Kapitel IV. Block Sklave 2
Gegen;ber befand sich die T;r des Blocks „Liebe“.
— Na, mal sehen.
— En-en-en, — erwachte das Echo.
— Was fuer eine Liebe hat Chan wohl?
— Tanja-tanja-tanja, — wiederholte das Echo dreimal den letzten Laut.
Hinter der T;r befand sich ein riesiger, niedriger und vollkommen leerer Raum ohne Fenster. Weisse Waende, eine weisse Decke, der Boden mit braunem Linoleum ausgelegt. Der Raum hatte keine Lichtquellen, dennoch flutete ein graues Daemmerlicht die Liebe in ausreichender Menge, um die Risse und Abnutzungen des alten Linoleums zu erkennen. In der hinteren linken Ecke hing ein Nebel, den Oj vor dem allgemein grau-weissen Hintergrund nicht sofort bemerkte. Oj begab sich zum Nebel.
Nachdem er die duenne, feuchte Huelle durchquert hatte, gelangte Oj in den Hof seiner Kindheit. Dort lebten zwei Personen: die wie eine Maus stille Mutter von Grischaew — die Literaturlehrerin Antonina Wassiljewna — und sein Vater, der ewig halbbetrunkene Kohlebergarbeiter Onkel Wasja. Ihre Bilder waren leuchtend und saftig. Die restliche Bevoelkerung des Hofes diente als Hintergrund.
In der Kindheit herrschte ein warmer Sommerabend Ende Mai. Das Schuljahr war zu Ende. Die unteren Klassen waren in die Ferien entlassen worden. Die Schueler der Mittel- und Oberstufe legten Pruefungen ab. Und danach — drei Monate Sommerglueck.
Unerkannt wanderte Oj unter den Schatten seiner Kindheit umher. Er sah sich selbst, ein wenig pummelig mit zwoelf Jahren, Kolka Grischaew gegenueber — uebertrieben duenn und mit Brille —, und andere Freunde kindlicher Spiele.
Auf dem Brachland hinter den Schuppen spielten Jungs Fussball. Baton und Koschtschej spielten in verschiedenen Mannschaften. Igor stuermte im Angriff, waehrend Kolka im Tor stand. Igor „lauerte“ an Koschtschejs Tor. Er erhielt einen Pass aus der Mitte des Feldes und schoss mit einem Treffer in den Winkel ein Tor. Die Gegner protestierten gegen Batons Aktion. Beide Mannschaften, jeweils sechs Personen einschliesslich der Torhueter, versammelten sich an Koschtschejs Tor. Ein verzweifelter Streit entbrannte dar;ber, ob Baton „ehrlich“ getroffen hatte oder nicht. Bei nur ungefaehrer Kenntnis der Regeln gewann in solchen Streits in der Regel derjenige, der am lautesten schrie und am hartnaeckigsten war. Das Tor wurde nicht anerkannt, aber als Entschaedigung stimmte Koschtschejs Mannschaft einem Freistoss zu.
Fuenf Feldspieler aus Koschtschejs Team bildeten eine Mauer, um die kurze Ecke zu schuetzen. Bei Oj trat eine Aufspaltung ein. Er beobachtete das Spiel von der Bank neben dem Sandkasten aus, wo schmutzige Kleinkinder vergaengliche Festungen bauten, und sah gleichzeitig mit den Augen Batons die verschwitzten Gesichter der Spieler in der Mauer.
Igor lief an und versuchte durch sein Auftreten vorzugeben, dass er den Ball ueber die Mauer lupfen wuerde; vor dem Ball bremste er ab und schoss in die lange Ecke am Schutz vorbei. Daneben!
Der Ball flog einen halben Meter am Torpfosten vorbei, sprang ;ber die D;cher der Schuppen, doch seine Energie reichte nicht aus, um die D;cher zu ;berwinden und ein Fenster im Erdgeschoss des Hauses Nummer zweiundzwanzig zu zertr;mmern. So etwas geschah manchmal, und dann wurde das Spiel aufgrund au;ergew;hnlicher Umst;nde unterbrochen. Wenn der erz;rnte Besitzer des zerbrochenen Fensters auf das Spielfeld rannte, war dieses leer und leblos; die im Sand w;hlenden Kleinkinder wussten von nichts und hatten niemanden gesehen. Der Ball blieb als Geisel beim Fensterbesitzer. Durch Betteln, Quengeln und kleine Dienste wurde er nach ein paar Tagen ausgel;st. In einer guten Saison landeten drei bis vier Tore in den Fenstern.
Im Hof, an dem Tisch, den die M;nner jedes Fr;hjahr tief in die Erde eingruben und den die Jungen bis zum Herbst unfehlbar wieder zertr;mmerten, spielten M;nner Domino. Oj reihte sich in die Riege der drei Zuschauer ein.
— Fisch! — der grauhaarige Karpenko setzte seinen Stein mit Wucht ab.
Man z;hlte die verbliebenen Steine auf den H;nden, die die Niederlage von Mussijenko und Tolpygin besiegelten. Sie standen auf und machten Platz f;r das n;chste Paar. Doch Grischaew, der unter den Zuschauern stand, schlug vor, einen zu trinken, zumal „das Wetter fl;stert: Leih dir was, aber trink“.
Das Wetter war in der Tat herrlich. Es d;mmerte. Die Hitze liess nach. Eine leichte K;hle wehte her;ber.
Die M;nner wurden laut, einige stimmten freudig zu, andere bestanden unsicher auf der Fortsetzung des Spiels. Von den acht Personen, einschliesslich Oj, erkl;rten sich f;nf mit dem Trinken einverstanden. Diejenigen, die zugestimmt hatten, legten jeweils drei Rubel zusammen. Keine Viertelstunde verging, da war der Tisch mit von zu Hause mitgebrachten Lebensmitteln gedeckt, und zwei Boten kehrten aus dem diensthabenden Lebensmittelgesch;ft zur;ck, beladen mit Wein.
Auf dem Asphaltweg sprangen langbeinige M;dchen in Kattunkleidern Himmel und H;lle, w;hrend ihre M;tter auf der Bank am Eckaufgang sassen und ;ber irgendetwas klatschten. Oj setzte sich zu ihnen am Rand der Bank. Ljudmila Sergejewna, klein und dick wie ein Bierfass, r;ckte zur Seite und gab ihm ein wenig Platz. Manchmal hatte sich Igor in seiner Kindheit gefragt, wor;ber Frauen stundenlang reden k;nnen. Jetzt ergab sich die Gelegenheit, das langj;hrige R;tsel zu l;sen.
Sie klatschten ;ber alles und nichts, im Sinne der Inhaltslosigkeit der Gespr;che und des spontanen Themenwechsels. ;ber die Krankheiten der Kinder und deren schulische Leistungen, ;ber das tadelnswerte Verhalten irgendeiner „Jungen“ (dieses Thema war am best;ndigsten), ;ber die Preise auf dem Markt und ;ber das Wetter.
Auf dem Gehweg entlang der Wand ging Antonina Wassiljewna mit einer Aktentasche in der Hand vorbei. Sie trug ein strenges Kost;m. Offenbar kam sie von einer sp;ten Lehrerkonferenz zur;ck.
— Guten Tag, — gr;sste sie die Frauen mit einem Nicken.
Ein vielstimmiger Chor antwortete ihr.
Im Hof galt Antonina Wassiljewna als Intellektuelle und Stolze. Vielleicht wegen ihrer Art, sich zu kleiden, vielleicht wegen der Gewohnheit, mit einer Aktentasche zur Arbeit zu gehen und nicht mit einem Einkaufsnetz, wie es die anderen Frauen taten. Oder vielleicht wegen ihrer seltenen Teilnahme am Tratsch der Weiber. Doch an diesem Abend kam Antonina Wassiljewna, getarnt in einem Hauskittel wie die anderen Bewohnerinnen des Hofes, heraus zur Bank. Sie setzte sich neben Ljudmila Sergejewna, eine Lehrerin der unteren Klassen. Sie begannen, Schulprobleme zu diskutieren.
Im Hof war es fast dunkel geworden. Die M;nner am Tisch beendeten ihr Gelage. M;tter zerrten ihre widerspenstigen Kleinkinder nach Hause. Herausgeputzte M;dchen, begleitet von ihren sch;chternen Kavalieren, machten sich auf den Weg ins Kino oder zum Tanzen. M;dchen und Jungen mittleren Alters rotteten sich zusammen. Ein grosses Blindekuh-Spiel wurde vorbereitet.
In diesem Moment verliess Oj den Hof.
„Ziemlich armselig, die Liebe bei Grischaew“, dachte er, w;hrend er in den Korridor hinaustrat.
Er beschloss fest, sich nicht weiter ablenken zu lassen und so schnell wie m;glich den Sklaven zu finden.
Am Ende des Korridors, in der Stirnwand, erwartete ihn eine einzige T;r. Von allen anderen unterschied sie sich durch ihre Massivit;t und das Vorhandensein eines grossen gelben Rings, durch dessen Drehen die T;r entriegelt wurde – wie in den Luftschutzbunkern aus der Zeit des Kalten Krieges des sowjetischen und des amerikanischen Imperiums. „BAR KOLB“ (БЛОК РАБ – BLOCK SKLAVE) stand auf dem Schild ;ber der T;r.
Sie ;ffnete sich in eine staubige, von Spinnweben ;berzogene Kammer. Ohne das Licht, das aus dem Korridor drang, w;re es vollkommen dunkel gewesen. An der gegen;berliegenden Wand befand sich eine weitere T;r – grob aus Holz gezimmert. Durch sie h;rte man Strassenl;rm, drangen gutturale Ausrufe, das Klirren von Metall und eine Vielzahl anderer, schwer zu identifizierender Ger;usche herauf.
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