Kapitel III. Das Duell 9
— Wir ziehen uns aus dem Kampf zur;ck, — sagte Oj, — in Richtung Saturn. Haben wir St;tzpunkte auf den Monden des Saturn?
Frida horchte in sich hinein und sagte:
— Auf Titan und Dione gibt es bereits welche.
— Das ist nach den Bedingungen der Vereinbarung verboten, — warf Zeus ein.
— Gut, — stimmte Oj zu, — wir fliegen einfach zum Saturn. Die Schiffe der Geschwader bilden den ersten Riegel. Die Schiffe der Reserve bilden den zweiten Riegel.
— Aber Oj, — versuchte Frida einzuwenden, — wenn wir das Schlachtfeld verlassen, werden sie alle sterben.
— Sie werden so oder so alle sterben. Aber solange wir unversehrt sind, ist das Spiel nicht vorbei, — er wandte sich zu Zeus. — Das ist nach den Bedingungen der Vereinbarung nicht verboten.
— Nein, nicht verboten, — Zeus l;chelte d;nn, wie eine Schlange. — Du hast es schon immer vorgezogen, vor Problemen wegzulaufen.
Der verstummte Radja schlug Oj auf die Schulter, ob nun missbilligend oder zustimmend.
— Kapit;n Miller, — sagte Oj, — geben Sie die notwendigen Anweisungen an die Flotte.
Zehn Minuten lang verst;ndigte sich Miller mit den Kapit;nen der Schiffe. Die n;chsten zehn Minuten dauerte unter Kampfbedingungen die Umgruppierung der republikanischen Flotte. In dieser Zeit wendete die „Victoria“ und ging auf Kurs zum Saturn.
— Kapit;n Miller, — wandte sich Oj an den Konteradmiral, — die Fahrleistungen der „Victoria“.
— Das linke Triebwerk ist besch;digt, — sagte Miller, w;hrend er auf den Monitor seines Terminals blickte, — Restschub 30 %. Das Haupt- und das rechte Triebwerk sind unversehrt. Das Schiff kann sich mit 87,5 % der berechneten Geschwindigkeit bewegen, wenn wir das Triebwerk nicht reparieren, oder mit 75 %, wenn das Triebwerk instand gesetzt wird.
— Wie lange werden die Reparaturarbeiten am linken Triebwerk dauern?
Miller studierte einige Sekunden lang die Berichte der technischen Dienste.
— Zwischen f;nf und sieben Stunden.
— Alles klar. Mit maximalem Schub bewegen, — befahl Oj.
Unterdessen tobte bei Io ein erbitterter Kampf. Die verbliebenen Schiffe des ersten und zweiten republikanischen Geschwaders kaempften gegen die sichtlich ausgeduennte Linie der Flotte des Imperiums der Kleinen Planeten. Die Schlacht vermischte sich und verwandelte sich in Duelle zwischen einzelnen Schiffen. Jeder Kapitaen waehlte sein eigenes Ziel, jede Mannschaft zaehlte nur auf die eigenen Kraefte. Die Schiffe naeherten sich bis zur Enter-Beruehrung der Kraftfelder an, die Kanonen feuerten Salven, die Strahlen-Maschinengewehre schnitten durch den Raum. Schiffe gingen unter. Das gesamte Kampfgebiet war uebersaet mit ihren Truemmern. Im kalten Kosmos trieben vereiste Leichen, auf deren Gesichtern fuer immer das Entsetzen des ploetzlichen Todes erstarrt war. Diejenigen, die es geschafft hatten, ihre Raumanzuege anzuziehen, versuchten, ihre Schiffe zu erreichen. Doch sie gerieten in das Feuer der Kanonen, unter die toedlichen Strahlen von Freund und Feind. Und sie vergroesserten die Armee der Toten.
Die „Nordische Schlange“ umging den Kampf und stuerzte sich in die Verfolgung der „Victoria“. Ihr warf sich die Fregatte „Pallada“ entgegen. Die republikanischen Schiffe der zweiten Linie griffen in den Kampf ein. Innerhalb einer halben Stunde machte die „Nordische Schlange“ der Fregatte den Garaus. Sie explodierte. Der Kreuzer „Erde“ versuchte das kaiserliche Flaggschiff zu erreichen, wurde jedoch von zwei feindlichen Kreuzern aufgehalten; bevor die „Erde“ unterging, vernichtete sie einen von ihnen und beschaedigte den anderen schwer.
Als alles vorbei war, verfolgte die „Nordische Schlange“ die „Victoria“, gefolgt von der kaiserlichen Fregatte „Wuetender“; in der Ferne bewegte sich kaum der schwer beschaedigte kaiserliche Kreuzer „Olymp“. Die gesamte republikanische Flotte, mit Ausnahme des fluechtenden Flaggschiffs, war im Kampf gefallen. Auf der Kapitaensbruecke der „Victoria“ sassen und standen Offiziere und Soldaten mit fassungslosen Gesichtern, unfaehig, das Ausmass der Katastrophe zu begreifen.
— Grischaews liebstes Endspiel, — sagte Oj leise zu Frida, — der Koenig mit zwei Freibauern.
Frida schwieg finster.
— Kapitaen Miller, — fragte Oj, — wie viel Zeit haben wir noch?
— In zwei Stunden und zweiunddreissig Minuten, — antwortete Miller emotionslos, — wird die „Nordische Schlange“ in Reichweite ihrer Laserkanonen sein.
— Nicht so wenig.
— Oj, es ist zwecklos! — schrie Frida auf. — Wir werden den Kampf nicht ueberstehen. Wir haben verloren, — fuegte sie hinzu und verbarg das Gesicht in den Haenden.
In kalter, stummer Raserei raste Radja am grossen Bullauge auf und ab. Zeus grinste zufrieden.
— Ich muss nachdenken, — sagte Oj. — Kapitaen Miller, fuehren Sie mich in einen leeren Raum.
— Denk nach, Oj, — sagte Frida ihm nach, — aber denk schnell.
Sein Kopf war auf eine fast angenehme Weise leer. Oj ging von einer Ecke in die andere, setzte sich auf einen Metallstuhl, stand am Bullauge, wippte auf den Zehenspitzen und blickte in die fernen Sterne. Die Gedanken wirbelten an Orten herum, die absolut nichts mit der naeherkommenden „Nordischen Schlange“ zu tun hatten. Eine Stunde verging. Ohne etwas erfunden zu haben, kehrte Oj auf die Bruecke zurueck.
— Wie viel Zeit haben wir noch? — fragte Oj, waehrend er sich in den Sessel setzte.
— Eine Stunde und einundzwanzig Minuten, — antwortete Frida, — der Raum zwischen uns schrumpft.
— Man muesste den Raum dehnen, — sagte Oj und wunderte sich selbst ueber das Gesagte.
— Wir koennen ihn nicht dehnen, — erklaerte Frida geduldig wie einem Kranken, — es sei denn, wir erhoehen die Geschwindigkeit, und die koennen wir wegen des beschaedigten Triebwerks nicht erhoehen.
— Warum eigentlich nicht! — rief Oj aus.
Irgendeine Schleuse oeffnete sich. Die Loesung strahlte vor ihm wie ein heller Stern. Eine Zeit lang sass er unbeweglich da und hielt den Atem an, um die Idee nicht zu verscheuchen, und als sie in ihrer ganzen Fuelle gereift war, riss es ihn mit.
— Zeus! — Oj blickte den zufriedenen Kommissar offen an. — Wir muessen uns beraten. Wenn es moeglich ist, wuerde ich gerne Radja zur Beratung hinzuziehen.
— Radja geht nicht, — antwortete Zeus vergnuegt, — er ist „getoetet“, aber ich berate mich mit Vergnuegen. Ist schon eine Weile her, dass ich mich mit jemandem beraten habe. Wo wollen wir uns platzieren?
Sie liessen sich in einer fernen Ecke in Sesseln an einem niedrigen Tischchen nieder.
— Warum dehnt sich das Universum aus? — fragte Oj Zeus.
— Ach, es dehnt sich aus? — wunderte sich Zeus.
— Es dehnt sich aus, — antwortete Frida. — Die Galaxien entfernen sich voneinander.
— Sieh mal an! — freute sich Zeus aus irgendeinem Grund. — Sehr interessant.
— Ja, es dehnt sich aus. Erlaubst du, — Oj blickte Zeus an, — fuer die Demonstration dieser Tatsache ein kleines bisschen Zauberei?
— Mach nur, — stimmte Zeus zu, — solange es nur ein kleines bisschen ist.
Oj konstruierte aus dem Tisch einen Luftballon.
— Was, du erschaffst aus sekundaeren Ressourcen? — Zeus machte grosse Augen.
— Ja, und?
— Es ist doch einfacher aus den primaeren...
— Wir schweifen ab, — sagte Frida mit Blick auf die Uhr.
— Schau her, — Oj deutete auf den schwarzen Ballon, — auf der Oberflaeche des Ballons sind Galaxien aufgebracht. Wir ahmen die Ausdehnung des Universums nach und blasen den Ballon auf.
Der Ballon begann sich aufzublaehen.
— Was passiert mit den Galaxien?
— Gy-gy, — lachte Zeus auf, — sie entfernen sich voneinander.
— Nun ja, — in Ojs Hand erschien eine Nadel, — das ist eine vollkommen falsche Visualisierung.
Er beruehrte den Ballon mit der Nadel, und er zerplatzte mit einem Knall.
— Warum, — fragte Frida unzufrieden, — warum ist sie falsch?
— Darum. Machen wir eine andere.
Das Schiff lebte ein angespanntes Leben in Vorbereitung auf das letzte Gefecht. Offiziere und Matrosen gingen ihren Geschaeften nach und achteten nicht im Geringsten auf die drei Wesenheiten, die in diesen Minuten ueber ihr Schicksal entschieden. Mehr noch — sie sahen sie nicht einmal.
— Fertig.
Oj war sehr zufrieden mit seinem Werk.
— Was ist das? — fragte Frida.
— Gy, ein Kuchen, — sagte Zeus.
— Mit Rosinen, — praezisierte Oj stolz.
Auf Augenhoehe schwebte ein ziemlich grosses Volumen an Teig. Oj spannte sich an und machte den Teig halbtransparent. Im Inneren wurden braune Beeren von getrockneten Weintrauben sichtbar.
— H;r zu, Oj, — Frida war unzufrieden, — wenn du glaubst, dass wir Zeit haben, deine Kreuzwortraetsel zu loesen...
— Warte ab. Gleich wirst du alles verstehen. Der Teig ist das Universum, die Rosinen sind die Galaxien. Wir geben Hitze auf den Teig, und er waechst, wie es sich fuer Teig gehoert.
Der Teig begann rasch sein Volumen zu vergroessern.
— Die Rosinen-Galaxien entfernen sich dabei voneinander. Das ist das korrekte Modell des expandierenden Universums, — beendete Oj seinen Vortrag und blickte mit unverhohlener Freude zu Frida und Zeus.
— Na und, — wunderte sich Zeus, — was fuer eine Besonderheit, aufgehender Teig.
— Das ist es ja. Die Galaxien fliegen vom Standpunkt eines Beobachters ausserhalb des Systems nicht voneinander weg, sondern stehen still, getragen vom wachsenden Raum. Daraus folgt: Raum erzeugt Raum. Nicht Dunkle Energie oder Dunkle Materie sind fuer die Ausdehnung des Universums verantwortlich, sondern einzig der selbstwachsende Raum. Daraus folgt die Konsequenz: Zeit ist keine Eigenschaft des Raumes, sondern eine Eigenschaft der Materie, als Fixierung der Veraenderung ihres Zustands.
— Ich kapiere es immer noch nicht, — sagte Zeus, — wie man deine theoretischen Konstruktionen mit unseren heutigen Problemen verknuepfen soll.
— Und ich beginne es, glaube ich, zu verstehen, — Fridas Augen leuchteten vor Hoffnung auf.
— Raum erzeugt Raum. Das ist ein physikalisches Gesetz. Anders l;sst sich die Tatsache nicht erklaeren, dass alle Galaxien sich voneinander entfernen.
— Na, meinetwegen. Einverstanden. Und was weiter?
— Das Raumwachstum ist konstant. Es betraegt etwa einen Viertelmeter pro Sekunde auf ein lineares Lichtjahr. Wenn wir zwischen der „Victoria“ und der „Nordischen Schlange“ das Raumwachstum beschleunigen, entkommen wir der Verfolgung. Das ist alles.
— Und um wie viel muss man das Raumwachstum beschleunigen? — fragte Frida.
— Um f;nfzehn oder sechzehn Potenzen.
— Nein, so haben wir nicht gewettet, — begriff Zeus schliesslich, — dein Raum ist eine Verletzung der physikalischen Gesetze.
— Beachte wohl, — Oj hob bedeutungsvoll den Finger, — die Vereinbarung betraf die bekannten physikalischen Gesetze. Und ich habe ein neues Gesetz entdeckt, dem du zugestimmt hast.
— Mir scheint, — sagte Frida sanft, waehrend sie sich zu Zeus vorlehnte, — Oj hat recht. Jedenfalls koennen wir ihm die Chance geben, seine Richtigkeit zu beweisen.
Zeus dachte nach. Er dachte. Die Zeit verging. Das Schiff bereitete sich auf das Gefecht vor.
— Na gut, — sagte er nach fuenf Minuten, — probier es aus. Es wird dir sowieso nicht gelingen.
Oj belebte sich. Die Zeit zum Handeln war gekommen.
— Frida, wie viel Zeit haben wir noch?
— 55 Minuten.
— Gib mir Ressourcen.
— Nimm sie dir.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226021701153