Kapitel II. Eintauchen 5
Oj schleppte seine Traurigkeit von Saal zu Saal. Sie haeufte sich an, wurde schwerer, drueckte auf die Schultern. Im griechischen Saal sank er auf eine Bank, den Ruecken gegen den marmornen Apollon gelehnt.
— Alles, Ester, ich kann nicht mehr, — murmelte er, waehrend er in Vergessenheit versank.
Mit dem Speer des Apollon kitzelte Ester ihn an Nase und Ohr.
— Wach auf, Oj, es sind nur noch zwei Saele uebrig.
Er oeffnete die Augen. Apollon drueckte gegen seinen Ruecken.
— Nun wach schon auf, du bist ja ein richtiger Langschlaefer!
Er oeffnete die Augen. Ester kitzelte seine Nase und sein Ohr mit einer Feldkamille. Er zog einen Stein unter seinem Ruecken hervor. Sie war bereits in blaue Jeans, Turnschuhe und eine rote, bequeme Jacke gekleidet. Auf ihrem Ruecken hing ein kleiner Rucksack in Form eines Lammchens.
Oj schaemte sich seiner Nacktheit.
— Dreh dich um.
— Oj, oj, oj, — sang Ester lachend, drehte sich aber um.
Die b;uerliche Tracht war irgendwohin verschwunden.
— Wo ist meine Kleidung? — fragte er und blickte sich verwirrt um.
Unter Esters Anleitung stellte Oj sich schnell ein Outfit aus Turnschuhen, Jeans und einem Pullover zusammen. Er ueberlegte, ob er einen Rucksack hinzufuegen sollte, und verzichtete darauf. Hand in Hand stiegen sie in den Himmel auf.
— Hast du etwas Aufheiterndes? — fragte er.
— Aber natuerlich. Dieses Aufheiternde nennt sich moderne Netzliteratur. Schau nach unten.
Unten erstreckte sich ein weites Tal, das von allen Seiten von unpassierbaren Bergen mit schneebedeckten Gipfeln ges;umt war. Sie sanken rasant ab. Die Berge wichen zurueck, die Erde kam naeher und f;llte sich mit Details.
— An diesem Ort habe ich die Favoriten versammelt, — erklaerte Ester waehrend des Sinkflugs, — das ist das Stueck Land der beruehmten Zizi Lil.
Sie sanken so weit ab, dass die Ereignisse sichtbar wurden, die sich auf dem weiten Raum abspielten. Dort zwang ein schamloses Maedchen russische Helden zu unansehnlichen Handlungen, die zum groessten Teil mit sexuellen Perversionen verbunden waren. Dort kroch der Fuerst von Nowgorod, Aleksandr mit dem Beinamen Newskij, gedemuetigt auf der Erde und kuesste den staubigen Schuh eines mongolischen Khans; dort spielte der Retter des Vaterlandes, Kutusow, im nackten Zustand Verstecken mit einem Maedchen, das als einziges Kleidungsstueck eine Husarenmuetze trug; dort sass Zar Iwan der Dritte, bekannt als der Schreckliche, an einer Festtafel und schoss Pfeile auf Zielscheiben ab, und als Zielscheiben dienten die nackten Hintern der Hofmaegde; dort... dort... dort... Niemanden hatte die beruehmte Ziza vergessen, ueber jeden hatte sie einen Eimer ihres Talents ausgegossen.
Vom Geflimmer der Gesichter, historischen Hintern und anderen Koerperteilen wurde Oj uebel. Das entging der beobachtenden Ester nicht. Im Handumdrehen wurden sie an einen anderen Ort versetzt.
— Hier lebt der Samuraj, ein Maler und Schriftsteller.
Bei dem Samuraj war es viel ruhiger, obwohl es auch hier nicht an Provokationen mangelte. Sein Steckenpferd, sein leichtfluegeliger Pegasus — das waren unmotivierte Morde. Die Helden des Samuraj waren gewoehnliche Menschen. Sie lebten, gingen zur Arbeit, tranken abends Tee mit Marmelade und lasen die Morgenzeitungen. Und ploetzlich, ohne jeden Grund, verwandelten sich die friedlichen Spiesser in wilde Bestien. Sie hackten mit Aexten, schnitten mit Messern, schossen mit grobem Schrot und t;teten auf alle moeglichen Arten Verwandte, Kollegen und einfach zufaellige Passanten. Stroeme von Blut und Berge von Leichen f;llten die talentierten Erzaehlungen des Samuraj. Ueber die Gruende fuer eine so radikale Verwandlung der Helden schwieg der Autor, da er jegliche Erklaerungen zu diesem Thema offenbar als Verletzung des Samuraj-Kodex betrachtete. Den Werken seines Geistes war eine klare Zweifarbigkeit eigen: das Grau des Alltags und das rote Festmahl des Todes.
— Das nennst du — etwas aufheiternder!
Ester sah deprimiert aus.
— Du hast einen frischen Blick. Mir ist fr;her irgendwie nicht aufgefallen, wie einseitig sie sind, trotz all ihrer schriftstellerischen Gabe.
Sie stiegen in den Himmel auf und versetzten sich naeher zu den Bergen.
— Unter uns liegt das Land der Liebe, — sagte Ester.
Das Land der Liebe war vielfaeltig in seiner Eintoenigkeit. Dort regnete es entweder herbstlich und der Himmel war verfinstert, was vermutlich die Trennung oder das unerwiderte Gefuehl symbolisierte, oder die Sonne schien hell und die Baeume standen in der Bluete gegenseitiger, wahnsinniger Liebe.
— Uebrigens weiss ich, dass du in deiner Jugend ein grosses Gefuehl erlebt hast.
Sie sassen auf einem Felsen in ueberwolkter Hoehe, und nur Adler und hohe Gefuehle schwebten noch hoeher.
Oj laechelte bei seinen Erinnerungen.
— Nicht erlebt, alles brach ploetzlich ab.
— Und wuerdest du wollen...
— Ist das denn ueberhaupt moeglich...
Ester klatschte in die Haende, und Oj fand sich in einem kleinen Park wieder, sitzend auf einer Bank unter einem jungen Uljanow aus Beton.
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