Kapitel IV. Block Sklave 5
Ein schroffer Windstoss blies das Abendrot aus wie ein kleines Feuer in der Steppe. Irgendwie ploetzlich, ohne den Uebergang der Daemmerung, fiel die Nacht auf die Erde. Sie warf einen verschlissenen Schleier ueber den Himmel. Durch seine unzaehligen winzigen Loecher sickerte goldener Sternenglanz, und durch einen sichelfoermigen Riss am Horizont stroemte silbernes Licht. Die Verbuendeten der Nacht priesen ihre Ankunft. Nachtigallen sangen, Zikaden zirpten, in der Ferne kr;chzte eine Eule wie erkaeltet.
Die Kuehe schmatzten, die Pferde knabberten am Hafer. Zu den Klaengen des naechtlichen Orchesters speisten Oj und der Junge schweigend und reichten einander den Krug mit Ziegenmilch. Der Sklave teilte seinen halben Fladen. Von seinem eigenen Teil zupfte der Junge kleine Stuecke ab und verfuetterte sie an einen schlappohrigen Welpen.
„Wahrscheinlich das einzige ihm nahestehende Wesen“, entschied Oj, waehrend er beobachtete, wie treu der Welpe zu seinem Herrn aufblickte.
— Wie heisst dein Hund?
— Ich habe ihn Chan genannt, Herr.
— Ein sehr guter Name, — schmunzelte Oj, — und vor allem – ein richtiger.
Mit dem Einbruch der Nacht wurde es kuehler. Auf dem samtenen Schleier erschienen Flicken aus Wolken. Irgendwo in der Ferne grollte der Donner. Es ging auf Regen zu. Oj zog seine Jacke aus und legte sie dem frierenden Jungen ueber die Schultern. Dieser machte einen schwachen Versuch abzulehnen, aber Oj bestand sanft auf seinem Willen. Er half dem Jungen sogar, die Arme in die Aermel zu stecken, und schloss den Reissverschluss.
— Jetzt nur noch eine rauchen, — sagte Oj und schuettelte die Kruemel ab, — und alle grundlegenden Beduerfnisse waeren befriedigt.
Der Sklave antwortete wie gewoehnlich nicht.
— Zeit zum Schlafen, — Oj sah den Jungen an.
Dieser erhob sich, wobei er Ojs Bemerkung wohl als Befehl auffasste, und entfernte sich in das ferne Ende des Stalls. Von dort brachte er eine grosse Armvoll Stroh fuer Oj und, nachdem er noch einmal gegangen war, Stroh fuer sich selbst. Beim Hinlegen erinnerte sich Oj unwillkuerlich an die Uebernachtung auf dem Feld in der koerperlichen Gestalt von Igor Sapruda. Genau so roch das Stroh nach Maeusen. Wann war das gewesen? Etwa zehn Tage zuvor in der Echtzeit und eine Ewigkeit in der relativen Zeit.
Das Grollen des Donners kam immer n;her. Dann krachte es mit erschreckender Gewalt direkt am Stall; f;r einen Augenblick erhellte ein Blitz alles mit blendend wei;em Licht, und der Himmel brach auf. Die ersten gro;en Tropfen trommelten auf das Dach, klopften gegen die W;nde, platschten auf den Boden und wirbelten kleine Staubfont;nen auf. Doch sehr bald verschmolzen alle Ger;usche zu dem gleichm;;igen Rauschen eines Sommerregens.
Mit den H;nden hinter dem Kopf verschr;nkt lag Oj auf dem Stroh, starrte in die Dunkelheit und lauschte dem Ger;usch des Regens.
— Willst du, dass ich dir ein M;rchen erz;hle?
— Ein M;rchen, — antwortete der Junge, — erz;hl.
Oj stellte sich vor, wie der Junge teilnahmslos mit den Schultern zuckte, und l;chelte bei dieser Vorstellung.
— Es war einmal, in einem Land, da lebte ein Junge...
— Was ist das, ein Land? — unterbrach ihn der Sklave.
„Was f;r eine undurchdringliche Finsternis!“
— Vergiss das. Ich fange von vorn an. Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da lebte ein Junge, so wie du, mit dem Namen Danko Hei;es Herz. Die Menschen im Dorf lebten friedlich und satt. Sie s;ten Roggen, droschen Weizen, h;teten das Vieh.
— Sie gossen die Blumen, — warf der Junge ein.
— Sie gossen die Blumen, — stimmte Oj zu, — Danko diente im Dorf als Wassertr;ger.
— So wie ich?
— So wie du, mein Junge, so wie du. Alles war gut, doch eines Tages kamen Soldaten ins Dorf...
— Legion;re?
— Legion;re.
„Ich hoffe, Maxim Gorki nimmt mir die Umdeutung seines Textes nicht ueberluebel“, dachte Oj.
— Kamen sie zur Einquartierung? — fragte der Junge.
— Nein, nicht zur Einquartierung. Sie kamen mit boesen Absichten. Sie toeteten die Maenner, vergewaltigten die Frauen und verschleppten die kleinen Kinder in die Sklaverei. Und da verliessen die Menschen ihre Huetten und Felder und gingen in einen dichten, finsteren Wald. Es war ein schlimmer Wald. Kein einziger Sonnenstrahl drang durch die dichten Kronen. Darin gab es faule Suempfe mit giftigen Daempfen, die Menschen toeteten. Woelfe und Tiger kamen nachts zum Lagerplatz und stahlen Kinder. Panther und Leoparden sprangen von den Baeumen auf die Menschen. Die Menschen starben, es ging ihnen schlecht.
Die Aeltesten und Weisesten versammelten sich zum Rat. Viele Tage lang stritten sie, unfaehig, eine Antwort zu finden. In das Dorf zurueckkehren konnten sie nicht. Dort waren die Legionaere. Im Wald bleiben konnten sie nicht, sonst wuerden alle sterben. Und wohin sie gehen sollten, wusste niemand. Und da kam Danko Heisses Herz zum Rat.
— Wir muessen durch den Wald gehen, — sagte Danko.
— Warum stoerst du uns, — sagten die Aeltesten, — warum unterbrichst du unseren Rat?
— Waehrend ihr hier sitzt, — antwortete Danko und warf stolz den Kopf in den Nacken, — sterben die Menschen an Krankheiten, sie werden von Raubtieren gefressen. Statt nutzlos herumzusitzen, ist es besser, irgendwohin zu gehen.
— Wenn du weisst, wohin es geht, — sagten die Aeltesten, — dann fuehre uns.
Und Danko fuehrte sie. Immer dichter und dunkler wurde der Wald, immer giftiger wurden die Daempfe, immer mehr Raubtiere strichen um die Menschen herum. Und die kleinmuetigen Aeltesten begannen zu murren.
— Du hast uns belogen, Danko, — sagten sie. — Du weisst nicht, wohin du gehst. Dafuer werden wir dich toeten.
Hass auf die feigen Menschen kroch wie eine kalte Schlange in Dankos Herz, aber er vertrieb den Hass, und sein Herz fuellte sich mit heisser Liebe.
— Ich habe euch nicht belogen, — antwortete ihnen Danko, — ich werde euch den Weg weisen.
Er riss sich die Brust auf, nahm sein brennendes Herz heraus, und es vertrieb die Finsternis und das Dunkel des dichten Waldes.
— Folgt mir! — rief Danko, und er ging mutig voran.
Wie zuvor starben Menschen an den Daempfen, kamen durch die Faenge und Krallen der Raubtiere um, aber sie murrten nicht mehr, denn sie wurden vom brennenden Herzen des stolzen Danko vorwaerts gefuehrt. Ob es lange oder kurz dauerte, jedenfalls begann der Wald lichter zu werden und endete ploetzlich. Die Menschen traten auf eine Lichtung. Vor ihnen erstreckte sich ein riesiges gruenes Tal, ganz von der Sonne erfuellt. Ein blauer Fluss floss durch das Tal. Auf den fruchtbaren Huegeln wuchs hohes Gras.
Oj verstummte, er wusste nicht, wie er die Legende abschliessen sollte.
— Und weiter? — sagte der Junge fordernd.
„Das Ende der Legende muss so attraktiv wie moeglich sein“, dachte Oj.
— Weiter… Die Menschen lebten froehlich und gluecklich. Von allem gab es reichlich: Brot, Fleisch und Wein. Und Danko Heisses Herz wurde ihr Kaiser.
— Ich will wie Danko sein, — fluesterte der Junge leidenschaftlich, — ich will den Menschen den Weg leuchten und Kaiser werden.
„Hm, hm“, laechelte Oj in der Dunkelheit, „wenn du nur wuesstest, dass du bereits ein Kaiser bist.“
— Natuerlich, mein tapferer Junge. Wenn man es sehr will und standhaft sein Ziel verfolgt, kommt man unweigerlich dort an, wo man es geplant hat. Und jetzt ist es Zeit zu schlafen, — Oj gaehnte herzhaft, — Morgenstund hat Gold im Mund, — sagte er, waehrend er sich auf die rechte Seite drehte, — gute Nacht.
— Gute Nacht.
Oj bemerkte, dass der Junge das „Herr“ nicht hinzufuegte, und das war ein gutes Zeichen.
Zufaellige Farbflecken und Kreise, die unter Ojs geschlossenen Lidern schwammen, begannen sich zu einem sinnvollen Bild zusammenzufuegen.
Nach der Versammlung betraten vier Maenner die „Rote Ecke“ der Dorfverwaltung. Der Vorsitzende stellte sich hinter einen wackeligen Tisch unter dem fliegenbeschmutzten Portraet des Fuehrers. Der Instrukteur liess sich laessig in dem einzigen Sessel nieder, der durch eine Laune des Schicksals aus einem Gutshof, der bereits im Jahr achtzehn abgebrannt war, in die Rote Ecke gelangt war. Der Parteisekret;r und der Agronom setzten sich bescheiden auf Stuehle am Eingang.
Die bevorstehende Aussaat wurde besprochen. Der Vorsitzende warf mit Hektar-Zahlen und Prozenten um sich, der Instrukteur begleitete jede Zahl mit den Worten: „zu wenig“, „es muss mehr sein“; gelegentlich peitschte er die Hektar-Rede des Vorsitzenden mit einem drohenden: „Die Partei wird Sie nicht verstehen“ auf. Nachdem das Ritual der Aussaat-Besprechung beendet war, ging man zum naechsten Punkt der Tagesordnung ueber.
Der Instrukteur raeusperte sich wie ein Opernsaenger vor einer schwierigen Arie.
— Der Prozentsatz der Entkulakisierung in Ihrer Kolchose liegt unter dem Kreisdurchschnitt.
— Aber, Genosse Semjonytsch, — der schmaechtige Vorsitzende breitete hilflos die Haende aus, — es gibt niemanden mehr zum Entkulakisieren, alle wurden schon weggebracht. Letzten Monat haben wir den Letzten geholt.
— Dann suchen Sie, Genosse Korotkow, suchen Sie Reserven, sonst, — der Instrukteur blickte streng auf den zusammenschrumpfenden Vorsitzenden, — wird die Partei Sie nicht verstehen. Sie wissen ja selbst, wie angespannt die heutige internationale Lage ist.
Alle schwiegen in dem Bewusstsein, dass nur ein aufgespuerter „Kulak“ der Kolchose „Roter Hahn“ die internationale Anspannung mildern konnte.
— Was sagst du dazu, Parteisekret;r? — Der Instrukteur drehte sich schwerf;llig mit dem ganzen K;rper zur T;r.
Der Parteisekret;r sprang flink auf und straffte sich milit;risch. Der Instrukteur setzte ihn mit einer geschmeidigen Geste seiner pummeligen Hand wieder auf seinen Platz.
— Da gibt es bei uns einen, — sagte der Parteisekret;r nachdenklich, — einen ehemaligen Pfaffen. Die Kirche ist schon lange abgebrannt, durch Sabotageauftrag von diesem, wie hiess er gleich... — der Parteisekret;r hob die Augen zur schmutzigen Decke, die dicht mit Fetzen staubiger Spinnweben bedeckt war, — dem vereinigten Zentrum der Auslands-Opposition.
— Dem Auslandszentrum der vereinigten Opposition, — korrigierte ihn der Instrukteur mechanisch.
— Sag ich doch, — beleidigt erwiderte der Parteisekret;r, — Zentrum. Er hat sich verkrochen, diese Pfaffennatter. Aber mein proletarisches Herz spuert es — er ist ein Feind der internationalen Lage.
— Und was hab ich gesagt: Es gibt Reserven! — freute sich der Instrukteur. — Und du, Genosse Korotkow, — er drehte sich unter dem Quietschen des herrschaftlichen Sessels wieder zum Vorsitzenden um, — hast immer nur dein Altes heruntergeleiert: Gibt keine, gibt keine.
— Um Gottes willen, Genosse Semjonytsch, — rief der Vorsitzende aus, — was ist er denn fuer ein Kulak!
— Gott fuerchten heisst keine Macht haben, — sagte der Instrukteur und dachte bei sich: Das muss ich mir merken und bei der Sitzung des Kreiskomitees einbauen... nein, besser nicht einbauen, man koennte es falsch auslegen.
— Der hat doch gar nichts, — beharrte der Vorsitzende, — eine Laus im Pelz und den nackten Hintern, das ist sein ganzes Kulakentum.
— Na, na, — der Instrukteur runzelte die Stirn, — fang mir hier nicht mit Konterrevolution an. Wenn gesagt wird: Kulak, dann ist er ein Kulak. Morgen schicke ich eine Eskorte, um den ehemaligen Pfaffen und jetzigen Kulaken zu verhaften... — er sah den Parteisekret;r fragend an, — richtig, Petrow. Und ihr, — der Instrukteur drohte allen dreien mit der Faust, — seht zu, dass ihr ihn nicht aufscheucht.
— Das ist ja interessant, — sagte der Agronom, der frech auf seinem Stuhl sass, — was waere wohl, wenn der Herrgott selbst mit zwei Engeln hier erscheinen wuerde? Was wuerden wir tun?
„Er testet mich, das Schwein“, dachte der Instrukteur.
„Er ist uebergeschnappt“, sorgte sich der Vorsitzende, „wo finde ich nur einen anderen Agronomen.“
„Er hat zu viel gesoffen, ganz klar zu viel“, waelzte sich der Gedanke wie ein schwerer Stein im verkaterten Kopf des Parteisekretaers.
— Ich werde mich niederwerfen und glauben. Du, Genosse Korotkow, wirst versuchen, ihn nicht zu bemerken, so wie du seit drei Jahren deine hungrigen Neffen nicht bemerkst. Du, — der Agronom stiess mit dem Finger den neben ihm sitzenden Parteisekretaer an, — wirst alle als Dunkelmaenner beschimpfen und die Tuer hinter dir zuschlagen. Und Sie...
„Es ist Zeit, das Heft in die Hand zu nehmen“, entschied der Instrukteur.
— Genosse Stalin, — begann er vorsichtig, als wuerde er sich durch ein fauliges Sumpfland bewegen, — hat uns mehr als einmal gelehrt, dass Partei und Volk eins sind...
— Sag ich doch, — raste der Agronom, — eins. Und wo schmiedet man die Einheit besser als auf dem Fundament des Glaubens?
Ein Blitz zuckte auf, und als sich die Augen an das Truebe Licht der Petroleumlampe gewoehnt hatten, sahen alle drei Gaeste. Mit riesigen Erzengel-Fluegeln in der Uniform eines NKWD-Leutnants und zwei Rotarmisten mit aufgepflanzten Bajonetten und bescheidenen Fluegeln, die direkt aus ihren grauen Maenteln wuchsen.
— Na, ihr Tunichtgute, — fragte der Erzengel-Leutnant gut gelaunt, — werden wir abruesten, werden wir gestehen und bereuen, oder wie?
— Natuerlich werden wir das, — antwortete der geistesgegenwaertige Instrukteur fuer alle, — sagen Sie uns nur: worin?
Der Parteisekretaer und der Vorsitzende starrten mit offenem Mund den herausfordernden Erzengel an. Der Agronom aber warf sich nieder.
— Ich glaube, ich glaube! — quiekte er mit duenner Stimme und rutschte auf dem schmutzigen Boden der Roten Ecke hin und her. — Schone mich, schone mich!
Oj erwachte.
„Was man nicht alles traemt“, dachte er und schauderte vor der morgendlichen Frische.
Der Junge war nicht an seinem Platz. Nur der Welpe Chan lag zusammengerollt da und jaulte leise im Schlaf. Vielleicht traeumte er von einem saftigen Knochen oder einer sonnigen Wiese, wo man Schmetterlingen nachjagen und Erdkroeten erschrecken kann. Doch wo war der Junge?
— Schone mich, schone mich! — drang von draussen eine gellende, weinerliche Stimme herein.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226021902055