Kapitel III. Das Duell 8

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Oj wandte, ohne es zu wollen, den Blick zur Seite, griff auf die freien Ressourcen von Ester zu und aenderte damit die Einstellungen der sichtbaren Welt.
Die „Victoria“ schnitt mit dem Bug durch die kleinen Wellen.
— Greife die Nachhut an, — Kapitaen Hardy las laut die Zeichen des Signalgebers der „Victoria“, — mit dem Ziel, den Feind am Rueckzug nach Cadiz zu hindern.
— Signalisieren Sie Collingwood, — sagte Nelson, ohne sein gesundes Auge vom Fernrohr abzuwenden, — ich beabsichtige, die Vorhut des Gegners abzuschneiden.
Er setzte das Fernrohr ab und blickte zu Whitworth, Pitts pers;nlichem Vertreter in Nelsons Flotte.
— Sie sollten in den Laderaum gehen, Sir. Hier wird es gleich eng werden fuer die Kugeln.
— Tun Sie Ihre Arbeit, Admiral, — antwortete Oj-Whitworth kuehl.
— Signalisieren Sie Collingwood, Hardy: England erwartet, dass jeder seine Pflicht tut.
Auf der Kapitaensbruecke des Dreidecker-Kreuzers „Royal Sovereign“ brummte Konteradmiral Collingwood, als er diese Nachricht erhielt: „Ich w;nschte, Nelson wuerde aufhoeren, Signale zu senden; wir alle wissen, was wir zu tun haben.“
Bald darauf rammte das Flaggschiff des zweiten Geschwaders, das an der Spitze der Angriffs-Kolonne segelte und sich aufgrund seiner Schnelligkeit von ihr abgesetzt hatte, die Formation der feindlichen Schiffe. Zwei franzoesische Kreuzer eroeffneten mit der Steuerbordseite das Feuer auf ihn, und ein spanischer Kreuzer mit der Backbordseite. Wegen der schlechten Ausbildung der Kanoniere waren die Schaeden an der „Royal Sovereign“ jedoch unbedeutend. Nachdem sie mit beiden Breitseiten mehrere Salven abgegeben hatte, brach die „Royal Sovereign“ durch die feindliche Formation und begann zu wenden. In diesem Moment traf die Kolonne des zweiten Geschwaders ein.
Die Schlacht trat in ihre entscheidende Phase. Kartatschen zerrissen die Takelage. Kugeln zertruemmerten die Masten. Granaten brachten die Pulverkammern zur Explosion. Kugeln toeteten Menschen.
— Geschuetze kampfbereit! — schrie Nelson mit ueberschlagender Stimme. — Geschuetze fertig! Feuer!
Die „Victoria“ schlug mit der Backbordseite zweimal auf die Zweidecker-„Bucentaure“ ein. Nachdem sie gewendet hatte, antwortete die „Bucentaure“ der „Victoria“ ebenfalls mit der Backbordseite. Die „Victoria“ durchbrach die Bewegungsbahn der franzoesischen Flotte und ueberliess die „Bucentaure“ dem Zerfleischen durch ein Trio von Kreuzern.
Dies war die taktische Ueberraschung der Engl;nder, die eigens fuer diese Schlacht vorbereitet worden war. Darueber hatte es kuerzlich eine hitzige Diskussion zwischen Nelson und Collingwood gegeben. Collingwood war der Meinung gewesen, dass ein feindliches Schiff mit zwei Kreuzern angegriffen werden sollte, Nelson bestand auf einer Angriffseinheit aus drei Schiffen. Jeder blieb bei seiner Meinung, aber wahrscheinlich hatte Collingwood recht, denn in seinem Sektor erzielte er beeindruckende Erfolge. Die spanische „Santa Anna“ und die franzoesische „Algeciras“ brannten, doch auch die englische „Achille“ explodierte nach einem Volltreffer in die Pulverkammer.
Die „Victoria“ lieferte sich auf Gegenkurs ein Gefecht mit der „Redoutable“.
— Was ist das?
Whitworth lenkte Nelsons Aufmerksamkeit auf zwei Schwaerme von Booten, die rasend schnell auf den Ort der Schlacht zusteuerten. Nelson blickte in die angegebene Richtung und erblasste.
— Da ist Volneys Ueberraschung. Sie haben sich bei Trafalgar versteckt. Musketen an die Steuerbordseite! — herrschte er. — Artillerie — mit Kartatschen laden...
Whitworth-Oj stellte die urspruengliche Visualisierung der sichtbaren Welt wieder her.
Frida war blass und fassungslos.
— Das ist Chans Ueberraschung, — antwortete sie auf Ojs letzte Frage, — dort sind seine fehlenden fuenf tausend konventionellen Hiroshimas. Miller, — sagte sie mit eisiger Stimme, — technische Charakteristika!
— Zweihundert Module, aufgeteilt in zwei Geschwader. Ein Geschwader ist auf uns gerichtet, das zweite steuert auf die „Warjag“ zu. Die Offensivkraft eines Moduls betraegt 25 konventionelle Einheiten.
— Verteidigung?
— Negativ. Verteidigung gleich null.
— Die koennte man ja mit einer Steinschleuder abschiessen, — bemerkte Oj leichtfertig.
— Wenn wir treffen. Versteh doch, Oj — das sind Kamikaze.
— Was dachten Sie denn, — meldete sich zum ersten Mal der zufriedene Zeus zu Wort, — Kamikaze-Geschwader. Sie werden euch zerstechen wie Bienen einen Baeren.
— Wie koennen Sie nur, — empoerte sich Frida, — Menschen in den sicheren Tod schicken!
— Was fuer Menschen sollen das sein, — laechelte Zeus herablassend, — nur sekundaere Wesenheiten.
— Kapitaen, die Analyse.
Frida hatte ihre Ruhe bereits wiedergefunden.
— Eine Kampfeinheit besteht aus vier Modulen. Das erste Paar sprengt den Kraftfeldschutz. Das zweite dringt in die Bresche ein und bringt das Schiff zur Explosion.
— Alles klar, Kapitaen. Wie lautet unsere Taktik gegen sie?
— Mit Laserkanonen sind sie fast nicht zu fassen. Gegen sie werden Strahlen-Maschinengewehre relativ effektiv sein, und hinter der Huelle des Kraftfeldes kann man versuchen, sie mit der Echokanone zu stoppen.
— Ziehen Sie die Reserve heran.
— Zu Befehl!
Der Schwarm der Kamikaze naeherte sich unterdessen ueber die Backbordseite. Mit der Steuerbordseite lieferte sich die „Victoria“ nach wie vor ein Gefecht mit der „Redoutable“. Ein zweiter grosser Monitor fuellte sich mit kleinen Quadraten, die die Gesichter der schlitzaeugigen Menschen zeigten — der Piloten der angreifenden Module. Ihre Gesichter waren vor Hass verzerrt, die Muender zu einem lautlosen Schrei geoeffnet.
— Was schreien sie? — erkundigte sich Oj bei Frida.
— Sie schreien „Banzai“. Das ist psychologischer Druck.
Die feindlichen Module auf dem dritten Hauptmonitor erreichten die rote Linie, die die Grenze des effektiven Feuers der Schiffsartillerie darstellte.
— Backbordseite — Feuer! — befahl Frida.
Die linke Seite erhellte sich durch drei Blitze mit Pausen von etwa einer halben Minute, die zum Aufladen der Energie in den Kondensatoren der Kanonen notwendig waren.
— Verluste? — warf Frida ein.
— Zwei Ketten erwischt, — antwortete Miller emotionslos wie ein Automat, — dreiundzwanzig sind durchgebrochen.
— Alle Maschinengewehre der Backbordseite — bereitmachen! — sagte Frida, waehrend sie ihre Erregung unterdrueckte.
Die feindlichen Module auf dem Bildschirm beruehrten die blaue Linie — die Zone der schwachen Felder. Ihre Geschwindigkeit verlangsamte sich merklich. Bis zur Beruehrung der Hauptfelder der „Victoria“ blieben ihnen noch neuntausend Kilometer oder vier Minuten Flugzeit.
— Maschinengewehre — Feuer! — rief Frida.
Und es begann. Die duennen Strahlen der Schiffs-Maschinengewehre schnitten den Raum wie einen Kuchen. Die Module manoevrierten unter heftigem Gegenfeuer und vollf;hrten Kapriolen, die nach dem Traegheitsgesetz voellig undenkbar waren. Hier wirkte sich die Vereinbarung, die G-Kraefte zu ignorieren, fatal aus. Der Monitor fuellte sich mit Blitzen explodierender Module. Es wurden immer mehr, und die Bilder der rasend schreienden Kamikaze erloschen eins nach dem anderen. Zwei Module brachen zu den Hauptfeldern durch. Das erste explodierte und oeffnete den Schutz wie ein Dosenoeffner; das zweite drang in die Tausend-Kilometer-Zone ein. Bis zur Aussenhuelle blieben ihm knapp zwanzig Sekunden Flugzeit. Der Schuetze der Ultraschallkanone, die im interplanetaren Flug zur Zerstoerung von Weltraumstaub und kleinen Meteoriten bestimmt war, zoegerte einen Augenblick, und das Modul explodierte nur fuenfzig Kilometer vom Schiff entfernt.
Ein Blitz erhellte grell den Monitor. Die Druckwelle fegte Antennen und Tuerme von der Aussenhuelle und erschuetterte das Schiff vom Heck bis zum Kiel. Auf der Kapitaensbruecke fiel alles, was nicht befestigt war, auf die untere Ebene. Fuer ein paar Sekunden ging das Licht aus. Als es wieder anging, erhob sich Miller, der sich nicht rechtzeitig in den Kapitaenssessel gesetzt hatte, vom Boden. Sein Gesicht war ueberstroemt von Blut aus einer klaffenden Wunde an der Augenbraue. Sanitaeter eilten zu ihm. Er stiess sie weg, doch die Sanitaeter waren hartnaeckig.
— Unsere Verluste, — wandte sich Frida an den Ersten Offizier Petrow.
— Die Schaeden an der Aussenhuelle sind unbedeutend. Sie werden in 13 Minuten behoben sein. Wir haben an der Backbordseite alle 12 Maschinengewehre und drei von sechs Kanonen verloren.
— Das ist alles, — Frida blickte Zeus ver;chtlich an, — das ist alles, was Chan zu sagen hatte.
Zeus schwieg stolz.
— Was ist mit der „Warjag“? — fragte Frida.
Petrow zauberte an der Tastatur und brachte auf dem Monitor, wo die Kamikaze gestorben waren, eine vergroesserte Darstellung des Gefechts der „Warjag“ hervor.
Um die „Warjag“ stand es schlecht. Sehr schlecht. Sie brach in Stuecke. Das Schiff rotierte und wehrte sich mit den drei verbliebenen Kanonen gegen zwei feindliche Kreuzer, die ihm den Rest gaben. Die Schutzfelder wiesen riesige Breschen auf.
— Unser stolzer „Warjag“ ergibt sich dem Feinde nicht, — roechelte Admiral Radja aus den Lautsprechern, der selbst an einem Maschinengewehr-Turm sass, — niemand wuenscht Gnade. Schlagt die Schlitzaugen!
— Warum! Warum! — schrie Frida entsetzlich auf.
Auf der Bruecke herrschte eine bedrueckende Stille, und in dieser Stille erklang die leise Stimme des Geschuetzchefs.
— Admiral Radja hat befohlen, den Schutz der „Warjag“ auf zweihundert Einheiten zu senken.
— Idiot, Idiot, — st;hnte Frida und hielt sich den Kopf mit den Haenden, — was fuer ein Idiot!
Viel schlimmer war die Tatsache, dass elf Kamikaze-Ketten drei bereits schwer beschaedigte republikanische Kreuzer angriffen, und es schien, als stuenden sie kurz vor deren Sprengung.
— Kapitaen! — rief einer der Techniker und deutete auf seinen Monitor. — Die „Redoutable“ setzt zum Entern an!
— Kapitaen! — rief ein anderer Techniker. — Wir werden von einer Kette von Kamikaze-Jaegern angegriffen!
Tatsaechlich n;herten sich auf dem Monitor vier winzige Kugeln rasant dem Schiff.
— Woher, woher kommen sie? — fragte Frida fassungslos.
Kapitaen Miller sass mit verbundenem Kopf bereits wieder auf seinem Platz. Er antwortete.
— Sie haben sich uns genaehert, indem sie sich hinter einem Kometen versteckten. Deshalb haben unsere Radare sie nicht erfasst. Wir haben zwei Minuten.
— Wo ist die Reserve?
— In fuenf Minuten Entfernung.
— Volle Kraft zurueck! — befahl Frida. — Rotation um die Achse! Die Maschinengewehre der Steuerbordseite gegen die Jaeger richten!
Es schien, als haette sie ihre Erregung ueberwunden und sei bereit fuer neue Pruefungen.
Das Schiff hob beim Wendemanoever den Bug, waehrend es gleichzeitig begann, sich um die Laengsachse zu drehen. Doch es ist nicht so einfach, ein schweres Schiff zu manoevrieren, selbst wenn man das Traegheitsgesetz ignoriert, und die feindlichen Jaeger aenderten, als sie das Manoever bemerkten, ihre Bewegung und zielten auf die beschaedigte Seite. Die „Redoutable“ wurde vom republikanischen Kreuzer „Lew Tolstoi“ angegriffen, was der „Victoria“ die Moeglichkeit gab, den Kamikaze entgegenzutreten.
In diesem Moment explodierte die „Warjag“. In diesem Moment fiel Admiral Radja aus dem Leeren auf die Kapitaensbruecke der „Victoria“, in einer zerfetzten, blutgetraenkten Uniform. Ein Epaulett fehlte. Sein Haar rauchte, der Bart war verbrannt.
— Ein totaler Albtraum! — br;llte er mit blitzenden Augen. — So einen Spa; hatte ich schon lange nicht mehr.
Die Soldaten und Offiziere des Flaggschiffs starrten die Legende des Ersten Planetaren Krieges in aufrichtigem Staunen an.
— Khe, khe, — r;usperte sich Kommissar Zeus.
Als Radja ihn bemerkte, fuhr er sich mit dem Daumen ;ber die Lippen und signalisierte, dass sein Mund versiegelt sei. Gleichzeitig l;schte Radja die Erinnerungen der Besatzung an sein exotisches Erscheinen.
— Wof;r ich dich liebe, Radja, — lachte Zeus, — ist dein leichter Sinn. Bleib hier, stell dich nur wie ein Lappen in die Ecke — ;lig und schweigsam. Du kannst den Untergang deiner Flotte bewundern.
Die J;ger n;herten sich den starken Feldern der besch;digten Seite. Das ;u;erste Maschinengewehr der Steuerbordseite schnitt in spitzem Winkel ein Modul des ersten Paares ab. Das zweite sprengte den Schutz des Schiffes. In die Bresche flogen zwei J;ger und teilten sich auf: einer zum Heck, der andere zum Hinterteil. Die Heck-Echokanone sprengte ein Modul fast am Eingang, 700 Kilometer von der H;lle entfernt. Das Schiff bebte, aber nicht stark.
Die zweite Explosion ersch;tterte die „Victoria“ bis in ihre Grundfesten. Das rote Notlicht flammte auf. Sirenen heulten und kreischten ;ber die erhebliche Verringerung der Lebensf;higkeit des Schiffes.
— Unsere Sch;den? — erkundigte sich Frida k;hl.
— Wir haben eine weitere Kanone an der Backbordseite verloren, — antwortete Miller, — und das linke Haupttriebwerk ist besch;digt. Restschub drei;ig Prozent.
— Nicht so schlecht f;r einen solchen Schlag. Schaltet endlich die Sirenen aus! — rief sie.
Das Heulen der Sirenen verstummte. Die Standardbeleuchtung ging an.
— Verluste der Flotte, — wandte sich Frida an Miller.
— Acht unserer Schiffe sind vollstaendig vernichtet, darunter die gesamte Eskadrille von Konteradmiral Wojnowitsch. Weitere vier Kreuzer haben schwere Beschaedigungen. Drei Schiffe, darunter die „Victoria“, haben leichte Schaeden.
„Das nennt er leichte Schaeden“, dachte Oj.
— Insgesamt fuenfzehn, — fasste Frida zusammen. — Die Verluste des Gegners?
— Vier feindliche Kreuzer wurden vollstaendig vernichtet, zwei haben leichte Schaeden. Es gibt keine Schiffe mit schweren Beschaedigungen.
— Insgesamt sechs. Wie sind unsere Aussichten?
— Mit dem Eintreffen unserer Reserve wird der Gegner einen Vorteil von zwei vollen Kreuzern und einer Fregatte haben. Das kaiserliche Flaggschiff „Nordische Schlange“ hat noch nicht in den Kampf eingegriffen. Es hat das Annaeherungsmanoever auf uns begonnen.
— Wie stehen die Chancen auf einen Sieg?
— Eins zu vier, — Miller sagte dies so leise, dass nur Frida und Oj es hoeren konnten.
— Was sollen wir tun, Oj? — fragte Frida ratlos.
Unerwartet fuer sich selbst antwortete Oj:
— Ihr habt genug gekaempft, Admiral Frida und Admiral Radja, — Oj blickte auf den ungewohnt schweigsamen Radja, der neben Frida stand, — ich uebernehme das Kommando. Schliesslich ist es mein Duell mit Chan.
Miller blickte fragend zu Frida. Diese nickte kaum merklich.


Ðåöåíçèè