Kapitel II. Eintauchen 10
Radja oeffnete die Augen, und im selben Augenblick veraenderte sich die Umgebung radikal. Das Nirwana mit seinem Nebel des Vergessens verschwand, dafuer erschienen naechtliche Berge und zwei Lagerfeuer an einem Bergsee. An dem kleineren Feuer lag Radja, auf einen Ellbogen gestuetzt. Er war in ein einfaches Hemd und schwarze Sporthosen mit ausgebeulten Kniepartien gekleidet. Der Bart war geblieben, doch die Frisur hatte sich veraendert. Sie war kurz und wirkte voellig zivil.
Oj drehte den Kopf und wunderte sich ueber diese schnelle und entschlossene Aenderung des Interieurs. Vom See her hoerte man das Plaetschen des Wassers, Stimmen und Maedchenlachen. Am anderen Feuer hatte sich eine Gruppe von Touristen niedergelassen. Das Feuer faerbte ihre geistreichen Gesichter rosa. Ein Gitarrist sang mit heiserer Stimme in diesem Kreis ein Lied ueber Woelfe.
Radja stocherte mit einem Stock im Feuer, ein Funkenregen stieg zum Himmel auf.
— Was drehst du dich so, Oj, — sagte er, — freust du dich etwa nicht, dass du aus dem Nirwana herausgekommen bist?
— Was bedeutet das? — Oj starrte den zufriedenen Radja an. — Wie soll man das verstehen, Radja?
— An deiner Stelle wuerde ich es so verstehen, dass Radja einem Buendnis zustimmt.
— Verdammt, so einfach!
— Ich verstehe dich irgendwie nicht, — lachte Radja, — kompliziert ist schlecht, einfach ist auch schlecht.
— Und was ist mit deinem Nirwana?
— Ach, es hat mich gelangweilt, ehrlich gesagt. Man sitzt und sitzt da wie ein Idiot und versucht, an gar nichts zu denken.
Oj legte sich auf den Ruecken. Der Sternenhimmel st;tzte sich mit dem einen Rand auf den See, mit dem anderen lag er auf den fernen Gipfeln. Der zweihoernige Mond beleuchtete die Landschaft mit blassem Licht.
— Wo sind wir, Radja? — und er fuegte gem;ss den Gesetzen dieser Welt hinzu: — Ich meine, woher stammt diese Visualisierung?
— Altai. Wir waren hier mit meiner Frau vor... — Radja stockte, — kurz vor dem eigentlichen Eintauchen.
— Altai. Scho;n ist es hier, — Oj blinzelte dem Mond zu, — ich bin eigentlich kein Tourist.
— Ich weiss.
Oj richtete sich auf dem Ellbogen auf.
— Also sind wir zu viert.
— Zu viert, — stimmte Radja zu, — und wir haetten zu fuenft sein koennen.
— Sag mal, Radja, — sprach Oj, waehrend er im funkelnden Feuer stocherte, — weisst du zufaellig, warum Zeus sich so unangemessen verhalten hat?
Radja lachte lauthals auf und warf den Kopf zurueck. Er setzte sich in seinen geliebten Lotussitz.
— Hast du es immer noch nicht geschnallt?
— Was gibt es da zu schnallen, — brummte Oj veraergert. Radjas Lachen war ihm unangenehm.
— Jetzt werde ich es dir erklaeren, — er machte es sich im Lotussitz bequemer, — stell dir vor, das Familienoberhaupt sitzt abends im Wohnzimmer und trinkt Tee im Kreise seiner Angehoerigen. Alles ist still und friedlich. Die Schwiegermutter erzaehlt von den Preisen auf dem Markt, die Frau plaudert ueber ihre Freundinnen, die Toechter plappern ueber Schulnachrichten. Er hoert sich das alles mit halbem Ohr an und geniesst die Ruhe. Und ploetzlich poltert ein Paerchen halbbetrunkener, ungebetener Gaeste in einem hoechst unanstaendigen Zustand in den Flur. Damit nicht genug. Direkt im Flur fangen sie an, es miteinander zu treiben, mit besonderer Haerte und Perversion. Und dann will der Mann zum Hausherrn stuermen, „nur um mal zu reden“. Aber der Hausherr will nicht reden. Er will, dass das Paerchen sein Territorium verlaesst. Die Schwiegermutter kam in den Flur, um es ihnen zu erklaeren. Der Held schlaegt ihr in die Fresse, wirft sich das Fell ueber die Schultern. Die Kinder kamen herausgelaufen, er schlaegt auch sie in die Fresse. Die Ehefrau kam heraus, der Gast hat sie... Da kam der Hausherr selbst heraus und hat dem Helden ordentlich eins in die Fresse gegeben. Jetzt klar?
Oj sass da, rot wie ein Krebs im kochenden Wasser.
— Ich haette nicht gedacht, — murmelte er in extremer Scham, — dass es so aufgefasst wuerde.
— Dass du nicht gedacht hast, — fuhr Radja fort, — darin liegt nichts Erstaunliches. Aber Ester. Wie konnte sie nur. Immer so eine abwaegende und vernuenftige Wesenheit. Was hast du mit ihr gemacht, Oj?
Oj schwieg und hielt den Blick zu Boden gesenkt.
— Vergessen wir es, — erbarmte sich Radja, — was geschehen ist, ist geschehen. Die Vergangenheit laesst sich nicht zurueckholen.
Oj blickte zu Radja auf.
— Und warum hast du zugestimmt?
— Ich? — Radja schmunzelte.
— Ja, du!
— Ich habe alle Gipfel bezwungen. Bin in Gletschern erfroren. Bin von Felsen gestuerzt. Lag mit gebrochenen Beinen sterbend in einer Spalte. Und ich bin dieser Beschaeftigung ueberdruessig geworden. Ich lebte umgeben von Frauen, so schoen, wie nur meine Phantasie sie hervorbringen konnte. Aber selbst in der Glut der wahnsinnigsten Leidenschaft liess mich der Gedanke nicht los, dass ich im Grunde mich selbst poppe. Es ekelte mich an, und ich ging ins Nirwana. Du hast mich da herausgeholt.
Oj dachte, dass Radja der Antwort ausweicht.
— Und ausserdem, — sagte Radja, — ist es an der Zeit, Chan die Hoerner zu stutzen, bevor er uns alle damit aufspiesst.
„Da ist die Antwort“.
Am benachbarten Feuer verstummte die Gitarre. Von dort drang das leise Rascheln eines Gespraechs herueber. Worte waren nicht zu verstehen, aber Oj war sich aus irgendeinem Grund sicher, dass es um hoehere Materien ging: Sterne und Liebe. Vom See her kamen zwei Maedchen und setzten sich ans Feuer. Sie trugen nur Bikinis, die ihre Vorzuege nur leicht bedeckten, und sie waren blendend schoen.
— Mach Bekanntschaft, Oj, — Radja belebte sich, — das ist Sina Grosses Nest.
Radja deutete auf eine feingesichtige, vollbusige Blondine.
— Hallo, Oj, — laechelte sie.
— Hallo, Sina, — sagte Oj.
— Das ist Ljusja die Lahme.
Radja streichelte die Bruenette mit den langen, glatten Haaren ueber die Schulter. Sie war etwas kleiner als Sina und schmaler in den Hueften.
— So lahm bin ich nun auch wieder nicht, — kicherte die Bruenette, — guten Tag, Oj.
— Guten Tag, Ljusja.
— Wo ist Wolodja? — wandte sich Radja an die Maedchen. — Warum singt er nicht?
— Er ist in die Berge gegangen, — antwortete Sina.
— Um ein Lied ueber Pferde zu schreiben, — fuegte Ljusja hinzu.
— Soll er nur schreiben, — erlaubte Radja.
Die Maedchen hatten ein Beutelchen Gras und eine Packung Belomor-Papirossy mitgebracht. Sie pusteten den Tabak heraus und f;llten geschickt mit vier Haenden vier Huelsen mit dem Gras.
— Willst du? — Sina reichte Oj eine Papirossa. — Herrliches Kraut.
Oj nahm das Geschenk schweigend an. Alle zuendeten sich ihre Papirossy an den Glutstuecken des Feuers an. Sina setzte sich zu Oj. Sie schmiegte ihre warme Schulter an ihn.
— Na, wie ist es, — fragte sie und blies ihm kokett einen feinen Rauchfaden ins Gesicht, — willst du eine grosse und helle Liebe?
Oj dachte: Nach dem Dschungel musste er wohl wie ein Wilder stinken, nach Schweiss und Tier. Dieser Gedanke kam ihm so amuesant vor, dass er fr;hlich auflachte. Alle lachten mit, angesteckt von seiner aufrichtigen Heiterkeit. Am Feuer entspann sich ein gem;chliches Gespraech. Es war jene kluge, leichte Unterhaltung, deren Inhalt man sich schon nach fuenf Minuten beim besten Willen nicht mehr erinnern kann. Man sprach ueber das Wetter und die Berge, ueber Musik und Pferde, ueber Afrika und religioese Stroemungen. Schon war der Mond hinter dem Berg verschwunden, schon hatten sich am anderen Feuer die Hintergrund-Touristen verteilt, doch sie sassen immer noch da, hielten sich umschlungen, rauchten das herrliche Kraut und plauderten.
— Es ist Zeit zum Schlafen, Maedchen, — sagte Radja, — morgen wird ein harter Tag.
Die Maedchen erhoben sich.
— Ich erwarte dich, Oj, — sagte Sina und presste ihre heisse Huefte an seine Schulter.
— Ich erwarte dich, Radja, — sang Ljusja mit schmachtender Stimme.
Die Maedchen verschwanden in ihren Zelten.
— Na, ab zu den Stuetchen, — sagte Radja, stand auf und streckte sich gen;sslich. — Ich nehme an, du hast es auf das Grosse Nest abgesehen.
Oj hatte schon den Mund geoeffnet, um „Ja“ zu sagen, doch ploetzlich tauchte vor seinem inneren Auge die pralle Kruppe Esters in ihrer pferdeartigen Verkoerperung auf, und er sagte, fuer sich selbst unerwartet:
— Nein, Radja, ich werde allein schlafen.
— Wie du meinst, — Radja zuckte die Achseln, — dein Zelt ist das aeusserste auf der linken Seite.
Er deutete auf vier Zelte, die auf einer Anhoehe standen.
Die ganze Nacht waelzte sich Oj im Schlafsack hin und her, waehrend er durch den duennen Stoff des Zeltes schmachtendes Stoehnen und leidenschaftliche Seufzer hoerte, und am Morgen wurde er von Radja grob wachgeruettelt.
— Steh auf, Oj. Es ist Zeit.
— Schon? — Oj gaehnte schlaftrunken und streckte sich, soweit es der enge Kokon des Schlafsacks zulies. — Ist es schon Morgen?
— Es daemmert, — Radja war in nervoeser Erregung, — es ist Zeit, zu den Verhandlungen mit Chan aufzubrechen, — sagte er und verliess das Zelt.
Das Lager lebte ein geschaeftiges Morgenleben. Zwei Frauen kochten etwas in einem Kessel. Maenner bauten Zelte ab und packten Rucksaecke. Alles deutete auf die Vorbereitungen fuer einen Aufbruch hin. Der gestrige Gitarrist Wolodja sass niedergeschlagen am Feuer. Er hatte seine Schultern in eine Decke gehuellt und waermte seine Handflaechen an einer heissen Tasse Tee. Es sah so aus, als litte er unter einem Kater.
In hohen Stiefeln und einem Regenponcho stand Radja da, die Beine weit auseinandergestellt. Er rauchte eine dicke braune Zigarre.
„Wenn man den Bart wegnimmt und eine Melone und einen Gehstock hinzufuegt“, dachte Oj, waehrend er auf Radja zuging, „waere er das Ebenbild von Churchill“.
— Ich bin bereit, — sagte Oj.
Radja warf ihm einen fluechtigen Blick zu. Ausgehend von seiner Erfahrung im verzauberten Virtuellen war Oj sicher, dass sie sogleich nach diesen magischen Worten die Gebirgslandschaft abschuetteln wuerden, wie man ein Staubkorn von der Schulter wischt, und blitzschnell zu Chan versetzt wuerden.
— Ich bin bereit, — wiederholte er, und wieder geschah nichts.
Die in der Morgendaemmerung grauen Berge, der Nebel ueber dem See und das Lager blieben an ihrem Platz. Nur der Gitarrist schuettete den Rest seines Tees ins Feuer und begann beim Packen zu helfen.
— Wir werden im gem;chlichen Tempo vorankommen, — sprach Radja.
Eine Minute spaeter ertoente von oben ein kehliges Kreischen.
— Das Transportmittel ist eingetroffen.
Oj blickte in den Himmel, und dort sanken in majest;tischen Kreisen zwei riesige Adler in einer Spirale herab.
— Gehen wir, — Radja warf den Stummel von Churchills Zigarre weg und trat ihn sorgfaeltig mit dem Stiefel in die Erde.
Die Adler liessen sich am See nieder. Ein unerwarteter Windstoss durch den Schlag der grossen Fluegel fegte das Lagerfeuer der Touristen auseinander und setzte eine am Feuer liegende Decke in Brand. Mit Lachen und Schreien zertraten die Hintergrund-Touristen die Decke. Es schien, als haetten sie die Ankunft der Voegel gar nicht bemerkt.
Nur Sina und Ljusja kamen, um sie zu verabschieden. Wahrscheinlich gehoerten diese Wesenheiten in Radjas konventionellem Universum zu einer hohen Kaste derer, die zu schauen vermochten. Sina brachte einen Regenponcho, Stiefel, einen Fliegerhelm nach dem Muster des letzten grossen Krieges und lederne Handschuhe mit Innenfell mit.
Oj streifte sich das alles schnell ueber, sie bestiegen die Adler und schwangen sich in den Himmel empor. Und wieder stoerte eine unerwartete Boee die Ordnung im Lager. Die Touristen blickten sich hilflos um, unfaehig, die Ursache der Luftwirbel zu bestimmen. Nur der Gitarrist Wolodja schirmte die Augen mit der Handflaeche gegen die aufgehende Sonne ab und verfolgte den Flug der Voegel.
— Da ist es also, das Delirium tremens, — murmelte er, — Zeit, mit dem Saufen aufzuhoeren.
Sie flogen lange. Waehrend des Fluges nannte Radja die Gipfel, ueber die sie dahingleiteten. Hier und da strebten Ameisenketten von Bergsteigern den Gipfeln entgegen. Sie waren auf dem funkelnden Blau des Gletschers gut zu erkennen. Als sie ueber die Wueste Gobi flogen, erzaehlte Radja von den Schwierigkeiten des Reisens durch wasserloses Gelaende. Er sprach von Fluessen, die in den Bergen Tibets entspringen und durch die Ebenen Chinas fliessen. Trotz des Windgetoeses hoerte Oj jedes Wort Radjas deutlich.
Schliesslich begannen sie zu sinken. Aus einer Wolke flogen zwei Drachen hervor, mit den Flughaeuten von Fledermaeusen und den Rachen von Krokodilen. Sie reihten sich am Ende der Adler-Eskadrille ein. Die Adler waren unruhig, fuhren die Krallen aus und stiessen wuetendes Kreischen aus. Wahrscheinlich herrschte zwischen Adlern und Drachen seit alters her Feindschaft.
— Ganz ruhig, ganz ruhig, — Radja streichelte seinen Adler am Kopf, — das ist nur ein Ehrengeleit.
Oj beruhigte seinen Adler, und der Flug wurde relativ friedlich fortgesetzt.
— Und da ist sie, die Verbotene Stadt des Kaisers Chan.
Radja deutete mit dem Finger nach vorn und unten. Direkt auf ihrem Kurs wuchs eine ziemlich grosse Stadt mit einem majest;tischen Palast in der Mitte empor.
— Die Stadt, die Bevoelkerung, — sagte Radja, — die Armee, der Hofstaat und die Minister, die Konkubinen — alles ist extrem detailliert. Und er wird behaupten, dass er die Zwei-Prozent-Quote nicht verletzt.
— Und verletzt er sie? — ergriff Oj zum ersten Mal waehrend des Fluges das Wort.
— Einen Spion in Chans Umgebung einzuschleusen, ist aeusserst schwierig. Sein Sicherheitsdienst ist auf hohem Niveau. Aber selbst die Berichte der Spione muessen gefiltert werden, da die Gefahr besteht, dass es sich um ein doppeltes Spiel handelt. Ein Agent meldete eine unglaubliche Sache: Chan habe angeblich eine Verbindung zur Realitaet. Naemlich, dass er Ausfluege durch die Verbotene Stadt fuer die hoechsten Parteigroessen der chinesischen Kommunisten veranstaltet.
Unterdessen landeten die Adler auf dem Palastplatz. Die Drachen drehten eine Runde ueber dem Palast und flogen davon. Vom Landeplatz bis zum Eingang des Palastes unter dem spitzzulaufenden Dach aus rostroten Ziegeln erstreckte sich ein roter Teppich. Auf beiden Seiten standen unbeweglich, als waeren sie aus Ton geformt, Reihen von in schwarze Ruestungen gekleideten, bis an die Zaehne bewaffneten Kriegern. Radja und Oj schritten durch die Kriegerformation, stiegen die hohe Treppe hinauf und betraten den Thronsaal der Hauptresidenz des Kaisers Chan.
Der Thronsaal des Kaisers Chan uebertraf den Tempel von Radja, stand ihm jedoch an Pracht der Ausstattung nach. Vom Eingang bis zum Thron standen in zwei Reihen in lange, dunkle Gewaender gekleidete Beamte und in Ruestungen gehuellte Generale des Reiches. Der Thron selbst befand sich auf einem Podest mit drei Stufen. Auf jeder Stufe befanden sich mehrere Personen. Wahrscheinlich spiegelte ihre Position den Grad der Naehe des Wuerdentraegers zum kaiserlichen Thron wider.
Radja und Oj stiegen auf das Podest. Die Stufen-Wuerdentraeger murrten dabei unwillig und zugleich respektvoll. Die oberste Plattform war im Verhaeltnis zur Ausdehnung des Saales aeusserst klein. Auf ihr stand ein hoher, geschnitzter Thron, der mit himmelblauer Seide bedeckt war. Auf dem Thron sass ein junger Chinese mit einem lasterhaften Gesicht. Er sah Grischaew ueberhaupt nicht aehnlich.
Radja blickte sich nach Ehrenplaetzen fuer die hohen Gaeste um, und da er keine fand, erweiterte er mit einer Handbewegung das Thronpodest und erschuf zwei Thronstuehle — exakte Kopien des kaiserlichen Sessels. Die Gloeckchen an den hohen Hueten der Wuerdentraeger bimmelten empoert ueber diesen unerhoerten Bruch des Etiketts. Mit einer nachlaessigen Geste befahl Kaiser Chan seinen Untertanen, sich zu entfernen. Es vergingen keine drei Minuten, da war der Saal leer.
„Erstaunlich“, dachte Oj, „wie reibungslos und schnell die Chinesen verschwinden“.
— Hallo, Chan! — sagte Radja, waehrend er sich in den Sessel setzte. — Setz dich, Oj, in den Fuessen ist keine Wahrheit, — er deutete auf den benachbarten Sessel.
Chan sah unzufrieden aus.
— Du haettest mir zumindest der Form halber kaiserliche Ehren erweisen koennen.
— Deine kaiserliche Pantoffel kuessen, — lachte Radja. — Vergiss es. Ich selbst bin, wenn du es wissen willst, fast ein Buddha. Es ist also noch die Frage, wer von uns der Wichtigere ist.
Chan verzog das Gesicht.
— Die Vergoettlichung des Raumes vollzieht sich bis zur Unanstaendigkeit schnell.
— Du verstehst das nicht, Chan...
— Meinetwegen Osama oder Zeus, — unterbrach ihn Chan, — was ist von denen schon zu erwarten. Aber du, erzogen in der atheistischen Tradition, warum bist du unter die Buddhas gegangen?
— Du verstehst das nicht, Chan. Wenn wir die sichtbare Welt erschaffen, wer sind wir dann, wenn nicht Goetter? Und uebrigens, worin unterscheidet sich dein Kaisertum prinzipiell vom islamischen Radikalismus Osamas, vom Olymp des Zeus oder von meinem Buddhismus? In nichts, — antwortete Radja sich selbst.
Chan schwieg und musterte Radja aufmerksam. Auf Oj achtete er nicht im Geringsten, als existiere dieser gar nicht.
— In diesem Zusammenhang, — fuhr Radja hitzig fort, — beschaeftigt mich eine andere Frage viel mehr: Warum sind Frauen weniger anfaellig, wenn ueberhaupt anfaellig, fuer die Idolbildung? Ester, Frida, Dora — ihre Wesenheiten entwickeln sich in eine andere Richtung. Das kann kein Zufall sein.
— Wer soll diese Frauen schon verstehen, — Chan setzte sich aufrecht hin und gab damit zu verstehen, dass der inoffizielle Teil beendet war. — Warum seid ihr gekommen?
— Kaiser Chan, — begann Radja im Ton eines erfahrenen Diplomaten, — wir haben Informationen, dass du systematisch die Zwei-Prozent-Quote verletzt.
— Wie glaubwuerdig sind diese Informationen? — erkundigte sich Chan.
— Glaubwuerdig genug. Ich wuerde sagen: Sie lassen keinen Raum fuer Zweifel.
— Und was weiter?
— Weiter. Wir bilden eine Kommission bestehend aus Ester und, sagen wir, Dora. Die Kommission untersucht, deckt auf, du beseitigst die Missstaende, und gemeinsam unterzeichnen wir einen neuen Vertrag, damit es kuenftig niemandem mehr in den Sinn kommt. Etwa so.
— Und wenn ich das, — Chan schmunzelte, — als Verletzung der Souveraenitaet betrachte. Was dann?
— Dann Krieg.
— Tatsaechlich so, — Chan konnte ein Laecheln nicht verbergen.
— Genau so, — erwiderte Radja das Laecheln, — es wird sehr lustig werden.
Chan wurde ernst.
— Wir haben mehr Ressourcen. Europa und Indien werden gegen ein Buendnis von China und Amerika nicht bestehen.
— Ressourcen! — Radjas Laecheln wurde eine Stufe zaertlicher. — Wenn es zu den Kanonen kommt, wer wird da noch auf Grenzen und Quoten achten? Nicht die Ressourcen, sondern die Anzahl der Kaempfer wird die Sache entscheiden.
— Du widersprichst dir selbst, Radja. Wir sind zu viert, und ihr seid zu dritt.
— Wir sind ebenfalls zu viert.
— Er hat keine Erfahrung.
Chan sah Oj zum ersten Mal an, und dieser Blick war Oj unangenehm.
— Erfahrung! — Radja laechelte noch zaertlicher. — Ester ist die Urheberin des Raumes, ich und Frida sind Wesenheiten der zweiten Generation. Wir drei werden euch vier fertigmachen. Und Oj, — Radja blickte zu Oj, — ist, wie man es auch dreht, doch eine Unterstuetzung. Er hat bereits die Grundausbildung hinter sich, und das erfolgreich. Ich wundere mich ueber dich, Chan. Du warst immer so vorsichtig und besonnen, und nun bist du bereit, bei einem unvorhersehbaren Ausgang Krieg zu fuehren.
— Ich muss nachdenken, Radja.
— Denk nach, Kaiser Chan. Wir werden warten. Wir haben es nicht eilig.
Im Thronsaal hing Stille. Sie wurde nur von den regelmaessigen Schlaegen eines Gongs unterbrochen, die die Minuten zaehlten. Oj zaehlte zwoelf Schlaege, und Chan erwachte aus seiner Nachdenklichkeit.
— Ich habe einen Vorschlag.
— Ich bin ganz Ohr, — sagte Radja.
— Der Vorschlag lautet: Duell. Ein Duell zwischen mir und Oj, — Chan nickte nachlaessig in Ojs Richtung, und wieder wurde Oj unwohl. — Wenn zwei Runden, in denen wir abwechselnd die Waffen waehlen, keinen Sieger hervorbringen, wird es eine dritte Runde geben, in der die Waffen durch eine Beratung der Teams festgelegt werden. Wenn ich verliere, stimme ich euren Bedingungen zu. Wenn der Sieg mein ist, bleibt alles beim Alten.
Nun dachte Radja nach.
— Ich muss mich mit meinen Verbuendeten beraten.
— Berate dich, lieber Radja, aber nimm den Umstand in Betracht, dass ein Duell besser ist als ein Krieg.
Radjas Koerper wurde flimmernd und fast transparent. Wahrscheinlich hielt er in diesen Minuten einen Kriegsrat mit Ester und Frida ab, waehrend auf dem Thron nur seine leere Huelle sass. Radjas Flimmern dauerte ziemlich lange. Dann fuellte sich die Huelle wieder mit Radja und hoerte auf zu blinken.
— Wir sind einverstanden, — sagte er.
Diese Verhandlungen gefielen Oj nicht. Und je weiter sie fortschritten, desto weniger gefielen sie ihm.
— Warum, — warf er in aeusserster Gereiztheit ein, — fragt mich niemand, ob ich einverstanden bin?
— Du! — wunderte sich Chan aufrichtig.
— Duuuu...
Der Laut „y“ dehnte sich in der Zeit aus, begann wegzuschwimmen, und Oj fand sich im urspruenglichen Raum wieder, der aus einer flachen weissen Unterseite, einer flachen weissen Oberseite und weisslichem Nebel zwischen den Ebenen bestand. Einen Meter von ihm entfernt stand Ester. Sie war so... so, wie sie wahrscheinlich in Wirklichkeit war: zerbrechlich, schutzlos in einem einfachen Kattunkleid. Sie trat auf ihn zu, schmiegte sich an ihn und legte ihre Haende auf seine Brust.
— Ich weiss, Liebster, ich weiss, wie unangenehm es ist, eine Marionette in fremden, gleichg;ltigen Haenden zu sein. Aber um meinetwillen, um unseretwillen — stimme zu.
Oj legte die Arme um Esters Schultern.
— Ich weiss nicht, ob ich gegen Chan bestehen kann.
— Wir haben Hoffnung. Es ist nur ein wenig, so winzig klein, — Ester zeigte eine winzige Luecke zwischen Daumen und Zeigefinger, — aber sie ist da, und wir werden sie nutzen.
Oj nickte zustimmend. Ester schlang ihre Arme um seinen Hals.
— Was auch immer geschehen mag, was auch immer passiert, wisse — wir sind immer zusammen, — sie kuesste ihn auf die Lippen, — geh, mein Ritter, versohl ihm seinen mageren Hintern.
...yyy, — wunderte sich Radja.
— Ich bin einverstanden, — sagte Oj, — wo ist mein Degen.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226021202067