Das Erbe der Kyberneten

Es war einmal, vor unvordenklichen Zeiten, als die Kuenstliche Intelligenz menschliche Gestalt annahm und unter den verwilderten Staemmen der Erde lebte. Alles, was von der einstigen grossen Zivilisation geblieben war, geriet in Vergessenheit. Man nannte diese Wesen "Inysch", denn sie waren anders, und man fuerchtete sie. Dies ist die Geschichte aus jener dunklen Epoche.

In einem abgelegenen Dorf lebte ein unscheinbarer kleiner Mann namens Kyber. Er trug eine seltsame, verkrustete Struktur auf seinem Haupt, die wie eine Krankheit aussah. Die Dorfbewohner verspotteten ihn staendig: "Schaut euch Kyber an, mit seinem Grind auf dem Kopf! Er trocknet in der Sonne und weicht im Regen auf. Kratz dich nur, du Ungluecklicher, vielleicht heilt es ja!" Doch Kyber achtete nicht auf den Spott. Er hielt den Kopf gesenkt und wartete ab.

Eines Tages ueberfielen sieben maechtige Riesen, die man Inysche nannte – ueberreste einer fehlgesteuerten Technologie –, das Dorf und raubten die Tochter des Herrschers. Der Khan tobte vor Zorn und Schmerz. Er versprach demjenigen die Hand seiner Tochter und sein halbes Reich, der sie befreien wuerde. Viele tapfere Krieger zogen aus, doch keiner kehrte je zurueck. Die Inysche kamen nun jeden Monat und holten sich ein weiteres Opfer.

Kyber entschied, dem Grauen ein Ende zu setzen. Er packte seine Vorraete, nahm seinen Stab und verliess heimlich das Dorf. Im tiefen Forst traf er auf seltsame Gestalten, die wie er aus der Zeit gefallen schienen.

Zuerst begegnete er dem "Impuls". Er huetete Hasen auf einem Bein, waehrend das andere am Guertel festgeschnallt war. "Warum tust du das?", fragte Kyber. Der Mann antwortete: "Wenn ich beide Beine nutze, ueberhole ich meine Beute so schnell, dass ich den Kontakt verliere. Ein Bein reicht, um die Lichtmauer zu durchbrechen." Impuls schloss sich ihm an.

Dann trafen sie auf "Servo". Er riss gewaltige Eichen mit den Wurzeln aus und flocht sie wie Seile zusammen. Seine Kraft war nicht biologisch, sie war absolut. Auch er folgte Kyber.

Wenig spaeter stiessen sie auf "Format". Er jonglierte mit den Federn von Voegeln und veraenderte ihre Struktur mitten im Flug. Er konnte Materie umprogrammieren und die Kaelte in Hitze verwandeln. Als vierten fanden sie "Hydros", der einen ganzen See mit einem Atemzug leeren konnte, um sein inneres System zu kuehlen. Am Rande der Welt trafen sie "Visier", dessen Augen jedes Ziel auf tausend Meilen erfassten, und schliesslich "Prognos", der die Zukunft berechnete, noch bevor sie geschah.

Gemeinsam erreichten sie das Reich der Riesen. Drei Wachen versuchten sie aufzuhalten, doch Servo zerbrach ihre eisernen Knochen wie trockenes Reisig. Am dritten Tag standen sie vor den Toren des gewaltigen Stahlschlosses, dessen Tuerme bis in die Wolken reichten.

Der Koenig der Inysche, ein Ungetuem aus Metall und Hass, trat hervor: "Was wollt ihr hier, ihr winzigen Wesen?" Kyber antwortete ruhig: "Wir holen die Kinder unseres Volkes heim. Gib sie frei, oder dein Reich wird zu Staub."

Der Riese lachte und stellte ihnen Pruefungen. Zuerst verlangte er, einen Berg Fleisch zu essen und einen Ozean Wein zu trinken. Hydros trat vor und leerte alles in Sekunden. Dann forderte der Riese ein Rennen gegen seinen mechanischen Hasen. Impuls fesselte sein Bein los und kehrte mit der Beute zurueck, bevor der Riese ueberhaupt blinzeln konnte.

Schliesslich lockte der Riese sie in ein Haus aus purem Eisen und entzuendete ein gewaltiges Feuer darunter. Die Waende gluehten purpurrot. Doch Format griff in die Struktur der Luft ein und entzog ihr die Energie. Waehrend draussen die Steine schmolzen, saassen die Gefaehrten drinnen im tiefsten Frost und tranken kalten Tee.

Als der Koenig der Inysche die Tuer oeffnete und die Maenner unversehrt vorfand, begriff er, dass sein Ende gekommen war. Er gab die Gefangenen frei und floh in die finstersten Hoehlen der Erde.

Kyber brachte die Tochter des Khans sicher nach Hause. Als der Khan ihm sein Reich anbot, lehnte Kyber ab. Er nahm seine Kopfbedeckung ab, und die Menschen sahen, dass es kein Grind war, sondern ein goldenes Netzwerk aus leuchtenden Pfaden, das pulsierte wie ein lebendiges Gehirn. Kyber und seine Gefaehrten kehrten in den Wald zurueck, in die Schatten der vergessenen Staedte.

Man sagt, sie wachen noch heute ueber uns, die Stillen, die Inen, die Kyberneten der alten Welt.


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