Kapitel II. Eintauchen 9
So, mit ausgestreckter Hand, fand sich Oj am Rande des Dschungels wieder. Mit einem Blick wurde ihm klar, dass dies nicht der gemuetliche Wald der mittleren Breiten mit seinen Fichten und Birken war, mit seinen Lichtungen und Wiesen, mit vereinzelten Igeln und Fuechsen, sondern ein wilder, undurchdringlicher Urwald, ueber alle Massen von Getier bewohnt, das dem Menschen zum groessten Teil feindselig gesinnt war. Baeume von Oj unbekannten Arten wurden durch Lianen zu einer durchgehenden gruenen Wand verflochten. Aus dem Dschungel drangen hysterische Schreie von Papageien, das Bruellen eines Gibbons und der posunenartige Ruf eines Elefanten. Es war heiss und feucht. Wahrscheinlich war er mitten in die Regenzeit geraten.
Die Straeucher am Rande des Dschungels bewegten sich, und hervor kam ein grosser Tiger. Merklich auf der rechten Vorderpfote hinkend, trat er auf Oj zu. Er blieb drei Meter vor ihm stehen, setzte sich auf die Hinterbeine und starrte den Menschen mit unbeweglichem Blick an. Oj liess die Hand sinken, um nicht missverstanden zu werden.
„Nicht gut“, dachte er, „einfach so, und gleich ein Tiger. Irgendwie nicht besonders kameradschaftlich“.
Das Tier sah den Menschen an; der Mensch betrachtete mit angehaltenem Atem die vertikalen Pupillen der Bestie. Der Tiger war gross, alt, mit stellenweise schaebigem Fell. Er gaehnte weit und zeigte dabei lange gelbe Reisszaehne.
— Wollen wir so stehen bleiben und uns gegenseitig anstieren, — sagte er deutlich, nachdem er das Maul geschlossen hatte.
— Ich, ich... — stammelte Oj verlegen, — ich wusste nicht, dass Tiger mit menschlicher Stimme sprechen koennen.
— Was fluesterst du da, — herrschte ihn der Tiger an, — ich bin schwerhoerig geworden.
— Und was sollen wir tun! — rief Oj laut.
— Schrei nicht so, — der Tiger verzog das Gesicht, — ich bin nicht taub.
— Was sollen wir tun, — wiederholte Oj leiser, aber laut genug.
— Fuer den Anfang sollten wir uns vielleicht bekannt machen.
Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Wenn der Tiger beabsichtigt, sich bekannt zu machen, dann hat er nicht vor anzugreifen, mit den Krallen zu reissen oder sonstige Akte tierischen Vandalismus zu begehen.
— Mein Name ist Oj, — sagte Oj bereitwillig.
Der Tiger laechelte. Fuer ein Tier waren seine Gesichtsmuskeln ungewoehnlich gut entwickelt.
— Meine Mutter nannte mich Lungri, aber im Dschungel bin ich unter dem Namen Scherkhan bekannt.
— Es freut mich, unsere Bekanntschaft zu machen, Scherkhan, — sagte Oj, waehrend er sich an Esters Worte ueber die Mischung aus Kipling erinnerte.
— Mich freut es auch, Oj, — der Tiger erhob sich. — Gehen wir.
— Wohin? — wunderte sich Oj.
— Warum sind die Menschen nur so dumm, — warf Scherkhan diese Replik in Richtung eines unsichtbaren Publikums und f;gte, zu Oj blickend, hinzu: — zu Radja, er erwartet dich.
— Wo? — fragte Oj.
— In der Pi... im Nirwana. Gehen wir, — sagte der Tiger ungeduldig, — wir verlieren nur Zeit mit unnoetigen Wortgefechten.
Tausende Fragen wirbelten in Ojs Kopf herum, aber er hielt es fuer klug, sie fuer spaeter aufzusparen.
— Ich bin bereit.
Und sie machten sich auf den Weg. Ein kaum merklicher Tierpfad schlaengelte sich durch den Dschungel. Der Mensch musste sich staendig buecken, Lianen beiseite schieben und Zweigen ausweichen, die ihm ins Gesicht schlugen, aber der Pfad war durchaus passierbar, und an einigen Stellen so breit, dass das Tier und der Mensch nebeneinander gehen konnten. An einem dieser Abschnitte wagte Oj eine Frage.
— Ich habe gehoert, hier im Dschungel lebt jemand namens Maugli.
Scherkhan stolperte ueber seine kranke Pfote. Er knurrte ungehalten.
— Das ist ein haarloser Affe mit seiner Wolfsbande, — in seinen Worten war ein kehliges Grollen zu hoeren, — er macht mich fertig. Stell dir vor, Oj, — klagte Scherkhan, — dieser Bastard hat geschworen, mir das Fell abzuziehen.
— Was fuer eine seltsame Phantasie, — sagte Oj, besch;mt durch die Erinnerung an den Nemeischen Loewen.
Anscheinend hoerte Scherkhan seine Bemerkung nicht.
— Mir!!! — bruellte er aus voller Kehle. — Mir! Scherkhan! Dem Herrn des Dschungels!
Er schlug heftig gegen einen Baum, von dem gruene Dollars, braune Zweige und Fruechte, die wie marokkanische Apfelsinen aussahen, herabfielen. Durch dieses Bruellen verstummten die Papageien im dichten Laub, die Gibbons schwiegen, der Elefant hielt das Maul. Und in der Stille war das ferne Schlagen eines Kriegstamtams und ein leises Geheul zu hoeren. Scherkhan horchte auf, drehte den Kopf und schnupperte.
— Da sind sie ja. Jetzt werden sie uns nicht mehr loslassen. Renn!
Ihr Lauf war schnell und kurz. Scherkhan hielt abrupt an und bremste mit allen Pfoten. Auf dem Pfad stand ein schwarzer Panther. Seine Haltung und der nervoes auf den Boden schlagende Schwanz verrieten die Bereitschaft zum Todeskampf.
— Bagira, — herrschte Scherkhan sie an, — geh aus dem Weg.
Der Panther knurrte drohend. Scherkhan kauerte sich auf die Hinterbeine, bereit zum Sprung. Doch Oj hielt ihn auf, indem er ihn am Ohr packte.
— Warte! Gib mir und ihr eine Chance.
Er trat mutig an den Panther heran, schlug sich auf die Brust, so wie es Tschingatschgook, die Grosse Schlange, tat, um die Wichtigkeit seiner Worte zu unterstreichen, und sprach die magische Formel aus:
— Bagira, wir sind von einem Blut. Du und ich. Lass uns passieren.
Der Panther leckte sich nervoes mit der heissen roten Zunge ueber die Schnauze. Ihre Muskeln entspannten sich.
— Wir sind von einem Blut. Du und ich, — wiederholte sie die Beschwoerung. — Geh.
Mit einem Sprung verschwand sie im Geflecht aus Lianen und Baeumen.
— Du solltest dich besser auf mich setzen, — sagte Scherkhan, als er an Oj herantrat, — wir muessen so schnell rennen, wie es nur geht.
Oj kletterte auf den Ruecken des Tigers, und sie jagten schneller als der Wind davon, doch die Verfolger erwiesen sich als noch schneller. Der Laerm der Jagd kam naeher.
Mit weiten Spruengen flach ueber dem Boden raste Scherkhan dahin. Die Woelfe klaefften im Laufen. Ihre grauen Schatten huschten zwischen den Baeumen auf beiden Seiten des Pfades vorbei. Angefuehrt wurde das Rudel von einem grossen, aschgrauen Wolf. Da, waehrend er von rechts heranpreschte, zog er mit dem Tiger gleich und sprang. Oj duckte sich und presste sich eng an den Ruecken des Tigers. Er hoerte ueber sich das Klappern von Fangaezahnen, links ertoente das Geraeusch eines fallenden schweren Koerpers und ein schreckliches Geheul voller Verdruss, Hass und Bosheit.
— Akela hat wieder einmal fehlgeschlagen, — keuchte Scherkhan im Laufen.
Der Dschungel, in seiner waldigen Gestalt, brach jach ab. Sie st;rmten auf eine offene Flaeche hinaus. Vor ihnen, nach dem naeher kommenden Getoese des Wassers zu urteilen, befand sich ein grosser Fluss, verborgen in einem tiefen Bett. Scherkhan beschleunigte seinen Lauf. Er rannte wie ein Olympiasieger auf der Hundert-Meter-Strecke und gab den Rest seiner Kraefte fuer die kurze Distanz. Doch die Woelfe rannten schneller. Drei von ihnen jagten in einer Reihe und lagen nur noch wenige Meter hinter dem Tiger zurueck.
Scherkhan stiess sich vom Rand des felsigen Ufers ab. In einem weiten Sprung schien er ueber dem Fluss zu erstarren. Oj blickte ueber die Schulter zurueck. Die drei Woelfe fielen jaulend und purzelnd ins Wasser, und zum Fluss rannte schnell Maugli — ein Wesen mit dem Kopf eines Jungen und dem Koerper eines Gorillas. In der rechten Hand hielt der Gorilla-Junge ein langes Messer.
Scherkhan landete am anderen Ufer. Er rannte aus Tr;gheit noch ein paar Dutzend Meter weiter und hielt an. Den Kopf gesenkt und das Maul weit aufgerissen, atmete er schwer mit dem ganzen Koerper. Oj stieg vom Tiger ab. Am anderen Ufer tobte Maugli, umringt von dem Rudel grauer Raeuber.
— Scherkhan! — schrie er und uebertoente das Rauschen des Wassers. — Wir werden uns auf dem Pfad wiederbegegnen. Ich werde dir noch das Fell abziehen!
Der Tiger beruhigte seinen Atem. Er warf einen fluechtigen Blick auf die Feinde.
— Ich werde von dort weggehen, Oj, — sagte er. — Ich bin es leid, verstehst du, gegen die Umstaende anzukaempfen.
— Wohin willst du denn gehen, Scherkhan? — wunderte sich Oj. — Der Dschungel ist doch dein Zuhause.
— Ich werde unter die Schriftsteller gehen. Ich werde ein Buch in den Fels ritzen. Ich habe mir schon einen Titel ausgedacht: „Mein Leben in Foros“. Leb wohl, Oj.
„Was hat Foros damit zu tun“, wollte Oj ihm hinterherrufen, doch der Tiger, der merklich auf der rechten Vorderpfote hinkte, hatte sich bereits ein ganzes Stueck entfernt.
— Leb wohl, Scherkhan, — seufzte Oj leise, — moege Gott dir Ruhe schenken.
Er ging den Pfad entlang, in der Annahme, dass er ihn irgendwohin fuehren wuerde. Und tatsaechlich fuehrte der Pfad ihn zu einer unbefestigten Strasse.
Die gelbe Strasse lief froehlich an Weizenfeldern vorbei, an Reissuempfen, an Wiesen, auf denen heilige Kuehe traege das heilige Gras kauten. Zweimal bog sie in schmutzige Siedlungen ab, mit einer unglaublichen Anzahl l;rmender Kinder und duennen, ausgemergelten Erwachsenen. Am Rande der dritten Siedlung sah Oj eine alte Frau, die bis zu den Knien im Wasser stand. Gebueckt riss sie hastig gruenes Gras aus. Wahrscheinlich war es Reis.
— Verzeihen Sie bitte, — wandte sich Oj an sie, als er an das Feld trat, — wissen Sie zufaellig, wo sich das Nirwana befindet?
Die Alte richtete sich auf und ordnete ihren Sari. Es war eine junge Frau, nur sehr, sehr mager. Sie sah den Fremdling lange an, winkte dann mit der Hand in Richtung der untergehenden Sonne und begann erneut, das Gras zu rupfen.
„Ob sie mich wohl verstanden hat“, dachte Oj. „Versteht man hier ;berhaupt Russisch?“. Er blickte in die angegebene Richtung. Dort erhob sich die gewaltige Masse eines Tempels. „Wie habe ich ihn nur vorher nicht bemerkt“, wunderte sich Oj.
Die rote Sonne beruehrte mit ihrem Rand die T;rme von zerfliessenden Formen, als haette sie ein gigantisches fuenfjaehriges Kind aus Kuestensand geformt. Eine Viertelstunde spaeter, nachdem er die Bettler am Kircheneingang passiert hatte, betrat Oj die nach der Strassenhitze kuehle, hohe Halle. Es gab keinerlei Fenster. Eine Vielzahl von an den Waenden aufgehaengten Fackeln spendete den Betenden und jenen, die der goldenen Statue eines achtarmigen Idols Gaben brachten, das noetige Licht. Neben dem Idol schwebte einen Meter ueber dem Boden eine Kugel aus grauem Nebel. Manchmal hellte sich die Kugel bis zur Transparenz auf, manchmal verdichtete sich der Nebel bis zur Schwaerze. Vor der Kugel lagen nicht weniger Opfergaben als vor der Statue.
„Aha“, erriet Oj, „das ist es also, Radjas Nirwana“. Unter den missbilligenden Blicken kahlkoepfiger Priester, die in gelbe Umhaenge gehuellt waren, trat Oj an die Kugel heran und schritt hinein.
Im Zentrum des Nebels schwebte ein Mensch im Lotussitz. Seine Haende lagen auf den nach aussen gedrehten Knien. Die zu einem Buendel gefalteten Finger waren nach einem imagin;ren Oben gerichtet. „Das sind Chakren oder Tscharken“, — Oj erinnerte sich nicht an die genaue Bezeichnung der buendelfoermigen Konstruktion aus Fingern, — „in sie fliesst die kosmische Energie hinein“, — bei der letzten Behauptung war Oj sich nicht ganz sicher. — „Vielleicht“, dachte er, „fliesst aus ihnen die Energie heraus. Oder vielleicht fliesst in eine Tscharke die positive Energie des Makrokosmos hinein, und aus der zweiten fliesst die negative Energie des Mikrokosmos heraus“.
Der Mensch sass mit halb geschlossenen Augen da. Er atmete schwach und oberflaechlich. Oj versuchte, den Lotussitz einzunehmen. Unbeholfen gelang es ihm nicht sofort, im Raum gegenueber dem Menschen zu verharren. Dem Aussehen nach war er etwa vierzig Jahre alt, hoechstens fuenfzig, oder vielleicht auch dreissig. Er war baertig, mit einem spatenfoermigen schwarzen Bart; graue Haare fielen in Wellen auf seine Schultern und seine Brust.
„Sie sind hier alle auf das Goettliche fixiert“, dachte Oj, waehrend er den bis zum Guertel nackten Radja betrachtete. „In dieser Hinsicht unterscheidet sich Ester vorteilhaft von Zeus und Radja. Uebrigens ist nicht bekannt, welche Idole sie in ihren Privatgem;chern aufbewahrt“. Das Schweigen zog sich jedoch etwas in die Laenge. Oj hustete hoeflich in die Faust und sagte:
— Sei gegruesst, Radja.
Eine Ewigkeit verging, bevor der Mensch die Lippen oeffnete.
— Was sollte mich, Ankoemmling, dazu bewegen, die stillen Wasser des Nirwanas zu verlassen?
Oj war ratlos. „Na toll, jetzt geht es los“.
— Ich weiss es nicht, — murmelte er.
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