Kapitel III. Das Duell 2
Das Korps von Davout am rechten Fluegel trug die Hauptlast der Schlacht und zog fast die Haelfte der feindlichen Armee auf sich. Es schien, als fehle nur noch ein Schlag, eine weitere Anstrengung, und der Fluegel-Durchbruch, der den Kern von Weyrothers Disposition bildete, wuerde gelingen. Und tatsaechlich begannen Davouts Soldaten an der gesamten Front zurueckzuweichen. Die Verbuendeten nahmen die von der Artillerie zerstoerten Doerfer Telnitz und Sokolnitz ein, und die dritte Kolonne von Przybyszewski rueckte dicht an das Schloss Sokolnitz vor. Doch zwei Regimenter der Division von General Friant trafen ein und griffen aus dem Marsch heraus in den Kampf ein. Die Lage am rechten Fluegel stabilisierte sich.
Oj stand auf einem hohen Huegel hinter dem Dorf Kobylnitz und konnte das gesamte Schlachtfeld gut ueberblicken. Durch das Fernrohr waren die feindlichen Soldaten so nah, dass es schien, man muesse nur die Hand ausstrecken, um ihre Bajonette zu beruehren. Er sah, wie Russen und Oesterreicher Kolonne um Kolonne das Zentrum raeumten, um den Druck auf Davouts Korps zu erhoehen. Ueber der weissen Milch des Nebels ging die Sonne auf. Wie gebannt starrte er mal auf das Feld, mal auf die blutige Scheibe der winterlichen Sonne.
Neben ihm, etwas dahinter, standen die Marschaelle Berthier, Murat, Soult und Lannes. Er selbst war die Ruhe in Person, was man von den Marschaellen nicht sagen konnte. Die Schlacht dauerte bereits eine gute Stunde, Davout allein kaempfte gegen ueberlegene Kraefte, und nur der noch nicht verzogene Nebel erlaubte es ihm, die Stellungen zu halten, doch der Kaiser beobachtete den Sonnenaufgang und gab keinerlei Befehle. Ungeduldig traten sie hinter ihm von einem Fuss auf den anderen, sprachen leise miteinander, wagten es jedoch nicht, seine Meditation zu stoeren. Schliesslich drehte er sich um.
— Soult, wie viel Zeit benoetigen Sie, um die Pratzen-Hoehen zu erreichen?
Soult schwieg.
— Ich warte, Soult, — Oj stampfte ungeduldig mit dem Fuss auf.
Auf dem ratlosen Gesicht von Soult hing fuer eine Sekunde der rudimentaere Bart von Radja. Dann verschwand er.
— Weniger als zwanzig Minuten, — meldete der Marschall schneidig. — Meine Truppen stehen in der Senke, verborgen durch den Nebel und den Rauch der Lagerfeuer, so dass der Feind sie nicht sieht.
— In diesem Fall warten wir noch ein wenig. Wenn der Feind ein falsches Manoever macht, werden wir ihn nicht daran hindern.
Zehn Minuten spaeter nickte der Kaiser Soult zu.
— Es ist Zeit!
Der Marschall sprang auf sein Pferd und jagte im rasenden Galopp zu seinem Korps. So begann das Manoever, das unter dem Namen „Der Sprung des Panthers“ in die Geschichte des Virtuellen einging.
Oj rief Marschall Berthier zu sich.
— Ester? — fragte Oj vorsichtig.
— Ich bin hier, mein Gebieter, — antwortete der Marschall, und fuer einen Augenblick schimmerten durch Berthiers greisenhaftes Gesicht die lieblichen Zuege von Ester.
— Es ist ungewohnt, dich in dieser Gestalt zu sehen.
— Ich bin selbst bis in die Tiefe meiner Seele erstaunt.
— Zur Sache, — Oj wurde ernst, — wer steht an unserem rechten Fluegel?
— Die wie ein Fels verlaessliche Marschall Frida, Sire.
— Wie sind die Kraefte des Gegners verteilt?
— Chan ist natuerlich in der Gestalt von Kaiser Alexander. Neben ihm Osama-Kutusow. Zeus kaempft in mehreren Personen gegen Frida. Dora in der Verkoerperung des Fuersten Bagration unternimmt ein Umgehungsmanoever an unserem linken Fluegel.
— Alles klar. Schick Lannes und Murat zu ihren Truppen. Sie haben hier nichts mehr zu suchen.
Eine Minute spaeter galoppierten Marschall Lannes und Marschall Murat zu ihren Korps. Und an diesem Tag hielten sie das Vorruecken von Bagration-Dora auf.
Schon seit einiger Zeit war von hinten Laerm zu hoeren.
— Was ist das fuer ein Laerm, Berthier? — wandte sich Oj vom Anblick des Schlachtfeldes ab.
— Ein Adjutant von Marschall Davout ist eingetroffen, Sire.
— Was will der Marschall?
— Er bittet um Verstaerkung.
— Die Division Friant ist im Anmarsch.
— Ich habe dem Marschall eine entsprechende Nachricht geschrieben. Der Adjutant macht sich unverzueglich auf den Rueckweg, — meldete der Stabschef in militaerischer Praezision.
— Nein, warten Sie, — sagte Oj, — bringen Sie ihn her.
Vor ihm erschien ein Dragonerkapitaen mit verbundenem Kopf. Er sah muede aus, seine Uniform war verschmutzt und an einigen Stellen zerrissen, am rechten Aermel war Blut verkrustet, doch sein Schnurrbart straeubte sich keck.
— Wie ist Ihr Name, Kapitaen? — wandte sich Oj an ihn.
— Kapitaen Budjak, Eure Majestaet, — der Dragoner schlug die Sporen zusammen.
— Ein seltsamer Name. Sind Sie Pole?
— Ganz recht, Eure Majestaet. Mein Vater ist ein angestammter Schlachzize. Als die Russen kamen, hat er...
— Richten Sie dem Marschall aus, — sagte Oj, der die Geschichte von Kapitaen Budjak nicht anhoeren wollte, — in drei Stunden werden wir den Sieg feiern. Gehen Sie.
Der Kapitaen, gluecklich darueber, die Groesse des Genies beruehrt zu haben, schwang sich in den Sattel und jagte zum Hauptquartier von Marschall Davout, um die gute Nachricht vom baldigen Sieg zu melden.
Unterdessen kamen die ersten Bataillone von Soult aus der nebligen Senke hervor. Sie ueberrannten spielend den Vorposten der Jaeger und besetzten eilig das feindliche Zentrum. Eine Artillerie-Batterie bezog Stellung. Mit Steilfeuer begann sie, den linken Fluegel des Gegners zu beschiessen. Der Schaden, den ihr Feuer anrichtete, war gering, doch der psychologische Druck auf den gesamten Fluegel war gewaltig.
— Was fuer ein praechtiger Kerl dieser Soult ist, — sagte Oj, waehrend er das Vorgehen der Batterie beobachtete, — er ist selbst darauf gekommen, Davout zu helfen.
— Nichts Ungewoehnliches, — antwortete Berthier, ohne den Blick vom Fernrohr abzuwenden, — schliesslich war Davout in der frueheren Verkoerperung seine Frau. Sehen Sie, mein Gebieter, die Russen gehen zum Gegenangriff ueber.
Dies war Kutusow, der Soult mit dem oesterreichischen Korps von Feldmarschall Kollowrat und dem russischen Korps von General Miloradowitsch aus der vierten Kolonne angriff, die sich beim Aufbruch verspaetet hatte.
— Ruecken Sie das Korps von Bernadotte zur Unterstuetzung von Soult vor, — befahl Oj.
— Zu Befehl, Eure Majestaet, — antwortete Berthier.
Er gab die notwendigen Anweisungen und kehrte zu Oj zurueck.
— Eine heisse Angelegenheit heute, Sire.
— Heiss, — pflichtete Oj bei.
Er riss sich vom Anblick des toedlichen Maehens des Soldaten-Grases los und befahl, das Hauptquartier naeher an das Kampfgeschehen zu verlegen.
Auf den Hoehen entbrannte ein Bajonettkampf von beispielloser Erbitterung. Russen, Franzosen, Oesterreicher stachen, hieben, schossen und stachen erneut, und hieben erneut. Sie toeteten einander auf jede erdenkliche Weise. Den Verbuendeten gelang es, die franzoesischen Bataillone bis zum Dorf Pratzen zurueckzudraengen. Die Brigade von Kamenskij aus der Kolonne von Langeron war bereits in den Kampf eingegriffen, und es schien, als haette sich die Lage im Zentrum ausgeglichen. Doch da schlugen die frischen Regimenter von Bernadotte zu. Wie trockene Blaetter, die vom Wind getrieben werden, flohen die ueberlebenden Soldaten von Kollowrat und Miloradowitsch. Das vorderste Bataillon von Kamenskij geriet in das Chaos der panischen Flucht und wurde hineingezogen wie in einen Bergstrom, dem man nicht widerstehen kann. Die gesamte Masse der verbuendeten Soldaten warf Kanonen, Gewehre und Fahnen weg und strebte nach Sueden, was die andere, an den Teichen versammelte Masse der verbuendeten Soldaten in eine schwierige, fast ausweglose Lage brachte.
In diesem Moment, im Augenblick der hoechsten Panik, griff von Osten her, von der Stadt Austerlitz und dem Dorf Krenowitz, die russische Gardekavallerie an, angefuehrt vom Grossfuersten Konstantin selbst. Die Kavallerie schlug in die Luecke zwischen dem von der Verfolgung mitgerissenen Bernadotte und dem gebundenen Kamenskij sowie dem bereits ziemlich mitgenommenen Korps von Soult ein.
Marschall Soult stellte der Kavallerie das einzige Infanteriebataillon entgegen, das noch nicht in den Kampf eingegriffen hatte. Die Reiterlawine fegte die drei Bataillonskarrees buchstaeblich vom Antlitz der Erde. Es schien, als schickte sich die wankelmuetige Dirne Fortuna an, den Russen den Lorbeerkranz des Siegers zu ueberreichen.
Oj traf auf dem neuen Beobachtungspunkt, auf dem Huegel beim Dorf Jues, gerade rechtzeitig ein, um den Untergang des Infanteriebataillons mitanzusehen.
— Wen haben wir zur Hand? — fragte er Berthier.
— Die Brigade von Oberst Morland.
— In den Kampf mit ihr.
— Aber Eure Majestaet, sie bewacht Eure Majestaet.
— In den Kampf, Berthier, in den Kampf.
Morland prallte mit den russischen Gardisten zusammen. Seine Dragoner wurden von den Saebeln zerfetzt, und Morland selbst fand den Tod. Doch der Untergang des Infanteriebataillons und der Dragonerbrigade war nicht umsonst. Sie bremsten den russischen Angriff. Und als es mit Morland vorbei war, jagte eine kombinierte Kavallerieabteilung unter dem Kommando von General Rapp auf die Russen zu. Voran galoppierte mit Geheul und Geschrei die Eskadron der Mamelucken — die Leibwache des Kaisers. Die Russen hielten inne, erzitterten, wichen zurueck und flohen schliesslich mit immer schnellerem Tempo. Das Schicksal der Schlacht war entschieden.
— Das Schicksal der Schlacht ist entschieden, — sagte Ester, — ich gratuliere dir zum Sieg.
— Was ist das fuer eine Gruppe von Reitern, die dort auf uns zugaloppiert? — fragte Oj, ohne die Maske des Feldherrn abzulegen.
— Parlamentaere, — antwortete Berthier.
Seine Stimme klang besorgt.
Ein russischer Offizier ritt den Huegel hinauf. Neben ihm galoppierten zwei Kosaken. Die drei Russen wurden von einer halben Eskadron franzoesischer Ulanen begleitet. Die Reiter hielten zwanzig Meter vor Oj an. Der Offizier sprang leichtfue;ig vom Pferd. Oj erkannte ihn.
— Fuerst Dolgorukij, — sagte er und wandte sich zu dem sichtlich beunruhigten Berthier um.
Dieser unverschaemte junge Mann hatte es bei ihrem kuerzlichen Treffen gewagt, ihn — den kaiserlichen Titel geflissentlich ignorierend — lediglich als Chef der franzoesischen Regierung zu bezeichnen. Oj laechelte bei der Erinnerung daran, wie geschickt er den Fuersten getaeuscht hatte, indem er ihm seine Furcht vor der bevorstehenden Schlacht vorgaukelte.
In der rechten Hand hielt Dolgorukij das weisse Tuch eines Parlamentaers, in der linken ein doppelt gefaltetes Blatt Papier.
— Was fuehrt Sie, Fuerst, in unsere Gegend? — wandte sich Oj an den herangetretenen Parlamentaer.
— Mein Gebieter ueberbringt Seiner Kaiserlichen Majestaet dies hier, — und er reichte ihm das Papier.
Oj entfaltete das Blatt.
„Schlage Remis vor“, war auf dem Zettel niedergeschrieben. Und die Unterschrift — Koschtschej.
„Nein, seht euch diese Unverschaemtheit an“, empoerte sich Oj innerlich.
— Eine Feder! — rief er.
Wie durch den Schlag eines Zauberstabs erschien in seiner erhobenen Hand eine Schreibfeder. Sie verharrte ueber dem Papier.
Die Wanduhr tickte und mass mit ihren Ketten friedlich die Zeit ab. Aus der Kueche hoerte man leise Stimmen und das Klirren von Geschirr. Von dort verbreitete sich in der ganzen Wohnung der betoerende Duft von Pfannkuchen, der Igor von der Partie ablenkte.
Draussen vor dem Fenster fiel der erste Schnee. Ein Reigen von Schneeflocken drehte einen langsamen Tanz im gelben Kegel der Laterne.
„Wie passend“, dachte Igor, waehrend er aus dem Fenster blickte, „der erste Dezember und der erste Schnee. Morgen ist Sonntag. Man kann Ski fahren oder mit dem Schlitten den Huegel hinuntersausen. Und wenn der Frost anzieht, werden wir mit den Jungs eine Eisbahn spritzen. Wir werden Eishockey spielen. Koschtschej stelle ich ins Tor. Was ist er schon fuer ein Spieler“.
— Ich schlage Remis vor, — sagte Koschtschej nach langem Gruebeln ueber dem Brett.
— Jungs, kommt essen, — rief die Mutter aus der Kueche, — die Pfannkuchen werden kalt.
— Einverstanden, — sagte Igor.
Die Jungen schuettelten sich ernsthaft wie Erwachsene die Haende, und Kolja fegte mit einer schnellen Bewegung die Figuren zusammen.
— Wir spielen noch einmal, — er nickte auf die ungeordnet herumliegenden Schachfiguren, — nach den Pfannkuchen.
— Jungs, — rief die Mutter erneut, — wie lange soll ich noch warten?
— Wir kommen, Mama! — rief Igor. — Ich habe keine Lust mehr, Koschtschej. Lass uns was anderes spielen.
— Und was? — fragte Kolja.
— Na, ich weiss nicht. Vielleicht Ritter.
— Ritter, — wunderte sich Koschtschej.
— Ritter! — rief Kaiser Chan aus.
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