Kapitel II. Eintauchen 2
Ester stampfte mit dem Fuesschen auf, und sie fanden sich h;ngend im blauen Himmel wieder. Sie fielen nicht, und das erschien Oj nicht seltsam. Er begann, sich an die Gesetze dieser Welt zu gewoehnen. Nur ein wenig uebel war ihm, da er im frueheren Leben immer Hoehenangst gehabt hatte.
Unter ihnen erstreckte sich eine bunte Landschaft. Es gab dort Berge, Taeler, wasserreiche Fluesse, schattige Baeche und Suempfe. Als Oj genauer hinsah, entdeckte er einige Abweichungen von der gewohnten Geologie. Ein Huegel wuchs mit dem Fuss nach oben, und ein Bergsee befand sich an einem fast senkrechten Felshang.
— Das ist das Land der russischen Literatur, — sagte Ester mit unverhohlenem Stolz. — Natuerlich ist es nicht ganz hier, fuer die Visualisierung des Ganzen wuerden die Ressourcen des Planeten nicht ausreichen, aber ein guter Teil davon. Lass uns tiefer hinuntergehen.
— Lass uns hinuntergehen.
Sie schwebten ueber einem weitlaeufigen Sumpf, der durch Grashuegel in viele Abschnitte unterteilt war. In der Mitte jedes Sumpflochs sass ein Frosch. Die meisten Froesche sassen unbeweglich da, als ob sie schliefen. Einige quakten, wodurch ueber dem Sumpf ein gleichmaessiges Droehnen lag, in dem man keine einzelnen Stimmen unterscheiden konnte.
— Hier habe ich die Netz-Dichter des Vers libre versammelt, — erklaerte Ester.
— Mir scheint, du magst den Vers libre nicht besonders.
— Warum sollte ich ihn nicht moegen, — entgegnete sie, — ich befinde mich selbst hier.
— Wo? — fragte Oj interessiert.
— Genau in der Mitte.
— Das ist der grosse gelbe Frosch mit der Krone auf dem Kopf.
— Ja, das bin ich. Huebsch, nicht wahr?
— Eine Schoenheit, — bewunderte Oj sie aufrichtig, — aber was hat sie da fuer einen Stock im Maul?
Ester schlug Oj leicht in den Nacken.
— In meinem Muendchen habe ich den Pfeil der Liebe.
— Oh! Ester, — stoehnte Oj auf, — ich bin ersch;ttert von der Subtilitaet deiner Fantasie.
Die gelbe Schoenheit oeffnete den Rachen. Der Pfeil der Liebe hing am Oberkiefer wie angeklebt.
— Qua, — sagte sie laut und uebertoente den allgemeinen Laerm, und nachdem sie eine kleine Pause eingelegt hatte, begann sie in sicherem Stakkato zu quaken: — Qua-qua, qua-qua, qua.
— Das bin ich, wie ich Gedichte ueber die amerikanische Freiheit quake. Willst du, dass ich sie vorlese?
— Danke, ich will nicht.
Ester blickte mit Ruehrung auf sich selbst in ihrer poetischen Hypostase. Sie fuchtelte mit den Armen wie ein Dirigent.
— Ich bin hier unter dem einfachen Nickname — Zarevna Ljaguschka.
— Oh! — bewunderte Oj sie erneut.
Unterdessen drehten sich einige der Dichter-Froesche, die offenbar die Stimme der Zarevna gehoert hatten, zu ihr um, wobei sie komisch von einer Pfote auf die andere watschelten, und quakten im Unisono.
— Die Rezis kommen, — sagte Ester in zufriedenstellendem Ton, — ihr meine Braven, — Ester warf ihren Dichterfreunden einen Luftkuss zu.
— Und hast du noch andere Nicknames? — fragte Oj.
— Unmengen, — antwortete Ester, — die bekanntesten darunter sind: „Preis Russischer Bunker“ und der Literaturwettbewerb fuer Kinder „Wieder kam der Frosch“.
Sie passierten den poetischen Sumpf und schwebten, Hand in Hand, ueber eine bunte Landschaft, die aus Flicken zufaelliger Groessen und Texturen bestand. Direkt unter ihnen erstreckte sich eine sommerliche Wiese mit einem Teich, der mit Riedgras und Schilf bewachsen war. Am Teich stand ein Herrenhaus, das im Schatten eines Gartens versank. Im Garten spielten Bauernkinder und zwei junge Herren in Matrosenanzuegen Lapta. Weiter vorn hinter der Wiese schlaengelte sich eine Nachtstrasse durch die Felsen. Der bleiche Mond goss ein trauriges Licht auf die wilden Steine, auf einen Ritter, der sich ueber eine tote Braut beugte. Links floss ein heller Bach mit vereinzelten Trauerweiden. Am Bach sass auf einem Stein ein Juengling, der fieberhaft etwas in einen Block schrieb. Hinter seinem Ruecken weidete eine Herde unnatuerlich weisser, ordentlicher Schafe. Ein Hirte mit Tirolerhut spielte auf einer Schalmei, um das Gehoer der Schafe zu ergoetzen, waehrend eine junge Hirtin, fast noch ein Maedchen, einen verschlungenen Tanz auffuehrte, der aus Umarmungen und Kuesschen fuer die Schafe bestand. Rechts hingegen befand sich eine Winterallee.
— Hier habe ich die klassische Poesie versammelt, — Ester beschrieb die Natur der klassischen Poesie mit einer weiten, einladenden Geste, — allein von den Puschkins habe ich ein paar Dutzend. Ich zeige sie dir gleich.
Ester zog Oj nach rechts, und sie gelangten auf eine breite Allee, deren jungfraeuliche Weisse von zwei Reihen schneebedeckter, jahrhundertealter Linden bewacht wurde. Auf der Allee schritt in Begleitung eines Lakaien Aleksandr Sergejewitsch dahin. Seine Schultern waermte ein langschoessiger Schafspelz. Seinen Kopf waermte ein hoher Zylinder. Ein Windstoss wehte fuer eine Sekunde den Saum des Pelzes beiseite, und Oj bemerkte auf Hochglanz polierte Stiefel und weisse Pantalons, die eng die Beine des Dichters umschlossen. Puschkin schuf. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, holte Tintenfass, Gaensefeder und Papier aus dem Pelz hervor, stellte die Schreibutensilien auf dem Ruecken des dienstfertig gebueckten Lakaien auf und notierte einige Zeilen oder strich eine fruehere Notiz durch.
— Aleksandr Sergejewitsch! Aleksandr Sergejewitsch! — lachte Ester und wirbelte wie ein singender Wirbelsturm um Puschkin herum.
Der Wind warf den Zylinder in den Schnee und zerzauste das lockige Haar des Dichters. Der Lakai stuerzte vor, um die Kopfbedeckung aufzuheben und abzuschuetteln, was das Missvergnuegen des Herrn erregte, da ihn gerade eine Zeile ueberkam.
— In Pose, Petruschka! — befahl Puschkin streng.
Er liess sich auf dem breiten Ruecken von Petruschka nieder, blickte nachdenklich auf die tiefen, geschlossenen Wolken, durch die die Sonne kaum hindurchdrang, und schrieb nieder: „Bald wie ein Tier wird sie heulen, bald weinen wie ein Kind“.
— Wunderbar! Herrlich! Genial! — wirbelte Ester erneut, doch Oj hielt sie zurueck.
— Hoer auf, dich ueber Puschkin lustig zu machen! — rief er laut.
Aleksandr Sergejewitsch blickte sich erschrocken um, schaute sogar unter den gebueckten Petruschka und fand dort nichts.
Ester packte Oj lachend an der Hand, und im Handumdrehen wurden sie zu einem anderen Puschkin versetzt. Die blasse Sonne war dem Mond gewichen, der immer wieder durch die Wolkenluecken auf die Allee, das Herrenhaus und das leuchtende Fenster im zweiten Stock lugte. Puschkin sass am Tisch. Das flackernde Licht der Kerze umriss verschwommen sein afrikanisches Profil.
— Aleksandr Sergejewitsch! Aleksandr Sergejewitsch, wir sind hier, — klopfte Ester ans Fenster.
Puschkin drehte den Kopf und horchte auf. Widerwillig erhob er sich, trat ans Fenster, presste sich dagegen und schirmte seine Augen mit den Handflaechen von den Seiten gegen das innere Licht ab.
— Wir sind hier, hier! — liess Ester nicht locker und klopfte ans Fenster.
Oj packte Ester bei der Hand.
— Wage es nicht mehr, ueber Puschkin zu lachen.
— Ich werde es nicht mehr wagen, — sagte Ester demuetig, — ich schwoere es, und wenn ich diesen heiligen Eid breche, soll mich Koschtschej weit ueber alle Berge in das dreizehnte Reich entfuehren.
Nichts sagte Oj dazu. Die Erwaehnung von Koschtschej an diesem heiligen Ort versetzte seinem Herzen einen unangenehmen Stich.
„Was fuer ein Unsinn“, — murmelte Puschkin und trat vom Fenster zurueck. Er tauchte die Federspitze in die Tinte und schrieb auf ein sauberes Blatt: „Ihm ist bang und bang ist ihm zum Lachen, doch die Finsternis klopft ihm ans Fenster“. Er versank in Nachdenklichkeit, st;tzte den Kopf auf die Hand, strich entschlossen „Finsternis“ durch und schrieb darueber „Mutter“.
— Genug der Puschkins, — flehte Oj.
Ester schenkte Aleksandr Sergejewitsch ein letztes, trauriges Laecheln, und sie eilten davon.
— Beschlossen, — schuettelte sie den Kopf; der Mond versteckte sich erschrocken hinter der naechsten Wolke, — von dieser Minute an stifte ich einen Wettbewerb der Genies unter dem Titel „Winter. Boldino. Die Feder“. Uebrigens, — Oj kam es so vor, als sei sie ein wenig ernster geworden, — direkt auf unserem Kurs liegt die Tschornaja Retschka. Willst du...
— Nein, nein, ich will nicht, — unterbrach sie Oj, — lass uns diese Geschichte lieber umfliegen.
Und sie drehten nach rechts ab.
— Warum magst du Puschkin eigentlich so wenig? — erkundigte sich Oj, als sie ueber die letzte Zufluchtsst;tte des Dichters geflogen waren.
— Lieben oder nicht lieben, anspucken oder kuessen... darum geht es nicht, Oj. Ich liebe die Werke von Aleksandr Sergejewitsch, aber als Mensch gefaellt er mir nicht. Ein eingebildeter Egoist — das war er zu Lebzeiten. Uebrigens, — Ester stoppte den Flug, offenbar um einen Gedanken zu formulieren, — mit wenigen Ausnahmen mag ich auch die anderen Dichter und Schriftsteller nicht. Ein im Grunde niedertraechtiges Voelkchen.
— Vielleicht sind das die Begleiterscheinungen des Handwerks, — mutmasste Oj.
— Eher die erworbene Gewohnheit, alle mit den Ellbogen beiseite zu druecken.
Die Landschaft hatte sich unterdessen veraendert. Es dominierten Gebirgsgegenden: schneebedeckte Gipfel und gruene Taeler, reissende Fluesse und Wasserfaelle. Ueberall darin gingen, ritten und schossen Bergbewohner in zottigen Mutzen und Offiziere der russischen Armee. Doch inmitten des Gebirgsmassivs gab es fremdartige Einsprengsel: das in Rauch gehuellte Schlachtfeld von Borodino oder zum Beispiel ein Maskenball.
— Hier habe ich, — Ester deutete nach unten, — die Lermontows. Weniger als von den Puschkins, aber eine recht dichte Gesellschaft.
— Ehrlich gesagt, — sagte Oj, — die Poesie ermuedet mich schon.
— Dann lass uns zur Prosa hasten.
Und Ester beschleunigte den Flug, doch Oj hielt sie selbst an.
— Und was ist das?! — rief er aus.
Sie schwebten ueber einer steinernen Stadt, ohne Parks und Gaerten, wie sie St;dten gewoehnlich eigen sind. Die Stadt war klimatisch in zwei Teile geteilt und geografisch durch zwei Reihen Stacheldraht zerschnitten. Im Streifen zwischen den Stacheldrahtreihen gingen Posten in Pelzmaenteln auf und ab, und boese Schaeferhunde rannten umher. In regelmaessigen Abstaenden ragten Wachtuerme mit Maschinengewehren empor. Im rechten Teil schien eine milde Sonne, entweder des Fruehlings oder des Altweibersommers; der linke Teil war vollstaendig von grauen Wolken verhangen, aus denen ein endloser kalter Regen auf die Stadt niederging. Und auf dem Grenzstreifen herrschte die Daemmerstunde.
— Ah, es gefaellt dir, — freute sich Ester ueber den Halt, — das ist wahrscheinlich mein bestes Projekt. Hier leben die Mandelschtams. Es sind nur zwei, aber wie glanzvoll sie sind. Lass uns hinuntergehen.
Свидетельство о публикации №226020701785