Kapitel II. Eintauchen 3

***

— Was belieben die Herrschaften?
H;rte Oj hinter seinem Ruecken. Er blickte sich um. Vor ihm stand ein Kellner in einer roten Kossoworotka, der sich in einer halb hoeflichen, halb sklavischen Verbeugung neigte.
— Bring Wodka, — antwortete Ester, — und schwarzen Kaviar.
Sie war in ein eng anliegendes Kleid aus rotem Atlas und einen formlosen Hut mit breiter Krempe gekleidet.
„Definitiv“, dachte Oj, „hat sie eine Vorliebe fuer grosse Huete“.
— Irgendwie sind wir sehr schnell hierher gelangt. Gerade flogen wir noch, und jetzt sitzen wir schon an diesem Tisch.
— Verzeih, Oj. Es hat sich einfach so ergeben.
— Das ist also der ber;hmte „Streunende Hund“? — fragte er und musterte den niedrigen Saal mit der Gewoelbedecke.
Die Waende des „Streunenden Hundes“ waren wie von Floehen von Symbolen bedeckt, die fuer gewoehnliche Menschen unverstaendlich waren; am Ende des Saales kauerte eine kleine Buehne, die mit gruenem Samt verhangen war.
— Er ist es, mein Lieber, er ist es, — antwortete Ester.
Der Saal war fast gefuellt. „Zwei Drittel“, stellte Oj mit erfahrenem Blick fest. An den Eichentischen sassen grosse Gesellschaften. Nahe der Estrade hatte sich eine Gruppe junger Leute niedergelassen, die sich im Eiltempo mit Champagner vollpumpten, um in naechster Zeit einen betrunkenen Skandal zu veranstalten. Die Buehne war leer.
— Ziemlich duster hier.
Ester nahm Ojs letzte Bemerkung wie ein Kompliment auf.
— Ich habe mir grosse Muehe gegeben, — sagte sie, — schau dorthin.
Sie deutete mit einem Nicken auf einen Tisch neben der laermenden Jugend.
— Unsere Freunde sind alle versammelt.
Ester kniff die Augen zusammen und fokussierte ihren Blick.
— Nein, wohl doch nicht, Gorodezkij fehlt.
— Warum traegst du keine Brille?
Ester winkte nachlaessig ab.
— So ist es interessanter. Und ausserdem bin ich in meiner Kurzsichtigkeit so schutzlos. Schau doch, schau...
An dem von Ester gezeigten Tisch sassen sechs Personen. Drei von ihnen waren plastisch herausgearbeitet: ein schwarzhaariger Juengling, der nervoes handgeschriebene Blaetter durchging; ein finsterer junger Mann von schoenem Aussehen, der ein Glas Rotwein nach dem anderen verschlang; und ein in ein weisses Kleid gekleidetes Maedchen mit einem geistreichen Gesicht. Das Maedchen hielt mit schlanken Fingern eine lange Zigarette. Ihre Hand zitterte leicht, und die zum Himmel aufsteigende Rauchsaeule bog sich auf wunderliche Weise.
— Der junge Mann in Schwarz und das Maedchen in Weiss — das ist das Ehepaar Gumiljow, — erklaerte Ester die Aufstellung der Personen. — Sie stehen am Rande des Bruchs. Alles kann Nikolaj verstehen und verzeihen, ein Mensch von weiter Seele, sowohl Vernachlaessigung als auch Untreue, aber er kann nicht akzeptieren, dass ihr Talent groesser ist als seines. Und Anja, die Arme, schreibt aus Rache immer besser und besser. Erst kuerzlich ist ihr zweites Gedichtbuch erschienen.
„So streichelt man Katzen oder Voegel,
so blickt man auf schlanke Reiterinnen.
Nur Lachen ist in seinen ruhigen Augen
unter dem leichten Gold der Wimpern.“
Wie kann man seiner geliebten Frau, der ehemals begeisterten Schuelerin, so etwas verzeihen?
— In welche Zeit hast du mich hineingezogen, Ester, — sagte Oj fassungslos.
— Sag mal, mein Guter, — wandte sich Ester an den Kellner, der die beschlagene Karaffe mit Wodka, die Glaeser und die Schaelchen mit Kaviar auf den Tisch stellte, — sag mal, welcher Tag ist heute.
— Na, Mittwoch, Gnaedige Frau, — antwortete dieser.
— Antworte schnell, ohne zu z;gern, — Ester blickte finster drein, — Jahr, Monat, Datum.
— Der vierzehnte Maerz neunzehnhundertvierzehn, Euer Hochwohlgeboren.
Der Kellner stand vor Ester stramm. Sie laechelte, klopfte dem Diener auf den Arm, was offenbar „Ruehrt euch“ bedeutete.
— Hier hast du ein Geldstueck, — Ester legte dem verdutzten Juengling einen Rubel in die Hand, — kauf dir davon Zuckerln. Nun geh, geh schon.
Im Saal schwoll der Laerm an. Die jungen Leute, die sich mit Schaumwein betrunken hatten, begannen mit den Fuessen zu stampfen. „Fliege! Fliege! Wir wollen die Marmorne Fliege!“, riefen sie aus. Ihr Ruf wurde geh;rt und von anderen aufgegriffen.
— Diese Gesellschaft gefaellt mir nicht, — sagte Oj und blickte fest auf die ausgelassene Jugend, — die machen Probleme.
Ester lachte auf.
— Kein Grund zur Sorge, lieber Oj. Alles ist unter Kontrolle. Die Polizei wird, ich versichere es dir, nicht n;tig sein.
Der nervoese junge Mann legte schliesslich die Blaetter beiseite und behielt nur eines fuer sich. Mit diesem stieg er auf die Buehne, wobei er auf dem Weg ueber eine Stufe stolperte.
— Ich widme diese Zeilen meinem Freund, Nikolaj Gumiljow.
Er blickte verloren in den Saal, wie sich ein umherziehender Philosoph umsehen wuerde, der zufaellig in eine Spelunke geraten war. Ohne in den Text zu schauen, begann er zu lesen:
„Ueber dem Gelb der Regierungsgebaeude
kreisre lange das truebe Schneegestoeber...“
Ester schloss die Augen und fluesterte dem Vorleser die Verse nach:
„...Auf dem Senatsplatz — der Wall einer Wehe,
der Rauch eines Feuers und der Schauer des Bajonetts.“
Er hielt inne, als haette er Angst vor seiner eigenen schrecklichen Prophezeiung. Und unter Esters Wimpern rollten zwei kristallene Traenen hervor.
Der Saal reagierte stuermisch: Applaus, Pfiffe, „Bravo“-Rufe.
— Es ist Zeit fuer uns, — sagte Ester.
Sie stand auf und warf einen zerknitterten Geldschein auf den Tisch.
Nach der stickigen Kneipe erschien Oj die Luft des naechtlichen Petersburgs, die noch nicht vom in Motoren verbrannten Benzin vergiftet war, belebend frisch. Sie erhoben sich. Sie flogen ueber den schneebedeckten Grenzstreifen, auf dem ewige Daemmerung und strenge Rotarmisten in spitzen Muetzen herrschten, und liessen sich auf derselben Strasse der Stadt Leningrad nieder.
Ihren einstigen Ruhm vergessend, hatte der „Streunende Hund“ eine sowjetische Behoerde zur Einmietung aufgenommen, die truebselig und schrecklich in ihrem inneren Wesen war. Wegen der spaeten Stunde war sie mit einem Vorhaengeschloss verriegelt. Es regnete. Einzelne Passanten eilten, sich in baufaellige Kleidung huellend, ihren Geschaeften nach. Auf dem Pflaster und den Haeusern lag der Stempel grauer Verwahrlosung.
— Hier ist sie, die Wiege der Revolution, — Ester sah ernst und traurig aus, — hier hielten die Moerder — die Sozialexperimentatoren — ein blutiges Totenmahl ab. Horch, wie die Stadt stoehnt.
Oj horchte auf.
„Leningrad!!!“, — klirrten die Haeuser, — „Ich will noch nicht sterben.“
„Leningrad, Leningrad!“, — erwiderte ihnen der Himmel, — „Ich habe noch Adressen, unter denen ich Stimmen finden werde.“
— Lass uns von hier fortgehen, Ester, — Oj legte den Arm um ihre Schultern.
Sie legte ihren nassen Kopf an seine Brust.
— Gehen wir, Oj. Es ist zu traurig hier.
Schon lange lag Petersburg-Leningrad hinter ihnen, doch Ester schwieg noch immer, in ihre Gedanken versunken.
— Genug der Poesie, — sagte sie schliesslich, — wenden wir uns der Prosa des Lebens zu, zumal wir bereits angekommen sind.


Рецензии