Kapitel 4. der 18. brumaire
Nachdem wir ueber den Schlachtfeldern Europas gekreist sind, wo der Tod wie ein fleissiger Bauer die Aehren seine schreckliche Ernte einfordert, und nachdem wir einen Blick in das vorstuerrmische Paris geworfen haben, kehren wir in die Bucht von El-Baida zurueck. Von dort segelte am 22. August 1799 ein kleines Geschwader ab, das die Zukunft Frankreichs in die Heimat trug.
Konteradmiral Gantheaume und General Bonaparte beschlossen, nach Westen entlang der afrikanischen Kueste zu segeln. Sie waehlten den laengsten und schwierigsten Weg aufgrund der unguenstigen Winde zu dieser Jahreszeit, dafuer aber den sichersten. In der Naehe von Kreta zu segeln, dann durch die Strasse von Messina zwischen Sizilien und Kalabrien, bedeutete, sich dem unnoetigen Risiko einer Begegnung mit feindlichen Kriegsschiffen auszusetzen. Ein Zusammenstoss mit dem Feind auf See haette mit Vorherbestimmtheit in einer Katastrophe geendet. Sollte es dennoch zu einer Begegnung kommen, musste die Fregatte Muiron den Kampf aufnehmen, waehrend die anderen zwei Schiffe Schutz an der nahen Kueste suchen sollten. Grosse Hoffnungen in die venezianischen Gefaesse, die schlecht unter Segel gingen, bestanden nicht; diesen Plan hatten sich Gantheaume und Bonaparte eher zur Selbstberuhigung ausgedacht, denn als eine vernuenftige Abfolge von Handlungen mit dem Ziel des Unternehmenserfolgs.
Das Wetter beguenstigte die Fluechtlinge nicht. Es wehte Gegenwind. In den ersten dreizehn Tagen der Reise legten die Schiffe nur zwanzig Meilen zurueck. Erst am 11. September fuellte der Wind, nachdem er die Richtung gewechselt hatte, die Segel. In der Nacht vom 21. auf den 22. passierten die Schiffe die Insel Lampedusa, und einen Tag spaeter tauchte am Horizont die grosse Insel Pantelleria auf. Einen ganzen Monat lang begegnete den Reisenden kein einziges Schiff. Sie hatten Glueck. Am Morgen des 25. September waeren die Schiffe beinahe mit einem englischen Geschwader zusammengestossen, das hinter dem Kap Bon vor Anker lag. Zum Glueck bemerkten die Englaender sie nicht. Moeglicherweise uebersahen die Beobachter Bonapartes Schiffe wegen der aufgehenden Sonne, die in den Augen blendete. Vielleicht schauten die englischen Seeleute auch nicht in diese Richtung, da Schiffe aus dem Osten aeusserst selten waren. Viel haeufiger traf man auf Schiffe, die aus dem Westen oder Norden kamen. Ein einziger zufaelliger Blick eines einfachen Matrosen haette die europaeische Geschichte bis zur Unkenntlichkeit veraendern koennen, doch das Schicksal schuetzte Bonaparte.
Als das vorderste Schiff hinter dem Kap hervorkam und die franzoesischen Seeleute die feindlichen Segel erblickten (auf dieser Reise waren fuer die Fluechtlinge alle Segel feindlich), gaben sie den folgenden Schiffen sofort ein Signal: Eine Weiterfahrt ist unmoeglich, der Feind ist auf See. So schnell wie moeglich drehten die Schiffe bei und kehrten hinter das Kap zurueck. Den Tag verbrachten sie in einer kleinen Bucht. Gantheaume gab den Befehl, gefechtsbereit zu sein. In der Nacht schlich sich die Flottille unter vollen Segeln, mit geloeschten Lichtern und unter strengstem Sprechverbot, an den englischen Schiffen vorbei.
Nachdem sie den englischen Kordon passiert hatten, aenderte Gantheaume den Kurs. Die Schiffe bewegten sich auf Sardinien zu. Gluecklicherweise trieb ein guenstiger Wind die Schiffe mit der rasenden Geschwindigkeit von 13 Knoten voran. In ausreichendem Abstand entlang der Westkueste Sardiniens segelnd, passierten die Schiffe am 28. September das Kap Falcone. Am naechsten Tag segelten die Schiffe, nachdem sie am Morgen die Strasse von Bonifacio passiert hatten, die Sardinien von Korsika trennt, entlang der Westkueste Korsikas. Am Mittag des 30. September befanden sich die Fluechtlinge 20 bis 30 Meilen von der Hauptstadt Korsikas entfernt. Gantheaume schickte die Schebecke Fortune zur Aufklaerung aus. Die Seeleute der Fortune sollten von Fischern erfahren, in wessen Haenden die Insel war. Die Muiron und die Carrere gingen in Erwartung von Nachrichten des Aufklaerers vor Anker. Der Wind nahm zu. Derselbe starke Rueckenwind, der es ermoeglicht hatte, den letzten Teil des Weges sehr schnell zurueckzulegen, verstaerkte sich noch weiter und loeste einen Sturm aus. Es wurde unsicher, auf offener See zu bleiben. Konteradmiral Gantheaume beschloss, ein Risiko einzugehen und mit dem Morgengrauen, ohne die Rueckkehr der Fortune abzuwarten, auf die Kueste zuzuhalten. Bei der Annaeherung an das Ufer sahen die Seeleute den Aufklaerer, der in einer kleinen Bucht Schutz vor dem Sturm gesucht hatte. Von dort signalisierte man, dass Korsika in den Haenden Frankreichs sei. Unter vollen Segeln liefen die Schiffe in Ajaccio ein.
Nach einer maximal verkuerzten Quarantaeneprozedur erlaubten die Hafenbeamten den Mannschaften und Passagieren, an Land zu gehen. Als in der Stadt die Ankunft des beruehmten Landsmanns bekannt wurde, stroemten die Menschen in den Hafen, und bald versammelte sich dort eine riesige Menge. Alle wollten den erfolgreichen General sehen, seinen Ruhm beruehren.
Die wenigen in Ajaccio verbrachten Tage wurden fuer Bonaparte zu einer Erholung auf dem dornigen Weg, den ihm die Vorsehung erwaehlt hatte. Die meiste Zeit verbrachte der General allein, wanderte tagelang an den Orten seiner Kindheitsspiele umher und besuchte das leere Elternhaus. Erst am Abend kehrte er auf die Fregatte zurueck.
Aus den Erzaehlungen der oertlichen Beamten und Militaers setzte sich Bonaparte ein mehr oder weniger vollstaendiges Bild der politischen und militaerischen Lage in Europa zusammen. Von ihnen erfuhr er von den Niederlagen in der Schweiz und in Italien, vom Tod Jouberts in der verlorenen Schlacht bei Novi, von der russisch-englischen Landung in Holland. Er erfuhr vom Ruecktritt Talleyrands und vom Wechsel der Direktoren.
Am Abend des 6. Oktober setzten Bonapartes Schiffe ihre Reise fort. In dieser Zeit hatte sich das Meer ein wenig beruhigt, aber die Wellen waren immer noch hoch. Zwei Tage spaeter zeigten sich schliesslich die Kuesten des festlaendischen Frankreichs. Doch die Gefahr war nicht vorueber. Im Gegenteil, nach den Erinnerungen der Teilnehmer des Uebergangs drohte dem Geschwader gerade am 8. Oktober die groesste Gefahr. Im Licht der untergehenden Sonne erblickten die Reisenden am Horizont Segel. Bonapartes Adjutant Merlin kletterte auf den Mast und rief von dort seinen Kameraden zu, dass er die Segel von 22 Schiffen in einer Entfernung von etwa sechs Seemeilen sehe. Man nahm an, dass dies das Geschwader von Lord Keith oder Admiral Nelson war. Gantheaume wollte nach Korsika zurueckkehren, doch das Ziel der Reise war nah, zudem daemmerte es bereits. Bonaparte setzte zum ersten Mal waehrend des Uebergangs seine Macht durch. Er befahl, die Fahrt fortzusetzen. Bereits in der Nacht erreichten die Schiffe die Kuestengewaesser. Das feindliche Geschwader war nicht mehr zu sehen (wahrscheinlich handelte es sich um eine Handelskarawane). Man beschloss, die Landung auf den Morgen zu verschieben. Am Morgen sahen die Reisenden, dass sie sich in der Naehe des Hafens von Frejus befanden. Unter vollen Segeln lief das Geschwader in den rettenden Hafen ein.
Um 10 Uhr morgens am 9. Oktober legten die Schiffe am Kai des Hafens von Frejus an. Die Freude der Anwohner war riesig. Der Sieger von Italien, der Eroberer Aegyptens war angekommen. Bonaparte fuerchtete, dass aufgrund der Pestepidemie in Aegypten eine lange Quarantaene folgen wuerde (gemaess den Anweisungen des Gesundheitskomitees der Republik mussten Schiffe aus Afrika eine vierzigtaegige Quarantaene durchlaufen), doch der Kommandant der Garnison, der an Bord kam, um den weltberuehmten General persoenlich zu begruessen, verletzte als Erster die Vorschriften des Gesundheitsdienstes. Die Franzosen fuerchteten die Oesterreicher, die bereits fast ganz Italien besetzt hatten, mehr als die Pest.
2
Von unterwegs schrieb Bonaparte an die Obrigkeit und erklaerte in dem Brief die Motive seiner Rueckkehr: „Buerger Direktoren, seit meiner Abreise aus Frankreich habe ich nur ein einziges Mal Depeschen von Ihnen erhalten, die mich am 5. Germinal (25. Maerz 1799) vor Akkon erreichten. Sie waren datiert vom 14. Brumaire (4. November 1798) und dem 5. Nivose (25. September 1798) und berichteten mir von unseren Erfolgen in Neapel, was mich eine bevorstehende Kriege auf dem Festland vermuten liess. Von diesem Moment an fuehlte ich, dass ich nicht laenger fern von Frankreich bleiben konnte.
Doch zuerst musste ich waehrend des Syrienfeldzuges die feindlichen Armeen vernichten. Die eine drohte, die Wueste zu durchqueren und Aegypten anzugreifen, waehrend die zweite in grosser Eile am Schwarzen Meer zusammengezogen wurde. Eine Landung war nur in Alexandria oder Damiette moeglich. Ich vertraute die Verteidigung von Damiette General Kleber an und marschierte selbst auf Alexandria. Aus meiner letzten Depesche wissen Sie bereits um den Verlauf der Schlacht. Jetzt ist Aegypten gegen jeden Angriff geschuetzt und gehoert vollstaendig uns.
Nach diplomatischen Verhandlungen erhielt ich Zeitungen aus England bis zum 6. Juni 1799, aus denen ich von der Niederlage Jouberts in Deutschland und Scherers in Italien erfuhr. Danach segelte ich auf den Fregatten Muiron und Carrere ab, welche sehr schlechte Segler sind. In Gefahren dachte ich: Mein Platz ist hier, wo meine Faehigkeiten jetzt am meisten gebraucht werden. Ich dachte, erfuellt von solchen Gedanken, dass ich mich, wenn ich keine Fregatten gehabt haette, in meinen Mantel gehuellt haette und auf einer Barke gesegelt waere.
Die Verwaltung Aegyptens wurde General Kleber ueberlassen. Das Land befindet sich in einem besseren Zustand als jemals zuvor in den letzten fuenfzig Jahren.
Unterwegs begegneten uns einige englische Kreuzer. Nur dank der schnellen Reaktion und des entschlossenen Handelns von Konteradmiral Gantheaume erreichte ich Frejus. Nach dem Anlegen reiste ich unverzueglich nach Paris ab. Doch die fuer mich ungewohnte trockene, kalte Luft verursachte ein Unwohlsein, welches der Grund fuer meine Verzoegerung bis zum 30. Vendemiaire ist.“
Am Mittag des folgenden Tages besuchte General Bonaparte den Luxemburg-Palast. Der Besuch hatte einen begruessenden Charakter. Die Direktoren waren ueber die unerwartete Ankunft des beruehmten Generals besorgt, doch noch mehr beunruhigte sie seine immense Popularitaet im Volk. Die Direktoren diskutierten untereinander die Frage einer Verhaftung Bonapartes aus folgenden Gruenden: 1. Der General hatte die Armee ohne entsprechende Anordnung der Regierung verlassen, 2. Er hatte die Quarantaene verletzt. Dennoch empfing die Regierung den General an jenem Tag freundlich, und die Staatsmaenner machten ihm keine Vorwuerfe.
Bonapartes Ruhm diente ihm als bester Schutz. Weder Robespierre noch Danton noch Moreau wurden so verherrlicht wie der General Bonaparte, der seinen Posten verlassen hatte. Die Zeitungsleute stuerzten sich auf ihn wie hungrige Hunde auf einen Knochen. Alles war fuer das Publikum von Interesse: seine Kleidung, die Blaesse seines Gesichts, seine Gedanken und Taten im raetselhaften Osten. Die nach Ehre und Edelmut lechzende Oeffentlichkeit hatte ihren Helden gefunden. Maechtige und einflussreiche Leute wollten ihn sehen und mit ihm sprechen.
Noch vor dem Besuch bei den Direktoren, am fruehen Morgen des 17. Oktober, traf sich Bonaparte mit Talleyrand. Dieses Treffen wurde schicksalhaft und bestimmend fuer alle weiteren Ereignisse.
Als Talleyrand von der Ankunft von Bonapartes Mannschaft in Frejus erfuhr, war er beunruhigt; schliesslich wuerde der in den Wuestensanden ueberlebende General mit ganzer italienischer Leidenschaft verlangen, die Rechnungen zu begleichen, die Talleyrand laengst von seiner inneren Schuldliste gestrichen hatte. Doch nach reiflicher Ueberlegung begriff Talleyrand, dass man aus der entstandenen Lage, die gegen seinen Willen eingetreten war, betraechtlichen Nutzen ziehen konnte, wenn man alles richtig arrangierte. Mit einem Wort: Talleyrand beschloss, Bonaparte den Plan fuer einen Staatsstreich zu verkaufen.
Nachdem das Wesentliche feststand, gruebelte Talleyrand darueber nach, wo und wann das Geschaeft stattfinden sollte. Man koennte dem General entgegenfahren. Der Vorteil dieses Schrittes laege darin, dass er als Erster der Maechtigen dieser Welt bei Bonaparte eintreffen wuerde, aber ein Gespraech in der Kutsche oder in einem Gasthaus am Wegesrand schloss Intimitaet und Gruendlichkeit aus. Charles lehnte ein Treffen unterwegs ab. Folglich musste das Geschaeft in Paris stattfinden. Talleyrand beschloss, Bonaparte so bald zu besuchen, wie es der Anstand erlaubte. Talleyrand setzte sich mit Josephine in Verbindung. Seit der Zeit, als Talleyrand einen Ball zu Ehren Josephines gegeben hatte, bestanden zwischen ihnen vertrauensvolle Beziehungen. Bonapartes Frau fuerchtete die Ankunft ihres eifersuechtigen Mannes ein wenig, da sie Angst hatte, seine zahllosen Verwandten wuerden ihm allerlei Maerchen ueber sie erzaehlen.
Talleyrand riet ihr, um die Peinlichkeit unbegruendeter Eifersucht zu vermeiden, ihrem Mann vor den Toren von Paris entgegenzufahren; Josephine versprach als Dank fuer den wertvollen Rat, unbedingt Nachricht zu geben, sobald er eintreffe. Ungluecklicherweise verfehlten sie einander. Bonaparte fuhr auf einer anderen Strasse in die Hauptstadt ein. Es war ein Glueck, dass sie, geistesgegenwaertig reagierend, rechtzeitig zurueckkehrte. Fast waere das ganze Unternehmen gescheitert. In der spaeten Nacht vom 16. auf den 17. Oktober erhielt Talleyrand von Josephine die Nachricht: Er ist da.
Am Morgen des 17. Oktober betrat Talleyrand das Haus von Bonaparte.
Zu sagen, dass Bonaparte wuetend auf Talleyrand war, hiesse, gar nichts zu sagen. Er war rasend. Der General schrie ihn an, beschimpfte ihn mit den schlimmsten Worten, stampfte mit den Fuessen und spuckte vor Zorn. Kurz gesagt, er fuehrte eine abscheuliche Szene auf. Waere Josephine zu Beginn des Treffens nicht anwesend gewesen, waere ungewiss, wie alles geendet haette. Als Bonaparte ersch;pft war und eine Pause machte, begann Talleyrand ruhig und abgewogen zu sprechen. Er sagte, Gott sei sein Zeuge fuer seine Unschuld an den Noeten des Generals in Aegypten. Er wisse nicht, wer Bonaparte dies alles zugefluestert habe, doch er sei bereit, Bonaparte Dokumente vorzulegen, die seine voellige Unschuld erschoepfend beweisen wuerden. Doch das werde etwas spaeter geschehen – fuhr Talleyrand fort – jetzt gelte es, an etwas anderes zu denken. Waehrend Talleyrand sprach, beruhigte sich Bonaparte. Dann erwachte sein Interesse, und Bonaparte begann aufmerksam zuzuhoeren. Josephine, die sah, dass die Gefahr vorueber war, verliess den Raum. Sie hatte kein Interesse an den Spielen der Maenner.
Talleyrand sagte, das Vaterland sei in Gefahr, und jetzt mehr denn je brauche das Land eine starke, entschlossene Persoenlichkeit, die faehig sei, das unglueckliche Frankreich vor aeusseren und inneren Feinden zu schuetzen. Das Direktorium, dieser Koloss auf toenernen Fuessen, sei bankrott. Es werde vom Volk und von der Armee gehasst. Frankreich wuerde es ihnen niemals verzeihen, wenn sie die entstandene Lage nicht nutzten und General Bonaparte, das Land rettend, nicht die volle Macht in seine Haende naehme. Das wolle Frankreich, das wolle die Geschichte. Man muesse sich beeilen – sagte Talleyrand – Sieyes und General Moreau schmiedeten Intrigen und koennten ihnen zuvorkommen. Sie wuerden natuerlich keinen Erfolg haben, aber sie koennten dem geliebten Frankreich irreparablen Schaden zufuegen.
Bonaparte antwortete bereits ruhig, dass dies alles schoene Worte und wunderbare Projekte seien, er aber real nicht sehe, wie die Lage zu aendern sei.
- Erlauben Sie-, entgegnete Talleyrand und ging dann zu den Details ueber.
Talleyrand erklaerte Bonaparte, wie man unter Ausnutzung der Schwachstellen auf jeden einzelnen Direktor einwirken koenne. Talleyrand legte Bonaparte dar, welche Schritte in welcher Abfolge gegenueber dem Parlament und der Presse (mit der der ehemalige Minister noch eine besondere Rechnung offen hatte) zu unternehmen seien. Talleyrand berichtete, dass sie von der Finanzbourgeoisie in Gestalt dieser und jener Bankiers unterstuetzt wuerden, sodass es an Geld nicht mangeln werde. Dies war das erste wirklich ernsthafte Argument. Abschliessend sagte Talleyrand: Es stehe ausser Zweifel, dass die Armee den ruhmreichen Feldherrn unterstuetzen werde und das Volk schon jetzt bereit sei, in Bonaparte seinen Fuehrer zu sehen. Dies war das zweite schwerwiegende Argument.
-Gut, angenommen-, versuchte Bonaparte einzuwenden, -doch ich weiss aus Erfahrung, dass kein Vorhaben genau so laeuft wie geplant. Es koennen aergerliche Abweichungen vom Plan auftreten, oder es koennte die Notwendigkeit entstehen, gegen jemanden extreme Massnahmen zu ergreifen. Was dann?
-Ich habe jemanden, der in der Lage ist, delikate Aufgaben zu loesen-, antwortete Talleyrand bescheiden. -Minister Fouche steht vollstaendig auf unserer Seite.
Dies war das dritte und entscheidende Argument.
-Das ist interessant, aber wie sehen Sie Ihre Beteiligung an diesem Prozess? Und vor allem: Was ist Ihr Interesse an dieser Angelegenheit?,- fragte Bonaparte.
-Ich kann die Verhandlungen mit den Direktoren uebernehmen sowie die Verbindung zu den Bankiers und zu Fouche sicherstellen. Die Armee und das Parlament wuerde ich mit Ihrem Einverstaendnis Ihnen ueberlassen. Mit der Presse befassen wir uns spaeter. Wir brauchen sie noch. Was meinen Anteil am Kuchen betrifft, so werden wir diese delikate Frage zu gegebener Zeit besprechen.
Bonaparte traf an diesem Morgen keine Entscheidung, versprach aber, nachzudenken. Nicht etwa, dass er an der Qualitaet der Ware zweifelte. Die Ware war ausgezeichnet. Der Plan wirkte gut durchdacht, solide vorbereitet und absolut machbar. Bonaparte zweifelte, ausgehend von seiner Erfahrung, an der Qualitaet des Verkaeufers.
Damit trennten sich die Parteien. General Bonaparte fuhr zu seinem Treffen mit den Direktoren.
3
Beim Verlassen des Luxemburg-Palastes wurde Bonaparte von seinen Waffengefaehrten umringt, die sich aus verschiedenen Gruenden in Paris aufhielten. Der General begruesste alle herzlich. Waehrend er einem Offizier die Hand drueckte, blickte Bonaparte ihn unwillkuerlich im Lichte des morgendlichen Gespraechs mit dem Schlaukopf Talleyrand an.
An diesem Tag stattete er einigen Ministern Besuche ab, und am Abend unterhielt er sich lange mit Talleyrand.
Am Morgen des naechsten Tages besuchte Bonaparte erneut den Luxemburg-Palast. War er bei seinem ersten Besuch noch in Zivil gekleidet, lediglich mit einem Mameluckensaebel an der Seite, so erschien Bonaparte dieses Mal zu Pferd, in voller Generalsuniform und umgeben von ihm ergebenen Offizieren. Schon allein dadurch zeigte er, dass er beabsichtigte, eine bedeutendere Rolle als zuvor zu spielen. An jenem Tag waren die Direktoren konkreter. Bonaparte wurde angeboten, nach seiner Wahl das Kommando ueber eine der Armeen zu uebernehmen. Der General lehnte das Angebot kuehl ab, mit dem Hinweis, dass er nach Aegypten einige Zeit zur Wiederherstellung seiner Gesundheit benoetige. Obwohl er noch nicht entschieden hatte, ob es sich lohne, sein Schicksal mit Talleyrand zu verknuepfen, verneinte er eine solche Wendung nicht kategorisch. Daher lehnte er das Kommando ab, was einen Abzug an die Front bedeutet haette. Wenn ein Putsch unumgaenglich war, musste er in Paris sein und freie Hand haben.
In den folgenden drei Tagen stellte Talleyrand unter dem Vorwand von Besuchen bei dem ruhmreichen General die potenziellen Verschwoerer vor. Bonaparte wurden zuallererst die Finanzleute praesentiert – das Fundament des Unternehmens. Justizminister Cambaceres sollte dem gesamten Vorhaben den Anschein von Rechtmaessigkeit verleihen. Polizeiminister Fouche und die gesamte Pariser Polizei wuerden fuer Ruhe in der Hauptstadt sorgen, sollten die Jakobiner auf die Idee kommen, das Volk auf die Barrikaden zu rufen. Deputationen von Parteien und Parlamentsfraktionen suchten ihn auf. Und natuerlich kamen, unabhaengig von Talleyrand, seine Waffengefaehrten zu ihm – ihm ergebene Offiziere und Generale.
Basierend auf den Memoiren von Zeitzeugen vermerken Historiker die aeusserste Vorsicht Bonapartes am 18., 19. und 20. Oktober. Zaudernd wollte Bonaparte nicht, dass man ihn als das Haupt einer Verschwoerung und sein Haus als ein Nest der Revolution betrachtete. Daher, so halten es Historiker fest, empfing er nicht viele Menschen gleichzeitig, verhielt sich in Gespraechen vorsichtig und versprach nichts. Dies ist verstaendlich: Bonaparte befasste sich nicht mit der Organisation der Verschwoerung; es gab keine Notwendigkeit, Leute zusammenzuschmieden, zu ueberzeugen, zu ueberreden oder Aemter, Raenge und Privilegien zu versprechen. All dies hatte bereits Talleyrand erledigt. Bonaparte stand vor dem Dilemma: Die Zustimmung zur Anfuehrung der Verschwoerung zu geben oder nicht.
Die Truppenschau endete zur vollen Zufriedenheit Bonapartes. Die Revolution hatte eine solide Basis und grosse Aussichten auf Erfolg.
Am 21. Oktober stimmte Bonaparte zu. Er nannte jedoch zwei unabdingbare Bedingungen. Erstens: Den Ausbruch eines Buergerkriegs zu verhindern, was den Verzicht auf Gewaltanwendung bedeutete, oder diese nur in einem sehr begrenzten Rahmen einzusetzen. Zweitens: Unmittelbar nach dem Staatsstreich Wahlen durchzufuehren, die die Legitimitaet der neuen Macht bestaetigen sollten. Talleyrand stimmte der Vernunft und sogar der Notwendigkeit beider Bedingungen zu. Danach trat die Revolution in ihre aktive Phase.
Von den fuenf Direktoren waren Barras und Sieyes die einflussreichsten. Bei Meinungsverschiedenheiten im Direktorium gab jedoch die Stimme von Barras den Ausschlag. Paul Barras war der Einzige, der seit den ersten Wahlen nach der Verfassung des Jahres III der Republik in der Regierung verblieben war. Sieyes, in der Vergangenheit wie Talleyrand ein Abbe, erlangte Beruehmtheit dadurch, dass er noch vor der Revolution eine populaer gewordene Broschuere verfasst hatte, die die Rechte des Dritten Standes verteidigte. Er galt als hervorragender Jurist mit exzellenten Kenntnissen des roemischen Rechts. Man muss Sieyes im Verbund mit Roger-Ducos betrachten, da Letzterer unter dem vollstaendigen Einfluss des Ersteren stand. Folglich bedeutete die Gewinnung von Sieyes auch die Gewinnung von Roger-Ducos. Zudem genoss Sieyes starke Unterstuetzung in beiden Raeten.
Die Idee eines Verfassungsumsturzes entstand bei Sieyes, sobald sich die revolutionaere Lage gefestigt hatte. Im Sommer des laufenden Jahres begann Sieyes, angesichts der von Tag zu Tag sinkenden Popularitaet der Regierung, gemeinsam mit Roger-Ducos die Vorbereitung eines Putschs. „Jeden Tag erwartet man hier einen Umsturz“, schrieb er am 8. September an den franzoesischen Botschafter in Berlin. „Das Volk sieht darin das Ende des Stillstands in Industrie und Handel.“ Fuer die erfolgreiche Durchfuehrung des Umsturzes benoetigte er die Unterstuetzung der Armee. Er brauchte einen „Degen“. Sieyes waehlte General Moreau.
So sehr Moreau auf den Schlachtfeldern ein Beispiel fuer Entschlossenheit und Tapferkeit war, so unentschlossen und schuechtern war er in der Politik. Bevor er seine Zustimmung gab, zoegerte Moreau lange. Moeglicherweise verdankt Napoleon seinen Weltruhm den Zweifeln von General Moreau – der Tatsache, dass dieser unter Hinweis auf unaufschiebbare Angelegenheiten in der ihm nach Jouberts Tod unterstellten italienischen Armee Sieyes lange Zeit keine Zusage zur Teilnahme an der Verschwoerung gab. Schliesslich, als Suworow die russischen Truppen vor Genua abzog und mit seinem Abzug die aeusserste Gefahr fuer die franzoesischen Truppen schwand, stimmte Moreau mit grossem Widerwillen zu, Sieyes bei der Rettung Frankreichs vor dem Chaos zu helfen. Am Morgen des 13. Oktober traf Moreau in Paris ein. Doch am Abend desselben Tages erreichte die Nachricht von der wunderbaren Rueckkehr General Bonapartes aus Aegypten die Hauptstadt. Am 14. oder 15. Oktober, auf dem Hoehepunkt der Sensation um den wiedergewonnenen Nationalhelden, erteilte Moreau Sieyes eine kategorische Absage. Auf diese Weise blieb der Direktor in diesen entscheidenden Tagen ohne „Degen“.
Am 22. Oktober begannen die Verschwoerer zu handeln. An diesem Tag fanden zwei Treffen statt. Bonaparte traf sich mit Barras, waehrend Talleyrand mit Sieyes sprach. Die Partner hatten die Rollen verteilt, ausgehend von Bonapartes innerer Ueberzeugung, dass er sich mit Barras, seinem langjaehrigen Goenner, wuerde einigen koennen. Nach der Verfassung des Jahres III der Republik verblieb Barras noch hoechstens ein Jahr an der Macht. Es schien vernuenftig, die Zuegel der Herrschaft jetzt und freiwillig abzugeben, um im Gegenzug … genau ueber diesen Gegenstand sollte das Gespraech stattfinden. So dachte der General, als er das Haus von Barras betrat.
Paul Barras hoerte sich Bonapartes unbeholfene Anspielungen an, laechelte und sagte, dass die schwarzen Tage des Direktoriums vorueber seien und sich die Lage stabilisiert habe. Er sehe keine Notwendigkeit, etwas zu aendern; und falls doch etwas geaendert werden solle, so gaebe ihm seine Erfahrung und seine Stellung das Recht, auf eine besondere Rolle zu zaehlen. Mit anderen Worten: Barras erklaerte sich bereit, das Unternehmen anzufuehren. Eine andere Rolle wollte er nicht. Dies gefiel Bonaparte ganz und gar nicht. Er versprach, nachzudenken, sich zu beraten und in einigen Tagen eine Antwort zu geben.
Anders verlief das Treffen zwischen Talleyrand und Sieyes. Talleyrand sprach in Anspielungen und Gleichnissen, damit der Direktor keinen formalen Vorwand hatte, ihn des Hochverrats zu bezichtigen. Doch Sieyes, der ohne „Degen“ und somit ohne die Unterstuetzung der Armee dastand, dachte nicht an eine Anklage. Er selbst suchte den Verrat an jenem Staat, den er verkoerperte. Als Talleyrand die Position darlegte und den Namen Bonapartes als den unangefochtenen Fuehrer der patriotischen Kraefte Frankreichs nannte, wurde Sieyes nachdenklich. General Moreau war eingeschuechtert gewesen, doch General Bonaparte, der aus dem Nichts aufgetaucht war wie Orpheus aus dem finsteren Reich des Hades, wuerde nicht zurueckweichen, sondern bis zum Ende gehen, ohne sich umzuschauen. Der Platz des Anfuehrers, so ging es aus Talleyrands Worten hervor, war bereits besetzt.
Sieyes begann vorsichtig nachzufragen. Nachdem er begriffen hatte, dass Talleyrand im neuen Team keine fuehrende Position einnehmen wollte, sondern sich mit einem Ministerposten begnuegen wuerde, atmete Sieyes erleichtert auf. Die Rede kam auf Barras. Talleyrand liess durchblicken, dass die Position von Barras noch nicht festgelegt sei. Folglich, so schlussfolgerte Sieyes, war die zweite Position vorerst vakant. Man sprach ueber Gohier und Moulin.
„Die Freunde der Freiheit beabsichtigen nicht, diese Herren wegen Kleinigkeiten zu behelligen“, sagte Talleyrand laechelnd.
Die Machtverteilung wurde Sieyes im Grunde klar. Er begriff, dass die „Freunde der Freiheit“ planten, eine Regierung aus drei, hoechstens vier Maennern zu bilden, und dass die patriotischen Kraefte ihm anboten, die zweite Position nach Bonaparte einzunehmen, oder die dritte nach Bonaparte und Barras.
Und der Handel begann. Das Gespraech wurde freier und offener.
„Ich bin nicht allein, Ducos ist bei mir“, sagte Sieyes bedeutungsvoll, waehrend er sich mit einem Batisttaschentuch die feuchte Stirn abtupfte.
„Natuerlich“, antwortete Talleyrand, „indem die Freunde der Freiheit auf Sie bauen, bauen sie damit auch auf Ducos.“
Das war schon etwas. Die zweite und dritte oder die dritte und vierte Position konnten die erste aufwiegen. Jedenfalls bestand bei dieser Konstellation die Moeglichkeit zum Manoevrieren. Zudem rechnete Sieyes damit, den „beschraenkten“ General manipulieren zu koennen.
„Und ausserdem“, fuhr Talleyrand fort, „weiss ich sicher, dass Bonaparte nicht vorhat, lange in Paris zu bleiben. Der Feind steht vor den Toren, und es ist die Sache des Generals, die Grenzen der Heimat zu schuetzen. Und im Krieg, Gott verhuete es natuerlich“ – Talleyrand bekreuzigte sich und entlockte Sieyes ein Laecheln – „im Krieg geschieht es, dass man getoetet wird. Wenn das passiert, bleiben Sie die Hoffnung der franzoesischen Patrioten. Zudem“, fuegte Talleyrand ganz offen hinzu, als er Sieyes’ Reaktion sah, „muss waehrend des Krieges jemand das Land regieren.“
Dieses Argument gab den Ausschlag.
4
Nachdem Barras seine grundsaetzliche Zustimmung gegeben hatte, sich mit einer Abfindung zu begnuegen, trat die Verschwoerung in ihre aktive Phase ein. Vom 3. November bis zum Beginn des Umsturzes am 9. November (18. Brumaire) verwandelte sich Bonapartes Haus in der Rue de la Victoire in das Hauptquartier der Revolution. Staendig kamen und gingen Menschen. Militaers, Zivilisten, Abgeordnete beider Raete, Industrielle. Die Verschwoerer brauchten keine Entlarvung zu fuerchten. Minister Fouche stellte die Polizei in den Dienst der Putschisten. Anstatt die Verschwoerung zu bekaempfen, schuetzten alle Ressourcen der Pariser Polizei das Komplott. Was Talleyrand bereits im Sommer geplant hatte, indem er Fouches Ernennung durch das Direktorium durchsetzte, nahm nun sichtbare Formen an. Talleyrand selbst trat in diesen Tagen in den Schatten zurueck. Alle Grundsatzfragen waren geloest, und ueberfluessige Werbung brauchte Talleyrand nicht, da immer die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns des Unternehmens bestand – und dann wuerde man diejenigen verhaften, die dem Fuehrer in den letzten Tagen am naechsten standen. In diesen sechs Tagen sah Talleyrand Bonaparte fast gar nicht und ueberliess Letzterem die Loesung technischer Fragen. Aus sicherer Entfernung beobachtete er die fieberhafte Taetigkeit zur Vorbereitung des Umsturzes, kontrollierte jedoch weiterhin die Schluesselpositionen.
In Paris war zu dieser Zeit die 17. Division stationiert. Auf die Offiziere und Soldaten dieser Division konnte sich Bonaparte verlassen. Die Soldaten waren bereit, gegen die verhassten „Advokaten“ vorzugehen, wenn sie von dem ruhmreichen General angefuehrt wuerden, auf dessen Fahnen stets die Worte des Sieges standen. Schwieriger gestaltete sich die Lage mit der Garde des Direktoriums und der Parlamentsgarde. (Jede Machtinstitution verfuegte ueber eigene paramilitaerische Einheiten). Diese Truppen waren in weitaus geringerem Masse dem Einfluss von Bonapartes Autoritaet unterworfen. Sie waren eher polizeiliche Einheiten als Linientruppen. Aber sie waren in der Minderheit, und im Bedarfsfall konnten die Bataillone der 17. Division beide Garden blockieren.
Seit Bonapartes Ankunft kursierende Gespraeche ueber die Notwendigkeit, der Armee endlich den ihr gebuehrenden Platz in Frankreich zu verschaffen – Gespraeche, zu denen Bonaparte bisher geschwiegen hatte –, erhielten nun die Bestaetigung des Generals, was in Militaerkreisen grosse Belebung und Enthusiasmus ausloeste. Bonaparte vertraute seine Plaene weiterhin keinem der Generaele an, doch ab dem 3. November schwieg er nicht mehr, sondern sprach mit seinen Kameraden in Form von Befehlen, in jener Form, die auf dem Schlachtfeld ueblich ist. Die ihn umgebenden Generaele und Offiziere spuerten: Die Tat ist nah.
Bonaparte konnte vor allem auf die Generaele zaehlen, die mit ihm aus Aegypten gekommen waren: Berthier, Murat, Andreossy, Lannes, Leclerc, Marmont sowie die Konteradmirale Ganteaume und Dumanoir. Bonaparte konnte sich auf Generaele verlassen, die ihm aus dem Italienfeldzug bekannt waren: Moran, Fregeville, Berruyer, Moncey, Dupont, Gardanne und Lepaul. Er konnte auf die Hilfe der in Paris befindlichen Generaele Beurnonville und Serurier sowie des Admirals Bruix hoffen und in geringerem Masse auf General Macdonald und General Lefebvre. Letzterer bekleidete den Posten des Kommandanten der Pariser Garnison.
Am Abend des 6. November fand das vom Direktorium geplante offizielle Abendessen zu Ehren von Moreau und Bonaparte statt. Der Held sollte laut dem Szenario der Direktoren Barras, Gohier und Moulin General Moreau sein, der Retter der Republik vor den russischen Barbaren Suworows, waehrend General Bonaparte zumindest das Missvergnuegen der Regierung spueren und entsprechende Schluesse ziehen sollte. Da sie das Szenario der Regierung kannten, erschienen viele der zu diesem Fest eingeladenen militaerischen und zivilen Wuerdentraeger nicht. In der politischen Atmosphaere Berlins war deutlich zu spueren, dass das Schiff des Direktoriums sank. Bonaparte verhielt sich kuehl, wenn nicht gar hochmuetig, und verliess den Empfang bald. Dieser Empfang glich nicht einem Fest, sondern dem Begraebnis der amtierenden Regierung, bei dem jeder seufzt und bedauert, aber nichts unternehmen kann. Doch am naechsten Tag, am Mittag des 7. November, fand in Bonapartes Haus ein alternativer Empfang statt, zu dem auch General Moreau erschien, der von Bonaparte auf dem Regierungsempfang eingeladen worden war. Dies war die letzte Besichtigung der Kraefte vor dem Auftritt. An jenem Tag kam Talleyrand zu Bonaparte, der ihn vier Tage lang nicht besucht hatte. Das Hauptziel des Treffens war es, Moreau auf die eigene Seite zu ziehen. Nicht ohne Muehe ueberzeugten Bonaparte und der beredte Talleyrand Moreau davon, dass das Direktorium ein Uebel fuer Frankreich sei und dieses Uebel unblutig beseitigt werden muesse. Moreau stimmte, wenn auch widerwillig, zu, den Patrioten nicht im Wege zu stehen – einerseits, weil alles bereits zu weit fortgeschritten war, und andererseits, weil die bei Bonaparte versammelten hoeheren Offiziere, die Moreau kannte und achtete, fest auf der Seite der Patrioten standen. So wurde am 7. November der letzte Stein auf Bonapartes Weg zur Macht aus dem Weg geraeumt, und das Direktorium blieb ohne Moreau voellig schutzlos gegenueber der Gewalt der eigenen Militaermaschinerie.
Die Stimmung beim Essen bei Bonaparte war nervoes und gehoben. Gestern im Palais du Luxembourg trauerte man um die sterbende Vergangenheit, heute feierte man bei Bonaparte die Geburt der Zukunft.
Nicht nur durch den Empfang bei Bonaparte zeichnete sich der 7. November aus. Am Abend jenes Tages schaltete sich eine Gruppe von verschwoererischen Abgeordneten aktiv in die Angelegenheit ein. So wie Bonaparte Anhaenger fuer den Umsturz im Militaermilieu anwarb, so lockte Sieyes die Abgeordneten des Rates der Alten und des Rates der 500 mit der lichten Zukunft Frankreichs.
Die Verschwoerer setzten den Umsturz fuer den 18. Brumaire (9. November) an. Den Abgeordneten blieb nicht viel Zeit fuer die Vorbereitung einer so komplizierten Operation, und wie wir sehen werden, verlief die Operation am offenen Herzen Frankreichs nicht ganz so glatt, wie die Chirurgen es geplant hatten. Am Abend des 16. Brumaire (7. November) fand beim Praesidenten des Rates der Alten, Lemercier, eine erweiterte Sitzung der Abgeordnetenfraktion des Put-sches statt. An diesem Abend konnte man sich nicht ueber alle Details einigen, und am Morgen des 17. Brumaire fand beim Abgeordneten Lagarde ein weiteres Treffen der Parlamentarier statt. Die Abgeordneten diskutierten und verabschiedeten mit Liebe zum Detail die Szenarien fuer die Sitzungen des Rates der Alten und des Rates der 500. Sie entschieden, wer in welcher Reihenfolge sprechen wuerde, wer welche Vorschlaege einbringt, wie die Abstimmung voraussichtlich verlaufen wird, welche Komplikationen auftreten koennten und wie diese zu ueberwinden seien. Zudem erstellten die Put-schisten eine Liste der Parlamentarier, von deren Seite ein Widerstand gegen die Rettung Frankreichs besonders wahrscheinlich war, und planten Massnahmen zur Neutralisierung der Unbeugsamen. Zum Abschluss der zweiten Beratung bereiteten die Abgeordneten den Entwurf des Dekrets ueber die Verlegung der Sitzungen beider Parlamentskammern nach Saint-Cloud und den Entwurf des Befehls zur Ernennung von General Bonaparte zum Kommandeur der Truppenteile in Paris vor. Im Grossen und Ganzen wurde auf den Beratungen das Drehbuch eines grandiosen Schauspiels geschrieben und teils geprobt.
Im Uebrigen vergingen diese zwei Tage, der 7. und 8. November, in angespannter Vorbereitung. Am Abend des 8. November gab Bonaparte den an der Verschwoerung beteiligten Offizieren den Befehl: morgen um sechs Uhr frueh sich bei seinem Haus zu versammeln, um unmittelbar nach Erhalt des Kommandos ueber die 17. Division die unzuverlaessigen Kommandeure auf Regiments- und Bataillonsebene auszuwechseln und die Truppenteile in Gefechtsbereitschaft zu versetzen. Noch frueher waren Broschueren und Proklamationen fuer das Volk vorbereitet und heimlich gedruckt worden, die der Bevoelkerung die bevorstehenden Veraenderungen im Land erklaeren sollten.
m Abend des 8. November lud Josephine Direktor Gohier fuer den naechsten Morgen um acht Uhr zum Fruehstueck ein. Bonaparte rechnete damit, bei einer Tasse Kaffee den Ruecktritt von Gohier zu erwirken. Am selben Abend schrieben Sieyes und Roger-Ducos ihre Ruecktrittserklaerungen und uebergaben sie der parlamentarischen Gruppe der Verschwoerer. Bonaparte erhielt Kopien dieser Erklaerungen, um sie als Argument im Gespraech mit Gohier zu nutzen.
Die Nacht vom 8. auf den 9. November in den Tuilerien, wo die Sitzungen des Rates der Alten stattfanden, war von angespannter Taetigkeit gepraegt. „Ich verbrachte die Nacht im Inspektionstextkomitee des Rates der Alten“, schrieb Cornet in seinen Memoiren, den Napoleon spaeter mit dem Grafentitel ehrte und zum Senator ernannte. „Die Fensterlaeden und Vorhaenge waren fest geschlossen, damit man nicht bemerkte, dass in den Raeumen gearbeitet wurde, da wir wussten, dass wir beobachtet wurden. Wir bereiteten die Einladungen an die Mitglieder des Rates vor, hielten jedoch etwa ein Dutzend zurueck, an deren Mut wir Zweifel hatten. Diese Einladungen wurden erst verschickt, als der Beschluss bereits gefasst war.“
Um fuenf Uhr morgens machten sich Unteroffiziere als Boten mit den Einladungen auf den Weg zu den Abgeordneten. Die Parlamentarier wurden zu einer Dringlichkeitssitzung eingeladen, die laut Einladung zwischen 7 und 8 Uhr beginnen sollte. Aufgrund der fuer Abgeordnete fruehen Stunde war es relativ einfach, die Versammlung zu manipulieren. Der Vorsitzende des Inspektionskomitees verlas einen Appell an die Abgeordneten. In unbestimmten Ausdruecken berichtete er den Abgeordneten von der drohenden Gefahr, vom Dolch der Jakobiner, der auf die Brust der Republik gerichtet sei, davon, dass ihre Zahl in Paris in letzter Zeit zugenommen habe, und von einer moeglichen Verschwoerung. Dann bat auftragsgemaess der Abgeordnete Regnier das Wort, der waehrend des Kaiserreichs den Posten des Obersten Richters bekleiden sollte. Er schlug vor, die Sitzungen beider Parlamentskammern nach Saint-Cloud zu verlegen. Das Parlament sollte nach Saint-Cloud umziehen und dort die Arbeit fortsetzen. Die erste Sitzung am neuen Ort sollte am 19. Brumaire punkt Mittag beginnen. Durch Abstimmung nahmen die Abgeordneten des Rates den Vorschlag von Regnier an.
Der naechste Redner schlug vor, General Bonaparte zum Kommandeur der Pariser Garnison zu ernennen, mit der Begruendung der Gefahr eines linken Um-sturzes und der Tatsache, dass General Bonaparte Erfahrung in der Unterdrueckung antiparlamentarischer Aufstaende habe. Auch dieser Vorschlag wurde angenommen. Durch ein Dekret des Rates wurde General Bonaparte zum Kommandeur der 17. Division, der Parlamentsgarde und der Nationalgarde ernannt.
Das Dekret des Rates der Alten wurde Bonaparte von den Abgeordneten Cornet und Barellon ueberbracht, der spaeter den Barontitel erhielt. Als sie bei Bonapartes Haus eintrafen, herrschte dort eine gespannte Erwartung. Das Haus war zu klein, um alle Ankoemmlinge aufzunehmen, daher warteten zahlreiche Offiziere im Hof, in den Staellen und in den Dienstbotenzimmern auf Befehle. Die Saalsinspektoren uebergaben Bonaparte das lange und ungeduldig erwartete Dekret. Der General trat vor die versammelten Offiziere, zum ersten Mal seit seiner Rueckkehr aus Aegypten in der Uniform eines Obergenerals, und hielt eine kurze, wie vor einer Schlacht packende Rede, die einen Sturm der Begeisterung unter den Offizieren ausloeste. Bald traf eine Abteilung Dragoner ein. Nachdem er unaufschiebbare Befehle erteilt hatte, sprang Bonaparte auf sein Pferd und jagte, umgeben von ergebenen Generaelen, im Galopp zu den Tuilerien. Auf dem Weg zum Treffen mit dem Parlament wuchs Bonapartes Abteilung stark an, da sich Gruppen von Militaers und einzelne berittene Offiziere anschlossen, die ihrer geliebten Heimat Glueck wuenschten.
Entgegen der Gewohnheit beobachteten die Buerger die militaerischen Bewegungen in den Strassen von Paris voellig ruhig. Alle hatten laengst den Sturz des Regimes der „Advokaten“ erwartet. Ob die Herrschaft des Militaers besser sein wuerde, haette selbst Nostradamus nicht vorhersagen koennen, aber die Advokaten waren allen ueberdruessig, und niemand wollte sich zur Verteidigung des Direktoriums erheben. Natuerlich standen Tausende von Schaulustigen auf den Strassen und Plaetzen, die sich das interessante Schauspiel nicht entgehen lassen wollten, aber die Menge war nicht groesser als bei gewoehnlichen Militaerparaden oder Volksfesten und war friedlich, wenn nicht gar gleichgueltig gestimmt.
Um 10 Uhr morgens ritten General Bonaparte und die Elite der franzoesischen Armee, etwa zwei Eskadronen stark, in den Tuilerien ein. Der Rat der Alten, ohne zu ahnen, welches Schicksal ihm zugedacht war, empfing den General mit einem Sturm von Ovationen. Der General wurde sofort als neuer Kommandeur vereidigt.
Es war nicht das erste Mal, dass Bonaparte Reden vor einer zivilen Versammlung hielt. Doch in Italien, in Rastatt oder in Aegypten war er Herr der Lage gewesen; hier hingegen blickte man auf ihn als einen mutigen, aber beschraenkten Soldaten. Dieser Umstand verwirrte den General etwas. Zudem hatte er keineswegs vor, irgendwelche Versprechen zu halten, die er vom Rednerpult des Rates der Alten aus gab. Mut verliehen dem General seine an den Toren der Tuilerien stehenden Waffengefaehrten, bewaffnet mit Saebeln und Pistolen. In jedem Moment, sollte es brenzlig werden, konnte er den Befehl zur gewaltsamen Ergreifung der Macht geben.
Den Erinnerungen von Zeitzeugen zufolge war seine kurze Rede gar nicht so schlecht vorgetragen. Offenbar hatte er sie mehrfach geprobt. Doch anstelle des ueblichen Eides-Textes, den die Parlamentarier von ihm erwarteten, sprach er Folgendes: „Die Republik zerfaellt. Sie wissen das und haben das Gesetz verabschiedet, das sie retten wird... Mit Hilfe aller Freunde der Freiheit und der Gruender werde ich als Verteidiger der Republik diese schuetzen. Die Generaele Berthier, Lefebvre und alle Tapferen unter meinem Kommando teilen meine Gefuehle. Sie haben ein Gesetz zum allgemeinen Wohl verabschiedet; unsere Armee wird es ausfuehren. Wir wollen eine Republik, gegruendet auf Freiheit, Gleichheit und den heiligen Prinzipien der Volksvertretung. Wir werden sie haben; das schwoere ich.“
Diese kurze Rede ist deshalb so reizvoll, weil sie nicht von der Feder eines sekretaers Napoleons ueberarbeitet wurde. Wegen der strengen Geheimhaltung des Unternehmens konnte er sie niemandem anvertrauen – er schrieb sie also selbst, vom ersten bis zum letzten Wort.
Der Saal begruesste die Rede von General Bonaparte mit lang anhaltendem Applaus. Die Abgeordneten dachten, dies sei die Praeambel zum eigentlichen Eid, der einen bestimmten, geprueften und bestaetigten Text hatte. Gross war ihr Erstaunen, als sie begriffen, dass Bonaparte bereits mit seinen eigenen Worten geschworen hatte und keine Fortsetzung folgen wuerde. Stimmen wurden laut, die den offiziellen Eidestext forderten, doch durch das geschickte Handeln der Saalsinspektoren wurden alle Versuche, zum Rednerpult durchzubrechen, unterbunden. Ein weiterer Redner, natuerlich aus den Reihen der Patrioten, verkuendete, man muesse sich mit dem Umzug nach Saint-Cloud beeilen und die unnoetigen Debatten beenden.
Mittags oeffnete sich die Sitzung des Rates der 500. Der Praesident des Rates, Lucien Bonaparte, informierte die Abgeordneten unmittelbar nach der Er;ffnung ueber die Ereignisse dieses Morgens im Rat der Alten und schlug vor, ihm nach Saint-Cloud zu folgen. Ohne grosse Muehe wurde zu dieser Frage eine positive Abstimmung erzielt.
Damit endete der erste Teil des ersten Tages der Revolution. Nach dem Plan der Verschwoerer war es an diesem Tag noch notwendig, die Ruecktrittserklaerungen der Direktoren zu erhalten. Sieyes und Roger-Ducos hatten dies bereits getan.
Gohier handelte klug, indem er nicht zum Fruehstueck bei Josephine erschien, sondern seine Frau dorthin schickte. Madame Gohier plauderte etwa zehn Minuten lang mit Josephine ueber allerlei Kleinigkeiten und verabschiedete sich dann hastig. Josephine uebergab ihr eine Notiz an den Buerger Direktor mit der Bitte, ihr Haus dennoch zu besuchen. Madame Gohier uebergab die Notiz ihrem Mann, nicht ohne jedoch zu bemerken, dass das Haus der Bonapartes voller bewaffneter Offiziere sei. Gohier war zu dieser Stunde bereits von Fouche ueber die Verlegung der Ratssitzungen nach Saint-Cloud informiert, also gewarnt. Dieses unzertrennliche Gespann Talleyrand-Fouche bereitete sich fuer alle Faelle Rueckzugswege vor. Gohier schickte sofort Boten zu allen Direktoren mit der Bitte um eine sofortige Dringlichkeitssitzung der Regierung. Den Boten traf Sieyes nicht zu Hause an. Er war bereits nach den Tuilerien aufgebrochen. Roger-Ducos gab dringende Geschaefte vor und begab sich ebenfalls dorthin. Barras, der jeden Moment die Ankunft von Talleyrand mit dem Geld erwartete, antwortete Gohier, dass er nicht kommen koenne, da er ein Bad nehme. Nur Moulin antwortete.
Unterdessen war Barras ueber das Ausbleiben Talleyrands nicht wenig beunruhigt. Er schickte seinen Sekretaer Botot nach den Tuilerien, da er sicher wusste, dass seine Schuldner – Bonaparte oder Talleyrand oder beide – dort sein mussten. Den Sekretaer fand Talleyrand nicht (er war nicht so dumm, sich offen mit den Verschwoerern zu zeigen), und zu Bonaparte drang er nur mit Muehe vor; doch da er sah, dass die Angelegenheit eine ernste Wendung genommen hatte, fand er nichts Besseres zu tun, als den General zu versichern, dass er ganz auf der Seite der „Freunde der Freiheit“ stehe. In Abwesenheit des Sekretaers kam ein Bote von Gohier (dieser hatte noch nicht begriffen, dass alles vorbei war); ihm musste man das Erstbeste vorluegen, was einem in den Sinn kam. Es blieb nichts anderes uebrig als zu warten. Schliesslich meldete ein ziemlich ver;ngstigter Kammerdiener die Ankunft Talleyrands.
Der Gast trat mit einem dreisten Grinsen ein, waehrend in diesem Moment, wie auf Bestellung, das leise Geraeusch einer Trommel in den Raum drang, gedaempft durch die Doppel-Fensterrahmen. Aus seiner Aktentasche legte Talleyrand einige Blaetter auf einen Marmortisch am Fenster, darunter das Ruecktrittsgesuch und einen Scheck einer Hamburger Bank. Dann zog er die schweren Vorhaenge beiseite und oeffnete weit die Fluegel, indem er Barras einlud, einen Blick auf den Platz zu werfen. Unten marschierten Gardisten, und eine spaerliche Menge rief traeg zum Trommelschlag: „Nieder mit dem Direktorium!“. Angesichts dieses Schreckens war Barras stark verwirrt und unterzeichnete das Ruecktrittsgesuch, wobei er nur fluechtig auf den Scheck blickte. Der zufriedene Talleyrand versteckte das Gesuch in seiner Tasche, waehrend er von der Dankbarkeit Frankreichs gurrte, und verliess verbeugend den Salon. Barras, nun kein Direktor mehr, sondern eine Privatperson, wollte den Scheck genauer studieren. Er war nicht auf dem Tisch, nicht auf dem Teppich, nirgends. Talleyrand hatte ihn versehentlich zusammen mit dem unterschriebenen Ruecktrittsgesuch eingesteckt.
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n Wahrheit wissen wir nicht und werden wir nie erfahren, was im Salon von Barras am Mittag des 18. Brumaire geschah, da sowohl Talleyrand als auch Barras in ihren Memoiren ueber diesen Vorfall schwiegen. Es ist jedoch zweifelhaft, dass Barras seine Unterschrift unter dem Eindruck des Spektakels auf dem Platz leistete. Er hatte viele Laster, aber Feigheit gehoerte nicht dazu. Er hatte keine Angst, offen gegen Robespierre aufzutreten und dabei buchstaeblich seinen Kopf zu riskieren; er schreckte nicht davor zurueck, General Bonaparte den Befehl zu geben, die Monarchisten mit Kartaetschenschuessen vom Platz Saint-Roch zu fegen; er zitterte nicht, als er die Verhaftung der Direktoren Carnot und Barthelemy befahl. Eine Gardetrommel unter den Fenstern konnte ihn nicht erschrecken, ein solcher Mensch war er nicht.
Wie dem auch sei, die politische Karriere von Barras war beendet. Einige Stunden spaeter reiste er in einer Kutsche auf sein Gut Grosbois ab. Die vom Schicksal gewaehrten letzten Jahre lebte Barras als Privatperson und nahm nicht mehr an politischen Spielen teil. Napoleon glaubte nie an die Aufrichtigkeit von Barras' Selbstausschaltung. In all den Jahren des Konsulats und des Kaiserreichs verdaechtigte er seinen ehemaligen Goenner und hielt ihn unter offener und geheimer Ueberwachung. Trotz der dichten Kontrolle, oder vielleicht gerade wegen ihr, hatte Napoleon nicht den geringsten Beweis fuer eine Beteiligung von Barras an Intrigen. Es scheint, dass er tatsaechlich keine Politik mehr betreiben wollte. Barras war der einzige der Direktoren, dem Napoleon kein einziges Mal ein Staatsamt anbot.
Unterdessen trafen sich Gohier und Moulin im Palais du Luxembourg. Nachdem sie die Lage analysiert hatten, kamen sie recht schnell zu dem Schluss, dass in diesen Stunden in der Hauptstadt ein Umsturz stattfand und sie selbst nur noch die Truemmer der Regierung darstellten. Gohier berichtete, dass er am Morgen zum Fruehstueck bei den Bonapartes eingeladen war, aber nicht hinging. Moulin laechelte bitter und sagte, dass am Morgen General Leclerc bei ihm erschienen sei, den er aus der Armee gut kannte. Leclerc erklaerte klipp und klar, dass die Armee die Macht in ihre Haende nehme, und forderte ihn zum Ruecktritt auf. Gohier berichtete weiter von der Weigerung von Barras, Sieyes und Roger-Ducos, zu den Regierungssitzungen zu erscheinen. Dies zeugte davon, dass drei Direktoren entweder auf der Seite der Putschisten standen oder gekauft waren. Trotz der Verzweiflung der Lage beschlossen Gohier und Moulin, Widerstand zu leisten. Sie schrieben und versandten einen Appell an das Parlament. Die Abgeordneten sollten wissen, dass die Regierung existiert und bereit ist, gegen die Verschwoerung zu kaempfen.
Der Appell wurde jedoch von den Verschwoerern abgefangen und Bonaparte zugestellt, der sofort das Ausmass der Gefahr erkannte. So wie man feindliche Armeen im Krieg nicht vereinigen lassen darf, so durfte man auch jetzt die zwei Zweige der Macht, die Exekutive und die Legislative, nicht gemeinsam handeln lassen. Man musste den Gegner einzeln schlagen. Gohier und Moulin ohne Aufsicht zu lassen, war ein Fehlgriff, und zwar ein grosser. Bonaparte hatte auf Fouche gehofft, doch der Pariser Polizei fehlte es an militaerischer Entschlossenheit und der Disziplin zur bedingungslosen Befehlsausfuehrung. Umgehend sandte er eine berittene Abteilung von dreihundert Dragonern aus, um die verbliebene Regierung vollstaendig zu blockieren. Wenn es nicht gelang, den Ruecktritt von Gohier und Moulin durch eine Kavallerieattacke zu erzwingen, so musste man das Palais du Luxembourg belagern, um den Direktoren die Moeglichkeit zur Kommunikation mit dem Parlament zu nehmen. Mit dieser hoechst verantwortungsvollen Aufgabe betraute Bonaparte General Moreau und unterstellte ihm General Leclerc, der mit Moulin nicht fertig geworden war.
Eine seltsame Wahl auf den ersten Blick. Das verantwortungsvollste Geschaeft des ersten Tages der Revolution vertraute Bonaparte einem kaum bekannten Mann an, fast einem Rivalen. Dabei standen in Bonapartes Kohorte so entschlossene Offiziere wie Murat, Lannes und Berthier. Doch gerade Moreau war aufgrund der Umstaende am umfassendsten ueber die Ziele und Aufgaben des Umsturzes informiert. Und schliesslich, sollte es hart auf hart kommen, koennte die Autoritaet von Murat, Lannes oder Berthier nicht ausreichen, um die Dragoner dazu zu bewegen, die Waffen gegen die gesetzmaessige Regierung einzusetzen.
Moreau erfuellte den Auftrag. Einen Tag lang konnten die Direktoren das Palais du Luxembourg nicht verlassen. Zwar floh Moulin am naechsten Tag mit Hilfe von Leclerc. Wahrscheinlich ahnte Moreau die Flucht voraus, zog es aber vor, die Vorbereitungen nicht zu bemerken. Moulin zog sich auf sein Gut zurueck und blieb dort ein ganzes Jahr, bis Bonaparte ihn zum Kommandanten der Garnison von Antwerpen ernannte. In der Zeit des Kaiserreichs bekleidete er unbedeutende Posten. Napoleon verlieh ihm den Barontitel.
Gohier blieb noch einige Zeit im Palais du Luxembourg, bis die neue Regierung ihm erlaubte, Paris zu verlassen. Einige Monate lebte er auf dem Gut eines Freundes bei Paris. Spaeter ernannte ihn der Erste Konsul zum Generalkonsul in Amsterdam, und nach dem Anschluss Hollands an Frankreich erfuellte er dieselben Pflichten in den Vereinigten Staaten.
Die Schliessung des Jakobinerklubs in Versailles kroente den ersten Tag von Napoleons Revolution.
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Am fruehen Morgen des 19. Brumaire (10. November) zogen unzaehlige Wagen aus der Hauptstadt in den Vorort Saint-Cloud. Neugierige gab es sehr viele. Das muessige Publikum, zum groessten Teil aus Kreisen der Bourgeoisie, duerstete nach einer grossen Vorstellung. Alle begriffen, dass es diesmal keinen blutigen Aufstand wie den Sturm auf die Bastille geben wuerde, bei dem das menschliche Leben dem Zufall ueberlassen war. Das Publikum zog es vor, den bevorstehenden Kampf zwischen Advokaten und Generaelen als Unterhaltung zu betrachten, aehnlich einem Jahrmarkt mit Narren und Marionetten.
Am Umsturz waren drei Hauptkraefte beteiligt. Das Militaer unter der Fuehrung von Bonaparte, die Parlamentsabgeordneten unter der Kontrolle von Sieyes und die grossindustrielle und finanzielle Grossbourgeoisie, vertreten durch Talleyrand. Talleyrand, der wie zuvor den unbeteiligten Beobachter spielte, hatte mit Wissen von Bonaparte und Sieyes sein Hauptquartier im Haus des Militaerspekulanten Collot aufgeschlagen. Mit ihm waren die Brueder Roederer, die Banker Nautler und Ouvrard sowie einige andere Industrielle und Finanzleute. Diese Menschen wussten ganz genau, was sie vom neuen Regime erwarteten. Nicht allzu viel – steuerliche und finanzielle Privilegien fuer sich persoenlich, Liefervertraege fuer die Armee und Glueck fuer den Rest des Volkes. Vor allem bedurften sie der Stabilitaet der Regierung.
Zudem kontrollierte Talleyrand ueber Fouche die Polizei. Somit befanden sich in Talleyrands Haenden die Finanzen und der Repressionsapparat. Fouche, der in Paris blieb, war bereit, auf Talleyrands Kommando hin die Polizei fuer die siegreichen Retter des Vaterlandes oder gegen die unterlegenen schmutzigen Verschwoerer einzusetzen. Ob Bonaparte sich als Retter oder als Verschwoerer erweisen wuerde, entschied massgeblich der den Gang der Ereignisse aufmerksam beobachtende Talleyrand und sein Stab.
Am Morgen des 19. Brumaire traffen Bonaparte, die ihn begleitenden Offiziere und 400 Dragoner der 17. Division in Saint-Cloud ein. Dort befanden sich bereits 600 Grenadiere der Parlamentsgarde.
Die Sitzungssaele der Raete waren noch nicht bereit. Waehrend die letzten Arbeiten zur Vorbereitung der Saele liefen, berieten die Parlamentarier beider Raete untereinander. Nach der Verfassung des Jahres III durften die Raete nicht miteinander kommunizieren, zumindest auf offizieller Ebene betrachtet. Jetzt jedoch gab es keine technische Moeglichkeit, die Raete zu trennen. Sowohl die Unvorbereitetheit der Saele zum festgesetzten Zeitpunkt als auch die Abhaltung der Ratssitzungen in unmittelbarer Naehe zueinander waren zweifellos Fehlgriffe der Verschwoerer. Diese Fehler bestaetigten den klugen Gedanken, dass es in einer Revolution keine Kleinigkeiten gibt, und stellten den Erfolg des gesamten Unternehmens beinahe in Frage. Waehrend der hitzigen Debatten vor Beginn der Sitzungen versuchten die dem Putsch feindlich gesinnten Parlamentarier beider Raete, vor allem aus den Reihen der Jakobiner, eine einheitliche Position zu erarbeiten. Allmaehlich setzte sich in der linken Fraktion die Meinung durch, dass es in dieser Lage am vernuenftigsten sei, Zeit zu gewinnen. Je mehr Zeit die Abgeordneten gewannen, desto geringer waren die Erfolgschancen der Putschisten. Die allgemeine Marschrichtung lautete: Die Frage muss zerredet werden. Man sollte mindestens einige Tage herausschinden. Gleichzeitig galt es, obwohl dies schwierig war (ueberall standen die Truppen der Putschisten), einen Aufruf an ihre Anhaenger in Paris und den naechsten Provinzen zu senden – an alle, denen die Ideale von Freiheit und Gleichheit teuer waren –, nach Saint-Cloud zu kommen. Wenn diese Linie gelingen wuerde, bestuende eine Chance zur Niederschlagung des Aufstandes.
Endlich wurde die Bereitschaft des Sitzungssaals des Rates der 500 verkuendet. Um ein Uhr mittags, eine Stunde spaeter als geplant, wurde die Versammlung des Rates der 500 mit der Eroeffnungsrede des Praesidenten Lucien Bonaparte eroeffnet. Eine weitere Stunde spaeter begann der Rat der Alten seine Arbeit. Die Sitzung des Rates der 500 fand in der Orangerie statt. Die Abgeordneten sassen auf Baenken in der Mitte des Saals. An den Seiten sassen jeweils etwa hundert Zuschauer. Es wurden nur sehr wenige Einladungskarten ausgegeben, und diese wurden unter den Anhaengern des Umsturzes verteilt. Die Eingeladenen sollten nach dem Szenario von Sieyes und seinen Genossen das empoerte Volk Frankreichs verkoerpern. In der Sitzung uebernahmen sofort die Jakobiner die fuehrende Rolle. Die ersten jakobinischen Redner stellten unter Unterstuetzung des „Sumpfes“ den Antrag, vom Rat der Alten die Erklaerung ueber die Existenz einer Verschwoerung zu fordern. Dann begannen die Abgeordneten der Putschisten zu sprechen. Im Allgemeinen kam der Prozess in Gang.
Bonaparte, Sieyes und Roger-Ducos hatten sich waehrenddessen in einem kleinen Zimmer unweit des Sitzungssaals des Rates der Alten niedergelassen. Sie warteten darauf, jeden Moment zur Vereidigung gerufen zu werden. Die Zeit verging, doch nichts geschah. In das Zimmer kamen und gingen staendig Anhaenger der Verschwoerung. Sie berichteten bis ins kleinste Detail ueber den Fortgang der Sitzungen. Bonaparte war sehr nervoes. Er ging die ganze Zeit auf und ab, waehrend die bereits ehemaligen Direktoren teilnahmslos in tiefen Sesseln am brennenden Kamin sassen. Bonaparte war das Warten und die Ungewissheit so leid, dass er sich entschloss, den schleppenden Prozess anzustossen. Umgeben von Offizieren betrat er den Saal des Rates der Alten.
Die Alten empfingen General Bonaparte mit unwilligem Gemurmel. Ohne auf die Reaktion der Abgeordneten zu achten, stieg der General auf das Rednerpult, das hastig von jemandem geraeumt worden war. Bonaparte blickte finster auf die Volksvertreter, raeusperte sich und begann zu sprechen. Er beschuldigte recht zusammenhanglos das Direktorium und ging wenig logisch zur Notwendigkeit von Veraenderungen ueber. „Darueber wussten alle Bescheid, und jeder war bereit, aus dem Sturz der bestehenden Regierung Gewinn zu ziehen. Alle kamen zu mir, und jeder wollte mich auf seine Seite ziehen. Ich glaube jedoch, mich kann nur der Rat der Alten verpflichten – die wichtigste gesetzgebende Versammlung der Republik. Ich wiederhole: Der Rat darf mit der Verabschiedung von Massnahmen nicht zoegern, wenn er jene Bewegung aufhalten will, die im naechsten Moment die Freiheit vernichten koennte.
Buerger, Volksvertreter, denkt darueber nach! Ich habe euch die Wahrheit gesagt, die jeder fluesstert, aber die jemand den Mut haben muss, laut auszusprechen. Das Mittel zur Rettung der Republik liegt in euren Haenden. Wenn ihr damit zoegert, wenn die Freiheit faellt, dann werdet ihr vor der Welt und Frankreich, vor euren Familien und euren Nachkommen zur Rechenschaft gezogen werden.“
Worte, nichts als Worte. Eine Rede, wenn sie nicht von jemandem geschrieben und sorgfaeltig geprobt war, gehoerte nicht zu den Staerken des Generals. Und jedenfalls klangen in diesem Saal, in dem sich die besten Redner Frankreichs versammelt hatten, Bonapartes wenige zusammenhanglose Saetze hilflos. In den folgenden Wortbeitraegen versuchten die Anhaenger der Verschwoerung, Bonapartes Auftritt mehr Sinn zu verleihen; sie versuchten, die Form der Rede zu verbessern, indem sie einzelne Punkte in gutem Stil darlegten. Dies gelang ebenso wenig wie die Rede Bonapartes selbst. Der Saal spottete einfach ueber sie. Bonaparte ergriff noch einmal das Wort. Doch je laenger er sprach, desto unverstaendlicher und nebliger wurden seine Worte. Der Abgeordnete Bourrienne musste Bonaparte stoppen: „Genug, General. Verlassen Sie das Rednerpult. Sie wissen nicht, was Sie sagen.“ Bonaparte verliess den Rat der Alten voller Schande.
Draussen bat er, nachdem er wieder etwas zu sich gekommen war, Bourrienne, eine Nachricht an Josephine zu senden, dass alles gut laufe. Bonaparte pflegte unmittelbar nach einer Schlacht seiner Frau ueber die Grandiositaet des Sieges zu schreiben, ungeachtet der wahren Sachlage. Unter Stress funktionierte offenbar diese Gewohnheit. Im Rat der Alten hatte Bonaparte den heutigen Kelch der Schande noch nicht bis zur Neige geleert. Das Schicksal trieb ihn in den Rat der 500. Hatte man sich erst einmal in die Schlacht eingelassen, musste man sie zu Ende fuehren, selbst wenn sich die Umstaende zu Beginn ungluecklich gestalteten.
Der ehemalige Abgeordnete des Rates der 500, Combe-Dounous, veroeffentlichte 1814 eine Broschuere, in der er die Ereignisse jenes Tages beschrieb. „Bonaparte betrat den Saal des Rates der 500 mit dem Hut in der einen Hand und einer Reitpeitsche in der anderen. Er wurde von nur vier mit Saebeln bewaffneten Gardisten der gesetzgebenden Versammlung begleitet.
Die Entfernung zwischen dem Eingang zur Orangerie und dem Rednerpult betrug nur ein Drittel der Saallaenge. Ich befand mich in der zweiten Reihe zwischen dem Pult und dem Eingang, also unweit des Ortes, an dem sich in diesem Moment die Ereignisse abspielten. Eine Menge Neugieriger, die dicht gedraengt an den Waenden der Orangerie standen oder sich in den Fensternischen stauten, liessen zwischen sich und den Abgeordneten so wenig Platz, dass man sich nur mit Muehe zum Rednerpult durchdraengen konnte.
Infolgedessen konnte auch Bonaparte nur langsam vorwaerts kommen. Er wurde von den Jakobinern aufgehalten, die sich nahe dem Rednerpult befanden. Kaum sahen sie ihn, versuchten sie ihn zu Boden zu werfen, waehrend sie wuetend Beschimpfungen und Rufe ausstiessen wie: Nieder mit dem Tyrannen! Nieder mit dem Diktator! Nieder mit Cromwell! Unter jenen, die sich besonders hervortaten, erkannte ich deutlich Arena, Grandmaison, Bertrand und den herkulischen Dastrem. Als Bonaparte diesen stuermischen Angriff sah, trat er hinter den Ruecken der ihm folgenden Gardisten zurueck. Diese vier, ausgewaehlt unter den groessten und staerksten Gardisten, umringten ihn und bildeten eine Art Mauer um ihn herum. Ohne den Angreifern den Ruecken zuzukehren, wichen sie Schritt fuer Schritt langsam zur Tuer zurueck, waehrend die Jakobiner sie wie Stiere in einer dichten Menge verfolgten. Sie unternahmen grosse Anstrengungen, um ihn zu erreichen, und schrien weiterhin allerlei Beschimpfungen. Jedoch wurden die Jakobiner durch die Zuschauer behindert, die in Panik vor der schrecklichen Szene zum Ausgang draengten und dadurch das Gedraenge massiv verstaerkten.
Moeglicherweise waere es den Jakobinern ohne diesen Umstand gelungen, Bonaparte aus den Haenden der Soldaten zu reissen, die ihm als Schutz dienten, und dann haette der 19. Brumaire fuer ihn dasselbe bedeutet wie der 15. Maerz fuer Caesar. Ohne Zweifel hatten die Anstifter Waffen bei sich. Ich weiss es nicht genau, aber im Protokoll des Rates der 500 wurde vermerkt, dass man bei den Angreifern Pistolen und Dolche gesehen habe. Vielleicht entspricht dies der Wahrheit... Mehr als jeder andere habe ich alle schrecklichen Details gesehen, aber ich habe in den Haenden der Jakobiner weder Pistolen noch Dolche gesehen. Der Einzige, dem die wuetenden Beschimpfungen nicht genuegten und der massiv seine Faeuste gebrauchte, war Dastrem. Er ueberragte die Umstehenden an Groesse und konnte daher seine Arme frei bewegen. Dastrems heftige Schlaege traffen die Ruecken der Gardisten und konnten Bonaparte nicht erreichen.“
Niemals zuvor hatte sich Bonaparte in einer so unangenehmen Lage befunden. Lieber haette er noch einmal Rivoli, Mantua oder Arcole erlebt, als der Schlaf auf ein paar Stunden pro Tag begrenzt war und er unter schrecklicher physischer und geistiger Anspannung stand, als dieses wuerdelose Gerangel zu ertragen. Gluecklicherweise standen Offiziere an der Tuer, die ihn aus den Faengen der wuetenden Volksvertreter befreiten. Murat, Ganteaume und Lefebvre eilten ihm entgegen. Zusammen mit den Soldaten gelang es ihnen, Bonaparte aus dem Saal zu ziehen.
Einige Sekunden lang war Bonaparte nicht in der Lage, auch nur ein Wort hervorzubringen. Doch nachdem er sich wieder gefangen hatte, handelte er weiter. In Begleitung der Offiziere, die den General an jenem Tag nicht mehr verliessen, kehrte Bonaparte zu den im selben Zimmer wartenden Sieyes und Roger-Ducos zurueck.
Was war zu tun? Sieyes, unterstuetzt von Murat, Leclerc und anderen Offizieren, bestand auf der sofortigen Anwendung von Gewalt. Schliesslich sei der Degen dazu da, den Feind im richtigen Moment niederzustrecken.
Doch Bonaparte, der der allgemeinen, fast panischen Stimmung nicht nachgab, eilte nicht, den Degen zu ziehen – und das nicht, weil er eingeschuechtert war. Man muss Bonaparte zugutehalten, dass er dem panischen Impuls widerstand und den Soldaten keinen Befehl gab. Er zweifelte schlicht an der Zuverlaessigkeit der Parlamentsgarde. Wenn die Soldaten der Parlamentsgarde den Befehl nicht ausfuehren oder, was noch schlimmer waere, die Bajonette gegen den Befehlsgeber richten wuerden, bedeutete dies, wenn nicht das Scheitern des Um-sturzes, so doch zumindest grosse Komplikationen. In kritischen Momenten, wenn die Macht schwankt, ist Fortuna zu jeglichen Kapriolen faehig. Eine Kleinigkeit, eine Nichtigkeit, die zu einer anderen Zeit niemand beachtet haette, kann die Entscheidung bringen. Da Bonaparte dies begriff, wollte er nicht riskieren. Er zog es vor, auf das Eintreffen weiterer Einheiten der 17. Division zu warten, nach denen man bereits geschickt hatte. Kurz gesagt: Bonaparte lehnte den sofortigen Einsatz des Degens entschieden ab.
Der zweite Vorschlag lief darauf hinaus, die Zustimmung des Rates der Alten fuer die Anwendung von Gewalt gegen den Rat der 500 zu erhalten. Genau genommen konnte der Rat der Alten nach der Verfassung keine solchen Anordnungen treffen; doch wenn man die Sache so darstellte, dass im Rat der 500 soeben ein Mordversuch auf den General stattgefunden habe, koennte der Plan aufgehen. Nach einer Beratung beschlossen Bonaparte und Sieyes, diese Massnahme zunaechst zu versuchen. Der Abgeordnete Fargues wurde zum Rat der Alten geschickt. Seine Aufgabe war es, in schillerndsten Farben den Angriff der bis an die Zaehne bewaffneten Jakobiner auf Bonaparte zu schildern.
Fargues machte sich daran, die Alten zu bearbeiten, waehrend Bonaparte auf den Hof eilte, um sich den Soldaten zu zeigen. In extremer Aufregung zerkratzte er sich versehentlich die Wange bis aufs Blut. Die Blutstropfen im Gesicht und die Beschimpfungen der Offiziere gegen die „Advokaten“, die den General beinahe erdrosselt haetten, sollten den Kampfgeist der Soldaten anstacheln. Bonaparte ritt mehrmals an den aufgestellten Abteilungen entlang und pruefte die Moral der Truppe. Die Dragoner der 17. Division reagierten gut. Sie waren kampflustig gestimmt. Doch die Grenadiere der Parlamentsgarde liessen sich nicht mitreissen. Auf die Appelle der Offiziere reagierten sie mit finsterem Schweigen. Etwas fehlte ihnen noch – aber was? Bonaparte fuerchtete, das Schicksal durch einen unvorsichtigen Befehl zu verscheuchen.
In der Orangerie herrschte unterdessen schwerer Sturm. Lucien Bonaparte hielt auf der Kapitaensbruecke das Parlamentsboot nur mit Muehe ueber Wasser.
Mit 24 Jahren war Lucien Bonaparte ein erfahrener Politiker. Tapfer und unternehmungslustig. Innerlich kaltbluetig und berechnend, nach aussen hin jedoch leidenschaftlich bis zur Theaterhaftigkeit, wenn es galt, die Zuhoerer von etwas zu ueberzeugen – ganz im Gegensatz zu seinem aelteren Bruder war Lucien beredt. Er konnte und liebte es, vor dem Publikum aufzutreten. Seit seinem fuenfzehnten Lebensjahr beschaeftigte sich Lucien mit Politik und hatte bereits an zahlreichen Ver-schwoerungen und Intrigen teilgenommen. Im politischen Gefuege wurde er traditionell dem Team von Sieyes zugerechnet. Nach Luciens eigenen Worten war seine Zugehoerigkeit zum Umkreis des maechtigen Direktors, dank dessen Beharrlichkeit er den Posten des Praesidenten des Rates der 500 erhalten hatte, nicht durch opportunistische Erwaegungen verursacht, wie Neider behaupteten, sondern durch Ueberzeugungen. Die Neider sahen eine Bestaetigung ihrer Einschaetzung Luciens, als er zur Zeit des Kaiserreichs die republikanischen Ideale aufgab und Ehren sowie irdische Gueter nicht scheute. Einfach gesagt: Er nahm viel und reichlich. Seine finanzielle Lage waehrend der Herrschaft seines aelteren Bruders war so gut und stabil, dass er es sich leisten konnte, wie ein Monarch zu leben.
Lucien sah genau, wie die Jakobiner seinen aelteren Bruder angriffen, und verlor dennoch nicht die Kaltbluetigkeit, indem er den Saal weiterhin geschickt manipulierte. Oft trat er selbst auf das Rednerpult. Er ueberzeugte, ueberredete, appellierte. Bonapartes Partei im Rat der 500 schien nach dem Demarche der Linken, nachdem sie sich etwas erholt hatte, wieder Hoffnung auf Erfolg zu gewinnen. Doch obwohl es Lucien und den bonapartistischen Rednern gelang, die Spannung teilweise zu loesen und einige Abgeordnete zu ueberzeugen, war die Mehrheit im Saal dennoch kategorisch gegen den General eingestellt. Einige Jakobiner gingen, in Erinnerung an die glorreichen Tage der Herrschaft der Guillotine, als ein Politiker direkt von der Sitzung auf das Schafott wandern konnte, so weit, die Geaechtung von General Napoleon Bonaparte zu fordern (ihn „ausserhalb des Gesetzes“ zu erklaeren). An dieser Stelle verkuendete Lucien theatralisch, dass er sein Amt als Praesident des Rates niederlege, da es keinerlei Moeglichkeit mehr gebe, die tobende Versammlung zu leiten. Doch auch diese Massnahme ernuechterte das aggressive „Sumpf“-Lager nicht. Die Linken wurden immer hartnaeckiger in ihren Forderungen, General Bonaparte hier und jetzt fuer vogelfrei zu erklaeren, wobei sie die Taktik der Verschleppung, auf die sich der linke Fluegel des Rates vor Beginn der Sitzung geeinigt hatte, voellig vergassen. Da Lucien sah, wohin sich die Waagschale neigte, fluessterte er Fregeville zu, er solle nach draussen zu Bonaparte eilen und ihm ausrichten, dass es hoechste Zeit sei, die Versammlung auseinanderzutreiben – mehr sei hier nicht zu erreichen.
Bonaparte wartete weiterhin im Hof. Doch sein Warten war jetzt ganz anders als am Morgen, als er auf das Unbekannte wartete. Jetzt war es das Warten eines Generals vor Beginn einer Schlacht. Bonaparte wartet auf Nachrichten von Fargues aus dem Sitzungssaal des Rates der Alten, er wartet auf eine Nachricht von Lucien, aber das Wichtigste ist: Er wartet auf das Eintreffen der Verstaerkung. Historiker streiten bis heute darueber, welche Nachricht Bonaparte zuerst erhielt: die Nachricht von Fargues, dass der Rat der Alten es nicht gewagt hatte, den von den Verschwoerern gewuenschten Beschluss gegen seine Kollegen zu fassen, oder die Nachricht von Lucien, uebermittelt durch General Fregeville. Wie dem auch sei, Bonaparte wurde klar, dass die Zeit fuer entschlossenes Handeln gekommen war. Das Einzige, was ihn noch zurueckhielt, war die Unzuverlaessigkeit der Parlamentsgarde. Bevor er zur Tat schritt, beschloss Bonaparte, die Moral der Grenadiere zu testen. Ueber Murat befahl er dem Kommandeur der Gardisten, Lucien aus dem Sitzungssaal des Rates der 500 herauszuholen. Abgesehen von der Pruefung der Standhaftigkeit der Garde sollte diese Aktion nach aussen hin, in den Augen der Soldaten, wie die Rettung des Bruders und Praesidenten des Rates der 500 aus den Haenden tueckischer Moerder aussehen.
Die Gardisten betraten die stickige, verbrauchte Atmosphaere des Sitzungssaals, in dem sich bereits seit vielen Stunden einige hundert Menschen befanden und wo es den Leuten schon an Sauerstoff mangelte; sie holten Lucien dort eher gewaltsam als freiwillig heraus, der sich straeubte und nicht begriff, was mit ihm geschah.
Das Erscheinen Luciens aus dem Saal, umringt von Gardisten, wurde von den Soldaten mit grosser Begeisterung aufgenommen. Ein gutes Zeichen fuer Bonaparte. Die Operation zur Rettung des Marktschreiers — des Praesidenten des Rates — war erfolgreich abgeschlossen. Dragoner und Grenadiere hatten den Fortgang der Rettungsaktion mit Spannung verfolgt, und deren erfolgreiches Ende vereinte die bis dahin einander eher feindselig gesinnten Truppenteile.
Bonaparte begriff, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiss war. Nach einer kurzen Beratung der Brueder, waehrend derer der Juengere wieder etwas zu sich kam und die Lage erfasste, stieg Lucien aufs Pferd und hielt vor den Soldaten eine begeisterte Rede: „Der Praesident des Rates der 500 spricht zu euch“, begann er seine Rede, „die Mehrheit des Rates steht unter dem Terror einiger mit Dolchen bewaffneter Abgeordneter, die ihre Kollegen vom Rednerpult aus mit dem Tod bedrohen und sie zwingen, schreckliche Beschluesse zu fassen. Ich erklaere, dass diese kuehnen Nichtsnutze, zweifellos von England bezahlt, gegen den Rat der Alten auftreten und es sogar wagten, den General, der eben jene Beschluesse ausfuehrt, fuer vogelfrei zu erklaeren... Generale, Soldaten, Buerger: Als Gesetzgeber werden nur jene Abgeordneten anerkannt, die sich um mich geschart haben; jene in der Orangerie jedoch muessen gewaltsam von dort entfernt werden.“
Das war es, was den Gardisten gefehlt hatte! Einfache Worte eines hohen Vorgesetzten. Welche Zweifel konnten noch bestehen, wenn der Praesident des Rates selbst sie aufrief, die Verschwoerung der Jakobiner niederzuschlagen. Und als Lucien mit einer theatralischen Geste auf das blutige Gesicht seines aelteren Bruders deutete, den Degen zog, ihn an Napoleons Brust setzte und mit donnernder Stimme schwor, dass er den General eher durchbohren wuerde, als ihm zu erlauben, der Freiheit des franzoesischen Volkes auch nur die geringste Wunde zuzufuegen — da verwandelten sich die letzten zweifelnden Grenadiere in treue Anhaenger der Brueder Bonaparte.
Die Gardisten selbst schrien Rufe nach der Aufloesung des Rates der 500 aus.
Waehrend dieser Vorstellung trafen sehr passend die Kompanien der 79. Halbbrigade der Dragoner ein, bereit, im Falle eines Z;gerns der Grenadiere einzugreifen. Bonaparte jedoch wollte, um kuenftige Anschuldigungen wegen des Einsatzes von Armeeeinheiten zu vermeiden, dass die Aufloesung des Parlaments durch die Parlamentsgarde selbst erfolgte; dabei war den Dragonern, die nun gegenueber den Grenadieren in einer etwa anderthalbfachen Uebermacht standen, die Rolle einer Sperrabteilung zugedacht. Es ist anzunehmen, dass die Gardisten ihre Lage und die Rolle der Heeresverb;nde in dieser Angelegenheit instinktiv begriffen.
Nun war die Stunde des Hauptschlages gekommen. Napoleon besass die unzweifelhafte Gabe, Ort und Zeitpunkt des Hauptschlages richtig zu waehlen. Ohne eine weitere Minute zu verzoegern, befahl Bonaparte Murat, das Kommando ueber die Garde zu uebernehmen, und ordnete den Sturm auf die Galerie an. Nachdem Murat die Gardisten eilig in einer Marschkolonne formiert hatte, begab er sich mit ihnen rasch zur Orangerie. Man musste mit aller moeglichen Hast handeln, da Fortuna es sich anders ueberlegen koennte; zudem brach die Daemmerung herein. Als er die Orangerie erreichte, wandte sich Murat an die Gardisten: „Werft mir diese ganze Bande hinaus!“
6
Ploetzlich rissen die Saaltueren des Rates der 500 weit auf. Aus dem wirbelnden blauen Zwielicht traten hochgewachsene Grenadiere in die Orangerie ein, so wie Teufel zu einem sterbenden Suender kommen, um seine Seele in die Hoelle zu holen. Die Abgeordneten und Besucher durchlief ein unangenehmer Schauer der Vorahnung von etwas Unausweichlichem und Schrecklichem. Murat trat ein, weitere Offiziere folgten. Die Grenadiere formierten sich zu Reihen und rueckten in breiter Front vor, wobei sie die Menge aus der Orangerie draengten. Panik erfasste den Saal. Zuschauer, die an den Waenden und in den Fensternischen gesessen hatten, sprangen aus den Fenstern – gluecklicherweise war es bis zum Boden nicht mehr als ein Meter. Andere Zuschauer und viele Abgeordnete suchten ihr Heil am gegenueberliegenden Ausgang. Manche Volksvertreter sprangen auf die Baenke oder versuchten, zum vom dichten Strom der Fliehenden blockierten Rednerpult durchzubrechen, in der Hoffnung, den gemessenen Schritt der Soldaten mit Worten aufzuhalten. „Es lebe die Republik!“, verkuendeten die einen. „Es lebe die Verfassung des Jahres III!“, schrien die anderen, bis die Grenadierwelle ihre Rufe verschlang. Der Abgeordnete Prudhon bestieg im Sturm das Rednerpult und rief: „Soldaten der Parlamentsgarde, achtet das Parlament, das ihr schuetzen sollt!“. Er wurde von General Jourdan abgeloest: „Gardisten, ihr schaendet eure Ehre!“.
Einfache, fuer die Volksmassen verstaendliche Worte konnten die Volksvertreter nicht finden, doch selbst wenn sie erklungen waeren, haette dies die Lage angesichts der Fuelle von Rednern, die die Aufmerksamkeit der Soldaten zerstreuten, nicht gerettet.
„Glied halten! Glied halten!“, schrie Murat. „Glied halten! Glied halten!“, echoten ihm die Kommandeure nach. Doch die Formation brach auf, da an den Kontaktstellen der Soldatenwelle mit den Rednern kleine menschliche Strudel entstanden, die dazu fuehrten, dass die Redner im Ruecken der Soldaten landeten und einzelne Gardisten in die Menge der Abgeordneten gerieten. Ein Offizier bahnte sich den Weg zum Rednerpult. Den Laerm, das Geschrei und den Trommelwirbel uebertoenend, schrie er: „Buerger Abgeordnete, Sie sind aufgeloest! Auf Befehl von General Bonaparte haben alle unverzueglich den Saal zu verlassen!“
Bonaparte, in dessen Namen die Gardisten die Parlamentsabgeordneten vertrieben, konnte nicht sehen, was in der Orangerie geschah, aber er beschloss, die Grenadiere abzusichern. Sobald die Gardekolonne zum Angriff ueberging, befahl er General Leclerc, aus den Dragonern eine zweite Kolonne zu bilden und unverzueglich in die Orangerie zu folgen. Inmitten des menschlichen Brodelns im Saal, als noch lange nicht alle Abgeordneten die Sache der Republik fuer verloren hielten, als viele bereit waren, buchstaeblich mit den Gardisten zu kaempfen, und andere bereits kaempften, erschien die kriegerisch gesinnte Abteilung von Leclerc. Sie rueckten mit aufgepflanzten Bajonetten gegen die Menge vor. Der Gegner, die vom Volk gewaehlten Gesetzgeber, floh in Panik durch die Fenster. Tische, Baenke, Stuehle – alles, was auf dem Weg zu den rettenden Fenstern stand, wurde umgeworfen, zertrampelt, zerbrochen. Nur wenige Mutige blieben, ohne der allgemeinen Angst nachzugeben, auf ihren Plaetzen sitzen. Das Urteil ueber sie war einfach und kurz. Jeweils vier Soldaten packten einen solchen Unbeugsamen an Armen und Beinen und warfen ihn nach kurzem Schaukeln schlicht aus dem Fenster. Tollpatschig wie ueberfuetterte Huehner flatterten die Abgeordneten aus den hell erleuchteten Fenstern der Orangerie in die dichter werdende Dunkelheit – zur Freude der Soldaten und des einfachen Volkes, das endlich ein wuerdiges Schauspiel erhalten hatte. Jeder neue Mensch wurde von der Menge mit spoettischen Kommentaren und homerischem Gel;chter empfangen. Niemand in der Volksmenge ahnte in diesem Augenblick, dass sie sich in dieser Minute vom allmaechtigen und stets im Recht befindlichen Volk in Kanonenfutter fuer einen ehrgeizigen General verwandelt hatten.
Draussen angekommen, warfen die Abgeordneten auf der Flucht hastig ihre Theaterkostueme ab. Die Dunkelheit und der herabsinkende Nebel verbargen barmherzig ihre Schande. Die Flucht der Gesetzgeber wurde durch rote Togen, Baretts und andere Kleidungsstuecke markiert, die auf dem Rueckzugsweg herumlagen und auf die Zugehoerigkeit zum Abgeordnetenkorps hinwiesen. Einige flohen in den nahen Wald oder nach Saint-Cloud, doch die grosse Masse wandte sich nach Paris.
Um halb sechs, als die ersten Sterne auf dem schwarzen Samt der Nacht erschienen, hoerte der Rat der 500 auf zu existieren, doch das heutige Stueck war noch nicht zu Ende gespielt. Es blieb ein langes Finale mit dem Rat der Alten und Lucien Bonaparte in den Hauptrollen.
Apropos die Rolle von Lucien Bonaparte in diesem grandiosen Spektakel: Obwohl man Luciens Beitrag zur gemeinsamen Sache, seine Geistesgegenwart und Beharrlichkeit wuerdigen muss, sollte dennoch Napoleon als der Held des Tages anerkannt werden. Lucien wollte dies nicht wahrhaben, wofuer er spaeter bezahlen musste. Doch wir sind etwas vom Sujet abgewichen. Der Konflikt der Brueder ist ein Thema der nahen und fernen Zukunft.
Nachdem er vom erfolgreichen Abschluss der Operation zur Aufloesung des Rates der 500 erfahren hatte, eilte Lucien zum Rat der Alten, dem die Misshandlung der Kollegen bereits bekannt war. Der Rat der Alten erwartete mit Furcht sein Schicksal. Das Schicksal erschien in Person von Lucien. Als die verstummten Abgeordneten, die aufmerksam die Tueren beobachteten und das Erscheinen der Soldaten erwarteten, Lucien sahen und nicht die Gardisten, ging ein unwillkuerliches Aufatmen durch den Saal. Die Abgeordneten des Rates der Alten waren in ihrer Mehrheit bereits im Voraus bereit, fuer alles Moegliche zu stimmen, nur damit der Schrecken des heutigen Tages schnell endete und sie lebend nach Hause zurueckkehren konnten.
Lucien betrat das Rednerpult. Er erklaerte, dass die Aufloesung des Rates der 500 durch seine eigene Schuld geschehen sei. Die Abgeordneten stimmten sofort zu – durch wessen Schuld denn sonst? Lucien sagte, der Rat habe gefordert, seinen Bruder fuer vogelfrei zu erklaeren. Die Abgeordneten empoerten sich ueber eine solche Frechheit. Lucien sagte, die Jakobiner haetten den General mit Dolchen bedroht. Die Abgeordneten erschraken und aeusserten die allgemeine Meinung, dass von diesen Nichtsnutzen alles Moegliche zu erwarten sei. Dann ging man zum sachlichen Teil ueber. Dieser Teil verlief militaerisch schnell und produktiv. Ein bonapartistischer Abgeordneter trat ans Pult und schlug vor, die Aufloesung des Rates der 500 zu legalisieren. Der Beschluss wurde gefasst. Der naechste Redner brachte den Vorschlag ein, eine neue Re-gierung zu bestaetigen, bestehend aus drei vorlaeufigen Konsuln – Bonaparte, Sieyes und Roger-Ducos. Auch dieser Vorschlag erhielt die erforderliche Anzahl an Stimmen. Der Praesident verkuendete die weitere Tagesordnung (genauer gesagt: Nachtordnung). Die Abgeordneten seufzten auf – es schien, als sei der Kelch an ihnen voruebergegangen. Auf den Gesichtern der Parlamentarier erschien ein Laecheln – also war doch nicht alles so schlimm. Vielen taten ihre unvernuenftigen Kollegen leid. Aber was sollte man machen, man muss irgendwie weiterleben. Gegen den Strom kann man nicht schwimmen.
Die Abgeordneten des nunmehr Einkammerparlaments tagten weiter bis zum 1. Nivose. Auf der Grundlage des Rates der Alten wurde spaeter eine „gesetzgebende Vermittlungskommission“ geschaffen.
Als sich alles etwas beruhigt und gelegt hatte, als die Soldaten, die ihre Schuldigkeit getan hatten, in die Kasernen geschickt worden waren, kehrten der an der frischen Luft ziemlich durchgefrorene Bonaparte und seine engsten Adepten unter das Dach des Schlosses Saint-Cloud zurueck. Sie wurden freudig von den gluecklichen Sieyes und Roger-Ducos begruesst. Jemand schlug vor, irgendwo etwas zu essen. Seit dem Mittag hatten sich die Ereignisse so reissend entwickelt und alle in solcher Spannung gehalten, dass jeder das Essen vergessen hatte. Die gluecklichen Ver-schwoerer verspuerten ploetzlich einen baerigen Hunger. Die kuenftigen Herrscher Europas fanden einen bescheidenen Tisch unweit des Schlosses Saint-Cloud.
In dieser Zeit feierte Talleyrand im reichen Haus des Spekulanten Collot im Kreise zahlreicher Freunde und Schmarotzer seinen Sieg.
Polizeiminister Fouche war unterdessen ebenfalls bis ueber beide Ohren beschaeftigt. Bereits am Abend des 19. Brumaire liessen Polizisten an oeffentlichen Orten Proklamationen anschlagen: „In Saint-Cloud haben sich die Raete versammelt, um die Interessen der Republik und der Freiheit zu beraten. Als General Bonaparte im Rat der 500 erschien, um auf konter-revolu-tionaere Umtriebe hinzuweisen, wurde er beinahe das Opfer eines Moerders. Doch der gute Genius der Republik rettete den General. Die Ge-setzgebende Versammlung hat alle Massnahmen ergriffen, um die Siege und den Ruhm der Republik zu schuetzen.“ So war das. Verstehe es, wer will.
Die Sitzung des Rates der Alten dauerte die halbe Nacht vom 19. auf den 20. Brumaire an. Sogar die Truemmer des Rates der 500 aus bonapartistischen Abgeordneten versammelten sich erneut in der Orangerie. Spaeter nannte das Volk diese Sitzung ironisch den „Rat der Dreissig“. In Wirklichkeit kamen etwa einhundert Abgeordnete zusammen. Die zerbrochenen Baenke und Tische hatten Soldaten entfernt, die ganz gebliebene Moebel stellten sie wieder an ihren Platz. In dem von wenigen Kerzen beleuchteten Saal herrschte Halbdunkel. Viele vom Geschehen des Tages erschoepfte Abgeordnete schliefen bereits. Sie sassen nahe dem Rednerpult im ersten Viertel des Saals. Die Sitzung leitete Lucien Bonaparte. Wahrlich, am zweiten Tag des Umsturzes war Lucien allgegenwaertig. Die Abgeordneten zeigten keine oppositionelle Stimmung mehr und bestaetigten einstimmig alle Beschluesse des Rates der Alten. Mit einer Ausnahme: Die Abgeordneten des Rates der 500 verabschiedeten eine Resolution, dass nicht eine, wie vom Rat der Alten beschlossen, sondern zwei Gesetzgebungskommissionen auf der Grundlage beider Raete geschaffen werden sollten.
Die Raete bemuehten sich, diese endlose Sitzung so schnell wie moeglich zu beenden. Schon nach Mitternacht waren alle Fragen der Nachtordnung erschoepft. Es blieb eine Formalitaet: Die Konsuln mussten den Eid ablegen. Dabei gab es eine Schwierigkeit. Der Eid haette zum Schutz der Verfassung geleistet werden muessen, doch die Verfassung hatten die Ver-schwoerer durch die Tatsache des Komplotts selbst gestuerzt; folglich hatten die Abgeordneten durch eigenen Beschluss die Geltung der alten Verfassung aufgehoben, und eine neue gab es natuerlich noch nicht. In einer ruhigen Lage waere dieser Umstand schwer zu ueberwinden gewesen und haette endlose Debatten ausgeloest, doch jetzt, da die Abgeordneten bis zum Aeussersten ermuedet waren, fand man schnell einen Ausweg. Man diktierte kurzerhand einen Eid auf die Treue zur „einigen und unteilbaren Republik auf der Grundlage von Freiheit, Gleichheit und Volkssouveraenitaet“.
Um zwei Uhr nachts war alles bereit fuer die Eidesleistung. Trotz der spaeten Stunde versammelte sich im Saal wieder ein elegantes Publikum. Unter den reich gekleideten Damen stach die Schwester der Bonapartes hervor – Pauline Leclerc. Die Zuschauer wollten die seltene Vorstellung bis zum Ende miterleben.
Unter Trommelwirbel betraten die drei neuen Konsuln den Saal. Lucien sprach die Worte des kurzen Eides. Alle drei antworteten fast im Chor: „Ich schwoere“. Die Abgeordneten umarmten einander, und die ganze Versammlung skandierte: „Es lebe die Republik!“. Danach wiederholte sich das Vaudeville exakt im Rat der Alten, mit der Ausnahme, dass der Praesident des Rates der Alten nach dem Eid alle drei Konsuln nacheinander umarmte.
Fuer die Bevoelkerung hatte Bonaparte im Voraus eine Broschuere vorbereitet, die auf den 19. Brumaire, 23 Uhr, datiert war. Sie enthaelt folgende interessante Stellen: „Alle Parteien kamen zu mir und berichteten von ihren Plaenen und Geheimnissen, und alle baten mich um Unterstuetzung, doch ich lehnte es ab, Anhaenger irgendeiner Partei zu sein... Der Rat der Alten rief mich, und ich folgte seinem Ruf... Die Raete versammelten sich in Saint-Cloud. Die republikanischen Truppen, die die Sicherheit gewaehrleisteten, befanden sich draussen, doch drinnen hielten Moerder die Abgeordneten in Furcht. Viele Abgeordnete des Rates der 500 waren mit Dolchen und Schusswaffen bewaffnet, und sie verbreiteten Geruechte, dass sie zu Morden bereit seien. Im Rat der Alten aeusserte ich meine Empoerung und mein Missvergnuegen. Ich bat ihn, seinen hohen Auftrag weiter zu erfuellen... Der Rat war vollstaendig auf meiner Seite. Darin sah ich einen weiteren Beweis fuer seinen standhaften Willen.
Dann erschien ich im Rat der 500. Allein, ohne Waffen und mit unbedecktem Haupt, wie auch im Rat der Alten, wo man mich freundschaftlich empfangen hatte. Doch gegen mich wurden Dolche gerichtet, mit denen die Abgeordneten bewaffnet waren. Zwanzig Moerder stuerzten sich auf mich und versuchten, mir Dolche in die Brust zu stossen. Die Grenadiere der gesetzgebenden Versammlung, die ich an der Tuer gelassen hatte, eilten zu mir und stellten sich zwischen mich und die Abgeordneten. Ein Grenadier wurde durch einen Dolch verwundet, und seine Uniform wurde zerfetzt. Sie fuehrten mich weg.
In diesem Moment wurden gegen mich, als Verteidiger der Gesetzmaessigkeit, Rufe wie ‚vogelfrei‘ laut. Dies war der Schrei ohnmaechtiger Wut der Moerder gegen die Macht, die ihnen definitiv ein Ende bereiten wird.
Sie wandten sich gegen den Praesidenten des Rates. Indem sie ihn mit Worten und Waffen bedrohten, versuchten sie ihn zu zwingen, mich fuer vogelfrei zu erklaeren. Als man mir dies berichtete, gab ich den Befehl, ihn aus den Haenden der Rasenden zu reissen, und sechs Grenadiere der gesetzgebenden Versammlung taten dies. Unmittelbar danach betraten die Grenadiere den Versammlungssaal und raeumten ihn.
Franzosen, ohne Zweifel werdet ihr in meinen Taten den Eifer eines Soldaten der Freiheit und die Ergebenheit eines Buergers der Republik sehen! Nachdem die Stoerer der Ruhe beseitigt wurden, haben liberale Ideen wieder ihren rechtmaessigen Platz in den Raeten eingenommen. Diese Aufwiegler werden von den Menschen stets verachtet und gehasst werden.“
Endlich war alles getan, was getan werden musste. Die Nacht neigte sich dem Ende zu. In Saint-Cloud wurde es allmaehlich einsam und still. Jeder strebte nach Hause, an seinen eigenen Herd. Bonaparte kehrte mit Bourrienne in sein Haus in der Rue de la Victoire zurueck. In der Kutsche sass er nachdenklich, voellig in seine Gedanken vertieft. Waehrend der gesamten Fahrt sprach er kein Wort, machte keine einzige Bemerkung zu den soeben geschehenen Ereignissen.
Im Grossen und Ganzen nahm die franzoesische Bevoelkerung den Machtwechsel voellig ruhig und sogar zustimmend auf. Die Mehrheit der Franzosen empfand Erleichterung darueber, dass die Jakobiner, die Anhaenger von Terror und Anarchie, von der politischen Buehne entfernt worden waren.
Was das Direktorium betraf, so war nach allgemeiner Meinung seine Zeit abgelaufen. So oder so, der Umsturz war ueberfaellig. Zwar fanden es viele etwas seltsam, dass ausgerechnet General Bonaparte zum Hauptverfechter der Ideen von Gleichheit und Freiheit geworden war – ein Mann, in dem die Franzosen ein militaerisches Genie und einen Helden sahen, aber keineswegs einen Politiker. Die Zeit wird es zeigen – so dachten die Franzosen. Jetzt standen der Sieg ueber die aeusseren Feinde und der Abschluss des lang ersehnten Friedens auf der Tagesordnung, und fuer diese Ziele war General Bonaparte wie kein anderer geeignet.
7
Der Morgen des 20. Brumaire brach an.
Der Umsturz – und an Umstuerzen hatte es in Frankreich in den letzten zehn Jahren nicht gemangelt – verlief erstaunlich friedlich. Niemand wurde getoetet, niemand wurde ernsthaft verletzt, abgesehen von dem flachen Kratzer auf der Wange von General Bonaparte und den blaue Flecken der Abgeordneten des Rates der 500. Paris schlief ruhig. Und am Morgen akzeptierte die oeffentliche Meinung den Regierungswechsel als eine Gegebenheit. Die Arbeiter der Vorstaedte schickten sich nicht an, wie es frueher in solchen Faellen ueblich war, die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen; die einflussreichen Leute des alten Regimes riefen nicht zur gewaltsamen Wiederherstellung der gestuerzten Regierung auf. Paris und Frankreich insgesamt drueckten ihre schweigende Zustimmung zu den Ereignissen aus. Ganz ohne Exzesse ging es freilich nicht ab. Einige Beamte in den Verwaltungen der Departements riefen dazu auf, Truppen zu sammeln und gegen den „Tyrannen, der die Macht usurpiert hat“, zu marschieren, doch ueber Aufrufe ging die Sache nicht hinaus. Der gebildete Teil der Nation akzeptierte Bonaparte, den erfolgreichen Krieger, den unbestechlichen General, der faehig war, den verrosteten Staatsmechanismus in Gang zu setzen, mit vorsichtigem Optimismus. Nur die Royalisten und eifrige Katholiken waren uebermaessig erregt. Sie glaubten naiverweise, dass Bonaparte ein zweiter Monk werden wuerde, der Ludwig XVIII. triumphal auf den Thron heben wuerde. Im Grossen und Ganzen irrten sie sich nicht. Im Kleinen gab Napoleon f;nfzehn Jahre spaeter den Thron an Ludwig zurueck. In diesen Jahren liessen drei Millionen Franzosen ihr Leben auf den Feldern Europas fuer den Ruhm Frankreichs.
Das vorlaeufige Konsulat bestand vom 20. Brumaire des Jahres VIII der Republik (11. November 1799) bis zum 3. Nivose desselben Jahres (24. Dezember 1799). Urspruenglich gab es offiziell keine Rangfolge unter den vorlaeufigen Konsuln. Es gab keinen Ersten, Zweiten oder Dritten Konsul. Bonaparte, Sieyes und Roger-Ducos waren nominell gleichgestellt. Dass Bonaparte den Vorsitz der ersten Sitzung des Dreierrates innehatte, erklaert sich dadurch, dass sein Name im Alphabet an erster Stelle stand. Das vorlaeufige Konsulat stellte im Grunde nichts weiter als ein um zwei Personen gekuerztes Direktorium dar, in dem jedes Mitglied abwechselnd die Pflichten des Vorsitzenden erfuellte.
Die erste vordringliche Aufgabe der Konsuln war es, eine handlungsfaehige Regierung zu bilden, das heisst, Minister zu ernennen. Die Konsuln ernannten und bestaetigten die Minister am 20. und 21. Brumaire. Werfen wir einen kurzen Blick auf sie.
Justizminister – Cambaceres. Er war zum Zeitpunkt seiner Ernennung 46 Jahre alt. In seinem Fall ging es lediglich um die Bestaetigung seiner Vollmachten. Das Ministerportefeuille hatte ihm das Direktorium auf Draengen von Sieyes am 20. Juli 1799 anvertraut. Cambaceres, von Beruf Jurist, entsprach der Position wie kein anderer. Als kluger, erfahrener und vorsichtiger Staatsmann verstand er es, die Truemmer des alten Regimes in den gehaerteten Damaszenerstahl der Militaerdiktatur einzuschmieden. Im politischen Gefuege des Direktoriums stand Cambaceres im Schatten des Direktors Sieyes, genau so, wie Talleyrand im Schatten des Direktors Barras gestanden hatte.
Im Jahr 1791 bekleidete er den Posten des Praesidenten des Kriminalgerichts. In die grosse Politik trat Cambaceres 1792 durch seine Wahl in den Konvent fuer das Departement Herault ein. Nachdem er Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und etwas spaeter Praesident des Konvents geworden war, wechselte er von den sinkenden Girondisten zu den siegreichen Montagnards. Die Epoche des Grossen Terrors, als hitzige Koepfe bei blossem Verdacht von den Schultern rollten, ueberstand Cambaceres dank seiner Vorsicht und Weitsicht. Er schloss sich den Feinden Robespierres erst an, als deren Sieg offensichtlich war. Dieser Umstand verhinderte, dass er die Fruechte des Sieges gleichberechtigt mit den Hauptaufstaendischen teilen konnte. Der zweite politische Start war schwierig und langwierig. Fuenf Jahre verbrachte er im Rat der 500 mit der zweitrangigen Arbeit an der Kodifizierung der Zivilgesetze. 1798 versuchte er, den Stuhl des Justizministers zu erobern, jedoch ohne Erfolg. Das Ende seiner zweiten Amtszeit im Rat der 500 nahte bereits, und Cambaceres drohte die politische Vergessenheit, doch die Freundschaft mit Sieyes rettete seine Karriere.
Als Cambaceres im November mit feiner politischer Nase den nahen Umsturz spuerte, versuchte er, Bonaparte und Sieyes nuetzlich zu sein. Die Ver-schwoerer nahmen ihn nicht in ihren Kreis auf, doch General Bonaparte merkte ihn sich vor – als Alternative zu Sieyes.
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Innenminister – Laplace, der bedeutendste Mathematiker und Astronom. Bei der Ernennung von Laplace hofften die Konsuln, dass der grosse Wissenschaftler in einem administrativen Amt ebenso gross sein wuerde. Es stellte sich heraus, dass dies nicht ganz dasselbe ist. Laplace erwies sich als voellig ungeeigneter Mann fuer die Verwaltungsarbeit, und am Ende des vorlaeufigen Konsulats uebergab Laplace mit Erleichterung das Ministerportefeuille an Lucien Bonaparte.
Lucien war zweifellos ein faehiger Mann und ein talentierter Administrator. Doch all seine organisatorischen Talente wurden durch Gier, Hochmut und die Abneigung gegen ernsthafte, ausdauernde Arbeit zunichte gemacht. Lucien, der zum Narzissmus neigte, ueberschaetzte seine Rolle bei den Ereignissen des 18. Brumaire masslos. Er hatte mit dem Platz eines der Konsuln gerechnet – und dann mal sehen, wie die Karten fallen. Da er keinen Grund sah, warum ihm nicht gelingen sollte, was seinem aelteren Bruder gelang, betrachtete er den Posten eines Ministers als klaegliches Almosen, das in keiner Weise seinem Verstand und Talent entsprach – zumal die Natur ihn mit Verstand und Talent weitaus grosszuegiger beschenkt hatte als seinen aelteren Bruder. Der gekraenkte Lucien begab sich fast sofort in Opposition zur Regierung, zuerst in eine passive und im Herbst 1800 in eine aktive. Am 1. November 1800 erschien in Paris eine Broschuere mit dem Titel „Parallelen zwischen Caesar, Cromwell, Monk und Bonaparte“. Polizeiminister Fouche, mit dem Lucien kein gutes Verhaeltnis hatte, berichtete dem Ersten Konsul, dass das Lucien unterstellte Innenministerium diese Broschuere an die Praefekten und hoeheren Beamten in den Departements verschickt habe. Vermutlich war Fontanes der Autor der Broschuere, doch an vielen Stellen ist leicht die flinke Feder Luciens zu erkennen. Fouche zog den Schluss, dass die Broschuere zumindest teilweise von Lucien geschrieben worden war. Napoleon bestellte seinen Bruder sofort zur Aussprache ein. Das Gespraech endete in einer heftigen Szene mit gegenseitigen Vorwuerfen. Lucien verlor das Ministerportefeuille und ging kurz darauf als Botschafter nach Spanien. Nach Lucien uebernahm Chaptal die Leitung des Ministeriums.
Finanzminister – Gaudin. Gaudin, ein Mann des Ancien Regime im besten Sinne dieses Ausdruecks, hatte zweimal das Angebot des Direktoriums abgelehnt, das Finanzministerium zu leiten. Die Sanierung der Finanzen unter den Bedingungen von allgemeinem Diebstahl und Korruption, die den gesamten Beamtenapparat der Republik wie Metastasen durchdrungen hatte, war ein hoechst zweifelhaftes Unterfangen, und der Minister waere fuer das Scheitern der Sanierung verantwortlich gemacht worden.
Gaudin galt als ein anstaendiger Mann, eine entscheidende Eigenschaft fuer jemanden auf dem Posten des Finanzministers. Mit seiner Ernennung stieg das Vertrauen in die neue Regierung erheblich. Bonaparte war nicht persoenlich mit ihm bekannt. Als Gaudin auf Ruf im Palais du Luxembourg erschien, war Bonaparte ueber das Erscheinen eines schmaechtigen Mannes mit gelbem Gesicht und kleinen, stechenden Augen im Sitzungssaal erstaunt.
– Haben Sie sich sehr lange mit Finanzfragen beschaeftigt? – fragte ihn Bonaparte.
– Zwanzig Jahre, Herr General.
– Wir zaehlen sehr auf Ihre Arbeit, und ich zaehle auf Sie. Legen Sie schnell den Eid ab. Wir haben es sehr eilig.
Die napoleonischen Kriege stuetzten sich zu einem erheblichen Teil auf die Ehrlichkeit und die ausserordentliche Kompetenz des Finanzministers Gaudin.
Kriegsminister – Berthier. Bonaparte konnte sich niemanden anderen auf diesem Posten vorstellen als seinen unermuedlichen Stabschef. Bonaparte schaetzte an Berthier seine Treue und die verblueffende Faehigkeit, seine Ideen mit einem halben Wort zu verstehen und ungeordnete Gedanken in ein strenges System von Befehlen zu bringen. Diese Faehigkeit glich dem Geschick eines Maurers, aus einem Haufen Ziegeln ein Haus zu bauen. Seit der Rueckkehr aus Aegypten hatte Berthier enorme Arbeit bei der Reorganisation der Armee und der militaerischen Absicherung der Ver-schwoerung geleistet und dachte an eine lange Erholung. Bonaparte ueberredete Berthier, das Portefeuille des Kriegsministers zu uebernehmen und die Erholung auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Als Berthier das Kommando ueber die Reservearmee uebernahm, ueberliess er den Ministersessel Carnot.
Minister fuer Marine und Kolonien – Bourdon de Vatry. Die Konsuln bestaetigten die Vollmachten von Bourdon, der diese beiden Posten seit dem 3. Juli innehatte. Im Koenigreich hatte Bourdon es bis zum Leiter einer Abteilung im Finanzministerium gebracht. In den Revolutionsjahren bekleidete er den Posten des Direktors der Kolonialverwaltung. Bonaparte missfiel der hochmuetige Aristokrat Bourdon de Vatry, und bereits am 22. November entzog die „Revo-Troika“ auf Draengen Bonapartes Bourdon das Ministerportefeuille und uebergab es Forfait, dem besten Schiffskonstrukteur der Republik. Bonaparte setzte grosse Hoffnungen in ihn, doch wie im Fall von Laplace erfuellten sich diese Hoffnungen nicht. Es ist eine Sache, hervorragende Paketboote zu bauen, aber eine ganz andere, das Schiff des Marineministeriums ueber Wasser zu halten. Dies ist kein Ingenieursamt, sondern ein politisches. Ein Jahr spaeter wurde selbst Bonaparte die Unfaehigkeit von Forfait deutlich, und das Ministerium wurde von Admiral Decres uebernommen, einem tapferen Offizier und flexiblen Beamten. Decres hielt den Ministersessel bis zu den letzten Tagen des Kaiserreichs. Napoleon, der mit den Handlungen des Ministeriums unzufrieden war, wechselte den Minister nicht aus, da kaum jemand im Kaiserreich dem Kaiser so zu schmeicheln verstand – und an Schmeichlern am kaiserlichen Hof mangelte es wahrlich nicht. Decres wagte es nie, sich mit der englischen Flotte zu messen, mit Ausnahme des von Nelson erzwungenen Trafalgar.
Aussenminister – Reinhard. Die Konsuln bestaetigten seine Vollmachten als Aussenminister der direktorialen Regierung. Reinhard, ein Deutscher von Geburt, der von der Grossen Revolution fasziniert war, siedelte nach Frankreich ueber, wo er eine fuer einen Deutschen beeindruckende Karriere machte. Zu Beginn seiner Laufbahn auf franzoesischem Boden war er eng mit den Fuehrern der Girondisten Vergniaud, Guadet und Ducos verbunden. Als die Montagnards den Verrat von Dumouriez nutzten, um den Girondisten die Koepfe abzuschlagen, landete auch Reinhard im Gefaengnis. Vor der Bekanntschaft mit Madame Guillotine rettete ihn der Sturz Robespierres. Von 1795 bis Juli 1799, als das Direktorium ihm zur allgemeinen Ueberraschung das Ministerium fuer auswaertige Angelegenheiten uebertrug, diente Reinhard als Gesandter der Republik in verschiedenen Staaten Deutschlands und Italiens. Am 22. November, dem Tag der zweiten Verteilung der Ministerportefeuilles, gab Reinhard den Posten des Ministers an Talleyrand ab.
Polizeiminister – Fouche. Wie Berthier fuer das Kriegsministerium, so war Fouche die ideale Besetzung fuer das Polizeidepartement. Fouche, der eine geistliche Ausbildung erhalten hatte, lehrte in den fernen vorrevolutionaeren Jahren Mathematik und Philosophie in Nantes. Die Revolution riss ihn aus dem ruhigen Nantes und warf ihn in das vor Volkszorn kochende Paris. Ein Philosoph in der Revolution ist zu den aus Sicht des gesunden Menschenverstandes exquisitesten Kapriolen faehig. Fouche erwies sich als faehig, die Teilnahme der Kirche an Begraebnissen als Beihilfe zu jahrhundertelangem Obskurantismus zu verbieten; er war faehig, die Kreuze vom staedtischen Friedhof von Nevers entfernen zu lassen und stattdessen am Friedhofseingang eine Statue des Schlafes zu errichten – denn was ist der Tod anderes als der ewige Schlaf der Vernunft. Fouche erwies sich als faehig, das aufstaendische Lyon in Blut zu traenken, da die Idee der Freiheit des Menschen wichtiger ist als der Mensch. Nach der Rueckkehr von seiner Mission in Lyon erklaerte Fouche seinen Abscheu vor Gewalt, was seine Montagnard-Freunde ;berraschte; waere die Epoche Robespierres zwei Monate laenger gegangen, haette er seinen Kopf verloren. Der 9. Thermidor rettete ihn, und selbst seine Karriere litt nicht so stark wie etwa die von Robespierre. Die naechste philosophische Aktion von Fouche bestand in dem gemeinsamen Versuch mit General Brune, in der Cisalpinischen Republik eine extremistische Form der Demokratie zu etablieren. Der Versuch scheiterte, und Fouche ging als Gesandter in die Batavische Republik. Im Juli 1799 vertraute das Direktorium auf Empfehlung Talleyrands und mit Unterstuetzung von Barras Fouche die franzoesische Polizei an. Waehrend des Umsturzes vom 18. Brumaire unterstuetzte Fouche im Grossen und Ganzen die Verschwoerer, daher gab es bei den Konsuln keinerlei Zweifel, wer der oberste Polizist des Landes werden wuerde.
Fouche war ein grosser Kenner menschlicher Schwaechen. „Die Intrige war ihm ebenso notwendig wie die Nahrung“, sagte Napoleon ueber ihn auf St. Helena. „Er intrigierte staendig, ueberall und mit jedem.“ Hart und mitleidlos gegenueber Feinden und Freunden, aber ein treuer Ehemann und fuersorglicher Vater, fand Fouche sein vielleicht einziges Vergnuegen im Leben bei Ausfluegen mit der Familie aufs Land, wo er allein oder im Kreise seiner Verwandten lange Fusswanderungen unternahm.
Am ersten Tag des staendigen Konsulats schuf Bonaparte ein neues Organ – das Staatssekretariat, das ausschliesslich fuer ihn arbeitete. Die Aufgabe des Sekretariats bestand darin, zusammen mit dem Staatsrat Gesetzentwuerfe vorzubereiten und die konsularischen, spaeter kaiserlichen Dekrete mit der geltenden Gesetzgebung in Einklang zu bringen. Zum Leiter des Sekretariats ernannte Bonaparte seinen langjaehrigen Bekannten Maret, einen Juristen von Ausbildung.
Im ersten franzoesischen Parlament befasste sich Hugues-Bernard Maret mit der Herausgabe der Bulletins der Nationalversammlung. Spaeter war er Redakteur des „Moniteur“. Unter dem Direktorium erfuellte er verschiedene diplomatische Missionen. Im Jahr 1795 wurde er von den Oesterreichern verhaftet, aber bald gegen die Tochter Ludwigs XVI., Marie Therese Charlotte, ausgetauscht. Sofort nach seiner Rueckkehr aus der oesterreichischen Gefangenschaft nach Paris wurde Maret zum Abgeordneten des Rates der 500 gewaehlt. Maret genoss das absolute Vertrauen Napoleons. Sein herausragendes Merkmal war eine unglaubliche Arbeitsfaehigkeit, noch groesser als die von Napoleon selbst – und den Kaiser darin zu uebertreffen, war nicht einfach. Pasquier schrieb ueber ihn: „Ich habe nie einen Menschen getroffen, der eine groessere Ausdauer besass als Maret. Er erraet die Gedanken seines Herrn hervorragend und erfuellt alle seine Wuensche.“
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Um zu ueberleben und nicht vor der Zeit in der Geschichte zu versinken wie seine Vorgaenger, musste das Regime die zweifache Aufgabe zufriedenstellend loesen: Legitimitaet und Stabilitaet. Doch waehrend die Aufgabe der Legitimitaet ihre Loesung in der neuen Verfassung fand, war die Stabilitaet um ein Vielfaches komplizierter. Sie war vielseitig wie ein Diamant. Unverzueglich musste die Staatskasse gefuellt werden, die so leer war wie eine kirchliche Scheune vor der neuen Ernte. Es galt, das Staatsschiff ohne groessere Verluste zwischen der monarchischen Scylla und der jakobinischen Charybdis hindurchzufuehren. Man musste die Provinzen beruhigen und vor allem bis zum Sommer die Wiederaufnahme grossangelegter Kampfhandlungen verhindern. Beginnen wir mit den Finanzen.
Die innere Lage des Landes erinnerte an die Situation im Jahr III der Republik, als das Direktorium aus den Ruinen des vorherigen Regimes aufstieg. Die Geschichte wiederholte sich in allem. Finanziers, Militaerlieferanten und Spekulanten aller Art bereicherten sich schamlos infolge des langen Krieges und der schlechten Verwaltung. Soziale, industrielle und oeffentliche Bindungen waren weitgehend zerrissen. Einige wenige warfen leicht verdientes Geld zum Fenster hinaus, doch der Grossteil des einst wohlhabenden Standes stand am Rande des Ruins. Die Konsuln fanden eine leere Staatskasse vor. In den letzten Monaten des Direktoriums wurden auf Anordnung der Regierung die koeniglichen Juwelen verkauft oder verpfaendet. Der beruehmte Diamant „Regent“ war verschwunden, und niemand konnte eine vernuenftige Antwort ueber sein Schicksal geben.
Gluecklicherweise hatte die neue Regierung den Mut, einen entschlossenen Kampf gegen die Pest der Korruption zu beginnen. Der Bankier Ouvrard, ein Freund Talleyrands, den die oeffentliche Meinung als den ersten Spekulanten gebrandmarkt hatte, wurde praeventiv verhaftet. Auf direkten Befehl Bonapartes hielt man den Bankier gefangen, bis dieser einwilligte, 20 Millionen Francs an die Staatskasse zurueckzugeben.
Die Regierung benoetigte dringend Geld, um in erster Linie die Gehaltsrueckstaende der Beamten und des Militaers zu decken, mit deren Hilfe das stabile Staatsgebaeude errichtet werden sollte. Zudem erforderte der bevorstehende Krieg gegen Oesterreich nicht weniger als 65 Millionen Francs. Die erste Finanzoperation der neuen Regierung war ein Darlehen des Bankiers Portal in Hoehe von einer Million Francs zu einem Zinssatz von 1,5 % pro Monat. Die geringe Summe und die r;uberischen Zinsen verdeutlichen, wie dringend das Geld benoetigt wurde und wie skeptisch die Geschaeftskreise dem neuen Regime gegenueberstanden. Am 24. November, nur einen Tag nachdem Talleyrand Minister geworden war, traf sich Bonaparte mit einer Gruppe von Finanziers. Die Bankiers versprachen einen Sofortkredit von 12 Millionen Francs. Tatsaechlich gaben sie jedoch nur drei Millionen, und das bei weitem nicht sofort.
Die Steuern flossen spaerlich, die Bankiers zeigten eine vorsichtige Knausrigkeit, und da entschloss sich Bonaparte, bereits Erster Konsul, zu einer beispiellosen Aktion. Er selbst fuellte aus seinen privaten Bestaenden die Staatskasse. Am 18. Januar 1800 wurde die Nationalbank von Frankreich (Banque de France) mit einem Kapital von 30 Millionen Francs gegruendet, aufgeteilt in 30.000 Aktien. Anteilseigner wurden Bonaparte selbst, seine Familie und sein engster Kreis. Natuerlich erhielt die Bank vom Staat Vorzuege gegenueber anderen Finanzinstituten, was – ebenso natuerlich – einen Zufluss an Einlagen sicherte, der es erlaubte, das Kreditproblem zu loesen.
Jeder Umsturz findet in der Hauptstadt statt und breitet sich, wenn das Schicksal ihm gewogen ist, unblutig in die Provinzen aus. Wenn das Schicksal nicht gewogen ist und die Provinzen dem Umsturz widerstehen, entsteht ein Buergerkrieg, der umso groesser ist, je radikaler die Veraenderungen in der Hauptstadt sind. Die Konsuln, die mehrere Umstuerze ueberlebt hatten, verstanden diese einfache Regel gut und sandten daher Kommissare in die Departements aus, bekannte und autoritaere Maenner. In einer geheimen Anweisung setzte die Regierung als Hauptaufgabe fest, mit allen moeglichen Mitteln Aufstaende zu verhindern, weshalb sich die Vertreter der Zentralmacht gegenueber den Beamten der Departements so milde und vorsichtig wie moeglich verhalten sollten. Wenn moeglich, sollten keine personellen Veraenderungen vorgenommen werden. Die Kommissare bewaeltigten die ihnen uebertragene Aufgabe – die Verwaltungen der Departements drueckten der neuen Macht ihre Unterstuetzung aus. Das war nicht wenig. Die Unterstuetzung der Provinzen zusammen mit der Passivitaet der Royalisten sicherte der noch nicht gefestigten Regierung die so notwendige innere Ruhe. Nicht nur die persoenlichen Faehigkeiten der Kommissare trugen zum Uebergang der Provinzialverwaltungen auf die Seite der Zentralmacht bei. In nicht geringerem Masse wurde diese Unterstuetzung durch die Aufhebung des Geiselgesetzes in den ersten Tagen des Bestehens der Regierung gewaehrleistet, das eben die Provinzen betraf. Andererseits verkuendete die Regierung am ersten Tag des staendigen Konsulats eine politische Amnestie und liess die wenigen verhafteten Jakobiner frei, die angeblich am Angriff auf Bonaparte am 19. Brumaire beteiligt waren. Unter ihnen Arena und Antonelle. Die aufgrund derselben Anschuldigung aus Frankreich ausgewiesenen jakobinischen Abgeordneten liess die Regierung in die Heimat zurueckkehren. Nur 34 ehemalige Abgeordnete des Rates der 500 standen unter einer recht milden polizeilichen Ueberwachung. Mit dieser Aktion sandte die Regierung ein klares und deutliches Signal in die Provinzen, dass es keine Verfolgung aus politischen Gruenden geben werde. Dieses Signal, zusammen mit dem fast zaertlichen Verhalten der Kommissare, ueberzeugte die Leiter der Verwaltungen, dass sie nicht nur nicht um ihr Leben furchten mussten, wie es unter Robespierre der Fall war, sondern dass es bei Loyalitaet gegenueber Paris durchaus moeglich war, weiterhin im Amt zu bleiben. Zudem entzog die politische Amnestie den Jakobinern den Boden unter den Fuessen, die Bonaparte ueber die von ihnen kontrollierten Zeitungen der Usurpation der Macht und der Tyrannei beschuldigten.
Die zweite Kraft, die den neuen Herren Frankreichs das Leben erschweren konnte, waren die Monarchisten. Bonaparte stand vor der Aufgabe, sie um jeden Preis zu neutralisieren. Die Schwierigkeit der Lage bestand darin, dass die Bevoelkerung und die Verwaltungen der Departements einer Rueckkehr der Bourbonen, des Adels und der alten Ordnung kategorisch widersprachen. Folglich durfte man nicht offen mit den Royalisten in Kontakt treten, aber man durfte sie auch nicht ohne Hoffnung durch leere Versprechungen lassen. Bonaparte und Talleyrand, der Urheber dieser Intrige, waehlten die Taktik der Hinterkulissenverhandlungen. Indem Bonaparte vor den Emissaeren des Grafen von Artois und des Grafen der Provence den „Monk“ spielte, deutete er unklar das Bestreben an, die Macht ihren rechtmaessigen Eigentuemern zu uebergeben. Aber! Erstens muesse man zunaechst die oeffentliche Meinung Frankreichs auf die Restauration vorbereiten, was Zeit erfordere. Zweitens muesse entschieden werden, welcher der Brueder Koenig wird, was zu langwierigen Verhandlungen und Konsultationen fuehre.
In den ersten paar Monaten, etwa bis zum Ende des Plebiszits ueber die Verfassung, fuehrte Bonaparte beide Brueder an der Nase herum. Dann wurde dem Juengeren eine Absage erteilt. Es blieb nur der Graf der Provence. Die Emissaere des Grafen der Provence hielt Bonaparte bis zum Sieg beim Doerfchen Marengo zum Narren.
Die Intrige mit den Bourbonen hatte neben der Beendigung des Buergerkriegs in der Normandie und der Vendee noch eine weitere, wichtigere Folge. Sie sicherte eine relative Stabilitaet an den externen Fronten. Oesterreichische Truppen fuehrten aktive Kampfhandlungen nur in Mittelitalien. In der Schweiz, in Deutschland und in Holland war es in diesen Monaten ungewoehnlich ruhig. Die Bourbonen selbst baten den oesterreichischen Kaiser und Thugut, keine grossangelegten militaerischen Operationen zu unternehmen. Im naechsten Kapitel werde ich naeher darauf eingehen.
Insgesamt balancierte Bonaparte in diesen Monaten wie auf einem Seil ueber dem Abgrund.
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Und die Legitimitaet.
Als selbstverstaendlich befasste sich Sieyes innerhalb der Revo-Troika mit den Verfassungsfragen. Ueberall sprach man von seinem Verfassungsentwurf. Der „Diplomat“ schrieb: „Sieyes traegt schon lange den Plan einer franzoesischen Verfassung in seiner Aktentasche. Ein Plan, der den Beifall aller hervorruft, die ihn kennengelernt haben.“
Die waehrend des Umsturzes auf Grundlage des Rates der 500 und des Rates der Alten geschaffenen Gesetzgebungskommissionen, die Aenderungen an der Verfassung des Jahres III vornehmen sollten, standen Sieyes’ Projekt zunaechst skeptisch gegenueber.
Das Staatsoberhaupt in Sieyes’ Verfassung – der Grosswaehler (Grand Electeur) – war als nominale Figur gedacht, etwa wie ein englischer Koenig. Aeusserliches Ehrengefolge, sechs Millionen Jahreseinkommen, dreitausend Gardisten als persoenlicher Schutz und ein Schloss in Versailles sollten die Appetite von Napoleon Bonaparte befriedigen. Die reale Macht konzentrierte sich im Staatsrat, dessen Vorsitz Sieyes fuer sich selbst vorsah. Zu Sieyes’ Ueberraschung durchschaute Bonaparte mit Hilfe von Cambaceres die Kniffe der juristischen Formulierungen und erklaerte sich mit der ihm zugedachten Rolle entschieden nicht einverstanden. Bonaparte fasste Sieyes’ Jonglieren mit den Verfassungsartikeln als Versuch auf, ihn zugunsten von Sieyes von der Macht zu draengen. Dies widersprach ihren urspruenglichen Vereinbarungen und konnte nicht anders als Betrug gedeutet werden. Zwei Vorgaenge von Verrat ereigneten sich am ersten Verfassungsentwurf: Sieyes verriet Bonaparte, und Cambaceres verriet Sieyes. Doch waehrend der erste Verrat bestraft wurde, wurde der zweite erhoeht.
Zwischen den Konsuln kam es zu mehreren fuer Sieyes sehr unangenehmen Aussprachen. Da die reale Macht in den Haenden des Generals lag, musste Sieyes seinen Entwurf im Hinblick auf die Machtbefugnisse ueberarbeiten. In der zweiten Variante wurde die gesamte Staatsgewalt nicht vom Staatsrat, sondern von zwei Konsuln ausgeuebt. Einer war fuer Kriegsfragen (Bonaparte) und der zweite fuer Friedensfragen (Sieyes) zust;ndig. Der dritte Konsul hatte eine beratende Stimme. Doch auch diese Variante stellte Bonaparte nicht zufrieden. Sieyes musste erneut einzelne Artikel der Verfassung umschreiben. In der endgueltigen Fassung, die den Gesetzgebungskommissionen zur Diskussion vorgelegt wurde, wurde die gesamte Machtfuelle beim Ersten Konsul festgeschrieben.
In der ersten Sitzung begannen die Gesetzgebungskommissionen mit der Beratung von Sieyes' Entwurf. Die Kommissionen schlugen ein Debattiertempo von etwa ein bis anderthalb Jahren an, denn Eile bei der Verabschiedung des Grundgesetzes galt als laecherlich. Zudem sind die Mitglieder der Kommissionen, solange die Verfassung diskutiert wird, angesehene Leute mit anstaendigem Gehalt, waehrend ihre Zukunft nach der Verabschiedung der Verfassung neblig und ungewiss wird.
In den ersten Wochen nach dem Umsturz war Bonaparte ueber alle Ma;en mit der Loesung brennender Fragen beschaeftigt und befasste sich nicht mit der Verfassung, wobei er diese Angelegenheit Sieyes anvertraute. Anfang Dezember diskutierten die Konsuln die Verfassungsfrage. Erst bei der Sitzung erfuhr Bonaparte aus dem Bericht von Sieyes, wie und in welchem Tempo die Beratung des Projekts vorankam, und er war bitter enttaeuscht. Keine Umstuerze und Revolutionen koennen die Natur der „Advokaten“ aendern, die faehig sind, ewige Fragen ewig zu diskutieren. Unterdessen duldete die Legitimitaet der Macht aus vielerlei Gruenden keinen Aufschub und keine Verzoegerung. Sieyes und die Praesidenten beider Gesetzgebungskommissionen behaupteten einstimmig, es gebe keinerlei Moeglichkeit, die Arbeit der Kommissionen zu beschleunigen. Bonaparte glaubte ihnen nicht, und das zu Recht. Er wandte sich erneut an Cambaceres, und gemeinsam fanden sie einen originellen Ausweg. Mitte Dezember rief Bonaparte Sieyes und die Praesidenten der Gesetzgebungskommissionen zu einer Beratung zusammen. Von seiner Seite zog Bonaparte Talleyrand hinzu. Die Juristen begannen zu sagen, dieser Artikel muesse ueberarbeitet werden, jener sei nicht ganz praezise formuliert… In diesem Moment holte Bonaparte drei Exemplare der Verfassung aus der Tischschublade, die von Cambaceres leicht korrigiert worden waren. Mit der ihm eigenen Entschlossenheit schlug er vor, den Text zu lesen, zuzustimmen und zu unterschreiben, ohne das Arbeitszimmer zu verlassen. So geschah es.
In den folgenden Tagen unterschrieben Roger-Ducos und viele Mitglieder der Kommissionen das Projekt. Nicht alle, aber viele. So wurde zur Enttaeuschung der ehemaligen Abgeordneten und nun auch ehemaligen Mitglieder der Gesetzgebungskommissionen die Verfassung in rekordverdaechtig kurzer Zeit angenommen.
Am 23. Dezember bestaetigten die Gesetzgebungskommissionen die Verfassung. Am naechsten Tag erlangte sie Gesetzeskraft. Gemaess der Verfassung endeten am 24. Dezember die Vollmachten des vorlaeufigen Konsulats, und die Arbeit des staendigen Konsulats begann. Die Kommissionen bestaetigten Bonaparte als Ersten Konsul.
Zum festgesetzten Termin am 7. Februar fand das Plebiszit ueber die Verfassung statt. Sie wurde von 99,95 % der waehler unterstuetzt, die an der Abstimmung teilnahmen. Viele Historiker behaupten, dass die Abstimmungsergebnisse leicht korrigiert wurden. Ich wage nicht, das Gegenteil zu behaupten, doch zweifellos akzeptierte die franzoesische Gesellschaft die Herrschaft Bonapartes.
In der Nacht vom 12. auf den 13. Februar unterzeichneten die drei vorlaeufigen Konsuln und 50 Mitglieder der Gesetzgebungskommissionen den endgueltigen Text der Verfassung. Noch in jener Nacht wurde das Manuskript in die Druckerei geschickt, und am Abend des 14. Februar erblickte die Verfassung des Jahres VIII, wie vom Ersten Konsul gewuenscht, das Licht der Welt.
Sie bestand aus 95 Artikeln, die in sieben Kapiteln zusammengefasst waren. Einige Artikel und einzelne Bestimmungen widersprachen einander. Hier machte sich bemerkbar, dass Sieyes das Grundgesetz zweimal umgestalten musste.
Wie bereits erwaehnt, konzentrierte sich die gesamte Machtfuelle in den Haenden des Ersten Konsuls. In der Zustaendigkeit des Ersten Konsuls lagen die Fragen der Kriegserklaerung und des Friedensschlusses. Er bestaetigte Gesetze, ernannte und entliess die Mitglieder des Staatsrates, Minister, Botschafter, hoehere Beamte und Richter. Die Verfassung gab dem Ersten Konsul mehr Macht, als der letzte Koenig besessen hatte. Der zweite und dritte Konsul hatten beratende Stimmen. Die Konsuln wurden fuer eine Amtszeit von drei Jahren gewaehlt.
Gemaess der Verfassung wurden vier neue Staatsinstitute geschaffen: der Senat, der Staatsrat, das Tribunat und die gesetzgebende Versammlung. Die beiden Letzteren stellten die beschnittenen Ober- und Unterhaeuser des Parlaments dar.
Der Senat sollte aus 60 Mitgliedern bestehen, die ;lter als 40 Jahre waren. In den folgenden 10 Jahren sollte die Zusammensetzung des Senats auf 80 Mitglieder anwachsen. Die Aufgabe des Senats bestand in der Ernennung der Mitglieder des Tribunats, der gesetzgebenden Versammlung, der Richter am Kassationshof und der Regierungsbeamten. Im Wesentlichen stellte der Senat eine Wahlkommission mit stark erweiterten Befugnissen dar.
Das wichtigste Organ der neuen Regierung wurde der Staatsrat mit einer St;rke von 24 Personen. Er bestand aus f;nf Abteilungen: Krieg, Marine, Finanzen, Abteilung f;r Zivil- und Strafgesetzgebung sowie die Abteilung f;r innere Angelegenheiten. Der Staatsrat sollte gemeinsam mit dem Sekretariat des Ersten Konsuls Gesetzentw;rfe vorbereiten. Die vom Staatsrat vorbereiteten Gesetze wurden an das Tribunat geleitet, das aus 100 Mitgliedern bestand, die nicht j;nger als 25 Jahre sein durften. Das Tribunat stimmte ;ber die Gesetzentw;rfe ab oder schickte sie zur ;berarbeitung zur;ck. Nach der Diskussion entsandte das Tribunat drei seiner Vertreter, um die Entw;rfe vor der gesetzgebenden Versammlung zu verteidigen. Die gesetzgebende Versammlung, bestehend aus 300 Mitgliedern, die nicht j;nger als 30 Jahre sein durften, hatte nicht das Recht, ;ber die Gesetze zu diskutieren. Sie konnte den Entwurf entweder annehmen, woraufhin er Gesetzeskraft erlangte, oder ihn ablehnen. In diesem Fall wurde das gesamte Verfahren von vorn wiederholt. Die Mitglieder des Tribunats und der gesetzgebenden Versammlung wurden vom Senat aus einer von den B;rgern zusammengestellten Gesamtliste von Bewerbern ausgew;hlt.
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Der Platz des Ersten Konsuls war fest fuer General Bonaparte reserviert. Doch wen wuerde die neue Hoffnung Frankreichs zum Zweiten und Dritten Konsul ernennen? Die Salon-Saeulenguess-Schwaetzer, oder Politologen, um es modern auszudruecken, nannten Cambaceres, der seinen Goenner Sieyes so elegant ausgestochen hatte. Und sie irrten sich nicht in ihrer Vorhersehung. Cambaceres wurde Zweiter Konsul. Mit dem Dritten Konsul war es komplizierter und verworrener. Lucien Bonaparte haette es werden koennen, doch Napoleon Bonaparte widersetzte sich dem, weshalb Luciens Kandidatur von den Salon-Politologen nicht einmal als geruechtewuerdig betrachtet wurde. Unter den Favoriten wurden die Namen Roederer, Lebrun und Berthier genannt. Nach fuer Bonaparte untypisch langem Zoegern entschied sich der Erste Konsul fuer Lebrun, einen Mann von bescheidenen Vorzuegen und Vorsicht. Die Revolution erlebte Lebrun als Mitglied der Konstituante; den Grossen Terror sass er im Gef;ngnis aus und entging der Bekanntschaft mit der Guillotine nur aufgrund deren extremer Auslastung. Unter dem Direktorium bekleidete er verantwortungsvolle Staatsaemter. Im Rat der Alten trug Lebrun massgeblich zum Erfolg von Bonapartes Unternehmen bei. Die Zukunft zeigte, dass Bonaparte sich weder bei der Wahl des Zweiten noch des Dritten Konsuls geirrt hatte.
Zum Praesidenten des Staatsrates ernannte Bonaparte Locr;. Der Erste Konsul war der Ansicht, dass der Staatsrat das Hauptorgan des Staatsgefueges in Frankreich sei. Das Herz Frankreichs musste gleichmaessig und stoerungsfrei schlagen, daher wollte er Fehler bei der Besetzung des Staatsrates vermeiden, wie sie im Senat, im Tribunat und in der gesetzgebenden Versammlung zugelassen wurden. Die Hauptkriterien bei der Auswahl waren Kompetenz und Arbeitsfaehigkeit. Der politischen Orientierung mass Bonaparte keine grosse Bedeutung bei. Im Rat sassen nebeneinander der gemaessigte Monarchist Barbe-Marbois, der nach dem 18. Fructidor aus Frankreich ausgewiesen worden war, und als Mitglied des Staatsrates der ehemalige Montagnard Berlier, der im Konvent das Todesurteil gegen die Koenigin bestaetigt hatte, sowie der Jakobiner Jourdan, der Bonaparte am 19. Brumaire im Rat der 500 heftig angegriffen hatte.
Der Staatsrat trat mehrmals pro Woche zusammen. Die Sitzungen leitete in der Regel Bonaparte selbst. In seiner Abwesenheit fuehrte Cambaceres den Vorsitz, seltener Lebrun. In den Ratssitzungen gewaehrte der Erste Konsul jedem das Recht, sich zu aeussern und seine Meinung zu verteidigen. Er scheute sich nicht, von jedem Ratsmitglied zu lernen, da diese auf ihren Gebieten wahrhaft gute Spezialisten waren. Oft spitzte Bonaparte bei der Eroerterung von Fragen die Situation absichtlich zu, denn in hitzigen Diskussionen, die jedoch stets in konstruktiven Bahnen verliefen, trat das Problem deutlicher hervor, und nicht selten fanden sich unerwartete, originelle Loesungen. Ueber die Arbeit des Staatsrates schrieb Chaptal: „Die Sitzungen des Staatsrates waren immer schwierig und umfassend. Alles musste organisiert werden. Wir trafen uns taeglich, entweder gemeinsam oder in Kommissionen. Fast jeden Tag gab es eine Beratung beim Ersten Konsul, wo wir von 10 Uhr abends bis 4 oder 5 Uhr morgens berieten und stritten. Besonders bei den Diskussionen hatte ich die Gelegenheit, den grossen Mann kennenzulernen, dem wir die Zuegel der Regierung anvertraut hatten. Er war jung und noch unerfahren in den verschiedenen Zweigen der Staatsverwaltung, brachte aber in die Sitzungen eine solche Klarheit, Praezision und Vernunft ein, dass er uns in Staunen versetzte. Unermuedlich in der Arbeit mit unerschoepflichen Moeglichkeiten bei seinen Helfern, vereinte er scharfsinnig verschiedene Fakten und Meinungen zu einem grossartigen Verwaltungssystem. Statt sein Wissen zur Schau zu stellen, war er vielmehr geneigt, all das zu lernen, was er aufgrund seines jungen Alters und seiner rein militaerischen Ausbildung nicht hatte lernen koennen. Manchmal fragte er nach der Bedeutung dieses oder jenen Begriffs, machte sich klar, welche Aufgabe vor seiner Regierung stand, und zog, nachdem er das Wesentliche erfasst hatte, die fuer die bestehende Situation am besten geeigneten Schluesse. Er arbeitete 20 Stunden am Tag, und niemals war geistige Ermuedung oder koerperliche Erschoepfung zu bemerken. Oft sagte ich mir, dass er allein durch diesen Umstand einen unbestreitbaren Vorteil gegenueber seinen Feinden besass.“
Die politische Rolle beider vorlaeufiger Konsuln war beendet. Bonaparte verzieh Sieyes das Spiel mit den Verfassungsartikeln und die Unterschaetzung seiner intellektuellen Faehigkeiten nicht. Zusammen mit ihm geriet auch Roger-Ducos ins Abseits. Beide vorlaeufigen Konsuln erhielten Sinekuren im Senat sowie zahlreiche Geschenke des Staates in Form von Geldpraemien, Schloessern und Guetern, doch beide verschwanden von der Buehne der grossen Politik.
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