Kapitel 4. der 18. brumaire

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Nachdem wir ueber den Schlachtfeldern Europas gekreist sind, wo der Tod wie ein fleissiger Bauer die Aehren seine schreckliche Ernte einfordert, und nachdem wir einen Blick in das vorstuerrmische Paris geworfen haben, kehren wir in die Bucht von El-Baida zurueck. Von dort segelte am 22. August 1799 ein kleines Geschwader ab, das die Zukunft Frankreichs in die Heimat trug.
Konteradmiral Gantheaume und General Bonaparte beschlossen, nach Westen entlang der afrikanischen Kueste zu segeln. Sie waehlten den laengsten und schwierigsten Weg aufgrund der unguenstigen Winde zu dieser Jahreszeit, dafuer aber den sichersten. In der Naehe von Kreta zu segeln, dann durch die Strasse von Messina zwischen Sizilien und Kalabrien, bedeutete, sich dem unnoetigen Risiko einer Begegnung mit feindlichen Kriegsschiffen auszusetzen. Ein Zusammenstoss mit dem Feind auf See haette mit Vorherbestimmtheit in einer Katastrophe geendet. Sollte es dennoch zu einer Begegnung kommen, musste die Fregatte Muiron den Kampf aufnehmen, waehrend die anderen zwei Schiffe Schutz an der nahen Kueste suchen sollten. Grosse Hoffnungen in die venezianischen Gefaesse, die schlecht unter Segel gingen, bestanden nicht; diesen Plan hatten sich Gantheaume und Bonaparte eher zur Selbstberuhigung ausgedacht, denn als eine vernuenftige Abfolge von Handlungen mit dem Ziel des Unternehmenserfolgs.
Das Wetter beguenstigte die Fluechtlinge nicht. Es wehte Gegenwind. In den ersten dreizehn Tagen der Reise legten die Schiffe nur zwanzig Meilen zurueck. Erst am 11. September fuellte der Wind, nachdem er die Richtung gewechselt hatte, die Segel. In der Nacht vom 21. auf den 22. passierten die Schiffe die Insel Lampedusa, und einen Tag spaeter tauchte am Horizont die grosse Insel Pantelleria auf. Einen ganzen Monat lang begegnete den Reisenden kein einziges Schiff. Sie hatten Glueck. Am Morgen des 25. September waeren die Schiffe beinahe mit einem englischen Geschwader zusammengestossen, das hinter dem Kap Bon vor Anker lag. Zum Glueck bemerkten die Englaender sie nicht. Moeglicherweise uebersahen die Beobachter Bonapartes Schiffe wegen der aufgehenden Sonne, die in den Augen blendete. Vielleicht schauten die englischen Seeleute auch nicht in diese Richtung, da Schiffe aus dem Osten aeusserst selten waren. Viel haeufiger traf man auf Schiffe, die aus dem Westen oder Norden kamen. Ein einziger zufaelliger Blick eines einfachen Matrosen haette die europaeische Geschichte bis zur Unkenntlichkeit veraendern koennen, doch das Schicksal schuetzte Bonaparte.
Als das vorderste Schiff hinter dem Kap hervorkam und die franzoesischen Seeleute die feindlichen Segel erblickten (auf dieser Reise waren fuer die Fluechtlinge alle Segel feindlich), gaben sie den folgenden Schiffen sofort ein Signal: Eine Weiterfahrt ist unmoeglich, der Feind ist auf See. So schnell wie moeglich drehten die Schiffe bei und kehrten hinter das Kap zurueck. Den Tag verbrachten sie in einer kleinen Bucht. Gantheaume gab den Befehl, gefechtsbereit zu sein. In der Nacht schlich sich die Flottille unter vollen Segeln, mit geloeschten Lichtern und unter strengstem Sprechverbot, an den englischen Schiffen vorbei.
Nachdem sie den englischen Kordon passiert hatten, aenderte Gantheaume den Kurs. Die Schiffe bewegten sich auf Sardinien zu. Gluecklicherweise trieb ein guenstiger Wind die Schiffe mit der rasenden Geschwindigkeit von 13 Knoten voran. In ausreichendem Abstand entlang der Westkueste Sardiniens segelnd, passierten die Schiffe am 28. September das Kap Falcone. Am naechsten Tag segelten die Schiffe, nachdem sie am Morgen die Strasse von Bonifacio passiert hatten, die Sardinien von Korsika trennt, entlang der Westkueste Korsikas. Am Mittag des 30. September befanden sich die Fluechtlinge 20 bis 30 Meilen von der Hauptstadt Korsikas entfernt. Gantheaume schickte die Schebecke Fortune zur Aufklaerung aus. Die Seeleute der Fortune sollten von Fischern erfahren, in wessen Haenden die Insel war. Die Muiron und die Carrere gingen in Erwartung von Nachrichten des Aufklaerers vor Anker. Der Wind nahm zu. Derselbe starke Rueckenwind, der es ermoeglicht hatte, den letzten Teil des Weges sehr schnell zurueckzulegen, verstaerkte sich noch weiter und loeste einen Sturm aus. Es wurde unsicher, auf offener See zu bleiben. Konteradmiral Gantheaume beschloss, ein Risiko einzugehen und mit dem Morgengrauen, ohne die Rueckkehr der Fortune abzuwarten, auf die Kueste zuzuhalten. Bei der Annaeherung an das Ufer sahen die Seeleute den Aufklaerer, der in einer kleinen Bucht Schutz vor dem Sturm gesucht hatte. Von dort signalisierte man, dass Korsika in den Haenden Frankreichs sei. Unter vollen Segeln liefen die Schiffe in Ajaccio ein.
Nach einer maximal verkuerzten Quarantaeneprozedur erlaubten die Hafenbeamten den Mannschaften und Passagieren, an Land zu gehen. Als in der Stadt die Ankunft des beruehmten Landsmanns bekannt wurde, stroemten die Menschen in den Hafen, und bald versammelte sich dort eine riesige Menge. Alle wollten den erfolgreichen General sehen, seinen Ruhm beruehren.
Die wenigen in Ajaccio verbrachten Tage wurden fuer Bonaparte zu einer Erholung auf dem dornigen Weg, den ihm die Vorsehung erwaehlt hatte. Die meiste Zeit verbrachte der General allein, wanderte tagelang an den Orten seiner Kindheitsspiele umher und besuchte das leere Elternhaus. Erst am Abend kehrte er auf die Fregatte zurueck.
Aus den Erzaehlungen der oertlichen Beamten und Militaers setzte sich Bonaparte ein mehr oder weniger vollstaendiges Bild der politischen und militaerischen Lage in Europa zusammen. Von ihnen erfuhr er von den Niederlagen in der Schweiz und in Italien, vom Tod Jouberts in der verlorenen Schlacht bei Novi, von der russisch-englischen Landung in Holland. Er erfuhr vom Ruecktritt Talleyrands und vom Wechsel der Direktoren.
Am Abend des 6. Oktober setzten Bonapartes Schiffe ihre Reise fort. In dieser Zeit hatte sich das Meer ein wenig beruhigt, aber die Wellen waren immer noch hoch. Zwei Tage spaeter zeigten sich schliesslich die Kuesten des festlaendischen Frankreichs. Doch die Gefahr war nicht vorueber. Im Gegenteil, nach den Erinnerungen der Teilnehmer des Uebergangs drohte dem Geschwader gerade am 8. Oktober die groesste Gefahr. Im Licht der untergehenden Sonne erblickten die Reisenden am Horizont Segel. Bonapartes Adjutant Merlin kletterte auf den Mast und rief von dort seinen Kameraden zu, dass er die Segel von 22 Schiffen in einer Entfernung von etwa sechs Seemeilen sehe. Man nahm an, dass dies das Geschwader von Lord Keith oder Admiral Nelson war. Gantheaume wollte nach Korsika zurueckkehren, doch das Ziel der Reise war nah, zudem daemmerte es bereits. Bonaparte setzte zum ersten Mal waehrend des Uebergangs seine Macht durch. Er befahl, die Fahrt fortzusetzen. Bereits in der Nacht erreichten die Schiffe die Kuestengewaesser. Das feindliche Geschwader war nicht mehr zu sehen (wahrscheinlich handelte es sich um eine Handelskarawane). Man beschloss, die Landung auf den Morgen zu verschieben. Am Morgen sahen die Reisenden, dass sie sich in der Naehe des Hafens von Frejus befanden. Unter vollen Segeln lief das Geschwader in den rettenden Hafen ein.
Um 10 Uhr morgens am 9. Oktober legten die Schiffe am Kai des Hafens von Frejus an. Die Freude der Anwohner war riesig. Der Sieger von Italien, der Eroberer Aegyptens war angekommen. Bonaparte fuerchtete, dass aufgrund der Pestepidemie in Aegypten eine lange Quarantaene folgen wuerde (gemaess den Anweisungen des Gesundheitskomitees der Republik mussten Schiffe aus Afrika eine vierzigtaegige Quarantaene durchlaufen), doch der Kommandant der Garnison, der an Bord kam, um den weltberuehmten General persoenlich zu begruessen, verletzte als Erster die Vorschriften des Gesundheitsdienstes. Die Franzosen fuerchteten die Oesterreicher, die bereits fast ganz Italien besetzt hatten, mehr als die Pest.



2



Von unterwegs schrieb Bonaparte an die Obrigkeit und erklaerte in dem Brief die Motive seiner Rueckkehr: „Buerger Direktoren, seit meiner Abreise aus Frankreich habe ich nur ein einziges Mal Depeschen von Ihnen erhalten, die mich am 5. Germinal (25. Maerz 1799) vor Akkon erreichten. Sie waren datiert vom 14. Brumaire (4. November 1798) und dem 5. Nivose (25. September 1798) und berichteten mir von unseren Erfolgen in Neapel, was mich eine bevorstehende Kriege auf dem Festland vermuten liess. Von diesem Moment an fuehlte ich, dass ich nicht laenger fern von Frankreich bleiben konnte.
Doch zuerst musste ich waehrend des Syrienfeldzuges die feindlichen Armeen vernichten. Die eine drohte, die Wueste zu durchqueren und Aegypten anzugreifen, waehrend die zweite in grosser Eile am Schwarzen Meer zusammengezogen wurde. Eine Landung war nur in Alexandria oder Damiette moeglich. Ich vertraute die Verteidigung von Damiette General Kleber an und marschierte selbst auf Alexandria. Aus meiner letzten Depesche wissen Sie bereits um den Verlauf der Schlacht. Jetzt ist Aegypten gegen jeden Angriff geschuetzt und gehoert vollstaendig uns.
Nach diplomatischen Verhandlungen erhielt ich Zeitungen aus England bis zum 6. Juni 1799, aus denen ich von der Niederlage Jouberts in Deutschland und Scherers in Italien erfuhr. Danach segelte ich auf den Fregatten Muiron und Carrere ab, welche sehr schlechte Segler sind. In Gefahren dachte ich: Mein Platz ist hier, wo meine Faehigkeiten jetzt am meisten gebraucht werden. Ich dachte, erfuellt von solchen Gedanken, dass ich mich, wenn ich keine Fregatten gehabt haette, in meinen Mantel gehuellt haette und auf einer Barke gesegelt waere.
Die Verwaltung Aegyptens wurde General Kleber ueberlassen. Das Land befindet sich in einem besseren Zustand als jemals zuvor in den letzten fuenfzig Jahren.
Unterwegs begegneten uns einige englische Kreuzer. Nur dank der schnellen Reaktion und des entschlossenen Handelns von Konteradmiral Gantheaume erreichte ich Frejus. Nach dem Anlegen reiste ich unverzueglich nach Paris ab. Doch die fuer mich ungewohnte trockene, kalte Luft verursachte ein Unwohlsein, welches der Grund fuer meine Verzoegerung bis zum 30. Vendemiaire ist.“
Am Mittag des folgenden Tages besuchte General Bonaparte den Luxemburg-Palast. Der Besuch hatte einen begruessenden Charakter. Die Direktoren waren ueber die unerwartete Ankunft des beruehmten Generals besorgt, doch noch mehr beunruhigte sie seine immense Popularitaet im Volk. Die Direktoren diskutierten untereinander die Frage einer Verhaftung Bonapartes aus folgenden Gruenden: 1. Der General hatte die Armee ohne entsprechende Anordnung der Regierung verlassen, 2. Er hatte die Quarantaene verletzt. Dennoch empfing die Regierung den General an jenem Tag freundlich, und die Staatsmaenner machten ihm keine Vorwuerfe.
Bonapartes Ruhm diente ihm als bester Schutz. Weder Robespierre noch Danton noch Moreau wurden so verherrlicht wie der General Bonaparte, der seinen Posten verlassen hatte. Die Zeitungsleute stuerzten sich auf ihn wie hungrige Hunde auf einen Knochen. Alles war fuer das Publikum von Interesse: seine Kleidung, die Blaesse seines Gesichts, seine Gedanken und Taten im raetselhaften Osten. Die nach Ehre und Edelmut lechzende Oeffentlichkeit hatte ihren Helden gefunden. Maechtige und einflussreiche Leute wollten ihn sehen und mit ihm sprechen.
Noch vor dem Besuch bei den Direktoren, am fruehen Morgen des 17. Oktober, traf sich Bonaparte mit Talleyrand. Dieses Treffen wurde schicksalhaft und bestimmend fuer alle weiteren Ereignisse.
Als Talleyrand von der Ankunft von Bonapartes Mannschaft in Frejus erfuhr, war er beunruhigt; schliesslich wuerde der in den Wuestensanden ueberlebende General mit ganzer italienischer Leidenschaft verlangen, die Rechnungen zu begleichen, die Talleyrand laengst von seiner inneren Schuldliste gestrichen hatte. Doch nach reiflicher Ueberlegung begriff Talleyrand, dass man aus der entstandenen Lage, die gegen seinen Willen eingetreten war, betraechtlichen Nutzen ziehen konnte, wenn man alles richtig arrangierte. Mit einem Wort: Talleyrand beschloss, Bonaparte den Plan fuer einen Staatsstreich zu verkaufen.
Nachdem das Wesentliche feststand, gruebelte Talleyrand darueber nach, wo und wann das Geschaeft stattfinden sollte. Man koennte dem General entgegenfahren. Der Vorteil dieses Schrittes laege darin, dass er als Erster der Maechtigen dieser Welt bei Bonaparte eintreffen wuerde, aber ein Gespraech in der Kutsche oder in einem Gasthaus am Wegesrand schloss Intimitaet und Gruendlichkeit aus. Charles lehnte ein Treffen unterwegs ab. Folglich musste das Geschaeft in Paris stattfinden. Talleyrand beschloss, Bonaparte so bald zu besuchen, wie es der Anstand erlaubte. Talleyrand setzte sich mit Josephine in Verbindung. Seit der Zeit, als Talleyrand einen Ball zu Ehren Josephines gegeben hatte, bestanden zwischen ihnen vertrauensvolle Beziehungen. Bonapartes Frau fuerchtete die Ankunft ihres eifersuechtigen Mannes ein wenig, da sie Angst hatte, seine zahllosen Verwandten wuerden ihm allerlei Maerchen ueber sie erzaehlen.
Talleyrand riet ihr, um die Peinlichkeit unbegruendeter Eifersucht zu vermeiden, ihrem Mann vor den Toren von Paris entgegenzufahren; Josephine versprach als Dank fuer den wertvollen Rat, unbedingt Nachricht zu geben, sobald er eintreffe. Ungluecklicherweise verfehlten sie einander. Bonaparte fuhr auf einer anderen Strasse in die Hauptstadt ein. Es war ein Glueck, dass sie, geistesgegenwaertig reagierend, rechtzeitig zurueckkehrte. Fast waere das ganze Unternehmen gescheitert. In der spaeten Nacht vom 16. auf den 17. Oktober erhielt Talleyrand von Josephine die Nachricht: Er ist da.
Am Morgen des 17. Oktober betrat Talleyrand das Haus von Bonaparte.
Zu sagen, dass Bonaparte wuetend auf Talleyrand war, hiesse, gar nichts zu sagen. Er war rasend. Der General schrie ihn an, beschimpfte ihn mit den schlimmsten Worten, stampfte mit den Fuessen und spuckte vor Zorn. Kurz gesagt, er fuehrte eine abscheuliche Szene auf. Waere Josephine zu Beginn des Treffens nicht anwesend gewesen, waere ungewiss, wie alles geendet haette. Als Bonaparte ersch;pft war und eine Pause machte, begann Talleyrand ruhig und abgewogen zu sprechen. Er sagte, Gott sei sein Zeuge fuer seine Unschuld an den Noeten des Generals in Aegypten. Er wisse nicht, wer Bonaparte dies alles zugefluestert habe, doch er sei bereit, Bonaparte Dokumente vorzulegen, die seine voellige Unschuld erschoepfend beweisen wuerden. Doch das werde etwas spaeter geschehen – fuhr Talleyrand fort – jetzt gelte es, an etwas anderes zu denken. Waehrend Talleyrand sprach, beruhigte sich Bonaparte. Dann erwachte sein Interesse, und Bonaparte begann aufmerksam zuzuhoeren. Josephine, die sah, dass die Gefahr vorueber war, verliess den Raum. Sie hatte kein Interesse an den Spielen der Maenner.
Talleyrand sagte, das Vaterland sei in Gefahr, und jetzt mehr denn je brauche das Land eine starke, entschlossene Persoenlichkeit, die faehig sei, das unglueckliche Frankreich vor aeusseren und inneren Feinden zu schuetzen. Das Direktorium, dieser Koloss auf toenernen Fuessen, sei bankrott. Es werde vom Volk und von der Armee gehasst. Frankreich wuerde es ihnen niemals verzeihen, wenn sie die entstandene Lage nicht nutzten und General Bonaparte, das Land rettend, nicht die volle Macht in seine Haende naehme. Das wolle Frankreich, das wolle die Geschichte. Man muesse sich beeilen – sagte Talleyrand – Sieyes und General Moreau schmiedeten Intrigen und koennten ihnen zuvorkommen. Sie wuerden natuerlich keinen Erfolg haben, aber sie koennten dem geliebten Frankreich irreparablen Schaden zufuegen.
Bonaparte antwortete bereits ruhig, dass dies alles schoene Worte und wunderbare Projekte seien, er aber real nicht sehe, wie die Lage zu aendern sei.
- Erlauben Sie-, entgegnete Talleyrand und ging dann zu den Details ueber.
Talleyrand erklaerte Bonaparte, wie man unter Ausnutzung der Schwachstellen auf jeden einzelnen Direktor einwirken koenne. Talleyrand legte Bonaparte dar, welche Schritte in welcher Abfolge gegenueber dem Parlament und der Presse (mit der der ehemalige Minister noch eine besondere Rechnung offen hatte) zu unternehmen seien. Talleyrand berichtete, dass sie von der Finanzbourgeoisie in Gestalt dieser und jener Bankiers unterstuetzt wuerden, sodass es an Geld nicht mangeln werde. Dies war das erste wirklich ernsthafte Argument. Abschliessend sagte Talleyrand: Es stehe ausser Zweifel, dass die Armee den ruhmreichen Feldherrn unterstuetzen werde und das Volk schon jetzt bereit sei, in Bonaparte seinen Fuehrer zu sehen. Dies war das zweite schwerwiegende Argument.
-Gut, angenommen-, versuchte Bonaparte einzuwenden, -doch ich weiss aus Erfahrung, dass kein Vorhaben genau so laeuft wie geplant. Es koennen aergerliche Abweichungen vom Plan auftreten, oder es koennte die Notwendigkeit entstehen, gegen jemanden extreme Massnahmen zu ergreifen. Was dann?
-Ich habe jemanden, der in der Lage ist, delikate Aufgaben zu loesen-, antwortete Talleyrand bescheiden. -Minister Fouche steht vollstaendig auf unserer Seite.
Dies war das dritte und entscheidende Argument.
-Das ist interessant, aber wie sehen Sie Ihre Beteiligung an diesem Prozess? Und vor allem: Was ist Ihr Interesse an dieser Angelegenheit?,- fragte Bonaparte.
-Ich kann die Verhandlungen mit den Direktoren uebernehmen sowie die Verbindung zu den Bankiers und zu Fouche sicherstellen. Die Armee und das Parlament wuerde ich mit Ihrem Einverstaendnis Ihnen ueberlassen. Mit der Presse befassen wir uns spaeter. Wir brauchen sie noch. Was meinen Anteil am Kuchen betrifft, so werden wir diese delikate Frage zu gegebener Zeit besprechen.
Bonaparte traf an diesem Morgen keine Entscheidung, versprach aber, nachzudenken. Nicht etwa, dass er an der Qualitaet der Ware zweifelte. Die Ware war ausgezeichnet. Der Plan wirkte gut durchdacht, solide vorbereitet und absolut machbar. Bonaparte zweifelte, ausgehend von seiner Erfahrung, an der Qualitaet des Verkaeufers.
Damit trennten sich die Parteien. General Bonaparte fuhr zu seinem Treffen mit den Direktoren.



3



Beim Verlassen des Luxemburg-Palastes wurde Bonaparte von seinen Waffengefaehrten umringt, die sich aus verschiedenen Gruenden in Paris aufhielten. Der General begruesste alle herzlich. Waehrend er einem Offizier die Hand drueckte, blickte Bonaparte ihn unwillkuerlich im Lichte des morgendlichen Gespraechs mit dem Schlaukopf Talleyrand an.
An diesem Tag stattete er einigen Ministern Besuche ab, und am Abend unterhielt er sich lange mit Talleyrand.
Am Morgen des naechsten Tages besuchte Bonaparte erneut den Luxemburg-Palast. War er bei seinem ersten Besuch noch in Zivil gekleidet, lediglich mit einem Mameluckensaebel an der Seite, so erschien Bonaparte dieses Mal zu Pferd, in voller Generalsuniform und umgeben von ihm ergebenen Offizieren. Schon allein dadurch zeigte er, dass er beabsichtigte, eine bedeutendere Rolle als zuvor zu spielen. An jenem Tag waren die Direktoren konkreter. Bonaparte wurde angeboten, nach seiner Wahl das Kommando ueber eine der Armeen zu uebernehmen. Der General lehnte das Angebot kuehl ab, mit dem Hinweis, dass er nach Aegypten einige Zeit zur Wiederherstellung seiner Gesundheit benoetige. Obwohl er noch nicht entschieden hatte, ob es sich lohne, sein Schicksal mit Talleyrand zu verknuepfen, verneinte er eine solche Wendung nicht kategorisch. Daher lehnte er das Kommando ab, was einen Abzug an die Front bedeutet haette. Wenn ein Putsch unumgaenglich war, musste er in Paris sein und freie Hand haben.
In den folgenden drei Tagen stellte Talleyrand unter dem Vorwand von Besuchen bei dem ruhmreichen General die potenziellen Verschwoerer vor. Bonaparte wurden zuallererst die Finanzleute praesentiert – das Fundament des Unternehmens. Justizminister Cambaceres sollte dem gesamten Vorhaben den Anschein von Rechtmaessigkeit verleihen. Polizeiminister Fouche und die gesamte Pariser Polizei wuerden fuer Ruhe in der Hauptstadt sorgen, sollten die Jakobiner auf die Idee kommen, das Volk auf die Barrikaden zu rufen. Deputationen von Parteien und Parlamentsfraktionen suchten ihn auf. Und natuerlich kamen, unabhaengig von Talleyrand, seine Waffengefaehrten zu ihm – ihm ergebene Offiziere und Generale.
Basierend auf den Memoiren von Zeitzeugen vermerken Historiker die aeusserste Vorsicht Bonapartes am 18., 19. und 20. Oktober. Zaudernd wollte Bonaparte nicht, dass man ihn als das Haupt einer Verschwoerung und sein Haus als ein Nest der Revolution betrachtete. Daher, so halten es Historiker fest, empfing er nicht viele Menschen gleichzeitig, verhielt sich in Gespraechen vorsichtig und versprach nichts. Dies ist verstaendlich: Bonaparte befasste sich nicht mit der Organisation der Verschwoerung; es gab keine Notwendigkeit, Leute zusammenzuschmieden, zu ueberzeugen, zu ueberreden oder Aemter, Raenge und Privilegien zu versprechen. All dies hatte bereits Talleyrand erledigt. Bonaparte stand vor dem Dilemma: Die Zustimmung zur Anfuehrung der Verschwoerung zu geben oder nicht.
Die Truppenschau endete zur vollen Zufriedenheit Bonapartes. Die Revolution hatte eine solide Basis und grosse Aussichten auf Erfolg.
Am 21. Oktober stimmte Bonaparte zu. Er nannte jedoch zwei unabdingbare Bedingungen. Erstens: Den Ausbruch eines Buergerkriegs zu verhindern, was den Verzicht auf Gewaltanwendung bedeutete, oder diese nur in einem sehr begrenzten Rahmen einzusetzen. Zweitens: Unmittelbar nach dem Staatsstreich Wahlen durchzufuehren, die die Legitimitaet der neuen Macht bestaetigen sollten. Talleyrand stimmte der Vernunft und sogar der Notwendigkeit beider Bedingungen zu. Danach trat die Revolution in ihre aktive Phase.


Von den fuenf Direktoren waren Barras und Sieyes die einflussreichsten. Bei Meinungsverschiedenheiten im Direktorium gab jedoch die Stimme von Barras den Ausschlag. Paul Barras war der Einzige, der seit den ersten Wahlen nach der Verfassung des Jahres III der Republik in der Regierung verblieben war. Sieyes, in der Vergangenheit wie Talleyrand ein Abbe, erlangte Beruehmtheit dadurch, dass er noch vor der Revolution eine populaer gewordene Broschuere verfasst hatte, die die Rechte des Dritten Standes verteidigte. Er galt als hervorragender Jurist mit exzellenten Kenntnissen des roemischen Rechts. Man muss Sieyes im Verbund mit Roger-Ducos betrachten, da Letzterer unter dem vollstaendigen Einfluss des Ersteren stand. Folglich bedeutete die Gewinnung von Sieyes auch die Gewinnung von Roger-Ducos. Zudem genoss Sieyes starke Unterstuetzung in beiden Raeten.
Die Idee eines Verfassungsumsturzes entstand bei Sieyes, sobald sich die revolutionaere Lage gefestigt hatte. Im Sommer des laufenden Jahres begann Sieyes, angesichts der von Tag zu Tag sinkenden Popularitaet der Regierung, gemeinsam mit Roger-Ducos die Vorbereitung eines Putschs. „Jeden Tag erwartet man hier einen Umsturz“, schrieb er am 8. September an den franzoesischen Botschafter in Berlin. „Das Volk sieht darin das Ende des Stillstands in Industrie und Handel.“ Fuer die erfolgreiche Durchfuehrung des Umsturzes benoetigte er die Unterstuetzung der Armee. Er brauchte einen „Degen“. Sieyes waehlte General Moreau.
So sehr Moreau auf den Schlachtfeldern ein Beispiel fuer Entschlossenheit und Tapferkeit war, so unentschlossen und schuechtern war er in der Politik. Bevor er seine Zustimmung gab, zoegerte Moreau lange. Moeglicherweise verdankt Napoleon seinen Weltruhm den Zweifeln von General Moreau – der Tatsache, dass dieser unter Hinweis auf unaufschiebbare Angelegenheiten in der ihm nach Jouberts Tod unterstellten italienischen Armee Sieyes lange Zeit keine Zusage zur Teilnahme an der Verschwoerung gab. Schliesslich, als Suworow die russischen Truppen vor Genua abzog und mit seinem Abzug die aeusserste Gefahr fuer die franzoesischen Truppen schwand, stimmte Moreau mit grossem Widerwillen zu, Sieyes bei der Rettung Frankreichs vor dem Chaos zu helfen. Am Morgen des 13. Oktober traf Moreau in Paris ein. Doch am Abend desselben Tages erreichte die Nachricht von der wunderbaren Rueckkehr General Bonapartes aus Aegypten die Hauptstadt. Am 14. oder 15. Oktober, auf dem Hoehepunkt der Sensation um den wiedergewonnenen Nationalhelden, erteilte Moreau Sieyes eine kategorische Absage. Auf diese Weise blieb der Direktor in diesen entscheidenden Tagen ohne „Degen“.
Am 22. Oktober begannen die Verschwoerer zu handeln. An diesem Tag fanden zwei Treffen statt. Bonaparte traf sich mit Barras, waehrend Talleyrand mit Sieyes sprach. Die Partner hatten die Rollen verteilt, ausgehend von Bonapartes innerer Ueberzeugung, dass er sich mit Barras, seinem langjaehrigen Goenner, wuerde einigen koennen. Nach der Verfassung des Jahres III der Republik verblieb Barras noch hoechstens ein Jahr an der Macht. Es schien vernuenftig, die Zuegel der Herrschaft jetzt und freiwillig abzugeben, um im Gegenzug … genau ueber diesen Gegenstand sollte das Gespraech stattfinden. So dachte der General, als er das Haus von Barras betrat.
Paul Barras hoerte sich Bonapartes unbeholfene Anspielungen an, laechelte und sagte, dass die schwarzen Tage des Direktoriums vorueber seien und sich die Lage stabilisiert habe. Er sehe keine Notwendigkeit, etwas zu aendern; und falls doch etwas geaendert werden solle, so gaebe ihm seine Erfahrung und seine Stellung das Recht, auf eine besondere Rolle zu zaehlen. Mit anderen Worten: Barras erklaerte sich bereit, das Unternehmen anzufuehren. Eine andere Rolle wollte er nicht. Dies gefiel Bonaparte ganz und gar nicht. Er versprach, nachzudenken, sich zu beraten und in einigen Tagen eine Antwort zu geben.
Anders verlief das Treffen zwischen Talleyrand und Sieyes. Talleyrand sprach in Anspielungen und Gleichnissen, damit der Direktor keinen formalen Vorwand hatte, ihn des Hochverrats zu bezichtigen. Doch Sieyes, der ohne „Degen“ und somit ohne die Unterstuetzung der Armee dastand, dachte nicht an eine Anklage. Er selbst suchte den Verrat an jenem Staat, den er verkoerperte. Als Talleyrand die Position darlegte und den Namen Bonapartes als den unangefochtenen Fuehrer der patriotischen Kraefte Frankreichs nannte, wurde Sieyes nachdenklich. General Moreau war eingeschuechtert gewesen, doch General Bonaparte, der aus dem Nichts aufgetaucht war wie Orpheus aus dem finsteren Reich des Hades, wuerde nicht zurueckweichen, sondern bis zum Ende gehen, ohne sich umzuschauen. Der Platz des Anfuehrers, so ging es aus Talleyrands Worten hervor, war bereits besetzt.
Sieyes begann vorsichtig nachzufragen. Nachdem er begriffen hatte, dass Talleyrand im neuen Team keine fuehrende Position einnehmen wollte, sondern sich mit einem Ministerposten begnuegen wuerde, atmete Sieyes erleichtert auf. Die Rede kam auf Barras. Talleyrand liess durchblicken, dass die Position von Barras noch nicht festgelegt sei. Folglich, so schlussfolgerte Sieyes, war die zweite Position vorerst vakant. Man sprach ueber Gohier und Moulin.
„Die Freunde der Freiheit beabsichtigen nicht, diese Herren wegen Kleinigkeiten zu behelligen“, sagte Talleyrand laechelnd.
Die Machtverteilung wurde Sieyes im Grunde klar. Er begriff, dass die „Freunde der Freiheit“ planten, eine Regierung aus drei, hoechstens vier Maennern zu bilden, und dass die patriotischen Kraefte ihm anboten, die zweite Position nach Bonaparte einzunehmen, oder die dritte nach Bonaparte und Barras.
Und der Handel begann. Das Gespraech wurde freier und offener.
„Ich bin nicht allein, Ducos ist bei mir“, sagte Sieyes bedeutungsvoll, waehrend er sich mit einem Batisttaschentuch die feuchte Stirn abtupfte.
„Natuerlich“, antwortete Talleyrand, „indem die Freunde der Freiheit auf Sie bauen, bauen sie damit auch auf Ducos.“
Das war schon etwas. Die zweite und dritte oder die dritte und vierte Position konnten die erste aufwiegen. Jedenfalls bestand bei dieser Konstellation die Moeglichkeit zum Manoevrieren. Zudem rechnete Sieyes damit, den „beschraenkten“ General manipulieren zu koennen.
„Und ausserdem“, fuhr Talleyrand fort, „weiss ich sicher, dass Bonaparte nicht vorhat, lange in Paris zu bleiben. Der Feind steht vor den Toren, und es ist die Sache des Generals, die Grenzen der Heimat zu schuetzen. Und im Krieg, Gott verhuete es natuerlich“ – Talleyrand bekreuzigte sich und entlockte Sieyes ein Laecheln – „im Krieg geschieht es, dass man getoetet wird. Wenn das passiert, bleiben Sie die Hoffnung der franzoesischen Patrioten. Zudem“, fuegte Talleyrand ganz offen hinzu, als er Sieyes’ Reaktion sah, „muss waehrend des Krieges jemand das Land regieren.“
Dieses Argument gab den Ausschlag.


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