Kapitel III. Das Duell 4
Chan, in der Verkoerperung des Koguns Rorik, verf;gte ;ber hoechste Konditionen in allen Parametern. Fast zwei Meter gross, war er von Kopf bis Fuss in eine graue Ruestung gehuellt. Seinem Reiter ebenbuertig war sein Ross — ein gepanzertes, braunes Ungeheuer. Hinter Chan standen die kampfbereiten Wikinger. Links schloss sich ihnen die berittene Masse der Chasaren an, rechts die Fussvolk-Kriwitschen.
Die Sonne war bereits aufgegangen. Unter ihren heissen Strahlen verdampften die letzten Tautropfen. Das gesamte Tal wurde von hellem Sonnenlicht ueberflutet.
— Sei vorsichtig, — hatte Rattenfaenger Oj vor einer halben Stunde mit auf den Weg gegeben, — beim ersten Vorbeistoss wird dir die Sonne in die Augen scheinen. Beruecksichtige diesen Umstand, damit der erste Vorbeistoss nicht dein letzter wird.
Hinter Ojs Ruecken sassen Ester und Frida auf ihren Pferden. Hinter ihnen verharrten die Truppenfuehrer wie Bildsaeulen. Und hinter den Fuehrern das mit Lanzen und gezueckten Schwertern starrende, wie mit Schuppen von Ruestungen bedeckte Heer: im Zentrum die fraenkische Infanterie, rechts die byzantinische Kavallerie und links die fraenkische Reiterei. Hinter der Armee, auf dem Huegel beim Baumstamm, hatte Rattenfaenger sein Hauptquartier aufgeschlagen. Der Trupp der Germanen lauerte in der Senke.
Oj liess den Blick ein letztes Mal ueber den Bach, das helle Tal und die Huegel schweifen und schloss das Visier. Die sichtbare Welt schrumpfte zu einem schmalen Schlitz zusammen. In dessen Zentrum befand sich Chan mit seinem Pferd. Er hob leicht den Kopf. In den Schlitz spritzte die gleissende Sonne. „Es waere nicht schlecht, eine Sonnenbrille zu haben“, dachte Oj und gab die Zuegel frei.
Zum Grenzbach jagte das Pferd im Galopp. Mit einem Satz sprang es ueber den Bach. Oj erinnerte sich an Scherkhans Sprung ueber den Fluss und senkte die Lanze in Kampfposition.
In diesem Moment liess Chan sein Pferd steigen. Das Ross wieherte, schlug mit den Vorderbeinen aus und ging aus dem Stand mit einem maechtigen Sprung in den Karriere-Galopp ueber. Ein grauer und ein schwarzer Blitz rasten ueber das Feld einander entgegen.
Oj wich Chans Lanze aus. Die geschmiedete Spitze glitt nur ueber seinen Brustpanzer und hinterliess einen tiefen Kratzer. Das Ausweichen verdarb jedoch das Ziel, und die Spitze seiner eigenen Lanze ging zehn Zentimeter an Chans rechter Schulter vorbei. Oj fuhr den Ellbogen aus, in der Hoffnung, den Feind aus dem Sattel zu stossen. Er haette es besser bleiben lassen sollen. Der Schlag gegen den eisernen Chan hallte als stechender Schmerz in seiner Schulter wider. Waere die Lanze nicht an seinem Arm festgebunden gewesen, waere Oj ohne Waffe geblieben. Durch die Tr;gheit ritten die Kontrahenten auf eine beachtliche Distanz auseinander.
„Der ist gepanzert wie ein Panzer“, dachte Oj, waehrend er sein Pferd wendete. Er konzentrierte sich auf den Schmerz, und er verging. Nun schlug Chan die Sonne in die Augen. Auf seinem Brustpanzer glaenzte genau in der Mitte die goldene Saufeder der Roriks. Dorthin, zwischen die Zacken, richtete Oj seine Lanze.
Und erneut rasten die Reiter wie zwei Magnete aufeinander zu. Einige Sekunden vor dem Zusammenprall kniff Oj die Augen zusammen. Die Saufeder, auf die er gezielt hatte, raste getrennt von Chan an dessen Aussenseite dahin. Mit dem ganzen Koerper lehnte sich Oj nach links, und die Zeit dehnte sich zaeh, so wie sie sich zur Freude des Publikums bei Hollywood-Explosionen verlangsamt. Chans Lanze ging ins Leere, und Ojs Spitze traf die Brust des Feindes. Der Schlag war so gewaltig, dass Chan mit klirrendem Eisen begann, sich aus dem Sattel zu heben. Der Schaft bog sich und brach in der Mitte. Ein halber Meter Splitter loeste sich davon ab und flog wie ein Pfeil in Chans rechte Augenhoehle. Chan flog aus dem Sattel, und die Zeit nahm wieder ihr gewohntes Tempo auf. Nachdem er drei Meter im freien Fall geflogen war, krachte Chan so hart auf den Ruecken, dass die Huegel erzitterten.
„Das ist das Ende“, dachte Oj und wendete das Pferd, „wenn nicht durch die Lanze, dann durch den Splitter“. Er warf die gebrochene Lanze weg.
Doch der Kampf war damit nicht beendet. Mit dem Stock im Auge roehrte und waelzte sich Chan wie ein wildes Tier, unfaehig, sich aus eigener Kraft umzudrehen. Oj ritt an Chan heran, zwang das Pferd zum Steigen. „Ein Huf gegen den Kopf, der andere gegen die Brust“, befahl er dem Ross. Chan packte das Pferd an den Beinen oberhalb der Hufe, spannte sich an und warf das Tier nach links. Mit dem Schwung dieser Bewegung kam er auf die Beine. Das Pferd fiel, begrub Ojs Bein unter seinem Koerper, schlug mit dem Kopf auf den Boden auf und wurde still.
Mit einem furchtbaren Schrei riss Chan den Stock aus seinem Auge. Oj versuchte sich unter dem Pferd zu befreien, doch es gelang ihm nicht. Trompeten erklangen, Trommeln wirbelten im Lager der Christen. Rattenfaenger entfesselte den Krieg. Die Heiden antworteten mit dem schallenden Ruf des Kriegshorns.
Chan riss die Lederriemen entzwei, riss den verbogenen Panzer ab, schleuderte den Helm fort. Sein Gesicht war schrecklich anzusehen. Das rechte Auge war zu einem blutigen Sumpf geworden, aus dessen Mitte das Blut sto;weise hervorquoll. Aus einem verborgenen Fach seiner Beinschienen holte Chan eine schwarze Binde hervor und legte sie auf das verletzte Auge. Die Blutung stoppte augenblicklich.
„Ein wahrer Nelson“, dachte Oj. Das Pferd begann sich zu regen und kam zu sich. Es wieherte klaeglich. Die Armeen setzten sich in Bewegung, Eisen klirrte. Nur Minuten trennten sie von dem blutigen Gemetzel.
Chan entbloesste sein Schwert. Das Pferd zuckte zusammen und versuchte aufzustehen. Oj befreite sein Bein. Chan schwang das Schwert, Oj rollte sich beiseite. Die Spitze der Klinge pfluegte die Erde auf, wo Oj einen Augenblick zuvor noch gelegen hatte. Das Schwert spaltete den Sattel und das Pferd darunter. Oj sprang auf die Fuesse. Er riss sein Schwert aus der Scheide. Die Armeen strebten mit zunehmender Geschwindigkeit dem Grenzbach entgegen. An der Spitze des christlichen Heeres ritt Radja auf einem fuchsroten Hengst. Schrecklich war er in seinem Hass. An seinen Seiten ritten in silbrigen und goldenen Ruestungen Ester und Frida.
— Nicht jetzt, Radja! — schrie Oj. — Die Partie ist noch nicht beendet!
Chan stoppte seine Armada mit drei Rittern an der Spitze durch einen herrischen Zuruf.
Nur etwa hundert Meter vom Bach entfernt, verharrten die feindlichen Heerscharen in hoechster Anspannung.
Und sie begannen, sich auf einer schmalen, hundert Meter breiten Flaeche mit Schwertern zu schlagen, dort, wo Chans Pferd friedlich Gras rupfte. Chan setzte ihm zu, Oj verteidigte sich und wehrte mit M;he die maechtigen Schlaege seines Feindes ab. Er lockte Chan zu den drei Birken, die direkt am Bach wuchsen, denn nur dort konnte er den Feind zwischen den Baeumen verwirren und ihn niederstrecken. Unterwegs ging Oj zweimal zum Gegenangriff ueber und traf Chan beide Male, jedoch nicht gefaehrlich. Der dritte Gegenangriff misslang. Oj machte einen Taeuschungsman;ver nach rechts, aenderte abrupt die Angriffsrichtung und versuchte, Chan mit dem Dolch zu erreichen. Chan wich einen Schritt zurueck und fuehrte einen faecherfoermigen Schlag auf Brusthoehe aus. Oj duckte sich, um der die Luft zerschneidenden Klinge zu entgehen. Das Schwert traf die Pantherfigur auf dem Helm, riss ihn ab und schleuderte ihn weit beiseite. Sein Kopf droehnte, als haette man ihn in ein leeres Eisenfass gesteckt und lange mit Eisenhaemmern gegen die Waende geschlagen. Nur sein Vorteil an Geschwindigkeit rettete ihn.
Als sie die Birken erreichten, fuehlte Oj wieder die Faehigkeit zum weiteren Kampf. Angriffe und Gegenangriffe folgten einander. Oj bereitete sich auf den entscheidenden Schlag vor. Chan schwankte, als er ueber einen Stein stolperte. „Jetzt“, blitzte der Gedanke auf. Oj schwankte nach rechts, zuckte nach links und setzte die Bewegung nach rechts fort, wobei er das Schwert auf den Bauch des Feindes richtete. Chan durchschaute Ojs List. Er wich dem Schlag aus und fuehrte selbst einen Sto; genau an die Stelle aus, an der sich Oj infolge des Taeuschungsmanoevers befand. Der Stahl durchbohrte Oj vollstaendig, schlug in die Birke hinter seinem Ruecken ein und blieb darin stecken. Waere der Baum nicht gewesen, haetten die sichelfoermigen Parierstangen des Griffs Oj entzweigeschnitten. Chan trat naeher heran, um das Schwert herauszuziehen und den Feind zu erledigen. Das war sein Fehler. Einen Augenblick bevor er in das graue Zeitlose versank, schnitt Oj Chan mit dem Dolch die Kehle durch.
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