Kapitel IV. Block Sklave 1

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Chans Seele war ein ziemlich oeder und staubiger Ort.
Oj stand in einem breiten, niedrigen Korridor. Hinter ihm verlor sich der Gang in undurchdringlicher Finsternis, waehrend er vor ihm durch eine Punktlinie flacher Leuchten erhellt wurde, die ein trauriges Neonlicht auf die tristgrauen Waende gossen. Rechts von Oj befand sich ein antiker Schreibtisch. Dahinter sass ein Skelett in der Paradeuniform eines Leutnants der Infanterietruppen der Sowjetarmee. Sein Unterkiefer lag ordentlich auf einem aufgeschlagenen Registerbuch.
„Ja, eine ziemlich duestere Seelenwelt hat Chan“, sagte Oj laut, um sich selbst Mut zu machen.
„Ana-ana-ana“, antwortete ihm das Echo.
„Echo!“, rief er.
„O-o-o“, sprang der Klang wie ein Tennisball von Wand zu Wand.
Unweit zur Linken bemerkte Oj einen grossen Hebelschalter, der in Brusthoehe in die Wand eingebaut war. Er haette schwoeren koennen, dass der Schalter vor einer Minute noch nicht da gewesen war.
„Wenn das so ist“, ueberlegte Oj, waehrend er auf den Schalter zuging, „reagiert Chans Seele irgendwie auf mein Erscheinen.“
Ueber dem Schalter prangte eine rote Aufschrift in nachlaessiger Kalligraphie: „Selbstliquidierungsschalter“, und darunter war mit weisser Farbe „denk nach“ und drei Ausrufezeichen „!!!“ gepinselt.
„Was gibt’s da zu denken.“ Oj zog den Hebel nach unten und brachte ihn aus der Stellung „Ein“ in die Stellung „Aus“. In derselben Sekunde erschienen an den Waenden Lampen, die mit Metallgittern geschuetzt waren. Eine Sirene heulte auf, die Lampen blinkten rot, und von der Decke verkuendete eine angenehme Frauenstimme:
„Liquidierungsmechanismus aktiviert. Um den Prozess zu stoppen, muss das Passwort genannt werden. Sie haben drei Versuche. Ich wiederhole: drei Versuche. Die Zeit laeuft. Einhundertachtzig Sekunden“, zehn Sekunden spaeter erinnerte die Stimme: „Einhundertsiebzig Sekunden.“
„Alles klar.“ Oj war ein wenig verwirrt durch die Erwaehnung des Passworts, aber er rechnete damit, die Sache auf eine andere, primitive Weise zu erledigen. Er zog den Hebel nach oben. Er gab nach, legte die Haelfte des Weges zurueck und blieb stecken.
„Verklemmt, wahrscheinlich.“
„Einhundertfuenfzig Sekunden“, verkuendete die unsichtbare Frau.
Oj kauerte sich unter den Hebel, stemmte die Handflaeche gegen den schwarzen Knauf und drueckte mit aller Kraft, so wie Sportler eine Hantel stemmen. Der Hebel bewegte sich ein wenig und brach an der Basis ab. Das abgebrochene Stueck schnellte mit einem Klirren in die Ausgangsposition zurueck und verkratzte Ojs Hand mit der gezackten Endflaeche tief.
— Verdammt! Verdammt! — rief Oj wuetend aus.
„Passwort nicht akzeptiert“, sagte die Frau, „noch zwei Versuche. Ich wiederhole: zwei Versuche. Neunzig Sekunden.“
Unter dem Begleitspiel der Frauenstimme, die die kostbaren Sekunden abmass, gruebelte Oj mehr als eine Minute lang nach. Sein Gehirn ging wie ein Supercomputer die Passwort-Optionen durch, die sich Grischajew-Chan haette ausdenken koennen.
— Chan! — rief er keck.
„Passwort nicht akzeptiert“, in der Stimme der Frau schwang das leichte Bedauern einer Lehrerin ueber die Dummheit eines Schuelers mit. „Noch ein Versuch. Ich wiederhole: ein Versuch. Zehn, neun, acht, sieben...“
Oj liess sich machtlos mit dem Ruecken an der Wand heruntergleiten.
— Pipez (Totalausfall), — murmelte er.
„Vier. Passwort akzeptiert. Liquidierungsmechanismus deaktiviert.“
Die roten Blinklichter verschwanden, die Sirene verstummte, und am Schalter erschien ein neuer Hebel in der Stellung „Ein“.
Oj betrachtete das abgebrochene Griffstueck und die tiefe, blutende Schramme. Vergeblich versuchte er, sie auf die in dieser Welt uebliche Weise zu heilen. Entweder hatte er noch nicht gelernt, die Anwendungen richtig zu nutzen, oder sie wirkten innerhalb der Seelen nicht.
„Irgendwo muss es ein Antiseptikum geben“, sagte er zu sich selbst, waehrend er vom Boden aufstand.
Tatsaechlich erschien an der Wand ueber dem Totenkopf des Skeletts ein Kasten der obligatorischen Hausapotheke.
— Entschuldige, Bruder. — Er streckte sich aus und streifte das Skelett. Die Schirmmuetze mit den Resten hellbraunen Haares rutschte herab, und dahinter fiel mit einem dumpfen Schlag der Schaedel zu Boden.
„Ein schlechtes Zeichen“, kratzte ein unangenehmer Gedanke.
Oj setzte den Kopf wieder an seinen Platz und legte die Muetze neben den Kiefer. Nachdem er die Wunde notduerftig mit Jod behandelt und sie verbunden hatte, bewegte sich Oj den Korridor entlang, fest entschlossen, nichts mehr mit den Haenden zu beruehren. Doch schon bald war er gezwungen, den Schwur der Unberuehrbarkeit zu brechen.
An beiden Seiten des Korridors verliefen metallene, gruen gestrichene Tueren. Zeit und Feuchtigkeit hatten zur Entstehung rostiger Inseln bizarrer Formen auf dem gruenen Feld beigetragen, die danach strebten, sich zu verbinden, zusammenzuwachsen, zu verschmelzen, sich zu rostigen Kontinenten zu paaren. Ueber den Tueren waren mit weisser Farbe fett Schriftzeichen aufgemalt. Oj konnte nicht genau sagen, ob sie chinesisch, japanisch oder irgendetwas anderes waren. Gedanklich legte er sich auf chinesische Schriftzeichen fest.
Oj hielt vor einer Tuer inne und kniff die Augen zusammen, wobei er die Einstellungen der sichtbaren Welt leicht veraenderte. Durch das Weiss der Schriftzeichen schimmerte rote Kyrillik hindurch, doch die Aufschrift wurde dadurch nicht verstaendlicher — „ьтсортих колб“. Das Weichheitszeichen am Anfang brachte ihn auf den Gedanken, es in umgekehrter Reihenfolge zu lesen.
„Mal sehen, was fuer eine List Chan hat“, sagte Oj laut und stiess die Tuer auf.
Das Echo schwieg dieses Mal listig.
Die Tuer oeffnete sich zu einem gruenen Hang, der mit spaerlichen Wacholderbueschen und ein paar glatten, in die Erde eingewachsenen Felsbrocken bewachsen war. Oj trat ins Gras und sah sich um. Der Tuerrahmen, geschweisst aus einem Zwanziger-Stahlprofil, stand einfach auf dem Boden, ohne an etwas befestigt zu sein. Es gab keine Waende. Rechts und links der Tuer erstreckte sich eine Landschaft, die Oj als schottisch definierte: eine Kette gesichtsloser Huegel, die zu einem grauen Meer hinliefen, vereinzelte Haeuser aus Naturstein, an den Haengen weidende Schafe, ein Dorf in der Ferne, wo eine kleine weisse Kirche die anderen Gebaeude ueberragte. Ueber der Tuer braute sich ein niedriger Himmel mit windgetriebenen Wolken zusammen. Doch in der offenen Tuer sah man ein Stueck des duesteren Korridors.
Oj versuchte, am Rahmen zu r;tteln. Er stand fest, wie in Beton gegossen. Auf der schottischen Seite gab es nicht den geringsten Hinweis auf den Korridor mit seinen Waenden und Tueren. Ein durchgehender Teppich aus spitzblaettrigem Gras und unscheinbaren Blumen, Wacholderbuesche und Felsbrocken.
Doch halt. Es gab eine Unstimmigkeit. Im Gras vor der Tuer lag ein knalliges Werbeblatt. Das Reisebuero „Eden“ bot einen „unvergesslichen Urlaub in den Schweizer Alpen zu erschwinglichen Preisen“ an. Das Bild des sauberen, zweistoeckigen Hotels „Steppenwolf“, in dem der unvergessliche Urlaub stattfinden sollte, war in einen verschneiten Hang mit einer Skipiste im Hintergrund hineinkopiert. Den Vordergrund nahmen, das Hotel teilweise verdeckend, ein laechelnder Juengling und ein Maedchen in bunten Skianzuegen ein. Die Rueckseite des Werbeblattes versprach einen Rabatt von zwanzig Prozent auf die akzeptablen Preise, zudem waren eine Telefonnummer und eine Adresse aufgedruckt, unter der man das alpine Glueck mit Rabatt erhalten konnte.
Oj faltete das Blatt viermal zusammen, steckte es in die Gesaesstasche seiner Jeans und kehrte auf die Ausgangsposition zurueck. Und wieder erschien im Tuerrahmen der halbdunkle Korridor. Eine Zeit lang experimentierte er mit dem Raum; er spuerte mit der Handflaeche der rechten Hand die Rauheit der Betonwand, waehrend er mit der linken Hand in der Leere der anderen Dimension vergeblich versuchte, seine rechte Hand zu finden. Nachdem er die Versuche, die Haende zusammenzufuehren, aufgegeben hatte, richtete Oj seine Aufmerksamkeit auf das, was auf der Naturseite geschah. Auf den schottischen H;geln fand eine Fuchsjagd statt, genauer gesagt — die Jagd auf einen Fuchs. Sie dauerte offensichtlich schon ziemlich lange an, und alle Teilnehmer hatten ihre Regeln bestens gelernt.
Der Fuchs wurde von zwei Teams gejagt. Ein Team von J;gern in gr;nen Uniformen auf satten, aber faulen Pferden, und ein Team von Wilderern zu Fuss, bunt gemischt gekleidet und bewaffnet mit Kn;ppeln und langen Messern. Oj sah das ganze Bild in der Perspektive und konnte gleichzeitig m;helos Details erkennen: das gl;nzende Fell des Fuchses, die Federn an den H;ten der J;ger, die groben Gesichter der Wilderer. Die Ereignisse entwickelten sich schnell, wie in einem Film, in dem die Kamera von Bild zu Bild springt und in zehn Minuten detailliert eine zehnj;hrige Geschichte darstellt.
Diese Jagd war die ungew;hnlichste von allen, die er in der Realit;t seines fr;heren Lebens erlebt oder im Fernsehen beobachtet hatte. J;ger und Wilderer versuchten, einander nicht in die Quere zu kommen. Jedes Team besass sein eigenes kontrolliertes Territorium. Die Jagd fand nach der Methode der Hinterhalte statt. J;ger oder Wilderer markierten den Ort eines Hinterhalts mit roten Fahnen. Der Fuchs brachte H;hner in den Hinterhalt, und bald darauf erschienen dort die J;ger. Sofort begann das Teilen, Braten und Verzehren der V;gel. Dabei leitete der Fuchs die Verteilung. Nach dem Festmahl schl;pfte der Fuchs aus dem Hinterhalt, die J;ger versetzten die Fahnen an einen anderen Ort, und alles wiederholte sich von vorn.
Die H;hner von den Bauernh;fen wurden dem Chan-Fuchs von f;nf Phantomen — den Fuchs-Chans — gebracht. Sie stahlen, indem sie sich sorgf;ltig als Hunde tarnten. Der Alarm wurde erst ausgel;st, wenn das Phantom bereits mit zwei oder drei H;hnern im Maul ;ber den Zaun sprang. Lange h;rte man vom bestohlenen Hof das heisere Bellen der Hunde, das bittere Klagen der Bauern und das aufgeregte Gackern des aufgescheuchten H;hnerstalls. Dann beruhigte sich alles wieder.
In der Zahl F;nf verbarg sich das gr;sste R;tsel der Jagd.
„Warum eigentlich f;nf?“, ;berlegte Oj, w;hrend er die Peripetien der Jagd unter dem niedrigen schottischen Himmel beobachtete. „Wir sind acht. Angenommen, ich z;hle nicht, und angenommen, Chan z;hlt ebenfalls nicht. Es bleiben trotzdem sechs ;brig. Jemand fehlt. Aber wer?“
Oj schien es, dass er Chan verstehen w;rde, wenn er das Geheimnis der F;nf l;ste. Er betrachtete die Phantome genauer. Sie besassen keine individuellen Z;ge; zudem ;nderten sie st;ndig ihr Aussehen, w;hrend sie sich als Hunde tarnten. Dieser Weg war eine Sackgasse, also kehrte Oj zur Logik zur;ck.
Im Hinterhalt der Banditen waren unterdessen die H;hner geteilt und ;ber dem Feuer gebraten worden. Die Wilderer hatten kr;ftig getrunken. Ihre Stimmen wurden immer lauter und undeutlicher. W;hrend sie miteinander stritten, rissen sie ihre goldbezahnten M;nder weit auf, griffen nach Kn;ppeln und Messern. In diesem Moment schl;pfte der Fuchs aus dem Hinterhalt. Ohne eine Minute zu z;gern, begann er, den Hinterhalt der Miliz mit Gefl;gelkadavern zu f;llen.
„Streichen wir sie von der Liste der Verb;ndeten Chans. Es bleiben Ester, Frida und Radja. Radja schwankte“, erinnerte sich Oj, „streichen wir auch ihn. Es bleiben also Ester und Frida.“ Dennoch kamen Oj Zweifel bez;glich Dora. Chan behandelte sie geringsch;tzig. Nach einigem Z;gern f;gte er Dora hinzu. Es ergab sich, dass alle Frauen der virtuellen Welt unter Verdacht gerieten.
Die J;ger trafen im Hinterhalt ein. Sie stiegen von den Pferden, klopften dem Fuchs freundschaftlich auf den Nacken und sch;ttelten ihm die Pfote. Jedem J;ger gab der Fuchs ein Huhn, manchmal auch zwei. Die jungen J;ger entfachten das Feuer, holten Wasser aus dem Bach und rupften die H;hner. Die J;ger in hohen R;ngen unterhielten sich gesetzt, w;hrend sie im Kreis sassen. In ihrer Gesellschaft sass der Fuchs.
Aus verschiedenen Gruenden haetten sowohl Ester als auch Frida und Dora von Grischaew von der internen Liste der „Huehnerdiebe“ gestrichen werden koennen. Ester zum Beispiel war die erste Installation und hatte daher eine relativ schwache Sklaven-Abhaengigkeit. Frida besass eine starke Logik. Der Verstand und die Logik einer Frau, so erinnerte sich Oj, missfielen Grischaew-Chan. Und Dora...
Die Jaeger begannen ihr Festmahl. Sie sch;tteten den Wodka noch heftiger in sich hinein als die Wilderer. Nachdem sie getrunken und gegessen hatten, begannen sie mit ihren Dienstwaffen auf Ziele zu schiessen. In diesem Moment verliess der Fuchs den Hinterhalt.
„Trotzdem, es ist Ester“, entschied Oj, aber die volle Gewissheit fehlte. Und was am wichtigsten war: Diese Entdeckung brachte keine neue Erkenntnis ueber Chan.
Der Fuchs rannte hinueber zum Hinterhalt der Wilderer, direkt am Fusse des Huegels mit der Tuer.
„Eine primitive, aber wirksame Methode“, dachte Oj und verliess mit diesem Gedanken den Block „List“.


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