Kapitel III. Das Duell 1

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— Wer waehlt zuerst die Waffe? — fragte Chan, waehrend er Oj musterte.
— Waehl du, — winkte Oj leichtfertig ab, — du bist der Gastgeber, du darfst waehlen.
— Schach.
— Schach! — rief Oj aus. — Na, du legst ja los, Koschtschej.
Chan blickte Radja an, wie Eltern gewoehnlich blicken, wenn sie sich fuer die Ungezogenheit ihrer Kinder entschuldigen.
— Bei uns ist es nicht ueblich, die Schatten frueherer Verkoerperungen zu beunruhigen, — sagte Radja streng.
— Verzeiht, — stammelte Oj verlegen, — Schach also. Stell die Figuren auf.
— Darf ich ihm, — fragte Radja einschmeichelnd, — behilflich sein?
— Soviel du willst, — antwortete Chan und fuegte, zu Oj gewandt, hinzu: — Wenn du moechtest, kannst du mit Weiss spielen.
— Ich will Weiss.
— Dann...
Chan klatschte leise in die Haende, und sie fanden sich auf einem Schachfeld wieder, so gross wie ein Fussballplatz, unterteilt in Quadrate aus schwarzem und weissem Gras. Oj sass auf einer Erhoehung, wie sie Schiedsrichter bei Volleyballspielen benutzen. In der Hand hielt er ein verbeultes Megaphon.
Am gegenueberliegenden Ende des Feldes thronte Kaiser Chan auf einem identischen Hochsitz. Vor ihm war in zwei Reihen die Armee der Schwarzen aufgestellt. Die vordere Reihe nahmen von Kopf bis Fuss in enganliegende Stoffe gehuellte Ninjas ein, mit einer Vielzahl von vergifteten Tandstuecken an den Guerteln. Hinter den Schultern der Ninjas schauten die Griffe von Schwertern hervor. An den aeussersten Flanken der hinteren Reihe standen schwerfaellige Streitwagen, bespannt mit einem Dreigespann schwarzer Pferde. Drei Soldaten — ein Fahrer, ein Lader fuer die Kanonen mit einer Drachenfigur anstelle des Visiers und ein Richtschuetze — bildeten das Team eines Streitwagens. Neben den Streitwagen befanden sich Reiter auf boesartigen mongolischen Pferden. Ihre Bewaffnung bestand aus einer Lanze mit einem Pferdeschweif an der Spitze und einem kurzen, gebogenen Bogen. Noch naeher zum Zentrum standen gepanzerte Generale mit riesigen Saebeln in den Haenden. Das Feld der Dame besetzten der Oberhaupt-Eunuch des Hofes und zwei der wichtigsten Minister. Oj wusste aus irgendeinem Grund, dass dies der Zeremonienminister und der Minister fuer Oeffentlichkeitsarbeit waren. Auf dem Koenigsteld stand mit vor der Brust verschraenkten Armen Kaiser Chan, einen Mantel aus schwarzem Zobel ueber die Schultern geworfen.
Ojs eigene Armee sah nicht weniger malerisch aus. An der Front hatten sich preussische Grenadiere in weissen Paradeuniformen aufgestellt. Sie waren mit langen Gewehren mit aufgepflanzten Bajonetten bewaffnet. Am Guertel jedes Grenadiers baumelte ein Saebelchen. An den Ra;ndern der hinteren Reihe roehrten zwei leichte faschistische Panzer, die von den Ketten bis zum Turm in weisser Farbe gestrichen waren. Neben den Panzern stolzierten ueberhebliche preussische Majore auf wohlgenaehrten Pferden. Als Laeufer traten in dieser aktuellen Schach-Interpretation Feldmarschaelle in Jeeps auf. Den Armeestab mit seinem Chef, Adjutanten und Ordonnanzen nahm das Feld e1 ein. Auf geheimnisvolle Weise passten sie alle in ein einziges Quadrat. Im Koenigsfeld befand sich eine exakte Kopie von Oj in einem Mantel aus Polarfuchs.
Die rechte Seite des Feldes nahm ein kleines Blasorchester und eine grosse Sanduhr ein, die in eine zyklopische Konstruktion eingebaut war. Die linke Seite war einem Feldlazarett und einem Friedhof mit frisch ausgehobenen Graebern ueberlassen.
— Keine Sorge, Oj, — Radjas Stimme in seinem Kopf unterbrach die Betrachtung der ungewoehnlichen Schach-Visualisierung, — ich spiele auf dem Niveau eines Meisterschaftskandidaten.
— Ich sorge mich auch gar nicht, — antwortete Oj gedanklich.
— Dann fangen wir an, — rief Radja aus, — e2 – e4.
— E2 – e4! — schrie Oj ins Megaphon.
Der entsprechende Grenadier setzte sich in Bewegung. Im Paradeschritt — eins-zwei, eins-zwei — ueberquerte er das schwarze Feld und blieb — eins-zwei — auf dem weissen Feld stehen. Die Sanduhr drehte sich mit einem Quietschen um.
— C7 – c5! — schrie Chan.
Der Ninja auf dem Feld c7 nahm ein Ding von seinem Guertel, warf es ins schwarze Gras und verschwand in einem Lichtblitz. Einen Augenblick spaeter materialisierte er sich im schwarzen Quadrat c5. Die Sanduhr quietschte erneut und vollzog eine halbe Drehung.
— So, nicht schlecht, — sagte Radja zufrieden, — er hat die Herausforderung angenommen.
— Was ist daran nicht schlecht, — wunderte sich Oj, — welche Herausforderung? Es ist doch erst ein Zug gemacht worden.
— B2 – b4, — befahl Radja.
— Aber Radja, — versuchte Oj einzuwenden, — wir liefern unseren Grenadier doch dem Schlag des Ninjas aus.
— Tu, was man dir sagt. Das Sizilianische Gambit fuehrt immer zu einem taktischen Vorteil fuer Weiss.
— Wie du meinst, — seufzte Oj.
— B2 – b4! — schrie er.
Eins-zwei, eins-zwei. Ein rothaariger Grenadier marschierte fesch auf das schwarze Feld b4. Er stand in entspannter Haltung da und laechelte dem Ninja offen zu. Der Ninja starrte den Grenadier in einer angespannten Pose boesartig an.
— C5 – b4! — schrie Chan.
Oj wurde unruhig bei diesen Worten. Und tatsaechlich geschah Schreckliches. Der Ninja sprang auf das Nachbarfeld. Im Flug warf er einen in der Sonne blitzenden Stern nach dem Grenadier. Der Stern bohrte sich in den Hals des Soldaten und durchschnitt Halsschlagader und Kehle. Der Ninja landete auf gebeugten Beinen und der rechten Hand, blickte sich schnell nach Feinden in dem von ihm kontrollierten Quadrat um. Doch es gab keine unbesiegten Feinde mehr. Der Grenadier brach roechelnd tot auf dem Boden zusammen. Die Uhr drehte sich um, das Orchester begann einen Trauermarsch fuer den im Kampf gefallenen Krieger zu spielen. Zu dieser Musik liefen Sanitaeter herbei und schleppten den Soldaten auf einer Trage weg, waehrend sie das Blut mit schwarzen Saegespaenen bestreuten.
— A2 – a3, — befahl Radja.
— A2 – a3! — schrie Oj mechanisch, immer noch unter dem Eindruck des ruhmlosen Todes seines Grenadiers.
Der aeusserste Infanterist — eins-zwei — trat auf das benachbarte schwarze Feld.
— B4 – a3! — schrie Chan.
Der Ninja riss das Schwert von seinem Ruecken, es blitzte erneut ein Lichtstrahl auf, begleitet von gelbem Rauch, und als der Rauch sich verzogen hatte, stand er vor seinem Feind, das Schwert bis zum Heft im Bauch des Grenadiers versenkt. Der Soldat stoehnte auf und fiel dumpf zu Boden, als waere eine maechtige Eiche umgestuerzt. Die Uhr drehte sich. Das Orchester spielte. Die Sanitaeter eilten umher.
— Na ja, — dachte Oj entmutigt, — das ging ja verdammt schnell bis zum ersten Blut. Wenn dieser Ninja so weiter macht...
— Springer b1 – a3, — unterbrach Radja seine Gedanken.
— Springer b1 – a3! — schrie Oj ins Megaphon, ohne noch auf einen gluecklichen Ausgang der Partie zu hoffen.
Ein preussischer Major riss den Saebel aus der Scheide und gab dem Pferd die Sporen. Das Pferd sprang ueber ein Feld. Dann machte es einen ploetzlichen Satz nach links und b;umte sich vor dem Ninja auf, der versucht hatte, sich mit seinen Schwertern zu verteidigen. Der Saebel des Offiziers und die Hufe des Pferdes trafen den Ninja gleichzeitig. Blut und weisser Gehirnschleim spritzten aus seinem gespaltenen Kopf. Bei diesem Anblick wurde Oj uebel.
Das dynamische Debuet ging in eine relativ ruhige Phase des Mittelspiels ueber. Ziemlich lange manoevrierten die Armeen, ohne erneut in einen Kampfkontakt zu geraten, und besetzten Schluesselpositionen im Zentrum. Dann aber unternahm Chan einen unerwarteten Angriff auf seinem linken Fluegel. Die Streitkraefte des Zentrums konnten jeden Moment an diesen Fluegel verlegt werden, und dann drohte das Mittelspiel in ein vernichtendes Endspiel auszuarten. Es schien, als sei Radja sich dieser Gefahr durchaus bewusst. Die Pausen zwischen den Manoevern der Weissen wurden immer laenger. Die Partie — so f;hlte es Oj — hatte den Hoehepunkt der Spannung erreicht. Radja schwieg, unerbittlich raschelte der Sand der Zeit. Ausser diesem Geraeusch stoerte nichts die drueckende Stille.
— Ester, — rief Oj in die Leere, — gib mir Ressourcen!
— Nimm sie, Geliebter, — antwortete ihm die Leere.
Oj kniff die Augen zusammen, so wie Ester es ihn gelehrt hatte.
Und das Feld wurde von Nebel und Rauch eingehuellt.


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