Kapitel II. Eintauchen 8

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Unten erstreckte sich ein weites, gepflegtes Tal. Durch das Tal floss traege ein breiter Fluss mit zahlreichen Buchten, malerischen Inselchen und Fischerbooten auf der blauen Flaeche. Das flache Ufer war mit Weinbergen, Olivenbaeumen und Gaerten bepflanzt, zwischen denen weisse Haeuschen zu sehen waren. Auf den sauberen Weiden grasten blendend weisse Schaefchen. Das huegelige Ufer war der Macht von Eichen- und Zypressenhainen ueberlassen. Die Gipfel der Huegel zierten antike Tempel in unterschiedlichem Grad der Zerstoerung. Die gesamte Landschaft war in einen stillen Sommerabend getaucht.
Die Huegel erhoben sich allmaehlich und gingen in einen hohen Berg ueber, der die gesamte Gegend beherrschte. Eine einzige Wolke huellte den Gipfel des Berges dicht ein. Dort zuckten unaufhoerlich Blitze, die vom Nebel gedaempft wurden, und von dort war ein fernes Grollen des Donners zu hoeren.
„Keine schlechte Installation“, dachte Oj. Hinter ihm war ein leises Wiehern zu hoeren. Er drehte sich um und erstarrte. Vor ihm stand ein Zentaur. Genauer gesagt, die Zentaurin Ester, mit einer feurigen Maehne aus rotem Haar, mit in gruenem Feuer brennenden Augen, und ihre Brueste mit grossen braunen Warzen ragten mit revolution;rer Direktheit hervor. Den pferdeartigen Teil Esters bedeckte ein glaenzendes braunes Fell, der Schweif hingegen war in kleine afrikanische Zoepfchen geflochten.
Sie klopfte helltoenend mit dem Vorderhuf auf einen Stein.
— Oj, du bist ja Herakles!
Er musterte mit Staunen seine starken Arme, die aus einem einzigen Eichenstaemmchen gefertigte Keule, die mit neun gelben Reisszaehnen verziert war, seine muskelbepackten Beine. Unter dem kurzen Stierfell schauten maechtige, zum Rest passende Lenden hervor. Oj zog besch;mt das Fell zurecht. Ester wieherte schrill.
— O, mein Ritter, — begann sie, auf griechische Weise aufjaulend, — nein, Mist, — unterbrach sie sich selbst. — O, mein Herakles, d;rstet es dich nicht danach, ins Tal zu eilen, wo der Bach inmitten abendlicher Wonnen plaetschert, wo Nymphen klagend ihre Lieder singen, wo Herden wandern, fett und dicht, wo unsere Liebe wie eine Rose bluehen wird.
Oj versuchte vergeblich, sein Fleisch unter dem kurzen Fell zu verbergen.
— Ester, schaemst du dich nicht, wir sind nicht deswegen hierhergekommen.
Und zum dritten Mal wieherte Ester.
— O, mein Held! Die Seligkeit der Goetter — eine volle Schale Nektar zu trinken ist uns bestimmt. Ich glaube, ich weiss, ich glaube. Gefalle ich dir denn nicht, — fuegte sie kokett hinzu, waehrend sie ihm das Hinterteil zuwandte und den afrikanischen Schweif hob.
Dem konnte Oj nicht widerstehen. Er trat an Ester heran und umschlang sie fest mit seinem maechtigen Arm.
— Nun, lass uns galoppieren, mein unersaettliches Stuetchen. Hermes, der leichtfluegelige, moege versch;mt seinen Blick verbergen.
Mit einem Sprung schwang er sich auf Esters Ruecken, und sie galoppierten ins Tal, wo, wo, wo. Sie waelzten sich im seidenweichen Gras, jagten durch Weinberge und Wiesen, erschreckten Schafe und Hirten, erschuetterten mit ihrem Gelaechter reife Oliven von den Baeumen und planschten im Wasserfall, wobei sie Wolken von Gischt aufwirbelten. Ester erschuf einen Regenbogen, und sie ruhten sich auf seiner gewoelbten Flanke aus. Und dann, dann liess Ester sich Fluegel wachsen, und sie stiegen in den Himmel empor.
Ein Dichter bemerkte sie. Waerend er sich auf der Harfe begleitete, verfasste er in wenigen Minuten ein grosses Epos ueber die Schlacht am Himmel von Hellas zwischen gefluegelten Zentauren und maechtigen Helden. Augenblicklich erschien das Epos im Sumpf des Vers libre und loeste ein lebhaftes Umherquaken seiner Bewohner aus.
Der ersch;pfte Oj rutschte von Esters Kruppe herunter. Mit ausgebreiteten Armen fiel er, waehrend er im Flug einschlief. Kurz vor der Erde fing Ester ihn auf.
— Wie geht es dir, Oj, — fluesterte sie zaertlich, waehrend sie sich an seine Schulter schmiegte.
Sie hatte ihre Pferdegestalt abgelegt.
— Du bist verrueckt, Ester.
Er schloss die Augen, und als er sie wieder oeffnete, war es Morgen. Ohne auch nur eine Minute laenger zu zoegern, verabschiedete sich Oj-Herakles nur kurz von Ester, die fuer den Abschied in die weisse Chlamys der Penelope gekleidet war, und machte sich auf den Weg zum Olymp.
Der Aufstieg erwies sich als lang und qualvoll, erschwert durch allerlei Abenteuer. Direkt am Fuss des Berges stuerzte sich der Nemeische Loewe auf ihn. Schon damals haette Herakles begreifen muessen, dass mit Zeus etwas nicht stimmte.
Der Loewe kam aus der Hoehle heraus. Er knurrte kurz und sprang auf den Helden zu. Oj duckte sich. Im Flug streckte der Loewe die Tatze aus und riss mit einer einzigen Kralle ein Stueck Fleisch aus dem Ruecken des Helden. Heisses Blut bespritzte die grauen Steine. Der Loewe landete weich. Mit kehligem Grollen naeherte er sich dem Helden. Er war ungewoehnlich gross, selbst fuer einen Hoehlenloewen. Seine Krallen waren aus Kupfer, die Maehne aus Gold. Seine Augen brannten vor Mordlust, der Schweif mit einer kupfernen Kugel am Ende schlug von einer Seite zur anderen und zertruemmerte den Granit.
Oj wartete ruhig auf einer Anhoehe auf ihn. Der Loewe kauerte sich auf die Hinterbeine, bereit zum Sprung, doch Oj kam ihm zuvor. Er sprang selbst. Mit voller Wucht liess Oj die Keule auf den Kopf des Ungeheuers niedersausen. Die Drachenzaehne durchschlugen das undurchdringliche Fell, und die Keule spaltete den Schaedel wie eine Nuss. Er brach mit einem Krachen, und rote Blutstropfen und weisse, geleeartige Gehirnstuecke spritzten in die Umgebung. Im selben Augenblick hauchte der Loewe sein Leben aus.
Oj riss dem Loewen den Rachen auf, schuettelte den Kadaver aus dem Fell, wie man einen alten Teppich auf dem Balkon ausschuettelt. Im Bach wusch Oj das eigene und das fremde Blut von sich ab. An seine Wunde legte er das Fell, und sie heilte. Er wartete, bis das Wasser wieder frei von Blut und Schmutz war, trank und setzte den Aufstieg fort.
Noch war der goldene Wagen des Helios nicht in der Mitte der Tagesbahn angekommen, da wurden die Kraft und der Mut des Helden einer neuen Pruefung unterzogen. Aus der Schlucht, an deren Rand der Pfad verlief, flogen drei kupferfluegelige Voegel heraus. Gellent kreischend wirbelten sie am Himmel empor und gewannen an Hoehe. Oj wusste, dass die schlangenkoepfigen Bestien Stymphalische Voegel hiessen; ebenso wusste er, dass ihre Absichten nicht gut waren, deshalb sammelte er einen Haufen Steine. Die Voegel aber griffen, nachdem sie Hoehe gewonnen hatten, den Helden an. Sie stie;en herab, die langen Haelse vorgestreckt; der mittlere vorn, die seitlichen etwas dahinter in gleichen Abstaenden. Reissend war ihr Flug, und die kupfernen Pfeile, die von den dreieckigen Fluegeln herabschnellten, waren noch reissender. Doch der Held war bereit. Er deckte sich mit dem Fell des Nemeischen Loewen zu, und es wehrte die todbringenden Pfeile ab.
Oj warf das Fell ab und schleuderte den davonfliegenden Voegeln schnell drei Steine hinterher. Der erste Stein toetete einen der Voegel. Er fiel auf einen Felsen und faerbte ihn kupferrot. Der zweite Stein verletzte einen anderen Vogel. Er verlor einen Teil seines toedlichen Gefieders, sackte merklich auf den rechten Fluegel ab, begann zu sinken und verschwand in der dunklen Schlucht. Der dritte Stein erreichte den letzten Vogel nicht.
Oj wartete, ob der Vogel zurueckkehren wuerde. Er kehrte nicht zurueck. Helios, der den himmlischen Hoehepunkt ueberschritten hatte, rollte dem Untergang entgegen.
Oj erreichte die Mitte des Berges, und hier begegnete ihm der dreikoepfige Hund Kerberos, was sehr seltsam war. Denn diese schreckliche Ausgeburt des ungeheuerlichen Typhon und der Halbfrau-Halbschlange Echidna sollte eigentlich das Unterreich des Hades bewachen und hatte keinen Platz nahe dem Gipfel des Olymps. Oj wollte den Kerberos nicht toeten, denn wer sollte sonst die Seelen der Verstorbenen davor bewahren, in die Welt der Lebenden einzudringen.
Er hielt inne.
— Zeus! — schrie er, und die Felsen erbebten bei diesem Schrei. — Genug der Heldentaten und des Blutes. Zeig dich mir!
Oj wartete. Kerberos wartete, unbeweglich wie eine Bildsaeule, und starrte den Helden aus allen sechs Augen gespannt an. Helios rollte dem Untergang entgegen.
— Zeus! — schrie Oj erneut. — Komm heraus!
Und nach dem dritten Schrei loeste sich eine weisse Wolke vom nebligen Gipfel. Sie liess sich auf die Brust einer Granitklippe nieder, und als sie sich zerstreute, stand auf der Klippe ein goettlicher Streitwagen, bespannt mit einem Dreigespann gefluegelter Pferde. Der grimmige Zeus hielt einen blitzfoermigen Dreizack in den Haenden. Sein langer Bart und sein Chiton schwankten in absoluter Windstille.
„Na endlich“, atmete Oj erleichtert auf. Er holte tief Luft, um den Herrscher des Olymps gebuehrend laut zu begruessen, doch Zeus wollte keineswegs in ein Gespraech eintreten. Vielmehr trat er in einem ganz anderen Dialekt in dieses ein. Zeus schleuderte drei Blitze auf den Helden. Der erste verwandelte das Fell des Nemeischen Loewen in Staub. Durch den zweiten verbrannte die Keule wie ein Streichholz, nur neun Drachenzaehne verstreuten sich auf den Steinen. Und der dritte Donnerkeil traf den Helden.
Oj kam durch Stoesse und Zerren zu sich. Die Flanke schmerzte unertr;glich, der rechte Arm hing wie eine Peitsche herab. Die gesamte Gymnastjorka auf der rechten Seite war von Blut durchtraenkt.
— Du bist zu dir gekommen, mein Lieber, — ueber ihn beugte sich Ester. Ihr Gesicht war voll Schweiss und Schmutz, unter der Pilotka schaute eine Straehne roten Haares hervor.
— Womit hat es mich... — kr;chzte Oj mit M;he.
— Ein Splitter, — antwortete Ester bereitwillig, — ein Splittertreffer.
Oj wollte fragen, wie er hierher geraten war, doch die barmherzige Schwester kam seiner Frage zuvor.
— Natuerlich wirst du leben, — sie beruehrte leicht seine Brust, — wir werden noch am Reichstag tanzen.
„Wo ist dieser Reichstag“, laechelte er schwach, „vorerst stiften wir im Eiltempo Fersenjagd“.
Die Schwester bemerkte sein Laecheln.
— Na also, — sagte sie, waehrend sie sich in die Schleifbahre einspannte, — ich bringe dich ins Lazarett, dort flicken sie dich zusammen. Du wirst wie neu sein. Wei;t du, was fuer eine Chirurgin Anna Sergejewna ist? Von Gott gegeben. Obwohl es keinen Gott gibt, — fuegte sie schnell hinzu, — so hat man es uns in der Zelle gesagt, aber sie ist trotzdem von Gott gegeben.
Ester riss die Schleifbahre mit einem Ruck an, und er verlor das Bewusstsein.
Er kam erst im Feldlazarett wieder zu sich. Dort herrschte das Chaos des Rueckzuges. Pferde, Karren, Autos, ein rauchender leichter Panzer am Strassenrand, ein zerstoertes Haus mit den Stuempfen weisser Saeulen — alles vermischte sich zu einem Haufen, und ueber allem lag ein unvorstellbarer Laerm aus den Schreien der Menschen, dem Wiehern der Pferde und dem Stoehnen der Verwundeten.
Ueberall lagen verwundete Kaempfer. Manchmal holten Sanit;ter jemanden zur Operation in einen Schuppen, der von den Bombardierungen noch verschont geblieben war. Andere wurden zur Beerdigung beiseite getragen.
Oj lag unter einer maechtigen Eiche, die seit einem Jahrhundert gleichm;tig auf das menschliche Treiben um sie herum blickte. Die Schwester war irgendwohin verschwunden. Aus dem Schuppen trat eine muede Frau um die vierzig. Ihr Kittel war ueberall mit Blut bespritzt. Zu der Frau — offensichtlich war dies die ber;hmte Anna Sergejewna — lief die Schwester und begann ihr hitzig etwas zu erklaeren, wobei sie in Richtung der Eiche zeigte. Anna Sergejewna schloss muede die Augen. Sie holte eine Papirossa aus der Brusttasche, klopfte mit dem Mundstueck gegen den Nagel des Daumens, knickte sie um und zuendete sie an.
Anna Sergejewna ging zur Eiche. Ihr folgten zwei Sanitaeter mit einer Trage und Ester. In schweren Kirza-Stiefeln kam sie kaum hinter ihnen her.
In diesem Moment hielt an der Eiche ein ramponierter Polutorka-Laster. Von der Ladeflaeche sprangen zwei Soldaten und ein Kapitaen mit blutig verbundenem Kopf. Die Soldaten oeffneten die Ladeflaeche und hoben vorsichtig eine Trage mit einem Verwundeten herunter.
Anna Sergejewna trat an die Eiche.
— Dieser hier? — sie nickte auf den liegenden Oj.
— Dieser! — rief Ester, hinter ihrem Ruecken hervorspringend.
— Auf den Tisch, — befahl Anna Sergejewna.
Die Sanitaeter betteten ihn auf eine Trage um. Sie gingen in die Hocke und griffen nach den Griffen. Ein Kapitaen lief auf Anna Sergejewna zu.
— Sind Sie die Chefaerztin des Lazaretts? — fragte er.
— Ich bin es.
— Sie muessen sofort den Regimentskommandeur, Oberst Netschajew, operieren.
Anna Sergejewna blickte auf Oberst Netschajew.
— Was steht ihr da rum, — warf Anna Sergejewna den Sanitaetern zu, die ueber Oj erstarrt waren, — bringt ihn in den Operationssaal.
Der Kapitaen riss die Pistole heraus.
— Genossin Chefaerztin, ich verlange, dass Oberst Netschajew sofort operiert wird!
Anna Sergejewna warf die Kippe weg und zertrat sie mit dem Stiefel.
— Hoeren Sie zu, Kapitaen, — sagte sie und betonte jedes Wort, — ich operiere die Lebenden und erwecke keine Toten zum Leben. Ihr Oberst wird in fuenf Minuten sterben. Sehen Sie den blutigen Schaum auf seinen Lippen? Er liegt bereits im Sterben.
In die Kakofonie der Klaenge mischte sich ein tiefes Droehnen. Es schwoll an, und ploetzlich bestimmte der gellende Schrei „Messerschmitts! Messerschmitts!!!“ seine Natur. Von Osten her, von der Seite der Sonne, setzten zwei Flugzeuge mit Balkenkreuzen im Tiefflug zum Angriff an. Die Menschen rannten auseinander, versteckten sich hinter Saeulen, hinter Baeumen, warfen sich ins Gras. Ester warf sich auf Oj und deckte ihn mit ihrem Koerper zu.
Und die Maschinengewehre begannen zu rattern und maehten das Gras der Soldaten nieder. Wschik, wschik — sangen die Kugeln ihr toedliches Lied. Das Droehnen begann sich zu entfernen. Die Flugzeuge winkten zum Abschied mit den Fluegeln und flogen nach Westen davon.
Anna Sergejewna erhob sich vom Boden, fluchte dreckig und drohte dem Himmel mit der Faust. Der Kapitaen lag mit ausgebreiteten Armen in einer Blutlache. Erstaunen war auf seinem toten Gesicht erstarrt.
Ester loeste sich von Oj.
— Du bist selbst verwundet, Schwesterchen, — sagte er, als er das Blut an ihrem Aermel bemerkte.
— Ach, Kleinigkeit. Nur ein leichter Streifschuss durch einen Querschlaeger. Die Eiche hat uns gerettet, stell dir das vor.
— Was liegt ihr hier rum, — Anna Sergejewna versetzte dem Sanitaeter einen leichten Tritt in die Seite, — bringt ihn in den Operationssaal.
Die Sanitaeter packten die Trage, und das Bewusstsein verliess Oj erneut.


Oj lag auf dem Bett, zugedeckt mit einer leichten Decke. Neben ihm im Sessel sass Ester. Sie strickte etwas und liess flink die Nadeln spielen. Das auffaelligste Detail ihrer Kleidung war die runde Brille auf der Spitze ihrer spitzen Nase.
— Du bist wach, — sie sah ueber die Brille hinweg zu ihm auf, — hier, ich stricke Socken fuer die Front.
Oj erinnerte sich an die Flugzeuge, an die Militaeraerztin Anna Sergejewna. Er setzte sich mit einem Ruck im Bett auf.
— Was soll dieser Quatsch mit dem Lazarett?
Ester legte das Strickzeug beiseite.
— Wie geht es deiner Flanke?
Sie schlug den Rand der Decke zurueck und beruehrte die lange, zickzackfoermige Narbe an seiner rechten Seite.
— Das ist kein Quatsch, Oj, — sagte sie, waehrend sie sich in den Sessel zurueckfallen liess und wieder zum Strickzeug griff, — ganz und gar kein Quatsch. Zeus hat in Toetungsabsicht zugeschlagen. Es war gut, dass du das Fell des Nemeischen Loewen zur Hand hattest, und gut, dass du darauf gekommen bist, den zweiten Blitz mit der Keule abzuwehren, und gut, dass ich rechtzeitig dazwischenging und den dritten Schlag abschwaechte. Sonst waere es aus mit dir gewesen. Aber selbst der abgeschwaechte dritte Blitz hat einige deiner lebenswichtigen Anwendungen beschaedigt.
Oj betastete die Narbe.
— Kann man diese Narbe nicht ganz entfernen?
— Anna Sergejewna hat dich gut zusammengeflickt, — sagte sie mit der Stimme einer barmherzigen Schwester, — sie ist eben doch eine Chirurgin von Gottes Gnaden. Man kann sie entfernen, — fuegte sie mit ihrer eigenen Stimme hinzu, — aber Narben, die man in Schlachten davontraegt, schmuecken dich.
— Na gut, soll sie bleiben.
— Stehen Sie auf, Graf, — sagte Ester, ohne den Blick von den Nadeln zu wenden, die in ihren Haenden blitzten, — grosse Taten warten auf uns.
Waehrend Oj die Jeans hochzog, das weisse Hemd anlegte und die Turnschuhe anzog, beendete Ester die Socke. Er setzte sich in den Sessel gegenueber. Ester legte die Nadeln beiseite und nahm die Brille ab.
— Also, — sagte sie und massierte sich den Nasenruecken, — Zeus haben wir verloren.
— Warum ist er so ausrastet?
Ester zuckte die Achseln.
— Kaina Anung, wie die Deutschen sagen. Unwichtig, wir haben ihn verloren. Bleibt noch Radja. Du brichst unverzueglich zu ihm auf.
— Nein, so kann ich nicht, — quengelte Oj, — ich muss mich ausruhen, die Wunde heilen lassen.
Ester lachte laut auf.
— Die Zeit wartet nicht, Oj, — sagte sie und streichelte ihm ueber den Kopf. — Chan hat die Verhandlungen fuer morgen angesetzt. Ohne einen dritten Verbuendeten brauchen wir dort gar nicht erst aufzukreuzen.
Oj sass im Sessel und dachte nach: Was mochte ihn wohl bei Radja erwarten?
— Was ist dort bei Radja? Wieder Maerchen und Mythen?
Ester blickte aus dem Fenster auf die Wolken, auf die weissen Schaumkronen der Wellen.
— Wir alle spielen das Leben, so gut wir es koennen, basierend auf den Eindruecken unserer frueheren Verkoerperung. Radjas Welt ist eine bunte Mischung aus Kipling, Nirwana und dem s;lzigen Romantizismus der siebziger Jahre.
Oj stand auf und reichte Ester die Hand.
— Ich bin bereit, Ester.
Doch sie griff nach den Nadeln und begann, die zweite Socke zu stricken.
— Du wirst allein aufbrechen muessen, — sagte Ester, ohne ihn anzusehen, — ich muss die Socke zu Ende stricken. Versuch, Radja zu gefallen.


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