Kapitel II. Eintauchen 6
— Du faehrst also doch weg.
Igor schwieg eigensinnig.
— Und was ist mit mir, — Anjas Stimme zitterte, — wir wollten doch heiraten. Hast du das etwa alles vergessen!
Ein starkes D;j;-vu bemaechtigte sich seiner. Fuer einen Augenblick, wie ein Blitzschlag, offenbarte sich ihm der gesamte Weg von dieser Bank bis zu dieser Bank, mit allen Schlagloechern, ebenen und glatten Abschnitten, mit steilen Kurven und Zickzacklinien. Und sogleich begann das Bild zu verblassen und in Vergessenheit zu geraten, wie ein Traum vergessen wird — spurlos.
„Versteht sie denn nicht“, dachte Igor, „etwa das ganze Leben... langsam verbl;dend vor Langeweile und Wodka“.
Er nahm seinen Mut zusammen. Komme, was wolle, jetzt w;rde er Anja sagen, dass er nicht vorhatte, in diesem Loch stecken zu bleiben, dass er das Versprechen nicht brechen wollte, aber man warten m;sse, bis er wenigstens zwei Studienjahre beendet habe. Dass er... sie... sie beide...
Igor sah seiner Geliebten fest in die Augen.
— Hoer zu, Anja, ich werde nicht...
Ihre Augen veraenderten sich unmerklich. Worin die Veraenderung bestand, wusste Igor nicht. Vielleicht war in den Pupillen ein gr;nlicher Schimmer erschienen, den er zuvor nicht bemerkt hatte, oder sie waren nachgedunkelt wegen der ungewoehnlichen Beleuchtung: wegen der grellen Sonne, wegen des scharfen Schattens, den der junge Lenin auf die Erde warf.
— Schweig, — sie legte einen Finger auf seine Lippen, — schweig, sag nichts, — Anja schmiegte sich an ihn und legte den Kopf auf seine Schulter. — Was auch immer morgen geschehen mag, heute gehoerst du mir. Und das Heute gebe ich niemandem. Hoerst du, niemandem.
Zuertlichkeit, Mitleid, Liebe zu diesem Maedchen schnitten wie scharfe Messer in seine Brust, und die Wunden verstroemten ein suesses Entzuecken.
— Alles wird gut, — er legte den Arm um ihre Schultern, kuesste sie auf das aufgeworfene Naeschen, — alles wird gut. Ich liebe dich sehr, Anjetschka.
— Ich liebe dich auch sehr, Igoreck. Alles wird gut.
So sa;en sie lange da, und die Welt, so schien es, war erstarrt.
Es war Ende August. Die Zeit der Unruhe unter den Schulabgaengern neigte sich dem Ende zu. Jedes Jahr im Juli brachen sie aus ihren heimatlichen Nestern auf, fuellten in schreienden Scharen die Korridore und Hoersaele der Hochschulen, lernten fleissig und bereiteten sich darauf vor, ihre erste schwere Pr;fung im Leben mit Ehre zu bestehen. Doch bei weitem nicht jedem war ein Platz in diesen Tempeln zweifelhafter Gelehrsamkeit bestimmt. Wie viele Tragoedien und Enttaeuschungen bargen die ersten zwei Augustwochen in sich, wie viele zerbrochene Schicksale und schwere Gedanken. Wie viel Freude und Glueck bargen die letzten zwei in sich, wie viel Prahlerei der Glueckspilze, wie viele rosige Zukunftsplaene. Ende August ist die Zeit der Rueckkehr in die Nester, sowohl fuer die einen als auch fuer die anderen. Die Zeit eines letzten kurzen Treffens der Klassenkameraden, um dann auseinanderzufliegen und sich vielleicht niemals wiederzusehen.
Die Klasse von Igor und Anja galt als stark, in dem Sinne, dass fast alle zum Studium aufbrachen. Doch sie erwies sich als nicht stark genug fuer die Kaempfe mit den Drachen-Pruefern. Nur drei wurden aufgenommen: Grischaew an der Gebietsuniversitaet, worueber sich niemand wunderte, da Grischaew als mathematisches Genie galt; an das Polytechnische Institut in Leningrad kam Lena Kusnezowa, aber alle wussten, dass sie in Piter zwar entfernte, aber hochgestellte Verwandte hatte; eine wahre Sensation, nicht nur in der Klasse, sondern im gesamten Umkreis der Schule, war die Aufnahme von Igor Sapruda an das Moskauer Architektur-Institut.
Igor wusste selbst nicht, wie und warum ihm das gelungen war. Vielleicht war es wildes Glueck, ueber das unter den Bewerbern hartnaeckig Legenden kursierten, oder vielleicht halfen ihm seine natuerliche Froehlichkeit und seine leichte Einstellung zu allem. Anja hingegen fiel bei der zweiten Pr;fung durch. Der Traum, an der Moskauer Medizinischen Hochschule zu studieren, Aerztin zu werden und Menschen zu retten, sollte fuer sie — zumindest fuer ein weiteres Jahr — ein Traum bleiben. Igor hatte sich von ihr am Kursker Bahnhof verabschiedet. Und nun dieses neue Treffen-Abschiednehmen.
— Nun, fahren wir weiter, — fragte Anja, waehrend sie sich von ihm loeste und ihr Haar ordnete. — Es ist heiss. Am See muss es schoen sein.
— Fahren wir.
Sie stiegen auf ihre Fahrraeder, die geduldig an den Sockel Uljanows gelehnt auf sie gewartet hatten, und rollten ueber den Kiesweg davon. Der Park verabschiedete sie mit einem Plakat, das an vier Spannseilen ueber dem Eingang hing. Auf dem roten Stoff standen in einer langen Reihe ellenhohe weisse Buchstaben: „Perestrojka beginnt bei dir“. In der Nacht, wenn die Miliz gewoehnlich ruht, hatte irgendein junger Kalligraph im Wort „Perestrojka“ den Buchstaben „t“ kreuzweise durchgestrichen.
Seit vier Jahren fieberte das Land im Griff der Perestrojka. Sie war gestartet mit der Vernichtung der Weinberge, dem Verschwinden des Wodkas und der Massenproduktion von selbstgebranntem Schnaps unter h;uslichen Bedingungen. Im Rahmen der Perestrojka entstand und verschwand der Kampf um Qualitaet; die Beschleunigung — was Quantitaet bedeutete — erschien und loeste sich im Nichts auf. Bataillone von „Bauleitern der Perestrojka“ wuchsen empor und verkrochen sich irgendwohin. Das Gebot des heutigen Tages lautete: Glasnost.
— Was kann es Besseres geben als einen kuehlen See an einem heissen Sommermittag, — rief Igor, waehrend er auf den Asphalt einbog.
— Nur das Meer, — antwortete Anja, als sie zu ihm aufschloss.
— Meer gibt es in unserer Gegend nicht.
Und sie jagten nebeneinander den Huegel hinunter zum See, waehrend nur der Wind in den Ohren pfiff.
Sie badeten. Kuessten sich im Wasser, eng aneinandergepresst, und nur die Anwesenheit von Menschen am Strand hielt sie im Rahmen des Anstands. Sie sonnten sich unter den Strahlen der heissen Sonne. Badeten erneut und sonnten sich wieder auf dem warmen Sand.
Durch einen Halbschlaf hoerte Igor Laerm. Er hob den Kopf. Unweit hatte sich eine Gruppe von Neuntklaesslern niedergelassen. Anfuehrer war Igors Mitschueler Witjok Lomow mit dem Spitznamen Lom (das Brecheisen). Hochgewachsen, kraeftig und stumpfsinnig, entsprach er auf wunderliche Weise seinem Familiennamen und seinem Spitznamen. Irgendwann in der Kindheit, in der siebten Klasse, hatte Igor sich verzweifelt mit Lom in der Jungen-Toilette gepruegelt. Lom trug ein paar blaue Flecken davon, doch Sapruda brach er, da er seine Schlagkraft nicht berechnet hatte, das Schluesselbein. Der Direktor und der Konrektor waren ueberzeugt, dass Lom, fuer den sich schon damals die Kinderabteilung der Miliz interessierte, in Saprudas Katastrophe verwickelt war, doch Sapruda beharrte unerschuetterlich auf der Version: ausgerutscht, gefallen, gebrochen. Seit jener Zeit beschuetzte Lomow Sapruda. Diese Protektion war zuweilen drueckender als offene Feindschaft.
— Baton! — rief Lom, als er Igor bemerkte. — Du bist auch hier, komm zu uns!
Igor blickte auf Anja. Sie lag auf dem Ruecken. Der schmale blaue Badeanzug unterstrich verfuehrerisch die Vollkommenheit ihrer Formen.
— Baton, nun mach schon, troll dich her, — in Loms Stimme schwang wachsende Irritation mit.
— Geh schon hin, — murmelte Anja, ohne die Augen zu oeffnen, — er laesst sonst sowieso nicht locker.
Sie drehte sich auf den Ruecken. In dieser Position wurde sie noch schoener.
— Ich komme! — rief Igor.
Er erhob sich mit einem Ruck vom Boden.
— Hallo Viktor, hallo Jungs, — sagte Igor, als er zur Gruppe trat.
Drei Kerle, Schlaeger wie Lom, nur etwas schwaechlicher und pickliger, begruessten Igor respektvoll mit Handschlag. Mit Lom vollzog Sapruda ein kompliziertes Begruessungsritual, das aus doppeltem H;ndeklatschen bestand — von unten nach oben und von rechts nach links —, aus dem Aneinanderpressen der Faeuste in einer symbolischen Geste der Bruederschaft, aus Umarmungen und Schulterklopfen. Diesen Tanz hatte Lom erfunden und war sehr stolz darauf. Er tanzte ihn nur mit Igor.
Schliesslich setzten sich alle im Kreis hin.
— Mach auf, — befahl Lom einem rothaarigen Kerl und fragte, zu Igor gewandt: — Trinkst du mit?
— Danke, Lom, ich mag gerade nicht.
— Danke kannst du sagen, wenn wir eingeschenkt haben. Also, trinkst du?
— Nein, ich bin mit einem Maedchen hier.
— Was, hast du Angst vor Anja? Das ist doch nur Kompott, fuer die Stimmung.
Der Rothaarige biss geschickt die Verschluesse aller drei Flaschen Portwein ab und fuellte die Plastikbecher bis zum Rand mit einer roten, uebel riechenden Fluessigkeit.
— Ich habe gehoert, du hast dich fuer den Norden anwerben lassen, — warf Igor schnell ein, um das Thema zu wechseln.
— Soll doch die eiserne Saege arbeiten, — grinste Lom und liess eine Goldkrone auf einem voellig gesunden Schneidezahn aufblitzen. — Ich habe mich nirgendwo anwerben lassen.
Das stimmte nicht. Auf Draengen seiner Mutter und seines Onkels hatte Lom sich tatsaechlich fuer den Norden anwerben lassen. In Tjumen stellte man ihm im Buero ein Arbeitsbuch aus. Irgendwo unterschrieb er, ohne zu lesen, und man zahlte ihm das Startgeld aus. Doch als er mit dem Bus an der Bohrstelle ankam, die schmutzigen, mueden Menschen sah und den engen Bauwagen besichtigte, in dem er viele Monate haette leben sollen, erkannte Lom klar, dass dies nicht sein Schicksal war. Er setzte sich gegen die Einwaende des Brigadiers und des Bohrstellenleiters durch und kehrte mit demselben Bus nach Tjumen zurueck. Und schon am Abend flog er nach Kiew. Im Buero blieb das nagelneue, nach Druckerschwaerze riechende Arbeitsbuch zurueck, und in Loms Tasche blieb das Startgeld, abzueglich der Ticketkosten und des Schmiergeldes fuer dessen Erwerb. Das in den Haenden der Erdoelarbeiter gefangene Arbeitsbuch kuemmerte Lom nicht. Er fand sogar, dass ein Arbeitsbuch im Tausch gegen Startgeld ein ehrlicher Handel sei. Lom versoff das Geld. Das Geld ging zur Neige, und auch das kuemmerte ihn nicht.
Lom und die Kerle tranken, bissen hastig von grob geschnittenem Brot und papierhaltiger Wurst ab, tranken erneut und noch einmal. In kaum einer Viertelstunde vernichteten sie den Inhalt von zwei Flaschen. Sie rauchten an, wobei sie stillschweigend beschlossen hatten, das Vergnuegen an der dritten „Granate“ in die Laenge zu ziehen.
— Nach Wladik werde ich abhauen, — sagte Lom, als wuerde er Igor auf eine unausgesprochene Frage antworten, was er denn tun werde. — Fische fangen auf einem grossen Kahn.
Lom war ein leidenschaftlicher Angler. Igor wollte ihn nicht mit der Erklaerung deprimieren, dass Wilderei an den Teichen des Fischereibetriebs sich ein wenig von der Arbeit auf einem Fischtrawler unterscheidet.
— Oder ich fahre auf die Krim. Ein Kumpel hat mir ein Telegramm geschickt: Er braucht einen Assistenten.
— Und die Armee?
— Im Sarg hab ich sie gesehen.
Die Atmosphaere im Kreis erw;rmte sich zusehends. Der Rothaarige begann ungeschickt eine pornographische Geschichte zu erfinden, die ihm im letzten Sommer im Pionierlager passiert sein sollte. Die Heldin seiner Erzaehlung war die Pionierleiterin Maschka, „ein Schnittchen, kein Weib“, die aus unklaren Gruenden in Leidenschaft fuer den stumpfsinnigen, verschwitzten Woldemar entbrannt war — so figurierte der Rothaarige in der dritten Person in seiner Geschichte. Die Kerle h;rten gierig zu, wie Woldemar sie flachgelegt hatte... wie sie ihn gepackt hatte... so ein Ding, ich schwoere... und da hab ich dann voll... Mascha wurde irgendwo in der Mitte der Geschichte zu Tanja, was anscheinend niemand ausser Igor bemerkte, denn der Name war nicht der Kern der Sache.
— Hallo Lomow, Salut Jungs.
Igor drehte den Kopf. Anja kam auf sie zu. Die Jungs starrten sie an, wobei sie ihre schamlosen Blicke in den Schamh;gel bohrten. Dem rothaarigen Woldemar, der durch seine eigene Phantasie bis zur Erektion erregt war, rann ein feiner Speichelfaden ;ber das Kinn. Anja liess sich unter ihren klebrigen, unverhohlenen Blicken nicht im Geringsten beirren. Das gefiel Igor nicht.
„Haette sich wenigstens etwas angezogen“, dachte er stirnrunzelnd.
— Was glotzt ihr so, — sagte Anja, — habt ihr noch nie ein Maedchen im Badeanzug gesehen? Schliesst die Maeuler.
Err;tend starrte der Rothaarige auf die leeren Flaschen, auf die Brotkruste, auf eine Fliege, die traege ueber die Wurst kroch. Auch die zwei anderen senkten die Blicke zu Boden.
— Lomow, — wandte sich Anja an Lom, — ich nehme dir Sapruda weg. Hast du was dagegen?
Das gefiel Igor ganz und gar nicht.
„Bin ich etwa eine Sache? Man kann mich weggeben, man kann mich wegnehmen.“
Lomow respektierte Anna Radtschenko und fuerchtete sie. Er respektierte sie dafuer, dass sie ihn manchmal Diktate und Mathematik-Klassenarbeiten abschreiben liess, und er fuerchtete sie wegen ihrer scharfen Zunge. In ihrer Gegenwart versuchte er, nicht zu fluchen, wodurch seine Rede an Fluessigkeit verlor.
— Keene Fragen, b... na... wozu... brau... ich ihn. Soll er gehen nach... wohin er will.
— Na bestens. Wie ist es denn so, Viktor, dort im Norden?
Bei dieser Frage wurde Lom traurig. Offenbar erinnerte er sich an das reissend schwindende Startgeld.
— Die Muecken, diese Mistviecher... ham... genervt.
— Muecken, Lomow, — sagte Anja belehrend und sah Lom streng an, — koennen weder Huendinnen noch Rueden sein. Diese Begriffe beziehen sich ausschliesslich auf Hunde.
— Und auf Woelfe, — piepste einer der Jungen.
— Und auf Woelfe, — stimmte Anja gnaedig zu.
Sie zogen sich schnell an, stiegen auf die Fahrraeder und fuhren auf dem kurzen Weg durch das Feld in die Stadt, das teilweise schon gemaeht war und mit den Resten der Halme zum Himmel starrte, wie Soldaten eines unzaehlbaren Heeres, von denen auf dem Schlachtfeld nur die Stiefel mit den herausragenden Beinstuempfen geblieben waren. Nur ganz selten wiegte sich traurig eine einsame Aehre im Wind.
Der Pfad lief flink den Huegel hinauf und hielt auf einem festgetretenen Kreis inne, als wuerde er darueber nachdenken, ob es sich lohne, in die Stadt hinabzusteigen, sich zu schlaengeln, sich wie eine graue Schlange zu winden und im Gestruepp zu verlieren, oder, bevor es zu spaet war, hier abzubrechen — auf dem Gipfel des Huegels.
Igor schob sein Fahrrad voran, ohne etwas von den Zweifeln des Pfades zu ahnen. Die neben ihm gehende Anja plapperte vergnuegt ueber die Schrecken der stalinistischen Lager. Durch das Gebot der Glasnost waren diese Schrecken zum Eigentum der breiten Oeffentlichkeit geworden. Zeitungen und Zeitschriften stiegen in ihren Auflagen und wetteiferten in farbenfrohen Beschreibungen der Leiden guter Kommunisten, die von boesen Kommunisten gequaelt wurden. Letztere wiederum wurden, sobald sie aus ihren Bueros in die Baracken umziehen mussten, ebenfalls zu guten Kommunisten, als wuerden sie durch ihr Leiden alle vergangenen Suenden s;hnen. Ueber die vergangenen Suenden der guten Kommunisten schwieg die Presse uebrigens schamhaft. Andernfalls waere die Glasnost in eine Verleumdung der Ideale umschlagen. Radeks — Bluechers — Frunses — Tuchatschewskis erhielten auf den Seiten der Glasnost-Journale den Maertyrerkranz. Wohingegen ihre gluecklicheren Komplizen unter der Fuehrung Stalins, all diese Kaganowitschs — Molotows — Budjonnyjs, im Status der Henker blieben.
Waerend er Anja zuhoerte, vergass Igor die juengste Kraenkung. Als der Pfad schliesslich in den Asphaltfluss muendete, wurde Igors Stimmung hoch und wolkenlos wie der ukrainische Himmel.
Es wurde Abend. Die geroetete Sonne neigte sich dem Untergang zu. Die Schatten wurden laenger. In der Luft wehte eine erste Kuehle.
— Ich habe Hunger, — erklaerte Anja an der Pforte ihres Haeschens, — meine Eltern sind weggefahren, und der Kuehlschrank ist leer.
— Komm zu uns. Mama wird uns Abendessen geben.
— Ich respektiere deine Mutter. Sie kocht wunderbar, und sie hat viele Fotos von deiner Schwester, ihrem Enkel, dem Mann deiner Schwester und seinen Verwandten. Ich mag es sehr, auf dem Sofa zu sitzen und Nina im Studenten-Bautrupp zu betrachten, Nina in anderen Umstaenden, Nina mit Kolja auf dem Arm, aber heute will ich etwas anderes.
— Was denn? — Igor war ratlos.
Anja lachte.
— Ich dachte, du wuerdest ein Maedchen ins Restaurant einladen.
— Ins Restaurant, — hallte Igor wie ein Echo nach.
Er rechnete fieberhaft nach, wie viel Geld er hatte und wie viel er von seiner Mutter erbetteln konnte. Man konnte wohl mit zwanzig, vielleicht sogar mit dreissig Rubeln rechnen.
— Ins Restaurant, — wiederholte er nach einer kurzen Verz;gerung, — das wollte ich selbst gerade vorschlagen.
Anja antwortete nicht, sondern kuesste ihn nur zaertlich auf die Wangen. Sie vereinbarten, sich in einer Stunde am Restaurant „Severnoe Sijanie“ — dem Nordlicht — zu treffen. In der Siedlung, welche die Bev;lkerung in ihrem Stolz ausschliesslich als Stadt bezeichnete, gab es nur ein einziges Restaurant. Von den zwei anderen Einrichtungen der Gemeinschaftsgastronomie — einer Kantine und einem Caf; — unterschied es sich vorteilhaft durch breite, moderne Fenster, die Anwesenheit von zwei im Schichtbetrieb arbeitenden Kellnerinnen und eine geringe Anzahl von Fliegen.
Das Essen im Restaurant war geschmacklos und teuer. Die Karte der alkoholischen Getraenke war kurz wie ein Atemzug: bitterer Wodka und s;sser Kagor, manchmal auch Champagner. Das Interieur des „Severnoe Sijanie“ war so simpel wie der Aufbau eines Ziegelsteins. Die bodentiefen Fenster, die stellenweise von frueheren Schlachten Risse aufwiesen, wurden von Gardinen verdeckt, die vor Alter und Staub ergraut waren. Auf dem Fliesenboden standen auf Metallbeinen ein Dutzend wackliger Tischchen aus der Produktion der oertlichen Moebelfabrik. Dazu Plastikstuehle, vier an jedem Tisch.
Das war wohl alles... ach ja, in der Ecke kauerte eine kleine Estrade, die einst leuchtend blau gewesen war, nun aber aschblau wirkte. An Feiertagen, wenn der Saal fast voll war, oder bei Jubilaeen von Vorgesetzten, wenn zus;tzliche Tische hineingetragen, in Doppelreihen aufgestellt und ihr Elend mit langen weissen Laken verdeckt wurde, traten auf der Estrade die „staedtischen Nachtigallen“ auf, die sich von ihrer Hauptarbeit bei den Tanzabenden losgerissen hatten. Sie ergoetzten das Gehoer des Publikums mit den melancholischen Melodien von Antonow — ueber den Spiegel, in den man blicken sollte, ueber das Boot auf dem naechtlichen Fluss, ueber den weissen Dampfer und die sanfte Welle.
Anja kam, wie es bei Frauen gew;hnlich der Fall ist, zu sp;t. Aber nicht lange. Nur eine halbe Stunde.
Sie trug ein kurzes wei;es Kleid, das ihre Figur eng umschloss, wei;e Schuhe mit hohen Abs;tzen, und in den H;nden hielt sie eine wei;e Lackhandtasche in Form eines Reisegeschmacks. Die dunkle Welle ihres Haares fiel frei auf ihre nackten Schultern.
„Sie sieht aus“, dachte Igor, w;hrend er die herankommende Anja bewunderte, „sie sieht aus... wie eine Braut“. Diese Entdeckung ;berraschte ihn aus irgendeinem Grund.
— Da bin ich. Bin ich sehr sp;t?
— Nein, nicht sehr.
Anja und Igor besetzten den zweiten Tisch vom Eingang am Fenster. An der Estrade feierte eine Gruppe von Bergleuten — vier Kerle und zwei M;dchen, die in der Stadt f;r ihr leichtfertiges Benehmen bekannt waren. Die ;brigen Tische waren frei.
Eines der M;dchen, schon ziemlich angetrunken, ;u;erte lautstark ein Urteil ;ber die Milchb;rte, die noch zu jung seien, um in Restaurants herumzustreunen. W;hrend sie aus dem Fenster starrte, bemerkte Anja ebenso laut, dass manche Schlampen schon am Morgen besoffen seien. Das geschminkte M;dchen sprang auf, in der Absicht, einen Skandal anzuzetteln oder, wenn es gut lief, eine Schl;gerei, doch sie wurde von einem der Kerle zur;ckgehalten.
— Setz dich hin, wo du stehst, — befahl er und f;gte sanfter hinzu: — Spinnst du, Ljusja, das ist doch die Tochter des Direktors. Der frisst mich mit Haut und Haaren.
Damit war der Konflikt ersch;pft.
Die Kellnerin sch;lte sich aus ihrer Nische heraus, deren einzige Dekoration eine nicht funktionierende Kasse war, so antik, dass einem Pterodaktylen, Mumien von Pharaonen und Tonscherben l;ngst vergangener Epochen in den Sinn kamen. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es keine Schl;gerei geben w;rde, trat sie an den Tisch und legte Anja das Men; vor, das auf einem Blatt grauen Papiers verschwommen von einer Schreibmaschine mit einem defekten Buchstaben „o“ getippt worden war.
Anja bestellte Fisch.
— Fisch ist aus, — verk;ndete die Kellnerin gleichm;tig.
— Womit kann man denn hier zu Abend essen, ohne seine Gesundheit extrem zu gef;hrden? — beharrte Anja auf dem heiligen Recht des Gastes.
Die Kellnerin schwieg und dr;ckte mit ihrer gesamten Erscheinung Verachtung f;r die Milchb;rte und Solidarit;t mit dem geschminkten M;dchen aus. Bis auf den Grund ihrer streits;chtigen Seele war sie davon ;berzeugt, dass man nicht ins Restaurant geht, um zu essen, sondern um zu zechen. Und wenn man die dumme Angewohnheit aufg;be, zum Wodka warme Vorspeisen zu servieren, w;rden die Besucher nicht weniger werden — aber wie sollte man das Kindern erkl;ren? „Ich sollte eigentlich die P;sse verlangen, die sind doch bestimmt noch nicht achtzehn“, regte sich ein tr;ger Gedanke und verschwand wieder.
Anja schwieg ebenfalls. Sie sah die Kellnerin mit Interesse an, und diese gab nach.
— Es gibt Eskalop, — gab sie das Geheimnis des Restaurants preis.
Wobei sie, um den Verrat zu verschleiern, das Eskalop als „Ostolop“ bezeichnete.
Anja sah Igor an. Er nickte.
— Zwei Eskalops.
Die Kellnerin kritzelte etwas in ihren Block.
— Beilage? — fragte Anja.
Der Verrat hatte die Kellnerin nun vollends gepackt. Die Preisgabe des zweiten Geheimnisses fiel ihr schon wesentlich leichter.
— Gebratene Kartoffelchen.
— Bringen Sie das.
Und so ging es weiter.
— G;rkchen, ganz mit Noppen, Tom;tchen haben wir erst gestern bekommen.
Anja stimmte allem zu. Die Kellnerin notierte alles.
— Was werdet ihr trinken, junge Leute? — sagte sie, w;hrend sie den Block in der Tasche ihrer koketten Sch;rze verschwinden liess, und gab selbst den Hinweis: — Es gibt Champagner. Krim-Sekt.
— Wir nehmen den Champagner, — Igor setzte als Mann den Schlusspunkt unter diesen Handel.
Die Bestellung kam recht schnell. Die Kellnerin stellte die Teller auf, oeffnete geschickt den Wein und laechelte sanft: Guten Appetit, junge Leute. Dann zog sie sich in ihre Kammer zurueck.
Sie machten sich ueber die Kartoffeln her, erledigten die „Ostolops“, die sich als gar nicht so schlecht erwiesen, und tranken den schaeumenden Krim-Sekt auf diesen Tag, auf die Schuljahre, auf die Liebe.
Waehrend des Abendessens betrat ein Ehepaar den Saal — ein Mann und eine Frau mittleren Alters. Aengstlich zu der laermenden Bergarbeiter-Gruppe hinrueber schielend, setzten sie sich an einen Nachbartisch. Zwei Maenner in ordentlichem angetrunkenem Zustand schauten kurz herein, blieben an der Schwelle stehen und entfernten sich wieder.
Die Kellnerin raeumte die leeren Teller ab. Auf dem Tisch blieben zwei Glaeser, eine halbvolle Flasche und ein Aschenbecher zurueck. Igor zuendete sich eine stinkende bulgarische Zigarette an. Er rauchte erst seit kurzem, nicht laenger als anderthalb Monate. Bei den Partys im Studentenwohnheim rauchten alle, und er hatte sich irgendwie unbemerkt daran gewoehnt. Uebrigens glaubte er, dass er jederzeit aufhoeren koenne, wenn er wolle. Bisher wollte er nicht.
An der Schwelle erschien Koschtschej. Kaum hatte Sapruda einen Blick auf Kolka Grischaew geworfen, spuerte er, wie in seinem Herzen Bosheit aufstieg. Das ueberraschte Igor, denn sie waren befreundet gewesen. In der zehnten Klasse war die Freundschaft etwas abgekuehlt, doch in der neunten bluehte sie in voller Kraft auf dem Boden einer leidenschaftlichen Liebe zur Science-Fiction. Doch die Liebe zu den Werken von Lem, den Bruedern Strugatzkij oder Bradbury war bei ihnen von voellig unterschiedlicher Art. Sapruda lockte die Handlung, das Sujet, eingerahmt von Megaparsec des Raums und Paradoxien der Zeit; Grischaew hingegen interessierte die Entsprechung zu den Naturgesetzen. Jedes gelesene Buch zerlegte er oede in seine Einzelteile: was den neuesten Theorien entsprach und was nicht — und was folglich im Prinzip gar nicht sein konnte.
Und ausserdem kaempften sie an langen Winterabenden im Schach gegeneinander. Koschtschej brachte sie immer mit. Er kam aus dem Nachbareingang leicht bekleidet heruebergelaufen. Grischaew gab eine Vorgabe von zwei Springern oder einem Turm und gewann trotzdem meistens.
— Baton! — rief Grischaew von der Schwelle aus. — Da bist du ja! Ich suche dich schon seit dem Morgen.
Wut und Hass, die unklar war, woher sie stammten, f;llten Saprudas Seele bis zum Rand. Grischaew, nichts ahnend von dem Unheil, das ;ber ihm schwebte, trat an den Tisch.
— Radtschenko, — er sah Anja an, — ich habe geh;rt, du bist in Biologie durchgefallen.
— Du hast meine Freundin beleidigt, — sprach Igor d;ster.
Grischaew erstarrte. Er blinzelte verwundert mal zu Sapruda, mal zu Radtschenko. Mit zitternder Hand r;ckte er seine Brille zurecht.
— Womit denn?
— Beleidigt, beleidigt, — best;tigte Anja.
Sapruda erhob sich. „Nun gut, es reicht.“
— Womit denn, lass mich das wissen.
Grischaew erfuhr es nicht. Igor schlug ihm ins Gesicht. Er schlug schwach zu, doch Koschtschej sackte mit einer erstaunlichen Bereitschaft auf den Boden.
— Da hast du es, da hast du es, dass du mich Baton nennst, da hast du es, — Igor trat mit den F;ssen auf Grischaew ein und versuchte, die weichen Stellen zu treffen.
— Oj, das tut weh, oj, nicht doch! — schrie Grischaew.
— Ich rufe jetzt die Miliz! — kreischte die Kellnerin, erstaunt dar;ber, dass die Milchb;rte wie die Erwachsenen eine Schl;gerei angezettelt hatten.
Das Ehepaar blickte sich ver;ngstigt um, aus Furcht, dass der Trupp der Bergleute in den Kampf eingreifen k;nnte — und dann zerbrochene Scheiben, zertr;mmerte Tische und St;hle, Miliz, Protokoll, Aerger auf der Arbeit. Auf ihrem Fluchtweg lag der niedergestreckte Grischaew, und ;ber ihm tobte Sapruda. Die Bergleute johlten zustimmend. Ihre leichtlebigen Damen kreischten.
— Gib’s ihm noch mehr, gib’s diesem Brillentr;ger! — schrie die geschminkte Dame.
— Da hast du dein oj, da hast du dein oj, da hast du es, — Sapruda keuchte vor Hass.
Neben ihm fuchtelte Anja herum.
— Gib’s diesem Bock, gib ihm noch mehr. Lass mich mal selbst.
Sie trat Grischaew mit ihrem weissen Schuh in den Bauch. Das ern;chterte Igor. Er packte Anja an der Taille und zog sie weg; Koschtschej nutzte die Unterbrechung, sprang auf und rannte davon.
„Warum bin ich nur so ausgerastet“, wunderte sich Igor ;ber sich selbst.
Mit bebender Hand holte er den F;nfundzwanzig-Rubel-Schein seiner Mutter hervor und warf ihn auf den Tisch.
— Gehen wir weg von hier, — sagte er heiser.
— Gehen wir.
Von niemandem aufgehalten, verliessen sie das „Severnoe Sijanie“.
Die Nacht senkte sich auf das Staedtchen herab. Eine der letzten in diesem Jahr — eine warme, stille Nacht. Ueber das Himmelsgewoelbe verstreut brannten die Sterne und verdichteten sich auf der Bahn der Milchstrasse, die das Gewoelbe von Horizont zu Horizont zerschnitt. Mit geisterhaftem Feuer brannte der abnehmende Mond.
Das ganze Staedtchen war auf die Flaniermeile hinausgestroemt. Sie begann am Markt und muendete mit dem anderen Ende am Worowskij-Kino, mit dem Denkmal des unbekannten Bergarbeiters im Zentrum eines runden Blumenbeets. Stolz stand das Denkmal da, den rechten Fuss auf einen gezaehmten Mechanismus gest;tzt — eine wunderliche Mischung aus Maschinengewehr und Feuerwehrpumpe. Die Bergarbeiter, die die Mehrheit der Bevoelkerung ausmachten, behaupteten, dass sie mit diesem Ding der Heimat die Reicht;mer des Bodens foerderten, die zu einhundert Prozent aus Steinkohle bestanden.
Anja und Igor gingen Arm in Arm ohne Eile vom Markt zum Worowskij. Sie trafen Mitschuelerinnen, die Anja argwoehnisch musterten; sie trafen Mitschueler, die Igor mit Neid ansahen. Sapruda beteiligte sich nicht an den Gespraechen, und wenn er etwas sagte, dann unpassend. Er konnte sich immer noch nicht von der Abreibung fuer Koschtschej im Restaurant loesen. Eine Schlaegerei konnte man das nicht nennen. Die ganze Szene atmete billige Theaterhaftigkeit, ein Laienschauspiel. Und dadurch wurde es nur noch widerlicher.
Erst auf dem Rueckweg hoerte der gefallene Grischaew in seinem inneren Raum auf, sich auf dem Boden zu winden, und die Szene ueberzog sich mit dem leichten Nebel des Vergessens. Sapruda wurde merklich heiterer.
Sie hielten am Haus von Anja mit dem kleinen Vorgaertchen und den zwei Kirschbaeumen vor dem Zaun, die wie Ehrenwachen zu beiden Seiten der Pforte wuchsen. Hier verabschiedete sich Igor immer von Anja.
— Komm rein, — schlug sie vor und sah Igor vielsagend an, — ich habe zum Tee eine Kiewer Torte da.
In den letzten zwei Jahren hatte Sapruda gegen sein Uebergewicht gekaempft, fuer das er seinen Spitznamen erhalten hatte. Das Uebergewicht hatte er besiegt, doch der Spitzname blieb.
— Ich laufe nur kurz nach Hause, um Mutter Bescheid zu sagen, — sagte Igor hastig.
Anja streichelte ihm ueber die Wange.
— Du brauchst ihr nicht Bescheid zu sagen. Sie weiss es auch so.
Igor wunderte sich: Woher sollte Mutter wissen, dass er Anja besuchen wuerde, wenn er es selbst vor einer Minute noch nicht gewusst hatte.
Diese Nacht gehoerte ihnen. Auf dem breiten Bett der Eltern war es ganz anders als im Gras oder auf dem Heu, oder der hastige Sex auf dem Sofa, in der staendigen Angst, jeden Moment bei dieser verbrecherischen Beschaeftigung erwischt zu werden. Sie kamen erst zur Ruhe, als die dritten Haehne dem Staedtchen den Anbruch des Morgens verkuendeten.
Schon im Einschlafen wurde Igor ploetzlich klar, dass ihr gesamter jetziger Verkehr, all diese Seufzer, Stellungen, Schreie und Stoehnen exakt nach dem Szenario des rothaarigen Eroto-manen Woldemar abgelaufen waren. Er laechelte unwillkuerlich ueber diesen Umstand und versank in Schlaf.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226020801519