dem ersten Sekretaer der franzoesischen Gesandtschaft in Genua, Poussielgue, nach Malta zu reisen, um die Lage vor Ort zu studieren.
Damit die Informationen vollstaendig und umfassend waeren, beschloss der Sekretaer Poussielgue, nicht nur Malta zu besuchen, sondern eine Generalinspektion der Ionischen Inseln durchzufuehren. Da sich wenige Tage spaeter die Frage der Landung auf den Britischen Inseln endgueltig entschied und die oestliche Richtung ihre Aktualitaet verlor, hob Bonaparte den Befehl auf – doch Poussielgue war bereits zur Ausfuehrung des Auftrags in See gestochen. Er besuchte Malta und inspizierte etwa drei Wochen lang die juengsten territorialen Erwerbungen Frankreichs. Poussielgue machte eine Reihe von aeusserst nuetzlichen und wertvollen Beobachtungen, die bei der spaeteren Eroberung von Malta sehr dienlich waren.


Am 5. Dezember kehrte General Bonaparte nach Paris zurueck. Die Hauptstadt empfing ihn wie einen Nationalhelden. Der Sieger von Oesterreich, der Eroberer Italiens, der Herr von Mailand und Ancona, der geniale Feldherr, der dem Vaterland nicht nur Frieden, sondern auch Kriegsbeute brachte – das war nur ein kleiner Teil der begeisterten Epitheta, die in den franzoesischen Zeitungen prangten.
Am Abend des Tages seiner Ankunft besuchte Paul Barras den General. Der machtvolle Direktor wunderte sich mehr als andere ueber den ohrenbetaeubenden Ruhm seines Proteges. Als Bonaparte nach Italien aufbrach, war er ein vollkommen unbekannter General, einer von vielen, doch er kehrte als wahrer Held zurueck. Mit einem kurzen, inoffiziellen Besuch beeilte sich Barras, dem nationalen Symbol seinen Respekt zu bezeugen und gleichzeitig in einem persoenlichen Gespraech zu klaeren, ob der General weiterhin „sein Mann“ geblieben war. Ruhm verdirbt die Menschen – das wusste der Direktor aus eigener, reicher Erfahrung. Das Gespraech hatte einen freundschaftlichen Charakter, beide Seiten zeigten sich zufrieden.
Am Morgen des naechsten Tages sandte Bonaparte einen Ordonnanzoffizier zum Buerger Minister des Aeusseren mit der Bitte um eine Audienz. Der General hatte bisher nicht das Vergnuegen gehabt, mit Talleyrand persoenlich bekannt zu sein. Vor Talleyrands Emigration hatten sie sich in voellig unterschiedlichen Gewichtsklassen befunden. Talleyrand stand in der ersten Reihe derer, die das Schicksal der Nation bestimmten, waehrend der junge Leutnant Buonaparte in der gesichtslosen Menge der Nation unterging. Der General brannte darauf, den Mann bald zu sehen, der so geschickt – angesichts seiner bei weitem nicht makellosen Vergangenheit – eines der wichtigsten Ministerportefeuilles erhalten hatte. Auch Talleyrand war ungeduldig, einen Blick auf den General zu werfen, der die Biegsamkeit des Rueckgrats eines hoefischen Schmeichlers und den eisernen Willen eines professionellen Moerders grosser Menschenmassen besass. Umgehend antwortete der Minister: Er schaetze es als Ehre, den Sieger Italiens persoenlich kennenzulernen, und sei bereit, den Helden-General zu jeder ihm passenden Zeit zu empfangen. Genau morgen Abend, so schrieb Talleyrand, finde bei ihm eine kleine Soiree statt. Dort waere es, falls der General nichts einzuwenden habe, passend, die interessierenden Fragen zu besprechen.
Am Abend des 7. Dezember betrat Bonaparte das Haus von Talleyrand in der Rue du Bac. Hier fand die erste Begegnung dieser zwei aussergewoehnlichen Persoenlichkeiten statt, die in Charakter und Temperament, in ihren Lebenszielen und den Mitteln zu deren Umsetzung, in Manieren, Erziehung und Herkunft vollkommen verschieden waren. Hier, in der Rue du Bac, zeichneten sich die Konturen ihres Buendnisses ab, das einen so starken Einfluss auf die europaeische und weltweite Politik ausueben sollte.
Grosse Taten und niedertraechtiger Verrat lagen noch in der Zukunft, verborgen unter dem Schleier der Zeit. In den Salon Talleyrands, in dem sich eine erlesene Gesellschaft versammelt hatte, trat ein kleiner, hagerer, blasser junger Mann mit langen Straehnen pechschwarzen Haares, das frei auf seine Schultern fiel. In den scharfen Zuegen seines Gesichtes verbarg sich Erschoepfung. Stiletto-duenne, fest zu einer Linie gepresste Lippen, ein spitzes, leicht hervorstehendes Kinn und unter schmalen, weich gezeichneten Brauen helle, tief liegende Augen, die halb von den Lidern bedeckt waren. Ein kraftvoller und stolzer, gebieterischer Blick zog an und unterwarf. Es schien, als konzentriere sich die gesamte Kraft dieses Menschen in seinem Blick.
Fuer ein Gespraech unter vier Augen zogen sie sich in das Arbeitszimmer des Hausherrn zurueck.
„Wir betraten mein Arbeitszimmer“, schrieb Talleyrand in seinen Memoiren. „Dieses erste Gespraech war seinerseits voller Vertraulichkeit. Er sprach mit grosser Liebenswuerdigkeit ueber meine Ernennung zum Minister fuer auswaertige Angelegenheiten und betonte, wie froh er sei, dass sich die Gelegenheit ergeben habe, mit einem Menschen von anderem Schlage als die Direktoren in Korrespondenz zu stehen.“
Zwischen ihnen entstand sofort ein Einvernehmen. Erstens: die Revolution. Ohne sie waeren sie einander nie begegnet. Zweitens: Ihre Stellung hatten beide Barras zu verdanken – dem „Koenig der Bestechlichen“, wie ihn der Volksmund nannte. Talleyrand musste dem Direktor fuer den Ministersessel dankbar sein, und Bonaparte schuldete Barras nicht nur seine Position, sondern auch seine Frau. Barras war von Marie Rose muede geworden. Er uebergab sie Bonaparte und sorgte dafuer, dass der General sie heiratete. Die Hochzeit fand am 9. Maerz 1796 statt. Kurz vor diesem Ereignis, am 3. Maerz, erhielt Bonaparte vom Liebhaber seiner Braut den Posten des Oberbefehlshabers der Italienarmee. Ein beachtliches Geschenk im Handarbeitskoerbchen einer ehemaligen Maetresse. Und vor allem einte die Gespraechspartner: Beide fanden, dass Frankreich ein besseres Los verdient habe als das Direktorium. Freilich verstand jeder das „bessere Los Frankreichs“ auf seine eigene Weise.
Bereits bei diesem ersten Treffen versuchte Talleyrand, das Interesse des Generals an kolonialen Eroberungen wiederzubeleben. Er ueberzeugte ihn nach Kraeften, dass der Orient nicht an Aktualitaet verloren habe und dass sich die Regierung in naher Zukunft unbedingt dem Indien-Projekt zuwenden werde. Doch Bonaparte verhielt sich zurueckhaltend und vorsichtig. Das Gebot der Stunde war England, und Bonaparte war fest entschlossen, diesem Gebot der Stunde zu folgen. Insgesamt rechtfertigte Bonaparte beim persoenlichen Kennenlernen sowohl die Erwartungen als auch die Befuerchtungen Talleyrands. Der Minister sah in ihm einen potenziellen Konkurrenten im bevorstehenden Kampf um die Macht.
In diesem Fragment wollen wir von der hohen Politik abschweifen: Nur ein einziger Umstand truebte ihr erstes Treffen. Bonaparte begruesste Madame de Stael, die sich unter den Gaesten befand und mit dem Minister befreundet war, nur kurz, wandte ihr dann den Ruecken zu und sprach absichtlich lange mit anderen Gaesten. Germaine de Stael besass zwei grosse Vorzuege: Grosszuegigkeit und einen Vater, den steinreichen schweizer Bankier Necker, den Finanzminister des letzten Koenigs. Zudem besass sie zwei Vorzuege von geringerem Kaliber: gewisse literarische Faehigkeiten und eine Neigung zur Philosophie. Letzteres wurde freilich von vielen nicht als Vorzug betrachtet. Germaine war durch die demonstrative Grobheit von General Bonaparte tief gekraenkt. Sie hatte Plaene geschmiedet, wie sie „unseren“ General in ihre Netze locken koennte, und nun eine solche Ungezogenheit seinerseits! Doch die unbeherrschte Germaine war selbst daran schuld. Sie konnte ihre scharfe Zunge nicht im Zaum halten und hatte bei den Empfaengen in ihrem Salon – sie fuehrte einen Salon, der vielleicht der beste in Paris war – mehr als einmal wenig schmeichelhafte Bemerkungen ueber Josefine fallen lassen:
„So wie Josefine denkt und spricht“, bemerkte Germaine wie beilaeufig, „sollte sie nicht die Frau eines Helden, sondern eine Hausfrau sein. Worueber koennen sie wohl miteinander sprechen? Sie spricht ueber Kleider, er hingegen nur ueber Schlachten.“
Durch seine gekraenkte Frau (und wer waere in einer solchen Situation nicht gekraenkt) erfuhr Bonaparte von dieser und aehnlichen Aeusserungen Germaines. Durch ihre unbeherrschte Zunge hatte sich Madame de Stael versehentlich einen maechtigen Feind geschaffen. An diesem Tag begann der lange Krieg zwischen Napoleon und Madame de Stael, der in seiner Unversoehnlichkeit und Kompromisslosigkeit erstaunlich war. Etwa sieben Jahre spaeter versoehnten sich die Frauen; sie wurden sogar beste Freundinnen, doch mit Napoleon hoerte der Krieg nicht eine Woche lang auf. Dieser Krieg hinterliess Spuren in der Geschichte in Form von drei Buechern der Schriftstellerin, die einst in Europa unglaubliche Popularitaet genossen.


Nach der Tradition ehrte die Revolutionsregierung den Helden-General so, wie sie zuvor die Generaele Dumouriez und Pichegru geehrt hatte, die sich spaeter als Feinde der Revolution herausstellten. Die Ehrung des Eroberers Italiens verlangte die Tradition, und die einfachen Pariser, die kostenlose Belustigungen liebten, erwarteten sie – Hauptsache, es gab einen Anlass, und ein Anlass war definitiv vorhanden. Man kann nicht sagen, dass die Direktoren dies mit leichtem Herzen taten. Einige der Buerger Direktoren fuerchteten den ohnehin „uebermaessig aufgeblaehten“ Ruhm Bonapartes. Doch der Umstand, dass sie nur dank seiner Siege und der enormen Kriegsbeute, die den finanziellen Zusammenbruch der Republik verhindert hatte, immer noch in ihren Sesseln sassen, sowie Barras, der die Direktoren an diesen Umstand erinnerte, liessen den Fuenferrat den Sieger-General nicht „vergessen“. Das einfache Volk erwartete Spektakel, einen Triumphzug zu Ehren des Helden und Feuerwerke; es wartete auf die Moeglichkeit, auf Staatskosten zu feiern, waehrend das Direktorium zwischen der Notwendigkeit, die Erwartungen der Pariser Waehler zu erfuellen, und der Angst vor Bonapartes wachsender Popularitaet hin- und hergerissen war.
Barras beauftragte Talleyrand mit der Organisation eines offiziellen, feierlichen Empfangs zu Ehren des Siegers. Der Minister erhielt die Gelegenheit, erneut sein organisatorisches Talent unter Beweis zu stellen. Im Luxemburger Palast fand in Anwesenheit von drei Direktoren die Ehrung Bonapartes statt. Die Buerger bekamen, was sie wollten. Ununterbrochen droehnte der Artilleriesalut, es war festlich, froehlich und beunruhigend zugleich durch die Rufe: „Vivat Bonaparte! Vivat die Republik!“
Talleyrand erschien die offizielle Ehrung als unzureichend. Mit der Begruendung, dass im Luxemburger Palast lediglich eine langweilige Zeremonie stattgefunden habe, aber kein Fest zu Ehren Bonapartes, das dieser zweifellos verdient habe, organisierte Talleyrand auf eigene Kosten inoffizielle Feierlichkeiten. Um die Direktoren nicht durch ein weiteres Zeugnis seiner Annaeherung zu reizen, erfand der Minister ein Fest zu Ehren der Rueckkehr Josefines nach Paris und gewann so fuer viele Jahre ihr volles Vertrauen und ihre Freundschaft.
Am 3. Januar versammelte sich in der Rue du Bac ganz Paris – sowohl das offizielle als auch das inoffizielle, aber einflussreiche Paris. An diesem Abend tanzte Paris zum ersten Mal seit dem Sturm auf die Bastille. Musik erdroehnte, Lakaien reichten majestatisch Champagner, und die Damen glaenzten in ihren Kleidern, die waehrend der Revolution verblasst waren. Mein Gott, konnten sie ahnen, die sie spoettisch und mit verborgener Hochmut der Koenigin des Balls gratulierten, dass sie in nur wenigen Jahren tatsaechlich mehr als eine Koenigin sein wuerde! Waehrend die nach Tanz hungernden jungen Leute Mazurkas tanzten und sich im Walzertakt drehten, arbeitete der Minister zum Wohle Frankreichs. Durch geschickte Manoever erreichte Talleyrand, dass Bonaparte mit dem Botschafter der Tuerkei, Isseid Ali, allein blieb. Sanft, aber entschlossen hielt der Minister alle fern, die ihre bedeutungsvolle und geheimnisvolle Einsamkeit haetten stoeren koennen. So fand unter der aufmerksamen Aufsicht Talleyrands ein freundschaftliches Gespraech zwischen dem Botschafter und dem General statt. Eigentlich nur wegen dieses „unbeabsichtigten“ Treffens hatte der Minister diesen kostspieligen Empfang inszeniert; er tat alles, und sogar mehr, damit das verlorene Interesse des Generals am Orient zurueckkehrte.
Anscheinend um den entscheidenden Erfolg des Balls auszugleichen, ereignete sich dort ein Vorfall, der durch seine Unannehmlichkeit die allgemeine Aufmerksamkeit fesselte. Die unruhige Madame de Stael beschloss, dass sie hier ihre Chance finden wuerde, „den Eroberer zu erobern“. Wie ein Habicht kreiste sie in gewisser Entfernung um Bonaparte und den exotischen Tuerken, wagte es jedoch nicht naeherzukommen, da sie auf den strengen Blick des Ministers stiess. Doch sobald das Treffen beendet war (Bonaparte und der Botschafter kamen aus ihrem Versteck hervor, Talleyrand gesellte sich zu ihnen und alle drei lachten ueber etwas – kurzum, Germaine entschied, dass das Treffen vorbei sei), griff sie Bonaparte mit all ihrer charakteristischen Entschlossenheit an. Sie versuchte, mit einer einzigen Attacke die „unangenehmen Missverstaendnisse“ ihrer ersten Begegnung auszugleichen, schadete sich jedoch nur selbst.
Der exotische Tuerke glaubte nach orientalischer Gewohnheit immer noch, trotz seines langen Aufenthalts im aufgeklaerten Europa, dass der beste Platz fuer eine Frau der Harem sei. Die Energie und Heissbluetigkeit Germaines riefen bei ihm ein herablassend-verachtliches Laecheln hervor. Bonaparte bemerkte dieses fluechtige Grinsen, und es gefiel ihm ganz und gar nicht. Nicht, dass er auch nur im Geringsten die orientalischen Ansichten ueber den Platz der Frau im oeffentlichen Leben teilte, aber dieses Grinsen... und das legte sich ueber den Klatsch, ueber die unangenehmen Eindruecke des ersten Treffens... Seine Laune verschlechterte sich, er wurde Madame de Stael gegen;ber offen grob, und viele Gaeste wurden Zeugen davon. Kurz darauf reiste Bonaparte ab und nahm Josefine mit sich.


Die gesellschaftlichen Intrigen und Soireen sowie die Ermahnungen Talleyrands bezueglich Indien und Aegypten beschaeftigten Bonaparte nur wenig. Seine Hauptsorge in dieser Zeit war die Organisation der englischen Expedition. Nach seiner Ankunft in Paris widmete er sich aktiv dieser Angelegenheit und legte dem Direktorium am 14. Dezember einen vorlaeufigen Plan vor, der aus acht Punkten bestand:
1. Das Geschwader von Vizeadmiral Brueys (5 franzoesische und 6 venezianische Linienschiffe, 2 franzoesische und 3 venezianische Fregatten sowie 3 kleinere Schiffe) soll so schnell wie moeglich von Korfu auslaufen und Kurs auf Brest nehmen.

2. Dasselbe galt fuer die fuenf franzoesischen Linienschiffe, die in Toulon liegen.

3. Das Marineministerium muss die Ausruestung der in Brest befindlichen 34 Linienschiffe maximal beschleunigen. Die Bewaffnung der Schiffe und die Vervollstaendigung der Mannschaften muessen bis Mitte Maerz abgeschlossen sein.

4 und 5. Es wurde die Beteiligung der Flotten der mit Frankreich verbuendeten Maechte – Spanien und Holland – vorgesehen.

6. Zur Neutralisierung von Portugal war die Entsendung eines Truppenkontingents ueber Spanien geplant. (Frankreich hatte bereits im August 1797 einen Friedensvertrag mit Portugal unterzeichnet, den beide Kammern des franzoesischen Parlaments zum Zeitpunkt der Erstellung des Invasionsplans bereits ratifiziert hatten; die portugiesische Dynastie blockierte jedoch faktisch dessen Ausfuehrung. Unter Verletzung des Abkommens wurden die Seehaefen des Landes weiterhin als Stuetzpunkte der englischen Kriegsflotte genutzt).

7und 8. Fragen der Finanzierung. Zur Finanzierung der Kampagne sah der Plan die Ausgabe neuer Banknoten zu 1.000 Franken vor. (Die Regierung hoffte, auf diese Weise zusaetzlich 80 Millionen Franken zu erhalten). Die fehlenden Mittel gedachte Bonaparte in der Schweiz und in Rom zu beschaffen.

Fuer die Landung auf den Britischen Inseln sah Bonaparte eine Armee aus fuenf Divisionen mit einer Staerke von 42.000 Infanteristen und 4.600 Kavalleristen vor.


Bonaparte bereitete die Operation sorgfaeltig vor. Er war sich bewusst, dass der Erfolg der Italienkampagne massgeblich den akribisch erstellten Karten zu verdanken war, die Bonaparte selbst vorbereitet hatte, als er 1795 Leiter der Abteilung fuer Kartographie im Kriegsministerium war. Daher entsandte der Oberbefehlshaber ein Ingenieurteam an die Kueste, damit es die unzureichend detaillierten Gelaendekarten praezisiere und vervollstaendige. In die geplanten Landungsgebiete in England schickte er Geheimagenten. Es ist bekannt, dass Bonaparte Auguste Marmont, den spaeteren Marschall und waehrend des Italienfeldzugs sein Adjutant, mit einer Spionagemission nach London beauftragen wollte. Marmont lehnte ab. Der Oberbefehlshaber bestand nicht darauf.
Am 9. Februar 1798 reiste Bonaparte zur Inspektion an die Kueste. Er wurde von General Lannes, einem Adjutanten, einem Sekretaer und einem Kurier begleitet. Ueberall stellte er sich unter dem Namen seines Sekretaers vor. Bonaparte versetzte die Beamten und Hafenangestellten durch seine Sachkenntnis in Fragen, die ein einfacher Offizier eigentlich nicht wissen sollte, in Erstaunen. Mehr als zwei Wochen lang reiste Bonaparte mit seinem kleinen Team durch die Nordhaefen des Landes.
Waehrend Bonaparte inkognito an der Kueste unterwegs war und in jedes Hafenloch und jeden Winkel blickte, beschaeftigte sich Talleyrand mit den globalen Fragen des Erwerbs neuer Kolonien durch Frankreich. In seinen Haenden hielt er die Faeden, die in die Tuerkei, nach Aegypten und weiter nach Indien fuehrten. Seine Intrige trat in die entscheidende Phase. Am 14. Februar legte der Minister dem Direktorium seinen Plan zur Eroberung Aegyptens vor. Moegliche Schwierigkeiten retuschierte der Minister leicht, waehrend er die Vorteile bis zur Offensichtlichkeit hervorhob. Er begruendete die Durchfuehrbarkeit des Unternehmens so gut, dass die Direktoren einstimmig die „Wuenschenswertheit einer Kolonialexpedition“ bestaetigten – jedoch fuer die Zukunft, nach Abschluss der Operation zur Eroberung Englands, als deren natuerliche und logische Fortsetzung. Mehr erhoffte sich der Minister nicht. Endlich wurden seine halbjaehrigen Bemuehungen dadurch gekroent, dass Aegypten auf offizieller Ebene Erwaehnung fand.
Unterdessen kehrte Bonaparte nach Paris zurueck. Am Abend des Tages seiner Ankunft traf sich der Oberbefehlshaber der England-Armee mit General Desaix zu einem ausfuehrlichen Gespraech. Tags zuvor war General Desaix von den fuer die Landung vorgesehenen Truppen nach Paris zurueckgekehrt. Am Morgen des naechsten Tages besuchte Bonaparte, bevor er der Regierung Bericht erstattete, Talleyrand in seinem Haus in der Rue du Bac. Nach der Inspektion der Nordhaefen und nach dem Gespraech mit Desaix war der General bei weitem nicht mehr so kategorisch gegen die Ost-Kampagne eingestellt wie noch zwei Wochen zuvor. Zwei Stunden lang versuchte Talleyrand Bonaparte zu verlocken und... er verfuehrte ihn.


Seine Ueberlegungen zu den Ergebnissen der Inspektion legte Bonaparte in einer Denkschrift nieder. Sie bestand aus zwei Teilen. Im ersten Teil analysiert er die aktuelle Lage:
„Wie wir bereits vermuteten, ist eine maritime Ueberlegenheit fuer uns erst in vielen Jahren erreichbar. Eine Landung in England ist das kuehnste und schwierigste Unternehmen, das man sich vorstellen kann. Wenn es ueberhaupt moeglich ist, dann nur durch einen ueberraschenden Angriff. Selbst wenn es gelingt, den Schiffen zu entkommen, die Brest und Texel blockieren, muessen wir versuchen, nachts auf kleinen Fahrzeugen nach einer sieben- bis achtstuendigen Ueberfahrt bestimmte Punkte in den Provinzen Kent oder Sussex zu erreichen. Zur Durchfuehrung dieses Plans sind lange Winternaechte erforderlich. Im April scheint es nicht mehr moeglich, irgendetwas zu unternehmen.
Jedes Vorhaben, das auf der Entscheidung basiert, diesen Weg im Sommer auf Schluppen bei zufaellig ruhiger See zurueckzulegen, ist undurchfuehrbar, da waehrend der Ausschiffung und insbesondere waehrend der Seeueberfahrt unueberwindbare Hindernisse entstehen werden.
Unsere Seestreitkraefte sind heute ebenso schlecht auf die Fuehrung von Kampfhandlungen vorbereitet wie vor vier Monaten, zur Zeit der Aufstellung der England-Armee. In Brest befinden sich lediglich 10 ausgeruestete Linienschiffe. Doch selbst diese sind noch nicht mit Mannschaften besetzt, und ihre Seetuechtigkeit laesst weit zu wuenschen uebrig. Mit nur wenigen Schiffen sind wir von England eingesperrt...
Davon ausgehend scheint mir, dass ein Landkrieg in England erst im naechsten Jahr moeglich sein wird. Es ist denkbar, dass der guenstige Moment fuer die Durchfuehrung dieses Unternehmens fuer immer verloren ist.“
Im zweiten Teil der Denkschrift eroertert Bonaparte die Perspektiven:
„Wenn es unmoeglich ist, das notwendige Ergebnis angesichts des Zustandes unserer Seestreitkraefte zu gewaehrleisten, muessen wir tatsaechlich von jedem Unternehmen gegen England absehen. Wir koennen lediglich den Anschein (einer Landungsvorbereitung) wahren, waehrend wir unsere Aufmerksamkeit und unsere Kraefte auf den Rhein konzentrieren und England Hamburg und Hannover entziehen. Vermutlich ist fuer das Erreichen beider Ziele keine grosse Armee erforderlich. Oder man koennte eine Kampagne in die Levante unternehmen. Diese Kampagne koennte den englischen Handel mit Indien bedrohen.
Falls jedoch keines dieser drei Unternehmen moeglich ist, sehe ich keinen anderen Weg, als Frieden mit England zu schliessen. In diesem Fall koennten wir den groessten Nutzen aus unseren (diplomatischen) Beziehungen in Rastatt ziehen. Wenn der Friede mit England waehrend des Kongresses erfolgt, werden wir in der Lage sein, vom Deutschen Reich viel mehr zu fordern.“
Am Abend des 26. Februar wurde Bonapartes analytische Denkschrift in einer Regierungssitzung diskutiert. Die Direktoren beschlossen: Erstens, die Eroberung Britanniens auf den Germinal des Jahres VII der Republik (Maerz-April 1799) zu verschieben. Zweitens, bis zum Germinal des Jahres VII ueber Aegypten und Syrien Indien zu unterwerfen und dort gemeinsam mit den Marathen-Fuersten gegen die Briten vorzugehen. Die Verantwortung fuer die Durchfuehrung der Operationen uebertrug das Direktorium General Bonaparte. Dem Aussenminister trug die Regierung auf, ein militaerisches und politisches Buendnis mit der Tuerkei sicherzustellen.
Danach ging alles sehr schnell. Eine Woche spaeter, in der Sitzung vom 5. Maerz 1798, traf das Direktorium die endgueltige Entscheidung ueber die aegyptische Expedition. In dieser Sitzung schuf die Regierung ein Komitee, dessen Aufgabe die umfassende Vorbereitung der Expedition war. An die Spitze des Komitees stellte die Regierung Konteradmiral Blanquet du Chayla. Ebenfalls am 5. Maerz legte Bonaparte dem Direktorium eine Liste der vorbereitenden Massnahmen fuer die Expedition vor. Einen Monat spaeter, am 12. April, verabschiedete das Direktorium den Beschluss ueber die Bildung der Orient-Armee und konkretisierte die Ziele der Kampagne. Die Beschluesse enthielten nicht nur den Befehl, Aegypten einzunehmen und die Englaender in ihren arabischen Besitzungen zu verfolgen, sondern dem Oberbefehlshaber wurde auch die Pflicht auferlegt, die einheimische Bevoelkerung Aegyptens von der Tyrannei der Beys zu „befreien“. Dabei wurde im Rahmen des Befreiungskonzepts angeordnet, die Handlungen der Armee mit der aegyptischen Administration der Pforte abzustimmen. Und schliesslich verpflichtete die Regierung den Oberbefehlshaber in der letzten Direktive, Malta einzunehmen.
Spaeter unternahm Talleyrand den Versuch, sich von der Urheberschaft des Aegyptenfeldzugs zu distanzieren. In seinen Memoiren schreibt er:
„Nachdem Napoleon den Frieden mit Oesterreich unterzeichnet hatte... kam er nach Paris, um dem Direktorium die Eroberung Aegyptens vorzuschlagen.“


Zum Abschluss noch einige Worte zur Entstehung der Idee einer Eroberung Aegyptens und eines Feldzugs nach Indien. Es existiert eine Legende, wonach Bonaparte in Antwerpen waehrend der Hafeninspektion ein altes Dokument mit dem Titel „Consilium Aegyptiacum“ gezeigt wurde. Dieses wurde 1672 von dem deutschen Mathematiker und Philosophen Leibniz im Auftrag von Ludwig XIV. erstellt. Dieses kuriose Dokument widmete sich der Moeglichkeit einer Eroberung Aegyptens und eines von dort ausgehenden Feldzugs nach Indien, mit dem Ziel, die dortige hollaendische Vorherrschaft zu untergraben. Weiter behauptet die Legende, Bonaparte habe sich Leibniz’ Ideen zu eigen gemacht. In Wirklichkeit war die Denkschrift von Leibniz zu Beginn der aegyptischen Expedition bereits vergessen – so wie ein Mensch die meisten kleinen Ereignisse seines Lebens vergisst. Im Jahr 1803 entdeckte ein Student sie zufaellig in einer oertlichen Bibliothek. Anscheinend zog ihn die fast vollstaendige Uebereinstimmung von Leibniz’ Plan mit den Ereignissen in Aegypten an. Die Denkschrift wurde dem Kommandeur der Besatzungstruppen, General Mortier, uebergeben, und dieser sandte sie an den Ersten Konsul nach Paris. Heute wird das Dokument in der Bibliothek des Nationalinstituts aufbewahrt.



3



Die Orient-Expedition war beschlossene Sache. Neue Horizonte eroeffneten sich dem ehrgeizigen Blick Bonapartes. Er stuerzte sich kopfueber in die Arbeit. Selbst in Italien hatte er nicht so viel gearbeitet und nicht solchen Enthusiasmus gezeigt wie in den Tagen der Vorbereitung des Kolonialfeldzugs. Mit groesster Sorgfalt waehlte der Oberbefehlshaber das Offizierskorps aus, von dem letztlich der Ausgang des Unternehmens abhing. In dieser Frage verliess sich die Regierung vollstaendig auf das Gespuer des Kommandanten, verpflichtete ihn jedoch, die Kandidaten fuer die Divisionskomaendeure abzustimmen. Die meisten von Bonaparte ausgewaehlten Generaele kannte er persoenlich; viele hatten unter seinem Befehl in Italien gekaempft. Nur zwei neue Maenner erschienen in seinem Team – die Generaele Desaix und Kleber, doch auch diese hatte Bonaparte bereits gut kennengelernt. Den ersten traf er bei der Vorbereitung des Invasionsplans fuer die Britischen Inseln, den zweiten waehrend der Inspektion der Kueste.
Die Basis der Expeditionsarmee bildeten zwei Infanteriedivisionen, die in Toulon stationiert waren. Als Kommandeure dieser Divisionen ernannte Bonaparte die Generaele Berthier und Kleber. Anfang April wurden per Beschluss des Direktoriums auch die in Marseille und auf Korsika stehenden Divisionen in die Orient-Armee eingegliedert. Zum Kommandeur der Division von Marseille wurde General Reynier ernannt, waehrend Bonaparte das Kommando ueber die korsische Division General Menou uebertrug. Reynier traf am 22. April in Marseille ein, und bereits Anfang Mai war seine Division bereit fuer die Einschiffung nach Toulon. Wegen des schlechten Wetters (es stuermte fast den gesamten Mai ueber) konnten die Transportschiffe erst am 11. Mai die kurze Ueberfahrt von Marseille nach Toulon antreten. Nicht so reibungslos verliefen die Dinge bei der korsischen Division. Aufgrund der schwierigen politischen Lage auf der Insel schritt die Vorbereitung der Truppenteile unzulaessig langsam voran. Nach einer Reihe von Umbesetzungen uebernahm General Bon das Kommando der Division. Mit seiner Ernennung besserte sich die Lage etwas. Am 9. Mai erhielt Bon den Befehl, die Anker zu lichten und an einem bestimmten Punkt an der Nordkueste von Sardinien einzutreffen. Dem Plan zufolge sollte er sich dort der Hauptflotte anschliessen.
Die Einheiten der letzten, fuenften Division waren in Civitavecchia stationiert – einem Hafen nordwestlich von Rom. Da der Standort der Division sehr weit von Paris entfernt war und es Bonaparte daher schwerfiel, die Vorbereitung unmittelbar zu leiten, bestaetigte das Direktorium auf Empfehlung des Oberbefehlshabers General Desaix als deren Kommandeur – einen Offizier, der initiativ, selbstaendig und entschlossen war. Diese Division sollte sich, ebenso wie die Division von Bon, der Hauptflotte auf ihrem Weg nach Malta anschliessen.


In den suedlichen Haefen Frankreichs, besonders in Toulon, herrschte eine aussergewoehnlich hohe Aktivitaet des Militaers. Toulon wurde zum Hauptsammelpunkt fuer die Flotte und die Landeinheiten. In der Stadt trafen Truppenteile, Schiffe und Ladungen ein. In der zweiten Maerzhaelfte kamen zahlreiche Transportschiffe im Hafen von Toulon an, und am 2. April warf das Geschwader des vizeadmirals Brueys Anker, der durch die juengste Eroberung der Ionischen Inseln beruehmt geworden war. Etwas war im Gange, doch was genau, wusste niemand sicher. In den Hafentavernen wimmelte es von Geruechten, eines extravaganter als das andere. Die Seeleute deuteten vage und bedeutungsschwer einen Auslandsfeldzug an, sei es zu den Ufern der Tuerkei oder zum Schwarzen Meer; auf dem gesamten Unternehmen lag das Siegel der Geheimhaltung.
Die Regierung und der Oberbefehlshaber der Orient-Armee betrachteten es als wichtigste Aufgabe, die Ziele der Kampagne geheim zu halten, da die Vorteile eines ueberraschenden Angriffs nicht hoch genug einzuschaetzen sind. Der Kreis der Personen, die alle Details kannten, war sehr eng. Ausser Bonaparte selbst, Talleyrand und den fuenf Direktoren wussten absolut sicher nicht mehr als zehn Personen ueber die Ziele des Feldzugs Bescheid; weitere etwa 100 Personen konnten aufgrund ihrer Einbindung in die Vorbereitungen etwas ahnen. Marmont schrieb in seinen Memoiren, dass selbst der Kriegsminister nicht zum Kreis der Eingeweihten gehoerte. Es wurde jedoch klar, dass es trotz aller Vorsicht aufgrund des Ausmasses der Vorbereitungen nicht gelingen wuerde, die Operation absolut geheim zu halten. Folglich galt es, den Gegner zu verwirren und ihn auf eine falsche Faehrte zu locken. Um den Feind (in diesem Fall war es England und nicht die Tuerkei, die man anzugreifen gedachte) ueber die wahren Absichten zu taeuschen, befahl die franzoesische Regierung General Bonaparte heimlich, nach Brest zu reisen und dort das Kommando ueber die England-Armee zu uebernehmen, und organisierte eine gezielte Indiskretion dieser Nachricht in der Presse.
Wie die weiteren Ereignisse jedoch zeigten, gelang es nicht, England zu taeuschen. Das Londoner Kabinett verfolgte die Aktivitaeten von Paris aufmerksam. Die fuehrenden Staatsmaenner Englands waren ueberzeugt, dass bald ein franzoesischer Angriff zu erwarten sei – doch wo und wann? Von der richtigen Antwort hing die Sicherheit Englands ab. Den gesamten Fruehling 1798 ueber erhielt die britische Regierung von ihren Geheimagenten Berichte ueber die Vorbereitungen der franzoesischen Flotte und der Landeinheiten – vermutlich fuer eine Landung in Irland. In Bezug auf Irland hatte das Kabinett jedoch grosse Zweifel, da der Gegner fuer eine Landung auf der Insel einen seiner Nordhaefen, wie Brest oder Calais, als Stuetzpunkt gewaehlt haette; dort aber blieb alles still. Ruhig war es auch in den mit Frankreich verbuendeten Niederlanden. Berichten des Geheimdienstes zufolge traf die hollaendische Flotte keine Vorbereitungen, was ein sicheres Indiz dafuer war, dass die Franzosen keine direkte Invasion auf den Inseln planten. Kurz gesagt: Das englische Kabinett sah keine unmittelbare Bedrohung fuer die Sicherheit des Mutterlandes. Wenn es aber nicht das Mutterland war, blieben nur die Kolonien. Die franzoesische Aktivitaet im Sueden bestaetigte die Version der Vorbereitung eines Kolonialfeldzugs, und wenn der Feind Kolonialeroberungen plante, konnte deren Endziel nur Indien sein.
Die Version der Vorbereitung eines Kolonialfeldzugs wurde auch durch indirekte Anzeichen bestaetigt: Bonapartes Befehl, in ganz Frankreich Literatur ueber Aegypten und Syrien zu sammeln, sowie die Suche nach Dolmetschern fuer Arabisch. Diese Anzeichen sprachen deutlich dafuer, dass der Feind, zumindest in der ersten Phase seiner Operation, eine Intervention in einer der Provinzen der Tuerkei plante – Syrien oder Aegypten. Nach der Eroberung von Syrien und Aegypten waeren die Franzosen durchaus in der Lage, einen Feldzug nach Indien durchzufuehren, wo sie bereits der rebellische Sultan Tipu erwartete. Die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung eines solchen Szenarios wuerde stark steigen, wenn es den Franzosen gelaenge, ein Buendnis mit der Tuerkei zu schliessen.
Einen Angriff auf Indien betrachtete das Kabinett als direkte Aggression gegen Grossbritannien. Ohne Indien wuerde das Kolonialsystem, die Grundlage der Macht des Reiches, wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Ohne Indien waere es sinnlos und finanziell unmoeglich geworden, eine riesige Kriegsflotte zu unterhalten. Ohne die staerkste Flotte der Welt, fuer deren staendige Erneuerung und Instandhaltung ein erheblicher Teil der Mittel aus dem Handel mit Kolonialwaren aufgewendet wurde, waeren weitere koloniale Eroberungen undenkbar. Kolonien und Flotte sind durch eine unzertrennliche Kette zusammengeschmiedet; das eine ist ohne das andere unmoeglich. Die Kolonien zu verlieren bedeutete, die Flotte zu verlieren, und die Flotte zu verlieren bedeutete, den Streit mit Frankreich um die weltweite Vorherrschaft zu verlieren.


Die Regierung und die Admiralitaet beschlossen, die Kriegsflotte ins Mittelmeer zu entsenden. Seit zwei Jahren hatten keine englischen Kriegsschiffe mehr die mediterranen Gewaesser durchkreuzt. Dieser Umstand ermoeglichte es den Franzosen, die Ionischen Inseln einzunehmen, was es dem Feind letztlich erlaubte, eine Kolonialexpedition zu planen. Der freiwillige Abzug der koeniglichen Flotte aus dem Mittelmeer war ein Fehler, den es zu korrigieren galt, bevor es zu spaet war. Den Oberbefehl ueber die Flotte vertraute die Admiralitaet Vizeadmiral John Jervis, dem 1. Earl of St. Vincent, an, und fuer die unmittelbare Fuehrung der Kampfhandlungen ernannte der Erste Lord Konteradmiral Nelson. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Nelson bereits als faehiger, ja sogar talentierter Flottenfuehrer bewaehrt. Er hatte sich in der Schlacht gegen die Spanier bei Kap St. Vincent ausgezeichnet, wenngleich sein Einsatz bei Teneriffa opferreich verlaufen war.
So gelang es dem Direktorium trotz aller Geheimhaltungsmassnahmen nicht, die Englaender zu taeuschen. Dafuer gelang es jedoch, die eigene Bevoelkerung in die Irre zu fuehren, die ueber den Sinn der Truppenkonzentration in Toulon Raetsel riet. Am 31. Maerz erschien in der Zeitung „Le Publiciste“ ein Artikel:
„Man versichert, dass General Bon in fuenf oder sechs Tagen an einen unbekannten Ort an unserer Kueste aufbrechen wird. Besonders erstaunlich ist, dass einige Personen berichten, es ko;nnte das Mittelmeer und moeglicherweise sogar Toulon sein. Diese Meldung scheint nicht so unwahrscheinlich, angesichts der Tatsache, dass auch einige Generaele eilen, nach Toulon aufzubrechen, dass in diesem Hafen die Vorbereitungen fuer eine grosse Seekampagne laufen und dass sich dort derzeit 10.000 Mann Landstreitkraefte befinden. Man sagt, sie bereiten sich auf die Einschiffung vor. Wir wissen nicht, was wir von den Geruechten ueber eine Kampagne nach Aegypten halten sollen. Es muesste bereits ein Abkommen mit dem Sultan getroffen worden sein, der sich einiger ungehorsamer Paschas entledigen will, um die Regierbarkeit anderer Teile seines Reiches zu garantieren.“


Die Redaktion hatte wegen dieses unbeabsichtigten Volltreffers erheblichen Aerger. Dieselbe Zeitung schrieb bei der Berichterstattung ueber Bonapartes Abreise nach Toulon, im Widerspruch zu frueheren Vermutungen, ueber eine bevorstehende Landung in England und Irland. Berichte ueber eine Invasion auf den Britischen Inseln erschienen auch in anderen Zeitungen.


Wien und Berlin, St. Petersburg und Konstantinopel raetselten ueber die Absichten der Franzosen, deren Vorbereitung einer See-Expedition offensichtlich war. Genannt wurden Irland, England, Portugal, Malta und sogar Albanien sowie die Krim, die damals nach allgemeiner Auffassung im Machtbereich der Tuerkei lag. Einige Scharfsinnige sprachen vom geheimnisvollen Aegypten.
Als die Vorbereitung der Expedition in vollem Gange war, ereigneten sich in Wien Dinge, die das gesamte Unternehmen beinahe vereitelt haetten. Am 12. April befahl General Bernadotte, der zum franzoesischen Botschafter in Wien ernannt worden war, die Flagge Frankreichs am Balkon der Botschaft auszuspannen. Auf die Bitte der Vertreter der oertlichen Behoerden, das Banner zu entfernen, um Ausschreitungen der Bevolkerung zu vermeiden, antwortete Bernadotte ueberheblich, dass er bereit sei, das Symbol der Franzoesischen Republik mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Wie zu erwarten war, fassten die Wiener den Demarche des Botschafters als Anspielung auf eine bevorstehende Eroberung der Stadt durch die Franzosen auf. Vor dem Botschaftsgebaeude sammelte sich eine riesige Menge, und sofort traten, wie ueblich, Redner auf, die miteinander in beredtem Patriotismus wetteiferten. Die durch die eindringlichen Reden aufgeheizte Menge geriet in Raserei. Steine flogen in die Fenster der Botschaft, dann brachen die Patrioten die Tore auf. Die aktivsten „Revolutionaere“ kletterten auf den Balkon, rissen die franzoesische Flagge herunter und warfen sie hinab, wo das republikanische Symbol mit fanatischem Vergnuegen in Stuecke gerissen und verbrannt wurde. Es bedurfte des eiligen Eingreifens regulaerer oesterreichischer Truppen, um das Gebaeude von den tobenden Mitbuergern zu raeumen.
Bernadotte, damals ein junger Mann mit wenig Verstand fuer Politik, war der Meinung, dass dieser Aufruhr die Groesse Frankreichs beleidigt habe, und war bereit, nicht mehr und nicht weniger als den Befehl zum Beginn von Kampfhandlungen gegen Oesterreich zu geben. Mit anderen Worten: Er war bereit, einen Krieg mit Oesterreich zu beginnen. Durch die Bemuehungen des Kanzlers und des Kaisers Franz auf oesterreichischer Seite sowie Talleyrands auf franzoesischer Seite gelang es, den unzeitgemaessen Konflikt beizulegen.


Am 9. Mai traf Bonaparte in Toulon ein. Am Tag seiner Ankunft hielt er eine Truppenschau ab und hielt vor den Soldaten eine kurze Rede, in der er sie – glaubt man einem Artikel in der Zeitung „Le Moniteur Universel“ – an ihre Heldentaten in Italien erinnerte, die Frankreich Ruhm und jedem Soldaten Gewinn gebracht hatten. Ohne den Ort zu nennen, wohin die Armee segeln wuerde, versprach Bonaparte vor der Front, dass die Kampagne kurz und erfolgreich sein werde und dass jeder Soldat nach der Rueckkehr sechs Acker Land kaufen koenne. Einige Tage spaeter war die Expedition bereit zum Auslaufen.
Die Flotte teilte sich in zwei grosse Teile auf: Etwa 300 Transportschiffe fuer den Transport von Fracht, Landtruppen und Zivilpersonen sowie die eigentliche Begleitflotte, bestehend aus 65 Kriegsschiffen. Die Kriegsflotte wiederum bestand aus 13 Linienschiffen. Das Flaggschiff „L’Orient“ – ein Linienschiff 1. Klasse neuester Bauart mit 120 Kanonen an Bord, 3 Linienschiffe mit je 80 Kanonen und 9 Linienschiffe mit je 74 Kanonen. Hinzu kamen sechs Fregatten: vier mit einer Feuerkraft von je 40 Geschuetzen und zwei Fregatten mit je 36 Kanonen. Eine Korvette mit dreissig Kanonen. Darueber hinaus dienten 2 Linienschiffe (eines mit 70 und das andere mit 64 Kanonen) als Lazarette, und 7 Fregatten (5 mit 36 Kanonen und 2 mit 30 Kanonen an Bord) waren ausschliesslich fuer den Transport von Munition und Proviant vorgesehen. Schliesslich gehoerten 36 kleinere Schiffe zur Kriegsflotte. Alle Kriegsschiffe waren in drei Geschwader unterteilt: Das rechte Geschwader fuehrte eine rote Flagge, das zentrale eine blaue und das linke eine weiss-rote.
Hinsichtlich der Zusammensetzung und der artilleristischen Ausstattung stand die Flotte den furchterregendsten Gegnern in nichts nach, doch ihre Qualitaet liess zu wuenschen uebrig. Viele Schiffe waren veraltet, ihre Seetuechtigkeit unbefriedigend. Die Mannschaften waren unvollstaendig und schlecht ausgebildet. Doch der Hauptfaktor, der die Manoevrierfaehigkeit und Kampfbereitschaft der Flotte minderte, war die extreme Ueberladung der Schiffe. Nominell galt Bonaparte als Befehlshaber sowohl der Landeinheiten als auch der Flotte. Da er jedoch glaubte, wenig von der Seefahrt zu verstehen, gewaehrte er Brueys das Recht, nach eigenem Ermessen zu handeln.
Die Gesamtzahl der Expeditionsteilnehmer belief sich auf etwa 53.000 Personen. Davon entfielen knapp 37.000 auf die Landtruppen, einschliesslich der Gelehrten und der Verwaltung der kuenftigen Kolonien, 13.000 auf die Besatzungen der Kriegsschiffe und 3.000 auf die Matrosen der Transportschiffe. Die Landstreitkraefte der Expedition setzten sich wie folgt zusammen:

Generalstab: 143
Artilleriestab: 67
Stab der Pioniere: 66
Militiaerkommissare: 26
Militiaeraerzte und Chirurgen: 168
Kontrolleure und Buchhalter: 41
Verwaltungsbeamte: 445
Gelehrte, Ingenieure, Schriftsteller, Architekten, Zeichner, Konsulatsbeamte, Dolmetscher, Drucker, zivile Aerzte: 167
Insgesamt: 1.123

Infanterie: 19.669
Leichte Infanterie: 5.403
Pioniere: 480
Kavallerie (groesstenteils ohne Pferde): 2.810
Artillerie- und Genie-Truppen: 3.245
Offizierskorps: 2.270
Insgesamt: 33.877
Gesamtstaerke: ca. 35.000
In der Tabelle fehlen die Truppenteile in einer Staerke von 1.550 Mann, die fuer die Garnison von Malta bestimmt waren.
Am 14. Mai war die Expedition bereit, den Hafen zu verlassen, doch ein heftiger Sturm brach los. Am 17. Mai befahl Bonaparte ungeachtet des Sturms zwei Fregatten, zur Aufklaerung in See zu stechen. Eine von ihnen wurde fern der Kueste von Schiffen einer Aufklaerungseinheit des Geschwaders von Konteradmiral Nelson angegriffen und geentert. Dieser Sturm, der den Beginn der Expedition um fuenf Tage verzoegerte, rettete moeglicherweise die gesamte Kampagne. Die Fortuna selbst stand auf der Seite Bonapartes.


Am 10. April verliess Nelson England. Am 30. April traf er in Cadiz ein. Zwei Tage spaeter, noch vor dem Eintreffen der Hauptstreitkraefte der Flotte, stach Nelson mit vier Fregatten und einer Korvette zur Aufklaerung in See. Nach einem kurzen Aufenthalt in Gibraltar erreichte der Verband die Gewaesser von Toulon. Am 17. Mai gelang es ihm, eine franzoesische Aufklaerungsfregatte zu entern. Von den Gefangenen erfuhr Nelson, dass in Toulon 13 Linienschiffe bereit zum Auslaufen lagen. Das war ein gewaltiges Glueck. Es galt nun lediglich, den Franzosen zu folgen und eine der Fregatten nach Gibraltar zu entsenden, wo Jervis vereinbarungsgemaess mit der Flotte auf Nachrichten von ihm wartete. Danach sollte man den Vorteil der Geschwindigkeit nutzen, den Gegner auf offener See einholen und ihn vernichten.
Doch im Sturm verlor das Flaggschiff des Beobachtungsverbandes seine Masten. Zudem verlor Nelson in diesem Sturm zu allem Unglueck die Korvette und eine Fregatte aus den Augen. Die beiden verbliebenen Fregatten schleppten das Flaggschiff zur Insel San Pietro, die vor der Suedkueste Sardiniens liegt. Lediglich vier Tage benoetigte die Mannschaft zur Wiederherstellung der Seetuechtigkeit des Schiffes. Unter normalen Bedingungen erfordert eine solche Reparatur nicht weniger als zwei Wochen.
Am 27. Mai lief der Verband erneut aus, um wieder Position vor Toulon zu beziehen und sich mit der Fregatte zu vereinigen, die gemaess Nelsons Befehl – der noch vor dem Sturm erteilt worden war – in den Gewaessern von Toulon bleiben sollte, um das Verhalten der franzoesischen Flotte zu beobachten. Jedoch glaubte der Kapitaen dieser Fregatte, dass Nelson zur Behebung der Schaeden nach Gibraltar gegangen sei, und begab sich selbst dorthin. Infolge dieser Unstimmigkeit lief die franzoesische Flotte am 19. Mai unbemerkt von den Englaendern aus Toulon aus und verlor sich auf offener See wie eine Stecknadel im Heuhaufen.


4



In den ersten fuenf Tagen der Reise herrschte wechselhaftes Wetter. Es wehte ein frischer Seitenwind, der die Fahrt der Schiffe etwas erschwerte. Tagsueber breitete sich die Flotte ueber das Meer aus wie ein Tintenfleck, und wenn sich ein schwerfaelliger Transporter zu weit entfernte, wurde er durch blinde Kanonenschuesse zur Rueckkehr gemahnt. Zur Nacht schlossen sich die Schiffe zu einem kompakten Schwarm zusammen.


Brueys lenkte die Flotte nach Osten, Richtung Korsika. Am 23. Mai, nachdem sie die Nordspitze Korsikas umrundet hatte, segelte die Flotte entlang der Ostkueste der Insel. Ein guenstiger Wind fuellte die Segel, weshalb dieser Teil der Strecke recht schnell zurueckgelegt wurde. Am 26. Mai schlossen sich, wie geplant, die Schiffe mit der Division von Bon den Hauptstreitkraeften an. Am 3. Juni befand sich die Flotte unweit der Suedspitze Sardiniens. An diesem Tag erfuhr Bonaparte von den Seeleuten eines vorbeikommenden Handelsschiffes von der Anwesenheit einer feindlichen Kriegsflotte auf dem Meer. Die englischen Seeleute hatten auf San Pietro so laut mit den Haemmern geklopft, waehrend sie die Fregatte reparierten, dass die Fischer sie hoerten und die Wellen diese Nachricht ueber das ganze Meer trugen.
Diese Neuigkeit war eine Nachricht der unangenehmsten Sorte. Das bedeutete, dass es nicht gelungen war, die Englaender zu taeuschen, schlussfolgerte Bonaparte; sie waren klueger, als er vermutet hatte. Eine Begegnung mit der englischen Flotte auf offener See war aeusserst unerwuenscht, um nicht zu sagen – es waere eine Katastrophe gewesen. Die bis obenhin beladenen Schiffe waren im Kampf praktisch manoevrierunfaehig. Bonaparte fragte den Flottenchef, was er tun wuerde, sollte die Flotte auf See auf die Englaender treffen. Der Vizeadmiral antwortete ohne Z;gern: „Das Erste, was ich befehlen werde, ist, die gesamte Ladung ueber Bord zu werfen.“
Brueys vertraute den Kapitaenen nicht sonderlich, und diese konnten sich nicht auf die Mannschaften verlassen, die in grosser Eile zusammengezogen worden waren. Brueys versuchte waehrend der Fahrt, den Seeleuten etwas beizubringen. Die Tage vergingen mit Schiessuebungen und Manoevertraining. Bei den Schiessuebungen offenbarte sich die Unerfahrenheit der franzoesischen Seeleute mit erschreckender Deutlichkeit. Nicht nur, dass Treffer so selten wie Sonnenfinsternisse waren und die Kugeln zuweilen nicht die Ziele, sondern die eigenen Schiffe trafen; auf den schiessenden Schiffen kam es zudem haeufig zu schweren Beschaedigungen, die den Englaendern die Arbeit erleichtert haetten, waere es zu einer Begegnung gekommen.
Die Aufgabe der Landstreitkraefte bei diesen Uebungen war das schnelle Beziehen ihrer Positionen. Bonaparte erliess einen Befehl: Im Falle eines Angriffs der Englaender sollten die Transportschiffe sich nicht auf einen Kampf einlassen, sondern Zuflucht in den Haefen von Verbuendeten oder Neutralen suchen. Nachdem die Flotte Sardinien passiert hatte, drehte sie nach Osten ab, und bald tauchte an Backbord Sizilien auf. Entlang der Suedkueste Siziliens segelte die Flotte in Richtung Malta.


Am 26. Mai liefen die Einheiten der Division von General Desaix auf 53 Transportschiffen unter dem Schutz von acht Kriegsschiffen (2 Fregatten, 2 Brigg und 4 Kanonenboote) aus dem Hafen von Civitavecchia aus und nahmen Kurs auf den im Plan vereinbarten Treffpunkt. Desaix rechnete damit, vor der Kueste Korsikas auf die Hauptflotte zu treffen, doch aufgrund des schlechten Wetters und mangelhafter Segelfuehrung kam sein Geschwader langsamer voran als geplant und verspaetete sich um mehrere Tage. Die Hauptflotte wiederum verspaetete sich aus denselben Gruenden, zuzueglich der fuenftaegigen Verzoegerung beim Auslaufen, noch weitaus mehr. In der Annahme, die Flotte sei bereits vorbeigegangen, befahl Desaix abzudrehen und auf direktem Weg nach Malta zu segeln. Seine Schiffe trafen am 8. Juni vor Malta ein.
Nachdem er vor La Valette Anker geworfen hatte, sandte Desaix einen Offizier zum Grossmeister mit der Bitte, dem Geschwader das Einlaufen in den Hafen zu gestatten, um die Vorraete an Frischwasser zu ergaenzen. Grossmeister Hompesch erlaubte dies unter der Bedingung, dass nicht mehr als vier Schiffe gleichzeitig den Hafen anlaufen duerfen. Eine durchaus vernuenftige Einschraenkung angesichts der geringen Groesse des Hafens. Zwei Monate zuvor war Vizeadmiral Brueys waehrend der Ueberfahrt von Korfu nach Toulon zum gleichen Zweck in La Valette eingelaufen und hatte dieselbe Einschraenkung als voellig normal akzeptiert. Doch die Zeiten hatten sich geaendert, und Hompesch wusste dies zu seinem Unglueck nicht.
Bonaparte, der am folgenden Tag eintraf, nutzte die Antwort des Grossmeisters als Vorwand, um zu erklaeren, dass Malta gegenueber Frankreich eine feindselige Haltung einnehme. Ein mehr als an den Haaren herbeigezogener Vorwand, doch unter den gegebenen Umstaenden, da das Schicksal Maltas bereits in Paris entschieden worden war, taugte er so gut wie jeder andere, denn „grosse Bataillone haben immer recht“. Die Beschuldigung einer feindseligen Haltung des Ordens war umso haltloser, als die meisten Ritter franzoesischer Herkunft waren und Malta stets gute Beziehungen zu Frankreich unterhalten hatte. Die Revolution hatte ihre Beziehungen zwar etwas abgekuehlt, doch das Direktorium hatte oft die Dienste des Johanniterordens in Anspruch genommen.
Auf den drei Inseln des Ordens – Malta, Gozo und der winzigen Insel Comino – lebten etwa 80.000 Menschen, die ausschliesslich Landwirtschaft betrieben. Nach dem Tod von Emmanuel de Rohan wurde Hompesch Grossmeister der Malteserritter. Zum ersten Mal in der Geschichte des Ordens waehlten die Ritter einen Mann deutscher Herkunft auf den hoechsten Posten. Der neue Grossmeister galt als unentschlossen und vorsichtig. Trotz zahlreicher Warnungen vom Festland (sowohl die Oesterreicher warnten ihren Landsmann als auch die Englaender und sogar der russische Kaiser) vor einem moeglichen Angriff der Armee Bonapartes auf die Insel, unternahm Hompesch keinerlei Massnahmen zur Erhoehung der Verteidigungsfaehigkeit der Inseln, indem er auf Gottes Gnade hoffte.
Frueher hatten die Ritter mit begrenzten Kraeften langwierigen Belagerungen standgehalten. Nun war die Lage weitaus guenstiger. In der Festung La Valette befanden sich grosse Mengen an Munition und ein viermonatiger Vorrat an Lebensmitteln. Zudem haette eine langwierige Belagerung bedeuten koennen (was der Grossmeister haette beruecksichtigen muessen), dass dem Orden entweder die Oesterreicher, die Russen oder die Englaender zu Hilfe gekommen waeren. Haette die Festung ein oder zwei Wochen standgehalten, haette Nelson die Franzosen gefunden. Waere Hompesch nur ein wenig mutiger gewesen, haette Bonaparte sich entweder gar nicht erst mit dem Orden angelegt, oder die Vernichtung der franzoesischen Flotte waere einen Monat frueher erfolgt. Doch Hompesch...
Als der Grossmeister sah, welche Streitkraefte auf der Reede von La Valette lagen, hob er sein Verbot auf, doch dies rettete die Lage nicht mehr. Bonaparte hatte bereits den Befehl zur Einnahme der Insel und der Festung gegeben. Am 10. Juni erfolgte unweit der Festung die ungehinderte Landung der franzoesischen Abteilungen. Am 11. Juni sandte Bonaparte seinen Adjutanten Junot fuer Verhandlungen zum Grossmeister. Unverzueglich trat der Rat des Ordens zusammen, vor dem Junot die Forderungen Bonapartes verlas. Nach hitzigen Debatten beschlossen Hompesch und der Rat, dem franzoesischen Ultimatum nachzugeben.
Um sechs Uhr morgens des folgenden Tages fand an Bord des Flaggschiffs „L’Orient“ das Treffen zwischen Bonaparte und den Gesandten des Grossmeisters statt. Innerhalb einer halben Stunde einigten sich die Parteien und unterzeichneten den Vertrag. Diesem zufolge uebertrug der Johanniterorden die Stadt La Valette und die Inseln in den Besitz der Franzoesischen Republik. Im Gegenzug verpflichtete sich Frankreich, dem Grossmeister kuenftig ein Erbuerstentum auf deutschem Territorium zu schaffen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Hompesch eine jaehrliche Zahlung von 300.000 Franken garantiert. Jedem Ritter wurde eine jaehrliche Rente zwischen 700 und 1.000 Franken versprochen. Dem Vertrag nach zu urteilen, war die Einnahme Maltas eher eine kommerzielle als eine militaerische Operation. Feilschen war jedoch unangebracht. Den Preis setzte Bonaparte fest, und man kann nicht sagen, dass er zu hoch war.
Einige Stunden spaeter rueckten die franzoesischen Truppen in die Stadt ein. Ungeachtet des strengsten Verbots kam es zu einzelnen Faellen von Pluenderung und Gewalt, die auf Befehl des Oberbefehlshabers grausam unterbunden wurden. Wegen Pluenderung verurteilte ein Militiaertribunal mehrere Soldaten und sogar einen Offizier zum Tode durch Erschiessen.
Die Beute der Franzosen erwies sich als sehr reichlich: 910 Kanonen, 100 Moerser, 35.000 Gewehre sowie grosse Vorraete an Pulver und Kugeln. Nach Einschaetzung der franzoesischen Beamten belief sich der Wert der erbeuteten Waffen auf eine Million zweihunderttausend Franken. Zudem wurden Bargeld und Juwelen im Wert von mehr als fuenf Millionen Franken beschlagnahmt. Von diesem Geld nahm Bonaparte lediglich 800.000 Franken in bar nach Aegypten mit. Die uebrigen Sachwerte und alle Waffen liess er in der Festung zurueck.
Zum Kommandeur der Garnison ernannte Bonaparte General Vaubois. Ihm unterstellte er 3.050 Mann, einschliesslich fuenf Kompanien Artilleristen. Vor dem Feldzug war geplant gewesen, auf Malta und den zwei anderen Inseln eine Garnison von 1.550 Mann zurueckzulassen. Doch angesichts der Praesenz der englischen Flotte im Mittelmeer und der Annahme, dass der Feind Malta angreifen wuerde, verdoppelte Bonaparte die Garnison.
In jedem Moment konnte die feindliche Flotte auftauchen. Es galt sich zu beeilen, doch Bonaparte buerdete sich Arbeit bis ueber den Kopf auf. Fuer die zivile Verwaltung waehlte er neun Personen aus, gruendete eine Universitaet, ein Krankenhaus und 15 oeffentliche Schulen und liess tausend Muslime aus dem Kerker frei, ohne deren Schuldgrad zu pruefen.
Am 17. Juni verliess der Grossmeister des Johanniterordens Malta. Am naechsten Tag lief die franzoesische Flotte aus dem Hafen von La Valette aus, vereinigte sich mit den Schiffen, die an der Landung auf den beiden anderen Inseln beteiligt gewesen waren, und nahm Kurs auf Alexandria. Ein Teil der Ritter, meist franzoesischer Herkunft, und 358 Soldaten des maltesischen Regiments schlossen sich freiwillig der Armee Bonapartes an. Dies kam sehr gelegen, da viele von ihnen die arabische Sprache beherrschten.


Unterdessen suchte Nelson die franzoesische Flotte, die sich auf den Weiten des Mittelmeers aufgeloest hatte. Da in den Instruktionen der Admiralitaet Neapel, Sizilien und Gibraltar als vermutliche Ziele der franzoesischen Invasion figurierten, segelte er zuerst entlang der Nordkueste von Korsika und dann nach Sueden entlang der Westkueste Italiens. Am 14. Juni erhielt Nelson unweit von Korsika die Nachricht: Vor zehn Tagen war die franzoesische Flotte entlang der Suedkueste Siziliens gesegelt. Aus dieser Meldung zog der Admiral einen einfachen, logischen Schluss: Das Ziel der Franzosen ist nicht Gibraltar, folglich auch nicht Irland, sondern hoechstwahrscheinlich Malta.
Als er an Neapel vorbeisegelte, schickte Nelson eines seiner schnellsten Schiffe dorthin. Der eilends im Hafen eingetroffene englische Botschafter, Sir William Hamilton, berichtete dem Kapitaen der Fregatte, dass die Franzosen auf Malta gelandet seien. Die Nachricht Hamiltons erfreute Nelson sehr. Seine Vermutungen hatten sich bestaetigt; endlich wuerde er die flinke franzoesische Eidechse am Schwanz packen. Unter vollen Segeln – gluecklicherweise wehte ein guenstiger Wind – flog Nelsons Flotte wie ein Vogel in Richtung Malta. Am 22. Juni traf eines der Schiffe des Geschwaders auf ein genuesisches Handelsschiff, und durch einen Kanonenschuss bat der englische Kapitaen den Kaufmann hoeflich, beizudrehen. Die Genuesen berichteten, dass die franzoesische Flotte bereits am dritten Tag zuvor von Malta abgelegt habe. Dem Admiral wurde klar, dass das Ziel des franzoesischen Unternehmens entweder Syrien oder Aegypten war. Nelson entschied sich fuer Aegypten. Er drehte seine Flotte nach Suedosten und hielt mit aller moeglichen Hast auf Alexandria zu. Konteradmiral Nelson hatte es sehr eilig. In diesen Tagen vom 23. bis zum 25. Juni folgten die Flotten praktisch parallelen Kursen, wobei sie nicht mehr als 60 Seemeilen voneinander getrennt waren. Die leichten englischen Schiffe segelten etwa doppelt so schnell wie die ueberladenen franzoesischen Kahnte. Bei seiner Jagd beging Nelson nur einen einzigen Fehler, der es Bonaparte und seiner Armee erlaubte, das Ziel ihrer Reise zu erreichen, und der es letztlich dem Stern Napoleons ermoeglichte, zwanzig Jahre lang mit unertraeglich hellem Licht ueber Europa zu leuchten.
Der Konteradmiral beruecksichtigte nicht die Ueberladung der franzoesischen Schiffe und folglich deren relativ geringe Geschwindigkeit. Am 28. Juni traf die englische Flotte vor Alexandria ein. Von dem erstaunten englischen Konsul erfuhr Nelson, dass die Franzosen nicht hier gewesen waren und auch nicht hier sein konnten. Am selben Tag verliess der Konteradmiral, fast verzweifelt, die Gewaesser von Alexandria. Er segelte nach Sizilien. Am 19. Juli traf Nelson in Syrakus ein.
„Es gibt ein altes Sprichwort. Teufelskinder haben des Teufels Glueck...“, schrieb der Konteradmiral in diesen Tagen an seine Frau in England.

Bonaparte wusste, dass Jagd auf ihn gemacht wurde, doch er ahnte nicht, dass die Gefahr so nah war. Die Reise nahm derweil ihren Lauf. Vom 23. bis zum 30. Juni erliess Bonaparte eine Reihe von Verordnungen ueber die neue Gliederung der Armee sowie Befehle bezueglich der Landung. Am 28. Juni verfasste er eine Proklamation an die Truppen. Sie wurde umgehend auf allen Schiffen bekannt gegeben:
„Soldaten!
Ihr werdet eine Eroberung vollbringen, deren Einfluss auf die Zivilisation und den Welthandel gewaltig sein wird. Ihr werdet England einen so erschuetternden Schlag versetzen, wie es ihn noch nie erhalten hat, und er wird fuer es toedlich sein. Uns erwarten anstrengende Maersche und Schlachten, doch all unsere Bemuehungen werden von Erfolg gekroent sein, denn das Schicksal ist auf unserer Seite!
Wenige Tage nach unserer Ankunft wird es keine Mamelucken-Beys mehr geben, die den englischen Handel beguenstigen, unsere Kaufleute quaelen und die unglueckliche Bevoelkerung des Nil-Landes unterwerfen. Das Volk, mit dem wir leben werden, sind Mahometaner. Ihr erster Glaubenssatz lautet: Es gibt keinen Gott ausser Allah, und Mahomet ist sein Prophet! Widersprecht ihnen nicht. Begegnet ihnen ebenso, wie ihr den Juden oder den Italienern begegnet seid. Seid gegenueber den Muftis und Imamen ebenso respektvoll wie gegenueber Rabbinern und Bischoefen.
Die roemischen Legionen schuetzten alle Glaubensbekenntnisse. Dort werdet ihr Braeuche finden, die sich stark von den europaeischen unterscheiden, doch ihr muesst euch an sie gewoehnen. Die dort lebenden Menschen stehen den Frauen anders gegenueber als wir; doch in jedem Land finden sich Unholde, die Frauen misshandeln!
Pluenderer machen unter euch nur einen unbedeutenden Teil aus. Raub erniedrigt uns, beraubt uns der Unterstuetzung der Bevoelkerung und macht das Volk, mit dem wir uns aus eigenem Interesse anfreunden sollten, zu unserem Feind. Die erste Stadt, auf die wir treffen werden, wurde von Alexander dem Grossen gegruendet...“


5


Seit Jahrhunderten, seit der Zeit der letzten Pharaonen, ging Aegypten von einer Hand der Eroberer in die naechste ueber. Anfang des 16. Jahrhunderts errichtete die Tuerkei, auf dem Gipfel ihres Ruhms stehend, ueber Aegypten das gr;ne Banner des Propheten. Das Land wurde von den Truppen des Sultans Selim I. erobert. Eine Schluesselrolle bei der Unterwerfung Aegyptens spielten die Mamelucken. Ursprunglich bildeten sie die Leibwache des Sultans; sie wurden aus georgischen und tscherkessischen Sklaven rekrutiert. Wegen ihres wilden, unbaendigen Charakters wurden sie von allen gefuerchtet, einschliesslich ihres eigenen Herrn. Nach der Eroberung des Landes liess der Sultan die gefaehrlichen Leibwaechter in Aegypten zurueck, wo die Mamelucken Strafabteilungen bildeten, die die einheimische Bevoelkerung in Schrecken versetzten.
Nach einiger Zeit hoerten die Mamelucken auf, dem Sultan zu gehorchen, und die tuerkische Armee musste Aegypten erneut erobern, woraufhin die gefangenen Mamelucken dem Sultan erneut ewige Treue schworen. Der Sultan begnadigte die Glaubensgenossen, vergab ihnen und liess sie in Aegypten. Die Mamelucken erfuellten ihren Eid zunaechst ehrlich, doch das Osmanische Reich wurde schwaecher, und dieser Umstand machte die Kinder der Berge staerker. Etwa hundert Jahre vor den beschriebenen Ereignissen kam es dazu, dass die Mamelucken wieder alles beherrschten. Sie erkannten weder geschriebene noch natuerliche Gesetze an und achteten es als Schande, Ackerbau, Viehzucht oder Handel zu treiben, weshalb das einst bluehende Land immer tiefer in den Abgrund der Armut sank.
Am Ende des 18. Jahrhunderts befand sich das Land nominell noch unter der Macht des Sultans, dessen Willen der in Kairo lebende Pascha ausfuehrte, doch faktisch war es unter 24 Mamelucken-Beys aufgeteilt. Jeder von ihnen besass eine Provinz, regierte sie nach eigenem Ermessen und beobachtete misstrauisch das Verhalten des Nachbarn, der stets bereit war, hinterlistig anzugreifen. Von Zeit zu Zeit gelang es dem einen oder anderen Bey, die Nachbarn zu taeuschen und die Vorherrschaft ueber die anderen zu erlangen. Von 1763 bis 1773 war Ali Bey der Grosse der einflussreichste Bey. Nach seinem Tod uebernahmen zwei Tscherkessen die Fuehrung, die Blutsbrueder Ibrahim und Murad. Ihre Kraefte waren in etwa gleich, und sie beschlossen, dass es besser sei, das Land untereinander aufzuteilen, anstatt gegeneinander Krieg zu fuehren. Bei der Aufteilung erhielt Ibrahim Ober-Aegypten, waehrend Murad Unter-Aegypten unter seiner Kontrolle hielt. Kurz vor der franzoesischen Invasion begann Hassan Bey, der formell Murad unterstellt war, an Macht zu gewinnen. Letzteren beunruhigte dies. Murad lud Hassan zu Gast ein, um die Geburt seines Sohnes zu feiern. Reichliches Essen und junger Wein lullten die Wachsamkeit von Hassans Leuten ein, und Murads Krieger stachen sie wie Schweine nieder. Hassan selbst entkam wie durch ein Wunder, wobei er auf der Flucht mehrere von Murads Kriegern erschlug. Er floh zu Ibrahim Bey nach Ober-Aegypten und schwor dort auf Blut, sich an dem niedertraechtigen Schakal Murad zu raechen, der die heiligen Gesetze der Gastfreundschaft mit Fuessen getreten hatte.
Vor der franzoesischen Invasion betrug die Zahl der berittenen, waffenfaehigen Mamelucken etwa 10.000 Mann. Sie stellten eine ganz besondere Bevoelkerungsgruppe dar, die ihre Sitten und Gebraeuche ueber Jahrhunderte bewahrt hatte. Zum Beispiel brachten sie ihre Frauen aus Georgien mit, und die in Aegypten geborenen Kinder waren nicht ihre Erben; in der Regel war es ihnen nicht gestattet, Waffen zu besitzen. Das Mameluckenheer wurde durch Sklaven ergaenzt, kraeftige J;nglinge aus dem Kaukasus. Den ganzen Tag verbrachten die Mamelucken mit Waffentraining und Reituebungen. Sie waren hervorragende Reiter, gingen glanzvoll mit Gewehr und Pistole um und legten insbesondere grossen Wert auf das Fechten, denn der Saebel sei die wahre Waffe eines echten Mannes. Respekt und Ehre ihrer Stammesgenossen konnten sie nur durch soldatische Tugenden und persoenliche Tapferkeit gewinnen.
Der Reichtum eines einfachen Mamelucken bestand aus einer schoenen Waffe und einem guten Pferd. Das Haus eines Mamelucken (die Rede ist natuerlich nicht von den Beys) war eine elende Huette, deren gesamte Einrichtung aus einer Strohmatratze und einigen Toepfen bestand.


Kaum waren die Segel der englischen Linienschiffe hinter dem Horizont verschwunden, naeherte sich die franzoesische Flotte Alexandria, nachdem sie dem Feind wie durch ein Wunder entgangen war. Haette Nelson nicht so sehr geeilt, waere die Eroberung Aegyptens moeglicherweise nie erfolgt. Von dem franzoesischen Konsul, der an Bord des Flaggschiffs kam, erfuhr Bonaparte, dass erst gestern die englische Flotte hier gelegen hatte, die sie offensichtlich suchte.
Der Konsul wusste nicht, wohin die Englaender gesegelt waren. Der Oberbefehlshaber vermutete, dass der Feind die aegyptische Kueste patrouillierte; falls dem so war, konnten sie jeden Moment vor Alexandria auftauchen. Angesichts der drohenden Gefahr musste auf die urspruenglichen Plaene einer Landung an mehreren Orten verzichtet werden. Bonaparte entschied, unverzueglich bei dem in unmittelbarer Naehe von Alexandria gelegenen Fort Abukir anzulanden. Die Ausschiffung erfolgte in grosser Eile, aber diszipliniert und ohne Zwischenfaelle. Ohne das Ende der Landung abzuwarten und waehrend er zwei Divisionen zum Ausladen der Artillerie und Munition zurueckliess, marschierte die Armee mit der Staerke von drei Divisionen in der Nacht vom 29. auf den 30. Juni auf Alexandria zu. Bonaparte selbst marschierte in der Spitzenkolonne. Die Franzosen marschierten die ganze Nacht durch, und am fruehen Morgen erreichte die Avantgarde der Armee die Stadt. Beim Herannahen der Franzosen ritten jene Mamelucken und Araber, die Pferde besassen, nach Westen davon. Auf die Forderung der Parlamentaere, die Stadt zu uebergeben, antwortete der Gouverneur, Mohamed el-Korayem, mit einer Ablehnung. Bonaparte befahl trotz fehlender Artillerie den Sturm.
Die Franzosen rueckten in drei Kolonnen zum Angriff vor. Die Division von General Menou, die den linken Fluegel bildete, griff die Festungsmauern von Westen her an. Von Sueden (Zentrum) rueckten die Einheiten von General Kleber vor, und von Osten, am rechten Fluegel, stuermte die Division von Bon die Stadt. Einige hundert Soldaten der Garnison und die mutigeren Einwohner versuchten Widerstand zu leisten, doch die Verteidigung war so schwach, dass sich die Stadt gegen 11 Uhr in der Gewalt der Franzosen befand. Fuer die Armee wurde dieses erste Gefecht im Reich der Pharaonen zu einer leichten Aufwaermuebung. Die Stadt wurde fast ohne Verluste genommen; lediglich beim Sturm wurden die Generaele Menou und Kleber leicht verwundet.
Indem er vom ersten Tag an die Anweisungen des Direktoriums zur Zusammenarbeit mit der oertlichen Verwaltung befolgte, liess Bonaparte Mohamed el-Korayem im Amt des Gouverneurs, nachdem er ihm zuvor den Eid abgenommen hatte, keine feindseligen Handlungen gegen die franzoesische Armee zu unternehmen. Doch – um ein wenig vorzugreifen – korrespondierte el-Korayem weiterhin mit den Beys und informierte sie ueber die Standorte und Bewegungen der Franzosen. Einige Monate spaeter wurde dies aufgedeckt. Bonaparte befahl, den Beamten, der das Vertrauen nicht gerechtfertigt hatte, festzunehmen und hinzurichten.
Die Franzosen verhielten sich in einer fuer Eroberer voellig unueblichen Weise. Pluenderungen und Gewalt, die stetigen Begleiter eines jeden Krieges, fehlten vollstaendig. Die Soldaten gingen durch die Stadt, staunten auf Schritt und Tritt ueber die exotischen Dinge, die ihnen begegneten, betraten die Laeden, deren Besitzer den Mut gefunden hatten zu oeffnen, betrachteten mit Interesse Teppiche und Wasserpfeifen, rochen an Pfeffer, kosteten Haschisch auf der Zunge und... o Wunder! sie bezahlten fuer die Waren. Bereits am naechsten Tag brachten die Besatzungsbehoerden an den Mauern der Haeuser nahe den Maerkten, an Obelisken und in Moscheen einen „Aufruf an das Volk von Aegypten“ an. Darin erklaerte das franzoesische Kommando der Bevoelkerung verstaendlich das Konzept der Befreiung von den Mamelucken, den „Unterdrueckern Aegyptens, Peinigern der Tuerken, Araber und Kopten“, und wandte sich an die Buerger mit der Bitte, nach Kraeften bei der Vertreibung der verhassten Beys zu helfen. Die Unterdrueckten, die den rachsuechtigen, jaehzornigen Charakter der voruebergehend abwesenden Unterdruecker kannten, beeilten sich nicht, die franzoesische Seite zu ergreifen; sie nahmen eine abwartende Haltung ein und verkauften den Franzosen nebenbei Ladenhueter zu ueberhoehten Preisen.
Im Anschluss an den Aufruf an die unterdrueckten Voelker erliess das franzoesische Kommando den Befehl an die Truppen, die Ausuebung religioeser Riten nicht zu behindern. Aufgewachsen mit den Ideen der Aufklaerung, stand Napoleon – wie einige seiner Biographen behaupten – der Religion als solcher und erst recht ihren aeusseren, rituellen Erscheinungsformen skeptisch gegenueber. Man kann ihn schwerlich als guten Katholiken bezeichnen, aber ein Atheist war er auch nie. Waere die katholische Kirche noch so stark wie vor zweihundert Jahren gewesen, waere er in die Kategorie der Haeretiker gefallen. Er glaubte an sich selbst, glaubte fest an seine Bestimmung und natuerlich an den Gott unserer Vaeter. Doch er schaetzte die Organisationen, die die Vermittlung zwischen der unsterblichen Seele und Gott uebernommen hatten, nicht im Geringsten. In der Religion, in der Institution der Kirche, sah er ein Instrument und eine Methode zur Lenkung der Bevoelkerung, ebenso wie die Presse, die Schaffung von Legenden oder die Verbreitung von Geruechten. Daher verletzte der behutsame, ja ehrfuerchtige Umgang mit dem Islam als Mittel zur Gewinnung des Vertrauens der Bevoelkerung seine eigene Religiositaet nicht. Diese Politik brachte den Franzosen im Inneren des Landes gewisse Vorteile, doch die Tuerkei blieb weiterhin vollstaendig unter dem Einfluss der Englaender. Als der Sultan von der Intervention in Aegypten erfuhr, erklaerte er den Heiligen Krieg der gesamten muslimischen Welt gegen die franzoesischen „Kreuzfahrer“.
Das erste militaerische Ziel war erreicht: Alexandria befand sich in den Haenden der Franzosen. Die Taktik gebot, die Offensive so schnell wie moeglich voranzutreiben. Sie gebot, dem Gegner weder Zeit noch Moeglichkeit zu geben, Widerstand zu organisieren. Die Geschwindigkeit des Vorrueckens als Prinzip der Kriegfuehrung hatte Bonaparte in Italien Erfolg gebracht; es musste auch hier in Aegypten funktionieren. Schnelligkeit bedeutet Sieg.
Unterdessen beendeten die Divisionen Reynier und Desaix, die die zweite Truppengruppe bildeten und nicht am Sturm auf Alexandria teilgenommen hatten, das Entladen des Gepaecks. Gemaess den Befehlen des Oberbefehlshabers brachen sie zunaechst nach Alexandria auf und marschierten dann, nachdem sie einen Teil der Artillerie in der Stadt zurueckgelassen hatten, in Richtung Kairo. Als Erster brach Desaix auf. Am naechsten Tag, dem 3. Juli, folgte ihm Reynier. Drei Tage lang marschierte die Division Desaix, wobei sie nur waehrend der groessten Hitze kurze Tagesrasten und sechsstuendige Nachtpausen einlegte. Nachdem sie Damanhur erreicht hatten, konnten sich die Soldaten von Desaix, waehrend sie auf Teile der Division Reynier warteten, von dem erschoepfenden Marsch erholen. Am 9. Juli brachen die Divisionen der Generaele Desaix und Reynier zum Marsch nach El-Romani auf – dem Sammelpunkt der gesamten Armee.
Am 5. Juli befand sich die zweite Truppengruppe (die fuenfte Division unter General Desaix und die dritte unter General Reynier) auf dem Marsch nach Kairo. Die vierte Division unter General Bon stand in Alexandria. Die erste Truppengruppe, bestehend aus der ersten Division von General Kleber, der wegen seiner Verwundung durch Dugua vertreten wurde, und der zweiten Division von General Menou (vertreten durch Brigadegeneral Vial), r;ckte nach Osten vor. Die Aufgabe der Gruppe bestand darin, Rosette einzunehmen und anschliessend, nach dem Hinterlassen eines Teils der Truppen als Garnison in Rosette, zur Vereinigung mit der zweiten Gruppe nach El-Romani zu marschieren, einer Kleinstadt am rechten Ufer des Nils, der sich dort weitlaeufig ueber die Ebene ergoss.
Ohne auf den geringsten Widerstand der Mamelucken oder der wenigen Truppen des Sultans zu stossen, besetzten die Einheiten der ersten Truppengruppe Rosette und rueckten entlang des Nils nach El-Romani vor. Am Abend des 10. Juli erreichte die Avantgarde der ersten Gruppe die Stadt von Norden her, waehrend zur gleichen Zeit die Vorhut der Division Desaix von Osten her El-Romani erreichte. Bis zum Abend des folgenden Tages konzentrierten sich vier der fuenf Divisionen in der Stadt. In den zehn Tagen seit der Landung hatte die Armee Bonapartes zwei Grossstaedte und ein beachtliches Stueck des linksseitigen Nildeltas besetzt. Bisher r;ckten die Franzosen, abgesehen vom schwachen Widerstand der Araber in Alexandria, ohne Kaempfe vor. Von den unfaessbaren Phantomen, den Mamelucken, zu deren Vertreibung die edlen Franzosen laut offizieller Version das gesamte Unternehmen begonnen hatten, war bisher weder etwas zu sehen noch zu hoeren.
Am 7. Juli verliess der Oberbefehlshaber mit dem Hauptquartier und einer kleinen Eskorte aus berittenen Dragonern Alexandria, nachdem er dort und im Fort Abukir eine kombinierte Garnison von siebentausend Mann zurueckgelassen hatte, und begab sich nach El-Romani. Die Division von General Bon folgte ihm.

In Erwartung der Ankunft von Bons Division ruhte die Armee einige Tage aus. Am 13. erschien endlich der lang ersehnte Gegner. Die Kavallerieaufklaerung bemerkte in Schubrachit, einem Ort etwa 20 Kilometer suedoestlich von El-Romani, eine Konzentration von Mameluckenkavallerie in einer Staerke von bis zu 4000 Saebeln (es waren die Truppen von Murad-Bey). Auf Befehl Bonapartes rueckte ein Teil der Truppen dem Feind eilig entgegen.
Als die franzoesischen Marschkolonnen die galoppierenden Mamelucken von weitem sahen, bildeten sie praezise und reibungslos wie bei einer Uebung Karrees – lebendige, bewegliche Festungen, deren Mauern aus Menschen bestanden, waehrend an den Ecken und in der Mitte der Reihen, dort wo in einer Festung Tuerme stehen, Kanonen postiert waren. Eine Reiterwelle nach der anderen prallte auf die Klippen der Karrees und zerbrach, ohne an den Granitwaenden der franzoesischen Felsen sichtbare Schaeden zu hinterlassen. Mehrere Stunden dauerte dieser Kampf der Elemente; schliesslich zog sich die Kavallerie zurueck und liess auf dem Schlachtfeld den Schaum der gefallenen Mamelucken zurueck, die vermischt mit ihren getoeteten, kostbaren Pferden dort lagen.
An diesem Tag fand auch das Gefecht der franzoesischen Flussflottille, bestehend aus drei Schiffen mit geringem Tiefgang fuer die flachen Nilgewaesser, gegen die Schiffe von Murad-Bey statt. Den Mameluckenmatrosen gelang es, zwei franzoesische Schiffe zu kapern, doch fast unmittelbar darauf eroberten die Franzosen diese zurueck.
Murad fuehrte seine Abteilungen nach Sueden. Am 14. Juli verliessen auch die franzoesischen Truppen El-Romani. Bonapartes Armee setzte ihren Vormarsch am linken Nilufer ungehindert fort. Das Ziel des Marsches war die Hauptstadt Aegyptens. Es herrschte eine schreckliche Hitze. Tagsueber stieg die Temperatur auf vierzig Grad. Die an ein solches Klima nicht gewoehnten franzoesischen Soldaten ersch;pften auf den Maerschen und waren von Kopf bis Fuss mit klebrigem Schweiss bedeckt, der bei den Rastzeiten trocknete und als Salzkruste auf der Kleidung erstarrte. Nur aus den ganz Schwachen wurden Garnisonen fuer die besetzten Staedte und Doerfer gebildet. Der eiserne Wille Bonapartes trieb die Armee voran. In einer Woche ermuedenden Marsches legten die Truppen etwa 200 Kilometer zurueck. Die Mamelucken beobachteten die Franzosen nur aus der Ferne und wagten es nach der Schmach von Schubrachit nicht anzugreifen. Die Truppen hatten fast schon Kairo erreicht, als die Aufklaerung entdeckte, dass sich im Tal von Gizeh Mameluckenkavallerie sowie Infanterieabteilungen von Tuerken und Arabern befanden. Es bot sich die Gelegenheit, eine Generalschlacht zu schlagen und damit vielleicht die Eroberung Aegyptens abzuschliessen. Der Kommandeur befahl den sofortigen Marsch der gesamten Armee in das Tal der antiken Pyramiden.


Nachdem Murad von seinem treuen Karim erfahren hatte, dass die Franzosen ohne Kavallerie gekommen waren, schickte er sofort einen Boten zu seinem Bruder Ibrahim mit dem Vorschlag zu einer gemeinsamen Jagd auf die dummen Franzosen. Der Fall von Alexandria und das Gefecht bei Schubrachit zwangen Murad jedoch, seine Meinung ueber die militaerischen Faehigkeiten des Gegners langsam und widerwillig zu aendern. Murad beriet sich mit dem im Tal von Gizeh eingetroffenen Ibrahim, und beide stimmten ueberein, dass sie in einer offenen Schlacht gegen den in Karrees formierten Feind praktisch keine Chancen hatten, und dass fuer ihre Lage die Taktik schneller Ueberfaelle auf kleine feindliche Einheiten und ein rasches Verschwinden besser geeignet waere... Doch die Hauptstadt kampflos aufzugeben, verboten Ehre und Stolz. Im Tal von Gizeh standen unter dem Kommando von Murad und Ibrahim sechstausend treue Dschigiten. Hinter der Kavallerie befanden sich 18.000 Fussoldaten – notduerftig bewaffnete Tuerken, Araber und Kopten. Viele von ihnen sahen hier zum ersten Mal Kanonen.


Die Armee brach nach Sueden auf. Nach zwoelf Stunden ununterbrochenen Marsches erreichte sie den Standort der feindlichen Abteilungen. Vor der Schlacht goennte Bonaparte den Truppen eine kurze Ruhepause. Waehrend die vom Uebergang erschoepften Soldaten ruhten (viele schlummerten kurz fuer einige Minuten ein, um im Schlaf Kraft fuer die bevorstehende Arbeit zu sammeln), arbeiteten Bonaparte und Berthier, so weit es unter den gegebenen Umstaenden moeglich war, die Schlachtordnung aus und gaben den Divisionskommandeuren die notwendigsten Befehle. Die Ruhe der Soldaten und die angespannte Taetigkeit der Armeefuehrung wurden durch den Angriff einer Lawine aus Mameluckenreitern an der gesamten Front beendet. Auf das Alarmsignal hin formierten sich die Divisionen schnell zu Karrees. An deren Ecken und an den Verbindungspunkten der Bataillone stellten die Kanoniere ihre Massenvernichtungswaffen auf. In der Mitte der mit Bajonetten gespickten Festungen befand sich das Kostbarste der Expedition – die Packesel und die Gelehrten. Die Tapferkeit und der Mut der Mamelucken wurden durch das dichte franzoesische Sperrfeuer aus Gewehren und Artillerie zunichte gemacht. Nachdem sie ein Viertel ihres Bestandes verloren hatten, wichen die Bergbewohner zurueck; nun war die Reihe an der franzoesischen Gegenoffensive. Die erste Truppengruppe (Divisionen Desaix und Reynier) griff am rechten Fluegel an. Im Zentrum rueckte die zweite Truppengruppe vor (Divisionen Dugua und Vial). Am linken Fluegel ging die Division Bon, gestuetz auf den Nil, ebenfalls zur Gegenoffensive ueber. Die Divisionen Bon am linken Fluegel und Vial im Zentrum eroberten mit einem schnellen, entschlossenen Schlag von zwei Seiten die am Fluss gelegenen Erdbefestigungen des Feindes. Die gesamte Artillerie der Mamelucken (40 Kanonen kleinen Kalibers) wurde mit einem einzigen gluecklichen Angriff erbeutet. Die Infanterie, besser gesagt die Horde von Bauern, die kaum eine Waffe halten konnten und die Erdwaelle verteidigen sollten, loeste sich in der heissen Sonne auf, als waere sie nie da gewesen, sobald der Reiterangriff der Mamelucken im Keim erstickt war.
Der unter dem Schutz der Artillerie stehende tuerkische Pascha, Ibrahim und die Reste seiner Abteilung, die sich nach dem blutigen Angriff auf die Befestigungen zurueckgezogen hatten, retteten sich vor den franzoesischen Kugeln, indem sie schwimmend den Nil ueberquerten. Murad floh mit den ueberlebenden Reitern seiner Abteilung mit leichtem Gepaeck nach Sueden in Ibrahims Lehen, Oberaegypten.
Gemaess dem Stabsbericht verlor die franzoesische Armee in dieser Schlacht 20 Mann an Toten und 120 an Verwundeten. Die feindlichen Verluste schaetzte Berthier auf mehr als 2000 Mann. Der Weg nach Kairo war frei.
Mit der Schlacht bei den Pyramiden ist eine Legende verbunden, deren Urheberschaft Napoleon selbst zugeschrieben wird. Diese Legende besagt, dass Bonaparte unmittelbar vor der Schlacht vor den angetretenen Soldaten eine eindringliche Rede hielt, die mit den Worten begann: „Soldaten, 40 Jahrhunderte blicken von diesen Pyramiden auf euch herab...“
Diese Rede ist ein Beispiel fuer das Auftreten des „Danach-Syndroms“. Auf der Insel Sankt Helena kam dem gestuerzten Herrscher die Idee, wie gut es gewesen waere, vor den Pyramiden etwas Gewichtigeres gesagt zu haben. Aus Napoleons Memoiren gingen die „40 Jahrhunderte…“ in viele Buecher ein, die dem ersten franzoesischen Kaiser gewidmet sind. Andere Teilnehmer der Ereignisse erwaehnen in ihren Memoiren keinen Auftritt Bonapartes vor den Reihen der erstarrten Soldaten. Und man muss sagen: Im Fieber der Vorbereitung auf eine Generalschlacht war kein Platz fuer patriotische Reden. Und vor wem haette Bonaparte sie eigentlich halten sollen? Vor den Stabsoffizieren? Vor den Ordordonnanzen und Adjutanten? Das haette laecherlich gewirkt, da weder die einen noch die anderen unmittelbar an der Schlacht teilnahmen oder dies beabsichtigten. Die Soldaten nur zu versammeln, um eine eindringliche Rede fuer die Geschichte zu halten? Es lief eine intensive Vorbereitung auf die Schlacht. Befehle folgten auf Befehle. Adjutanten und Ordonnanzen eilten unermuedlich zwischen dem Hauptquartier und den Standorten der Divisionen hin und her. Dutzende Dinge mussten geregelt werden – war da Zeit fuer Reden? Die Soldaten wiederum gingen nach der kurzen Ruhepause ihrem soldatischen Handwerk nach. Sie ueberprueften Ausruestung und Waffen, und beim Alarmsignal begannen sie mit der Gefechtsformation. Es ist schwer vorstellbar, dass Bonaparte in einer Situation katastrophalen Zeitmangels die Idee kam, sich mit patriotischen Worten an die Truppen zu wenden.
Der Sieg in dieser Schlacht wurde einer der leichtesten Generalsiege Napoleons. Mit diesem Sieg wurde Bonaparte zum Herrscher ueber Aegypten.
Zwei Tage nach der Schlacht bei den Pyramiden zogen die franzoesischen Truppen in Kairo ein. In der Hauptstadt, wie zuvor in Alexandria, bemuehte sich Bonaparte um eine Politik der Zusammenarbeit mit der tuerkischen Verwaltung und der Bevoelkerung. Wie in Alexandria erliess das franzoesische Kommando in Kairo in den ersten Tagen mehrere Proklamationen. In diesen forderten die Besatzungsbehoerden die Bevoelkerung auf, Ruhe zu bewahren und das Leben wie unter dem vorherigen Regime fortzufuehren. In den Proklamationen wurde erklaert, dass die Franzosen mit freundschaftlichen Absichten nach Aegypten gekommen seien, dass Frankreich ein Verbuendeter der Pforte sei und dass das einzige Ziel der Armee die Befreiung der Tuerken, Araber und Kopten von der Tyrannei der Beys sei. Eine gesonderte Proklamation erlaeuterte das Verhaeltnis der franzoesischen Fuehrung zum Islam. Wie zuvor in Alexandria drueckte das Kommando der Eroberer seinen Respekt gegenueber dem Islam aus und bekraeftigte die Absicht, die Ausuebung religioeser Riten nicht zu behindern. In den Kairoer Proklamationen ging Bonaparte noch weiter. Er versicherte der Bevoelkerung, dass er jeden Franzosen unterstuetzen wuerde, falls dieser sich entscheiden sollte, zum Islam ueberzutreten.
Einige Tage spaeter oeffneten die Laeden. Das Leben in der Stadt kehrte allmaehlich in gewohnte Bahnen zurueck. Franzoesische Soldaten bewegten sich in der unbekannten, fremden Stadt ohne Waffen, ohne um ihr Leben zu fuerchten. Sie bezahlten fuer die Waren und bedraengten die Bevoelkerung nicht. Bis zum Aufstand wurde in der Hauptstadt kein einziger Fall von Pluenderung oder Gewalt registriert.
Die Besatzer richteten sich im eroberten Land ernsthaft und auf lange Sicht ein. Am 25. Juli wurde durch eine Direktive Bonapartes der kleine Diwan eingerichtet, ein Organ der Selbstverwaltung in der Hauptstadt und ihrer Umgebung, und zwei Tage spaeter ordnete der Kommandeur die Schaffung eines grossen Diwan aus sieben Mitgliedern an, dessen Aufgabe die zivile Verwaltung in den Provinzen war. Neben der Schaffung eines neuen, den Franzosen unterstellten Verwaltungsapparates beschaeftigte sich der Kommandeur aktiv mit Wirtschaftsfragen. Unter der Leitung der mitgebrachten Ingenieure und Beamten gelang es den Franzosen, in kurzer Zeit in Kairo und anderen grossen Staedten Fabriken zur Pulverherstellung, Muehlen, Giessereien und Reparaturwerkstaetten zu errichten. Eine Druckerei und eine Muenzstaette wurden gegruendet. In den ersten Augusttagen wurde ein regionaler Postdienst eingerichtet, der die grossen Staedte Aegyptens verband. Die Finanzierung der Armee und des Verwaltungsapparates versuchte das Kommando durch den Verkauf von beschlagnahmtem Eigentum der Beys zu loesen, doch da dieses Eigentum kaum Abnehmer fand (wer wuerde es wagen, das Eigentum der rachsuechtigen Beys zu kaufen, selbst zum halben Preis), waren die Besatzungsbehoerden gezwungen, der Bevoelkerung eine Kriegssteuer aufzuerlegen.



6


So gut die Eroberung an Land verlief, so schlecht gestalteten sich fuer die Franzosen die Umstaende auf See. Nachdem die Truppen angelandet worden waren, hatte die franzoesische Flotte den ersten Teil der ihr uebertragenen Mission erfuellt. Danach bestand die Aufgabe der Flotte darin, nach Toulon zurueckzukehren, um von dort aus die zweite Staffel der Aegyptischen Armee in Staerke von 30.000 Soldaten und Offizieren ueber das Meer zu transportieren. Laut dem von dem Direktorium in der Sitzung am 5. Maerz verabschiedeten Zeitplan sollte dies Mitte, spaetestens Ende September dieses Jahres geschehen.
Bis zum Eintreffen des zweiten Teils der Armee in Aegypten sollten zwei wichtige Prozesse abgeschlossen sein. Erstens musste Bonaparte Zeit haben, Aegypten zu unterwerfen. Zweitens sollte Talleyrand in Konstantinopel ein Militaer- und Politikbuendnis mit der Hohen Pforte schliessen. Mit der Eroberung Aegyptens und dem Buendnis mit der Tuerkei sollte die Grundlage fuer einen erfolgreichen Feldzug nach Indien geschaffen werden, wo der kriegerische Sultan Tippu und die rebellischen Marathen-Fuersten auf die franzoesisch-tuerkischen Truppen warten wuerden. Bonaparte beabsichtigte jedoch nicht, die Truppen selbst nach In-dien zu fuehren. Er rechnete damit, das Kommando an General Kleber oder General Desaix zu uebergeben und nach Frankreich zurueckzukehren, um die Vorbereitung der Invasion in England fortzusetzen. General Bonaparte blieb, waehrend er sich in Aegypten aufhielt, Oberbefehlshaber der England-Armee. In den noerdlichen Haefen Frankreichs wurde die Vorbereitung der Schiffe fuer die Ueberquerung des Aermelkanals nicht eingestellt. In den Nordhaefen waren nach wie vor die Regimenter und Bataillone der Invasionsarmee fuer die Britischen Inseln stationiert. Die Landungsoperation war fuer Februar-Maerz 1799 geplant, wenn der Krieg in Indien in vollem Gange sein wuerde und London, angesichts des drohenden Verlusts der Perle der britischen Krone, gezwungen waere, einen Teil der Flotte und der Landstreitkraefte nach Indien zu schicken.
Eine verantwortungslose Phantasie der franzoesischen Regierung? Wie konnte man eine so langfristige Operation planen, ohne die Wahrscheinlichkeit zu beruecksichtigen, dass die britische Flotte das Mittelmeer blockieren wuerde! Keineswegs eine Phantasie, sondern nuechterne Kalkulation. Das Direktorium und Bonaparte waren ueberzeugt, dass die Englaender angesichts der offenen Vorbereitung der Landung es nicht wagen wuerden, bedeutende Seestreitkraefte von ihren Kuesten wegzuschicken. Und in dieser Ueberzeugung irrten sie sich.
Die franzoesische Diplomatie unter der Leitung von Talleyrand versagte. In diesem aegyptischen Jahr scheiterte die franzoesische Diplomatie ueberall dort, wo ein Scheitern nur moeglich war. Doch davon spaeter mehr.
Die Englaender wagten es tatsaechlich nicht, die Blockade der noerdlichen Haefen Frankreichs zu schwaechen. Zu Beginn des Fruehjahrs ueberredete Whitworth, der englische Botschafter in Petersburg, mit Billigung des franzoesischen Botschafters den Zaren, England zu helfen. Im April trafen russische Kriegsschiffe im Aermelkanal ein. Dies ermoeglichte es der Flotte von Vizeadmiral Jervis, nach Gibraltar auszulaufen, und erlaubte es dem Geschwader von Konteradmiral Nelson, die Franzosen im gesamten Mittelmeer zu verfolgen.
Doch kehren wir zum traurigen Schicksal der franzoesischen Flotte zurueck. Waehrend der Anlandung der Truppen beriet sich Bonaparte mit Vizeadmiral Brueys ueber den Verbleib der britischen Seestreitkraefte im Mittelmeer. Sie kamen zu dem Schluss, dass eine Schlacht unvermeidlich sei und dass man die englische Flotte versenken oder ihr einen solchen Schaden zufuegen muesse, der die Schifffahrt sichere, bevor man die zweite Staffel der Aegyptischen Armee an Bord nehmen koenne. Grundsaetzlich war es moeglich, eine Schlacht zu liefern oder eine solche anzunehmen. Eine Schlacht zu liefern bedeutete, die Begegnung mit den Englaendern auf offener See zu suchen; sie anzunehmen bedeutete, den Angriff des Feindes vor Anker liegend abzuwehren.
Im ersten Szenario wuerde der Gegner aufgrund der besseren Beherrschung der Segelkunst unbestreitbare Vorteile haben. Im zweiten Szenario sollte der vermutete Vorteil bei der Artillerie die Schlacht zugunsten der franzoesischen Flotte entscheiden. Folglich sollte die Schlacht angenommen werden. In diesem Fall konnten Brueys und Bonaparte den Ort waehlen und dem Feind die Wahl des Zeitpunktes ueberlassen. Sie erwogen zwei moegliche Orte – Korfu und Abukir. Aus militaerischer Sicht war Korfu vorzuziehen. Dort befand sich eine grosse franzoesische Garnison mit starker Artillerie, deren Feuer eine wesentliche Unterstuetzung fuer die Flotte haette sein koennen. Aber Korfu musste man erst einmal erreichen, ohne waehrend der Ueberfahrt auf die Englaender zu treffen.
Wir wissen, dass Nelson von Alexandria aus nach Sizilien segelte und der Weg nach Korfu frei war. Doch Brueys wusste dies natuerlich nicht; er wusste nur, dass sich die englischen Linienschiffe noch gestern vor Alexandria befanden und irgendwo ganz in der Naehe sein konnten. Es war voellig logisch anzunehmen, dass die Englaender die Kueste Aegyptens patrouillierten und die moeglichen Landungsplaetze – Rosetta und Damietta – kontrollierten. Beide Haefen liegen westlich von Alexandria. Der erste etwa 30 km entfernt, der zweite ungefaehr 200 km. Wenn die Englaender nach Rosetta und dann nach Damietta segelten – wie es der gesunde Menschenverstand nahelegt – braeuchten sie bei guenstigem Wind fuer den Hin- und Rueckweg 5 bis 6 Tage. Folglich verfuegte der Kommandeur ueber eine Zeitspanne bis maximal zum 5. Juli, um nach Korfu abzusegeln oder eine Position in der Bucht von Abukir zu beziehen. Doch sollte der Gegner aus irgendwelchen Gruenden nicht nach Damietta segeln („diese fuer die Flotte schlechteste Variante muss in Betracht gezogen werden“, bemerkte Brueys, und Bonaparte stimmte ihm zu), so war die Rueckkehr der feindlichen Flotte nach Alexandria morgen Abend, bestenfalls uebermorgen Frueh zu erwarten. W;rde die Flotte nach Korfu aufbrechen, koennten die Englaender sie auf dem Weg einholen, was eine Schlacht waehrend des Marsches bedeuten wuerde. Es blieb Abukir. Brueys traf seine Wahl, und sie war alles andere als zufaellig.
Ohne das Ende der Ausladung von Artillerie und Gepaeck abzuwarten, bezog der Groessteil der Linienschiffe eine Kampfposition in der Bucht von Abukir. Nach der Entladung schlossen sich die Fregatten den Linienschiffen an, waehrend die Transportschiffe und kleinen Kriegsschiffe in den Hafen von Alexandria einliefen. Brueys positionierte die Linienschiffe und Fregatten entlang eines Teils der Kueste der sechzehn Meilen langen, halbmondfoermigen Bucht, die am Kap Abukir beginnt und an der Muendung des Nils ins Meer endet, in einer Reihe von Suedost nach Nordwest. Die gewaehlte Aufstellung der Schiffe machte nach Brueys’ Meinung einen Frontalangriff des Gegners von Osten her schwierig, da bei einem solchen Angriff die Wirksamkeit des Feuers der Angreifer nahe Null laege, waehrend die Verteidiger mit ihrer gesamten Backbordseite gezieltes Feuer abgeben konnten. Der Vizeadmiral glaubte, dass der Feind nur in einer Linienformation angreifen koenne, wodurch sich die Schlacht in eine Reihe aufeinanderfolgender Duelle einzelner Schiffe verwandeln wuerde. Um einen Angriff an der Steuerbordseite zu verhindern, spannten die Matrosen Ankerketten zwischen den Schiffen und dem Ufer.
Brueys erwartete den Angriff der Englaender von Tag zu Tag und hielt daher die Schiffsbesatzungen in Alarmbereitschaft. Doch der Gegner erschien nicht; allmaehlich liess die Spannung nach, und als Folge des langen Muessiggangs stellten sich Nachlaessigkeit und ein Verfall der Disziplin ein. Natuerlich gab es Wachen und taegliche Uebungen, aber der Kern des Aufenthaltes der franzoesischen Flotte in Abukir war das Warten auf den Angriff der englischen Flotte – und dieser Angriff blieb aus. Nach einem Monat vor Anker glaubten die Seeleute kaum noch an die englische Gefahr, und auch der Kommandeur begann an der Genauigkeit seiner Berechnungen zu zweifeln, zumal Bonaparte ihn zum Aufbruch draengte. Die Zeit war kostbar, und die Flotte hatte noch sehr viel zu tun. Bonaparte brauchte den zweiten Teil der Armee. Jeden Moment sollte die Nachricht von Talleyrand ueber den Abschluss des Buendnisvertrages mit der Tuerkei eintreffen. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte die Armee vollstaendig ausgeruestet sein und auf den Feldzug nach Indien vorbereitet werden.
In den letzten Julitagen ordnete Brueys an, die Ketten einzuholen und sich auf das Auslaufen vorzubereiten. Den Aufbruch setzte er fuer den dritten oder vierten August an. Die Vorbereitungen fuer den Abmarsch begannen. An die juengsten Aengste dachte niemand mehr. Am Morgen des zweiten August landete auf Anordnung der Fuehrung etwa die Haelfte der Besatzungsstaerke der Flotte an der Kueste, um die im Voraus bereitgestellten Faesser mit Wasser und Proviant auf die Schiffe zu bringen. Und genau in diesem Moment erfolgte der Angriff der Englaender.


Am 19. Juli, nach dem Umherirren auf See auf der Suche nach dem verschwundenen Feind, traf Nelsons Geschwader in Syrakus ein. Von Syrakus aus entsandte Nelson leichte Linienschiffe zu Aufklaerungsfahrten. Am 24. wurde unweit der Kueste Siziliens eine Handelsbrigg geentert. Von den Seeleuten der Brigg erfuhr Nelson, dass die franzoesische Flotte vor vier Wochen nach Suedosten gesegelt war. Erst jetzt begriff Nelson, wie sehr er sich mit dem Abzug von der Kueste Aegyptens beeilt hatte. Wenn diese letzte Information stimmte, war das Ziel des franzoesischen Angriffs entweder Aegypten oder Syrien. Die Flotte eilte mit allen Segeln zurueck nach Alexandria.
Am 1. August erreichten die englischen Schiffe die Kueste Aegyptens. Noch vor der Ankunft hatte Nelson schnelle Schiffe zur Aufklaerung an verschiedene Punkte der Kueste entsandt. Eines von ihnen entdeckte die franzoesische Flotte, die in der Bucht von Abukir vor Anker lag. Zum Glueck fuer die Englaender bemerkten die Franzosen den Aufklaerer nicht. Am Abend des 1. August rief der englische Konteradmira die Kapitaene der Schiffe auf das Flaggschiff. Auf dem Rat der Kapitaene stellte Nelson die Disposition fuer die morgige Schlacht vor; nach deren Eroerterung und einigen sachlichen Praezisierungen wandte sich der Kommandeur mit einer kurzen Rede an die patriotischen Gefuehle der Offiziere. Er sagte, dass sich morgen das Schicksal des Vaterlandes entscheide und dass dies nicht nur jeder Kapitaen, sondern jeder Matrose und jeder Kanonier verstehen muesse.
Kaum hatte die Sonne den Osten in der Farbe von Blut erhellt, nahm die Flotte Kurs auf Abukir.


Brueys war ueberzeugt, dass er die Bedingungen der Schlacht diktieren wuerde und dass die Englaender keine andere Moeglichkeit haetten, ihre Schlachtordnung zu formieren, als die ihnen aufgezwungene Linienformation. Dieser fatale Irrtum kostete die Franzosen die Flotte und den Vizeadmiral das Leben. Konteradmiral Nelson machte mit einem ueberlegenen Manoever die ;berzeugungen des franzoesischen Kommandeurs mit einem Schlag zunichte.
Die englischen Schiffe griffen den Gegner von Norden her an. Die Linienschiffe begannen den Angriff f;cherf;rmig in einem Winkel von etwa 45 Grad zur Aufstellungslinie der feindlichen Schiffe. Bei Erreichen der Reichweite des Kanonenfeuers drehten die Schiffe um weitere 45 Grad bei, und sofort eroeffnete die Steuerbordseite ein massives Artilleriefeuer auf die franzoesische Schiffsline. Die Schwierigkeit des Manoevers bestand darin, dass jedes Schiff zu einer fuer es festgelegten Zeit an einem bestimmten Ort erscheinen musste. Die zulaessigen Abweichungen waren gering. Keine einfache Aufgabe fuer eine Segelflotte, doch waehrend der zweimonatigen Seefahrt war ein gegenseitiges Verstaendnis der Kapitaene sowie eine Abstimmung der Handlungen der Flotte als Ganzes und jeder einzelnen Besatzung entstanden. Wohl keine andere Flotte zu dieser Zeit, ausser der von Nelson, haette ein solches Manoever so reibungslos durchfuehren koennen, doch selbst ihnen gelang es nicht perfekt. Ein Beleg dafuer sind die vier franzoesischen Schiffe, die auf das offene Meer entkommen konnten. Sie wurden uebrigens nicht verfolgt, moeglicherweise aufgrund der Verwundung des Konteradmirals. Gleichzeitig haette eine schlechte, ungenaue Ausfuehrung dieses Manoevers fuer die Englaender zusaetzliche Schwierigkeiten schaffen koennen. Natuerlich war fuer die Durchfuehrung des Manoevers ein guenstiger Wind erforderlich. Am Tag der Schlacht wehte ein Nordwind.
Unerwartet fuer die Franzosen erschien gegenueber ihren Schiffen, als waeren sie aus den Tiefen des Meeres aufgetaucht, die Linie der englischen Kriegsschiffe. Die Schlacht begann um 11 Uhr und dauerte den ganzen Tag an. Die Franzosen verteidigten sich verzweifelt, doch der Mangel an Maennern, insbesondere an Kanonieren, machte sich bemerkbar. Die Matrosen am Ufer waren nicht in der Lage, ihren Kameraden im Kampf zu helfen, und beobachteten ohnmaechtig den Fortgang der Schlacht. Zudem erlaubten die eingeholten Ketten den leichten Schiffen, die franzoesische Linie von links anzugreifen. Auf diese Weise nahm Nelsons Flotte die Schiffe von Brueys in die Zange und zwang die Franzosen, das Feuer von beiden Bordseiten aus zu fuehren, was unter den Bedingungen des Artilleristenmangels die Effektivitaet ihrer Verteidigung noch weiter senkte.
Zu Beginn des Kampfes konzentrierten die Englaender ihr Hauptfeuer auf das Flaggschiff – das neueste und kampffaehigste Schiff der gegnerischen Flotte. Gegen es agierten gleichzeitig zwei Schiffe von rechts, waehrend von links ein weiteres Linienschiff das Feuer auf das Flaggschiff eroeffnete. Nach mehreren Stunden ungleichen Kampfes stand die „Orient“ vollstaendig in Flammen. Drei weitere franzoesische Linienschiffe brannten ebenfalls. Zu Beginn der Schlacht fiel Vizeadmiral Brueys. Dies schmaelerte die Faehigkeit der franzoesischen Flotte zur wirksamen Verteidigung. Am Abend wurde klar, dass die Englaender gesiegt hatten. Vier franzoesische Linienschiffe brannten, die Kapitaene der anderen Schiffe strichen nacheinander die Flaggen. Die am rechten Fluegel der franzoesischen Linie befindlichen Schiffe nahmen ueberhaupt nicht an der Schlacht teil; sie konnten nicht zu Hilfe kommen, teils wegen des Mangels an Maennern, teils wegen des unguenstigen Windes. Zwei franzoesische Linienschiffe und zwei Fregatten setzten die Segel und entkamen auf das Meer. Spaeter ergaben sich beide Linienschiffe dem Geschwader von Admiral Uschakow.
Die Seeschlacht in der Bucht von Abukir wurde zum Wendepunkt in der militaerischen Konfrontation zwischen Frankreich und England der Jahre 1798-99. England errang die Kontrolle ueber das Mittelmeer. Durch diesen Sieg gelang es England, Wien, Petersburg und Konstantinopel zum Beitritt in die Koalition zu bewegen. Fuer Frankreich war die Niederlage seiner Flotte ein schwerer Schlag. Bonapartes Armee war von Frankreich abgeschnitten und hatte keine Moeglichkeit, Verstaerkungen auf dem Seeweg zu erhalten. Zwar blieb noch die Moeglichkeit, Verstaerkungen auf dem Landweg ueber die Tuerkei zu bekommen, doch dafuer war die Erfuellung zweier Bedingungen notwendig. Erstens – die Anwesenheit Talleyrands in Konstantinopel und der Abschluss eines Buendnisvertrages mit der Pforte, und zweitens – die Neutralitaet Oesterreichs. Beide Bedingungen wurden nicht erfuellt. Der Plan von Bonaparte und Talleyrand eines gleichzeitigen Schlages gegen die englischen Kolonien in Indien und gegen das Mutterland brach bereits zu Beginn seiner Ausfuehrung zusammen.


7


Die Armee eroberte Unteraegypten recht leicht. Vor ihr stand nun die Aufgabe, Oberaegypten zu unterwerfen, indem sie die verbliebenen Mameluckenabteilungen zerschlug oder vertrieb. Am 2. August, nach einer zehntaegigen Pause, die durch die Einrichtung in der Hauptstadt bedingt war, nahmen die Franzosen die Kampfhandlungen wieder auf. Die Division Desaix brach nach Sueden zum Oberlauf des Nils auf, um Murad zu verfolgen. Eine weitere grosse Abteilung rueckte aus dem Tal von Gizeh, wo die Hauptkraefte der Armee ihr Lager aufgeschlagen hatten, nach Nordosten in Richtung der Landenge von Suez vor. In Bubastis hatten sich laut Berichten der Vorhuten die Reste von Ibrahims Kavallerie gesammelt.
Beim Herannahen der franzoesischen Infanterie an Bubastis verliessen die Mamelucken die Stadt, doch sie zogen sich nicht weit zurueck. Ibrahim bezog eine Position etwa 20 Kilometer oestlich der Stadt und entsandte kleine Abteilungen (bis zu 50 Saebel) zu Sabotageakten in den franzoesischen Ruecken. Am 9. August traf Bonaparte in Bubastis ein. Am folgenden Tag rueckte die franzoesische Vorhut nach Osten vor. Zwischen Bubastis und El-Salhia kam es zu einem kurzen, hitzigen Gefecht der franzoesischen Bataillone mit Ibrahims Kavallerie, nach dem die Mamelucken ueber Suez in den syrischen Sand entkamen. Ohne Kavallerie konnten die Franzosen sie nicht verfolgen. Nachdem sie Garnisonen in Bubastis und El-Salhia zurueckgelassen hatten, kehrte der Hauptteil der Armee an seine staendigen Stationierungsorte zurueck.
In Bubastis erhielt Bonaparte die fuer die Armee tragische Nachricht von der Vernichtung der Flotte in der Bucht von Abukir. Die Niederlage der Flotte stellte den Erfolg des gesamten Unternehmens in Frage. Angesichts der Katastrophe von Abukir befahl der Kommandeur, die Garnisonen von Alexandria und Rosetta fuer den Fall einer englischen Landung zu verstaerken.


Von Mitte August bis Ende Dezember hielt sich Bonaparte, abgesehen von einem zweitaegigen Besuch bei den Pyramiden, in der Hauptstadt Aegyptens auf. Er setzte die Verwaltungs- und Wirtschaftsreformen fort und sammelte dabei ungeschaetzbare Erfahrungen in der Staatsfuehrung – Erfahrungen, die er ein Jahr spaeter in Frankreich erfolgreich anwenden sollte. Anfang Oktober nahm der Grosse Diwan seine Arbeit auf, ein Organ der lokalen Selbstverwaltung, das aus sieben Mitgliedern bestand. Die Sitzungen des Grossen Diwan sowie des Kleinen Diwan (die Verwaltung von Kairo aus neun Mitgliedern) dauerten bis zum Aufstand in der Hauptstadt an. Dieser Aufstand ueberraschte die „Befreier“ unangenehm.
In der Hauptstadt, die die Okkupation durch die Unglaeubigen aeusserlich ruhig hingenommen hatte, lebten zahlreiche geheime Anhaenger des alten Regimes. Emissaere von Murad und Ibrahim ruehrten in Kairo das Wasser auf und versprachen den Adligen, die schon durch die Tatsache der franzoesischen Praesenz beleidigt waren, sofortige Hilfe, sollten sie sich zum Aufstand gegen die „Kreuzzuegler“ entschliessen. Sie verbreiteten Geruechte, dass Frankreich und die Tuerkei kurz vor einem Krieg stuenden, was den Eintritt der Armee des Sultans in den Konflikt bedeutete. Der Bevoelkerung missfielen die Franzosen natuerlich, doch solange materielle Interessen oder religioese Gefuehle nicht verletzt wurden, waren die Einwohner der Hauptstadt bereit, sich mit den Eroberern abzufinden. So fanden die Beys in den ersten Monaten der Okkupation in Kairo keine soziale Basis fuer einen Dschihad. Die Einfuehrung einer Kriegssteuer, die im Uebrigen recht milde war, verwandelte viele passive Anhaenger der Mamelucken in aktive Mitstreiter. Der unmittelbare Anlass fuer den Aufstand war der Befehl des franzoesischen Kommandos zur Requisition von Pferden fuer die Kavallerie und den Tross. Aufgrund der Schwierigkeiten beim Transport verfuegte die franzoesische Armee zu Beginn des Feldzugs nur ueber einige hundert Pferde, die fuer das Aufklaerungsgeschwader und den Generalstab bestimmt waren. Den Tross und die Artillerie zogen Esel, die in Alexandria und den umliegenden Doerfern requiriert worden waren.
Im Osten war das Kamel das Hauptzugtier, was unter Wuestenbedingungen voellig gerechtfertigt ist. Das Pferd galt als Zeichen von Wohlstand. Nur reiche Leute besassen Pferde. Dementsprechend traf die Requisition unmittelbar diese sozial aktive Bevoelkerungsgruppe und schuf die Basis fuer die antifranzoesische Revolte.
Die Vorbereitung des Aufstands fand unter strengster Geheimhaltung statt. Waffen wurden in die Hauptstadt geschmuggelt, Kampfgruppen formiert, Kommandanten ernannt und den Abteilungen Aufgaben zugewiesen. Und die Franzosen? In einem fremden Land, ohne Kenntnis der Sprache und der Braeuche, ahnten die Besatzer bis zum letzten Moment nichts von dem verzweigten Netzwerk der Verschwoerer unter ihrer Nase.
Am Morgen des 21. Oktober begannen die Glaeubigen ueberall in der Hauptstadt, sich in Mengen zu sammeln. Das franzoesische Kommando und Bonaparte waren ueber die Menschenansammlungen auf den Plaetzen vor den Moscheen informiert, doch weder das Kommando noch Bonaparte massen dem eine Bedeutung bei. Genauer gesagt, waren alle ueberzeugt, dass irgendein religioeser Feiertag begonnen habe. An diesem Morgen besuchte Bonaparte mit seinen Stabsoffizieren die Altstadt, um Bauarbeiten zu beaufsichtigen. Um 10 Uhr wurde ihm von feindseligen Handlungen der Bevoelkerung und der Ermordung des Stadtkommandanten beim Versuch, die Menge zu beruhigen, berichtet. Erst da beschlichen die Franzosen Zweifel an den festlichen Absichten der Glaeubigen. Bonaparte eilte ins Hauptquartier, und das gerade noch rechtzeitig. Kurz darauf ertoenten fuenf Kanonenschuesse – das Signal zum Beginn des Aufstands. Die franzoesischen Soldaten aus verschiedenen Stadtteilen zogen sich eilig, aber organisiert in die Kasernen zurueck und bezogen im Erwartung der Befehle die Rundumverteidigung.
In dieser Zeit schossen in den Strassen der Hauptstadt Barrikaden wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. Die von den Franzosen unternommenen Verhandlungsversuche fuehrten zu nichts. Die Rebellen rechneten bis zum Eintreffen der Mamelucken mit langwierigen, blutigen Kaempfen in den engen, krummen Gassen. Es ist zweifelhaft, ob das franzoesische Kommando in dem Aufstand eine ernsthafte Bedrohung sah, doch eine anhaltende Revolte haette die Armee viel Blut kosten koennen. Bonaparte befahl, die dominierende Anhoehe im Stadtzentrum mit der Moschee auf ihrem Gipfel zu besetzen. Die Nacht verlief ruhig. Mit dem Morgengrauen begannen die Angriffe der Aufstaendischen. Viele fielen in den Strassenkaempfen. Das Feuern und das Gemetzel waren in vollem Gange, waehrend Bonaparte noch immer hoffte, dass die Aufstaendischen angesichts der von allen Punkten der Stadt gut sichtbaren Artillerie-Batterie zur Vernunft kommen wuerden. Am Mittag, als er die Vergeblichkeit der Hoffnung auf den gesunden Verstand der Rebellen begriff, befahl er, das Geschuetzfeuer zu eroeffnen. Die Kanonade dauerte bis zum Einbruch der Dunkelheit an. Das Artilleriefeuer verursachte enorme Zerstoerungen in der Stadt. In einigen Vierteln blieb kein einziges unversehrtes Haus zurueck. Zur Nacht hissten die Aufstaendischen die weisse Flagge und ergaben sich auf Gnade und Ungnade den Siegern.
Die Verluste der Aufstaendischen beliefen sich auf etwa 800 Personen. Die Franzosen verloren 250 Tote. Unter ihnen waren viele Gelehrte und Aerzte, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, sich in die Kasernen zurueckzuziehen. Bonaparte bestrafte die Rebellen so milde, wie er es fuer moeglich hielt, was bedeutete – um weitere Unruhen zu vermeiden –, dass die Hinrichtungen der Meuterer heimlich und nachts stattfanden. Etwa zweihundert Menschen wurden guillotiniert. „...jede Nacht enthaupten wir dreissig Personen, unter denen viele Anfuehrer sind“, schrieb General Reynier.
Der Aufstand zeigte, dass das Land zwar militaerisch erobert war, die Lage der Franzosen jedoch aeusserst prekair blieb. Um die Position der Besatzungsarmee zu staerken, war die Fortsetzung der Verwaltungsreform und die Durchfuehrung einer Religionsreform notwendig. Die durch den Aufstand unterbrochenen Sitzungen des Grossen Diwans wurden im November wieder aufgenommen. Der Grosse Diwan beschloss auf Anregung Bonapartes den Bau einer grossen Moschee in Kairo. Als wichtigste Aufgabe der Religionsreform sah Bonaparte an, Aegypten aus dem Einfluss von Konstantinopel zu loesen und unter die Oberhoheit von Mekka zu stellen, um damit die franzoesische Autoritaet in ganz Asien bis nach In-dien zu staerken. Der Feldzug nach Syrien erschwerte in gewissem Masse die Umsetzung der Religionsreform, doch bis zum Ende seines Aufenthalts in Aegypten gab Bonaparte die Versuche nicht auf, die religioese Abhaengigkeit Aegyptens von der Tuerkei zu beseitigen.
Unterdessen ging die Verfolgung des Mameluckenheeres weiter. Bis Dezember gelang es Murad, zus;tzlich mehr als 10.000 Mann fuer sein Heer zu mobilisieren. Die Gesamtstaerke seiner Abteilungen erreichte 14.000 Reiter. Die in Oberaegypten gegen Murad kaempfende Division Desaix draengte den Feind zurueck, doch da der zahlenmaessige Vorteil auf die Seite der Mamelucken uebergegangen war, verlangsamte sich das Vorruecken der franzoesischen Truppen erheblich.
Ibrahim, der in Syrien sass, wagte keine aktiven Handlungen. In Erwartung des Eintreffens der tuerkischen Armee beschraenkte er sich auf Aufklaerung und Beobachtung. Seinerseits ueberschritten auch die franzoesischen Truppen die Landenge von Suez nicht, damit diese Aktion nicht zu wachsenden Spannungen zwischen Frankreich und der Tuerkei fuehrte, auf deren Buendnis der Kommandeur den ganzen Herbst ueber gehofft hatte. Erst Ende November setzten die franzoesischen Abteilungen die Offensive nach Osten fort. Am 7. Dezember besetzten die Franzosen Suez und nahmen beim Vorruecken nach Osten mehrere Ortschaften bereits auf der Sinai-Halbinsel ein.

Mit dem Sieg in der Schlacht von Abukir sicherte sich die englische Flotte die Vorherrschaft auf dem gesamten Mittelmeer. Englische Kriegsschiffe (sehr bald schlossen sich den Englaendern russische, tuerkische und portugiesische Geschwader an) fuehrten Patrouillenfahrten durch, kaperten ausnahmslos alle Schiffe unter franzoesischer und spanischer Flagge und hielten Schiffe Neutraler auf offener See an, um sie zu durchsuchen. Sie blockierten die franzoesischen und spanischen Mittelmeerhaefen, statteten neutralen Haefen Inspektionsbesuche ab; kurzum, sie errichteten eine dichte Blockade des Mittelmeers.
Bonapartes Armee geriet in schwerste Bedingungen. Neben der Unmoeglichkeit, Verstaerkungen zu erhalten – was an sich schon das Scheitern des Feldzugs im geplanten Ausmass bedeutete –, gab es eine weitere, nicht weniger schwere Folge der Blockade: das Informationsvakuum. Es gab keinerlei Moeglichkeit, Korrespondenz zu erhalten oder abzusenden. Falls auf Schiffen Neutraler franzoesische Briefe aus Aegypten entdeckt wurden, drohten deren Eigentuemern grosse Unannehmlichkeiten bis hin zur Beschlagnahmung von Waren und Schiffen.
Im Herbst 1798 und im Fruehjahr 1799 sammelten die Englaender eine grosse Kollektion von Briefen aus Aegypten. Im Fruehjahr 1799 veroeffentlichte die Londoner Times die erste Serie der franzoesischen Korrespondenz und kuendigte eine Fortsetzung an. Um in Frankreich Niedergeschlagenheit und Schwermut hervorzurufen, wurden die Briefe so ausgewaehlt und kommentiert, dass beim Leser der Eindruck eines baldigen Zusammenbruchs von Bonapartes Armee entstand; doch die Times erreichte das Gegenteil. Die Veroeffentlichungen loesten die Empoerung und Entruestung der gesamten franzoesischen Gesellschaft aus. Statt Ratlosigkeit und Niedergeschlagenheit konsolidierten sich die Franzosen auf der Grundlage des Hasses auf alles Englische. Daher sagte die Times die Veroeffentlichung des zweiten Teils ab.
Die Blockade unterbrach die Verbindung zwischen dem Armeekommando in Aegypten und dem Direktorium. Bis Ende 1798 erhielt die Armee nur zweimal Briefe und Zeitungen aus der Heimat. Das erste Mal traf Mitte September ein franzoesisches Schiff in Alexandria ein, das Mitte Juli von Toulon ausgelaufen war. Das zweite Mal gelang es Mitte November einem franzoesischen Fahrzeug, unbemerkt nach Alexandria durchzubrechen. Dieses Schiff brachte Briefe und Zeitungen mit Nachrichten bis Mitte August. Von November 1798 bis Februar 1799 erhielt die Armee keine einzige Nachricht aus Frankreich. In einem Brief an Joseph vom 17. Dezember schrieb Bonaparte: „...kein einziger Brief seit dem Messidor. Dies an sich ist beispiellos fuer Kolonien“. Zu dieser Zeit neigte Bonaparte zu dem Gedanken, Kontakt mit den Englaendern aufzunehmen und, unter Einhaltung bestimmter Bedingungen, den Feldzug zu beenden.
Bonaparte erhielt nicht nur keine Nachrichten aus Frankreich und war ueber die Ereignisse in Europa im Unklaren, sondern auch alle seine Versuche, selbstaendig eine Verbindung zum tuerkischen Sultan und den Monarchen anderer arabischer Laender aufzunehmen, waren erfolglos. Bereits von Malta aus hatte Bonaparte Gesandte nach Kairo zum tuerkischen Pascha und nach Konstantinopel zum Grossvisier mit Briefen geschickt, in denen er den Adressaten die Ziele der franzoesischen Expedition erklaerte, ihnen die freundschaftlichen Absichten Frankreichs gegenueber der Tuerkei und ihren Provinzen versicherte und ihnen ein Militaer- und Handelsbuendnis gegen England anbot. Die Botschaft nach Konstantinopel blieb unbeantwortet, doch Bonaparte gab nicht auf. Zweimal waehrend des Sommers, im Juli und im August, in der Gewissheit, dass Talleyrand sich in Konstantinopel befinde, und um ihm die Bearbeitung des Sultans zu erleichtern, sandte der Kommandeur auf kleinen Schiffen Boten in die tuerkische Hauptstadt, welche uebrigens nicht zurueckkehrten, als waeren sie im Wasser versunken. Bonapartes Botschaft an den Grossvisier vom 9. November ereilte das gleiche Schicksal. Im Dezember sandte Bonaparte Beauchamp, den ehemaligen franzoesischen Konsul in Maskat, nach Konstantinopel mit Briefen an Yusuf-Pascha und Talleyrand. Das Schiff, auf dem sich der Gesandte befand, wurde unweit von Rhodos von einer englischen Kriegsfregatte angegriffen und geentert.
Der Oberbefehlshaber hielt es ebenfalls fuer sehr wichtig, Beziehungen zu den Statthaltern jener tuerkischen Provinzen aufzubauen, durch die der Weg nach Indien fuehrte. Mehrfach sandte Bonaparte kleine Reitertrupps mit Botschaften an Ahmed-Pascha, den tuerkischen Statthalter in Syrien und gleichzeitigen Kommandanten der Festung Akko, an den Scherifen von Mekka und den Pascha von Damaskus. Schliesslich sandte Bonaparte eine Botschaft nach Indien an Sultan Tippu – den Hauptverbuendeten Frankreichs in Indien.
„Du weisst wahrscheinlich bereits, dass ich mit einer unzaehlbaren und unbesiegbaren Armee an die Kuesten des Roten Meeres gekommen bin und dich vom eisernen Joch Englands befreien will. Ich beeile mich mitzuteilen, dass ich wuensche, dass du mir ueber Damaskus oder Mekka Informationen ueber deine politische Lage zukommen laesst. Ich wuerde es sogar begruessen, wenn du einen klugen Kopf nach Suez oder Kairo schicken wuerdest, mit dem ich sprechen koennte.“
Ende November begann die Armee mit den Vorbereitungen fuer den syrischen Feldzug. In einem Brief an die Regierung, den Bonaparte schrieb und absandte – nicht in der Hoffnung auf hohe Anweisungen, sondern als Rechtfertigungsdokument fuer den Fall eines Misserfolgs –, fuehrte er die Gruende fuer die Notwendigkeit dieses Feldzugs an: Sicherung der Eroberungen in Aegypten, Klaerung der Position der Tuerkei, Abschneiden der englischen Flotte von der Versorgung aus syrischen Haefen. All diese Gruende bestanden, doch das Hauptmotiv erwaehnte der verschlossene Bonaparte nicht. Zumindest bis zum 10. Februar, bis zur Ankunft des ragusanischen Schiffes, glaubte und hoffte Bonaparte zunaechst auf ein Buendnis mit der Tuerkei, das durch den in Konstantinopel befindlichen Talleyrand gesichert werden sollte. Falls der Sultan noch immer zoegert, sollte ein freundschaftlicher Marsch der franzoesischen Truppen auf Konstantinopel – und genau dorthin wollte Bonaparte – ihn dazu bewegen, Talleyrands Vorschlaege anzunehmen. Dann bestuende die Moeglichkeit, Verstaerkungen nicht ueber das Meer, sondern aus Norditalien ueber die europaeischen Provinzen der Tuerkei zu erhalten. So waere es moeglich, den urspruenglichen Plan auszufuehren, wenn auch in gekuerztem Format. Warum in gekuerztem? Zu Beginn des Syrien-Feldzugs im Februar 1799 war es fuer das laufende Jahr bereits zu spaet, eine Landung auf den Britischen Inseln durchzufuehren; doch zumindest konnte man im Buendnis mit der Tuerkei der britischen Vorherrschaft in Indien einen Schlag versetzen. Bonaparte wusste nicht, dass Britannien auch dieses Szenario vorhergesehen hatte, indem es gerade zu dieser Zeit Neapel dazu anstiftete, die Kriegshandlungen gegen Frankreich aufzunehmen.
Ende Dezember unternahm Bonaparte im Zuge der Vorbereitungen fuer den Syrien-Feldzug eine Reise zur Landenge von Suez. Die Hauptaufgabe der Reise war die Inspektion der Wege, auf denen die Armee bald marschieren sollte. Doch neben der Loesung utilitaristischer Aufgaben trieb den Kommandeur die Neugier an. Ingenieure hatten das Bett eines alten Kanals entdeckt. Sie vermuteten, dass dieser bereits zu Zeiten der Pharaonen gegraben worden war, um das Rote Meer mit dem Mittelmeer zu verbinden. Waehrend seines Aufenthalts auf der Landenge untersuchte Bonaparte das antike Bett im Hinblick auf seine Wiederherstellung, verwarf diesen Gedanken jedoch, da zu umfangreiche Arbeiten erforderlich gewesen waeren.
Der Kommandeur teilte die Armee in zwei Teile. In Aegypten blieben 16.500 Mann zurueck (6.500 in Unter- und 10.000 in Oberaegypten). Den zweiten Teil, mit einer Staerke von 13.000 Mann, bestimmte Bonaparte fuer den Feldzug. Er bestand aus fuenf Divisionen unvollstaendiger Staerke, die durch eine einfache Halbierung der vollstaendigen Divisionen gebildet worden waren. Diese wurden von den Generalen Kleber, Dugua, Lannes, Bon und Reynier kommandiert. Eine Flottille kleiner Schiffe sollte selbstaendig nach Syrien folgen. Ihre Aufgabe war der Transport von Proviant, Munition und Belagerungsgeschuetzen sowie, wenn moeglich, die Unterstuetzung der Landstreitkraefte. Da Alexandria Anfang Februar erneut durch das Geschwader von Kommodore Sidney Smith blockiert wurde und spaeter aufgrund schlechter Wetterbedingungen, verzoegerte sich das Auslaufen der Flottille erheblich. Dies fuehrte moeglicherweise zum Scheitern bei der Belagerung der Festung Akko.
Am 31. Januar 1799 besetzte die Division Reynier das an der Mittelmeerkueste der Sinai-Halbinsel gelegene Fort Katia. Das Fort wurde zu einem wichtigen Stuetzpunkt der franzoesischen Armee. Am Morgen des 7. Februar brach der Oberbefehlshaber zur vorrueckenden Armee auf. Er hatte sich kaum 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, als ihn ein Kurier aus dem Hauptquartier mit einer Nachricht einholte: In Alexandria war ein mit Wein beladenes ragusanisches Handelsschiff eingetroffen, an dessen Bord sich zwei Franzosen befanden. Der Oberbefehlshaber kehrte sofort nach Kairo zurueck. Am naechsten Tag trafen aus Alexandria die Buerger Chamelin und Livron in Kairo ein. Chamelin hatte fuer Bonaparte einen Brief des Konsuls von Ancona und einige Zeitungen dabei, die auf Mitte Oktober datiert waren. Die Kaufleute berichteten Bonaparte, dass ihrer Meinung nach die Lage in Europa recht angespannt sei, der Krieg jedoch noch nicht begonnen habe. Erst waehrend der Reise erfuhren sie, dass das Koenigreich Neapel der Roemischen Republik den Krieg erklaert und Kampfhandlungen gegen sie aufgenommen hatte. Alle Mitteilungen von Chamelin und Livron wurden protokolliert. Am Ende des „Gespraechs“ bat Bonaparte sie, das Protokoll zu unterzeichnen.
„Wenn sich Chamelins Mitteilung, dass Frankreich sich im Kriegszustand mit den Koenigreichen befindet, im Laufe des Maerz bestaetigt, werde ich zurueckkehren“, notierte Bonaparte am 10. Februar, und am 11. Februar brach er zur aktiven Armee auf.
Unterwegs erhielt Bonaparte eine Meldung des Vorhutkommandeurs General Reynier: Bei El-Arisch habe ein grosses Kavalleriegeschwader des Feindes, vermutlich Mamelucken, sein Lager aufgeschlagen, und er sei daher mit den vorhandenen Kraeften nicht in der Lage, das Fort einzunehmen. Die in der Nachhut marschierende Division Kleber (bei der sich Bonaparte befand) beschleunigte den Marsch maximal, um Reynier zu Hilfe zu eilen. Doch das Problem mit den Mamelucken loeste sich vor ihrem Eintreffen. In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar griff Reynier mit den tags zuvor eingetroffenen Truppen von Lannes den Feind an und schlug ihn vernichtend, denn der Nachtangriff war jene Unberechenbarkeit, mit der Bonaparte den Gegner so gerne zu verblueffen pflegte. Die ueberlebenden Mamelucken aus Ibrahims Abteilung (es waren Ibrahims Dschigiten) sowie die sich ihnen angeschlossenen Araber und Tuerken flohen, wie ueblich, in die Wueste. Am Morgen versuchte Reynier, den Erfolg ausbauend, das Fort im Sturm zu nehmen. Dieser Sturm kostete die Franzosen mehr als die naechtliche Schlacht. Sie verloren 200 Tote und 300 Verwundete.
Die Garnison des Forts zaehlte knapp tausend Soldaten der regulaeren tuerkischen Armee. Es war nur durch Erdwaelle befestigt, doch die gute, professionelle Beherrschung der Artillerie stoppte den Vormarsch der gesamten franzoesischen Armee. Am 15. und 16. trafen die Divisionen Bon und Dugua beim Fort ein und schlugen ihr Lager auf. Am Mittag des 17. Februar rueckte die Nachhut auf. El-Arisch versammelte, wie eine Harmonika ihren Balg zusammenzieht, alle 13.000 Franzosen vor seinen Waellen. Sofort nach seiner Ankunft ordnete Bonaparte an, Verhandlungen mit den Belagerten aufzunehmen. Am Tage lehnte der Kommandeur der Garnison das Angebot der Parlamentaere hitzk;pfig ab, doch gegen Abend siegte der gesunde Menschenverstand. Er erklaerte sich bereit, die Festung unter der Bedingung eines freien Abzugs der bewaffneten Garnison nach Aegypten oder Damaskus zu uebergeben. Am Abend des 17. unterzeichneten die Parteien den Vertrag ueber die Uebergabe des Forts. Zwei Stunden spaeter verliess die tuerkische Garnison das Fort, nachdem sie den Tross notduerftig zusammengestellt und die Kanonen auf Raeder gesetzt hatten. Doch beim Passieren des franzoesischen Lagers wartete auf die Tuerken eine ueberaus unangenehme Ueberraschung, die schlimmer war als der naechtliche Angriff. Die tuerkische Abteilung wurde von kampfbereiten franzoesischen Infanteristen umstellt. Ein Dolmetscher trat an den Kommandeur heran. Er bat darum, die Waffen freiwillig abzugeben und die franzoesische Armee freiwillig als Traeger zu begleiten. Was im Falle einer Ablehnung der franzoesischen „Bitte“ geschehen wuerde, erlaeuterte der Dolmetscher nicht, doch die in den Strahlen der untergehenden Sonne glaenzenden Bajonette sagten dies mit der ihnen eigenen Beredsamkeit. Natuerlich fanden die Tuerken die franzoesischen Argumente ueberzeugend genug. Die Franzosen liessen nur die Offiziere, die Verwundeten und die Kranken unbewaffnet abziehen. Uebrigens flohen waehrend der ersten beiden Nachtlager des wieder aufgenommenen Marsches fast alle tuerkischen Soldaten, und viele von ihnen schlossen sich der Garnison von Jaffa an.
Am 21. Februar setzte die Armee den syrischen Marsch fort. Auf dem Weg nach Jaffa nahmen die Truppen m;helos einige unbedeutende Ortschaften ein. Am 3. Maerz erreichte die Vorhut Jaffa, die erste gut befestigte Grossstadt. Vier Tage lang bereiteten sich die Franzosen auf den Sturm vor, ohne Verhandlungen mit der Garnison der Festung aufzunehmen. Am 7. Maerz rueckten die Divisionen zum Angriff vor, und bis Mitternacht war die Stadt eingenommen. In diesem Kampf verloren die Franzosen 200 Tote und ebenso viele Verwundete. Doch die franzoesischen Verluste stehen in keinem Verhaeltnis zur Zahl der gefallenen Verteidiger. 2000 Mann verloren die Tuerken, und dies war erst der Anfang. Die ganze Nacht hindurch toeteten franzoesische Soldaten Greise und Kinder, vergewaltigten Frauen und pluenderten Haeuser. Allein Allah weiss, wie viele Glaeubige in jener Nacht umkamen. Der Kommandeur ruehrte keinen Finger, um diesen Gewaltexzess zu stoppen. Doch das ist noch nicht alles. Die Reste der Garnison zogen sich kaempfend in die Innenstadt zurueck und bezogen dort Stellung. Mit ihnen nahmen Bonapartes Adjutanten Beauharnais und Croisier Verhandlungen auf. Die Tuerken ergaben sich gegen deren Ehrenwort, das Leben zu bewahren. Bonaparte erkannte die muendliche Vereinbarung jedoch nicht an und befahl, alle Gefangenen hinzurichten. Am Morgen wurden die Todgeweihten auf die Halbbrigaden verteilt, und zwei Tage lang dauerten die Erschiessungen an.


Unter El-Arisch verstarb das Konzept des friedlichen Hineinwachsens der franzoesischen Armee in den Koerper des Islam und nahm Tausende Einwohner und Soldaten von Jaffa mit ins Grab. Seit zweihundert Jahren verstummen die Debatten nicht… In Wirklichkeit gibt es keine Debatten. Es hat sich so eingebuergert, dass jeder, der ueber Napoleon schreibt, sich festlegt: Werden diese Morde durch Notwendigkeit gerechtfertigt oder nicht. Zu anderen Episoden der blutigen Geschichte Napoleons wird kein moralisches Urteil verlangt, doch am Jaffa-Kasus spalten sich die Historiker in Verteidiger und Anklaeger. So ist es Tradition. Seit zweihundert Jahren haben die Verteidiger eine Masse an Rechtfertigungsgruenden erfunden, bis hin zu den exotischsten. Nehmen wir nur diesen: Unter El-Arisch erzaehlte Junot Bonaparte von Josephines Untreue. Der Mann war verstaendlicherweise am Boden zerstoert, und da kam ihm das widerstaendige Jaffa gerade recht – also bestrafte er kollektiv die Einwohner und Verteidiger, wenn er schon die Ehefrau im Moment nicht erreichen konnte.
Ich weiss nicht, ob Bonaparte das Gestaendnis von Junot ueber Josephines Untreue betruebt hat (als ob er nicht ohnehin davon gewusst haette), doch die Nachricht vom Kommandanten der Garnison von El-Arisch, dass sich die Tuerkei und Frankreich im Kriegszustand befanden, erzuernte ihn masslos. Diese Neuigkeit verwandelte das Lamm in einen reissenden Wolf. Seit Bonaparte fast den Gipfel der franzoesischen Machtpyramide erklommen hatte, erlebte er zum ersten Mal eine so bittere Enttaeuschung, einen so tiefen Fall.
Vier Tage lang standen die franzoesischen Truppen reglos vor dem Fort El-Arisch; alle vier Tage lang ueberdachte Bonaparte seine Lage und die der Armee. Also: Talleyrand war, falls er Konstantinopel erreicht hatte, gefasst und hoechstwahrscheinlich hingerichtet worden. Allem Anschein nach waren alle Boten Bonapartes an den Grossvisier getoetet worden. Also hatten die Tuerken die Hoffnungen und Erwartungen des Kommandeurs schamlos verraten, da sie seine edlen Impulse nicht verstanden oder nicht verstehen wollten. Die Lage der Armee war extrem schwierig, nahe an einer Katastrophe. Einige tausend Franzosen befanden sich inmitten eines riesigen, feindseligen Landes. Was konnte die Expedition vor der voelligen Vernichtung retten? Furcht! Der Terror der Bevoelkerung vor der Gnadenlosigkeit der Bestrafung.
Die viertaegige Ueberlegung fuehrte Bonaparte zu dem Schluss: Notwendig war Gewalt – sinnlos, motivlos, grausamst. Praktisch beschloss der Kommandeur, den Feldzug fortzusetzen, dessen Endziel nach wie vor die Einnahme der tuerkischen Hauptstadt war. Und dort wuerde man weitersehen. Was die Armee betraf, so verbreitete sich die Nachricht vom „Verrat“ der Tuerkei augenblicklich unter den Truppen. Sie begrub die Hoffnung der Soldaten auf eine baldige Rueckkehr. Jeder, ob Soldat, Offizier oder General, fuehlte sich betrogen und hintergangen.


8


In Jaffa goennte Bonaparte der Armee einige Tage Ruhe. In Jaffa offenbarte sich eine weitere drohende Gefahr – die Pest. Zu allen Plagen, die die Armee auf diesem Feldzug belauerten, kam nun noch die Pestepidemie hinzu. Die Epidemie hatte bereits in Alexandria vor dem Aufbruch begonnen. In der Stadt wurde ein Infektionslazarett eingerichtet. Bonaparte besuchte es zweimal: das erste Mal waehrend des Aufenthalts in Jaffa und das zweite Mal beim Rueckzug der Armee. Beim ersten Besuch nahm er an der Beerdigung eines verstorbenen Veteranen teil, den er aus dem Italienfeldzug kannte. Solche Taten machten Bonaparte zum Idol der Soldaten. Die Epidemie schwaechte die Kampfkraft der Truppen erheblich (waehrend des Feldzugs starben etwa zweitausend Mann an der Krankheit, mehr als die Armee in Schlachten verlor) und sie wurde letztlich zu einer der Hauptursachen fuer den Abbruch des Syrien-Feldzugs.
Nach einer Woche befahl Bonaparte, den Marsch fortzusetzen. Am 14. Maerz brach die Armee aus Jaffa auf. Am 19. erreichte die Vorhut die Festungsstadt Akko, den Sitz des fuer seine Grausamkeit bekannten Statthalters in Syrien, Ahmed-Pascha, genannt Djezzar (der Schlachter). Die Stadt lag auf einer Landzunge, die weit ins Meer ragte. Von der Landseite her schuetzten die Festung ein tiefer Graben und hohe doppelte Mauern mit zahlreichen Tuermen. Die Bevoelkerung der Stadt zaehlte zusammen mit der Garnison etwa 12.000 Personen. Formal verfuegte der Statthalter des Sultans uneingeschraenkt ueber die Garnison und die Stadt, doch faktisch wurde die Verteidigung der Festung von einem franzoesischen Emigranten geleitet, einem Widersacher Bonaparts aus der Offiziersschule, Antoine Le Picard de Phelippeaux. Einige Tage vor Beginn der Belagerung hatten Schiffe des englischen Geschwaders unter Kommodore Smith Kanonen, reichlich Munition und Lebensmittel in die Festung gebracht. Zudem befanden sich staendig zwei von vier Linienschiffen und mehrere Fregatten aus dem Geschwader des Kommodore im Hafen von Akko; die Schiffsartillerie wurde zu einer wertvollen Ergaenzung der Festungsgeschuetze. Die Seeleute nahmen mit Zustimmung der Kapitaene freiwillig an der Abwehr der franzoesischen Angriffe teil, und diese Hilfe staerkte die Entschlossenheit und verlieh den tuerkischen Soldaten auf den Mauern Mut.
Vier Tage lang bereitete sich die Armee auf den Sturm vor. Im Morgengrauen des 23. Maerz, nach dem Beschuss der Festung durch Feldgeschuetze, der ohne nennenswerte Schaeden anzurichten die Verteidiger nur noch mehr anstachelte, rueckten die Truppen zum Angriff vor. Die Geschuetze der Linienschiffe feuerten mit Steilfeuer ueber die Koepfe der Verteidiger hinweg – natuerlich nicht gezielt, aber massiv genug. Die Festung empfing die Angreifer mit Salven aus Gewehrfeuer und Kartaetschen aus Kanonen. Der franzoesische Angriff wurde im Keim erstickt, noch bevor er die Mauern erreichte. Die Infanterie zog sich zurueck, trug die Verwundeten fort und liess die Toten im Graben und an dessen Zugaengen zurueck. Zum ersten Mal waehrend des achtmonatigen Orientfeldzugs trafen die Franzosen auf eine wirklich starke, nach europaeischem Vorbild organisierte Verteidigung, was Bonaparte unangenehm ueberraschte. Zwei folgende Stuerme, die im Abstand von jeweils einer Woche unternommen wurden, fuehrten zu demselben fuer die angreifende Seite klaeglichen Ergebnis. Erst nach dem dritten Misserfolg beschloss Bonaparte, auf das Eintreffen der Belagerungsartillerie zu warten, die die alexandrinische Flottille schon laengst haette nach Jaffa bringen sollen.
Waehrend Bonaparte sich mit dem Hauptteil der Truppen der Belagerung der Festung widmete, rueckte die Division Kleber nach Osten zum Jordan vor. Am Morgen des 15. April stiess bei Nazareth die Vorhut der Division unter dem Kommando von Oberst Junot auf die Vorhut der tuerkischen Armee, die den Verteidigern der Festung zu Hilfe eilte. Fuenfhundert Infanteristen und einhundert Kavalleristen Junots griffen aus dem Marsch heraus die fuenftausend Mann starke tuerkische Vorhut an und schlugen sie in die Flucht. Auf ein solches Abenteuer haette sich ausser Junot wohl nur Lannes eingelassen. Doch die gesamte herangezogene tuerkische Armee zwang den Oberst, sich in die Stellung der Division Kleber zurueckzuziehen. Sobald Junot das Gefecht eroeffnet hatte, sandte Kleber seinen Adjutanten zum Oberbefehlshaber, um Verstaerkung anzufordern. Am Mittag uebergab der Adjutant Bonaparte die Meldung Klebers. Eine Stunde fuer die Vorbereitung, und die Division Bon, angefuehrt von Bonaparte selbst, brach zum Marsch auf. Vier Stunden Marsch, und die Bataillone trafen gerade rechtzeitig zur entbrennenden Schlacht ein.
Zu Beginn der Schlacht hielten die Karrees von Kleber nur mit Muehe den Kavallerieangriffen des Feindes stand, waehrend die Bataillone unter Bonapartes Kommando aus dem Marsch heraus den linken Fluegel der tuerkischen Armee angriffen und durch ihren entschlossenen Angriff eine entsetzliche Verwirrung in den Reihen des Gegners stifteten. Als Kleber den Erfolg am rechten Fluegel und infolgedessen den Rueckzug der tuerkischen Reiterei sah, ging er selbst zum Angriff ueber und liess seine beiden Dragonereskadronen vor der Infanterie herstuermen. Viertausend Franzosen nahmen 25.000 tuerkische Kavalleristen und 10.000 Infanteristen in die Zange, dr;ngten sie durch Flankenfeuer so eng zusammen, dass die Schlachtordnung voellig aufgeloest wurde und die Fuehrbarkeit verloren ging. Die Niederlage war ausserordentlich gruendlich. Bis zur Nacht blieben 5.000 gefallene Tuerken auf dem Schlachtfeld liegen. Die Franzosen gaben ihre Verluste in dieser Schlacht mit 100 Toten und Verwundeten an.


In wenigen Wochen eroberten die republikanischen Truppen unter dem Kommando von General Bonaparte das Heilige Land; in wenigen Wochen vollbrachte Bonaparte das, was die Kreuzritter in zweihundert Jahren nicht vermocht hatten. Die Nacht nach der Schlacht verbrachte der Oberbefehlshaber im alten Kloster von Nazareth.
Am Tag nach der Vernichtung der tuerkischen Armee kehrten Bonaparte und die Division Bon in das Lager vor Akko zurueck. Hier erwartete Bonaparte eine erfreuliche Nachricht. Die alexandrinische Flottille hatte endlich die Belagerungsartillerie nach Jaffa gebracht. Am 30. April transportierten die Pioniertruppen unter grossen Muehen die Moerser und die dazugehoerige Munition in das Lager. Noch am selben Tag, nach der Aufstellung der Moerser, gaben die Franzosen einige Probeschuesse ab, die zwei Tuerme abrissen und an einer Stelle die Mauer erheblich beschaedigten. Den Sturm setzte der Oberbefehlshaber fuer den naechsten Morgen an. Doch ueber Nacht schlossen die Tuerken die Bresche, und am Morgen musste alles von vorn begonnen werden. Wieder schlugen schwere Kugeln auf denselben Punkt der Mauer ein, wieder entstand eine Bresche, und erst danach rueckte die Infanterie zum Angriff vor. Doch auch dieser Sturm erwies sich, wie die vorangegangenen drei, als erfolglos.
Am Abend aeusserten sich die Generale auf einer Besprechung einhellig dahingehend, dass die Bresche nicht breit genug und eine einzige Bresche fuer die Einnahme der Festung unzureichend sei. Als ob Bonaparte das nicht gewusst haette! Doch der Vorrat an Kugeln fuer die Moerser war begrenzt, und ihr Nachschub erforderte Zeit – selbst wenn man die englischen Raubtiere auf See nicht beruecksichtigte; da musste man sehen, wie man zurechtkam. Drei Tage lang feuerten die franzoesischen Kanoniere so sparsam wie moeglich und vollbrachten Wunder an Treffsicherheit; drei Naechte lang besserten die Tuerken fleissig die Luecken aus. Am vierten Tag befahl Bonaparte den bereits fuenften Sturm. Diesmal drang die franzoesische Infanterie in die Breschen ein, doch hinter der ersten Mauer kam eine zweite zum Vorschein, brandneu und – wie zum Spott fuer die Franzosen – voellig unversehrt. Noch dreimal stuermte die Armee gegen die Mauern an. Das letzte Mal (am 16. Mai) fand der Nahkampf bereits auf der zweiten Mauer statt, doch auch diesmal warfen die Tuerken, die einen fuer sie ungewohnten Mut zeigten, die Angreifer von den Waellen. Am Morgen des 17. Mai sahen die Franzosen erneut die ausgebesserten Luecken, und Kugeln waren keine mehr uebrig. Jede einzelne war verschossen. Hatte es einen Sinn, in diesem Geiste fortzufahren – diese Frage stellten sich Soldaten und Offiziere.
Am selben Tag, dem 17. Mai, beschloss der Oberbefehlshaber auf einem Kriegsrat, die Belagerung abzubrechen und die Armee nach Aegypten zurueckzufuehren. Ohne die Einnahme von Akko war der weitere Feldzug unmoeglich. Der Feldzug war endgueltig verloren – verloren aufgrund von Umstaenden, die ausserhalb von Bonapartes Kontrolle lagen.
Am 20. Mai begann der allgemeine Rueckzug der Armee. Die Tuerken verfolgten die abziehenden Truppen nicht. Da es fuer den Transport der Belagerungskanonen an Pferden mangelte, mussten diese vor dem Aufbruch im Meer versenkt werden. Trotz des Mangels an Wasser und Proviant und trotz der unertraeglichen Hitze verlief der Rueckzug organisiert und ohne Nachzuegler. Ein riesiges Problem stellte der Transport der Pestkranken und Verwundeten dar. 1200 Verwundete wurden ueber das Meer geschickt. Dieser Transport wurde unterwegs von einem englischen Geschwader abgefangen, und die franzoesischen Seeleute und Soldaten gerieten in Gefangenschaft. 800 Pestkranke wurden auf dem Landweg in der Vorhut der Armee transportiert. Fuer ihren Transport wurden alle verfuegbaren Pferde eingesetzt. Bonaparte selbst und alle Generale gingen zusammen mit den Soldaten zu Fuss. Es ist bekannt, dass man beim Rueckzug den hoffnungslos Kranken Opium verabreichte, um sie barmherzig von ihren Leiden zu erloesen. Laut Augenzeugen zoegerte der Oberbefehlshaber lange, bevor er diesen Befehl gab, wurde jedoch von den Militaeraerzten ueberzeugt. Nach Erreichen von Jaffa ruhte die Armee zwei Tage lang aus. Auf Befehl Bonapartes wurden vor dem Abzug die Festungsmauern von Jaffa gesprengt. Mitte Juni kehrte die Armee nach Kairo zurueck. Nur in der Festung El-Arisch, als einziger auf syrischem Territorium, wurde eine kleine Garnison zurueckgelassen.
Waehrend Bonapartes Abwesenheit verdient in Aegypten nur der Aufstand religioeser Fanatiker in Oberaegypten Erwaehnung, der von einem „Gesandten“ des Propheten Mahdi angefuehrt wurde. Diesen Aufstand schlugen die Franzosen ohne grosse Muehe nieder.



9


Der Sultan teilte die gegen die Franzosen vorgesehenen Truppen in zwei Teile. Die erste Armee besiegte Bonaparte beim biblischen Nazareth; die zweite wartete auf Rhodos auf ihre Stunde. Ihr Kommandeur, General Said Mustafa-Pascha, weigerte sich nach Kenntnis der Einzelheiten der Schlacht von Nazareth aufgrund der Schwaeche seiner Armee, Aegypten von den Eroberern zu befreien. Moeglicherweise waere das deutsch-tuerkische Ringen um Aegypten damit beendet gewesen, doch der Vertreter der englischen Regierung, Kommodore Sidney Smith, strebte mehr als die Tuerken selbst danach, das alte Aegypten unter die Herrschaft des Sultans zurueckzufuehren.
Die Stellung des Kommodore in Aegypten war nicht ganz gewoehnlich. Einerseits unterstand er als Geschwaderkommandeur direkt dem Befehlshaber der Mittelmeerflotte, Lord Vizeadmiral Elphinstone (der erste Viscount Keith), sowie dem Befehlshaber des oestlichen Teils dieser Flotte, Konteradmiral Nelson. Andererseits hatte ihn die Regierung durch seine Ernennung zum bevollmaechtigten Gesandten mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet, die weit ueber den rein militaerischen Bereich hinausgingen. Die Situation wurde durch die mangelnde Abstimmung der Instruktionen der Admiralitaet und des britischen Aussenministeriums sowie durch den Umstand, dass sein Bruder James Smith britischer Gesandter in Konstantinopel war, noch weiter verwirrt. Nach seiner Ankunft im Mittelmeer teilte Smith Nelson mit, dass „die ihm erteilten Instruktionen es ihm erlaubten, nach eigenem Ermessen ueber jedes britische Schiff zu verfuegen, das er in den Gewaessern der Levante finde, sofern nicht durch unvorhergesehene Umstaende ein im Rang hoeherer Offizier an Bord eines solchen Schiffes sein sollte“.
Somit unterstand Sidney Smith dem Kommando der Mittelmeerflotte nur pro forma.
Smith schlug dem tuerkischen Befehlshaber einen durchdachten Plan fuer eine Landungsoperation und die Vernichtung der franzoesischen Armee vor. Er basierte auf der massiven Unterstuetzung der tuerkischen Verteidigung der Halbinsel Abukir durch die englische Schiffsartillerie. Diese Taktik – versicherte Smith – habe es ermoeglicht, die Festung Akko zu halten, und diese Taktik werde die Eroberer vernichten. Zudem versprach Smith die Beteiligung englischer Seeleute an den Operationen der tuerkischen Armee. Unter diesen Bedingungen gab Mustafa widerwillig seine Zustimmung zur Landung.
Es war noch kein Monat seit dem ruhmlosen Syrien-Feldzug vergangen, als Bonaparte eine Eildepesche aus Alexandria erhielt. Der Kommandeur der alexandrinischen Garnison, General Marmont, berichtete dem Oberbefehlshaber von dem Erscheinen einer grossen Anzahl von Schiffen unter englischer und tuerkischer Flagge in den Kuestengewaessern, was offensichtlich eine baldige feindliche Landung bedeutete. Bonaparte hatte diese Landung erwartet und war auf sie vorbereitet. Wann, wenn nicht jetzt, da die franzoesische Armee durch den Misserfolg der Syrien-Operation moralisch und physisch geschwaecht war, sollte man sie durchfuehren? Waere Bonaparte an der Stelle des tuerkischen Befehlshabers gewesen, haette er dies einen Monat frueher getan. So hatte Mustafa mit seiner Ankunft noch gezoegert und den Franzosen Zeit gegeben, ihre Kraefte zu regenerieren.
Um den Fehler des langsamen Mustafa nicht zu wiederholen, beschloss Bonaparte, sofort auszuruecken und den Feind zu vernichten, bevor er sich festsetzen und bevor die Tuerken sich mit den Mamelucken vereinigen konnten. Basierend auf unvollstaendigen und ungenauen Informationen, aber mehr noch seiner Intuition folgend, entwarfen Bonaparte und General Berthier innerhalb weniger Stunden eine Skizze der Operation und sandten Ordonnanzen mit Befehlen an die im ganzen Land verstreuten Einheiten. Noch in Frankreich, beim Studium der Karten der aegyptischen Kueste, hatte Bonaparte drei moegliche Landungsplaetze fuer Bodentruppen bestimmt – die Halbinsel Abukir, Rosetta und Damietta. Andere Punkte waren fuer eine Landung und eine darauf folgende militaerische Operation nicht so guenstig. Und indem er die Handlungen des tuerkischen Befehlshabers vorausberechnete, nahm Bonaparte diese drei Kuestenpunkte als moegliche Landungsorte der Tuerken an. Alle drei liegen in etwa gleicher Entfernung von El-Romani, das Bonaparte als Sammelpunkt der Armee festlegte. Jede Abteilung sollte der vom Oberbefehlshaber befohlenen Route folgen und zur festgesetzten Zeit in El-Romani eintreffen. Bonaparte selbst brach am naechsten Tag mit dem Stab und einer kleinen Abteilung aus der Hauptstadt auf. Unterwegs erhielt er Berichte von Marmont mit Details ueber das Verhalten der feindlichen Flotte, die darauf hindeuteten, dass die Landung in der Bucht von Abukir stattfinden wuerde.
Unterdessen landete die tuerkische Armee mit einer Staerke von 20.000 Mann auf der Halbinsel Abukir. In dem Fort, welches die Halbinsel sicherte, befand sich eine franzoesische Garnison von 300 Soldaten. Der Kommandeur der Garnison traf die fatale Entscheidung, den aeusseren Perimter des Forts zu verteidigen, der nur durch Erdwaelle befestigt war. Im eigentlichen Fort mit seinen hohen Mauern und ausreichenden Vorraeten an Munition und Proviant liess der Kommandeur nur 35 Soldaten zurueck. Die Tuerken ueberrannten muehelos die duenne Kette der franzoesischen Soldaten, nahmen sie gefangen und richteten sie unmittelbar nach dem Kampf alle hin. Eine gleichwertige Antwort des tuerkischen Kommandos auf die Toetung der Kriegsgefangenen in Jaffa. Zwei Tage spaeter ergaben sich die restlichen Verteidiger des Forts unter der Garantie, ihr Leben zu behalten.
General Marmont versuchte mit einer viertausend Mann starken Abteilung der alexandrinischen Garnison die tuerkische Armee zu schlagen, so wie Bonaparte es bei Nazareth getan hatte. Doch Marmont war weit entfernt vom militaerischen Genie Bonapartes. Die Tuerken schlugen den franzoesischen Angriff zurueck, und Marmont zog seine Einheiten unter den Schutz der Festungsmauern zurueck. Die tuerkische Armee verfolgte die abziehenden Franzosen nicht, und damit offenbarte Mustafa Bonaparte seine Absichten.
Am 19. Juli trafen der franzoesische Oberbefehlshaber und der Generalstab in El-Romani ein. Zu diesem Zeitpunkt hatten die ersten franzoesischen Abteilungen, die unmittelbar nach Erhalt der Befehle des Hauptquartiers aufgebrochen waren, El-Romani erreicht. Die mit mathematischer Praezision berechnete Operation entwickelte sich rasant. Bereits in El-Romani war Bonaparte nach Erhalt und Analyse von Marmonts Meldung fast sicher, dass die Tuerken aus der Verteidigung heraus spielen wollten. Ausgehend von dieser Annahme setzte er das Datum der Schlacht auf den 25. Juli fest. Der Oberbefehlshaber und der Stabschef diskutierten sehr ernsthaft die Frage, ob die gesamte tuerkische Armee in der Bucht von Abukir gelandet sei. Erneut auf den urspruenglichen Feldzugsplan zurueckgreifend, hatte Bonaparte beabsichtigt, die Landung der Bodentruppen an drei Orten durchzufuehren, und es waere vernuenftig gewesen, von der tuerkischen Fuehrung ebenso durchdachte Handlungen zu erwarten. Jedenfalls koennte die Landung eines Teils der tuerkischen Armee in Rosetta eine ernsthafte Bedrohung fuer den rechten Fluegel der Armee darstellen – und die Generale kamen zu dem Schluss –, dass es zur Verhinderung einer solchen Bedrohung notwendig sei, eine der Divisionen nach Rosetta zu schicken. Die Wahl des Oberbefehlshabers fiel auf die Division Kleber. Die anderen Divisionen sammelten sich weiter in El-Romani. Nach drei Tagen entschied Bonaparte, dass er genuegend Truppen fuer die Schlacht beisammen hatte.


Frueh am Morgen des 22. Juli brach die Armee zum Marsch auf. Bonaparte selbst ritt, begleitet von einer Eskadron Dragoner, den Truppen voraus und war bereits am Abend in Alexandria. Gemeinsam mit den Ingenieuren inspizierte er detailliert die Festungsanlagen und gab Anweisungen zu deren Verstaerkung fuer den Fall, dass ein Rueckzug notwendig werden sollte. Die englischen Linienschiffe lagen in der Bucht von Abukir, und man musste die moegliche Beteiligung eines englischen Expeditionskorps an der tuerkischen Operation in Betracht ziehen; waere dies der Fall, so galt es, den aeussersten Fall vorzusehen – den Rueckzug nach Alexandria. Die meisten Schlachten werden gewonnen oder verloren, noch bevor der erste Schuss faellt. Und waehrend der franzoesische Befehlshaber verschiedene Szenarien der Schlacht in Erwaegung zog, hatte der tuerkische Befehlshaber nur einen Trumpf – die Schiffsartillerie der Englaender. Auf diese vertrauend, unternahm Mustafa keinerlei Handlungen, ausser dem Errichten schwacher Erdwaelle. Die Vorbereitungsphase der Schlacht offenbart mit aller Deutlichkeit den qualitativen Unterschied des Fuehrungsniveaus.
Am Mittag des 24. Juli erreichte die Vorhut unter dem Kommando von General Lannes, Bonapartes Adjutant im Italienfeldzug, den befohlenen Ort und rueckte in unmittelbare Naehe der feindlichen Stellung vor, wodurch er dem Gegner von vornherein die Moeglichkeit zum Manoever nahm. Bis zu den tuerkischen Positionen verblieben weniger als sechs Kilometer. Den gesamten Nachmittag ueber trafen die Bataillone ein und bezogen Biwaks hinter der Vorhut. Erst spaet am Abend traf die in der Nachhut marschierende Division Desaix im Lager der Armee ein. Bonaparte verfuegte ueber etwa 9.000 Infanteristen und 1.000 Kavalleristen unter Murat. Die tuerkische Armee zaehlte nach verschiedenen Quellen zwischen 15.000 und 18.000 Mann (zusammen mit den Besatzungen der tuerkischen Schiffe betrug die Staerke der Armee 20.000 Mann).
Am Morgen des 25. Juli gab Bonaparte den Befehl zum Beginn der Bataille. Er selbst leitete den Verlauf der Schlacht von ihrem Anfang bis zum Ende. Die Schlacht begann mit einem Angriff von Murats Kavallerie im Zentrum auf die vorderste Redoute des Feindes, die von einer fuenftausend Mann starken Abteilung verteidigt wurde. Von der Kavallerie bedraengt und durch Flankenfeuer schwere Verluste erleidend, zogen sich die Tuerken recht organisiert in die Stellungen der Hauptkraefte zurueck. Am rechten Fluegel r;ckten die Bataillone von Lannes vor; links griff die Division Desaix den Gegner an. Der franzoesische Vormarsch fand in einem Gelaende innerhalb der Reichweite der Festungskanonen und der Schiffsartillerie statt. Nach dem Plan des tuerkischen Kommandos und gemaess der Vereinbarung mit Smith sollten die Franzosen beim Angriff auf die vordersten Befestigungen unersetzliche Verluste durch das massive Feuer der Fort- und Schiffskanonen erleiden. Die Artillerie des Forts unterstueetzte die Tuerken intensiv. Ihre Salven fuegten den vorrueckenden Franzosen merkliche Schaeden zu. Doch die Unterstuetzung von See her blieb aus. Einige tuerkische Kanonenboote versuchten, die Einheiten von Lannes zu bombardieren, wurden jedoch von ihm mit nur fuenf Feldgeschuetzen vertrieben, wobei Lannes’ Artilleristen erfolgreich ein Kanonenboot versenkten. Die englischen Linienschiffe und Fregatten hingegen gaben keinen einzigen Schuss ab.
Die Unterstuetzung der tuerkischen Armee durch die englische Schiffsartillerie war der zentrale Punkt der tuerkischen Disposition. In ihrem Fehlen war das Schicksal der Schlacht besiegelt. Mit einem zweiten Angriff nahm die franzoesische Infanterie die tuerkische Hauptredoute ein und trieb die Verteidiger ins Meer. 2.000 Tuerken fielen beim Sturm, weitere etwa 10.000 versuchten schwimmend die Schiffe zu erreichen, und die meisten von ihnen ertranken. Nur eine relativ kleine Abteilung von 1.500 Mann unter der Fuehrung des Sohnes des tuerkischen Befehlshabers entkam den franzoesischen Flankenumarmungen in das Fort und verdoppelte dessen Garnison. Mustafa-Pascha selbst wurde persoenlich von Marmont gefangen genommen, dem Bonaparte fuer seine Tapferkeit in dieser Schlacht den Rang eines Divisionsgenerals verlieh. Laut den Aufzeichnungen des Generalstabschefs General Berthier verlor die Armee an diesem Tag 150 Gefallene und 750 Verwundete.
Unbesetzt blieb nur das Fort. Die Bataillone von Lannes versuchten, den abziehenden Tuerken auf den Fersen in die Festung einzudringen, doch diese wehrten sich, schlossen die Tore und trieben die Franzosen mit Kartaetschen von den Mauern fort. Bei diesem Sturm wurde der Held des Tages, General Lannes, verwundet. Bonaparte liess eine Division unter dem Kommando von General Menou zur Belagerung zurueck; den uebrigen Einheiten befahl er die Rueckkehr an ihre staendigen Stationierungsorte.
Zwei Tage nach der Schlacht verbrachte Bonaparte mit einigen Begleitern und einer kleinen Eskorte auf dem Feld bei Alexandria. Es war an der Zeit, in Ruhe und fernab der alltaeglichen Sorgen Bilanz ueber das Jahr zu ziehen und die schwierige Frage zu entscheiden: Was tun? Die Bilanz war trostlos. Die englische Regierung hatte das Direktorium auf dem gesamten Feld ausgespielt und die franzoesischen Truppen weder das Mutterland noch ihre Kolonien in Indien erreichen lassen. Die Armee in Aegypten war von See her durch englische Geschwader und zu Lande durch die mit England verbuendete Tuerkei fest eingeschlossen. Der Syrien-Feldzug war gescheitert. Es gab keinerlei Moeglichkeit, Indien zu erreichen oder ueber Konstantinopel nach Europa zurueckzukehren. Pest und Krieg hatten die Armee um ein Drittel dezimiert, und das Eintreffen von Verstaerkungen aus Frankreich war nicht abzusehen. Was sollte man in einer solchen Situation unternehmen?
Fuer ihn persoenlich gab es zwei Optionen – in Aegypten zu bleiben oder nach Frankreich abzureisen. Die erste Option versprach gewisse Moeglichkeiten, doch sie erforderte jahrelange Anstrengungen fuer den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes, fuer die Schaffung der notwendigen Infrastruktur fuer die Armee und schliesslich fuer die Eroberung der Tuerkei. Die Voraussetzungen fuer die Umsetzung dieses grandiosen Programms waren bereits geschaffen. Er war de facto der Alleinherrscher Aegyptens mit einem an Gehorsam gewoehnten Volk; er besass eine kleine, aber professionelle Armee, die durch die lokale Bevoelkerung erweitert werden konnte. Franzoesische Beamte bildeten die Basis fuer einen verlaesslichen Verwaltungsapparat, und schliesslich konnten die aus Frankreich mitgebrachten Gelehrten und Ingenieure Industriezweige aufbauen, die fuer das normale Funktionieren der Armee notwendig waren. Hatte man erst einmal die materielle Basis und eine Armee geschaffen, koennte man die franzoesisch-aegyptischen Truppen unter dem Banner der Wiedergeburt des Grossen Aegyptens zur Eroberung des Ostens bis nach China fuehren und damit Alexander den Grossen selbst uebertreffen. Und wer weiss, ob das alte Europa in der Lage waere, gegen die asiatischen Horden des Grossen Kibirs zu bestehen.
„Wenn ich Erfolg habe“, sagte Bonaparte in den letzten Tagen der Belagerung der Festung Akko, „werde ich in der Stadt die Schaetze des Paschas und Waffen fuer dreihunderttausend Mann finden. Ich werde ganz Syrien aufwiegeln und bewaffnen, das so sehr unter der Brutalitaet Djezzars leidet, um dessen Sturz die Bevoelkerung, wie man leicht sieht, bei jedem unserer Stuerme betet. Ich werde nach Damaskus und Aleppo ziehen. Waerend des Vormarsches werde ich meine Armee vergroessern, indem ich alle Unzufriedenen in sie aufnehme. Ich werde mit bewaffneten Scharen bis nach Konstantinopel vordringen. Ich werde das Osmanische Reich stuerzen. Ich werde im Osten eine neue grosse Monarchie gruenden, die meinen Namen in der Nachwelt verewigen wird.“
Bei Annahme dieser Option stand eine jahrelange, schwierige und m;hsame Arbeit mit einem h;chst ungewissen Ausgang bevor. W;rde er es schaffen?
Und was, wenn er abreiste? Sofort nach der R;ckkehr aus Syrien befahl Bonaparte dem Befehlshaber der Reste der franz;sischen Flotte, Konteradmiral Ganteaume, die Fregatten „Muiron“ und „Carrere“ sowie die Schebecke „Fortune“ f;r eine lange ;berfahrt vorzubereiten. Es war nicht sicher, ob sie genutzt w;rden, doch Bonaparte hielt es f;r zweckm;ssig, die M;glichkeit einer R;ckkehr vorzusehen. Das Risiko, Frankreich nicht zu erreichen, unterwegs abgefangen oder versenkt zu werden, war gross. Der Kommandeur sch;tzte die Chancen einer erfolgreichen R;ckkehr auf eins zu f;nf oder eins zu sechs. Doch es war nicht das Risiko an sich, das Bonaparte aufhielt. Das eigene Leben und das Leben anderer zu riskieren, war sein Beruf und seine Berufung. Nicht der Tod schreckte ihn, sondern die Gefangenschaft und das Ende seiner Karriere. Die Frage des Risikos formulierte Bonaparte etwas anders: Lohnte es sich, Leben und Karriere f;r das Direktorium, f;r den fettgewordenen Dieb Barras zu riskieren? Und indem er die Frage so stellte, antwortete sich Bonaparte selbst: Nein, es lohnt sich nicht!
Somit hatte Bonaparte, der Sultan Kibir, beschlossen zu bleiben – dies geht auch aus seinen sp;teren ;usserungen hervor –, doch dann geschah das unvorhersehbare Eingreifen der Vorsehung.



10



Waehrend Bonaparte in der Stille der aegyptischen Naechte das wichtigste Dilemma seines Lebens loeste, nahmen die Ereignisse auf der Halbinsel Abukir ihren Lauf. Vor seiner Abreise beauftragte er seinen Adjutanten Merlin und den Marineoffizier Decoppet damit, Verhandlungen ueber den Austausch tuerkischer Gefangener gegen franzoesische Soldaten und Seeleute zu fuehren, die von den Englaendern gefangen genommen worden waren. Kommodore Smith reagierte bereitwillig auf den Vorschlag. Er sandte seinen Sekretaer John Keith an Land. Am 28. Juli fanden im Zelt des Belagerungskommandanten des Forts, General Menou, die Verhandlungen statt. Keith brachte franzoesische und englische Zeitungen mit, die Nachrichten bis zum 10. Juni 1799 enthielten; nach aegyptischen Massstaeben waren sie brandneu, und er uebergab sie General Menou.
Warum zeigte der Sekretaer Smiths den Franzosen die Zeitungen nicht nur, sondern uebergab sie ihnen sogar freundlicherweise, wobei er den strengsten Befehl ueber die Blockade verletzte? Es scheint, dass Keith nach dem Impuls eines hitzigen jugendlichen Herzens handelte, das danach duerstete, den anmassenden Franzosen seine eigene Bedeutung zu beweisen. Andernfalls muesste man eine Intrige Smiths und damit seine goettliche Vorhersehung unterstellen, was den Rahmen der formalen Logik sprengt.
Wie dem auch sei, ob absichtlich oder nicht, die Zeitungen gelangten in die Haende Merlins. Kaum war das Ende der Verhandlungen abgewartet, ritt der Adjutant im Galopp nach Alexandria, wo sich Bonaparte bereits aufhielt. Um zwei Uhr nachts weckte Merlin den Oberbefehlshaber und uebergab ihm die Zeitungen. Den gesamten Rest der Nacht verbrachte Bonaparte mit Lesen. Frueh am Morgen liess er Ganteaume zu sich rufen und beriet sich zwei Stunden lang unter vier Augen mit ihm.
Gemaess der offiziellen franzoesischen Version der Geschichte rief Bonaparte nach dem Lesen der Zeitungen aus: „Sie haben alles verloren, was ich in Italien erobert habe!“. Das ist durchaus moeglich. Weiter behaupten franzoesische Historiker, Bonaparte habe die Entscheidung getroffen, nach Frankreich zu reisen, um das Vaterland vor der oesterreichischen und russischen Intervention zu retten – doch dies ist bereits wenig wahrscheinlich. Mitte Juni erlebte das Direktorium seine schwerste Zeit. Feldmarschall Suworow in Italien und Erzherzog Karl in der Schweiz draengten die franzoesischen Truppen zurueck. Doch militaerische Misserfolge an sich konnten Bonapartes Vorstellungskraft nicht erschuettern, denn im Krieg wie im Krieg kann es Siege geben, aber es kann auch Niederlagen geben. Was ihn jedoch wirklich ueberraschte und letztlich zum Handeln bewog, war die Instabilitaet der politischen Lage in Frankreich selbst. Die Macht des Direktoriums hing buchstaeblich an einem seidenen Faden. Das Land stand an der Schwelle zu einem weiteren radikalen Umbruch. Einmal hatte Bonaparte am eigenen Leibe den Wechsel der politischen Orientierung erlebt. Nach der Einnahme von Toulon glaubte Bonaparte, der Grundstein fuer eine grosse Karriere sei gelegt, doch in Paris wurden seine Goenner, die Brueder Robespierre, guillotiniert, und Bonaparte musste – nachdem er mit einem Schrecken und einigen Wochen Gefaengnis davongekommen war – alles von vorn beginnen. Ein andermal fuehrte sein Aufenthalt in Paris waehrend der Ereignisse des 13. Vendemiaire und seine aktive Beteiligung an der Niederschlagung des monarchistischen Aufstands zu einer qualitativen Veraenderung seiner Lage. Kurz gesagt, die persoenliche Erfahrung sagte Bonaparte: Bei Umstuerzen sollte man sich am Ort ihres Geschehens befinden und aktiv an ihnen teilnehmen. Nur so kann man zumindest seine Position bewahren und bei einer gewissen Portion Glueck diese erheblich verbessern.
Bonaparte befahl Ganteaume, die Vorbereitung der Schiffe zu beschleunigen, das Verhalten der englischen und tuerkischen Flotten genau zu beobachten und ihn sofort zu informieren, falls sie abziehen sollten. Und das Wichtigste – darauf legte Bonaparte besonderes Augenmerk – die gesamte Vorbereitung musste unter strengster Geheimhaltung erfolgen. Davon, wie gut dies gelingen wuerde, hing massgeblich der Erfolg des gesamten Unternehmens ab. Bonaparte nahm Merlin und Ganteaume das feierliche Versprechen ab, zu schweigen. Von der bevorstehenden Abreise wussten ausser ihnen nur noch zwei, h;chstens drei Personen – Menou, Marmont und moeglicherweise Murat. Selbst seinem Stabschef sagte Bonaparte nichts.
Ab dem 11. August war Bonaparte wieder in Kairo. Die letzten Tage vor der Abreise vergingen in angespannter Taetigkeit. Er erliess eine Reihe von Befehlen, die darauf abzielten, die Positionen der Armee im Osten gegen Angriffe ueber die Sinai-Halbinsel zu staerken, und festigte auf jede Weise die Kuestenverteidigung, um sich gegen eine moegliche englische Landung zu schuetzen. Sechs Tage spaeter, am 17. August, erhielt Bonaparte eine Depesche von Ganteaume: Das englische Geschwader hatte die Anker gelichtet und war abgezogen, offensichtlich um die Vorraete an Wasser und Proviant auf Kreta oder einer der Inseln des Archipels aufzufuellen. Sollte dies zutreffen, wuerden sieben bis acht Tage vergehen, bevor sie wieder auftauchten; in dieser Zeit war die Abreise moeglich.
Sofort nach seiner Ankunft in Kairo ordnete Bonaparte, um sich von den „rechtschaffenen Muehen“ auszuruhen, die Vorbereitung einer grossen Forschungsexpedition in das Nildelta an. Er selbst stellte die Listen der Offiziere zusammen, die als Belohnung an der Exkursion zur Besichtigung der Denkmaeler der verschwundenen Zivilisation teilnehmen sollten. Erst wenige Stunden vor dem Aufbruch teilte der Oberbefehlshaber unter strengster Geheimhaltung die Neuigkeit mit, die die gesamte Gesellschaft erschuetterte – in Wirklichkeit war das Ziel ihrer Exkursion nicht die Tempel der Pharaonen, sondern Frankreich. Fieberhafte Vorbereitungen begannen. Die Gelehrten packten alles ein, was sie in einem ganzen Jahr in verschiedenen Ecken Aegyptens zusammengetragen hatten, und wollten sich um keinen Preis von auch nur einem einzigen Stein trennen. Diese hastigen Vorbereitungen der Expedition erschienen vielen verdaechtig, doch alles verlief reibungslos. Der Oberbefehlshaber beabsichtigte jedoch, vor der Abreise noch eine Angelegenheit zu erledigen. Zwei Stunden vor dem Aufbruch besuchte Bonaparte den gefangenen Mustafa-Pascha und uebergab ihm eine Botschaft fuer den Grossvisier:

„An den Grossvisier, den Groessten unter den Groessten der Erleuchteten und Weisen, den Einzigen, der in die Geheimnisse Eingeweihten, den Groessten aller Sultane!
Eure Exzellenz, ich habe die Ehre, durch den Effendi, der bei Abukir gefangen genommen wurde und den ich nun zurueckschicke, zu schreiben, um Ihnen die tatsaechliche Lage Aegyptens zu erlaeutern und die Verhandlungen zwischen der Hohen Pforte und der Franzoesischen Republik wieder aufzunehmen, damit der Krieg beendet werden kann, der beide Laender ins Unglueck stuerzt.
Welches Schicksal zwingt die Pforte und Frankreich, die so lange durch gewohnte Freundschaft verbunden waren – eine Freundschaft aufgrund der Entfernung ihrer Grenzen –, gegeneinander Krieg zu fuehren? Frankreich ist der Feind Russlands und des Kaisers.
Warum spueren Sie, Eure Exzellenz, nicht, dass mit jedem gefallenen Franzosen die Zahl der Verteidiger der Pforte abnimmt? Wie ist es moeglich, dass Eure Exzellenz, gewoehnlich so erleuchtet in der Politik und anderen Bereichen des Staatslebens, nicht weiss, dass Russland und der deutsche Kaiser wiederholt miteinander ueber die Aufteilung der Tuerkei verhandelt haben und dass dies nur durch die Intervention Frankreichs vermieden werden konnte?
Eurer Exzellenz muss bekannt sein, dass Russland der wahre Feind des Islam ist. Kaiser Paul I. wurde Grossmeister des Malteserordens, was bedeutet – er hat gelobt, Krieg gegen die Muslime zu fuehren. Und ist er nicht das Oberhaupt der griechischen Kirche – der Hauptfeind des Islam?
Frankreich hingegen hat die Malteserritter vernichtet und die Fesseln zerrissen, mit denen die Tuerkei gebunden war. Die Franzosen glauben, wie es der Islam vorschreibt, dass es nur einen Gott gibt.
Nun hat die Hohe Pforte, die ein Freund Frankreichs war, ihm den Krieg erklaert, obwohl seine Religion dem muslimischen Glauben so nahe steht!
Russland und England haben die Pforte betrogen. Sie haben die Schiffe gekapert, auf denen wir in Aegypten ankamen, und unseren Feldzug als einen Angriff auf das Osmanische Reich dargestellt! Habe ich nicht immer gesagt, dass die Franzoesische Republik beabsichtigt, nur die Mamelucken zu vernichten und keinen Krieg mit der Hohen Pforte zu fuehren? Sie wollte lediglich den Englaendern schaden, nicht aber ihrem wichtigsten und treuesten Verbuendeten – Kaiser Selim!
Ist der Umstand, dass ich durch die in Aegypten befindlichen Leute der Pforte, durch die Schiffe des Sultans und durch Handelsschiffe unter osmanischer Flagge vom ersten Tag an unsere Beziehungen gepflegt habe, nicht ein ueberzeugender Beweis fuer die freundschaftlichen Absichten der Franzoesischen Republik?
Die Hohe Pforte erklaerte im Januar mit nie gesehener Hast der Franzoesischen Republik den Krieg, ohne die Ankunft des Gesandten Dubois abzuwarten, der bereits von Paris nach Konstantinopel aufgebrochen war, und ohne mich um Erklaerungen zu bitten oder auf meine Botschaften zu antworten.
Obwohl mir Ihre Kriegserklaerung bekannt war, sandte ich auf einer Karavelle den Konsul der Republik, den Buerger Beauchamp. Anstatt mir zu antworten, sperrte man ihn ins Gefaengnis, stellte ein Heer auf und befahl ihm, nach Aegypten ueberzusetzen. Um also in Aegypten nicht ueberrumpelt zu werden, hielt ich es fuer notwendig, die Wueste zu durchqueren und den Krieg in Syrien zu fuehren.
Mein Heer ist stark und unzaehlbar wie der Sand in der Wueste. Es ist hervorragend geschuetzt und verfuegt ueber alles Notwendige fuer den Sieg ueber andere Truppen. Die Zitadellen und Festungen, die in der Wueste und an den Grenzen stehen, sind bis zum Bersten mit Kanonen gefuellt: Ich habe nichts zu befuerchten. Hier bin ich unbesiegbar. Doch ich mache diesen Schritt aus Menschlichkeit, fuer eine ehrliche Politik, fuer den aeltesten und treuesten Verbuendeten – Kaiser Selim.
Was die Hohe Pforte niemals mit Waffen erreichen wird, kann sie auf dem Wege der Verhandlungen erlangen. Ich werde jedes Heer zerschlagen, falls es wagen sollte, nach Aegypten zu kommen, doch ich werde auf alle Friedensschritte antworten, auf alle Verhandlungsvorschlaege, die man mir macht. In der jetzigen Zeit, da die Hohe Pforte keine gemeinsamen Angelegenheiten mehr mit unseren Feinden, den Russen und dem Kaiser, hat, wird die Franzoesische Republik alles in ihrer Macht Stehende tun, um die guten Beziehungen wiederherzustellen, und jedes Hindernis aus dem Weg raeumen, das Zwietracht zwischen den beiden Laendern saet.
Beenden Sie daher die kostspielige und sinnlose Aufruestung. Ihre Feinde sind nicht in Aegypten, sondern hinter dem Bosporus und auf Korfu. Infolge einer ausserordentlichen Unvorsichtigkeit befinden sie sich heute im gesamten Archipel.
Ruesten Sie Ihre Schiffe aus und verbessern Sie diese, erneuern Sie Ihre Artillerie, seien Sie bereit, das Banner des Propheten zu hissen – nicht gegen Frankreich, sondern gegen die Russen und Deutschen, die lachend auf den sinnlosen Krieg blicken, den wir gegeneinander fuehren; und wenn wir erst ausreichend geschwaecht sind, werden sie ihr Haupt erheben und mit aller Macht ihre Forderungen stellen.
Es wird behauptet, wir wollten Aegypten erobern, doch Frankreich hatte niemals die Absicht, es zu behalten.
Entsenden Sie einen Gesandten mit unbeschraenkten Vollmachten nach Paris oder schicken Sie einen Bevollmaechtigten nach Aegypten. In zwei Stunden koennen wir alles regeln. Dies ist der einzige Weg, der die muslimische Welt beruhigen wird, ihre wahren Feinde aufzeigt und deren geheime Plaene vereitelt.
Sagen Sie nur ein Wort, und wir werden den Russen das Schwarze Meer sperren. Seien Sie nicht das Spielzeug feindlicher Maechte, die wir aus tausend Gruenden hassen.
Das franzoesische Heer will sein Koennen und seinen Mut nicht gegen Muslime richten; im Gegenteil, es wird die Zeit kommen, in der es, wie es bereits frueher war, gemeinsam mit den Muslimen die gemeinsamen Feinde vertreiben wird.
Ich glaube, Eure Exzellenz, ich habe nun genug gesagt. Sie koennen den Buerger Beauchamp freilassen und ihn ueber das Schwarze Meer schicken oder jeden anderen Weg nutzen, um mich Ihre Absichten wissen zu lassen.
Ich werde den gluecklichsten Tag meines Lebens jenen Tag nennen, an dem ich dazu beitragen kann, diesen politisch unbegruendeten und motivlosen Krieg zu beenden.
Ich bitte Eure Exzellenz, an meine tiefe Hochachtung und Verehrung zu glauben.“


Etwa einen Monat spaeter gelangte dieser Brief in die Haende des Sultans, hatte jedoch, wie zu erwarten war, keinerlei Einfluss auf die Position der Tuerkei.
Um Mitternacht waren alle Vorbereitungen fuer die Abreise der „Forschungsexpedition“ abgeschlossen, und um drei Uhr morgens machte sich die kleine Flottille flussabwaerts auf den Weg. Bereits unterwegs erhielt Bonaparte eine Nachricht von Ganteaume – auch das tuerkische Geschwader war vor Alexandria abgezogen.
Um die Tatsache der Abreise so lange wie moeglich geheim zu halten und eine englische Verfolgung zu vermeiden, beschloss Bonaparte, nicht von Alexandria oder Rosetta aus in See zu stechen, sondern von der kleinen, nahe bei Alexandria gelegenen Bucht El-Baida. Eine zweitaegige, gem;chliche Reise fuehrte die Fluechtenden nach El-Romani. Nach zwei weiteren Tagen Fussmarsch erreichten die Reisenden El-Baida. Am Abend naeherten sich die Schiffe aus verschiedenen Richtungen dem vereinbarten Einschiffungsort. Zuerst traf Menou mit zwei Schiffen von Sueden ein, dann Ganteaume, ebenfalls mit zwei Schiffen, von Norden. Sofort und mit aller erdenklichen Eile begann die Einschiffung. Waehrend die Soldaten, Offiziere und Gelehrten die Boote beluden und sie abfertigten, die leeren zurueck ans Ufer schickten, erneut beluden und wieder abfertigten, gab Bonaparte, noch in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Aegyptischen Armee, General Menou die letzten Anweisungen und Befehle. Menou besass kein angeborenes Talent als Feldherr, doch er war einer der wenigen, die die Kolonialpolitik verstanden und unterstuetzten. Menou begegnete der Entscheidung des Oberbefehlshabers, nach Frankreich zurueckzukehren, wo seine Faehigkeiten nun dringend benoetigt wurden, mit Verstaendnis.
Die Hauptfrage, die Bonapartes Gedanken in diesen Tagen beschaeftigte, war die Frage nach dem Nachfolger. Er schwankte lange zwischen den Kandidaturen von Desaix und Kleber; beide hatten ihre Schw;chen und St;rken. Kleber war im Vergleich zu Desaix talentierter und eigenst;ndiger, was unter den Bedingungen einer praktisch autonomen Existenz der Armee von grosser Bedeutung war. Doch die Medaille der Eigenst;ndigkeit hatte die Kehrseite der Widerspenstigkeit. Kleber war weniger als andere Generale von Bonaparte fasziniert. Nur in seltenen Momenten unbestreitbarer Beweise f;r das feldherrliche Talent des Oberbefehlshabers, wie es beim letzten Gefecht der Fall war, erkannte Kleber ;ffentlich die ;berlegenheit Bonapartes an, und dies nur auf dem Gebiet der Kriegskunst. In der ;brigen Zeit waren f;r ihn rebellische Stimmungen charakteristisch, die jedoch vorerst den Rahmen der milit;rischen Subordination nicht ;berschritten. Kleber unterst;tzte Bonapartes Kolonialpolitik nicht und glaubte, dass die Armee unter bestimmten Bedingungen so schnell wie m;glich in die Heimat zur;ckkehren sollte. In dieser Frage dr;ckte er die Sehns;chte und Hoffnungen der ;berwiegenden Mehrheit der Soldaten und Offiziere der Armee aus, und aufgrund dieser Position genoss Kleber allgemeine Beliebtheit, m;glicherweise sogar mehr als Bonaparte selbst. Desaix wiederum teilte im Wesentlichen Bonapartes Ansichten bez;glich der Kolonialeroberungen und erkannte die unzweifelhafte Priorit;t des Oberbefehlshabers an, doch Desaix’ relativ schwache F;higkeiten als Stratege k;nnten f;r die Armee schwere Folgen haben. Daher fiel Bonapartes Wahl schliesslich auf Kleber.
Bonaparte uebergab Menou den Befehl ueber die Ernennung Klebers zum Oberbefehlshaber der Aegyptischen Armee sowie eine Vielzahl von Notizen, an denen er in den letzten Tagen intensiv gearbeitet hatte. Er uebergab auch einen Aufruf an die Armee:
„Nachrichten aus Europa haben mich zu der Entscheidung bewogen, nach Frankreich zurueckzukehren. Ich ueberlasse General Kleber das Kommando ueber die Armee. Das Heer wird bald Nachricht von mir erhalten; im Moment kann ich nicht mehr sagen. Es hat mich grosse Anstrengung gekostet, die Soldaten zu verlassen, an denen ich so sehr haenge! Doch dies ist nur voruebergehend. Der General, dem ich euch anvertraue, geniesst das Vertrauen der Regierung und das meine.“
Unterdessen war die Einschiffung beendet. Ganteaume riet eindringlich zum Aufbruch. Spaet am Abend des 22. August ging Bonaparte an Bord der Fregatte „Muiron“. Jeder der Reisenden bat den Meeresgott um einen guenstigen Wind. Am Morgen des naechsten Tages kam eine leichte Brise auf, die es den Schiffen ermoeglichte, von der gefaehrlichen Kueste abzulegen.


Ðåöåíçèè