Kapitel III. Das Duell 3
Oj blickte sich hilflos um. Sie waren allein im Thronsaal. Radja war irgendwohin verschwunden. Sogar sein Thron war verschwunden.
— Ein Schwein bist du, Koschtschej, — sagte Oj voller Gefuehl, — ein Schwein warst du schon immer. Ja, spielen wir Ritter!
— Du hast die Waffe gewaehlt, Baton, — sagte Chan, ohne sich im Geringsten ueber die Anwendung von, wie es Oj schien, verbotenen Tricks zu schaemen, — bis wir uns auf dem Schlachtfeld wiedersehen.
Und er verschwand und liess Oj allein im hallenden Saal der chinesischen Majestaet zur;ck. Oj tastete mit den Tentakeln seiner Anwendungen in den Raum hinaus. Er erstastete die offenen Ressourcen von Ester und nahm zwei volle Haende voll davon. Er ertastete die weniger offenen Ressourcen von Radja und Frida und nahm auch von ihnen.
Er stellte sich eine mittelalterliche Burg auf einem uneinnehmbaren Huegel vor. Das Bild wurde so lebendig, so lebendig... Es begann lebendig zu werden, sich mit Dasein zu fuellen. „Fahnen flattern im Wind“, befahl Oj gedanklich. Und auf den Tuermen der Burg begannen Banner mit dem Bild eines zum Sprung bereiten Panthers auf weissem Feld zu flattern. „Schatten der Wolken laufen schnell ueber die Felder“. Die Wolken setzten sich in Bewegung. Ihre Schatten liefen ueber die Felder, ueber die Huegel. Ein Schatten kletterte die oestliche Mauer der Burg hinauf, zog ueber den Hof und glitt an der westlichen Mauer zur Erde hinunter. „Reiter reiten im leichten Trab ueber die Strasse“. Die Hufe klapperten dumpf auf dem Boden und wirbelten Staubfontaenen auf. „Vorne reiten zwei. Auf einem braunen Hengst reitet ein Ritter in schwarzer Ruestung. Daneben in einer silbrigen Ruestung...“
... ritt Ester. Ihr rotes Haar wurde vom Wind wie Flammenzungen zerzaust. Sie wandte Oj den Kopf zu.
— Wir konnten nichts tun, — sagte sie schuldbewusst, — Chan hat alle Kommunikationslinien blockiert.
— Wie hat er das geschafft?
— Ich denke, er hat dich ueber den Zettel erwischt. Darin liegt die ganze Sache. Dolgorukij war rein und unschuldig. Ich haette ihn nicht an dich herangelassen, wenn ich in ihm den Wurm eines Virus gespuert haette. Aber auf den Zettel habe ich nicht geachtet. Meine Schuld.
— Vergessen wir es, Ester. Was geschehen ist, ist geschehen.
Doch sie konnte sich noch nicht von der ersten Runde loesen.
— Wir wollten sogar Protest beim Delphischen Orakel einlegen, — sagte sie, — aber im Team kamen Zweifel auf. Das Orakel wuerde das Duell hoechstwahrscheinlich fuer ungueltig erklaeren und eine Wiederholung ansetzen.
— Wer ist dieses Delphische Orakel?
— Es ist eine Kreatur von Zeus. Genauer gesagt, Zeus glaubt, dass es seine Kreatur ist, — Ester lachte. — In Wirklichkeit steht das Orakel schon lange unter meiner Kontrolle, es sei denn, Chan hat ihm irgendeinen besonders fiesen Virus eingepflanzt. Er ist ein Meister auf diesem Gebiet.
— Egej! — Oj richtete sich in den Steigbuegeln auf und liess die Peitsche zweimal, rechts und links, auf die Kruppe des Pferdes niederfahren. Das Ross wieherte auf, b;umte sich, machte einen gewaltigen Satz, noch einen und fiel in Galopp.
— Ege-gej! — schrie Ester, stiess die Sporen in die Flanken, und ihre Stute preschte aus dem Stand los.
Sie jagten dahin wie zwei Blitze und liessen die Knappen und den Trupp von dreihundert auserlesenen Rittern aus der Stammburg weit hinter sich. Sie hielten an einer Furt an, um die erhitzten Pferde zu traenken.
— Komm zu mir, mein Maedchen, — Oj sprang vom Pferd und half Ester beim Absteigen. — Ich habe dich so vermisst.
Er begann, ihr den Brustpanzer abzunehmen, so unbeholfen, wie ein Juengling zum ersten Mal den BH eines Maedchens oeffnet.
— Was tust du da, Oj, — fluesterte Ester heiss, — was, wenn die Ritter kommen?
Sie schl;pfte aus dem Panzer.
— Sie werden nicht kommen.
Oj sah die Strasse, die in Viererreihen galoppierenden Krieger, die hinter dem Trupp herkarrenden Wagen mit Lanzen und grossen Zweihandschwertern. Der Trupp zuegelte die Pferde abrupt vor einem Verkehrsschild. Das Schild zeigte einen Ritter zu Pferd in einem roten Kreis. Das Bild war von einem fetten roten Schraegstrich durchgestrichen. Unten am Pfosten war ein Pfeil angenagelt, der auf einen Seitenweg deutete, mit dem Wort „Umleitung“. Reihe um Reihe bogen die Ritter nach links ab.
— Sie werden nicht kommen, — wiederholte Oj, waehrend er seine Ruestung ablegte.
Ester warf sich ihm um den Hals.
Als der Trupp auf schaumbedeckten Pferden an der Furt ankam, waren die Liebenden bereits angekleidet. Die Ritter blieben in einem dichten Haufen aus Stahl dreissig Meter vor ihnen stehen. Der Anfuehrer des Trupps sprang vom Pferd und lief mit gebeugten Knien auf Oj zu.
— Was ist los, Pierre, — fragte ihn Oj streng, — warum die Verspaetung?
— Eure graefliche Gnaden, — rechtfertigte sich der maechtige Pierre wie ein ertappter Erstklaessler vor einer strengen Lehrerin, — wir koennen nichts dafuer. Dort, — Pierre deutete mit der Hand in die Richtung von vorhin, — eine Umleitung. Vielleicht Strassenausbesserung, vielleicht ein Hinterhalt.
— Gut, — der Graf nahm die Entschuldigung gnaedig an, — eine halbe Stunde Rauchpause. — Pierre warf dem Grafen einen erstaunten Blick zu. — Ich meine, — verbesserte sich der Graf verlegen, — die Pferde traenken, sich erleichtern, sich in Ordnung bringen und dann los. Vor der Dunkelheit muessen wir im Lager ankommen.
Sie erreichten das Lager, als die gelbe Sonnenscheibe den Horizont beruehrte. Die Zelte standen auf zwei sanften Huegeln. Die Fuess der Huegel wurden durch eine Verhau aus Baumstaemmen geschuetzt. Direkt hinter dem Verhau hatten sich Bogenschuetzen und Armbrustschuetzen aufgestellt, fuer den Fall eines ueberraschenden Angriffs des Feindes.
Ein etwa eine Meile breites Tal, bewachsen mit vereinzelten Birken und Eichen, mit einem Bach genau in der Mitte, trennte die feindlichen Armeen. Die Warjaeger — die von ganz Europa gehassten Normannen unter der Fuehrung von Kogun Rorik mit dem Beinamen Der hinkende Hund — hatten ihr Lager auf drei Huegeln aufgeschlagen. Auf dem mittleren wehte im Wind ein riesiges Banner mit dem Stammzeichen der Roriks — einer Saufeder, wie man sie zur Baerenjagd benutzt.
Oj und Ester warfen den Knappen die Zuegel zu und sprangen von den Pferden. Sie betraten das Marschallszelt. Die gute Haelfte des Raumes nahm ein Eichentisch ein, auf dem eine Karte ausgebreitet war, sorgfaeltig gezeichnet von den Moenchen des Klosters St. Benedikt. Ueber die Karte gebeugt stand der Stratege Graf Labrador. Er schloss gerade die Einzeichnung der feindlichen Stellungen ab: die Hauptstreitkraefte der Normannen auf dem mittleren Huegel, die hinter dem rechten Huegel verborgene chasarische Kavallerie auf schnellen Steppenpferden und die links stehende Abteilung rotbaertiger Kriwitschen, bewaffnet mit schaedelzertruemmernden Keulen mit Metallstacheln.
Als er die Eintretenden sah, straffte sich Labrador, wobei das Leder seiner Riemen quietschte.
— Eure Gnaden, — wandte er sich an Oj, — die Karte ist fertig.
— Gehen Sie, Labrador, — sagte Oj, — aber bleiben Sie in der Naehe. Wir werden Sie noch rufen.
Der Graf neigte das Haupt in einer hoeflichen Verbeugung und verliess das Zelt.
— Radja hat ohne uns, — sagte Ester, waehrend sie auf die Karte deutete, — eine rege Taetigkeit entwickelt. Und da ist er auch schon, — sie lauschte dem draussen anschwellenden Laerm. — Wenn man vom Teufel spricht.
Die Zeltbahnen flogen beiseite, und Radja polterte herein. Er sah im hoechsten Masse bemerkenswert aus. Die linke Schulter und die Brust wurden von einem Baerenfell bedeckt, auf das Metallplaketten aufgenaeht waren. Die rechte Schulter steckte in einem eisernen Schulterstueck. Am Guertel baumelte ein Schwert von beachtlicher Groesse. Fellhosen und Fellstiefel, fuer deren Herstellung ein weiterer Baer sein Fell geopfert hatte, vervollstaendigten die Tracht. Der Bart straeubte sich in alle Richtungen und war so dicht, dass darin gut eine Kolibri-Familie haette wohnen koennen. Radja war in einer ausnehmend guten Stimmung.
— Nun dreh dich mal um, dreh dich um, mein Sohn! — rief er mit donnernder Stimme schon von der Schwelle aus. — Lass mich dich mal anschauen!
Er packte Oj und drueckte ihn so fest, dass alles knackte, was nur knacken konnte.
— Vorsicht, du Baer! — rief Ester erschrocken aus. — Du brichst ihm noch die Knochen!
— Ich breche sie nicht, er ist zaeh, — lachte Radja, liess Oj aber los. — Und hallo! — Radja schlug Ester so fest auf die Schulter, dass sie vor Schmerz das Gesicht verzog. — Ich habe Osama im letzten Spiel den Hintern versohlt. Ach, wie herrlich! Wenn Chan nicht so eine Ratte gewesen waere...
Bei der Erwaehnung von Chan riss Radja das Schwert heraus und hieb mit voller Kraft auf die Karte ein. Der Schlag traf genau den Bach. Das Schwert spaltete den Bach und die Tischplatte, ueber die er floss.
— Ein gutes Schwert, fr;nkischer Schmiedekunst, — betrachtete Radja die Klinge.
— Na, du legst ja los, Radja, — sagte Oj, nachdem er nach der Baerenumarmung wieder zu Atem gekommen war, — du hast das Moebelstueck ruiniert.
— Wisst ihr was, meine Lieben, — verk;ndete Radja feierlich, — anlaesslich der bevorstehenden Schlacht habe ich das Pseudonym Rattenfaenger angenommen. Na, wie ist das? — wandte er sich an Ester, als waere sie eine Expertin fuer Pseudonyme.
— Ich finde es nicht schlecht, — antwortete sie lachend, — man koennte es ausschmuecken, sagen wir: Rattenfaenger de Baerenfell.
— Nein, — sagte Rattenfaenger unsicher, — einfach nur Rattenfaenger, ohne diesen Damen-Schnickschnack. He, jemand da! — rief er, waehrend er den Zeltvorhang beiseite schob. Auf den Ruf hin erschienen zwei erschrockene Pagen in Roecken mit langen Aermeln und Schnabelschuhen. — Repariert den Tisch! — befahl ihnen Radja.
Einer der Pagen lief aus dem Zelt und erschien eine Minute spaeter mit vier Pfaehlen in den Haenden wieder.
— Wir wollten das Ergebnis der ersten Runde anfechten, — sagte Radja leise.
— Ja, ich weiss, — antwortete Oj, — Ester hat es mir gesagt.
Die jungen Maenner reparierten unterdessen flink den Tisch, indem sie vier Stuetzen darunter stellten. Sie breiteten die Karte aus und klebten sie auf der Rueckseite mit einem duennen Lederstreifen zusammen. Dann verharrten sie am Eingang und warteten demuetig auf weitere Anweisungen.
— Ihr koennt gehen, — entliess sie Radja.
Er trat an die Karte.
— Hier, — er deutete auf den linken Huegel, — steht Frida mit ihren Byzantinern. Hier, — er deutete auf das Bild des Panthers, — stehen die Franken, und hier, auf dem anderen Huegel, haben sich meine Germanen aufgestellt. Ein kleiner Trupp, nur anderthalbtausend, aber im Kampf ist jeder so viel wert wie drei.
— Sollen wir vielleicht Labrador rufen? — fragte Ester, die an den strategischen Faehigkeiten von Rattenfaenger zweifelte.
— Wozu brauchen wir den, — winkte Radja ab, — ich erz;hle euch alles selbst.
Seine Augen brannten vor Kampfeslust. Seine Stimme war fest und herrscherhaft.
— Die Byzantiner werden die Chasaren binden. Sie haben Erfahrung im Kampf gegen Nomaden. Die fraenkische Infanterie wird die Huegel angreifen, und die Kavallerie wird ueber die Kriwitschen hinwegrollen.
Oj blickte aufmerksam auf die Karte.
— Warum bist du dir so sicher, dass der Gegner aus der Defensive heraus spielen wird?
— Weil, — Radja erhob bedeutungsvoll den Finger, — Chan aufgrund seiner natuerlichen Vorsicht es immer vorzieht, abzuwarten.
— Na ja. Und wenn er doch angreift?
— Vertrau mir, — Radja legte die Hand auf die Brust, — er wird deiner Infanterie eine Menge Ueberraschungen bereiten, wie Wolfsgruben, Verhaue und von den Huegeln rollende Feuerbaelle. Aber die Infanterie soll den Angriff nur vortaeuschen, weil...
Draussen erklangen, gellten die Trompeten. Wiehern von Pferden war zu hoeren, Stimmen, das Klirren von Waffen.
— Frida ist da, — fluesterte Ester Oj ins Ohr.
Die Zeltbahnen teilten sich nach zwei Seiten, wie sich der Vorhang eines Provinztheaters oeffnet, und Frida trat auf die Buehne, eine schoene schwarzhaarige Frau um die dreissig. Eine leichte Ruestung aus brueniertem Stahl sass tadellos an ihr. Am Guertel hingen zwei Dolche, deren Griffe mit Diamanten besetzt waren. Ihren Kopf zierte ein voellig unerwarteter, hoher spitzer Hut mit einem langen Schleier aus Tuell.
Oj bewunderte unwillkuerlich Fridas effektvolles Erscheinen und erhielt von Ester einen spuerbaren Sto; in die Seite.
— ...und wenn sie erst einmal abgelenkt sind, — fuhr Radja unterdessen fort, den Schlachtplan zu erl;utern, — greifen meine Germanen in den Kampf ein.
Schliesslich spuerte er offensichtlich die gespannte Stille und blickte sich um.
— Sei gegruesst, Rattenfaenger, — laechelte ihm Frida zu.
Radjas Bart wurde weniger zerzaust. Zwei winzige Voegel flogen daraus hervor und trugen auf ihren Ruecken ihre mikroskopischen Kueken davon.
— Hallo, — murmelte Radja verlegen, — ich haette nicht gedacht, dass wir uns wiedersehen wuerden.
— Wie geht es den Kindern? — unterbrach ihn Frida mit einer Frage.
— Jura ist in Cambridge aufgenommen worden.
Er verwandelte sich vor ihren Augen: Der Bart wurde ordentlich gestutzt, die Plaketten verschwanden vom Fell, und das Fell selbst aehnelte immer mehr einem englischen Tweed.
— Das weiss ich. Und wie geht es Ira?
— Mit Irka gibt es kein Auskommen.
— Sie ist in einem schwierigen Alter, — seufzte Frida.
Ester zupfte Oj am Aermel.
— Gehen wir hinaus, — sagte sie leise.
Am Ausgang machte Frida mechanisch einen Schritt zur Seite und gab ihnen den Weg frei.
Auf die Huegel senkte sich eine blaue Daemmerung. Hier und da flammten Lagerfeuer auf. Oj und Ester setzten sich auf einen langen Kiefernstamm, der wie eigens an jener Stelle platziert wirkte, von der aus man einen herrlichen Blick auf beide Lager und das Grenzental hatte, das bereits in Dunkelheit getaucht war. Die Nacht brachte die Kuehle des Vorherbstes. Ester schmiegte ihre Schulter an ihn, Oj legte den Arm um sie.
— Frida macht ein Drama durch, — sagte sie.
Er schwieg, wissend, dass eine Fortsetzung folgen wuerde.
— Lida, ihr Prototyp, hat sich geweigert, mit ihr zu kommunizieren. Und sie hat ihrem Mann verboten, mit ihr Kontakt zu haben. Zwei Frauen werden niemals in einer Familie auskommen, selbst wenn eine von ihnen virtuell ist.
— Warum haben sich Radja und Frida getrennt?
— Das ist eine lange Geschichte, Oj, — sagte Ester widerwillig. Man spuerte, dass Ester nicht ueber dieses Thema sprechen wollte, aber sie fuegte nach einigem Schweigen hinzu:
— Die Masslosigkeit — sie verdirbt einen.
Unterdessen war es voellig dunkel geworden. In ihrem Lager herrschte eine tempelartige Stille. Selbst die sonst so lautstarken Germanen waren verstummt, in Vorahnung des morgigen blutigen Totenmahls. Von Feuer zu Feuer schritten orthodoxe und katholische Priester in langen Soutanen. Den Rittern und einfachen Soldaten erzaehlten sie von der Errettung der Seele, vom rechtschaffenen Leben der Maertyrer, die fuer den Glauben gelitten hatten, vom gluecklichen Dasein im Himmel und von der Pflicht eines jeden Christen, Friesland im Jahre 850 nach Christi Geburt von den Gottlosen zu befreien. Die Franken und Byzantiner lauschten den Unterweisungen. Die Priester hielten auch an den Feuern der Germanen inne und versuchten, sie zum christlichen Glauben zu bekehren, doch diese schwiegen finster und wollten sich nicht von ihren Idolen trennen.
Auf dem mittleren Huegel des feindlichen Lagers wurde ein grosses Feuer entzuendet. Man hoerte das rhythmische Gemurmel der Haupttrommel, das Kreischen von Floeten und einen heiseren Chorgesang.
— Die Heiden bringen dem Kriegsgott Thor ein Opfer dar, — sagte Ester und deutete auf das grosse Feuer.
— Ich ahne bereits, — schmunzelte Oj, — dass der skandinavische Thor in Wirklichkeit der Chinese Chan ist, und sie schlachten ein Lamm, so ein weisses mit Loeckchen.
— Du hast recht, Oj. Der Legende nach wurde Thor im Schnee Skandinaviens geboren. Von Kindheit an war er mit der Streitaxt und dem Schwert befreundet, und trotz seines jugendlichen Alters gab es in Zweikaempfen keinen, der ihm ebenbuertig war. Zu jener Zeit wurden die Wikinger von Menschenfresser-Schafen angegriffen. Ihr Anfuehrer war ein weisses Lamm mit einem Kreuz auf der Stirn. Die Schafe kamen aus dem Sueden. Sie besiegten Clan um Clan, toeteten die Maenner und versklavten Frauen und Kinder. Da vereinte Thor alle Clans unter seinem Schwert. Es kam zur Schlacht zwischen Wikingern und Schafen, doch vor der Schlacht gab es einen Zweikampf zwischen Thor und dem Heiligen Lamm. Thor erstach das Lamm, und die Wikinger trieben die Schafe den grossen Fluss entlang bis zum waermsten Meer. Seitdem opfern die Normannen vor jeder Schlacht Thor ein symbolisches Lamm. Zuerst erstechen sie es und verbrennen es dann auf dem heiligen Feuer.
— Wunderlich! — rief Oj aus. — Wer hat sich diesen Quatsch nur ausgedacht? Hat Chan etwa auch hier seine Finger im Spiel gehabt?
— Nein, das war Osama. Er liebt es sehr, solche Sagas zu verfassen. Gehen wir, Oj, — sagte sie und stand vom Stamm auf, — unsere Freunde werden wohl kaum ueber Gespraeche hinauskommen.
— Gehen wir. Ich werde Rattenfaenger wohl enttaeuschen muessen.
Radja wartete bei der Karte auf sie. Frida stand neben ihm.
— Wo war ich stehen geblieben, — er rieb sich die Stirn, — ach ja. Wenn die Schlacht in ihre entscheidende Phase tritt, werden meine Germanen hier wie ein Keil in die Luecke zwischen den Kriwitschen und den Normannen schlagen. Die Kriwitschen und die Normannen koennen sich nicht ausstehen. Waerend sie noch darueber streiten, wer den Angriff abwehren soll, wird mein Trupp bis zu Chans Hauptquartier vorstossen. Matt. Was sagst du dazu, — Radja blickte Oj triumphierend an.
— Den Film wird es nicht geben, — sagte Oj finster.
— Welchen Film? — verstand Radja nicht.
— Keinen. Es wird keine Schlacht geben.
— Und was wird es dann geben? — Radja war fassungslos.
— Mein Duell mit Chan.
— Warum ein Duell?
— So habe ich es mit Chan vereinbart.
— Du hast gesagt, — ereiferte sich Radja, — „spielen wir Ritter“, und hast Ritter im Plural verwendet, was eine Schlacht bedeutet.
— Zwei, Radja, sind auch ein Plural. Kurz gesagt, es wird ein Duell zwischen dem reisszaehnigen Lamm und dem Kriegsgott Thor geben.
— Ester hat dir diese daemliche Legende erzaehlt, — schmunzelte Radja, — warte mal, — er horchte in sich hinein, wie ein Mensch, der zufaellig auf einen unerwarteten Gedanken gesto;en ist, — mir scheint, es gibt einen Grund fuer deine Beharrlichkeit. Na los, rueck raus damit.
— Nun, es gibt einen, — gestand Oj widerwillig, — ich will kein Blutvergiessen.
Radja starrte Oj fassungslos an.
— Bist du noch bei Sinnen?
— Mehr denn je.
Radja begann, im freien Raum des Zeltes hastig auf und ab zu gehen, waehrend er angestrengt nachdachte.
— Stell dir vor, es schneit, — sagte er, waehrend er abrupt vor Oj stehen blieb.
— Ich hab’s mir vorgestellt, — laechelte Oj gegen seinen Willen.
— Unterbrich mich nicht, — Radja stiess mit dem Kopf wie ein Stier voran, — es schneit. Du hast daraus eine Schneefrau gebastelt, hast sie mit nach Hause genommen und in eine Schuessel neben die Heizung gestellt. Und am Morgen lag in der Schuessel eine Pf;tze aus schmutzigem Wasser. Gehen wir weiter. Du hast die Schuessel auf den Herd gestellt. Das Wasser ist verdampft, und der Dampf ist durch das offene Fenster direkt in eine Wolke gelangt. Aber dann kam das Tauwetter, und es fing an zu regnen.
— Ich kann mir den Kreisklauf des Wassers in der Natur in etwa vorstellen, — sagte Oj.
— Ich bin noch nicht fertig, — mit einer energischen Geste der flachen Hand stoppte Radja Oj. — Du hast Wasser in eine Giesskanne gefuellt, hast es sich auf Zimmertemperatur erwaermen lassen und wolltest den Fikus giessen. Und da durchzuckte dich ein schrecklicher Gedanke: dass das Wasser ein Bewusstsein hat, dass es vielleicht gar nicht die Wurzeln des Fikus n;hren, verdampfen oder die Form einer Schneefrau annehmen will. Das sind Ressourcen, versteh doch — Ressourcen. Jetzt sind sie in der Giesskanne, in einer Minute im Dampf, und morgen stehen sie, von einem geschaeftstuechtigen Geschaeftsmann in Flaschen abgefuellt, im Ladenregal.
— Nicht ueberzeugt.
Radja packte Oj am Ellbogen und zog ihn aus dem Zelt.
— Schau hier.
Er deutete auf das naechste Feuer. Um die Flammen sassen Germanen in zotteligen Fellen. Sie brieten saftiges, duftendes Fleisch an Stoecken. Ein Stueck weiter standen vier Maenner.
— Das sind Erwin Blutige Axt und Beisszahn, — stellte Radja die stehenden Germanen vor.
Die anderen beiden kannte Oj: den Kommandanten der Ritter aus der Burg, Pierre, und seinen siebzehnjaehrigen Neffen Jean.
— Wie ist die Stimmung, Erwin! — rief Radja dem blonden Riesen zu.
— Wir werden sie in Stuecke reissen, — kr;chzte Blutige Axt.
Er schwang zweimal pfeifend seine schreckliche Waffe ueber dem Kopf und liess sie auf eine Birke niedersausen. Einen Augenblick stand das Baeumchen unbeweglich da, dann fiel es unter dem lauten Wiehern der Germanen um.
— Weiter so, Blutige Axt, — rief Radja und wandte sich zu Oj: — Und du glaubst ernsthaft, dass Blutige Axt, Beisszahn oder diese Kaempfer am Feuer ein Schicksal haben? Ob Erwin morgen faellt oder am Leben bleibt — er wird in prim;re Ressourcen umgewandelt. Aus Erwin kannst du, als Teil der Ressourcen, nach deinem Belieben eine Rose machen und sie Ester schenken oder eine Freiheitsstatue mit einem riesigen Schwanz meisseln.
Oj wurde rot.
— Wie geht es Scherkhan? — fragte er.
— Er ritzt ein Buch in den Fels, — lachte Radja, — warte mal, — er spannte sich an, — was meinst du damit?
— Das bedeutet, er hat ein Schicksal.
— Nur solange ich es will! Und wenn ich will, f;ngt ihn morgen Maugli und zieht ihm das Fell ab fuer eine Kriegstrommel.
— Dann ist das eben sein Schicksal, — seufzte Oj.
— Das ist doch kein Schicksal! — schrie Radja verzweifelt aus. — Sondern die Laune eines kaprizioesen Goetterchens!
Die Frauen kamen zu ihnen aus dem Zelt heraus. Ester beruehrte Radja am Ellbogen.
— Radja. Rattenfaenger, — sagte sie sanft, — jeder hat ein Recht auf seine Irrtuemer.
— Wir muessen, — unterstutzte sie Frida, — Oj die Moeglichkeit geben, sich selbst zu enttaeuschen.
Radja blickte gejagt auf Oj, Ester und Frida.
— Ach, fahrt doch alle zum Teufel!
Er warf den Dolch, mit dem er auf der Karte die Truppenstellungen markiert hatte, mit Wucht auf den Boden und ging mit baerbeissigem Gang zum fernen Feuer seiner Germanen.
— Man hat dem Jungen den Kampf weggenommen, — warf Frida ein, waehrend sie dem sich entfernenden Radja nachsah.
Ester blickte Oj an.
— Du musst dich mit ihm versoehnen.
— Aber ich habe mich doch gar nicht mit ihm gestritten.
— Das kommt dir nur so vor, dass du dich nicht mit ihm gestritten hast.
— Du musst dich entschuldigen, Oj, — fuegte Frida mit einem Seufzer hinzu.
— Wofuer denn! — rief Oj aus, mit einer Stimme voller Unverstaendnis und Kraenkung.
— Das denkst du dir selbst aus, wofuer, du bist ja nicht mehr klein.
— Und das sagst du, Ester, du...
Oj wollte irgendetwas Schweres auf den Boden werfen, aber er hatte nichts in den Haenden.
— Ach, fahrt doch alle...!
Er winkte ab und ging in die Dunkelheit hinaus. Er war noch keine zehn Meter gegangen, da stolperte er ;ber denselben Baumstamm, auf dem er in der D;mmerung mit Ester gesessen hatte. Er setzte sich. In seiner Seele brodelte die Kr;nkung gegen;ber Ester, gegen;ber Frida, gegen;ber dem eigensinnigen Radja. Er ging im Geist bissige S;tze durch, die er ihnen h;tte sagen k;nnen, dachte sich ihre Antworten und seine scharfen Bemerkungen aus. Doch allm;hlich brachten der n;chtliche Frieden, das Licht der fernen, allem Irdischen gegen;ber gleichg;ltigen Sterne und das friedliche Zirpen einer Grille im hohen Gras die Vers;hnung.
„Man sollte die Wachen abl;sen“, dachte Oj, und unten am Fuss der H;gel erklangen die Rufe der Wachabl;sung.
„Es ist Zeit f;r die Menschen, zu schlafen.“ Das Lager regte sich im Einschlafen. Und sogar die Priester h;rten auf, den Soldaten die S;nden zu vergeben, und gaben ihre Versuche missionarischer Z;ge zu den Germanen auf. Sie legten sich an den erl;schenden Feuern nieder und h;llten sich kopf;ber in ihre Kutten.
Von hinten waren Schritte zu h;ren. Ohne sich umzudrehen, wusste Oj, dass es Radja war.
— R;ck ein St;ck, — brummte er.
Oj r;ckte zur Seite. Radja setzte sich neben ihn. Im Lager des Feindes war das Opferritual offenbar in die Endphase getreten. Das Feuer war kleiner geworden, und der heisere Gesang vieler M;nner war in ein weibliches Kreischen ;bergegangen.
— Die Walk;ren heulen auf, — bemerkte Radja, — sie rufen die Seelen der gefallenen Recken aus Walhall herbei.
Oj schwieg und sann ;ber eine Formel der Vers;hnung nach.
— Willst du? — fragte Radja und reichte Oj eine verbeulte Feldflasche.
Oj tat einen ordentlichen Schluck und verschluckte sich.
— Guter Schnaps, — er gab die Flasche an Radja zur;ck, — woher nimmst du den?
— Eine bekannte Hexe versorgt mich.
Er warf den Kopf in den Nacken und goss fast die H;lfte des Inhalts in sich hinein.
— Ich vermute, — Radja wischte sich die Lippen ab und reichte die Flasche an Oj weiter, — dass sie Schlangengift f;r die St;rke hinzuf;gt.
Die zweite Portion des Hexengebr;us ging runter wie ;l.
Sie zuendeten sich eine Zigarette an. Im ganzen Universum des Jahres 850 nach Christi Geburt waren sie die einzigen rauchenden Wesenheiten.
— Glaubst du, mich lassen diese Gedanken kalt, — sagte Radja, waehrend er Rauchringe in den Nachthimmel blies, — und wie sie mich beschaeftigen. Ich bin uebrigens auch wegen ihnen ins Nirwana gegangen.
— Es ist kompliziert bei euch, — Oj f;delte mit einem feinen Strahl gleich drei Ringe auf, — ich bin noch nicht ganz durchgestiegen.
— Bis zum Ende, so scheint mir, kann man da gar nicht durchsteigen. Man kann dem Pfad der Erkenntnis folgen, aber die Erkenntnis selbst, im Sinne des Erlangens des Absoluten, ist im Grunde unerreichbar.
Sie tranken erneut jeweils einen Schluck Schnaps.
— Und erinnerst du dich an das Grosse Nest, — belebte sich Radja.
— Natuerlich erinnere ich mich.
— Wie sie im Zelt auf dich gewartet hat!
Sie lachten auf, das Gespraech floss leicht und frei dahin und sprang von Thema zu Thema.
— Bereite die Armee auf die Schlacht vor, — sagte Oj, als das eigene Lager voellig verstummt war und das Opferfeuer des Feindes erloschen war.
Radja schlug Oj anerkennend auf den Ruecken. In der naechtlichen Stille rollte der Schlag klangvoll durch das Lager, verhallte im Tal und loeste ein antwortendes Wolfsgeheul aus.
— Wenn du merkst, dass Chan wieder mogelt — beginne die Schlacht.
— Das ist ein Wort, — Radja war ausserordentlich zufrieden, — die Rede eines Mannes, nicht eines Jungen.
— Aber nicht frueher, Rattenfaenger, nicht frueher. Mal sehen, wie Chan morgen drauf sein wird.
— Mal sehen.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226021401269