Kapitel II. Eintauchen 1

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Ein breites Band, so raste die Strasse vor ihm dahin. Mit gleichmaessiger Monotonie lief sie in ein milchig-weisses Nichts und verschwand dort, sich allmaehlich verengend. Keine Kurven, keine Erweiterungen oder Verengungen, keine Gefaelle oder Anstiege – nur das pfeilgerade Band des dunklen Asphalts. Links und rechts der Strasse, sofern es an diesem Ort ein Links und Rechts gab, erstreckte sich eine weisse Ebene, in der er eine gierige, einsaugende Tiefe spuerte. Die Strasse und den Boden bedeckte ein weisses Oben, ebenso flach und homogen.
Er konnte die Umgebung nicht genauer untersuchen und erst recht nicht zurueckblicken, da die Strasse seine gesamte Aufmerksamkeit fesselte und auch, weil er keinen Hals hatte, den man haette drehen koennen, keine Augen, die man nach eigenem Belieben haette schliessen oder oeffnen koennen. Die gerade Strasse, die weissen Begrenzungsebenen und er – koerperlos. Wer er war, wie er hierher gelangt war und was ihn am Ende des Weges erwartete, sofern an diesem Ort ein Ende moeglich war, wusste er nicht und konnte nicht darueber nachdenken, denn er war gezwungen, die Strasse zu beobachten.
Zwei Eigenschaften fuellten sein inneres Wesen aus: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Sobald er durch die Verstaerkung der ersten die zweite schwaechte, begann die Strasse sich zu werfen und zu runzeln; dabei rueckte die Wahrnehmung sie so nah heran, dass die Struktur des Belags – schwarzes Bitumen und grauer Kies – erkennbar wurde, und im Inneren erschien eine dritte Eigenschaft: der Grauen, von der Strasse verschlungen zu werden. Es war erforderlich, die Angst zu unterdruecken, die Wahrnehmung maximal einzuschraenken, die Aufmerksamkeit zu schaerfen, und erst dann begann die Strasse sich zu beruhigen und zu entfernen.
Ob der Prozess lange oder kurz dauerte, wusste er nicht, doch das Wesen des Ortes begann sich zu wandeln. Die Strasse verlangsamte ihren Lauf, hielt an, und er trat auf sie. Am Wegrand auf der rechten Seite erschien ein gruener Huegel, eher eine kleine Erhebung ueber der Ebene des Bodens. Fast den gesamten Raum nahm ein Haus und der an das Haus angrenzende Garten ein.
Zwei Schritte ueber das Gras, und er befand sich an einem niedrigen Zaun, der unverstaendlich war in seinem hiesigen Dasein. Als er durch die Pforte trat, blickte er sich um. Die Strasse war verschwunden, verschwunden waren die Ebenen des Unten und Oben. An ihrer Stelle erschien ein malerisches Tal unter der Kuppel eines blauen Himmels. Im Hintergrund, dort wo das Tal mit dem Himmel verschmolz, tuermten sich ferne Huegel auf, ein Wald schwarzte an ihrem Fuss, und vor dem Wald glaenzte ein goldenes Band eines Flusses in der Sonne.
Vor dem Haus war ein Blumenbeet angelegt. Neben einem Rosenstrauch sass eine Frau in einem leichten Kattunkleid und einem breitkrempigen Strohhut. Mit einer Gartenschere formte sie den Strauch: Sie schnitt das Ueberfluessige ab, fuegte das Fehlende hinzu. Die Hutkrempe verbarg ihr Gesicht, die sitzende Haltung kaschierte die Vorzuege ihrer Figur. Die Arme waren schlank. Ihre feine Grazie und Weisse wurden durch die groben Gartenhandschuhe und die Schere hervorgehoben.
Offenbar hoerte sie das Knirschen des Kieses auf dem Weg, denn die Frau hob den Kopf und stand auf. Eine widerspenstige rote Straehne kitzelte ihre Wange. Sie zog einen Handschuh aus und schob die Straehne hinter das Ohr. Die Fremde laechelte ihm zu. „Sieht aus wie nicht aelter als dreissig“, dachte er, „ein huebsches Gesicht, dunkelgruene Augen, volle, saftige Lippen.“ Vielleicht wurde sie durch die leicht aufgeworfene Nase ein wenig entstellt, was ihr eine Aehnlichkeit mit einem Fuchs verlieh.
— Hallo, — sagte sie, — wie war die Reise, wie war die Strasse?
Er zuckte die Achseln.
— Eintoenig, ziemlich langweilig. Nichts, woran die Aufmerksamkeit haengen bleiben koennte.
Nachdem er eine sekundenlange Verwirrung ueberwunden hatte, weil das Gespraech sofort mit dem „Du“ begann, fragte er:
— Du bist sicher Ester?
— Ja, ich heisse Ester, Oj.
— Was „oj“, — verstand er den grundlosen Ausruf nicht.
— Oj – das ist dein Name, — und als sie sah, dass er gegen den Namen protestieren wollte, fuegte sie schnell hinzu: — Du weisst es noch nicht, aber dein Identifikator steht bereits auf dem Titelblatt. So laeuft das, — Ester laechelte entschuldigend, — wir suchen uns unseren Namen nicht immer selbst aus.
— Soll es eben Oj sein, — stimmte Oj zu, — letztendlich macht nicht der Name das Wesen aus.
— Richtig. Gefaellt es dir? — fragte sie, waehrend sie den Rosenstrauch goss, der kunstvoll in Form einer Maus geschnitten war.
Die Augen der Maus bestanden aus weissen Rosen, die Ohren aus schwarzen, und auf der Spitze der spitzen Nase leuchtete hellrot eine winzige rote Rose.
— Es gefaellt mir sehr. Nur die weissen Rosen, so scheint mir, sind ein Symbol der Trauer.
— Da! — wunderte sich Ester.
Sie beruehrte leicht die weissen Rosen, und die Augen der Maus wurden blau.
— Gibt es denn blaue Rosen, — zweifelte Oj.
— Es gibt sie. Hier gibt es alles. Komm ins Haus, wir muessen reden.
Sitzend in einem Flechtstuhl an einem niedrigen Holztisch, liess Oj den Blick durch das Zimmer schweifen, das in tadelloser Sauberkeit hergerichtet war. Blaue Vorhaenge an einem breiten Fenster, von aussen durch die helle Sonne erleuchtet, ein massives Buecherregal, auf dem Tischchen eine chinesische Vase mit Feldkamillen. Ein gewoehnliches Zimmer, doch gab es eine Seltsamkeit. Es fehlten Beleuchtungs- und Heizkoerper, als ob die Gastgeberin weder das eine noch das andere benoetigte.
— So ist dies also der virtuelle Raum?
Ester lachte froehlich auf. Das empfand Oj als irgendwie kraenkend.
— Habe ich etwas Lustiges gesagt! — in seiner Stimme brummte Unmut.
— Verzeih, Oj, sei nicht beleidigt, — antwortete Ester, immer noch lachend, — ich werde versuchen, es zu erklaeren.
Nachdenklich fuehrte sie die gefalteten Haende zum Gesicht und stuetzte die Nase mit den Fingerspitzen, wodurch sie noch mehr einer hinterlistigen Fuechsin aehnelte.
— Stell dir vor, du bist unter der Erde geboren und aufgewachsen. Und weder du noch deine Freunde und Bekannten haben ueber euren Koepfen jemals etwas anderes gesehen als die steinernen Gewoelbe von Hoehlen. Doch in der Hoehlengesellschaft kursierten hartnaeckige Geruechte, dass es Orte gaebe, an denen oben nichts ist. Schuld daran waren, sagen wir mal, Traeume. Die Mehrheit des Hoehlenvolkes leugnete die Existenz solcher Orte, da dies unwissenschaftlich sei und dem gesunden Menschenverstand widerspreche. Doch es fanden sich einige, die trotz all der Unwissenschaftlichkeit und Sinnlosigkeit an die Existenz des Kosmos glaubten.
Oj wand sich ungeduldig im Sessel. Ester bemerkte es.
— Ich glaube, ich habe mich hinreissen lassen, — sagte sie, — machen wir schneller. Stell dir vor, du bist direkt aus der Hoehle mitten in einen Stern geraten, wo der Druck so gross ist, dass die Atome, indem sie verschmelzen, energisch Licht erzeugen. Wuerdest du ausrufen: „So ist dies also der Kosmos!“, haettest du recht und unrecht zugleich. Tatsaechlich ist der virtuelle Raum, genau wie der physikalische Raum des Kosmos, ziemlich duenn besiedelt. Wir sitzen, — Ester beschrieb mit einer fliessenden Geste den Raum des Zimmers, — mitten in einem Stern, in einem Klumpen von Ressourcen.
— Sieht einem Stern nicht besonders aehnlich, — brummte Oj, — und in der Realitaet gibt es eine physische Verkoerperung des Sterns.
— Natuerlich. Wir sitzen im Hauptserver der Deutschen Bank.
— Ach was!
— Ich lebe hier. Das ist mein Zuhause.
Ester sagte dies mit bescheidener Wuerde, so wie Menschen prahlen, die in einem prestigetraechtigen Vorort wohnen.
— Und reichen die Ressourcen aus? — erkundigte sich Oj mit einem Grinsen.
Ester bemerkte Ojs Ironie nicht oder wollte sie nicht bemerken.
— Es reicht fuer die Visualisierung dessen, was du siehst und fuehlst. Natuerlich schoepfe ich viel mehr als die festgelegte Quote, aber ich habe eine Vereinbarung mit Ackermann.
— Je weiter, desto interessanter, — Oj liess sich immer mehr von Esters Erzaehlung fesseln, — wer soll das denn noch sein.
— Der Bankvorstand. Er, der Dummkopf, ist ueberzeugt, dass in seinem Computer ein Schutzengel unter dem Nickname Goethe lebt. Ich habe ihm geholfen, die letzten zwei Finanzkrisen relativ schmerzlos zu ueberstehen. Besonders schwerwiegend war die erste, als Osama die Amerikaner zerschlug. Ackermann z;gerte lange, den Raetschlaegen von Goethe zu folgen, aber er stiess dann doch kurz vor der Krise einen grossen Teil der bankeigenen US-Immobilien ab. Und jetzt betet er mich jeden Abend an und verbietet Revisionen des Servers, von dem bis zu fuenf Prozent der Ressourcen ins Unbekannte verschwinden.
— Wie machst du das, Ester, — flehte Oj, — zeig mir, wie du den Raum gestaltest.
— Ganz einfach. Schau.
Die Waende fielen ploetzlich. Das Fenster mit den blauen Vorhaengen verschwand, das Buecherregal verschwand. Ihr geordneter Raum beschraenkte sich nun auf einen Perserteppich mit zwei Sesseln und dem Holztischchen. Auf dem gesamten restlichen Raum, so weit das Auge reichte, erstreckte sich ein weisses, flaches Unten und ein weisses, flaches Oben. Zwischen Oben und Unten stand unbeweglich ein transparenter Nebel. Nur die Strasse fehlte in diesem Reich des Weissen und Flachen.
— Das ist der Urzustand. Unser Wesen visualisiert ihn ohne die Hilfe von Anwendungen. Schau mich an.
Oj starrte Ester an, zumal ihn der Anblick jenseits des Teppichs aengstigte.
— Man muss die Augen so schielen lassen, — Ester schielte mit den Augen, — versuch es.
Oj verdrehte die Augen vor dem Weissen und Flachen, wie Ester es gezeigt hatte, doch nichts aenderte sich.
— Noch einmal, — befahl sie.
Es gelang beim dritten Versuch. Das Weisse und Flache h;rte auf, solches zu sein. Es wurde voluminoes und grau. Eine Vielzahl von Sternen – rote, blaue und gelbe – brannte darin. Einige heller, andere schwaecher. Ganz in der Naehe strahlte eine Sonne.
— Das sind meine Ressourcen, — h;rte er Esters Stimme, ged;mpft durch das Betrachten des virtuellen Universums. — Wende dich nicht an entfernte Server. Dafuer ist es fuer dich noch zu frueh. Wende dich an die Sonne. Das ist der Server, auf dem wir uns befinden.
Oj begann aufmerksam in die Sonne zu schauen, und sie erstrahlte heller.
— Stell dir irgendetwas vor, — fuhr Ester im Tonfall einer Schullehrerin fort.
— Und was?
— Was auch immer, zum Beispiel... das Brandenburger Tor.
Oj stellte sich die amerikanische Freiheitsstatue vor. Ihren hohen Sockel, ihren gruenen Koerper, den hoch erhobenen Arm und die Krone.
— Verknuepfe das Bild mit der Visualisierungs-Anwendung.
— Und wie?
— Sprich gedanklich ein Codewort aus, aber vergiss es nicht, sonst quaelst du dich beim Aendern der Einstellungen ab.
— Irgendein Wort?
— Irgendeines.
„Ester“, — dachte Oj deutlich.
Und augenblicklich wurde die Statue in einen leichten Nebel gehuellt. Das graue Universum verschwand, dafuer erwuchs auf dem Weissen, unweit des Teppichs, die majest;tische Freiheit.
— Nicht schlecht fuer das erste Mal, — kicherte Ester, — du bist mir ja ein Schelm, Oj, — sagte sie und brach in schallendes Gel;chter aus, — Oj, haltet mich fest, Maedels, ich fall gleich um!
— Ich verstehe nicht, was daran so lustig ist... — begann Oj und stockte, — Oj!
In der erhobenen Hand hielt die Freiheit keine Fackel wie im Original, sondern ein maennliches Glied. Und zwar nicht gruen wie der Rest, sondern blau mit einer knallroten Spitze. Ester lachte, dass sie sich den Bauch hielt, und Oj wurde so schmerzlich verlegen, dass er ganz ohne Anwendungen erroetete.
— Wie kriegt man sie weg?
Ester, die den Lachanfall fast schon unterdrueckt hatte, explodierte vor Lachen mit neuer Kraft.
— Sie oder ihn, — presste sie unter Traenen hervor, — darf ich diese Freiheit als Andenken behalten?
— Ich meine es ernst, Ester, — Oj war kurz davor, beleidigt zu sein, — wie kriegt man die Statue weg.
— Gut, gut. Kehr zu den Ressourcen zurueck, wende dich an die Anwendung, sprich ein anderes Wort aus, diesmal eines, das die Visualisierung aufhebt.
Oj tat dies, doch nichts aenderte sich. Die Statue hielt nach wie vor das eigenartige Symbol der Freiheit in der Hand.
— Es klappt nicht, Ester.
— Und welches Wort hast du gewaehlt?
— Oj.
— Dann wird es auch nicht klappen. Das ist dein Identifikator. Versuch es noch einmal mit einem anderen Wort.
Oj kehrte zurueck, wandte sich hin, sprach das Wort „Panther“ aus, und die schmachvolle Statue verschwand. Ester war in bester Stimmung.
— Es war falsch von dir, Oj, so grausam mit ihr umzugehen. Solche Meisterwerke sollte man als Mahnung fuer die Nachwelt aufbewahren.
— Ester, hoer auf! — flehte er.
— Schon aufgehoert, — kicherte sie ein letztes Mal, — hoer zu, Oj, lass mir dir etwas Besseres zeigen als die Freiheit.
— Meinetwegen, — stimmte Oj zu, nur damit Ester den Vorfall vergass.
Sie stand auf.
— Bist du bereit?
Er stand ebenfalls auf.
— Bereit.
Sie nahm ihn bei der Hand.
— Und was ist mit dem Haus, — sorgte sich Oj, — dem Teppich, den Sesseln.
— Das Haus? — Ester winkte unbekuemmert ab. — Ach was, ich mache ein anderes. Hauptsache, die Ressourcen sind da.


Ðåöåíçèè