Kapitel II. Eintauchen 4
Das Herrenhaus – einfach und bequem. Neben dem Haus wuchs eine maechtige Eiche. Unter ihr sass in einem Sessel ein wohlgestalteter Greis in einem einfachen leinernen Hemd und Hosen aus grobem, hausgewebtem Leinen. Er schrieb etwas in ein grosses Hauptbuch. Gelegentlich stand der Greis auf, um mit hinter dem Ruecken verschraenkten Haenden um die Eiche herumzugehen.
Im Hof verrichteten Mengen von ordentlichen Bauern und Baeuerinnen einfache Hausarbeit. Die einen spalteten Holz und heizten den Ofen, andere trugen Wasser und wuschen Waesche, wieder andere verteilten Ohrfeigen an unartige Kinder. Alles zusammen aehnelte stark einem Bienenschwarm, in dem die Hauptsorge jeder Biene, auch wenn sie mit ihrem eigenen Geschaeft beschaeftigt ist, die Gesundheit der Koenigin und das Wohlergehen des Schwarms als Ganzes ist.
Der Greis legte das Hauptbuch beiseite, nahm eine Sense und ging daran, die Wiese zu maehen. Und augenblicklich liessen die Bauern und Baeuerinnen ihre Beschaeftigungen stehen und liegen und begannen zu maehen, zu schleppen, Garben zu binden und andere landwirtschaftliche Bewegungen auszufuehren, von deren Sinn Oj nur die vage Vorstellung hatte. Dabei sangen sie im Chor bald schwermuetige, bald ueberm;tige Volkslieder. Sie sangen gut. Oj merkte dies als Profi an. „Wie ihnen nur der Atem reicht“, wunderte er sich, „so schwer zu arbeiten und dabei zu singen“.
Nachdem er einen breiten Streifen im hohen Gras gezogen hatte, hielt der Greis inne. Mit einer ausladenden Bewegung wischte er sich den Schwei; von der Stirn, legte die Sense beiseite und setzte sich auf die Erde. Die Bauern und Baeuerinnen liessen wie auf Kommando ihre Werkzeuge fallen und liessen sich neben dem Patriarchen nieder.
— Nun, Muzyks, — fragte er das Auditorium mit schallender Stimme, — ist die Mahd gut?
— Gut, Vaeterchen, — antworteten sie im Chor, — oj, wie gut!
Ester stiess den schweigsamen Oj unbemerkt in die Seite. Sie selbst johlte fleissig mit allen anderen mit. Sie hatten sich unbemerkt unter die Menge der Bauern gemischt und waren in voller Uebereinstimmung mit der Inszenierung gekleidet. Ester trug einen langen Sarafan aus rosa Kattun, der unter der Brust gebunden war, eine hohe Kokoschnik, und die in ihr rotes Haar geflochtenen blauen und roten Baender unterstrichen ihre rosige Schoenheit. Sie sah so sexy aus, dass Oj sie unwillkuerlich bewunderte. Ojs Tracht war einfacher. Sie wiederholte exakt die Tracht des Greises und der Muzyks – ein weisses Hemd mit schraegem Kragen, weisse Knoechelhosen und ein schwarzer, dichter Vollbart. Schuhe trug ausser dem Patriarchen seltsamerweise niemand.
Ester sprang ploetzlich leichtfuessig auf.
— Zuernet nicht, Vaeterchen, — sagte sie singend, — erlaubt mir, ein unvernuenftiges Wort zu sagen.
Der Greis nahm die Brille ab. Er laechelte guetig und ermutigte Ester, ihr unvernuenftiges Wort zu sagen.
— Sprich, Wirbelwind, sprich. Ich habe dich sofort bemerkt, du Spitznase.
Ester zog es vor, die Zweideutigkeit des Kompliments nicht zu beachten.
— Wie herrlich waere es doch, wenn man anstelle des Deutschen einen russischen Menschen auf die Lokomotive setzen wuerde, — mit einer energischen Geste zeigte Ester, wie sie einen russischen Menschen auf die Lokomotive setzte und ihn zudem noch festdrueckte, so wie Frauen den Teig festdruecken, der aus dem Bottich zu klettern droht, — meint ihr nicht, er wuerde es schaffen!
Die Bauern wurden unruhig. Die Problematik des russischen Menschen fand einen lebhaften Widerhall in ihren Seelen. Der Patriarch sah Ester mit strahlenden Augen an.
— Nehmt doch nur Akim, — Ester deutete auf ein schwaechliches Maennlein mit spaerlichem Baertchen, das eine schwer fassbare Aehnlichkeit mit Wladimir Iljitsch in der Zeit einer Verschlimmerung seines Gehirnleidens hatte, — meint ihr wirklich, er wuerde nicht mit der Lokomotive fahren?
Akim wurde verlegen.
— Wo soll ich denn hin, — murmelte er und wischte sich mit dem Aermel den Rotz ab, — gegen eine solche Urgewalt.
— Zweifle nicht, Akim, — mischte sich Akulina ein, ein stattliches Maedchen von drei Saschen Wuchs, — wir schieben die Lokomotive an. Was meint ihr, Weiberleut, — wandte sich Akulina an die weissen Kopftuecher und bunten Sarafane, — schieben wir Akim an?
Die Frauen summten und lachten verlegen. So summten und lachten sie am Brunnen, wenn sie ueber die Staerke oder Schwaeche eines Mannes diskutierten.
— Wir schieben, Akim. Zweifle nicht!
„Es gibt Frauen in russischen Doerfern“, dachte Oj, waehrend er die stattliche Gestalt Akulinas betrachtete, „sie haelt ein Pferd im Galopp auf und schiebt die Lokomotive samt Akim an.“
— Wenn das so ist, — fasste sich Akim ein Herz, — dann bin ich einverstanden. Warum denn nicht, wir koennen das genauso gut wie dein Deutscher, mit dem Rohr dampfen.
— Wahr gesprochen, Wirbelwind, — entgegnete der Patriarch herzhaft, — nicht die Raeder und nicht der Rauch treiben die Lokomotive der Geschichte an, sondern einzig das gottvermoegende russische Volk.
Ermutigt durch den Greis, laermten die Bauern mehr als zuvor.
— Wo soll sich der Russe denn vor dem verfluchten Deutschen verstecken, — verk;ndete Filimon mit blitzenden schwarzen Augen, ein Kerl von banditenhafter Statur mit buschigen Brauen und zottigem Bart. — Wer ist der Schuster — ein Deutscher. Wer ist der Landvermesser — ein Deutscher. Sogar der Friedensrichter ist ein Deutscher. Erst neulich...
Oj und Ester standen auf und entfernten sich, von niemandem bemerkt. Sie gingen durch das ungemaehte Gras, und hinter ihnen summte der Schwarm. Aus diesem Summen schossen Ausrufe wie Speerspitzen hervor: der russische Mensch, die Lokomotive, wo dr;ngst du dich hin, du Unflat.
Allmaehlich verstummte das Brummen und verschwand gaenzlich. Lachend liess sich Ester ins Gras am Bach fallen.
— Er ist doch liebenswert, nicht wahr!
Nicht weit entfernt ueberzeugte ein Wolf in gutem aesopischem Stil ein zitterndes Lamm von der Schaedlichkeit des Vegetarismus.
— Wer? Der Patriarch?
— Filimon. Er hat mich so mit seinen unverschaemten Augen angeglotzt, dass sogar meine Kokoschnik rot geworden ist.
Eifersucht kratzte wie eine scharfe Kralle an Ojs Herz.
— Ein Bandit bleibt ein Bandit, selbst in Jasnaja Poljana.
— Sag das nicht, — Ester drehte sich auf die Seite; im Mund hielt sie einen Halm einer mittelrussischen Wolfsmilch, — er hat etwas an sich.
Ihre Augen leuchteten, ihre Stimme war voller Zaerlichkeit.
Oj legte sich daneben. Er zog vorsichtig die mittelrussische Wolfsmilch aus ihrem Mund und kuesste Ester fest auf die Lippen.
— Ach! — seufzte sie schmachtend, — er hat gar nichts an sich. Du bist der Allerbeste.
Ester liess sich auf den Ruecken sinken und gestand ihm das Recht zu, seine Einzigartigkeit in der Tat zu beweisen.
An ihnen vorbei ging ein Wolf, der sich die Lippen leckte. Er musterte abschaetzend das keuchende, wie eine Lokomotive zusammengefuegte, achtbeinige und zweikoepfige Wesen. Da er es fuer zu gross und ungeniessbar hielt, trottete der Wolf zum naechsten Waeldchen. Morgen frueh wird er wieder zum Bach herauskommen, und wieder wird ein Lamm auf ihn warten. Manchmal, wenn er im Mittagsschlummer unter einem Baumstumpf lag, fragte sich der Wolf: Ist es immer dasselbe Lamm oder sind es alles verschiedene. Und er konnte weder in positivem noch in negativem Aspekt antworten. Dem Geruch der Angst nach, dem Geschmack nach — war es ein und dasselbe; der Logik nach — mussten es verschiedene sein.
Свидетельство о публикации №226020701868