Kapitel IV. Block Sklave 3

***


Oj oeffnete die Holzteur, und eine gluehend heisse, trockene Luft schlug ihm entgegen. In einer Sekunde trat ihm der Schweiss auf die Stirn. Der grosse Platz atmete Hitze wie ein gigantischer Ofen. Die Hitze ging von den Steinen des Pflasters aus, die von den direkten Sonnenstrahlen aufgeheizt worden waren, und von den fensterlosen Mauern, die den Platz einrahmten.
Der gesamte Raum von der orthodoxen Kirche, die eilig in eine Moschee umgewandelt worden war, bis zum Mausoleum von Fatih am anderen Ende des Platzes war mit Verkaufsstaenden zugestellt. Kaufleute, Negocianten, Handelsleute, bunte Araber und strenge Chinesen mit langen schwarzen Zoepfen verkauften und kauften. Sie schlossen Geschaefte ab, schworen auf ihre Ehrlichkeit, listeten und betrogen. Seide aus China, Gewuerze aus Indien, Damaszenerstahl aus Frankreich, venezianisches Glas, Pelze aus Russland – mit was wurde auf diesem universellen Basar nicht alles gehandelt? Neben boesartigen arabischen Hengsten handelten baertige Maenner mit weisshaeutigen Sklavinnen.
Der Basar atmete den Geruch von Staellen, den strengen Duft von menschlichem Schweiss, von Gewuerzen und dem suessen Geist des leichten Gewinns. Durch die schmalen Reihen schlenderten Kaeufer, wimmelten schmutzige Lumpengestalten und flinke Taschendiebe; Betrueger aller Art hielten wachsam Ausschau nach Beute. Zwei ihrer Gefaehrten hingen als halb zerpickte Leichen im Zentrum des Platzes an einem Galgen, als beredte Warnung vor der Schaedlichkeit eines kriminellen Lebenswandels. Doch die Gehenkten stoerten oder beschaeftigten niemanden, ausser den auf dem Querbalken sitzenden Kraehen, die geduldig auf die Nacht warteten, um ihr Festmahl fortzusetzen.
Laessig die Menge teilend, durchstreiften Dreiergruppen von Waechtern den Basar: ein Offizier in schwarzer Kleidung und schwarzem Turban mit einem imposanten Saebel an der Seite und zwei Maenner in weissen Kriegergewaendern mit Hellebarden. Die in der Sonne glaenzenden, mondsichelfoermigen Klingen sahen beeindruckend aus und machten die Unhandlichkeit der Hellebarden in der Menschenmenge wett.
„Eine Visualisierung von Konstantinopel“, dachte Oj, waehrend er sich unter die Kaeufer und das muessige Volk mischte. „Zargrad, wie es in den verlogenen russischen Schriftrollen genannt wurde. Anscheinend das fuenfzehnte Jahrhundert. Die orthodoxe Symbolik ist noch nicht ganz getilgt.“
Dieser Basar hatte eine Eigenheit. Alle sprachen denselben Dialekt, als waere der Marktplatz in eine antike Epoche vor der Zerstoerung des Turmbaus zu Babel eingetaucht oder in eine ferne Zukunft vor der Zerstoerung eines anderen Turmbaus zu Babel geworfen worden. Alle sprachen Russisch, aber mit Akzenten und Dialekten. Die Europaeer waren am Satzbau zu erkennen, Perser und Araber an ihrer gutturalen Sprache, die Chinesen... die erkannte man auch ohne Sprache. Kaufleute aus Nowgorod und Twer sprachen rein, mit einer starken Beimischung von Archaismen.
Oj war ratlos: Wie sollte er in diesem Tohuwabohu den Sklaven finden, den er brauchte? Er hielt am Sklavenmarkt-Pavillon inne, in der vagen Hoffnung, dort das Gesuchte zu finden. Ein hellbaertiger Huene stellte neue Ware auf das Podest. Sklaven, europaeisch aussehende, ganz junge Juenglinge und Maedchen, standen da, die Haende auf dem Ruecken und die Fuesse gefesselt. Beide waren fuer die Harems orientalischer Despoten bestimmt. Die Ersteren als Eunuchen, falls sie die Kastration ueberlebten, die Letzteren als Lust des Herrn. Ein trauriges Schicksal.
„Was fuer ein Schicksal“, rief sich Oj zur Ordnung, „eine Visualisierung kann nicht viele Ressourcen beanspruchen. Die Ereignisse hier drehen sich im Kreis, wie im Kultfilm ‚Und taeglich gruesst das Murmeltier‘. Wenn heute jemand verkauft wird, steht er morgen wieder auf dem Schandpodest.“
Beruhigt darueber, dass es nicht zu Kastrationen und Vergewaltigungen kommen wuerde, begann Oj mit schamhafter Neugier den Prozess des Sklavenhandels zu beobachten.
Ein Baertiger feilschte hitzig mit einem dicken Tuerken von lasterhaftem Aussehen. Gegenstand des Handels war ein blondes, zerbrechliches Maedchen von etwa 14 oder 15 Jahren mit grossen, erschrockenen Augen wie bei einer Hirschkuh. Die Aermste zitterte am ganzen Leib.
Der Verkaeufer war bereit, die Ware fuer fuenfzig Silberdrachmen abzugeben; der Kaeufer willigte ein, dreissig Muenzen sofort zu zahlen oder vierzig Drachmen mit einem eintaegigen Zahlungsaufschub, damit er sich persoenlich von der Unversehrtheit der Ware ueberzeugen koenne. Der Huene lehnte den Aufschub kategorisch ab, war aber bereit, aufgrund grosser Sympathie fuer den dicken Tuerken fuenf Muenzen nachzulassen. Er pries das Maedchen in jeder Hinsicht an. Er zeigte die weissen, ebenmaessigen Zaehne, entbloesste einzelne Koerperteile und forderte den Kaeufer auf, zu fuehlen, wie fest die Brust sei und wie seidig die Haut. Der Tuerke fasste an, streichelte, schnalzte unzufrieden mit der Zunge und versuchte, das Glaenzen in seinen Augen zu verbergen. Er beharrte auf der Magerkeit der Ware und der Vergaenglichkeit der Bluete, legte aber allmaehlich fuenf Drachmen drauf.
Oj wurde es zutiefst zuwider. Er haette Verkaeufer und Kaeufer nur zu gern in gesichtslose primaere Ressourcen verwandelt, aber war es denn moeglich, alle Schurken und Halunken zu vernichten? Und waere die Vernichtung dieser, nach seinen Begriffen, nichtswuerdigen Menschen nicht eine ebenso grosse Gemeinheit?
Hier ist sein Sklave nicht – das wurde Oj vollkommen klar. Nachdem er das Pferdegehege hinter sich gelassen hatte, ging Oj weiter durch die Reihen und versuchte, dem Richtplatz mit den traurigen Kraehen auf dem Querbalken nicht zu nahe zu kommen.
Dieser Basar hatte eine Eigenheit. Alle sprachen denselben Dialekt, als waere der Marktplatz in eine antike Epoche vor der Zerstoerung des Turmbaus zu Babel eingetaucht oder in eine ferne Zukunft vor der Zerstoerung eines anderen Turmbaus zu Babel geworfen worden. Alle sprachen Russisch, aber mit Akzenten und Dialekten. Die Europaeer waren am Satzbau zu erkennen, Perser und Araber an ihrer gutturalen Sprache, die Chinesen... die erkannte man auch ohne Sprache. Kaufleute aus Nowgorod und Twer sprachen rein, mit einer starken Beimischung von Archaismen.
Oj war ratlos: Wie sollte er in diesem Tohuwabohu den Sklaven finden, den er brauchte? Er hielt am Sklavenmarkt-Pavillon inne, in der vagen Hoffnung, dort das Gesuchte zu finden. Ein hellbaertiger Huene stellte neue Ware auf das Podest. Sklaven, europaeisch aussehende, ganz junge Juenglinge und Maedchen, standen da, die Haende auf dem Ruecken und die Fuesse gefesselt. Beide waren fuer die Harems orientalischer Despoten bestimmt. Die Ersteren als Eunuchen, falls sie die Kastration ueberlebten, die Letzteren als Lust des Herrn. Ein trauriges Schicksal.
„Was fuer ein Schicksal“, rief sich Oj zur Ordnung, „eine Visualisierung kann nicht viele Ressourcen beanspruchen. Die Ereignisse hier drehen sich im Kreis, wie im Kultfilm ‚Und taeglich gruesst das Murmeltier‘. Wenn heute jemand verkauft wird, steht er morgen wieder auf dem Schandpodest.“
Beruhigt darueber, dass es nicht zu Kastrationen und Vergewaltigungen kommen wuerde, begann Oj mit schamhafter Neugier den Prozess des Sklavenhandels zu beobachten.
Ein Baertiger feilschte hitzig mit einem dicken Tuerken von lasterhaftem Aussehen. Gegenstand des Handels war ein blondes, zerbrechliches Maedchen von etwa 14 oder 15 Jahren mit grossen, erschrockenen Augen wie bei einer Hirschkuh. Die Aermste zitterte am ganzen Leib.
Der Verkaeufer war bereit, die Ware fuer fuenfzig Silberdrachmen abzugeben; der Kaeufer willigte ein, dreissig Muenzen sofort zu zahlen oder vierzig Drachmen mit einem eintaegigen Zahlungsaufschub, damit er sich persoenlich von der Unversehrtheit der Ware ueberzeugen koenne. Der Huene lehnte den Aufschub kategorisch ab, war aber bereit, aufgrund grosser Sympathie fuer den dicken Tuerken fuenf Muenzen nachzulassen. Er pries das Maedchen in jeder Hinsicht an. Er zeigte die weissen, ebenmaessigen Zaehne, entbloesste einzelne Koerperteile und forderte den Kaeufer auf, zu fuehlen, wie fest die Brust sei und wie seidig die Haut. Der Tuerke fasste an, streichelte, schnalzte unzufrieden mit der Zunge und versuchte, das Glaenzen in seinen Augen zu verbergen. Er beharrte auf der Magerkeit der Ware und der Vergaenglichkeit der Bluete, legte aber allmaehlich fuenf Drachmen drauf.
Oj wurde es zutiefst zuwider. Er haette Verkaeufer und Kaeufer nur zu gern in gesichtslose primaere Ressourcen verwandelt, aber war es denn moeglich, alle Schurken und Halunken zu vernichten? Und waere die Vernichtung dieser, nach seinen Begriffen, nichtswuerdigen Menschen nicht eine ebenso grosse Gemeinheit?
Hier ist sein Sklave nicht – das wurde Oj vollkommen klar. Nachdem er das Pferdegehege hinter sich gelassen hatte, ging Oj weiter durch die Reihen und versuchte, dem Richtplatz mit den traurigen Kraehen auf dem Querbalken nicht zu nahe zu kommen.
Es herrschte eine schreckliche Hitze. Er wollte trinken, und in diesem Verlangen des nicht existierenden Koerpers lag eine weitere Seltsamkeit. Waehrend der gesamten Zeit in der virtuellen Welt hatte Oj aufgrund seines Fehlens keine natuerlichen Beduerfnisse des Koerpers verspuert. Doch offenbar herrschten in den Seelen der Wesenheiten andere Gesetze, die ihn den uebrigen Bewohnern gleichstellten. Ojs goettliche Gleichgueltigkeit gegenueber Essen und Trinken endete im Korridor von Chans Seele.
„Fehlt nur noch, dass ich pissen muss.“ Und kaum hatte er an die Notdurft gedacht, meldete sich auch schon die Harnblase. Ueber den Basar liefen Wasserverkaeufer mit hohen Krueger auf den Schultern. Fuer eine kleine Kupfermuenze fuellten sie eine ganze Schale, doch Ojs Taschen waren leer. Zaghafte Versuche, aus einem Stueck Himmel oder einem Pflasterstein ein paar Silberdrachmen oder eine Handvoll Kupfergroschen zu erschaffen, waren nicht von Erfolg gekroent.
„Ich muss etwas unternehmen“, ueberlegte Oj und leckte sich die ausgetrockneten Lippen, „die Zeit vergeht, und ich bin meinem Ziel keinen Schritt naeher gekommen.“
— Sagen Sie, Bester, — wandte sich Oj an einen Toepfer, der nach der primitiven Grobheit seiner Krueger und Toepfe zu urteilen ein Einheimischer war, — wie finde ich den Sklaven?
Der bis zur Schwaerze sonnenverbrannte Toepfer, bekleidet mit einem geflickten Gewand in laenglichen rot-gelb-blauen Streifen, das von der Zeit und der Suedsonne verblichen war, belebte sich angesichts eines potenziellen Kaeufers.
— Kauf einen Topf oder einen Krug, Teurer, — plapperte er los und versuchte Oj gewaltsam ein dickwandiges Tongefaess in die Hand zu druecken, das in Form und Groesse an einen Nachttopf erinnerte, — ich nehme nicht viel. Dreissig Groschen fuer den Krug, zwanzig Groschen fuer den Topf. Ich gebe sie fast umsonst her, Teurer.
Auf seiner Wanderung ueber den Basar hatte Oj unwillkuerlich alle Preise studiert. Der Toepfer verlangte etwa das Doppelte der auf dem Markt ueblichen Preise fuer vergleichbare Ware. Der Handwerker hatte Oj an seiner Kleidung als fremden Trottel erkannt, den man, so Gott will, um ein paar Dutzend Groschen prellen konnte. Oj stellte den Nachttopf vorsichtig auf den abgewetzten Teppich, der mit der unscheinbaren Produktion vollgestellt war.
— Ich brauche keinen Topf, ich brauche den Sklaven.
— Was du wollen mit Sklave! — rief der Toepfer aus, wobei sein Akzent vor Aufregung ueber den nahen Profit deutlicher wurde. — Kaufe Sklavin. Ganz jung. Trost fuer Alter.
„Sehe ich wirklich so schlecht aus?“, dachte Oj.
— Suess wie Pfirsich. Schoen wie Morgenstern. Flink wie Gazelle, — der Toepfer beugte sich vertraulich zu Oj, — noch unberuehrt, — sagte er leise, als wuerde er ein militaerisches Geheimnis preisgeben. — Nicht teuer. Fuenfzig Drachmen ist kein Preis fuer erstklassige Ware.
„Ich muss dem irgendwie ein Ende setzen.“
Ojs duesteres Schweigen deutete der geschaeftige Toepfer als Zoegern. Er riss sich die Takke vom Kopf und warf sie mit Wucht auf den Teppich mit den Toepfen, als haette er im Fieber eine schwere Entscheidung getroffen.
— Willst du nicht kaufen ganz, nimm auf Zeit. Dreissig Drachmen Pfand und zehn Muenzen fuer zehn Tage Nutzung. Nur fuer dich.
— Hoer nicht auf ihn, edler Herr, — hoerte Oj eine kraechzende Stimme.
Er drehte sich um. Zwei Schritte entfernt stand eine gebeugte, ganz in Schwarz gekleidete Greisin, die sich auf einen Krueckstock stuetzte. Ihre Nase zierte eine riesige, behaarte Warze. In ihrer Erscheinung erinnerte sie an eine Kraehe im Ruhestand. Nach ihrem unverschleierten Gesicht und dem Kreuz an ihrem faltigen Hals zu urteilen, lebte sie im christlichen Viertel. Die Alte laechelte mit zahnlosem Mund.
— Woher soll armer Toepfer Sklavin haben? — keifte die Alte. — Seine eigene Tochter, die dusselige Sulfija, verkauft er. Sie wird euch weglaufen, o guetiger Herr, und ihr werdet eure Gelderchen verlieren.
„Gelderchen“ sprach die Alte so zaertlich aus, als handle es sich um geliebte Enkelkinder.
— Geh weg von hier, verfluchte Hexe! — Der Toepfer drohte ihr mit der Faust. Er wollte etwas nach ihr werfen, aber unter seiner Hand war nichts ausser den Toepfen. Und um die war es schade. — Verschwinde, ungl;ubige Christusbraut! — Er packte Oj am Ellbogen und fluesterte hastig: — Denke nicht schlecht, Ahmed ist ehrlich. Ganzer Basar kennt Ahmed den Toepfer. Schw;re bei Mutter, habe noch nie jemanden betrogen. Wenn du willst, ich bekreuzige mich!
Offenbar besass die Hexe ein scharfes Gehoer. Sie wich einen Schritt zurueck, liess aber nicht von der Idee ab, das Geschaeft von Ahmed dem Toepfer zu vermasseln.
— Er wird fuenf Drachmen dem Wesir geben, — kraechzte sie, — und dich sperren sie in die Sieben Tuerme wegen Verfuehrung rechtglaeubiger Minderjaehriger. Und von dort gibt es nur einen Weg — auf den Pfahl!
Ahmeds Geduld riss. Er schnappte sich eine winzige Tonschale und holte weit aus. Die Alte flitzte wie eine Eidechse aus der Zone eines gezielten Wurfs. Das stellte Ahmed zufrieden. Er stellte das Gefaess behutsam zurueck auf den Teppich und packte Oj erneut am Arm.
— Verrueckt ist sie. Schwoere bei Ehre — verrueckt. Frag wen du willst, alle kennen Fedoren-Dummchen. Also, wie nun: ganz kaufen oder auf Zeit?
Ahmed streckte die rechte Hand weit aus, in der Absicht, das Geschaeft durch einen kraeftigen Handschlag zu besiegeln, was in dieser Welt die Unterzeichnung eines Vertrages bedeutete. Oj befreite sich sanft, aber entschlossen aus Ahmeds eisernem Griff
— Die Sache ist die, Teurer, ich habe kein Geld, — Oj kopierte unwillkuerlich den Akzent des Toepfers, — weder Silber noch Kupfer.
Um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen, klopfte er auf die Taschen seiner Jeans, die tatsaechlich keine charakteristischen Ausbuchtungen durch Muenzen aufwiesen. Ahmed war wie ausgewechselt. Die zuckersuesse Freundlichkeit schmolz spurlos dahin, und in seinen schwarzen Augen blitzte grimmige Wachsamkeit auf. Er hob seine Takke auf, stellte die Beine breit auf und stemmte die Faeuste in die Hueften. Sein ganzes Auftreten signalisierte, dass das Gespraech nun einen anderen Verlauf nehmen wuerde.
— Seltsam du bist, Teurer. Nicht gekleidet wie wir. Toepfe du nicht willst. Sklavin du nicht willst. Vielleicht du bist Spion.
„Na toll! Verdacht auf Spionage ist genau das, was mir noch gefehlt hat.“
— Und wenn ich rufe Wache, — fuhr Ahmed mit der Erpressung fort, — soll, wer muss, sich kuemmern um dich, wo man muss. Vielleicht morgen du fuetterst Kraehen am Galgen.
„Schoene Aussichten, in Chans Seele gehaengt zu werden.“ Oj suchte aus dem Augenwinkel nach Fluchtwegen. Doch eine Flucht war in dieser Situation der schlechteste aller Auswege. Gegen Erpressung hilft nur Gegen-Erpressung.
— Du wirst wohl, werter Ahmed, — sagte Oj ruhig, — deine Toepfe und Krueger zuruecklassen muessen, um als Zeuge dorthin zu folgen, wo man muss. Ob du wohl auch nur einen Krug findest, wenn du zurueckkehrst?
Dies verunsicherte Ahmed, aber nicht fuer lange. Sein Gesicht erstrahlte im Glanz einer neu geborenen Idee.
— Sulfija wird aufpassen. Sulfija! — schrie er.
Ein graues Etwas hinter dem Toepferwarenlager, das Oj fuer einen grossen Sack mit Krueger gehalten hatte, regte sich. Fuer einen Moment oeffneten sich die Falten des Sacks, und ein aussergewoehnlich haessliches Maedchen, schielend und rotzig, blickte Oj boshaft an.
— Sulfija, pass auf Toepfe auf, waehrend wir mit guetigem Herrn eine Angelegenheit regeln.
„Das ist uebel. Das ist ganz uebel. Es bleibt nur eines — Flucht.“
Zu Ojs Glueck trat in diesem Moment eine wohlgenaehrte Frau in teuren Gewaendern aus chinesischer Seide an die Toepfe heran. Ein leichter Schleier bedeckte ihr dickes Gesicht. Ihr folgten zwei schwarze Sklaven, die bereits ordentlich mit Einkaeufen beladen waren. Wahrscheinlich war sie die Oberin des Harems irgendeines Wuerdentraegers am Hofe des Sultans.
— Was kosten die Toepfe? — fragte Ojs Retterin mit launischer Stimme.
Ahmed stand vor einer schweren Wahl: die Buergerpflicht erfuellen und auf das Geschaeft pfeifen, oder auf die Buergerpflicht pfeifen und Gewinn machen. Doch Ahmeds Zoegern dauerte nicht laenger als eine Sekunde.
— Sulfija, bleib sitzen, wo du sitzt, — herrschte er seine Tochter an.
Das graue Wesen kehrte unter unzufriedenem Gemurmel auf seine alte Position zurueck. Ahmed hingegen verwandelte sich zum dritten Mal innerhalb von zehn Minuten grundlegend. Sein Ruecken beugte sich zum Bogen, in seinen Augen erschien suessliche Dienstfertigkeit, und sein Laecheln zeigte das hoechste Mass an Verehrung.
— Schauen Sie, was fuer Kruege, o Ehrwuerdigste aller Frauen, — Ahmeds Stimme zitterte vor dem Wunsch, der ehrwuerdigsten aller Frauen zu gefallen, selbst zu seinem eigenen Schaden, — koennte man die halbe Welt umrunden, man faende keinen besseren Topf, — sang er den Werbeslogan, — billig, zuverlaessig und praktisch.
— Quatsch mich nicht voll, — unterbrach ihn die Matrone grob, — was kosten die Toepfe.
In diesem Moment verliess Oj hastig den Handelsplatz. Er war noch keine zehn Meter gegangen, als Fedora-Dummchen sich an ihn heftete.
— Mein guetiger Herr, — kraechzte die Alte, ohne einen Schritt hinter Oj zurueckzubleiben, — du bist nicht wie wir gekleidet. Woher kommst du?
„Na toll“, dachte Oj wehmuetig, „noch eine. Wenn ein Loch auf den Basar geraet, wird er unweigerlich abgezockt. Das ist das Wesen des Basars. Wo ein Basar ist, findet sich ein Loch. Diese Behauptung ist ebenso wahr wie ihr Gegenteil: Wo ein Loch ist, entsteht ein Basar. Sie sind unzertrennlich und untrennbar. Wo ein Loch erscheint, entsteht ein Basar; wo ein Basar entsteht, erscheint ein Loch.“
— Ich komme aus der heiligen Rus, ehrwuerdige Fedora, — antwortete Oj.
— Aus der Rus! — freute sich die schwarze Fedora. — Ich habe in dir sofort einen orthodoxen Christen erkannt. Ich habe in meiner Jugend einen Russen kennengelernt, — die Alte rollte mit den Augen und erinnerte sich an das Kennenlernen, — in Indien hat er sich eine schlimme Krankheit eingefangen, und hier hat er so einen Skandal gemacht, ich haette ihn angesteckt.
„Eine Hure war sie wohl“, dachte Oj.
— Iwan Nikiforow hiess er. Ein Kaufmann aus Nowgorod. Hast du nicht zufaellig von ihm gehoert?
— Nein, nicht gehoert, — seufzte Oj ganz aufrichtig, — ich komme aus Rjasan.
— Aus Rjasan, aus Rjasan, — murmelte Fedora in beruhigendem Ton, — und womit handelst du auf dem Basar?
— Mit Eichhorn handeln wir, mit Zobel handeln wir. Am anderen Ende stehen wir mit einem Partner, — Oj winkte in Richtung des Mausoleums von Fatih, und um den weiteren Fragen der neugierigen Fedora zuvorzukommen, sagte er: — Ich suche die orthodoxe Kirche. Ich moechte dem heiligen Petrus, unserem Schutzpatron, eine Kerze aufstellen.
— Warte mal, mein guetiger Herr, es faellt mir schwer, mit dir Schritt zu halten. Mensch! — rief Fedora mit unerwartet starker Stimme einem vorbeigehenden Wasserverkaeufer zu. — Schenk mir mal eine Schale Quellwasser ein, mein Freund.
Sie bezahlte mit einer Kupfermuenze und erhielt dafuer eine volle Schale Wasser, bei deren Anblick Ojs Durst fast unertraeglich wurde. Heimlich leckte er sich die ausgetrockneten Lippen. Ohne Eile, in kleinen Schlucken trank die Alte und wartete auf das Naeherkommen der Wache. Ein Offizier mit Haengebart blickte gleichgueltig auf die gebeugte Fedora und starrte den verdaechtigen Oj unverwandt an. Mit tiefen Verbeugungen nahm die Alte Oj an die Hand. Der Offizier bewegte drohend seinen Schnurrbart, ging aber vorbei, gefolgt von den zwei Hellebardentraegern.
„Klarer laesst es sich kaum ausdruecken. Die Alte wird mich samt aller Anwendungen verpfeifen und jedes beliebige Zeugnis ablegen, sollte ich auch nur den geringsten Versuch machen, aus der Abzocke auszusteigen. Die Frage ist nur, wie der Betrug technisch gestaltet wird.“
— Ach-o-cho, unsere Suenden sind schwer, — kraechzte Fedora, waehrend sie die leere Schale dem Wasserjungen zurueckgab. — Spende fuer den Tempel, mein guetiger Herr. Oder hast du etwa keine Suenden? — Sie blickte ihn finster an.
— Wie koennte es anders sein, — beruhigte sie Oj, — ich habe betrogen, ich habe der Voellerei gefroehnt und das Weib meines Naechsten begehrt. Das volle Programm.
Die Alte war mit der Menge und Qualitaet von Ojs Suenden zufrieden.
— Es gibt nichts Schlimmeres fuer einen orthodoxen Christen, als mit unvergebenen, ungesuehnten Suenden vor dem Allerhoechsten zu erscheinen, — sagte die Hexe, waehrend sie zaertlich am Aermel von Ojs Jacke zupfte. — Den Suender erwartet die feurige Gehenna, ewige Qualen in der Hoelle.
— Nichts Schlimmeres, — stimmte Oj zu. — Eure Worte erschrecken mich, ehrwuerdige Fedora. Ich fuerchte die Hoelle.
Er setzte sich in Bewegung und steuerte auf die nun nicht mehr ferne Kathedrale zu.
— Spende fuer den Tempel, mein guetiger Herr, und ich werde eine Kerze aufstellen und vom Herrn all deine vergangenen, gegenwaertigen und zukuenftigen Suenden erflehen. Fuenf Silberdrachmen — ein geringer Preis fuer die Rettung der Seele.
In diesem Moment begannen die Glocken der fernen Kirche den Mittag einzulaeuten.
— Ein Zeichen, ein Zeichen! — Die Alte bekreuzigte sich beim Glockenlaeuten. — Das ist ein Zeichen!
Oj bekreuzigte sich ebenfalls ungeschickt. Doch beim sechsten Glockenschlag begann der Muezzin vom Minarett kreischend die Glaeubigen zum Gebet zu Allah aufzurufen. Die Alte verzog unzufrieden das Gesicht ueber den Schrei des Unglaeubigen, schwieg aber.
— Halt! — Sie riss ihn herrisch am Aermel.
Der gesamte Basar kam in Bewegung. Kaeufer und Verkaeufer holten ihre zusammengerollten Gebetsteppiche hervor, breiteten sie auf dem Pflaster aus und liessen sich auf die Knie nieder. Von den Muslimen beteten nur die Waechter nicht, die wachsam auf die Ordnung achteten. Und Gruppen von reglos erstarrten Fremden.
— Du kennst wohl die hiesigen Gepflogenheiten nicht, — zischelte Fedora, ohne den Mund zu oeffnen, — waehrend des Gebets der Unglaeubigen darf niemand handeln, gehen oder sprechen. Die Verletzung dieses dummen Verbots wird mit Peitschenhieben bestraft. Und wenn jemand waehrend des Namas etwas stiehlt, wird das mit dem sofortigen Tod bestraft. Vor drei Tagen wollten zwei Dummkoepfe im Schutz des Gebets einen Hengst wegfuehren. Keine Stunde verging, da waren sie gefasst und gehaengt, — Fedora nickte fast unmerklich in Richtung des Galgens. — Brennen sollen sie in der feurigen Gehenna.
Die letzte Behauptung sprach Fedora etwas lauter aus. Der bekannte junge Offizier mit dem Haengebart wandte sich in ihre Richtung um, da er offenbar eine Unregelmaessigkeit spuerte. Fedora verstummte, als haette sie Wasser im Mund.
Man betete lange und instaendig. Sie warfen sich nieder, erhoben sich auf die Knie, reckten die Haende zum wolkenlosen Himmel, von wo aus der Prophet die Aufrichtigkeit der Bemuehungen der Glaeubigen ueberwachte, strichen sich mit den Handflaechen ueber das Gesicht, um eine trockene Waschung zu vollziehen, und warfen sich erneut flach hin, um vollkommene Demut vor der Groesse Allahs zu zeigen.
„Braucht Gott das menschliche Flehen, das aus ununterbrochenem Betteln um Gesundheit, Reichtum, Ruhm und Sieg ueber den Feind besteht? Herr, gib mir dies… mach, dass… es kostet dich doch nichts, da du allmaechtig bist. Und dafuer werde ich fleissig die von dir aufgestellten Regeln befolgen, denn meine Liebe zu dir, o Herr, ist grenzenlos.“
Die Glaeubigen verneigten sich, der Muezzin jaulte vom Minarett, die Wache achtete auf die Ordnung.
„Moeglicherweise haengt das davon ab“, ueberlegte Oj, wobei er sich auf seine kargen Erfahrungen in der Gestalt des Schoepfers stuetzte, „von der Persoenlichkeit des Gottes. Ester und Frida brauchen die Anbetung weniger als Zeus und Radja. Andererseits werden die Menschen ohne Rituale Gott vergessen, wie man an einem schoenen Tag den Regenschirm vergisst. Wie viele sind es schon – die vergessenen Goetter. Der Schoepfer muss staendig durch Wunder an seine Existenz erinnern, wie es bei den Juden waehrend des Auszugs aus Aegypten war, oder die Erinnerung dem Muezzin und der Wache uebertragen. Der Tempel als Vermittler zwischen dem bittenden Menschen und dem gleichgueltigen Gott ist ein notwendiges Element jeder Religion. Und diese Vermittlung kann nicht anders ausgedrueckt werden als durch das Ritual. Folglich ist das Ritual der Eckstein des Glaubens.“
Der Namas war unterdessen beendet. Der Verkehr zwischen Gott und Mensch war mit dem wie immer ungewissen Ergebnis abgeschlossen, und der Basar kehrte zu den ueblichen Handels- und Geldbeziehungen zurueck: Der Mensch ist dem Menschen eine Quelle materieller Gueter.
Oj bewegte sich langsam auf den Tempel zu, der nur einen Steinwurf entfernt war, etwa dreissig Meter. Den gesuchten Sklaven, entschied Oj, gibt es auf dem Basar nicht. Aber es gibt Sicherheitsprogramme: Ahmed, Fedora und die Wache. Die Hexe trippelte neben ihm her und schlug laut mit ihrem Krueckstock auf die Steine.
— Nun, wie sieht es aus, mein guetiger Herr, gib mir die Gelderchen, damit ich gehen und deine Suenden abbitten kann.
Oj gestand das Fehlen des Geldes nicht ein. Zweifellos kam das auf dem Basar einem schwersten Verbrechen gleich und war gleichzeitig ein Identifikationsmerkmal fuer einen Fremden.
— Wie Ihr wollt, kostbare Fedora, aber fuenf Silberdrachmen sind ein uebermaessiger Preis. Lasst uns die zukuenftigen Suenden von der Liste streichen.
— Was sagst du da, was sagst du da! — Fedora fuchtelte mit den Haenden. — Zukuenftige Suenden sind gerade die schrecklichsten.
— Nehmen wir an, — feilschte Oj, — in einer Stunde ueberfaehrt mich ein Auto, pardon – eine Kutsche, oder eine Giftschlange beisst mich. Dann gibt es keine Suenden, und mein Geld ist umsonst weg.
Dieses Argument machte Eindruck auf Fedora.
— Kutschen gibt es hier nicht. Die Unglaeubigen tragen die Groessen auf Saenften. Und die Schlange… — sagte Fedora nachdenklich, — nun ja, alles ist Gottes Wille. Ich bin bereit, eine halbe Drachme nachzulassen.
— Wie, nur eine halbe! — rief Oj aus und blieb stehen. Und Fedora stiess aus Tr;gheit mit der Stirn gegen seinen Ruecken. — Wenn sie die schwersten sind, dann sollten sie nicht weniger als zwei Drachmen wert sein.
Fedora blickte finster drein. Sie sah sich um und hielt Ausschau nach der Wache. Die Alte bluffte, und Oj spielte ihr Spiel mit.
— Aus Respekt vor Zargrad, wie man bei uns die Stadt des heiligen Konstantin nennt, und aus Liebe zu Christus, bin ich bereit, meine zukuenftigen Suenden mit einer Drachme zu bewerten.
— Abgemacht. Dann schuldest du mir vier Drachmen.
— Oh nein, guetigste Fedora, — Oj hatte die Kathedrale fast erreicht. Man konnte in den schmalen Durchgang zwischen der fensterlosen Mauer und der Seitenfassade der Kathedrale stuerzen, aber ganz in der Naehe trieb sich ein Wachtrupp herum. — Die gegenwaertigen Suenden sind ebenfalls eine zweifelhafte Substanz.
— Was soll das heissen, zweifelhaft! — Sie blieb stehen, kochte vor Empoerung und stemmte kriegerisch die Haende in die Hueften. — Du bist doch gerade in meiner Gegenwart der Suende des Geizes verfallen.
— Zum Zeitpunkt der Bezahlung, meine ruhmreiche Fedora, wird der Geiz in die Kategorie der vergangenen Suenden uebergehen, und fuer die bin ich bereit, voll zu bezahlen.
— Junger Mann, lass deine Syllogismen fuer die jungen Dingerchen. Rueck vier Muenzen raus, oder ich rufe die Wache.
Mit einem Fuss stand Oj bereits im Durchgang. Vor ihm erstreckte sich in hundert Meter Ferne ein schmaler, nicht mehr als zwei Meter breiter Rattenpfad, und er war vollkommen leer.
— Vier also, wenn es sein muss, — seufzte Oj zerknirscht, — lebt wohl, fromme Fedora.
— Wohin, du Halunke, und das Geld!
Sie packte Oj, der bereits ueber die Linie getreten war, am Aermel.
— Pardon, Madame, kommen Sie morgen wieder, — mit der linken Hand riss er mit Muehe die hakenfoermigen Finger der Alten von sich los, — heute bin ich nicht bei Kasse, das Portemonnaie habe ich auf dem Kaminsims vergessen. — Mit der rechten Hand packte er ihren faltigen Hals. — Hoer mir gut zu, du Alte.
Er zog die Greisin an sich. Aus ihrem weit geoeffneten Mund schlug ihm ein ekelhafter Gestank aus einer Mischung von Knoblauch, Zwiebeln und faulenden Zaehnen entgegen. Es haette ihn fast erbrochen. Fedora zuckte zusammen und versuchte, die sekundenlange Bestuerzung zu nutzen, aber Oj hatte die Schwaeche bereits ueberwunden. Er drueckte seine Finger fester zusammen, und etwas knackte.
— Hoer mir gut zu, du vielstinkende Hexe, — sagte Oj, waehrend er die Alte am ausgestreckten Arm hielt, — wenn du auch nur einen Mucks von dir gibst, erwuerge ich dich wie ein Kuecken. Und Gott wird mir diese Suende vergeben. Alles klar?
Fedora blinzelte hastig mit den Augen und zeigte damit, dass sie das Recht des Staerkeren akzeptierte, sie wie ein Kuecken zu erwuergen, falls sie einen Mucks von sich gaebe.
— Na also, wunderbar. Bleib gesund!
Oj liess die Alte los und begann sich schnell vom Basar zu entfernen. Genau drei Sekunden spaeter hoerte er hinter seinem Ruecken ein boshaftes Geheul. Es war die Hexe, die die Wache rief. Aber er war bereits ausser Gefahr. Das Opfer war von der Abzocke abgesprungen.


Ðåöåíçèè