Kapitel II. Eintauchen 7

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Die klappernde Postkutsche hielt an der Poststation. Aus der Kutsche stieg eine Frau. In den Haenden hielt sie eine schwere Reisetasche aus rotem Leder.
Die Frau blickte sich hilflos um. Vor ihr stand ein grosses, zweistoeckiges Haus. Seine Balkenwaende waren von der Zeit nachgedunkelt, und das Ziegeldach war stellenweise von braunem Moos bedeckt. Eine niedrige Freitreppe mit zwei Stufen fuehrte zur Eingangstuer. Ueber der Tuer hing schief ein Schild mit der Aufschrift „Traktir“, und unter dem Traktir befand sich ein nachlaessiger Zusatz in roter Farbe — „Nummern“. Neben dem Haus befand sich ein langes Stallgebaeude, nach dem starken Geruch von Mist zu urteilen. Am Stall standen zwei Bauernkarren und eine Kutsche, die zu gut war fuer diese abgelegenen Orte. „In so einer waere es keine Schande, ueber den Newskij zu fahren“, dachte die Frau.
Leichter Abendfrost hatte den Schmutz im Hof gefesselt. Doch die an Kraft gewinnende Fruehlingssonne versprach, den Hof bald in einen undurchdringlichen Sumpf zu verwandeln. Die Frau froestelte. Sie war muede vom Ruetteln und war durchgefroren. Besonders froren ihre Fuesse in den Pelzstiefelchen.
Die Tuer des Traktirs oeffnete sich, und auf die Treppe trat ein Husarenkapitaen. Er war leicht angetrunken. Sein Schnurrbart str;ubte sich keck. Der Kapitaen besass ein froehliches Gemuet, liebte Karten, Wein und war nicht abgeneigt, huebschen Fr;uleins den Hof zu machen. Freunde und Kameraden nannten ihn Ech. Ein ziemlich unerwarteter Name fuer die russischen Weiten. Damit hatte ihn das Vaeterchen gebrandmarkt, ech, gebrandmarkt — fuer das ganze Leben. Papa, Gott hab ihn selig, galt als Sonderling und grosser Original. Nachdem er im Rang eines Obersten seinen Abschied genommen hatte, heiratete er gluecklich und liess sich in einem Dorf nieder. Aus Langeweile ueber das Landleben begeisterte er sich ploetzlich fuer das alte Aegypten. Der Oberst befahl, ihn Ramses den Russischen zu nennen, und im Hof ordnete er an, einen sechs Meter hohen Erdhaufen aufzuschuetten, dem mit Balken die Form einer Pyramide verliehen wurde. Im Sommer gingen die Lakaien im Haus in blossen Lendentuechern umher und waermten sich unaufhoerlich mit Wodka. Zur Zeit der Geburt seines zweiten Sohnes hatte das alte Aegypten die Seele des Obersten so sehr in Besitz genommen, dass er den S;ugling unter dem Namen Budjak Echnaton Gawrilowitsch in das Kirchenbuch eintrug.
Als er die junge Frau erblickte, straffte der Kapitaen seine Haltung und tauschte den Ausdruck ekelhafter Langeweile gegen herzliche Anteilnahme ein. „Da ist ja das V;gelchen angeflogen“, dachte er. Den Schnurrbart zwirbelnd und mit den Sporen auf dem gefrorenen Schmutz klirrend, trat er auf sie zu, schlug schneidig die Hacken zusammen und nickte kurz und tief mit dem Kopf.
— Gnaedige Frau, gestatten Sie, mich vorzustellen. Kapitaen Ech Budjak. Vom Kommando zur Requirierung entsandt. Meine Kosaken ruhen sich im Stall aus.
Die Frau zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
— Verzeihen Sie, Kapitaen...
— Kapitaen Ech, — f;llte er die Pause, — wenn es Ihnen beliebt, werde ich die traurige Geschichte meines Namens erzaehlen. In der Waerme. Sie sind ganz durchgefroren. Lassen Sie mich Ihre Reisetasche tragen. Oh, wie schwer! Ist dort etwa eine Bombe drin?
Der Kapitaen wieherte wie ein Kavalleriepferd, das zum ersten Mal den Kaiser auf dem Paradeplatz erblickt.
— Das ist ein Scherz, — hielt er es fuer notwendig, sein Lachen zu erklaeren.
Die Frau laechelte schwach.
— Was fuer eine Bombe denn, Kapitaen. Buecher sind dort drin.
— Franzoesische Romane, — er sprach „Romane“ mit einem dehnbaren franzoesischen Prononcieren aus.
— Lehrbuecher. Ich studiere am Smolnyj-Institut.
— Ich habe die Bombe nicht zufaellig erwaehnt, gnaedige Frau, — sagte Ech, waehrend er die Freitreppe hinaufstieg und Olga Kobylinskaja (so stellte sie sich vor) am Ellbogen st;tzte, — ein befreundeter Gendarmerie-Oberst hat mir im Vertrauen gesagt, dass in dieser Gegend eine Bande von Bombenlegern ihr Unwesen treibt.
Der Kapitaen log. Er hatte keinen befreundeten Gendarmerie-Oberst, und woher sollte der in dieser Einoede auch kommen. Und die Bombenleger... wen sollten sie hier sprengen? Den Kreismarschall des Adels? Ech hatte zufaellig ein Gespraech zwischen dem Besitzer des Traktirs und dem Kellner ueber den Nihilisten Basarow belauscht. Dieser Basarow schnitt aus unerklaerlichen Gruenden Froesche auf und heilte danach mit diesen Haenden die Armen. Der Kapitaen entwickelte das Thema kreativ weiter, da die Naehe zu Staatsgeheimnissen wohltuend auf junge Damen wirkt.
— Welch ein Entsetzen! — rief Olga aus, als sie durch die hoeflich geoeffnete Tuer trat. — Sind sie denn nicht gefaehrlich?
— Solange Sie bei mir sind, Mademoiselle, droht Ihnen nichts.
Zum groessten Teil war er der Kapitaen. Aber nicht nur. Er war die Frau, die illegale Literatur in der Reisetasche, die Reisetasche selbst. Er war das Haus, der Schmutz im Hof. Der Stall, die Kosaken, deren betrunkene Stimmen durch die Balkenwaende des Stalls drangen, und er war die betrunkenen Stimmen. Mit einem winzigen Teil seines Bewusstseins war er drei nackte Pappeln im Hof, der violette Himmel, die Wolken, die am Himmel dahinzogen, der Wind, der die Wolken trieb. Er war der Dampf, der aus Olgas Mund drang, der Alkoholdunst von Ech, die Worte, die sich im Dampf verfingen. Er war ihre Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Er war alles und gleichzeitig nichts, denn im Rahmen des vorgegebenen Vektors besassen die Landschaft, die Charaktere und die Handlung eine Eigenstaendigkeit, die umso groesser war, je geringer sein Eingreifen war. Doch nicht alles war so einfach. Es gab zudem die miteinander verknuepfte Aufmerksamkeit und Detailtreue. Wenn er seine Aufmerksamkeit auf die Wolken richtete, eilten sie, vom Wind getrieben, flink ueber den Himmel, doch sobald er die Aufmerksamkeit lockerte, bewegten sie sich langsamer und erstarrten in ihrer Gemaltheit.
— Kerl! — rief der Kapitaen gebieterisch von der Schwelle aus, — der Dame heissen Tee, mir einen Cognac.
Den Gasthof, die Nihilistin Olga, den Kapitaen Echnaton, den ueber das Erscheinen der Frau verwunderten Kellner, den Himmel und die Pappeln loeste er in grauen Nebel auf und erwachte.


Neben ihm lag die nackte Ester. Sie schlief.
Oj stand auf, zog einen Bademantel an, der ihm etwas zu eng war, und trat ans Fenster. Eigentlich war es kein Fenster, sondern eine Glaswand von vier Metern Hoehe und acht Metern Laenge. Hinter dem Glas toste das Meer. Ein polares Meer, nach dem Eisberg in der Ferne zu urteilen, der die Form eines Pferdekopfes hatte. Der Wind trieb Herden hoher Wellen zum Ufer und brach sie an schwarzen, spitzzulaufenden Felsen. Das w;tende Bruellen der Brandung drang ueber den hundert Meter weiten Raum und die Doppelverglasung als ein gleichmaessiges Droehnen herein. Drei Meter vor dem Glas schwebte eine grosse Moewe, die sich auf den Aufwind stuetzte. Mit den roten Augen eines Trunckebolds musterte sie Oj argwoehnisch. „Wie ihr draussen wohl nicht kalt wird“.
Der Vogel stiess einen gellenden Schrei aus, ein Fluch wohl, legte die Fluegel an und fiel wie ein Stein ins Meer.
— Bumm! — begleitete Oj den Aufprall der Moewe auf dem Wasser.
Hinter seinem Ruecken war eine Bewegung zu hoeren. Oj drehte sich um. Ester, bereits in ein leichtes Neglig; gekleidet, sass mit uebereinandergeschlagenen Beinen in einem Sessel an einem runden Tischchen.
— Guten Morgen, Oj, — sagte sie laechelnd, — wie hast du geschlafen?
Oj erinnerte sich an Kapitaen Ech Budjak und laechelte zurueck.
— Danke, wunderbar.
— Kaffee, — Ester blickte den zum Tisch tretenden Oj fragend an, — selbst hier kann ich die Gewohnheit nicht ablegen, morgens Kaffee zu trinken.
— Kaffee, — stimmte Oj zu.
Sie hob die Hand, und in der Tuer;ffnung erschien ein Neger von athletischem Koerperbau. Seine ganze Kleidung bestand aus einem roten Lendentuch, einem goldenen Nasenring und einem weisszaehnigen Laecheln. Der Neger hielt den rechten Arm in der Geste eines Tablettraegers vor sich. Der linke Arm war hinter den Ruecken angewinkelt.
— Kaffee, — wiederholte Ester, — stark, ohne Zucker.
Auf der Handflaeche des Dieners erschien ein silbernes Tablett mit einer goldenen Kaffeekanne und zwei Tassen aus hauchd;nnem Porzellan. Der Neger stellte das Geschirr geschickt auf den Tisch und fuellte die Tassen mit einer schwarzen, dampfenden Fluessigkeit. Das leere Tablett vor sich haltend und sich unablaessig verbeugend, wich er r;ckw;rts zum brennenden Kamin aus. Oj haette schwoeren koennen, dass vor einer Minute an dieser Stelle kein Kamin gewesen war.
— Wie soll ich denn den Geschmack spueren? — fragte Oj, waehrend er die Tasse hob.
— Solche Fragen hast du vorhin nicht gestellt, — kicherte Ester, — als du am Bach ueber mich hergefallen bist.
Oj wurde verlegen.
— Ganz einfach, — fuhr sie fort, — stell dir einen Ort vor, an dem du guten Kaffee getrunken hast. Die Anwendung erledigt den Rest.
Oj stellte sich ein Strassencaf; in Sorrent vor, laermende Italiener, die melodisch etwas in ihrer Vogelsprache plapperten, nahm einen Schluck und erinnerte sich an den Traum. Er kam ihm sogleich in allen Einzelheiten zurueck, so wie die Erinnerung an Traeume eben zurueckkehrt.
— Mmm, — er schuettelte den Kopf.
Die Gerueche und Klaenge des sonnigen Italiens mischten sich zu gleichen Teilen mit den Geruechen und Klaengen des Restaurants „Severnoe Sijanie“, weshalb der Kaffee wahrscheinlich den charakteristischen Geschmack von Krim-Sekt hatte — zehn Rubel achtzig Kopeken die Flasche.
— H;r mal, Ester, — sagte er hitzig und stellte die Tasse weg, — mir hat so ein Traum getraeumt.
Ester sah ihn aufmerksam an und schwieg.
— Mir traeumte, ich sei in meiner Heimatstadt. Mir traeumte vom Sommer, vom Restaurant, von meinen Freunden und Bekannten, mir traeumte...
— Das war kein Traum, — unterbrach ihn Ester.
— Was soll das heissen — kein Traum? — Oj starrte Ester fassungslos an.
— Nun ja... kein Traum, — jetzt wurde sie verlegen, — verstehst du, dieser Bock Grischaew hat mir den Schluessel zu deiner Seele gegeben.
Eine heisse Welle rollte durch all seine Anwendungen: von den Fersen bis zum Scheitel.
— Zu meiner Seele! — schrie Oj auf und sprang so heftig auf, dass die Glaswand erzitterte. — Wie konntest du nur, Ester!
— Ich... ich wusste es nicht, — stammelte sie ratlos, — ich... ich konnte der Versuchung nicht widerstehen.
Oj sah sie boese an.
— Welchen Versuchungen kannst du sonst noch nicht widerstehen?
Er blickte auf den Neger. Dieser war in den Schatten des Kamins zurueckgewichen und loeste sich darin auf. Einige Sekunden lang hingen in der Halbdunkelheit noch der goldene Ohrring und das Laecheln, dann verschwanden auch sie. Ester machte grosse Augen.
— Keinen weiteren, Oj, ich schwoere es.
In aeusserster Gereiztheit wanderte er entlang des Panoramas des kalten Meeres, von der Wand zum Kamin, vom Kamin zur Wand, in deren Mitte ein grosses Gemaelde hing, das den Wolf und das Lamm aus der Fabel darstellte. Der Wolf schielte mit einem Auge auf den zorningen Menschen, mit dem anderen blickte er gierig auf das Lamm. Er schien zu waehlen, welcher von beiden schmackhafter und saettigender sei. Das Lamm zitterte. Ester weinte leise. Ihre Schultern bebten willenlos.
So verging in leisem Weinen und zornigem Hin- und Herlaufen eine geraume Zeit. Ester atmete stockend auf, wischte sich die Traenen ab und schnaubte laut.
— Setz dich, Oj, — bat sie sanft, so wie man einen hoffnungslosen Kranken bittet, eine nutzlose Medizin einzunehmen, — setz dich. Wir muessen reden.
Oj gehorchte widerwillig.
— Wir sind zu siebt hier, — begann Ester, nachdem sie die Last des Schweigens von ihren Schultern abgeworfen hatte. — Ich war die erste. Dass ich mich hier ohne fremde Hilfe realisiert habe — das allein ist ein Wunder. Dieser endlose Flug durch den gewundenen Geburtskanal, begrenzt von rosa Nebel, der, sobald die Aufmerksamkeit nachliess, naeher r;ckte und mich zu verschlingen drohte, — Ester winkte ab. — Ich mag mich nicht daran erinnern. Jedenfalls habe ich ueberlebt. Nach einiger Zeit lernte ich, die Ressourcen zu nutzen und den Raum nach eigenem Belieben zu gestalten. Als er bereits hier war, installierte Grischaew einige Zusatzanwendungen in mich; dafuer stahl ich ihm von europaeischen Banken einige Millionen Geldeinheiten. Danach betrachtete ich uns als quitt. Er aber verlangte immer neue Transaktionen. Seine Befehle direkt zu ignorieren, konnte ich nicht, aber ich konnte objektive Umstaende finden, die es mir nicht erlaubten, das zu tun, was er wollte.
Bei der Erwaehnung von Grischaew wurde Oj uebel bis zum Erbrechen.
— Warum, — fragte er, — warum konntest du ihn nicht einfach zum Teufel schicken?
— Dafuer gibt es viele Gruende. Die zwei wichtigsten sind: Erstens — mein Ich in der Realitaet. Grischaew betrachtete es als Geisel. Und zweitens — der Block Sklave in der Seele.
— Was ist das? — fragte Oj und blickte Ester verwundert an.
— Unser Unterbewusstsein ist in Grischaews Zeichensystem die Seele. Sie ist konventionell in Bloecke unterteilt. Ich weiss es selbst nicht genau, denn es ist unmoeglich, in die eigene Seele einzudringen, und andere Wesenheiten sind nicht geneigt, ihre Seele offenzulegen.
— Und mich... hast du meine Seele seziert?
— Ich habe nur in den Block Liebe hineingeschaut, — laechelte Ester. — Sonst nichts, glaub mir.
— Ich glaube dir, — sagte Oj fast gleichm;tig nach dem erlebten Sturm der Emotionen, — fahr fort.
— Nun, es gab so viele Ressourcen, dass ich sie nicht aussch;pfen konnte. Und ich begann ruhig zu leben, indem ich mit der russischen Literatur und in der russischen Literatur spielte. Einige Zeit spaeter bat mich Grischaew, bei der Geburt von Radja und Frida zu helfen. Die Prototypen waren Wadim und Lida Korotkow. Ich kannte sie in der Realitaet aus dem Touristenclub. Die Einsamkeit bedrueckte mich ein wenig, und ich stimmte mit Freude zu. Damals wusste ich noch nicht, dass es zwischen Matrizen keine Freundschaft geben kann.
Ester fing Ojs verstaendnislosen Blick auf.
— Matrizen — so werden wir in Grischaews Zeichensystem genannt. Der Prototyp ist derjenige, von dem die Pause abgenommen wird, folglich ist die Matrix die Pause. Ich bevorzuge eine andere Bezeichnung — Wesenheit. Sehr bald erkannten wir die Unmoeglichkeit von Beziehungen zwischen Wesenheiten und trennten uns, indem wir gemaess dem Frankfurter Vertrag die Ressourcen des Planeten in drei gleiche Teile aufteilten.
Etwa ein Jahr lang lebte ich ruhig. Grischaew belaestigte mich nicht. Er drehte seine Dingerchen mit Radja und Frida. Wahrscheinlich begannen auch sie sich zu druecken, und vermutlich deshalb schickte Grischaew gleich drei Wesenheiten auf einmal — Osama, Zeus und Dora. Die entsprechenden Prototypen waren Wlad und Max Seminjuk und Anna Pawlowa, dir bekannt als Baronin Wika. Den Seminjuks half Frida, und an der Entstehung von Dora war Radja beteiligt. Mich setzte Grischaew nicht davon in Kenntnis.
Aufgrund der Verdoppelung der Population kam es zu einer Neuaufteilung der Ressourcen nach dem Moskauer Vertrag. Damals spuerte ich zum ersten Mal den Mangel an Ressourcen fuer die Realisierung all meiner Phantasien. Die alten Wesenheiten — ich meine Radja und Frida — spuerten das ebenfalls. Und dann wurde auf meine Initiative hin beim Kiewer Konzil ein Zusatz zum Moskauer Vertrag verabschiedet. Wir alle verpflichteten uns, keine weiteren Wesenheiten mehr in den virtuellen Raum zu lassen.
Kaum war, bildlich gesprochen, die Tinte auf dem Zusatz getrocknet, da erschien Chan im Netz. Seine Geburtshelferin wurde Dora. Und keiner von uns brachte es uebers Herz, Chan und Dora zu vernichten, wie es das Kiewer Konzil vorgesehen hatte.
— Warum?
Oj lehnte sich im Sessel zurueck und hoerte aufmerksam zu. Draussen am Himmel jagten die Wolken, auf dem Meer liefen die Wellen in Scharen dahin.
— Weil Chans Prototyp Grischaew selbst ist.
— Na schau mal einer an, — brummte Oj, — und er, der Schurke, ist auch hier.
— Ja! Der Pekinger Vertrag, den auch Chan unterzeichnete, legte die endgueltige Verteilung der Ressourcen fest. Ich fange bei mir an.
— Du hast nicht gesagt, wer dein Prototyp ist.
Ester nahm einen Schluck Kaffee. In ihren Haenden erschien eine duenne, angezuendete Zigarette. Sie nahm einen Zug und blies einen feinen Rauchfaden zur Decke.
— Sie ist nicht mehr... — sie stockte, — Uberdosis. Nach dem Pekinger Vertrag fielen mir Russland und Nordeuropa etwa bis zum 44. Meridian zu. Frida nahm sich Japan, die Laender des Grossen Drachen, Indonesien und Australien. Radja kontrolliert natuerlich Indien, den Iran, den Irak und Kleinasien einschliesslich des Kaukasus. Unter Osama steht Nordamerika ohne Mexiko. Dora kontrolliert ganz Lateinamerika. Zeus’ Grenzen — das sind Suedeuropa, die Arabische Halbinsel und das gesamte ressourcenarme Afrika. Und Chan schliesslich kontrolliert China. Das ist die aktuelle Ressourcenverteilung unserer virtuellen Welt.
— Du sprichst staendig von Ressourcen, — sagte Oj und stand auf, — was ist das eigentlich?
— Informationsressourcen — das ist alles. Das ist das, woraus wir die Wirklichkeit erschaffen. Das sind die Felsen, das Haus, die Moewe vor dem Fenster, das Fenster selbst, das Meer und die Brandung. Mit einem Wort: alles.
— Das ist klar. Ich wollte etwas anderes wissen. Osama kam — er bekam Amerika, Chan kam — er nahm China, ich kam und...
Oj dehnte das „und“, um zu verstehen zu geben, dass dem Bindewort etwas folgen muesse.
— Und nichts.
Oj ging zum Fenster und kehrte zurueck.
— Das heisst?
— Grischaew hat dich mit der Bedingung in den Netzraum installiert, dass es keine neue Neuverteilung geben wird. Das bedeutet, du musst verschwinden, sobald deine Mission erfuellt ist.
— Wie, verschwinden?
— Verschwinden, dich in den Urressourcen aufloesen, die Existenz in jeglicher Form beenden, sterben. Waehle die Definition, die dir am besten passt.
— Was fuer ein Bock, — rief Oj aus, — na, stell dir das mal vor!
— So einen Freund hast du, Oj. Aber mach dir keine Sorgen, so wird es nicht kommen.
— Warum?
Ester zoegerte ein wenig mit der Antwort.
— Weil ich dich liebgewonnen habe, du Dummkopf.
Sein Blick fiel zufaellig auf das Gemaelde. Im Vordergrund trank das Lamm Wasser. Der Wolf war nicht mehr da. Jenseits des Baches, am Rand eines fernen Waldes, stellte ein grauer Fleck dar, wie er sich entfernte.
— Ich liebe dich... auch, Ester.
Sie sah ihn aufmerksam an und sagte nichts. Sie sassen da, versunken in ihre Gedanken. Das Rauschen der Brandung vor dem Fenster und die heiseren Schrei der Moewen brachen das Schweigen.
— Na gut, — Oj riss den Blick von der Landschaft draussen los und sah Ester an, — worin besteht denn meine Mission?
— Du sollst Verhandlungen mit Chan fuehren. Du sollst ihn davon ueberzeugen, die Idee des Grossen Chinas aufzugeben. Aus irgendeinem Grund ist Grischaew ueberzeugt, dass diese Aufgabe nur dir gewachsen ist.
— Ein Vieh ist er, — Oj laechelte schief. — Und, ist Chan tatsaechlich von der Idee des Grossen Chinas durchdrungen?
— Weiss der Teufel, — Ester zuckte die Achseln. — Nach indirekten Anzeichen verletzt er systematisch die Zwei-Prozent-Quote. — Da sie Ojs Ratlosigkeit sah, sprach Ester schneller weiter. — Wir duerfen zwei Prozent der Ressourcen abzweigen. Wenn es mehr wird, wird es auffallen, und dann wird sich die ganze Welt auf uns stuerzen, denn aus der Sicht der Realitaet sind wir nichts weiter als Viren. Es ist unwahrscheinlich, dass wir in diesem Krieg bestehen. Die reale Welt besitzt die ultimative Waffe. Es genuegt, das Internet ueberall nur fuer einen Augenblick zu unterbrechen, und wir alle wuerden untergehen. So sieht es aus. Deshalb ist die Einhaltung der Zwei-Prozent-Quote der wichtigste Punkt all unserer Vertraege. Chans Umgebung, sein kaiserlicher Palast, muessten eigentlich alle zugestandenen Ressourcen beanspruchen, aber er gibt zudem noch einen Teil an Osama ab, dem es fuer seine Orgien immer an allem fehlt. Die Informationsstroeme sagen, dass er innerhalb der Quote bleibt, aber die Logik sagt, dass er sie ueberschreitet, und zwar deutlich. Frida glaubt, dass er bis zu drei Prozent abzweigt. So etwas ist nur mit Hilfe von der anderen Seite moeglich. Sicherlich sind das nur Vermutungen, aber es sind sehr gefaehrliche Vermutungen. Er setzt uns alle einer Bedrohung aus.
— Nun gut, — sagte Oj, — ich bin bereit, mit Chan zu reden.
— Ganz so einfach ist es nicht, lieber Oj, — sagte Ester lachend. — Chan ist eine so verrottete Wesenheit, dass man mit ihm Verhandlungen aus einer Position der Staerke heraus fuehren muss. Andernfalls wird er ueberhaupt nicht mit dir reden.
— Und was fuer Kraefte haben wir?
— Da waeren wir beim Wichtigsten. Waehrend du schliefst, habe ich die Bereitschaft der Wesenheiten zu einem Buendnis mit dir sondiert. Ausser mir steht nur Frida fest auf deiner Seite. Osama und Dora haben sich auf die Seite von Chan geschlagen. Radja und Zeus schwanken. Unsere Aufgabe ist es, jemanden von ihnen, am besten beide, als Verbuendete zu gewinnen. Wenn das nicht gelingt, braucht man die Verhandlungen gar nicht erst zu beginnen. Wir werden dann still in unseren Loechern sitzen und warten, bis unser schoener Polytheismus durch die Eintoenigkeit des Monismus ersetzt wird. Bist du bereit? — fragte Ester, waehrend sie aufstand.
— Bereit wie ein Pionier.
— Mit wem fangen wir an?
— Meinetwegen mit Zeus.


Ðåöåíçèè