Kapitel III. Das Duell 5
Oj kam zu sich. Dasselbe Bett wie nach der Verwundung durch Zeus' Blitz, ebenso angenehm kuehlten die sauberen Laken seinen Ruecken, ebenso sass Ester im Sessel und strickte eine Socke fuer die Front.
— Khe, khe, — raeusperte sich Oj, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
— Du bist wach, — laechelte Ester und legte das Strickzeug beiseite, — wie fuehlst du dich?
— Nicht schlecht, — er setzte sich auf und lehnte den Ruecken gegen das hohe Kissen, — nur die Brust schmerzt ein wenig.
— Idioten, — Ester ordnete die Decke, — ihr haettet euch fast gegenseitig umgebracht. Ich habe dich gerade noch so herausgeholt, und Chan wurde von Dora gerettet.
— Kann man in dieser Welt ueberhaupt sterben?
— Ich habe es nicht ausprobiert. Ich denke, wenn man sich sehr anstrengt, ist auch das moeglich.
— Haben wir verloren?
— Das Delphische Orakel hat auf Unentschieden erkannt. Chan hat dort doch einen Agenten eingeschleust. Radja wollte sich mit dieser Entscheidung nicht abfinden und bewies, dass Chan bereits zu Beginn des Kampfes durch den Splitter im Auge haette sterben muessen. Er wollte sogar Krieg gegen Zeus fuehren, um das Heiligtum des luegenhaften Propheten zu zerstoeren, aber ich und Frida haben ihn davon abgebracht.
— Was ist mit der Armee?
— Niemand ist zu Schaden gekommen. Alle sekundaeren Wesenheiten wurden in primaere Informationsressourcen umgewandelt. Nur Radja hat aus irgendeinem Grund an Blutige Axt und deinem Pferd Narren gefressen. Beide hat er in seine Residenz mitgenommen.
Oj lehnte den Kopf gegen die Rueckenlehne des Bettes.
— Also hat Radja recht. Ob man sie rettet oder nicht, am Ende steht dasselbe — primaere Ressourcen.
Ester setzte sich zu ihm aufs Bett. Sie zaustelte ihm zaertlich das Haar.
— Mein Junge, mein lieber Junge, in gewisser Weise hat Radja recht, in gewisser Weise du. Die Wahrheit existiert nicht.
Sie stand auf.
— Ruh dich aus, Liebster. Sieh dir das Haus an, die Gegend, in der ich lebe, waehrend ich zu Dora zur Beratung gehe. Wir werden die Bedingungen der dritten Runde besprechen.
Sie kuesste Oj auf die Wange. Dann ging sie schnell, ohne sich umzudrehen, zur Tuer hinaus.
„Sie haette auch einfach verschwinden koennen“, dachte er, waehrend er aufstand.
Zum ersten Mal in dieser Welt war er auf sich allein gestellt. Waehrend er sich am Fenster ankleidete, hinter dem die Schuppen des Meeres in der Sonne glaenzten und kreischende Moewen darueber hinwegflogen, versuchte Oj zu bestimmen, wie lange er schon hier existierte. Nach dem Nachzaehlen seiner Abenteuer kam er auf etwa fuenf Tage. Allerdings gab es einige weisse Flecken der Zeitlosigkeit. Deren Dauer konnte er nicht einmal ansatzweise einschaetzen. „Das letzte Mal zum Beispiel“, dachte er, waehrend er die Schnuersenkel seiner Turnschuhe band, „wie lange war ich da bewusstlos? Oder dieser weisse Pfad beim Eintritt in das Netz“. Ploetzlich kam ihm ein einfacher Gedanke: die Uhr mit dem Kalender auf den Monitor der sichtbaren Welt zu projizieren. Er wandte sich an die Primaerressourcen, sah sie jedoch nicht. Offenbar waren sie fuer seine Anwendungen gesperrt. Dafuer gab es im Ueberfluss Sekundaerressourcen. Sie umgaben ihn in Form des zerwuehlten Bettes, des Sofas und des Sessels, auf dem die unfertige Socke aus roter Wolle lag, in Form des Fensters und der Waende, des Meeres und der Moewen, der Berge und des hohen Himmels.
Nach einigen misslungenen Versuchen gelang es ihm, aus dem Bild mit dem Lamm am Bach und einem Teil der Wand eine Uhr zu konstruieren. Sie zeigte Viertel nach zwei, Dienstag, den 17. August. Demnach waren seit dem Moment des Eintritts acht Tage vergangen.
Esters Haus war riesig. Man koennte es eher als Burg oder Palast bezeichnen. Ein grosses und keineswegs leeres Haus. Ueberall begegneten Oj Dienstmaedchen in weissen Schuerzen und Lakaien in pomp;sen Livreen. Die Dienstmaedchen polierten Moebel, fuhren mit Staubsaugern ueber die glaenzenden Boeden. Die Lakaien liefen mit Stapeln frischer Waesche umher. Ein Generalputz war im Gange. Eine solche Vorliebe fuer Sauberkeit in einer Welt, in der Staub und Schmutz unmoeglich entstehen konnten, erschien Oj etwas seltsam, wie ein Ritual, dessen Sinn laengst verloren gegangen war. Beim Erscheinen von Oj unterbrachen die Diener ihre Beschaeftigungen und verharrten in respektvoller Haltung.
In diesem bienenartigen, geschaeftigen Treiben wurde ihm unwohl angesichts seiner eigenen Muessiggangs, und er beschloss, nach draussen zu gehen. Doch das Haus zu verlassen, erwies sich als gar nicht so einfach. Oj ging von Saal zu Saal, deren Interieurs er als ultramodern charakterisierte, jedoch mit Gemaelden klassischer Schule an den Waenden; er geriet in grosse Badezimmer, gelangte auf verglaste Erker und Galerien, stieg breite Treppen hinauf und hinunter. Erst als er sich endg;ltig verirrt hatte, hielt er in irgendeinem Korridor einen Lakaien mit einem Stapel schneeweisser Handtuecher auf.
— Hoeren Sie, mmm, Bester, — Oj wusste nicht, wie man Diener ansprechen sollte, — wo ist der Ausgang?
Der Lakai legte seine Last auf die obere Flaeche eines Zylinders von voellig unverstaendlichem Zweck ab und bat Oj mit einer Geste, ihm zu folgen. Am Ende des Korridors deutete der Lakai auf eine Tuer, an der Oj schon mehrfach vorbeigekommen war und die er sogar geoeffnet hatte, doch damals war er in einer Garderobe gelandet. Oj oeffnete die Tuer einen Spaltbreit, in der Gewissheit, Kleiderschraenke zu sehen. Er erblickte einen kleinen, mit Kopfsteinpflaster gepflasterten Hof und eine steinerne Treppe, die steil nach unten fuehrte. Draussen herrschte ein sonniger, kuehler Tag. Der Diener wartete demuetig.
— Wie heissen Sie? — wandte sich Oj an ihn.
Der Lakai hiess Wassilij.
— Wassilij, haben Sie nicht zufaellig irgendeine Oberbekleidung?
Nachdem er versprochen hatte, in fuenf Minuten zurueck zu sein, stuerzte Wassilij davon, um die Bitte zu erfuellen. Er brachte einen Mantel, einen Umhang und eine Jacke zur Auswahl. Oj waehlte eine Jacke in Schutzfarbe. Lang, warm, mit Reissverschluss, Kapuze und vielen Taschen. Genau richtig fuer einen kuehlen nordischen Sommer.
Nachdem er sich bei Wassilij bedankt hatte, in dessen Augen zum ersten Mal so etwas wie ein Funke von Verstand aufgeblitzt war, trat Oj in den Hof hinaus, durchquerte ihn rasch und betrat die Treppe. Das gepflegte Staedtchen lag wie auf einer Handflaeche vor ihm, auf einer schmalen Handflaeche, die ueber Jahrmillionen von einem Fluesschen gegraben worden war. Im Hafen lagen viele Fischerboote und ein grosses Schiff. An dem Schiff herrschte reges Treiben von winzigen Figuren in roten Jacken. Die gepflegte Uferpromenade nahm am Hafen ihren Anfang und stiess am anderen Ende gegen einen Felsen mit einem runden Turm aus grauem Stein. Die Kathedrale, der Marktplatz davor und die sauberen Haeuser, die zum Grossteil einstoeckig waren.
Die Treppe fuehrte an einer steilen Felswand hinunter. Stellenweise hing sie ueber dem Abgrund, stellenweise tauchte sie in kurze Tunnel ein. Sie beendete ihren Abstieg an der Kirche. Von der Kirche zur Uferpromenade fuehrte eine breite Strasse, die an den Raendern mit zwei Reihen tropischer Palmen geschmueckt war. Die auf beiden Seiten der Strasse gelegenen Fleisch-, Fisch- und Gemueselaeden waren zu dieser Zeit geschlossen. Die Strasse selbst war menschenleer, nur an einer Stelle sassen zwei alte Frauen auf einer Bank. Oj gruesste sie hoeflich. Die Alten nickten eifrig und folgten Oj mit neugierigen Blicken.
Direkt an der Uferpromenade bemerkte Oj ein offenes Restaurant unter dem Schild „Nordlicht“. Dorthin begab er sich. Der kleine Saal des Restaurants wirkte gemuetlich und sehr sauber.
— Guten Tag, — gruesste Oj die Barfrau, eine grosse, korpulente Frau fortgeschrittenen Alters, waehrend er sich auf einen hohen Stuhl setzte.
An ihrer Bluse war ein Namensschild mit dem Namen „Helga“ angesteckt.
— Guten Tag, mein Herr, — antwortete Helga singend, — wuenschen Sie etwas zu essen oder zu trinken?
— Ein Glas Rotwein, bitte.
Helga goss zaehen Wein aus einem kleinen Faesschen ein.
— Wie lebt ihr hier? — fragte sie Oj.
— Hier in der traurigen Stawrida, wohin uns das Schicksal verschlagen hat, langweilen wir uns gar nicht, — und sie blickte ueber ihre Schulter.
„Ester hat auch hierher ihre literarischen Vorlieben mitgebracht“, dachte Oj. „Eigentlich, warum sollte es auch anders sein“. Er erinnerte sich an Radja mit seinem Scherkhan, an Zeus und seinen Olymp und spuerte den fragenden Blick der Barfrau auf sich.
— Haben Sie etwas gefragt, Helga?
— Sind Sie aus dem Schloss, mein Herr?
— Ja, aus dem Schloss.
Helga begann, mit einem feuchten Tuch den Tresen abzuwischen.
— Unsere Herzogin ist gut.
„Ha! Ester ist also eine Herzogin. Gut, dass sie keine Goettin ist“.
— Die Haelfte der Stadt dient im Schloss, — fuhr Helga fort, — und wissen Sie, — sie senkte ihre Stimme zu einem Fluestern, obwohl die Bar so leer war wie der Rumpf eines Schiffes vor dem Fang von Bastardmakrelen, — wissen Sie, sie erinnern sich an nichts von dem, was mit ihnen im Schloss geschieht.
— Vielleicht wollen sie nicht darueber sprechen, — mutmasste Oj, — wissen Sie, Verschwiegenheitserklaerung und so weiter.
— Ach nein, Mister. Ich kenne doch meinen Sohn. Er wuerde es mir erzaehlen.
„Die putzen dort nur. Sie reinigen, waschen, staubsaugen“, wollte Oj sagen, blieb aber stumm. Vielleicht war das das Geheimnis der Herzogin.
— Und was macht die andere Haelfte? — versuchte Oj, das Thema zu wechseln.
— Sie fangen Bastardmakrelen auf den Untiefen, — belebte sich Helga.
— Und im Winter? — fragte Oj, waehrend er am Wein nippte. — Guter Wein, Helga.
— Im Winter? — Der Blick der Frau drueckte Unverstaendnis aus.
— Nun ja, im Winter, wenn es kalt ist.
— Am Montag ist Sturm. Die Fischer sitzen zu Hause. Am Dienstag, — Helga bog den zweiten Finger um, — kommt das Grosse Schiff, alle verladen den Fisch darin. Am Mittwoch ist das Fest des Fangs. Am Donnerstag und Freitag, — Helga bog gleich zwei Finger um, — ist Alltag. Die Fischer fangen Fisch. Am Samstag ist der Grosse Jahrmarkt. Am Sonntag ist Messe zu Ehren der Herzogin und Neujahr. Und am Montag — Sturm. Ich kenne keinen Tag namens Winter, Mister.
Oj wurde es unangenehm, als haette er eine Dummheit begangen.
— Heute ist Dienstag, — sagte Helga, — der Tag des Grossen Schiffes. Sonderbare Reden fuehren Sie, Mister. Dass man sich so etwas ausdenken kann — im Winter.
Viele Fragen brannten ihm auf der Zunge, doch Oj wagte nicht, sie auszusprechen, aus Angst, die Frau mit seiner wilden Unwissenheit zu erschrecken.
— Sagen Sie, liebe Helga, wie verbringt man in der Stadt die Abende? Wissen Sie, ich bin Ethnograph, — ohne zu wissen warum, gab Oj sich als Ethnograph aus, — mich interessieren die oertlichen Braeuche.
— Jeder wie er mag, mein Herr, — die Frau beruhigte sich. Sie hoerte auf, den Tresen abzuwischen, setzte sich Oj gegenueber und stuetzte die Wange auf die Hand. — Manche sitzen zu Hause, manche spazieren an der Uferpromenade. Abends ist es bei uns warm, mein Herr. Und manche lesen Buecher.
— Buecher!
— Wir sind hier nicht in irgendeinem gottverlassenen Winkel. Die Herzogin hat uns eine grosse Bibliothek im Rathaus eingerichtet. Wir lesen Buecher, und wer belesener ist — schreibt selbst.
— Begegnen Ihnen in diesen Buechern nicht unbekannte Woerter, Helga?
— Das tun sie, mein Herr, — seufzte Helga.
Die Tuer oeffnete sich, und eine laermende Schar kraeftiger Maenner in roten Jacken polterte in das Restaurant. Ihre Gesichter und Haende waren wettergegerbt und grob, ihre Kleidung mit feinen Fischschuppen bedeckt. Sie brachten den salzigen Geruch der Meereswinde mit sich, den starken Geruch von Fischschwaermen, die auf den Untiefen weideten, den scharfen Geruch von Diesel;l. Sie brachten den Geist eines einfachen, ehrlichen Lebens in die Schenke, ohne quaelende Zweifel und weinerliches Zoegern.
„Offenbar“, dachte Oj, waehrend er beobachtete, wie die Fischer sich auszogen, ihre Jacken in die Ecke auf den Boden warfen und sich an die Tische setzten, „beginnt der Abend des Grossen Schiffes“. Und wie zur Bestaetigung seiner Vermutung ertoenten vom Meer her zwei langgezogene, basslastige Hornsignale.
Keine zehn Minuten waren vergangen, da amuesierten sich die Fischer bereits nach Kraeften. Vor jedem stand ein Krug Bier, und einige begannen schon den zweiten. Wie aus dem Nichts tauchten ein grossgewachsener Geiger in einem langen Mantel und ein Maedchen mit violetten Haaren und Piercings im ganzen Gesicht auf. Der Geiger fiedelte verzweifelt, das Maedchen sang ein lustiges Lied ueber eine Witwe und einen zugereisten Studenten, die Fischer stimmten in den Refrain ein und wiegten sich in Reihen von einer Seite zur anderen, als wuerden Wellen ueber das Meer ziehen. Helga kam kaum hinterher, die nach Bier und Liedern duerstenden Maenner zu bedienen.
„Zeit zu verschwinden“. Und da fiel Oj ein, dass er nichts hatte, womit er bezahlen konnte. In dieser Welt hatte er sich bereits an das Geldverdienen entw;hnt. Oj beruehrte Helga am Ellbogen, als sie mit einem Tablett voller leerer Bierkruege an ihm vorbeieilte.
— Ich habe kein Geld, Helga.
Der Refrain erbrauste, und die Wirtin antwortete, das Gebruell der Fischer uebertoenend:
— Machen Sie sich keine Sorgen, Mister, ich schreibe es auf die Rechnung des Schlosses.
Auf der Strasse war es merklich waermer geworden. Die Sonne war, wenn ;berhaupt, nur ein kleines Stueck nach Westen gewandert. Ein langer, warmer Abend stand bevor. Die Hauptstrasse vom Hafen bis zur Kirche und zum Rathaus fuellte sich mit Menschen. W;rdevoll schritten ehrwuerdige Matronen in dunklen Kleidern einher, gefuehrt von ihren Ehegaetten in Festtagsanzuegen. Junge Muetter fuhren ihren Nachwuchs, der noch nicht laufen konnte, in Kinderwagen spazieren. Und jene Kinder, die bereits laufen konnten, huschten in Gruppen nach Altersstufen umher: die einen einfach rennend, die anderen auf Rollschuhen oder Fahrraedern. Maenner standen in Grueppchen beisammen und diskutierten hitzig. Alle gruessten einander, jeder kannte jeden. Auf Oj achtete niemand. Nur die schnellen Blicke neugieriger alter Frauen verrieten, dass er nicht unbemerkt geblieben war.
Oj ging an der Kathedrale vorbei, passierte das Rathaus, wo die guetige Herzogin die Bibliothek eingerichtet hatte, und folgte der Strasse entlang des Baches in das schmaler werdende Tal.
Ausserhalb der Stadt waren Haeuser selten. Sie standen entlang der Strasse wie einsame, von allen vergessene Schildwachen. Hinter den Haeusern an den Suedhaengen waren Terrassen mit Weinbergen und Zitronenbaeumen angelegt. Oj wunderte sich ueber die Fuelle der tropischen Vegetation in den noerdlichen Breitengraden. „Uebrigens“, ermahnte er sich selbst, „fuer Ester ist es ein Leichtes, Bananen im arktischen Schnee bluehen zu lassen“.
Die Nordhaenge waren Nadelwaeldchen und Weiden ueberlassen. Fette Kuehe lagen im Gras und kauten bedaechtig wieder. Grueppchen von Schafen und Ziegen wechselten von einem Ort zum anderen. Beide wurden von Hunden gehuetet.
Vor dem letzten Haus — einem stattlichen Herrenhaus unter einem Schindeldach — stand ein Mann, der sich auf einen h;lzernen Rechen st;tzte. Seinen Kopf zierte ein gr;ner Hut mit einer Adlerfeder. Blaue Shorts mit Hosentr;gern, ein wei;es Hemd und grobe Schuhe standen in wunderbarer Harmonie mit dem Erscheinungsbild des Bauern und seinem Haus. Wenn in der Gestaltung des St;dtchens schreiende italienische Kl;nge ;berwogen, so wurden, je weiter man in die Berge kam, die Tiroler Motive in den b;uerlichen Behausungen immer deutlicher.
— Guten Tag, mein Herr, — sagte der Bauer, als Oj zu ihm aufschloss, — ein herrlicher Tag, nicht wahr?
— Der Tag ist in der Tat gut, — gr;;te ihn Oj h;flich, — wohin f;hrt dieser Weg?
— In die Berge.
Oj konnte die jahrhundertealte b;uerliche Weisheit in dieser lakonischen Antwort nicht leugnen.
— Erlauben Sie mir die Frage, mein Herr, hat in Stawrida bereits der Abend des Gro;en Schiffes begonnen?
— Er l;uft schon seit mindestens zwei Stunden.
Der Mann wurde unruhig.
— Maria! — rief er laut.
Auf der Veranda erschien eine junge Frau in einem h;bschen Kleid. Sie nickte Oj zu.
— Maria, hast du die Kinder zusammengesucht?
— Hans, — Maria stemmte k;mpferisch die H;nde in die H;ften, — ich schon. Es w;re nicht schlecht, wenn du selbst endlich den Festtagsanzug anziehen w;rdest. Wenn du so tr;delst, verpassen wir den ganzen Abend.
— Verzeihen Sie, mein Herr, ich kann mich nicht ausf;hrlich mit Ihnen unterhalten.
— Machen Sie sich keine Sorgen, mein Freund, — Oj hob die Hand in einer beruhigenden Geste, — man sollte sich in der Tat beeilen.
Hans ging ins Haus, um sich zu beeilen, und Oj machte sich auf den Weg in die Berge. Hinter Hans' Anwesen verlor der Weg seinen Asphaltbelag. Ein Kiesband wand sich die Berge hinauf. An einigen Stellen ging es in Stufen ueber, die in den felsigen Boden gehauen waren. An den Seiten des Weges wuchsen hohe Fichten. Sie begruessten und verabschiedeten Oj mit einem traurigen Wiegen ihrer Zweige.
Der Weg erklomm den Pass zwischen zwei hohen Bergen und brach hier ab. Und nicht nur der Weg — Esters Welt endete an diesem Pass. Auf einer gigantischen Leinwand aus dem Nichts waren zum Horizont fliehende Berge aufgemalt, ein fernes Dorf am Hang, ein Himmel mit vereinzelten Kumuluswolken und ein kleines Flugzeug, das durch das Blau schlich. „Man muesste nur mit einer neugierigen Nase diese Leinwand durchstossen, und eine geheime Tuer zu einer einfachen, verstaendlichen Welt wuerde erscheinen, in der es keine Reitadler und kein lebendiges Schach gibt, in der die Goetter fern und von ihren Schoepfungen getrennt sind. Nur den goldenen Schluessel“, schmunzelte Oj, „habe ich nicht. Esters Herzogtum ist nicht gross. Man kann es an einem Tag umrunden.“
So langsam die Sonne am Himmel der sichtbaren Welt auch kroch und den Bewohnern von Stawrida erlaubte, den warmen Abend des Grossen Schiffes voll auszukosten, neigte sie sich doch dem Untergang zu. Es war Zeit zur Rueckkehr.
Aus den Ressourcen eines Kopfsteinpflasters, eines trockenen Treibholzes und eines B;ndels gelben Grases konstruierte sich Oj ein robustes Mountainbike, da er glaubte, dass dieses Transportmittel die Bewohner von Stawrida weder verblueffen noch erschrecken wuerde. Eine halbe Stunde spaeter lehnte er das Fahrrad an eine Palme bei der Kathedrale und begann, die Treppe zum Schloss hinaufzusteigen.
— Wir haben uns alle auf der Veranda versammelt, — erklang Esters Stimme in seinem Kopf, — wir warten nur auf dich.
„Ein ziemlich r;cksichtsloses Volk lebt hier doch“, dachte Oj, „sie haben diese fatale Angewohnheit entwickelt, in die Privatsphaere einzudringen.“
— Ich bin in einer Viertelstunde da, — sagte Oj laut.
Und er spuerte, wie sich ein Kokon um ihn verdichtete, um ihn augenblicklich auf die Veranda zu versetzen. Oj schuetzte sich mit den Ressourcen des Felsens und eines Teils der Treppe. Der Kokon zerfloss.
— Ich bin in fuenfzehn Minuten da, — wiederholte er.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226021501340